DIE WEBERFAMILIE.

Nicht weit von Heilingen, und in Hoerweite der Domglocke selbst, in

ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes

Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehoerten,

sich kuemmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und

Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl,

ernaehrten. Das Dorf hiess eigentlich "Zur Stelle", welchen Namen aber die

Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Huelfe ihres Dialekts, zu dem von

_Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreissig Haeuser und

Huetten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von

Kindern zaehlen. Es ist eine wunderliche Thatsache, dass man in den

aermlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.

Mitten im Dorf lag eins der besseren Haeuser; es war weiss getuencht, und

hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weisse, reinliche Gardinen.

Vor dem Hause, ueber dessen Thuere ein frommer Spruch mit rothen und gruenen

Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Roehrtrog, und ein

kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach aussen befestigten

Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Ruessel eines seine

Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket

umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu

ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhaeuser ab.

Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger

sehr aermlich aus. In der einen Ecke stand ein grosser, viereckiger, sauber

gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Waende waren Baenke aus dem

naemlichen Material befestigt, und um den grossen viereckigen Kachelofen,

der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene

Kochgeraethschaften, waehrend auf darueber angebrachten Regalen die braunen

Kaffeekannen und gebluemten Tassen gewissermassen mit als Zierrath zur Schau

ausstanden. Die dritte Ecke fuellte der Webstuhl des Mannes aus, und dem

gegenueber stand eine riesengrosse, braunangestrichene Kommode, mit

Messinghenkeln und Griffen und fuenf Schiebladen, die, mit wirklich

ruehrender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten

Blumen bemalte Henkelglaeser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift "der

guten Mutter" -- ein Geschenk aus frueherer Zeit -- und ein gelb irdenes aber

allerdings sehr wenig benutztes Dintenfass trug, waehrend dahinter, in zwei

ordinairen Stangenglaesern, in dem einen Schilfbluethenbueschel, und in dem

anderen grosse stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer

standen, zur Erinnerung an eine fruehere segensreiche Erndte.

Die Bewohner der kleinen Stube passten genau in ihre Umgebung; es war eine,

nicht mehr ganz junge aber doch ruestige Frau, in die nicht unschoene

Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad sass und

eifrig das Raedchen schnurren liess, waehrend die rechte Hand manchmal eine

neben ihr stehende Wiege beruehrte, den darin ruhenden kleinen Saeugling,

der immer wieder die grossen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in

Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die groebsten Stoffe

gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Fuessen mit

einer kleinen Mulde auf dem ueber die Diele gestreuten Sand "Schiff"

spielte.

Ausserdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau,

eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad

drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil

ihr das heutige nasskalte, unfreundliche Wetter froestelnd durch die alten

Glieder zog. Es war eine gutmuethige, aber muerrische alte Frau, selten

zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermuedlich darin, sich und

ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben

Gott taeglich zu bitten dass er sie doch bald zu sich naehme. Nur eine

kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch -- dann wollte sie gerne

sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne

laufen sehn; dann haette sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die

Schule ging; dann war es Fruehjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal

neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem

Pflaumenbaum die Fruechte kosten, den ihr "Seliger" noch gepflanzt. Wie der

Herbst kam wuenschte sie im Fruehjahr begraben zu werden, und die knospenden

Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von

denen sie sich eigenhaendig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht

am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit

immer neuer, nie sterbender Kraft, und je aelter wir werden, desto mehr

lernen wir die schoene Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an

sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.

Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine

Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause

brauchten -- zum Ersatz dafuer hatte er das zweite Schwein, das sie bis

dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erloes sollte seine Ausgaben

bestreiten.

Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die grossen schweren Tropfen

schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollstaendig munter und fing

an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurueck, nahm das Kleine aus

der Wiege, und ging damit traellernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann

indess ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein

geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst

sprach keine ein Wort.

Endlich wurde die Hausthuer geoeffnet, Jemand kam von draussen herein, und

strich sich die Fuesse auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hoerten

gleich darauf wie der zurueckkehrende Vater und Gatte seinen grossen

rothblauwollenen Schirm auf die Steine stiess, das Wasser so viel wie

moeglich davon abzuschuetteln, und den Mantel auszog und ueber den grossen

Schleifstein hing der draussen im Flur stand, wie er das gewoehnlich that.

Die Frau oeffnete rasch die Thuer den Mann zu begruessen, der den Hut abnahm,

sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind kuesste, das sie

ihm entgegenhielt.

"Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb," sagte sie dabei, als sie ihm den Hut

aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, "komm nur herein,

dass Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? --

ist er nicht bei Dir?" setzte sie, fast aengstlich, hinzu.

