DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN.

Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen

Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen,

der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgespraech gebildet, wurde

kaum noch erwaehnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings

nachtraeglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage

nach dem Sturz von der Bruecke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die

beiden Tage vollkommen bewusstlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen.

Das uebrige Geld aber -- ausser den zweihundert und einigen Thalern -- wie die

vermissten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends

aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so liess sich jetzt

gar nichts Anderes vermuthen, als dass er es irgendwo an einer heimlichen

Stelle vergraben, und ausser Sicht gebracht habe.

Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenstoesse ueber den Fall geschrieben --

man wusste wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit

dem ueblichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede gruendliche Vorlage

mangelte, nach Moeglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich

Nichts weiter darueber ergab, mit starkem Bindfaden umschnuert und

etiquettirt, um spaeter vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in

irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert

fortzutraeumen, -- wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der

Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still

und heimlich hinausgeschafft worden.

Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Ungluecklichen allerdings sogar

dies "ehrliche Begraebniss" versagen und den Koerper der Anatomie

ueberantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls

und gewissermassen als Selbstmoerder seinen Tod gefunden -- was kuemmerte die

stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_

Autoritaet Gefahr leiden konnte gekraenkt zu werden, und sie hatten einmal

verordnet, dass solchen Suendern ein "christliches Begraebniss" versagt werden

solle; aber die Polizei war milder und verstaendiger als die "Diener des

Hoechsten" und erklaerte den Tod des Armen fuer keinen Selbstmord, indem er

nur "auf der Flucht" umgekommen, waehrend wahrscheinlich der ihm

beigegebene Waechter die allerdings unschuldige, und nicht zur

Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei.

Aber fort -- fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der

dunklen Seiten so viele, und sie draengen sich uns doch auf, wohin wir

gehen -- nur der Augenblick gehoeret uns, und nicht muthwillig wollen wir

den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen

Drachen hinaus folgen -- es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz

wieder zu sehn bekommen -- und dort toent heut froehliche Musik aus dem

hellerleuchteten Saal des grossen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und

jungen Birkenreisern festlich geschmueckt ist, indess ihn eine muntere, laut

und lustig durcheinander wogende Schaar belebt.

Kaum eine Viertelstunde -- oder eine "halbe Pfeife Tabak", wie die Bauern

sagten -- vom rothen Drachen entfernt, lag Schloss Hohleck an der anderen

Seite des naemlichen Huegelrueckens, das gegenueber liegende Thal

ueberschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute

die Vermaehlung seines aeltesten Sohnes, der dabei das Gut selber uebernahm,

und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest "in der Schenke" gab. Bier

und Branntwein waren dabei zu freier Verfuegung gestellt, und ein starkes

Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht

hindurch zum Tanze aufzuspielen -- und sie machten Gebrauch davon.

Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gaeste eingefunden,

dem muntern Leben und Treiben der froehlichen Menschen zuzuschauen, und

waehrend der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des

Rittergutes eingeraeumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der

Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem

paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier

tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufuellen.

Zu den Gaesten aus der Stadt gehoerten auch mehre unserer alten Bekannten,

unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgaeste des rothen Drachen.

Ledermann war ebenfalls, wenn auch spaeter, herausgekommen und ihnen hatte

sich noch der Auswanderungsagent Weigel -- sehr zum Aerger Schollfeld's,

der ihn nicht ausstehen konnte -- zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig

an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit

bei ihnen stehn, gewissermassen seinen Platz zu belegen.

Ledermann war uebrigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte

sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das

sehr zu Herzen zu nehmen, erklaerte auch nur herausgekommen zu sein, sich

ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der

Stadt drin peinigten.

Uebrigens war ihm in den letzten Tagen hoechst unerwarteter Weise eine

kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute

Abend aussergewoehnlich gut aufgeraeumt schien, versuchte jetzt sein Bestes

des Freundes Grillen oder truebe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen.

"Hoeren Sie einmal Ledermann," begann er, mit dem Deckel seines Kruges

klappend und mehr Bier verlangend -- "wie ist denn die Geschichte nun mit

den 600 Thalern? -- beilaeufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als

ob Sie Schwefelsaeure verschluckt haetten."

"Er hoert nicht einmal," sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf

erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben

schien -- "Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im

rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?"

"Wo?" sagte der Actuar, rasch und fast verstoert aufschauend, als aber die

Anderen laut lachten, schuettelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend

und trinkend sagte er ruhig und ernst:

"Ach lasst mich zufrieden Kinder -- ich habe den Kopf voll, und bin

wahrhaftig heute Abend nicht zum Spassen aufgelegt."

"Nicht zum Spassen aufgelegt?" rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem

Tisch anstossend -- "ist auch gar nicht noethig mein lieber Actuar -- wir

spassen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und

irgendwo Stammgast ist, ueberkommt dabei die moralische Verpflichtung

irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, dass man einen

solchen Glueckspilz auch nur noch daran erinnern muss. Hat der Henker da

wieder den Schleicher, den Weigel," unterbrach er sich aber ploetzlich mit

etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und

sich ihrem Tische zuwandte -- "ich hatte schon gehofft wir wuerden ihn heute

Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergnuegen beim Teufel."

"Nun meine Herren, noch so froehlich beisammen?" sagte Weigel jetzt, indem

er zum Tisch trat -- "ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu

gekommen -- bitte behalten Sie ja Platz, ich ruecke ein klein wenig hier

herueber -- so -- das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen

Tagen ein grosses Glueck gehabt -- da darf man ja wohl gratuliren."

"Danke herzlich," sagte Ledermann ruhig; "es wird uebrigens so viel von den

paar hundert Thalern gesprochen, als ob's eben so viel Tausende waeren."

"Ih nun, das lassen Sie gut sein," sagte aber Weigel, mit dem Kopf

schuettelnd -- "sechshundert Thaler richtig angewandt koennten in der That in

kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden."

"Wenn man sich Saechsische Loebau-Zittauer Eisenbahnactien dafuer kaufte,

nicht wahr?" sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug

versteckt, und einen grimmigen Blick ueber den Rand desselben hin, nach dem

Auswanderungsagenten schiessend.

"Nun das gerade nicht," schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig

weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Haende reibend, "da wuesste ich

doch noch eine bessere Speculation."

"Und die waere," sagte der Actuar, seitwaerts zu ihm aufschauend.

"Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften."

"Puh!" rief Schollfeld, veraechtlich den Kopf abwendend, "jetzt sein Sie so

gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten

Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht -- hier ist auch Nichts zu

verdienen, denn von uns geht doch keiner hinueber."

"Lieber Herr Schollfeld," sagte aber Weigel mit grosser Ruhe, "von _uns_

weiss noch Niemand was er naechstes Jahr thun wird, und verschwoeren laesst

sich so eine Sache nun einmal gar nicht -- Amerika ist immer noch ein

Zufluchtsort."

"Ja fuer die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht!" rief der

Apotheker.

"Ne lieber Herr Weigel!" rief aber auch Kellmann jetzt -- "mit sechshundert

Thalern kann ich da drueben auch Nichts anfangen, und bin dann noch

obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, dass ich

betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem

eigenen Bruder trauen."

"Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglueckseligen Ideen, die

von -- na, ich will keinen Namen nennen -- ausgesprengt werden, um die Leute

blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was fuer

Vortheile, fuer fabelhafte Vortheile dort gerade fuer sie zu Tage liegen,

und die Geruechte von dort veruebten Betruegereien haengen eben als

Vogelscheuche ueber den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte

Charaktere wie in Amerika."

"Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen," sagte Schollfeld

mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten --

"aber eben so schlechte gewiss."

"Nun also," erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja

im Gegentheil die Waffe laechelnd umdrehend -- "sehn Sie, selber Herr

Schollfeld stimmt mir darin bei."

"Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen!" rief da Schollfeld entruestet,

keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen.

