DIE BEIDEN FAMILIEN.

Der Leser muss mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen

antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr

verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir spaeter

wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewaehlten Vaterland.

An der Hannoeverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen,

und fast versteckt zwischen maechtigen Linden und Fruchtbaeumen, die es von

allen Seiten dicht umgaben.

Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft ueberschauenden

Huegel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das

sein Dach ueber gute und glueckliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte

lang -- und heute? -- Guter Gott welche Veraenderung in dem Haus -- der Vater,

Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen

seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehuellt in eine dichte

Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschaeftig

herueber- und hinuebergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu

besorgen die sie immer wieder vergass, ehe sie nur das andere Zimmer

betreten.

Der aelteste Sohn Georg ging zu Schiff -- ging nach Amerika ueber das weite,

wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort fuer den unruhigen Geist

das Glueck zu suchen, das er hier nicht fand, und "wann wuerden sie ihn -- ja

wuerden sie ihn je wieder sehen?" Oh es ist ein grosser Schmerz fuer ein

Elternherz ein Kind in der Bluethe der Jahre zu verlieren -- wie viel Sorge,

wie viel schlaflose Naechte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche

Hoffnungen knuepften sich an das junge Wesen, und bluehten und reisten mit

ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch

unsicheren Fuss vor Stoss und Fall zu schuetzen, wie aengstlich jedem boesen

Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist haette vergiften koennen. Und nun das

Alles preiszugeben der Welt, ihren Verfuehrungen, ihren Gefahren fuer Geist

und Koerper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die

stuermischen Wogen des Lebens -- sich selbst ueberlassen, und der eigenen,

vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thraenen

werden da geweint, wie trueb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft

vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter -- Krankheit wird es

erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Naehe sein, es zu

pflegen und ihm den Schweiss von der heissen, gluehenden Stirn zu trocknen,

die Verfuehrung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und

keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn -- Noth und Mangel

vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm

Huelfe bringt, und den Ungluecklichen troestet und unterstuetzt -- Mutter und

Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herueber

zu ihnen -- ihr Trost und Huelfswort nicht zurueck zu ihm.

Und ein solcher Abschied dann -- der Tod pocht nicht viel haerter an des

Glueckes Thor, und das Bewusstsein den Geschiedenen still und geschuetzt in

kuehler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft

noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod -- der Fortgang ueber's

Meer, in eine fremde, ungekannte Welt -- vielleicht so ohne Wiederkehr wie

jener, und ohne jedes beruhigende Gefuehl der Sicherheit. Der Scheidende

ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurueckbleibenden; ihm

liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draussen, jede Meile

Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen

Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, fuer sich und sein Gepaeck, seine

ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben -- ein

ungewohnt Geschaeft bis jetzt -- und fremde Landschaft, fremde Scenen

wechseln so rasch an ihm vorueber, dass jedes Bild einen Theil des alten

Schmerzes fortfuehrt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat

nicht das Herbe, Bittere fuer ihn, als es fuer diese hat, wenn sie sein

gedenken, und sich mit Vermuthungen quaelen muessen wie es jetzt ihm geht,

was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er weiss_ in welchem

Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen,

haeuslichen Beschaeftigungen, ihr gleichmaessiges Wirken und Schaffen, und

sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen

Anhaltspunkt an sie sich unverkuemmert fort, bis das Bild, von anderen

dicht umdraengt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur

noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen

Traeumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von

sich stoesst, und er allein und freundlos sich da fuehlt, wieder aufzugluehen

in aller Frische und Waerme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen,

einsamen Wanderer.

Georg war ein junger lebenskraeftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit

dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt ueber die offene

sonngebraeunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien,

gutmuethigen Zuegen, die selbst eine breite dunkle Narbe ueber den rechten

Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er

hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiss

verdient, aber die Aussichten fuer einen jungen Arzt waren trueb und

unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon

so viel gelesen und gehoert, zog ihn maechtig an. Sein Vater konnte und

wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdruecken; auch er erkannte die

Banden, die hier einen kraeftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und

ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten duerstenden Brust, einen

Schauplatz zu finden fuer ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl

selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen musste, wie manche

Hoffnung der Sohn zertruemmert, wie manche Erwartung er getaeuscht sehn

wuerde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer

aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte uebergossen winkte. Und wie wuerde

sich sein Herz dann bewaehren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden,

Flaggen- und Blumengeschmueckten Waellen seiner eigenen Luftschloesser

aufschaute, wenn es an deren Truemmern stand? oh dass er dann haette an

seiner Seite stehen und ihn leiten duerfen den dunklen, schmalen Pfad zum

wahren Glueck -- retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.

Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick

vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein ueber seiner Zukunft

spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trueben Bildern, die das

Herz des Vaters oft mit banger Trauer fuellten; ihm war das Thor jetzt weit

und frei geoeffnet, das hinaus in's Leben fuehrte und an dessen Schwelle er

stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner

Seele.

Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt,

das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen

die dem Sohne in der Welt draussen bluehen, an die Gefahren die ihm drohen

koennten; sie sah und fuehlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den

Abschied von dem Heissgeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den

ganzen Tag ihren gewoehnlichen Beschaeftigungen obgelegen, wie im Traum noch

einmal seine Lieblingsgerichte bereitet fuer den Abend, den letzten Abend,

den er im Vaterhause zubringen wuerde.

Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen,

aber Keiner von allen, die juengsten Geschwister ausgenommen, schmeckten

was sie assen; man sprach dabei ueber das an dem Nachmittag fortgesandte

Gepaeck, ueber das Wetter, ueber die Uhr die zehn Minuten vorging -- Georg

trug Gruesse auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er

hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber

nicht dazu gekommen -- Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte

er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster

bluehte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber waehrend dem Essen

stand die Schwester -- unvermisst -- vom Tische auf, ging hinaus, grub einen

Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich

die Thraenen in die Augen zwangen -- er mochte kaempfen dagegen wie er wollte

als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus --

nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen

verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die

Mutter kam zurueck und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man

konnte den langsamen Gang der Uhr hoeren, an der Wand.

Da endlich fuellte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken

und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des

Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte

schwollen ihm im Mund -- er brachte eine volle Minute keine Sylbe ueber die

Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.

"Auf ein frohes Wiedersehn Georg!"

Georg presste des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den

Geschwistern zu -- und die Mutter hob ihr Glas und stiess mit dem Sohne an,

aber mehr vermochte das Mutterherz nicht -- zu lange hatte sie jetzt

gewaltsam gegen ihr eigenes Gefuehl an- und den Schmerz niedergekaempft, den

Anderen zu Liebe; laenger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit

zitternder Hand niedersetzend, dass der Wein ueber und auf das Tischtuch

floss, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und

schluchzte laut.

"Mutter, liebe -- liebe Mutter -- "

"Mein Kind -- mein Kind," jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an

Heftigkeit, wie der maechtig aber still dahinwaelzende Strom schaeumend

hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem

Bett -- "mein liebes -- liebes Kind."

"Aber Mutter," bat der Pastor, "fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht

auf kurze Zeit, bis sich der Junge draussen die Hoerner abgelaufen, und ihm

die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder."

"Liebe -- liebe Mutter," fluesterte Georg, sie innig an sich schliessend, und

auch ihm erstickten unaufhaltsam fliessende Thraenen die Stimme.

Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar

Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich

aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und

abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie

langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:

"Kommt Kinder, kommt -- macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen

schwer; das ist unrecht. Ueberdies quaelt Ihr Euch zweimal, und habt morgen

frueh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung

fuer's Leben -- wir sind Alle noch ruestig und gesund, und werden uns, will

es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schliessen

koennen."

"Aber Du schreibst bald, Georg," fluesterte die Mutter sich mit aller Kraft

zusammennehmend -- "Du laesst uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du

versprichst mir das?"

"Gewiss Mutter, gewiss -- so oft ich kann -- aber aengstigt Euch nur auch

nicht, wenn einmal ein Brief laenger ausbleibt als gewoehnlich; der Weg ist

weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn."

"So, und jetzt zu Bett Kinder," mahnte der Vater -- "es ist spaet geworden,

sehr spaet, und Du musst frueh wieder heraus Georg, die Post nicht zu

versaeumen; sind Deine Koffer hinuebergeschafft?"

"Es ist Alles drueben," sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes

windend und ihre Thraenen trocknend, "nur sein Ueberrock ist noch hier, den

er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen frueh sein Nacht- und

Waschzeug steckt -- doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht

vergessen. Ich bin frueh auf, Georg, Du musst ja doch auch noch Deinen

Kaffee haben bevor Du gehst."

"Gute Nacht Mutter!" rief Georg, umschlang sie noch einmal und kuesste ihr

Lippen, Augen und Stirn, "gute Nacht meine gute, gute Mutter -- gute

Nacht!"