"Er ist draussen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen

aus der Stadt mitgebracht," sagte der Mann -- "wird wohl gleich kommen --

wie geht's Frau? -- wie geht's Mutter? -- ha, das regnet einmal heute was

vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so

fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt

wieder Guss auf Guss -- Guss auf Guss, als ob sie uns unsere paar Stuecken Feld

noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die

Saat schon halb fortgespuelt -- wenn dasmal das Korn misraeth, weiss ich nicht

wo der arme Mann das Brod hernehmen soll."

"Klag nicht, Gottlieb," sagte aber die Frau freundlich -- "es geht noch

Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen.

Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein

Auskommen und ein Dach ueber dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht

versuendigen."

Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der

Roehre, in der, trotz der vorgerueckten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte,

der alten, froestelnden Mutter wegen, und goss den darin heiss gehaltenen

Kaffee -- sie nannten das braune Getraenk von gebrannten gelben Rueben und

Gerste wenigstens so -- in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der

den ganzen Tag draussen im Regen herumgezogen war, daran erquicken koenne.

Zugleich auch deckte sie ein weisses Tuch ueber den Tisch, auf den sie noch

Butter und Brod stellte, die versaeumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas

nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse

Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goss, und schnitt sich ein grosses

Stueck Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein

Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und

den Butterteller zurueck, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die

Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten

Ellbogen auf den Tisch gestuetzt, den Kopf gegen die Wand gelehnt,

regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster

hinueber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draussen gepeitscht,

hohl und heftig anschlugen.

Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es

war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn

Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine

"verdriesslichen Stunden" und war dann, wenn gestoert, oft rauh und

unfreundlich; aber eine eigene Angst ueberkam sie ploetzlich. Ihr aeltester

Sohn -- der Hans -- war nicht mit zu Hause gekommen -- konnte dem -- heiliger

Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von

ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.

"Gottlieb -- um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? -- es ist -- es ist

ihm doch nicht etwa ein Unglueck geschehn?"

"Der Hans?" sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, "was

faellt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestossen sein? ich habe Dir

ja gesagt dass er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort

wahrscheinlich das Wetter abwarten wird."

"Ich weiss nicht," sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast

von der Seele gewaelzt wurde -- "aber Du bist so sonderbar heut Abend, so

still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, ueber

den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? -- "

Gottlieb schuettelte den Kopf langsam und sagte. -- "Nicht dass ich wuesste --

nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage

vorfaellt -- Geld zahlen."

"War es denn so viel?" sagte die Frau leise und schuechtern.

Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich

erwiederte er seufzend:

"Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind

immer noch mit Gerichtskosten und der alten Processgeschichte mit der

Brueckenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte,

stehen geblieben, und ich muss sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter

Androhung von Pfaendung."

"Nun lieber Gott," sagte die Frau troestend -- "wenn das das Schlimmste ist,

laesst sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und

behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben ueberhaupt eins zu

schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins

leben koennen als die."

"Ja," sagte der Mann leise und still vor sich hin bruetend -- "verkaufen und

immer nur verkaufen, ein Stueck nach dem anderen, und waehrend wo anders die

Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergroessern, und fuer ihre

Kinder etwas zuruecklegen koennen, sieht man es hier mehr und mehr

zusammenschmelzen, unter Mueh und Plack das ganze Jahr lang."

"Aber kannst Du's aendern?" sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann

schwieg und mit der Faust die Stirn stuetzend vor sich nieder starrte,

schuechtern fort -- "arbeitest Du nicht von frueh bis spaet fleissig und

unverdrossen? goennst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine

noethige Beschaeftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste

vorzuwerfen?"

"Nein," sagte der Mann, waehrend er die Hand auf den Tisch sinken liess und

die Frau voll und fest ansah -- "nein, aber das ist es ja eben, was mir am

Leben frisst. Wir koennen nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir

jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kraeftig, unsere Kinder noch

klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurueck, wird es mit

jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns

erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr

brauchen, wenn wir selber aelter werden und nicht mehr so zugreifen koennen

wie jetzt? -- Schon jetzt koennen wir uns nicht mehr in der theueren Zeit

oben halten -- das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort

muessen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren,

unsere Beduerfnisse aber sind gewachsen -- wie soll das enden?"

"Aber Gottlieb," sagte die Frau freundlich -- "wie kommen Dir jetzt doch

nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht?

Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in

die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch

den Sinn gefahren?"

Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander

gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespraech aufmerksam

zugehoert; dabei schuettelte sie fortwaehrend mit dem Kopf, und sagte endlich

mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:

"Ja wohl, ja wohl -- das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Maeuler

kommen -- mehr Maeuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt

mich todt; schlagt mich todt dass ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz

mache -- schlagt mich todt."

