NACH AMERIKA.

"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend

und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die

Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen

gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen

aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu

machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die

Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner

zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie

gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es

heraufbeschworen.

Die Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht

gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das

rechte Wort vergessen sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden, das

kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,

den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und

Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit

seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.

"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten

schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen

Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand

des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --

"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher

Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der

Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss

gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen

hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen

_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub,

frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt

vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist,

der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber den

Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn

erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter

ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen

die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen

die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_

So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum

verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft

und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und

Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der

ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer

geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit

ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in

seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt

mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden

die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der Kuenstler

in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer freieren

Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo Nahrungssorgen ihm

nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter seinem Pult, der

Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern zieht und, das

sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen, andern Leben,

von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten Waarenhaeusern traeumt;

in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und quaelt's, und wenn sie

auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte fruehere Ruhe wahren,

in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke schon -- ein stiller aber ein

gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land wird gelesen und

ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den Kranken. Vorsichtig

und aengstlich, und weit herum um ihr Ziel, dass man die Absicht nicht

errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding -- nach Leuten

die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen -- nach Land- und

Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich, nicht fuer sich

etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinueber, ein

entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen dass es dem wohl

geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.

So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem

nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,

und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus

dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen,

von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie

sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinueberziehn. Und _dort_? -- noch

liegt ein dichter Schleier ueber ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne

scheint ja ueberall -- Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch

hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem

weiten Weg.

* * * * *

Oben in der Brandstrasse -- nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem

Gasthaus zum Loewen schraeg gegenueber, wohnte Professor Lobenstein mit

seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr

wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehoerte.

Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der "besseren

Jahre", etwa einundfuenfzig alt, aber ruestig und gesund, nur erst mit

einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm ueber

die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast

jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tuechtiger Kopf dabei, hatte

er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen grossen Schatz von Kenntnissen

aufgehaeuft; auch in manchem, mit schweren muehsamen Nachtwachen erkauften

Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und

Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und

der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich spaeter wieder von den

bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein

seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der

Gewerbskunde seine Thaetigkeit widmete, auch mit einem Buchhaendler in

Heilingen eine Gewerbszeitung gruendete und herausgab.

Hierin hatte er Unglueck; der Buchhaendler machte bankerott und er uebernahm

die Zeitung, mit ziemlich grossen Verlusten schon, allein.

So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner

Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der

Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit

fabelhaftem Fleiss suchte er dem zu begegnen, umsonst -- umsonst auch dass er

Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene

Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer

hoechst unguenstigen politischen Periode, in der ihm eine grosse Anzahl

Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniaere Verluste, dass

er sich endlich genoethigt sah sein Blatt vollstaendig aufzugeben. Es war

das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.

Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei

erwachsene Toechter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von

achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Maedchen

von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen

Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort

"_Nahrungssorgen_" fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so

nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen

schon an und fuer sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches

mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht

Beduerfniss schien. Das Alles sollte, ja _musste_ sich jetzt aendern, denn

wenn er auch aus den Truemmern seines Vermoegens, nach allen erlittenen

Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genuegte der nicht, das

bisherige Leben fortzufuehren. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem

eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen

schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn

Alles und Jedes an fruehere und bessere Zeiten erinnerte oder -- es war eine

schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg -- in

einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder

verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen.

Aber die Frauen? -- wuerden sie den Muehseligkeiten einer so langen Reise,

einer Ansiedlung drueben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? -- Dass

er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen wuerde,

daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel ueber Amerika

gelesen, sich mit den dortigen Verhaeltnissen aus allen erschienenen

Schriften so vertraut gemacht, dass er Alles kannte was ihn dort erwartete,

und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen

entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden

Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Toechter aus

ihrem geselligen gluecklichen Leben reissen, und ihnen mit einem Schlage

alle jene Vergnuegungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung,

die ihnen fast Beduerfniss geworden?

Einen langen und schweren Kampf kaempfte er mit sich selber, Monate lang,

und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Hoehlen und

seine Zuege bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner

schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich

leicht mit einem vorgeschuetzten Unwohlsein beruhigen liessen, dem scharfen

Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich,

aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, aengstlichen Bitten

konnte er zuletzt nicht laenger widerstehen. Was sie doch zuletzt haette

erfahren _muessen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie

ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger

auf als er erwartet, gefuerchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_

Herzen -- auf das ihre. Aber leichter traegt sich die getheilte, und bereden

konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die

Moeglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Moeglichkeit

errwaegen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft oeffnete. Und die

Kinder? wohin Muetter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene

wechselte fuer sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu

geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.

An demselben Abend waren die beiden aeltesten Toechter zu einem kleinen

Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den

ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat

genaeht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim,

Kopfschmerz vorschuetzend, und die Sorge um das juengste Kind, das mit einem

leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr

schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das

sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, sass die Mutter und weinte --

weinte als ob sie mit dieser Thraenenfluth all den Gram und Kummer

fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres

Gluecks erschien, und wild und drohend hoeher und hoeher stieg.