"Von den Betruegereien will ich noch gar Nichts sagen," unterbrach ihn aber

Kellmann, ziemlich in Eifer -- "was ich dagegen sehr guten Grund habe zu

bezweifeln, sind die billigen Landkaeufe, sind dabei die Erleichterungen,

welche diese republikanische Regierung allen moeglichen Gewerken und

Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im

Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und

kommt man am Ende hinueber, so hat man die ganze naemliche Geschichte wie

bei uns. Dass all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Pass_ herumlaufen

darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben fuer keinen Fortschritt."

"Verehrtester Herr Kellmann!" rief aber Weigel in Eifer -- "gegen

_Thatsachen_ koennen wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind

und taub mit dem Kopf gegen die naechste, und womoeglich haerteste Wand

rennen? wir sind doch vernuenftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die

neueren Schriften jetzt gelesen, die -- "

"Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien," rief aber Schollfeld, dem das

Gespraech jetzt zur Last wurde, "fuer einen Thaler den Bogen malen ihnen die

lumpigen Literaten selbst die Hoelle himmelblau an, und kleben von oben bis

unten Sterne drueber. Lasst mir jetzt Euer Geschwaetz von Amerika hier, oder

ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin."

"Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut," sagte Weigel,

wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil

vertragen konnte.

"Ja leider," sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den

Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier

auszutrinken.

"Herr Schollfeld," sagte er dabei, "Sie sind in der Stadt als ein

Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie wuerden den Leuten eher zu einer

Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen."

"Wuerde ich auch," sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester

in die Stirn drueckend.

"Nun ja, der Geschmack ist verschieden -- Jeder weiss am Besten wohin er

gehoert, und dahin treibt ihn der Instinkt," sagte Herr Weigel

achselzuckend, indem er den Tisch verliess, und Kellmann erwischte eben

noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen

und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte.

"Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem

Menschen an!" rief Kellmann leise und bittend.

"Instinkt treibt?" rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten,

vielleicht gern, gehalten fuehlte -- laut hinter dem Davoneilenden her --

"Sie wird bald 'was anders treiben Sie -- Sie _Seelenverkaeufer_ Sie!"

"Pst!" rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend --

"Sind Sie denn ganz vom Boesen besessen Apotheker? auf das Wort koennte er

Ihnen, wenn er's noch gehoert haette, die schoenste Injurienklage an den Hals

haengen."

"S'ist aber wahr -- der Lump!" rief Schollfeld aergerlich, den leeren Krug

zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch

aufstossend -- "es ist ein Seelenverkaeufer, der Kerl, und um einen Thaler

beschwatzt er das Kind, dass es die Eltern, den Mann, dass er die Frau

verlaesst -- hier Kellner, noch ein Glas Bier. -- Sprecht mir von Raubmoerdern

und Strassenraeubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das

Handwerk legt -- allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu

in's Gesicht wirft, "ich _bin_ ein schlechter Kerl -- ich stehle wo ich's

bekommen kann, und wo ich's nicht gutwillig kriege mord' ich auch; aber

solche heimliche Hallunken sind die Upasbaeume der menschlichen

Gesellschaft -- sie vergiften was sie erreichen koennen, und von aussen geben

sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben gruene Blaetter und

glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit

Geldstrafen oder Gefaengniss, nein mit Knute und Strang --

Himmeldonnerwetter, wenn ich da 'was in der Regierung zu befehlen haette."

"Sie wuerden schoene Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken," sagte

der Actuar trocken, "s'ist so schon manchmal wie's ist. Lassen Sie doch

jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott weiss wohl wozu's gut

ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschoepfe in der Naturgeschichte, und

doch verwendet sie die Natur wieder zu hoechst nuetzlichen und nothwendigen

Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum waere ein menschlicher

Blutigel."

"Dann trink' ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm," rief der

Apotheker.

"Bah, das ist wieder zu weit gegangen," sagte Kellmann, "viel zu weit

gegangen. 'Was Schlechtes koennen Sie dem Mann ueberhaupt nicht nachsagen,

denn dass er fuer Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschaeft, anderntheils

seine Ansicht, und er koennte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann

ebensogut wieder vorwerfen, dass Sie eine Menge Menschen absichtlich

ungluecklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande

abhielten."

"Unsinn -- baarer Unsinn!" rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herueber

und hinueber werfend -- "Jemand ungluecklich machen, dass man ihm von einer

Auswanderung nach Amerika abraeth, waere gerade so, als ob ich als eines

Menschen Moerder betrachtet wuerde, den ich abhalte aus dem dritten Stock

auf die Strasse zu springen. Aber hol den Lump der Henker," brach er kurz

und aergerlich ab, "ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen

Abend verdorben. -- Nach Sibirien auswandern -- " brummte er dabei,

waehrend er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem

Tisch stehenden Licht entzuendete -- "Holzkopf der -- nach Sibirien

auswandern -- ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie's da

treiben, dass man auf andere Gedanken koemmt -- ich bin bald wieder da." Und

von seinem Stuhl aufstehend verliess er langsam, und immer noch vor sich

hin murmelnd, das Zimmer.

Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut.

"Na nu?" sagte aber Kellmann erstaunt -- "was ist das fuer eine Wirthschaft

heut Abend? Schollfeld laeuft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen

lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da

heute Abend unser Solo? -- wir koennen doch nicht wie die Pferde zu Bette

gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?"

"Mir ist heute nicht wie spielen," sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe

schuettelnd, "ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird

mir wohl besser werden."

"Fort duerfen Sie aber noch nicht," sagte Kellmann, indem er sein Bier

austrank, und ebenfalls aufstand, "da wollen wir lieber einmal unten im

Garten auf und ab gehn."

Der Actuar zoegerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen

Arm in den Kellmann's und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe

hinunter.

Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des

feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem

Garten hinaus, und in die mehr geschuetzten Raeume der Gebaeude gezogen. Nur

hie und da sass noch irgend ein kosendes Paerchen in einer Laube, oder

schwaermte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade ueber dem

nebelgefuellten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinueber, dessen grosse

rothe Scheibe sich gluehend aus den Bergen hob, und das weite,

thaublitzende Thal ueberschaute.

Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her,

bis sie den breiten Fussweg der schoenen ebenen Chaussee erreichten, und

eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er,

diesen zurueck haltend, ploetzlich stehen, und sagte mit freundlichem,

herzlichen Ton:

"Aber lieber Ledermann, Sie duerfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so

ganz und ruecksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife dass es ein

schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat's gegeben und Gott

hat's genommen, und wer weiss ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht

vielleicht ein recht truebes und schmerzliches Dasein erspart wurde."

"Es ist nicht das Kind, Kellmann," sagte aber der Actuar, leise mit dem

Kopf schuettelnd, "nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am

Herzen, obgleich der da oben weiss wie weh er mir gethan -- nein, ich halte

ihn sogar unter den jetzigen Verhaeltnissen, in denen ich lebe, fuer ein

_Glueck_, und es ist _furchtbar_, dass ich gezwungen bin so etwas von dem

Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen."

"Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_?" rief Kellmann, verwundert

vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. "Irgend etwas _ist_

vorgefallen, aber was? -- etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?"

Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf.

"Aber was _will_ sie denn eigentlich," rief Kellmann finster die Brauen

zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser

gesticuliren zu koennen -- "Wetter noch einmal, Ledermann, Sie haetten da

schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt

schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort

geht, wahrhaftig noch unter die Erde."

"Ernst und entschieden auftreten? -- lieber Gott," stoehnte der Actuar

kopfschuettelnd -- "soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf

einen, nur moeglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? -- _Sie_

haben gut reden; _Ihr_ Geschaeft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre

Erholung gestattet Ihnen, _die_ ausserhalb desselben zu suchen, ich aber

sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem

verwuenschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich

nach einer halbstuendigen gemuethlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn

sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hoelle

zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein

Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim haette; es giebt vielleicht

wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, haeuslichen

Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es

_so_ verbittert, so gaenzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend

wieder von Frischem, wie gerade mir."