"Mutter," bat die Frau, in Todesangst dass sie dem Manne mit solcher Rede

wehe thun wuerde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste

behandelt, und Alles gethan was in seinen Kraeften stand, ihr jede

Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen -- "wie duerft Ihr nur

so etwas reden; versuendigt Ihr Euch denn nicht?"

"Wir haben noch genug fuer uns Alle Mutter," sagte aber der Mann

freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun

mochte -- "nur fuer spaetere Zeit ist mir bange; Sie aber waeren die Letzte

die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere

Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie

Pflicht und Schuldigkeit der Juengeren fuer ihre Eltern zu sorgen -- wenn sie

nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden."

Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich

nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort

und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.

"Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trueben und traurigen

Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und

nuetzest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon

machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer

Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser

Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir duerfen uns

eigentlich gar nicht sorgen und kuemmern um den "naechsten Tag."

"Doch, doch Frau," sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Haende in

den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend -- "doch Frau, der Mann

_muss_, denn wenn er's _nicht_ thaete, waer er ein schlechter Hausvater, und

ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus

entstaenden. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie

mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darueber sprach, erklaerte, aber

der meinte es waere etwa so wie wenn Einer im Wasser waere. Da sei es auch

nicht genug dass man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum

schwaemme eben nur nicht zu ertrinken, das thaete nicht einmal ein

unvernuenftiges Stueck Vieh; nein des Menschen, des verstaendigen Menschen

Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man

das nirgends erreichen koenne, denn zuletzt wuerde man da im Wasser, man

moechte noch so tapfer schwimmen, doch muede, und liessen erst einmal die

Kraefte nach, dann huelfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man

saenke eben langsam zu Boden."

"Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst," sagte die Frau, "aber Du

siehst mich so sonderbar dabei an -- hast Du noch 'was anderes dahinter?"

"Nein und Ja," sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem

Ruecken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte,

"eigentlich nicht, denn Gott da oben weiss dass es wahr ist, und weiss wie,

und ob's einmal enden kann; aber dann -- dann hab' ich allerdings noch was

dahinter, denn ich meine -- ich meine -- " er schwieg und es war

augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit

blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit

beschaeftigt war das Geschirr hinaus zu raeumen, setzte die Kanne wieder auf

den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen

und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:

"Geh her, Gottlieb -- Du hast 'was, was Dich drueckt und willst nicht mit

der Sprache heraus -- es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt,

was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?"

"_Sitzen_? -- weshalb?" laechelte der Mann kopfschuettelnd -- "ich habe nie

etwas Boeses gethan."

"Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du aengstigst mich ja mehr

mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus

erzaehlst -- dem Hans fehlt doch Nichts?"

"Was soll dem Hans fehlen, naerrische Frau -- wenn's aufhoert zu giessen wird

er schon kommen."

"Und was ist's denn? -- gelt, Du sagst mir's?"

"Ich muss Dir's wohl sagen;" seufzte der Mann, "nun sieh Hanne, ich meine --

ich habe so darueber nachgedacht, dass es jetzt hier in Deutschland immer

schlechter wird mit uns -- und dass wir's zu Nichts mehr bringen koennen,

trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiss, und dass jetzt -- dass jetzt doch so

viele Menschen hinueber ziehen -- "

"Hinueber ziehen?" frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die

Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung ueber

etwas Grosses, Schreckliches da hinunter und zurueckdruecken wolle, eh sie zu

Tage kaeme -- "wo hinueber Gottlieb?"

"Nach Amerika;" sagte der Mann leise -- so leise dass sie das Wort wohl

nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und

errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts,

und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte

sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit

der Schuerze zu und sass eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch

der Mann wagte nicht zu sprechen -- er hatte den Gedanken wohl schon eine

Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefuerchtet ihm

Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die

Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er

hervorgebracht.

Auch die alte Mutter sass, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen

aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinueber, was sie mitsammen

hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es

ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und muerrisch:

"Nun Gottlieb was giebt's -- was hast wieder Du mit der Hanne -- was habt

Ihr denn dass Ihr so still und heimlich thut -- macht Einem nicht auch noch

Angst unnuetzer Weise -- was ist nun wieder los?"

"Ja Mutter," sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth fasste ueber das,

was nun doch nicht laenger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen

werden _musste_, auch laut zu reden, dass er's vom Herzen herunter bekam --

"es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt

dass uns zuletzt nichts anderes uebrig bleiben wuerde als -- als es eben auch

wie andere zu machen, und -- "

"Und? -- und was zu machen?" frug die alte Frau gespannt --

"Als _auszuwandern_," sagte der Mann mit einem ploetzlichen Ruck und

seufzte dann tief auf, als ob er selber froh waere es los zu sein.

