#B#: d: 15t: #October 1822#.
Würden Sie, wenn ich mich nicht nennte, die Züge der Vorzeit,
die Stimme die Ihnen sonst willkommen war, wieder erkennen?
nun ja ich bins -- Auguste -- die Schwester der so geliebten,
so heiß beweinten, so vermißten Brüder #Stolberg#. Könten doch
diese aus der Wohnung ihrer Seeligkeit, von _dort_ wo sie den
_schauen_, an den sie _hier glaubten_ -- könten doch diese, mit
mir vereint, Sie bitten: »Lieber Lieber Goethe, suchen Sie den,
der sich so gerne finden läßt, glauben Sie auch an den, an den
wir unser Lebe lang glaubten« Die seelig Schauenden würden hinzu
fügen, »den wir nun schauen«! und ich sage: »der das Leben meines
Lebens ist, das Licht in meinen trüben Tagen, und uns allen
dreyen, Weg, Wahrheit, und Leben, unser Herr, und unser Gott,
war.« und nun, ich rede auch im Nahmen der Verklärten Brüder die
so oft den Wunsch mit mir aussprachen: »Lieber Lieber Goethe,
Freund unsrer Jugend! Genießen auch Sie das Glük, waß schon im
irrdischen Leben uns zu Theil ward, Glaube, Liebe, Hofnung!« und
die Vollendeten setzen hinzu: »Gewißheit, und ewiger seeliger
Frieden harrt denn auch deiner hier« -- Ich lebe zwar nur noch in
Hofnung deßen waß zukünftig ist, aber in seeliger Hofnung die mir
so zur Gewißheit geworden ist, daß ich Mühe habe, die unendliche
Sehnsucht darnach zu stillen -- Ich las in diesen Tagen wieder
einmal alle Ihre Briefe nach -- #the Songs of other times# --
die Harfe von Selma ertönte -- Sie waren der kleinen Stolberg
sehr gut -- und ich Ihnen auch so herzlich gut -- das kan nicht
untergehen -- muß aber für die Ewigkeit bestehen -- diese unsre
Freundschaft -- die Blüthe in unsrer Jugend, muß Früchte für
die Ewigkeit tragen, dachte ich oft -- und so ergrif es mich
beym Lesen Ihrer Briefe, und so nahm ich die Feder -- Sie bitten
mich einmal in Ihrem Briefe, »Sie zu retten« -- nun maaße ich
mir wahrlich nichts an, aber so ganz Einfältigen Sinns bitte ich
Sie, retten Sie sich selbst. nicht wahr Ihre Bitte giebt mir
dazu einiges Recht? -- und ich bitte Sie immer, hören Sie in
meinen Worten, die Stimme, meiner Brüder, die Sie so herzlich
liebten -- Ich habe denn meinen Wunsch, meinen dringenden Wunsch,
ausgesprochen, den ich so oft wollte laut werden laßen: O ich
bitte, ich flehe Sie Lieber Goethe! abzulaßen, von allem waß
die Welt, Kleines, eitles, Irrdisches, und nicht gutes hat --
Ihren Blik, und Ihr Herz zum Ewigen zu wenden -- Ihnen ward viel
gegeben, viel anvertraut. wie hat es mich oft geschmerzt, wenn
ich in Ihren Schriften fand, wodurch Sie so leicht andern Schaden
zu fügen -- O machen Sie das gut, weil es noch Zeit ist -- Bitten
Sie um höhern Beystand, und er wird Ihnen, so wahr Gott ist,
werden -- Ich dachte oft, ich könte nicht ruhig sterben, wenn ich
nicht mein Herz so gegen den Freund meiner Jugend, ausgeschüttet
hätte -- und ich denke ich schlafe ruhiger darum ein, wenn mein
Stündlein schlägt -- Die Jahre nicht nur, sondern viel früher
haben, unsägliche Leiden, meine Haare schnee weiß gebleicht --