"Gute Nacht mein Georg, mein Kind," sagte die arme Frau unter Thraenen --

"schlaf nur jetzt recht aus -- zum letzten Mal unter unserem Dach -- fuer die

naechste Zeit wenigstens," setzte sie rasch hinzu -- "denn mit Gottes

Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein -- und -- und

meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst -- wo Du weilst -- was Du thust --

-- er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!"

Georg beugte sich unwillkuerlich dem ernsten heiligen Wort -- seine ganze

Gestalt zitterte dabei, und die Mutter musste sich endlich mit freundlicher

Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes

aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kaemmerlein recht, recht herzlich

auszuweinen.

Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht -- die aelteste Schwester

Louise hing lange an seinem Hals, aber riss sich los, den Schmerz der

Eltern nicht zu vermehren. Die Juengeren kuessten ihn auf die Wangen und

sagten. "Gute Nacht Georg -- weck' uns nicht zu spaet morgen frueh, dass wir

Dir auch noch koennen glueckliche Reise wuenschen."

Georg kuesste sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und

Mutter Freude -- viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und

die Eltern wuerden deshalb recht traurig sein.

"Gute Nacht Georg," sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen

waren, und Alle, ausser ihm, das Zimmer verlassen hatten, "habe keine Angst

dass Du die Post morgen verschlaefst, ich wache schon auf zur rechten Zeit --

gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach'

mir das Herz nicht schwer vor der Zeit -- aber Georg, um Gottes Willen was

ist Dir? -- sei ein Mann -- Nun ja -- so lange die Frauen da waren hat es mir

auch das Herz fast abgedrueckt -- man darf es sie ja nicht so merken lassen,

sonst zerfliessen sie ganz -- "

"Mein lieber -- lieber Vater," schluchzte Georg an seinem Halse."

"Mein guter, guter Sohn!" fluesterte der Pastor, des Kindes Stirne kuessend,

und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt -- "bleibe brav -- bleibe

so brav wie Du bist -- ich kann Dir nichts Besseres wuenschen -- trage Gott

im Herzen und Dich selbst, und -- Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir

folgt auf allen Deinen Wegen."

"Mein Vater!"

"So mein Sohn -- jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schoepfer dass er uns

morgen in der schweren Abschiedsstunde staerkt -- gute Nacht mein Georg --

gute Nacht."

Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, kuesste ihn noch einmal, und

verliess dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf

dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Haenden

bergend.

"Gute Nacht," fluesterte er endlich leise und kaum hoerbar, als Alles schon

im Hause still war, und zu Ruhe gegangen -- "gute Nacht Ihr Lieben und Gott

schuetze Euch und mich; aber nicht moeglich waere es mir, die furchtbare

Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht moecht' ich Dir Vater, Dir

Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist

vorbei -- Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber

liegt, ein schoener Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk"

setzte er fest und entschlossen hinzu, "und ob das Herz darueber brechen

will, "durch" ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht -- _durch_."

Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zaehnen gemurmelten

Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer oeffnend warf er den Rock ab,

und badete Gesicht und Nacken in kuehlem Wasser. Dann, als er die Glut die

ihn durchtobte, in etwas geloescht, packte er den kleinen Nachtsack mit

den, sorglich fuer ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenstaenden, zog

sich wieder an, knoepfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht

war kalt, und nach der gehabten Aufregung froestelten ihn die Glieder, und

im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel

stehenden, fuer ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der

weiten Tasche seines Ueberrocks, oeffnete dann das Fenster, das in den

Garten hinaus und von da ueber den Kirchhof fuehrte, der Landstrasse zu, und

schwang sich auf das Fensterbret.

"Ade!" fluesterte er, "ade Du trautes, liebes Haus, ade -- Gott halte seine

Hand ueber Dir, und schuetze die lieben Menschen -- ade, ade." Und von dem

Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich

leicht ueber die Kirchhofmauer, die er als Kind unzaehlige Male

ueberklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen

Weg entlang.

* * * * *

Noch hob sich die Sonne nicht ueber den oestlichen Fichtenhang, und der

daemmernde Tag gruesste eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von

ihrem Lager hob, das Maedchen weckte dass es Feuer in der Kueche mache, den

Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen.

Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen -- die

Gedanken und Sorgen liessen ihn nicht ruhen, und wie aus boesem Traum fuhr

er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurueckzusinken, _dass_ es

eben kein Traum sei, der ihn bedruecke und quaele.

Er stand auf, zog sich an, und waehrend die Mutter draussen in der Kueche

sorgte, dem Sohn ein rasches Fruehstueck zu bereiten, ging der Vater hin ihn

zu wecken.