"Aber was ist denn nur vorgefallen?"

"Das Ganze ist mit wenig Worten erzaehlt," sagte der Actuar nach kurzer

Ueberlegung entschlossen, "und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande

bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unertraeglich wird. Sie haben

gehoert dass ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt,

die ich in den naechsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernuenftigste nun

waere das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien

anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, ueberdies

aermlichen Gehalt zu erhoehen -- ich habe fuenfhundert Thaler jaehrlich und

weiss bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll."

"Nun gut, das ist ja Alles so schoen und glatt wie es nur sein kann."

"Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu

wollen, der ein Geschaeft hat und mir _fuenf_ Procent verspricht."

"Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist -- fuenf Procent waere aller Ehren

werth."

"Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher

leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und -- wie

ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen -- an der Grenze eines zweiten

steht."

"Ahem," sagte Kellmann nachdenkend.

"Geb ich _ihm_ das Geld," fuhr der Actuar fort, "so ist es ueber Jahr und

Tag, so sicher wie dort drueben der Mond aufgeht, verloren, und geb' ich es

ihm _nicht_, so weiss ich dass mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur

Hoelle macht."

"Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht uebel," sagte

Kellmann stehen bleibend, "da wuerde ich denn doch einmal einen Trumpf

darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch

Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein

verdorben."

"Aber was _soll_ ich thun?" rief der Actuar verzweifelnd -- "mit Worten

_kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Maenner koennten das; in

Ruhe und Guete ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will

ich sie ebenfalls nicht."

"So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal;" rief Kellmann,

"lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das

ganze Leben, eine ganze Existenz, muehselig und qualvoll hinzuschleppen."

"Heute Abend zum ersten Mal," sagte der Actuar seufzend, "habe ich ihr

selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, dass sie sich mit mir nicht

gluecklich fuehlen _koenne_, weil sie fortwaehrend, und ohne auch nur einen

einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein wuerde, wir

liessen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Laenge der Zeit doch nicht

durchgefuehrt werden koenne, gerichtlich scheiden."

"Nun? -- und was hat sie darauf erwiedert?"

"Ich bin fortgelaufen," sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund

abwendend, "denn sie wurde -- sie wurde so heftig, und betrug sich -- betrug

sich so unvernuenftig, dass ich mich vor den Nachbarn schaemte, und lieber

Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswaerts zu

suchen."

"Also sie weigert eine Scheidung?"

"Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein

derartiges Wort erwaehne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiss was Alles,

und -- ich glaube sie bekam nachher Kraempfe -- ihr altes Leiden. Erst hatte

ich gehofft der Tod des Kindes wuerde sie milder stimmen, aber nein, und

wenn mich etwas ueber den Verlust des kleinen lieben Wesens troesten koennte,

so ist es gerade der Gedanke, es dem boesen Beispiel, das ihm die eigene

Mutter taeglich gab, entrissen zu sehn -- was haette zuletzt aus ihr werden

sollen, als eben eine solche Frau."

"Und so ist gar keine Hoffnung, mit Guete durchzukommen? -- "

Der Actuar schuettelte schweigend mit dem Kopf.

"Hm, das ist eine verfluchte Geschichte," sagte Kellmann, "da -- da weiss

ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber

-- wenn die Sache _so_ steht -- meinem Schwager auch nicht an, soviel ist

sicher -- Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig."

Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Maenner gingen wieder eine

Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschaeftigt, nebeneinander

hin. Sie waren indess die Strasse ein Stueck hinauf- und wieder

zurueckgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang

des Gartens stehn, den Ruecken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade ueber

die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Maedchen, noch ein Kind

fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen

Buendel in der linken Hand, und einem grossen dunklen Tuch ueber dem rechten

Arm, die Strasse herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorueberging. So

viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur aermlich gekleidet,

und auch wohl ermuedet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb

zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiss von der Stirn.

Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden,

hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Maennern, die sie im

Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Toenen zu lauschen die aus

dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus

wild und lustig heraustoenten.

"Froehliche Menschen," fluesterte sie dabei -- "_Glueckliche_;" wie sie aber

den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen

Schatten unter der Mauer, und wie unwillkuerlich fuhr sie zurueck; dabei

glitt ihr das Buendel aus der Hand und fiel zu Boden.

"Wir thun Dir Nichts, Kind," sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen

hatte, gutmuethig; "wo willst Du denn noch so spaet hin?"

"Nach Heilingen," antwortete das fremde Maedchen, ihr Buendel wieder

aufnehmend -- "ist es noch weit bis dorthin?"

"Eine halbe Stunde etwa, wenn Du ruestig zugingst; aber Du scheinst muede zu

sein und wirst wohl laenger brauchen."

"Ich komme weit her," sagte die Fremde, aber sie zoegerte dabei und es war

als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und

sich auch wieder scheue es zu thun.

"Du bist wohl hungrig, Kind?" frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn

zu helfen draengte, wo das in seinen Kraeften stand -- "sag's gerad' heraus;

und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was."

Das Maedchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem

richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu

fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die

kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiss holen -- sie

koenne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten

ging er darauf rasch in's Haus, und das Maedchen zoegerte noch einen

Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermuedet, der

freundlichen Einladung.

"Du kommst weit her?" sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn

geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken

beschaeftigt war, viel auf die Fremde zu achten.

"Von Erfurt."

"Von Erfurt? hm -- das ist eine lange Strecke; zu Fuss den ganzen Weg?"

"Ja."

"Und willst in Heilingen bleiben?"

"Ich weiss es noch nicht."

"Hast Du Verwandte dort?"

"Einen Bruder."

"Hast Du denn einen Pass bei Dir?"

"Ja," sagte das Maedchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager,

ihr kleines Buendel vor, das sie Miene machte aufzuknuepfen, der Actuar

aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch:

"Nein nein -- lass nur sein -- ich will ihn nicht sehen -- ich frug nur

Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kaemest. Da

ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen -- nun lass Dir's schmecken."

"Da," sagte der kleine Kuerschner, der schnellen Schrittes mit einem grossen

gestrichenen Weissbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der

Fremden reichte -- "das wird Dir gut thun."

Das junge Maedchen nahm das Glas mit schuechternem Danke an und trank -- erst

ein wenig, dann aber herzhafter -- sie mochte wohl recht durstig gewesen

sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurueck und nahm

ihr Buendel wieder auf.

"Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal," sagte sie dabei mit weicher,

ergriffener Stimme -- "ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war

recht matt geworden."

"Armes Kind," sagte Kellmann mitleidig -- "aber hast Du denn schon einen

Platz in der Stadt wo Du uebernachtest?"

"Ja," sagte die Kleine -- "ich denke so -- koennen Sie mir aber wohl noch

sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit

in der Stadt drin?"

"Dollinger's Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin -- aber was willst

Du dort?"

"Mein Bruder ist in Herrn Dollinger's Geschaeft -- wohnen auch die Leute bei

ihm im Hause?"

"Nicht dass ich wuesste," sagte Kellmann.

"Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?"

"Gewiss -- gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der

Poststrasse, wenn Du in's Thor kommst."

"Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schoensten Dank -- Gott mag es Ihnen

vergelten."

"Gute Nacht Kind, guten Weg," sagte Kellmann, "aber -- wie heisst denn Dein

Bruder?"

"Franz Lossenwerder," sagte das Maedchen und ging langsam die Strasse hinab.

"Oh Du mein Gott," rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie

er den Namen hoerte -- "das ist ja schrecklich."

"Du lieber Gott, das arme Ding muss von dem Schicksal des Bruders gar

Nichts wissen," seufzte auch Kellmann -- "und wenn sie das jetzt heute

Abend erfaehrt -- o wo wird sie nur die Nacht bleiben?"