aber nie wankte in mir das feste Vertrauen zu Gott, und die Liebe
zu meinem Erlöser -- bey allem waß mich traf, tönte es tief,
und stark in meinem Innern: »Der Herr hat alles wohl gemacht!«
Der Gott meiner Jugend, ist auch der Gott meines Alters -- Als
wir uns schrieben, war ich eins der glüklichsten Geschöpfe auf
Erden, wie reich war ich! Früh durch die besten Eltern -- Geliebt
von den besten Geschwistern -- später, das Geliebte Weib des
Mannes meines Herzens -- Mutter der besten Kinder -- Aber welche
Trübsale wurden mir zu Theil -- der einzig von mir gebohrne Knabe
-- ein Kind von 4 Jahren, der die Wonne der Eltern, und der Stolz
der Mutter war -- ich sage nicht daß ich ihn verlohr -- waß für
ihn Gewinn war, sah mein Mutter-Herz nie als Verlust an -- er
gewann den Himmel, und nur mir ward der unsägliche Schmerz, zu
Theil -- und so konte ich selbst im heißen Schmerz, Gott danken
und später -- verlohr ich den Angebeteten Gatten -- O dieß war
noch ein ganz neuer, eigener, mit nichts zu vergleichender
Schmerz -- mir blieben noch die lieben Geschwister. Ach die
herrlichen die unaussprechlich Geliebten Brüder! Ein Sturm riß
den Jüngern hin -- und zerstörte, die vorher noch Jugend volle
Lebenskraft des Aeltern -- durch diesen doppelten, so schnell
auf einander folgenden Verlust, fühle ich mich, wie aufs neue
verwaißt -- Aber dennoch preise ich Gott -- Ich finde sie ja alle
wieder -- Eltern, Geschwister, Freunde, Kinder, und den Geliebten
Gatten -- So gerne nähme ich auch die Hofnung mit mir hinüber,
Sie Lieber Goethe, auch einst da kennen zu lernen -- Noch Einmal
bitte ich Sie -- schlagen Sie es der nicht ab, die Sie einst
Freundin, Schwester, nannten -- Ich bete für Sie, daß Sie es
ganz erfahren mögen, wie freundlich, und gütig der Herr ist, wie
glüklich die auf Ihn trauen.
Bitte laßen Sie dieß unter uns bleiben -- wollen Sie mir
antworten? Ich mögte wißen wo Sie sind, waß Sie treiben. ich lebe
meistens still auf dem Lande -- meine liebe Enkelin, Tochter
meines jüngsten Sohnes ist bey mir -- sie ist 13 Jahr -- meine
Liebe, und meine Freude. Ich reiche Ihnen freundschaftlich meine
Hand. Ihr Andenken ist nie in mir erloschen, und meine Theilnahme
für Sie immer Lebendig geblieben -- meine Wünsche für Ihr wahres
Wohl, auch. Manches betrübte mich oft -- Ich will so lange ich
lebe, noch recht für Sie beten -- mögten Sie sich doch darin
noch recht mit mir vereinigen -- Mein Erlöser ist ja auch der
Ihrige, es ist auch in keinem andern Heil, und Seeligkeit zu
finden. Ob Sie wohl noch an mich dachten? Bitte schreiben Sie ein
paar Worte
an
Auguste Bernstorff-#Stolberg#.
Meine #adresse# ist: in #Bordesholm#
durch Hamburg.
d: 23 st:
Sie bitten mich in einem Ihrer Briefe, nachdem Sie lange
geschwiegen hatten: »den Alten Faden wieder anzuspinnen, es sey
dieß ja ohnehin ein Weibliches Geschäft.« Da ist er denn wieder
angesponnen, und o! möge er sich denn nun biß in die Ewigkeit
hineinspinnen! -- So leben Sie denn wohl, und verkennen Sie meine
Absicht nicht -- Laßen Sie, ich bitte Sie, dieß ganz unter uns
bleiben --