"Herr Du meine Guete!" rief die alte Frau, liess die Haende erschreckt in den

Schooss sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurueck, waehrend ihr alle

Glieder am Leibe flogen -- "Herr Du meine Guete!" wiederholte sie noch

einmal, und die Finger falteten sich unwillkuerlich zusammen, so hatte sie

der Schreck getroffen.

"Auswandern," sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme,

und liess die Schuerze vom Gesicht herunterfallen -- "auswandern, das ist ein

schweres -- schweres Wort Gottlieb -- hast Du Dir das auch recht -- recht

reiflich ueberlegt?"

"Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch," rief aber der Mann, der

jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Waerme gewann.

"Wie ein Muehlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und

tapfer dagegen angekaempft, aber es waere das Beste fuer uns, was wir auf der

weiten Gotteswelt thun koennten; und wenn auch nicht einmal fuer uns, wenn

wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen haetten, doch fuer

die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiss,

unseren Thraenen gesaeet."

"Auswandern? ja," sagte aber jetzt die Grossmutter, mit dem Kopfe nickend

und schuettelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich

abwerfen wollte -- "ja wohin es euch luestet, aber erst wenn ich todt bin.

Die paar Tage muesst Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder

sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem

Beil auf den Kopf dass ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der

alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt koennt Ihr

mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr,

wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt

schlagt mich vorher todt."

"Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so haesslich reden wollten," sagte die

Frau traurig, waehrend der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den

Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stuetzte -- "Sie sind noch wohl und

ruestig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer

Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen muessen, da

gehoeren Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient

mit Muehe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch

klein und unbehuelflich waren, wie unsere Kinder jetzt."

"Wozu mich mitnehmen," sagte aber die Frau, stoerrisch dabei mit dem

Oberkoerper herueber und hinueber schwankend, "unterwegs muesstet Ihr mich doch

aus dem grossen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu fuettern.

Bleibe im Lande und naehre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines

Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei

befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will

oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt huebsch auf der

Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn frueher gegangen? --

nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und

keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die

Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand -- schlagt mich todt, dann seid

Ihr mich los und koennt hingehn wohin Ihr wollt."

Und die alte Mutter stand auf, rueckte ihr Spinnrad bei Seite, und

humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube

hinaus.

"Sie meint es nicht so boes, Gottlieb," sagte die Frau zu dem Mann tretend

und ihre Hand auf seine Schulter legend, "es ist eine alte Frau die an

ihrer Heimath mit ganzem Herzen haengt und sich vor der Reise fuerchtet."

"Und Du nicht, Hanne?" rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und

ihre Hand ergreifend -- "Du nicht? Du wuerdest Dich dazu entschliessen koennen

unsere Heimath hier, unser Haeuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir

und den Kindern ueber das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?"

Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes -- endlich sagte

sie leise -- "So weit fort? -- und muss es denn sein, ist es denn gar nicht

moeglich mehr, dass wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt,

wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb,

es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thuer zuzuschliessen und zu

denken dass man nun nie und nimmer wieder dahin zurueckkommt -- "

Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:

"Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man

sollte ihn sich wohl vorher ueberlegen ehe man ihn thut, denn zurueck kann

man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem

bis dahin noch zu eigen gehoert hat. Thun wir aber recht nur allein an uns

zu denken? -- Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kuemmerlich,

doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist,

dass es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend,

brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben dass wir verhungerten; aber

die Kinder -- die Kinder -- was wird aus denen? Unser kleines Grundstueck ist

die Jahre ueber kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschaeft geht's auch

kuemmerlicher wie bisher -- neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die

noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Doerfern

herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoss.

Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermuedet Tag und

Nacht durch, und die Raeder und Walzen und Haemmer klopfen und drehen und

schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiss des armen Arbeiters der

darueber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darueber, es muss wohl schon so

recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muss

vorwaerts gehn -- wir aelteren Leute koennen uns aber eben nicht mehr darein

schicken, koennen nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne

anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Haende nach allen

Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen

auszuwandern. Da drueben ueber dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch

einen grossen gewaltigen Fleck Erde liegen, fuer uns arme Leute bestimmt,

den Maschinen und Raederwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu

bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu

leben, sondern kann auch vielleicht fuer sich und die Kinder was vorwaerts

bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fuerchten und vor

Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da

einmal anders uebrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten

doch herumzuschlagen ihr Lebelang."