Lachend und plaudernd kehrten die Toechter, mit dem Vater spaet in der Nacht

zurueck; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter

Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand,

mischte noch sein fastgruenes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit

Blum' und Bluethenpracht.

Aber der Moment naeherte sich auch, wo mit der vorgerueckten Jahreszeit all'

die noethigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise,

zu einer gaenzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhaeltnisse, getroffen

werden _mussten_; auch schien die Zeit eine passende fuer den Sohn, der, von

der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen gluecklich

bestanden hatte. Der Vater wuenschte allerdings dass er hier erst studiren,

und ihnen dann spaeter, wenn er etwas Tuechtiges gelernt, vielleicht folgen

sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen

keinen Zwang aufzuerlegen.

Am naechsten Morgen nach dem Balle nun -- es war spaet mit Aufstehn geworden

nach der durchschwaermten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum

Kaffee heruebergekommen, waehrend der Sohn das Haus schon, irgend eines

notwendigen Ganges wegen verlassen hatte -- sass der Vater, ungewohnter

Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der

langen Pfeife den Dampf in weissen Kraeusselwolken von sich blasend, und die

Mutter am Naehtisch, Kleider ausbessernd fuer das Juengste, das in seinem

heruebergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe

schaukelte.

"Schon ausgeschlafen, Vaeterchen?" sagte Marie als sie, etwas beschaemt, die

Letzte am Kaffeetische Platz genommen, "ich habe wohl recht lange heut

geschlafen, aber -- was ist Dir denn? -- und der Mutter auch?" -- rief sie

vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der

Eltern gewahrte -- "bist Du boese auf mich, Muetterchen?"

"Nein mein Kind," sagte diese und zwang ein Laecheln auf die Lippen, "aber

der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir

noch nicht wissen, ob es Euch betrueben wird oder nicht."

"Der Vater?" rief Marie erschreckt, und auch Anna, die aelteste Tochter,

sah aengstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und

zum Aeussersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf

vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:

"Ja Kinder, Ihr wisst -- wir -- wir haben doch in den letzten Tagen viel ueber

Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen -- "

"Ja, die herrlichen Romane von Cooper," rief Marie rasch.

"Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt," laechelte Anna.

"Der Doctor Haide ist ein Esel," sagte der Professor, den Rauch wieder ein

paar Mal rasch ausstossend -- "wenn der haette in Amerika ordentlich arbeiten

wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom

Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernaehren; ueber dessen Berichte wollen

wir uns keine Sorgen machen, aber -- " er schwieg wieder einen Augenblick

und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinueber. Die jedoch arbeitete um so

emsiger weiter, und selber mit dem Beduerfniss dem, was ihn schon so lange

gedrueckt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort -- "ich habe

eine Frage an Euch zu thun, Kinder -- Haettet Ihr -- haettet Ihr wohl selber

Lust hinueber nach -- nach Amerika zu gehn?"

"Nach Amerika?" rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber

sprang auf, schlug in die Haende und rief jubelnd:

"Nach Amerika? oh das waere ja praechtig -- das waere herrlich -- nicht wahr da

sind auch Baelle, Vaeterchen?"

Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an

der Bernsteinspitze.

"Hm -- ich weiss nicht," sagte er langsam mit dem Kopf schuettelnd -- "wo wir

im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Haengst Du so an Baellen,

Marie?"

"Ich tanze gern," laechelte das junge froehliche Maedchen etwas verlegen und

schuechtern.

"Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch koennen, mein Kind," sagte der

Vater freundlich -- "wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Baellen wie

wir sie hier gewohnt sind -- das Leben ist dort einfacher."

"Oh, und bis zum naechsten Fasching sind wir gewiss auch wieder zurueck,"

rief Marie.

Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber

entschlossen.

"Wir wollen _ganz_ hinueberziehn, mein Kind."

"Auswandern?" rief die aeltere Schwester fast erschreckt -- das Wort, dessen

Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem

unbekannten ahnenden Gefuehl von Schmerz und Leid -- "und die Mutter?"

"Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zuruecklassen?" laechelte die

Frau, sich gewaltsam zwingend ueber den Schmerz dieser Stunde.

"Mutter!" sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und kuesste sie.

"Und Eduard?" frug Marie.

"Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas

ordentliches gelernt hat," sagte der Vater -- "wo nicht, hat er seinen

freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit

ihm sprechen."

"Aber -- " rief Marie -- "wer verwaltet unterdessen unser Haus?"

"Wenn wir einmal fort sind von hier," sagte der Professor ausweichend,

"kann uns auch das Haus nichts mehr nuetzen, und ich werde es verkaufen."

"_Verkaufen_? -- unser Haus und den Garten?" riefen Maria und Anna fast wie

aus einem Munde erschreckt und rasch --

"Unser freundliches Stuebchen, wo wir als Kinder gespielt," setzte Marie

traurig hinzu.