"Armes, armes Kind," sagte der Actuar, "und selbst ohne Geld in der

fremden Stadt."

"Ich geb' ihr etwas," rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte "heh! --

pst!" rufend die Strasse hinab dem Maedchen nach, das stehen blieb und nach

Buendel und Tuch fuehlte als sie den Ruf hoerte, weil sie glaubte dass sie

vielleicht etwas vergessen haette.

"Liebes Kind," stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt,

denn er konnte es nicht ueber's Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen --

"ich -- ich kenne Deinen Bruder, aber -- er ist jetzt nicht in Heilingen --

Du -- Du wirst es morgen schon hoeren, und im Dollingerschen Hause koennen

sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der

Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommst,

das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken,

ist ein Gasthaus -- ein gutes anstaendiges Haus, wo sie Dir Quartier geben

werden -- da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur

ich haette Dich hingeschickt."

"Aber bester Herr," sagte das Maedchen bestuerzt, als ihr der gutmuethige

Kuerschnermeister mit der Karte zwei grosse Stuecken Geld -- es waren zwei

Thaler -- in die Hand drueckte -- "ich weiss gar nicht -- "

Kellmann liess sie aber gar nicht zu Worte kommen.

"Schon gut -- schon gut," rief er, drehte sich um, und kehrte, das Maedchen

allein auf der Strasse zuruecklassend, eben so rasch nach dem Platz zurueck,

wo der Actuar noch seiner harrend stand.

"Haben Sie es ihr gesagt?" frug dieser ihn.

"Nein -- um Gottes Willen nein; das moegen Andere thun, _ich_ koennte es

nicht."

"Aber was soll jetzt aus ihr werden?"

"Ich werde mich im Loewen schon nach ihr erkundigen," sagte Kellmann nach

kurzer Ueberlegung -- "und wenn es ein ordentliches Maedchen ist, hab ich

Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber

wie ist es denn mit der Lossenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte

geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? --

man hoert ja keine Sterbenssylbe mehr darueber."

"Nichts -- gar nichts weiter," sagte der Actuar; "im Gegentheil hat der

arme Teufel von Lossenwerder ein kleines Tagebuch gefuehrt gehabt, was sich

unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin

er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfaeltig und ordentlich, mit

seinen hoechst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gueltig

angenommen -- und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da

es fast zwoelf Jahre zurueckfuehrt -- waere im Gegentheil der Beweis geliefert

dass die aufgefundenen zweihundert Thaler muehsam und redlich gespartes Geld

gewesen waeren."

"Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?"

"Keiner, als dass er im Hause war und sich auffaellig heimlich daraus

entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine

wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklaerung. Nach einer Zahl

vieler hoechst mittelmaessiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in

denen sich besonders viel Gemueth ausspricht, scheint der arme verwachsene

und huelflose Mensch eine Art von -- Liebe -- ich kann es nicht anders

nennen, gegen Dollinger's juengste Tochter und Henkel's Braut in seinem

unschoenen Koerper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl

erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blaettern

anvertraut zu haben -- doch das unter uns. Diese unglueckselige und

hoffnungslose Neigung _kann_ ihn moeglicher Weise dazu getrieben haben, dem

jungen Maedchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken -- er hat

sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt beruehrt, und worin er sich

gluecklich fuehlt dass sie eine Blume pflegen koennte die er gezogen, wenn sie

auch nicht wuesste von wem sie kaeme. Dass er unter solchen Umstaenden nicht

wollte im Hause gesehen sein laesst sich denken, und ein Diebstahl in ihrem

eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenueber, an

Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmoeglichkeit

gehoerte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer

Verfuehrung erlegen."

"Hm, hm, hm," sagte Kellmann vor sich hin -- "das ist ja eine rechte,

rechte boese Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar

unschuldig in sein Verderben gesprungen."

"Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht

hat," sagte der Actuar, "denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden,

welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Ungluecklichen dahin zu

treiben -- obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an

einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er

unschuldig, haette sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt."

"Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben fuer Nichts,"

sagte Kellmann finster -- "aber wenn das sein erspartes, und Gott weiss dann

_wie_ muehsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht

koennen vorenthalten werden."

"Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen," sagte der Actuar,

"aber ich glaube auch nicht dass irgend Jemand anders einen Anspruch darauf

wird geltend machen koennen. Diese Schwester erwaehnte er ueberhaupt mehrmals

in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstuetzt, das Geld

wird ihr spaeter allerdings zugesprochen werden."

"Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem moeglichen, von dem

wirklichen Dieb?"

"Keine -- die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das

Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht

groessere Ausgaben als gewoehnlich mache, oder sich durch irgend etwas

anderes verrathen wuerde; ja die Leute haben untereinander fast eben so

scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwaelzen und den

Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste

herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine boese Sache, und wenn der Dieb

die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich haelt, und dann vielleicht

noch gar ausser Landes schafft, wer soll ihn da aufspueren? allwissend sind

wir auch nicht."

"Das weiss Gott," sagte Kellmann -- "wie damals mit der Pelzdecke, die mir

Jemand von der Ladenthuer weggestohlen, und die ich zwei Jahr spaeter ganz

gemuethlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube

wiederfand; da hoert denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt

nicht wie spassen zu Muth; der Anblick des armen Maedchens hat einen

wehmuethigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch fuer

Elend auf der Welt giebt, und still und bewusstlos gehen wir meist daran

vorueber."

"Und die Musik da drinnen, waehrend das arme Kind dort allein und freundlos

seine Strasse geht, und trotzdem jetzt noch gluecklich ist gegen den

Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _muss_. Mich leidet's heute

nicht laenger hier draussen, Kellmann," brach er kurz ab -- "ich mag die

Tanzmusik nicht hoeren -- wollen wir zurueck in die Stadt gehn? es ist

ueberdies schon spaet."

"Ich habe Nichts dagegen," sagte Kellmann, tief aufseufzend -- "mir ist

der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen."

"Da drin ist wohl Pruegelei?" sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder

Laerm zu ihnen heraus toente.

"Das waere frueh," meinte Kellmann -- "die kommt gewoehnlich sonst erst

spaeter, oder ganz zum Schluss. Es ist doch sonderbar, dass ein deutscher

"Tanz" nie ohne eine Schlaegerei enden kann; es scheint auch ungefaehr

dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur dass sich die jungen Maedchen

nicht dabei betheiligen -- hoechstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren

zu schuetzen, und die Verwirrung womoeglich noch groesser zu machen -- hallo

aber das kommt hier heraus."

"Sie werden Jemanden hinauswerfen," sagte der Actuar ruhig -- "lassen Sie

uns an die Seite treten dass wir nicht in das Gewirr gerathen."

Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und

Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flueche einer, ihnen keineswegs

unbekannten Stimme toenten, waelzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal

heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Haenden und Fuessen,

wenn auch umsonst, gegen solche unwuerdige Behandlung straeubte, und in dem

die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel

erkannten.

"Lasst mich los!" schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten

Fluechen und Schimpfreden -- "lasst mich los oder ich rufe die Polizei --

Huelfe! -- Moerder! Feuer!"

"Bruell nur mein Herzchen!" sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine

riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankaempfenden wie

in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt -- "Dich koennten wir hier

brauchen, die Leute heimlich beschwatzen dass sie Hof und Dienst verlassen

und nach Amerika liefen -- ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor

die Faeuste."

"Halt da -- Hohmeier! lasst ihn los!" rief aber in diesem Augenblick eine

andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefaehrdeten zu Huelfe

zu eilen schien -- "der hier -- Homeier -- der hier ist mein Freund -- mein

ganz intimer Freund und den lass ich mir -- Homeier, den lass ich mir nicht

aus dem Hause werfen."

Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die

Seeleute nennen, "halb im Wind", mit schwerer Zunge und schon etwas

taumelndem Gang, dass sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut

verkennen liess. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den

Haenden derer die ihn gefasst hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter

schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen

waere, und sagte ruhig:

"Geht zu Bett Lobsich, das waer' Euch viel besser heut Abend, aber mischt

Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kuemmern."

