Von der frühsten, im Herzen wohlgekannten, mit Augen nie gesehenen
theuren Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten
Andenkens zu erhalten, war mir höchst erfreulich-rührend; und
doch zaudere ich unentschlossen, was zu erwidern seyn möchte.
Lassen Sie mich im Allgemeinen bleiben, da von besondern Zuständen
uns wechselseitig nichts bekannt ist.
Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte,
gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und
Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben
uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch
nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles
diesem Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das
Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der
vergänglichen Zeit.
Redlich habe ich es mein Lebelang mit mir und andern gemeint und
bey allem irdischen Treiben immer auf's Höchste hingeblickt; Sie
und die Ihrigen haben es auch gethan. Wirken wir also immerfort,
so lang es Tag für uns ist; für andere wird auch eine Sonne
scheinen, sie werden sich an ihr hervorthun und uns indessen ein
helleres Licht erleuchten.
Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres
Vaters Reiche sind viel Provinzen, und da er uns hier zu Lande
ein so fröhliches Ansiedeln bereitete, so wird drüben gewiß auch
für beyde gesorgt seyn; vielleicht gelingt alsdann, was uns bis
jetzo abging, und angesichtlich kennen zu lernen und uns desto
gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue.
Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes
geschrieben, allein ich wagte nicht, es wegzuschicken, denn mit
einer ähnlichen Aeußerung hatte ich schon früher Ihren edlen,
wackern Bruder wider Wissen und Willen verletzt. Nun aber, da ich
von einer tödtlichen Krankheit in's Leben wieder zurückkehre,
soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der
Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu
schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und
Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre,
mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was
nachher sich trennte.
Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder
zusammen finden.
wahrhaft anhänglich
Weimar den 17. Apr. 1823. Goethe.