"Georg!" sagte er, als er die Thuer oeffnete, die in des Sohnes Kammer

fuehrte -- "Georg -- es wird Zeit -- heiliger Gott!" unterbrach er sich aber

rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberuehrt und keine

Spur mehr von dem Kinde fand -- "heiliger, erbarmender Gott -- er ist fort."

Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind,

die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene

Schwaeche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart -- zu unerwartet. In diesem

Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich

erschuettert von der Thuer abwandte und das Antlitz in den Haenden barg.

"Mein Sohn -- mein Kind!" stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung

des Geschehenen, der sie wie ein jaeher Schlag in's Herz traf -- "wo ist --

wo ist Georg?" Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf

die seine heissen Thraenen fielen, kuessend, fluesterte er leise:

"Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise -- er ist

fort."

"_Fort!_" hauchte die Frau -- kaum noch den Sinn der Worte fassend, und

brach bewusstlos in den Armen des Gatten zusammen.

* * * * *

Ausserhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehoerend, und

dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein

kleines, schon halb verfallenes Haus, das frueher einmal von einem

Forstgehuelfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr

benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war.

Der Mann der es kaufte aber, hatte frueher ebenfalls in herrschaftlichen

Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes,

liederliches Leben jedoch liess sein Geschaeft nicht foerdern, noch vorwaerts

gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmaessigen Arbeit zu

haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht,

ein Maedchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen musste

und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem

Gelde eben das kleine unwohnliche Gebaeude, das er nichtsdestoweniger

bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernaehrte. Er zog im Lande

herueber und hinueber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb

er sich in den Wirthshaeusern herum, wo er trank und spielte, und den

schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne dass jedoch

die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die

ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurueck; Niemand mochte Umgang mit

ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras;

wen dort nicht ein besonderes Geschaeft hinfuehrte, betrat ihn nimmer.

So hatte der "schwarze Steffen," wie er im Lande seines dunklen Haares und

Aussehns wegen hiess, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein

Weib ihm, ausser dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere

geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn

auf, dass er sich naemlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und --

wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und

unterbringe.

Sicher ist, dass nicht alles Fleisch was er zu Markte fuehrte, im Stall

gemaestet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer

Zeit, ein Forstgehuelfe, in Ausuebung seiner Pflicht, erschossen worden,

wurde die Aufsicht ueber den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu

Kragen konnte, so scharf gefuehrt, und diesem zuletzt so unertraeglich, dass

er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht

und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geuebter

Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals

erstandene Haus, von dem uebrigens kein Ziegel mehr sein gehoerte, zu raeumen

und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz

aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom

ersten des naechsten Monats an.

Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben,

und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half,

zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten

wenig darauf; sie waren gewohnt dass der Vater oft fortging, und dann immer

mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen

bekamen, oder auch nur von ihm hoerten. Fragen, wohin er ging, durften sie

nie.

Der Vater war uebrigens muerrischer heute als je -- er sprach fast kein Wort,

trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube

stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann

zu dem juengsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und kuesste.

"Weshalb weinst Du, Mama?" sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas ueber

fuenf Jahren -- "hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?"

"Weil sie eine Naerrin ist," brummte der Vater, der die Frage gehoert hatte,

und jetzt einen aergerlichen Blick nach der Frau schoss -- "ich daechte wir

haetten nun genug darueber geschwatzt und die Sache waer' abgemacht."

"Nun ja -- ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen," erwiederte die Frau --

"es -- es ueberkommt Einen nur noch manchmal so -- nachher wird's besser und

-- es geht ja doch nun einmal nicht anders," setzte sie still und schwer

vor sich hinseufzend, hinzu.

Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter

irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte

dann, als er sich mit der Frau allein sah, muerrisch und finster.

"Du flennst und flennst, und wirst die Baelge noch zuletzt aufmerksam und

aengstlich machen mit Deiner Heulerei -- kannst Du sie hier ernaehren, so

bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch

vernuenftig und mach' jetzt keine dummen Streiche -- es waer' ein Spass, wenn

sie uns abfassten, und Du weisst am Besten was uns nachher bevorstuende."

Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Haenden und

Fuessen, musste auch einmal in frueheren Jahren wirklich schoen gewesen sein,

und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, haette sie eben

etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeusseren ging sie,

wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlaessigt; die ungeordneten

Haare wurden durch einen zerbrochenen, aechten Schildpatkamm, und durch ein

schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine grosse bronzene

Broche mit einem unaechten Turquis sass, gehalten; in den Ohren hingen ihr

ebenfalls lange emaillirte unaechte Ohrringe, die mit dazu beigetragen

hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der

"stolzen Jule" zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem

Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in

Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke

passten.

Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch

jetzt einem maechtigeren Gefuehl gewichen war, denn nur manchmal, bei den

rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich

dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.

"Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, dass ich mit Dir gehe und die Kinder

zuruecklasse," sagte sie dann nach kleiner Weile -- "wenn's mir das Herz

dabei zusammenzieht, waerst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir

wehren. Der Wolf laesst seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort -- "

"Der Wolf hat auch draussen zu leben, und fuer die Jungen Milch -- wer

giebt's uns?" zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zaehnen durch

-- "wir koennten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen

Kreis."

"Ich weiss es, ich weiss es," sagte die Frau, "und das ist das Einzige was

mich freut, dass wir ihnen jetzt einen Streich spielen -- den Lumpen. Und

wie sie schreien und schimpfen werden -- aber ernaehren muessen sie sie doch,

davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen

Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein

zurueckzulassen -- wenn ich das Juengste nur mitnehmen duerfte -- " setzte sie

leise hinzu.

"Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewaesch," rief aber der

Mann finster und aergerlich -- "ich daechte das haetten wir ueber und genug

besprochen und ueberlegt, und waeren einig darueber."

"Ueberlegt gar nicht," sagte aber die Frau, die Brauen fest

zusammenziehend -- "wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob

angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem

Anderen. Ich weiss dass ich nicht zu den Weichen gehoere, aber -- Mutter

bleibt doch Mutter, und -- 's ist immer ein haesslich unnatuerlich Ding."

"Papperlapapp!" sagte der Mann den Kopf herueber und hinueber werfend --

"unnatuerlich -- natuerlich ist's allerdings nicht dass die Scheunen

ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen

Fausten zum Fenster hinauswirft, waehrend wir hier trocken Brod nagen

sollen, und das nicht einmal immer kriegen -- schoene Natuerlichkeit das."

"Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem -- "

"Halt's Maul!" brummte aber der Mann muerrisch -- "ich sollte mich wohl

erwischen und anzeigen lassen, dass ich jetzt im Zuchthaus saess und spaenn --

Gott verdamm mich, ich schoesse eher die ganze Bande ueber den Haufen, einen

nach dem anderen -- bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?"

"Ja!" sagte die Frau leise und unwillkuerlich zusammenschaudernd -- "es kann

fort gehn."

"Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist," sagte Steffen nach

kleiner Pause; "besser ist besser, und der Maertens unten an der Strasse

braucht nicht gleich zu wissen dass wir fortgefahren sind, beide zusammen,

seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal

hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte."

"Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?" sagte die Frau, "und

unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst boes,

und wir duerften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn."

"In's Arbeitshaus, eh? -- nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den

Hacken, und Gefahr dass sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur

Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft,

wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse

ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen

Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermisst wird,

suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht

erfunden, dem ist leicht was aufgehaengt. Bis sie eine Weile stromab

geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch

ueber dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Maertens gehn

und Mehl holen; es ist auch heute der gewoehnliche Tag, und hierher kommt

nachher keiner so leicht, nimm Du indess die Kinder vor, und instruire sie

wie sie sich zu verhalten haben."

Und seine Muetze aufgreifend steckte Steffen die Haende in die Taschen, und

schlenderte langsam den Hang hinunter dem naechsten, eine gute

Viertelstunde entfernten Hause zu, waehrend die Frau die Kinder zu sich

hereinrief, das Juengste, ein kleines liebes Maedchen von anderthalb Jahren,

auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.

Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach

etwa einer Stunde, als es schon voellig dunkel geworden war zurueck -- die

Mutter sass noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr

eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrueckt.

"So Jule, es ist Zeit," sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und

den Rock anziehend, "weiss die Albertine was sie zu thun hat?"

Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand

auf, kuesste das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein

Bettchen -- einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.

"Albertine," sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der

duester brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab,

dass die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Zuege

schauen sollte -- "ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort -- den

Karl bring ich erst noch zu Bett -- sollten wir morgen frueh nicht bei

Zeiten da sein, so -- so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen -- der

Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schuessel --

Du passt mir auf dass den Kleinen Nichts passirt -- Du -- Du bist ja schon ein

grosses Maedchen."

"Und geht mir nicht vor die Thuer morgen, bis wir nicht wieder da sind,"

sagte Steffen, "wie ich heut Abend drunten gehoert habe, ist hier ein

toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthuer zu,

dass er nicht etwa gar herein kommt."