"Nichts kuemmern?" rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit

grossen stieren Augen ansah -- "nichts kuemmern _Hoh_meier? -- oh _Hoh_meier

wem gehoert denn dies Haus, heh? -- nichts _kuemmern_? wem gehoert denn der

rothe Drache, heh, _Hoh_meier."

Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der

Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen

wachsenden Akazienbaeumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte

Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, dass

sie ihn nicht hindurchbringen konnten, waehrend er von Neuem sein "Huelfe!

Moerder! Feuer!" aus voller Kehle schrie.

"Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!" sagte Herr Schollfeld,

der ein hoechst vergnuegter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines

schwaechlichen Koerpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt

wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem

Richteramt unterstuetzten, liessen sich das auch nicht zweimal sagen, und

der wuethend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der

vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den

geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten.

"Heh _Hoh_meier!" schrie aber Lobsich, der sich indess durch die im Garten

stehenden Stuehle und Tische wieder nach vorn gedraengt hatte den Mann frei

zu machen, von dem er sich ploetzlich einbildete dass er sein Freund sei,

"lasst mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier -- Donnerwetter ich

will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat.

Ihr oder ich -- _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!" Er schien

sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen,

und das viele Getraenk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuss in einer

dort stehenden Fussbank haengen, und schlug der Laenge lang in den Garten,

waehrend die Knechte den jetzt wuethend um sich schlagenden Agenten rasch

aufgriffen und, lachend ueber des Wirthes Unfall, aus der Gartenthuer auf

die Strasse warfen.

Ein furchtbarer Laerm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und

erzaehlten sich untereinander wie der "Auswanderungsmann" einen

Schaafknecht vom Gut haette bereden wollen als "Schaafmeister" nach Amerika

auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt waere, und der

"Auswanderungsmann" stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wuethete,

bis einer der Knechte das Schloss wieder aufdrueckte und hinaus und ihm nach

wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon

Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf.

Drinnen im Saal toente die Musik aber wieder rauschender als vorher, und

die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht laenger im Garten

versaeumen. Waehrend die aber wieder in den Saal draengten, Taenzerinnen zu

bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurueck nach

der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thuere er trat,

und nach der Strasse hinaus mit lauter und immer aergerlicher werdender

Stimme Weigel's Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und

wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurueck holen, um ihm jetzt ernstlich

beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen.

Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten

Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht

zurechnungsfaehigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelaestigt

den Garten zu verlassen, als Lobsich's Frau, die das Toben ihres Mannes

wohl im Haus gehoert, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne

dass er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen

Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme.

"Lobsich -- Vater -- komm sei vernuenftig, lass das Schreien und Toben hier

auf der Landstrasse und geh zu Bette -- thu _mir's_ zu Liebe Lobsich, wenn

ich Dich darum bitte."

"Lassmchfrieden," stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und

suchte sie von sich abzuschuetteln -- "lass mchfrieden sag ich -- Dnrrwttrrr --

ich weiss -- ich weiss was ich ss -- se thun habe -- "

"Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen," fluesterte die Frau in

Todesangst -- "Du machst Dich und mich ungluecklich wenn Du Dich nicht

aenderst -- was soll daraus werden?" --

"Lassmch -- frieden," stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich

abschuettelnd, aber er verliess den Thorweg wenigstens und taumelte durch

den Garten fort, seitwaerts vom Hause ab -- "Weibervolk," murmelte und

fluchte er dabei -- Himmelsakkrments Weibervolk -- Unsinn -- violettblaues --

ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes -- " und er

verschwand damit hinter den Bueschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf

das Thuerschloss gestuetzt und das Gesicht in den Haenden bergend, allein

zurueck, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich

zukommen hoerte, und wollte nach dem Haus zurueck.

"Frau Lobsich," sagte Kellmann, der es war, gutmuethig, ja fast herzlich --

"macht denn das Lobsich jetzt oefter dass er so ueber die Schnur haut?"

"Ach Sie sind es Herr Kellmann," sagte die arme Frau beruhigt. "Lieber

Gott, ich weiss meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er's so fort treibt;

wie soll das enden?"

"Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn,"

sagte Kellmann verwundert.

"Ach ja," seufzte die Frau -- "es ist nicht das erste Mal, aber ich habe

immer gesucht es so viel als moeglich zu verheimlichen, es giebt gar solch

ein boeses Beispiel fuer die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige

Wochen erst dass er so scharf zu trinken anfaengt. Lieber Gott, im Kopf hat

er frueher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt

jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter

Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches

Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie haelt er etwas. Mir verspricht er's

wohl auch," setzte sie leiser hinzu, "aber -- er vergisst es immer nur zu

rasch wieder."

"Ich will mein Moeglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich," sagte

Kellmann freundlich -- "aber," setzte er rascher und leiser hinzu -- "dort

glaub' ich kommt er schon wieder zurueck, es wird besser sein wenn Sie

versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen

Menschen laesst sich Nichts anfangen."

"Na? -- Donnrrwttrrr," stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der

auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thuer zurueckkam, und die Arme

einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten

Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben -- "Dnnrrrwttrrr," wiederholte er,

herueber und hinueber schwankend -- "was's das vor Wirthschaft heh? wo gehoert

die -- gehoert die Frau hin, heh? -- in die Hofthuer mit fremden Kerlen

schwatzen heh? -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes."

"Aber lieber Lobsich," nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld

das Wort, "sein Sie doch vernuenftig und gehn Sie -- "

"Hallo?" rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in

dessen hell vom Mond beschienenen Zuegen er den Apotheker erkannte -- "sin'

wir auch hier? heh? -- haben auch mit g'holfen mein' besten Freund -- mein'

besten Freund mit hinaus zu werfen -- heh? Sie -- Sie Giftmischer Sie -- Sie

-- "

"Herr Lobsich!" rief Schollfeld aergerlich, "Sie sind heute nicht

zurechnungsfaehig, sonst -- "

"Was? -- Pillendreher will noch -- will noch raiss -- raiss'niren -- heh?"

rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an.

"Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst," bat ihn

die Frau, seinen Arm ergreifend -- "komm mit mir in's Haus -- wir haben

noch so viel zu thun."

"Viel zu thun? -- heh? -- habe keine Zeit mehr heut Abend -- hickup" --

stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankaempfend -- "muss noch -- muss

noch -- hickup -- muss noch Wein abziehn und -- und Bier trinken -- hickup --

und -- und hahahahaha -- da ist -- da ist ja die ganze Gesellschaft -- ja wohl

-- hickup -- ja wohl, komme schon -- komme schon meine Herrn -- Lobsich ist

immer da -- ein verfluchter Kerl, der -- der -- hickup -- der Lobsich -- ist

mir doch -- ist mir doch was Unbedeutendes;" -- und in einer unbestimmten

Idee dass ihn vom Haus aus Jemand gerufen haette, wobei er seine Umgebung

ganz vergass, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau aengstlich

folgte. Sie musste ihn ja zurueckhalten, dass er so seinen Gaesten und Leuten

nicht wieder unter die Augen kam.

Capitel 9.

RUeSTUNGEN.

"Nach New-Orleans!"

"Das ausgezeichnet schoene, 360 Last grosse, schnellsegelnde, kupferfeste

und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:

_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzueglicher Gelegenheit

fuer Cajuets- und Zwischendecks-Passagiere -- wird am 30. August expedirt.

Agent dafuer, I. G. Weigel,

Hauptagent des Central-Bureau's fuer Norddeutsche Auswanderung in

Heilingen, am Markt Nr. 17."

Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen

Vorfaellen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben,

hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen voruebergehen lassen, einige

entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten

Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der

naemlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.