"Und die Baeume die Vater alle gepflanzt -- die Laube, die wir uns selbst

gebaut, und die so schoen geworden ist in diesem Jahr," sagte Anna leise --

"verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber dass fremde

Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie

wir das Alles gehegt und gepflegt und -- " ihr Blick fiel in diesem

Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Zuege, und fasste

das Blitzen einer heimlich fallenden Thraene. Anna erschrak und wurde

todtenbleich -- hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und

heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie

die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich

nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem

vielleicht gezwungen froehlicherem Ton:

"Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie

zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein

anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gaertchen, schoener als

das unsere hier."

"Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle waere," schmollte Marie,

"und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfaehrt? der ist so

immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darueber gezankt."

"Ach der macht mir die geringste Sorge," sagte Anna in ihrem Schmerz

laechelnd -- "wenn man _fuer_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskraeften,

und citirt Gott weiss was fuer Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles

Guenstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt

Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn,

dass er den Handschuh wacker dafuer aufnimmt, und man wirklich glauben

sollte er bekaeme so und so viel fuer den Kopf, Leute zu bereden

hinueberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber

nicht weiss was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich

bei ihm darauf anlegte, koennte man ihn selber, nur durch Widersprechen,

dahin bringen, dass er in eigener Person hinueberginge."

"Herr Kellmann?" lachte Marie -- "nun _den_ moecht' ich in Amerika sehn."

"Und wer weiss, ob Dir das nicht noch passirt," bestaetigte der Vater, mit

dem Kopfe nickend.

"Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?" frug das junge

lebenslustige Maedchen jetzt die Mutter -- "hier lassen moecht' ich es doch

nicht gern, und drueben im Wald -- "

"Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn," sagte die

Mutter, die indessen heimlich die verraetherische Thraene aus dem Auge

geschuettelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn

streichend und kuessend, "denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird

uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der

Cultur nicht ganz verschlossen sind -- er hielte es ja dort sonst selber

nicht aus."

"Aber warum gehst Du nur, Vaeterchen?" bat Marie -- "es ist doch hier so

wunderhuebsch in Heilingen, und was wir da drueben haben, wissen wir noch

nicht."

Der Professor, zu dem Anna aengstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen

und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er

fuehlte dass er, auch den Toechtern gegenueber, diesen eine Erklaerung seines

Handelns schuldig sei, denn er riss sie aus einem liebgewonnenen Leben

heraus, und fuehrte sie vielen, vielen Entbehrungen -- er durfte sich das

nicht leugnen -- entgegen. Von ihrer spaeteren Haltung dabei hing auch viel

ihrer Aller Glueck, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug

ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluss einen

schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen,

fuerchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafuer hatten

sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen,

denen er die ungebetenen Gaeste gern noch fern gehalten haette so lang als

moeglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt

ihres Lebens, und mussten _sehen_, wohin der Weg sie fuehrte.

In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen

sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die

veraenderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner

Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste

gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht laenger dass er einen Theil -- einen

grossen Theil seines Vermoegens eingebuesst, und das ihm selber liebe Haus

nicht verkaufen wuerde, wenn ihn eben nicht -- die Verhaeltnisse dazu

_zwaengen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil

ueberzusiedeln und dort, mit bescheideneren Beduerfnissen, von Neuem zu

beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen

Seiten hin die Moeglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmaessig

angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen fuer spaetere Zeit.

Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie

hinueber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem

Vaterland, wer hinderte sie dann zurueckzukehren zu den theueren Plaetzen,

die ihnen ewig lieb bleiben wuerden in der Erinnerung?

Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur

erst gebrochen. Selbst ueberzeugt von dem was er sprach, wurde er warm,

indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich

zuletzt sogar, Luftschloesser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der

Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht geroetheten Wangen

belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter sass dabei, still und

schweigend, und aengstlich bemueht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die

eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Haende

erfasst und in den ihren hielten, schmiegten ihre Haeupter an seine

Schultern und fluesterten; die grossen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll

von Thraenen.

"Genug, genug, Vaeterchen; mal' uns das Alles nicht so praechtig aus -- wohin

Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und waer' es mitten hinein in den

wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hoeren,

keine Klage, kein boeses Gesicht weiter -- keine Thraene -- nur die hier sind

uns so ganz von selber ueber die Backen gelaufen, weil wir die Mutter

weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen -- "

"Und Kuehe und Huehner schaffen wir uns an!" rief Marie, "und die Kuehe

melken wir selber und machen Butter und Kaese."

"Wie gut," sagte Anna, dass wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante

waren, und dort das Alles zum Spass gelernt haben; jetzt wird es uns

nuetzen."

"Aber nicht wahr, Muetterchen, nun weinst Du auch nicht mehr," rief Marie,

zur Mutter hinuebergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie

kuessend -- "drueben wird schon Alles huebsch werden. Und ein paar von den

grossen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, fuer

draussen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und

schaffen und arbeiten; und plaetten thun wir auch selbst, dafuer nimmst Du

kein Maedchen mehr."

Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer

ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten

Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit

frischem Duft ueberhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspaehte der, in

die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goss er sich lustig

zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der duestere Hintergrund, den

das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die

einzelnen Lichter staerker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu koennen,

und der Himmel spannte sich blau und rein ueber ihren gluecklichen Haeuptern.

Capitel 8.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 10 / 12 题