Die Frau hatte dabei das etwa dreijaehrige Maedchen das indess gar schlaefrig

geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt -- und der Junge,

Carl, sass auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber

er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spaet Abends

fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so

freundlich mit ihnen gesprochen hatten.

"Was fuer ein Hund ist es, Vater?" frug er jetzt, da der Gedanke an den

tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte -- "Maertens' Bello?

der kennt mich, und beisst mich nicht."

"Nein, der grosse Tuerk aus dem Dorfe unten," sagte Steffen -- "der den

Mueller auch schon einmal gebissen hat."

"Oh der ist schlimm!" rief der Knabe erschreckt -- "da geh' ich gewiss nicht

hinaus."

"Geh' nun zu Bett Carl, es ist spaet," sagte der Vater.

"Ich habe mein Abendbrod noch nicht," brummte der arme kleine Bursch.

"So? -- dann wird Dir's Albertine geben -- und -- seid brav und folgt ihr --

"

Er gab dem Knaben und aeltesten Maedchen die Hand, und ging zu den Bettchen

der Kleinen die er kuesste; dann aber als ob er sich einer solchen Regung

schaeme, richtete er sich rasch wieder auf, drueckte den Hut in die Stirn,

und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thuer sich umdrehend:

"Ich warte auf Dich unten am Wasser -- mach schnell!"

"Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,"

fluesterte die Frau jetzt dem Maedchen zu, das eben dem Bruder ein Stueck

Brod und Salz gegeben hatte, an dem der ass und verwundert dabei hinter den

Vater her aus der Thuer, und nach der Mutter schaute, die lange -- o lange

Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.

"Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?" -- frug das Maedchen, der das Benehmen

der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.

"Auf's Amt," sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet -- "wir muessen

morgen frueh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's

kuehl ist."

"Und wann kommst Du wieder?"

"Hoffentlich morgen gegen Abend -- wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind

sie aber gar weitlaeufig -- manchmal dauert's laenger als man denkt. Geht mir

aber nicht vor die Thuer, Ihr habt zu essen genug -- jedenfalls sind wir

morgen Abend um die Zeit wieder da -- und acht' mir auf die Kleinen, Tine --

sei ein vernuenftig gutes Maedchen -- Du bist gross genug. Und -- wenn Jemand

nach uns fragen sollte, so sag nur wir waeren in den Wald gegangen, und

kaemen gleich wieder -- es wird aber wohl Niemand fragen," -- setzte sie

leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.

Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe -- ihr Buendel lag

aber versteckt draussen vor der Thuer, wie der Mann seine gepackte

Jagdtasche ebenfalls draussen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte.

Ihr Blick ueberflog auch nur fluechtig den kleinen Raum, und haftete dann

auf dem Bettchen des juengsten Kindes -- sie konnte nicht widerstehn, und

trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.

"Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stuecken Holz herein, so lang ich

noch hier bin, dass Du morgen frueh Kaffee kochen kannst -- ich bleibe so

lang bei den Kindern," setzte sie langsam und ohne das aelteste Maedchen

dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast aengstlicher Hast

kuesste die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob

dann das Juengste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den

eigenen Mund in wilder Heftigkeit presste, bis es schrie. Die Thraenen -- die

Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick -- liefen ihr

dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste

mit dem Holz zurueckkehren hoerte, legte sie das leicht beruhigte Kind

wieder auf sein Lager, und kuesste den Jungen, dem die Thraenen auch anfingen

in die Augen zu steigen. Er wusste freilich nicht recht weshalb, und nur

vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und

weich um's Herz.

"Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?" sagte das Maedchen, dem die

aussergewoehnliche Bewegung derselben unmoeglich entgehen konnte -- "was habt

Ihr nur, Du und der Vater?"

"Bah -- der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt," sagte

die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.

Ein scharfer Pfiff von draussen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr

erschreckt in die Hoehe.

"Ja -- ich komme schon!" murmelte sie, kaum hoerbar, vor sich hin, "so adieu

Albertine -- hab auf die Kinder Acht, und -- _behuet Euch Gott_!" und mit

dem, wie scheu gefluesterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht

ausgesprochenen Segen, verliess sie rasch das Zimmer und das Haus.

"Was zum Teufel troedelst Du denn da drin, und laesst mich eine Stunde hier

warten?" rief der Mann muerrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten

Stelle traf -- aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheisse

Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und

schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 12 / 12 题