Weigel war wuethend darueber, und schrieb augenblicklich einen anderen

Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er

ganz naiv erklaerte, "sich dadurch selber blamiren wuerde." Uebrigens sei

die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _fuer_, sein

Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung waere, und er es sich zum

Grundsatz gemacht haette, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu

beleuchten -- wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einruecken lassen, sei

er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er moege ihn deshalb, wenn

er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.

Die Abfahrt dieses Schiffes war aber fuer Heilingen in so fern von nicht

unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich

dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So

unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der

Stadt ueberhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung hoechst willkommenen

Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Eroerterungen geliefert

hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der naeheren Bekannten Lobenstein's

waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich

einmal ordentlich ueber die Sache "aussprechen" zu koennen.

Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende

Veraenderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika

erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden.

Zwei Wechsel trafen zugleich fuer ihn ein, wie ziemlich starke Auftraege zu

Ankaeufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschaeft er

mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszufuehren gedachte.

Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich

dagegen gestraeubt, musste da wohl endlich seine Einwilligung zu der

Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, ueber dessen

Familie und Geschaeft in New-Orleans er von einem dortigen Geschaeftsfreund

das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, dass der junge

Henkel in Nord-Deutschland sei, waehrend man ihn auf einer groessern Tour

durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht

wissen dass der junge Mann auf dem Rhein andere Plaene fuer seine Zukunft

geschaffen, als er sie frueher vielleicht ausgesonnen.

Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und

Clara, das liebe holde Maedchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners --

wie man ihn ueberall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun

freilich noch, in der kurzen Zeit all die noethigen und so mannichfachen

Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika fuer die junge Frau zu treffen.

Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn

Henkel hatte sich schon selber fest erklaert, seinen kuenftigen Wohnsitz

keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo ueberdies, der

bedeutenden Geschaeftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associe des

Hauses sich aufhalten musste. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen

Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen,

was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und

spaetestens im Maerz oder April schon wieder nach Europa zurueckkehren zu

koennen. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas

laengeren Vergnuegungsfahrt geworden.

Auch fuer Clara's Mutter war das Bewusstsein, ihr Kind nicht fuer immer zu

verlieren und bald wieder in die Arme schliessen zu koennen, eine unendliche

Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen grossen Kampf gekostet,

ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an

dem theuren Mann, und fuehlte sich vollkommen gluecklich in einer

Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das

Ziel ihrer irdischen Wuensche geschienen.

Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Muehseligkeit derselben? sie waere

ihm in eine Wildniss gefolgt, und haette sich doch gluecklich an seiner Seite

gefuehlt.

Der junge Henkel wuenschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer

nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach

New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fuerchtete sich aber an Bord eines

Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen

Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehoert, und

da es sich jetzt gerade so traf dass eine ihr befreundete Familie,

Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem

Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu

duerfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fuegte sich

aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.

Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Waesche und Kleider

herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach

Amerika, und man diese schon grossenteils gepackt und vorausgeschickt

hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen

gestoert zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze

Haus von innen nach aussen gekehrt zu sein.

Der Professor naemlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden koennen mit

seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste

mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital

auffressen wuerden, fuer das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort

und Stelle neu anschaffen koennte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus

verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitsloehne der

verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewiess ihnen

auf das Klarste und Unumstoesslichste was jedes einzelne Stueck Meublen und

Hausgeraeth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten muesse. Eben so hatte

er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen

Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er

endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine

Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten fuer seine Sachen

anzufertigen.

Eine grosse Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen

Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte

heute abgehn, und die letzten dann in den naechsten Tagen befoerdert werden,

noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem

Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Auftraege uebernommen, und kam

heute Morgen, Bericht ueber die Ausfuehrung derselben abzustatten.

Er selber war natuerlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht

einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gruende des Professors dafuer

gehoert, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet

und auch wohl gefuerchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein

Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe,

liess sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man muesse

ihn eben sich selber ueberlassen, und -- es thue ihm nur um die Familie

leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Muehe ihnen, wo er es

nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem

unueberlegten oder unpraktischen Schritt zurueckhielt. So kaempfte er, und

zwar gluecklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglueckselige Idee des

Professors an, sich hier, trotz Allem was er darueber schon gelesen, von

dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drueben

nicht "in Gefahr kommen" von Amerikanischen und betruegerischen

Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung saemmtlicher

Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen koennen, was ihm nicht moeglich

sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.

Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst ueberhaupt

viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch

stutzig, und noch eine authentische Person ueber die dortigen Verhaeltnis zu

hoeren, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um

Meinung und Rath ueber die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache.

Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier

an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm,

was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen

verdienende Persoenlichkeit. Er solle warten bis sie drueben waeren, dort

habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in

New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im

Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem

Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet haette.

"Und der Preis?"

"Er wuerde zufrieden sein." Damit war die Sache fuer jetzt abgemacht;

freilich zu Weigels Verdruss, der die Farm, wie er sich ausdrueckte, nun

noch "zur Verfuegung" behielt.

Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins

besuchte. Das Haus war am vorigen Tag oeffentlich verauctionirt und von

einem reichen Weinhaendler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber

jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemueht das unangenehme Gefuehl nicht

allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen,

"zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein;" zum ersten

Mal fremd in den Raeumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge

gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Traeume.

Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit

geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Bruecke abgebrochen, die noch

zurueck haette fuehren koennen in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen,

das sie noch an dieses knuepfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt,

wie sie sich gestern noch fast Alle gefuerchtet vor dem Gedanken die lieben

theueren Raeume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefuehl zwischen sie

und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus

konnten, fort, nur fort von hier -- aus den Erinnerungen fort. Und doch

sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein fuer

so thoericht und kindisch, mit den quaelenden Gedanken; keines wusste dass das

Gefuehl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens

feinsten Fasern Wurzel schlug.

Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hueteten dem was sie dachten

Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille,

gedrueckte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer

Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.

"Na, ist das ein Vergnuegen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu

kommen," rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schoessen zwischen

einer Reihe Kistendeckel hindurchdrueckte, die, mit den Naegeln nach aussen,

an der Wand lehnten, und dabei noch ueber eine Unzahl Koerbe und Schachteln

wegsteigen musste, nur in die Stube zu kommen.

"Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann," rief ihm der Professor, der

seine Stimme gehoert hatte, aus der halbgeoeffneten Thuere entgegen (er

konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand).

"Sie moechten sich da draussen die Kleider zerreissen."

"Ist schon bereits geschehen," brummte Kellmann, indem er versuchte einen

Blick nach seinem, allerdings beschaedigten Ruecktheil zu gewinnen, "meine

Guete, wie sieht das bei Ihnen aus -- ah guten Morgen meine Damen -- und

schon so fleissig? -- was um Gottes Willen naehen Sie denn da? --

Getraidesaecke fuer die naechste Erndte?"

"Fehlgeschossen Herr Kellmann," rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem

freundlichen Mann neckte, entgegen -- "Jacken sind das fuer uns, in den

Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte

Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da koennen Sie

uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will

sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort

drueben muessen wir ueberdies Alles allein machen -- So -- nun, wie gefalle ich

Ihnen darin?"

"Gar nicht," sagte Kellmann muerrisch, "ich saehe Sie weit lieber in einem

leichten Ballkleid und mit Ihrem gewoehnlichen heiteren Gesicht, als in der

Sackleinwand und -- hm -- das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt

noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? -- der ist immer

fort wenn ich komme."

"Der geht mit, lieber Kellmann," rief der Professor, "er konnte sich nicht

dazu entschliessen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn

zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben,

nuetzlich sein wuerde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem

Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine

Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiss was wir da Alles zu thun

bekommen."

"Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren," brummte

Kellmann -- "bei wem ist er denn, bei Leupold?"

"Leupold?" rief der Professor, "der geht ja mit unserem Schiff nach

New-Orleans."

"Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?" rief Kellmann laut und

verwundert.

"Hat sein Haeuschen und seine Werkstaette verkauft, und ist jetzt

wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen," betaetigte ihm der Professor.

"Na nu ist mir's aber doch ueber den Spass," rief Kellmann -- "da laeuft ja

halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; naechstens werden wir uns

unsere Schraenke und Schuhe und Roecke selber machen koennen wenn wir 'was

haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken dass

er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum

Verzweifeln."

"Lieber Gott," sagte der Professor -- "die Leute verlangen nur Ellbogenraum

sich zu ruehren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Beduerfnissen

Befriedigung verspricht."

"Da haben Sie gleich den faulen Fleck," rief Kellmann, "_Beduerfnisse

befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und

nicht mit jedem Jahre auch neue Beduerfnisse kennen lernten und befriedigt

haben wollten, so haetten wir alle Platz, und das verwuenschte Amerika

koennte sehen wo es Haende und Faeuste bekaem zuzupacken und ihm den Boden zu

bestellen. Aber ich will mich nicht laenger aergern -- lasst sie laufen,

nachher wird's hier erst recht gemuethlich -- apropos -- Ihren Freund Weigel

haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen -- er wollte

Dienstleute, ich glaube einen Schaefer, verlocken nach seinem geruehmten

Amerika auszuwandern."

"Meinen _Freund_?" sagte der Professor achselzuckend, "ich habe mit Herrn

Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als

einen Mann der ein gutes Herz mit einer tuechtigen Portion gesundem

Menschenverstand verbindet, und besonders schaetzenswerthe statistische

Kenntnisse Amerika's besitzt."

"Bah!" sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern

schnalzend, "so viel fuer seine statistischen Kenntnisse; _unverschaemt_ ist

er, das halt' ich fuer seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der

groessten Kaltbluetigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht

gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht fuehren

laesst. Wenn das Alles wahr ist was er ueber Amerika sagt, waere _er_ der

groesste Esel wenn er nicht selber hinueberginge."

"Seine Verhaeltnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert

hat," vertheidigte ihn aber der Professor.

"Ja, das kennen wir schon," sagte Kellmann, "und wenn mich irgend etwas

glauben machen koennte dass _er_ wirklich Amerika kennt, so waere es der

Umstand dass er selber nicht hinuebergeht."

"Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?" frug die Frau

Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespraech abzubrechen

wuenschte.

"Ja, fuer die Dienstleute von Hohleck," sagte Kellmann, "und Schollfeld und

ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spass mit anzusehn."

"Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?" lachte Marie.

"Er kam spaeter nach," sagte Kellmann -- "der arme Teufel ist jetzt auch

immer verdriesslich und niederschlagen."

"Er hat sein Kind verloren," sagte Anna mitleidig.

"Ja, und zu Hause fuehlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und

behaglich."

"Wir haben davon gehoert," sagte die Professorin -- "seine Frau soll

eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten."

"Seine Frau ist -- " fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber

wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden

Tisch.

"Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?" sagte aber Marie, jetzt zu

ihm tretend und seinen Arm beruehrend -- "Sie schneiden ja heut Morgen ein

so bitterboeses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen

gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? -- oder -- Sie sind

doch nicht boese mit uns?"

"Boese mit Ihnen? lieber Gott Mariechen," sagte Kellmann herzlich ihre Hand

ergreifend -- "ich muesste boese mit Ihnen sein dass Sie fortgehn und mich hier

allein zuruecklassen; sonst wuesst' ich wahrhaftig nicht weshalb."

"So kommen Sie mit," lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.

Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschuettelnd, und mit der

Hand ueber seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trueben

Gedanken verscheuchen wollte --

"Nach Amerika? -- ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es

wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn."

"Ist etwas vorgefallen, und koennen wir Ihnen helfen, lieber Herr

Kellmann?" sagte Anna freundlich.

"Ach Gott nein," sagte der kleine Mann seufzend -- "es ist ein Stueck von

dem allgemeinen Elend, das ueber den ganzen Erdball hinspielt, und das uns

gewoehnlich mit einem unheimlichen Gefuehl, auch nicht ausser dem Bereich

desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem

Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa

drueben aus dem Loewen kam?"

"Ja, Sie gruessten ja herauf," sagte die Professorin --

"Nun gut; ich war dort, einem armen Maedchen nachzufragen, das wir gestern

Abend spaet auf der Strasse trafen, und das ich dorthin schickte

Nachtquartier zu suchen" -- Und nun erzaehlte ihnen Kellmann mit kurzen

Worten das gestrige Zusammentreffen mit des ungluecklichen Lossenwerder

Schwester, und ebenfalls dass sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie

der arme Teufel von Lossenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur

in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm

das letzte, einzige das er auf der Welt hatte -- seinen ehrlichen Namen --

nehmen wollte -- oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte.

Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen fuer

einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genuegend dargethan hat dass --

"gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden."

"Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Maedchen?" frugen fast

gleichzeitig Marie und Anna -- "lieber Gott, hier in der fremden Stadt,

allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich muesste es da sein, wenn

sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernaehme."

"Gestern Abend," sagte Herr Kellmann etwas verlegen, "kam uns das Ganze

wirklich so schnell und ueberraschend, dass wir nicht die geringste Zeit zum

Ueberlegen behielten; wir -- wir gaben ihr nur ein paar Groschen und

schickten sie in den Loewen, hier gegenueber, um da zu uebernachten, damit

sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder fruege, und die entsetzliche

Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erfuehre; heute Morgen wollte

ich dann selber herkommen und sehn was sich thun liess -- "

"Und jetzt? -- weiss sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig

die Haende faltend -- Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:

"Sie ist fort -- "

"Fort? -- wohin?" riefen die Frauen.

"Kein Mensch konnte mir darueber Auskunft geben, gestern Abend war sie

richtig dort angekommen, und ihres duerftigen Aussehns wegen in die

Gesindestube gewiesen, und dort muss sie unglueckseliger Weise ihren Namen

genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste

gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Buendel im Stich lassend,

hinausgelaufen in Nacht und Nebel und -- und nicht wieder zurueckgekehrt."

"Du lieber Gott," sagte Anna, "wenn sie sich nur kein Leides gethan."

"Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese

aufmerksam zu machen," sagte Kellmann etwas kleinlaut, "werde auch selber

noch mein moeglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber -- ich

weiss wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja

keinen einzigen Menschen in der Stadt."

"Und in ihres Bruders frueherem Logis? -- "

"Hat sie Niemand gesehn -- ich war dort."

"Waren Sie auch schon -- auf dem Kirchhof?" frug ihn Marie jetzt leise und

schuechtern."

"Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht," sagte Kellmann rasch

seinen Stuhl zurueckschiebend, "die Moeglichkeit ist da, und ich will keinen

Augenblick mehr versaeumen -- vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spaet."

"Und Sie sagen uns Antwort?"

"Sowie ich etwas Bestimmtes ueber sie weiss -- aber -- aber was dann mit ihr

anfangen? -- hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben," sagte Kellmann,

die Thuerklinke schon in der Hand, "und ueberhaupt scheint mir ihr

schwaechlicher Koerper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet."

"Vielleicht bietet sich da fuer die Schwester in demselben Haus ein

Ausweg," rief Anna ploetzlich, "das fuer den Bruder ja so viel gut zu

machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch

klagte mir Clara ihr Leid, dass ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr

zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, ploetzlich

anderes Sinnes geworden waere, und sich jetzt weigerte Heilingen zu

verlassen. Clara ist so seelensgut, sie wuerde gewiss Alles thun was nur in

ihren Kraeften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.

"Aber wird sich das Maedchen selber dazu eignen?" sagte Kellmann.

"Weshalb nicht," rief aber auch jetzt Marie -- "bringen Sie die Arme nur

hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet

Papa gewiss einen Ausweg."

"Ja, Papa einen Ausweg," sagte aber der Professor -- "ich kann _Niemanden_

mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen,

denn wir sind Leute genug."

"Ach wenn sie ueberhaupt gehen will," rief Kellmann, "die Passage bringen

wir hier schon zusammen, und wenn sich Fraeulein Anna bei Frau Henkel fuer

sie verwenden will, waer' es ein Glueck fuer das arme Maedchen, den hiesigen

fuer sie so trueben Verhaeltnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch

jetzt leben Sie wohl -- ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und

hoffe Ihnen bald guenstige Nachrichten bringen zu koennen."

* * * * *

Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und

sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um

zehn Uhr etwa fuehlte er sich etwas besser, und beschloss ein wenig an die

frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draussen die trueben quaelenden

Gedanken zu verscheuchen.

Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen,

und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.

Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Huegeln hin, fuehrte, lief eine

kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von

Unkraut ueberwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast

versteckter flacher Huegel war dort aufgeworfen, ueber dem kein Kreuz den

Namen des Hingeschiedenen kuendete, keine Blume ein sorgendes Herz

verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thraene nachgeweint. Und dort? --

in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Maedchengestalt,

Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen

aufgeloesten Locken ruhten.

"Lieber Gott," sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr

stehen bleibend, leise vor sich hin -- "es ist doch noch viel, viel Elend

in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte

man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute

nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie

sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen

ungluecklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen dass man es

nicht allein ist." Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines

Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Huegel, und sich selber

dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines

anderen Menschen deckte.

Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Haenden bedeckt, und regungslos in

seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken ueberlassen, bis

die Sonne hoeher und hoeher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte

den, den heissen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn

er sich nicht noch kraenker machen wollte als er schon war. Er stand auf,

und sah sich nach dem Todtengraeber um, diesen zu bitten den Blumenstock

fuer ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit

einem neuen Grabe beschaeftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er

mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeraeth neben sich

in den Boden stossend und sich den Schweiss von der gluehenden Stirne

trocknend, sagte er freundlich:

"Warmer Tag heute, Herr Actuar -- sehn Sie einmal was fuer ein schoenes

Stoeckchen; das muessen wir aber ordentlich angiessen, sonst vertrocknet es

gleich in der lockeren Erde -- werde Ihnen das schon besorgen."

"Bitte sein Sie so gut," sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf,

drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen

locker und los zu bekommen.

"Kennen Sie das junge Maedchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?"

frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufaellig dort hinueber

streifte -- "dort drueben meine ich."

"Ja ich weiss schon," sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit

seiner Arbeit beschaeftigt -- "nein -- sie sass vor dem Kirchhofsgitter schon

heut' Morgen wie ich oeffnete, um drei Uhr frueh, und muss die ganze Nacht da

zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem

Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht,

und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor."

"Und wer liegt da begraben?" frug Ledermann schnell, dem ein ploetzlicher

Gedanke an das Maedchen von gestern Abend aufstieg.

[Capitel 9]

"Dort an der Mauer?" sagte der Todtengraeber, "ih Sie wissen ja, der kleine

bucklige Bursche, der von der Bruecke gesprungen war, und sich den Kopf

aufgeschlagen hatte."

Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte

Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit fuer seine Dienstleistung, und ging

dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine fruehere Arbeit

aufgenommen hatte, zu Lossenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und

regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Koerpers

verrieth das darin wohnende Leben.

"Liebes Kind," sagte Ledermann leise -- das Maedchen bewegte sich nicht --

"mein liebes Kind," sagte er lauter, und beruehrte ihre Schulter mit seinem

Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thraenen ueberstroemte Gesicht zu ihm

empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich

verwirrt, beschaemt aus ihrer Stellung auf.

"Aber wie koennen Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras

werfen," sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf -- "Sie _muessen_ ja

krank werden -- nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?"

Das Maedchen sah ihn gross und verwundert an, und schuettelte dann langsam

mit dem Kopf.

"Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draussen vor dem Thor, wo die Musik in

dem Hause war," sagte Ledermann -- "hatten Sie gar keine Ahnung von dem

Schicksal des Bruders?"

"Keine," sagte die Arme leise, das Koepfchen wieder senkend.

"Und wo erfuhren Sie seinen Tod?"

Das Maedchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und

sagte endlich, wie mit angstgepresster Stimme:

"Gestern Abend in dem Haus -- die Leute in der Gesindestube frugen mich wo

ich herkaeme und um meinen Namen, und dann --

"Und dann?" frug der Actuar mitleidig, als das Maedchen schwieg und ihr

Antlitz wieder zitternd in den Haenden barg --

"Dann sagten sie" -- setzte das Maedchen, am ganzen Koerper bebend hinzu --

"dass Einer der so hiess -- und sie spotteten dabei ueber sein Gebrechen -- dass

Einer -- hier -- " sie vermochte nicht auszureden und warf sich,

ruecksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter

Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit

ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein

stilles, kuehles Bett.

Nur mit Muehe, und herzlichen troestenden Worten die er zu ihr sprach,

brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich

dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr ueber ihr

Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hiess Hedwig, war funfzehn Jahr alt

und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten

zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in

Dienst gehen musste. Ihre Elteren schienen in besseren Verhaeltnissen gelebt

zu haben, waren aber frueh gestorben, und die Waisen sich selber ueberlassen

gewesen. Ihr um zehn Jahr aelterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer

dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstuetzt, auch

ihr vor einigen Monaten -- und das musste etwa grade vor seinem Tode gewesen

sein, geschrieben, dass er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu

haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort

vielleicht ein kleines Geschaeft oder irgend etwas Anderes anzufangen,

ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach musste er ihr auch

die genaue Summe geschrieben haben, die er besass, und als sie der Actuar

dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend moeglich sei, da

der vielleicht vollstaendig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie

aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfaeltig

bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat

nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt

unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine

Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewissheit zu ertragen, verliess sie

ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den

weiten Weg zu Fuss zurueckzulegen. Und ihr Empfang? grosser Gott mit Spott

und Hohn wurde ihr Bruder -- das einzige noch auf der Welt ihr gehoerende

Wesen, das sie mehr als sich selber liebte -- eines furchtbaren Verbrechens

beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und

schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschuetterte

das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an

den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quaelend in ihr aufsteigen

wollte, wie sie sich auch dagegen straeubte; und doch _wusste_ sie dass er

keiner schlechten Handlung faehig gewesen sei.

Waehrend dieser Erzaehlung flossen ihre Thraenen staerker; wenn aber der

Schmerz auch nur mehr aufgeruettelt wurde durch das Wiederdurchleben

vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen ueber

ihren Verlust. Der Actuar ueberlas indess fluechtig den Brief, und den Datum

mit dem veruebten Raub vergleichend sah er, ob Lossenwerder nun schuldig

oder unschuldig sei, dass jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum

gewesen sein muesse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn

gelten konnte.

So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker

gegangen war, das arme Maedchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm

der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmuethige kleine Kuerschner

setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die

seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme

gequaelte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte

Freunde fuer sie finden, die sich ihrer annaehmen, und sie Beide, Ledermann

und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder

ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja

nichts mehr fuer den Armen thun.

Hedwig weinte, waehrend er sprach; aber die Thraenen loesten ihren Schmerz --

die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit

die sie gehoert, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem

Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen waere. Wieviel Segen

hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Ungluecklichen gespendet -- wie

viele Thraenen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte,

doch gelindert.

Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu fuehren, wo sie

wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika

sagte er ihr noch Nichts, die naechsten Tage mochten sie erst mit dem

Gedanken vertrauter machen, wenn sie hoerte wie viel Leute die auch ihren

Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach

dort hinuebergingen.

Hedwig zoegerte noch schuechtern das guetige Erbieten anzunehmen, aber die

Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so huelflos, so allein

in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels

in ihrem Schmerz, und unter Thraenen nahm sie seine Hand und dankte ihm,

und sagte dass sie ihm folgen wuerde, wohin er sie fuehre.

Capitel 10.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 11 / 12 题