"Und die Mutter?" sagte die Frau, sich aengstlich nach der Thuere umsehend --

"was wuerde aus der alten Frau auf dem Meere?"

"Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz," sagte aber der

Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem

eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefuerchtet --

"sie gewoehnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um

sich sehen, und die Seeluft soll kraeftigen und staerken."

"Aber sie wird nicht mit uns wollen."

"Sie wird ihre Kinder nicht verlassen," troestete sie der Mann, "und ohne

sie duerften wir ja auch gar nicht fort."

Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drueckte, und

wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draussen Jemand

die Thuer aufriss und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen

hoechsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Guessen gegen

die Fenster an, waehrend der Wind die Wipfel der Baeume herueber und hinueber

schuettelte und die Bluethen von den Zweigen riss mit rauher Hand.

[Capitel 6]

"Schoenen Gruss mit einander," sagte dabei eine rauhe Stimme, waehrend die

Stubenthuer halb geoeffnet wurde -- "darf man hinein kommen?"

"Gott gruess Euch," sagte die Frau -- "kommt nur herein, bei dem Wetter ist's

boes draussen sein -- es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen

sollte."

Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draussen ab und trat mit nochmaligem

Gruss in die Stube.

"Gott gruess Euch," sagte auch Gottlieb -- "da, nehmt Euch einen Stuhl und

setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draussen, und man kann ein

Bischen Feuer brauchen."

"Sauwetter verdammtes," fluchte der Mann, als er der Einladung Folge

geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich -- "ich wollte

erst sehen dass ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der

Wind aber so gepfiffen dass er mich bald von den Fuessen hob, und es war

gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem

andern entgegen gossen. Schoenes Wetter fuer Enten, aber fuer keine

Menschen."

Es war eine rauhe, kraeftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken

schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstaeten Augen, in einen groben

braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem

Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt,

bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch

alle Pfuetzen und Schlammwege hindurch zu koennen; die aus ungeborenem

Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknoepft, und

eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr

befindlich war, hing ihm darueber hin.

"Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?" frug Gottlieb nach einer laengeren

Pause, in der er den Mann und dessen Aeusseres fluechtig nur betrachtet

hatte -- "hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen."

"Zehn Stunden etwa," sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der

Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei

sich fuehrte, entzuendend -- "wie weit ist's noch bis Heilingen."

"Eine tuechtige Stunde -- wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich waere,

koennte man's recht bequem in kuerzerer Zeit gehn."

"Hm -- ist noch verdammt weit, puh wie das draussen stuermt; und die

Pflaumenbluethen pflueckt's beim Armvoll herunter -- Pflaumenmuss wird theuer

werden naechsten Herbst."

"Das weiss Gott," sagte Gottlieb -- "es wird Alles theuer, immer mehr jedes

Jahr, langsam aber Sicher."

"Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier

bleiben muessen; 's giebt Plaetze die besser sind."

"Wollt Ihr auch auswandern?" sagte Gottlieb rasch.

"Auswandern? -- nach Amerika? -- hm -- ich weiss noch nicht," brummte der

Fremde, sich den Bart streichend -- "es waere aber moeglich dass sie Einen

noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?"

"Ja. -- "

"Habt Ihr noch mehr?"

"Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr."

"Und Ihr seid ein Weber?" sagte der Fremde mit einem Blick auf den

Webstuhl -- "auch schwere Zeiten fuer derlei Arbeit, mit einer Familie

durchzukommen."

"Ja wohl, schwere Zeiten," seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die

Thuer draussen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: --

"Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter."

Es war Hans, der aelteste Sohn des Webers, durch und durch nass, aber mit

frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in

grossen Perlen stand.

"Guten Tag mit einander," sagte er, als er in's Zimmer trat und die

triefende Muetze vom Kopf riss -- "guten Tag Mutter."

"Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her;

warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?"

"Es wurde mir zu spaet Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch

heute Abend dem Vater etwas zu helfen."

"Ein derber Junge," sagte der Fremde, der sich den Knaben indess mit

finsterem Blick betrachtet hatte -- "kann wohl schon ordentlich mit

arbeiten."

"Ach ja, er packt tuechtig mit zu," sagte der Vater -- "lieber Gott in

jetziger Zeit muss Alles mit Brod verdienen helfen."

"Die Kinder fressen Einen arm," sagte der Fremde.

"Habt Ihr Kinder?" frug Gottlieb.

"Ich? -- hm, ja," sagte der Fremde nach einer Pause -- "koennte noch Jemandem

abgeben davon."

"Ich moechte keins hergeben," sagte die Frau rasch, und kuesste das Juengste,

das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu fuettern, "Kinder sind ein

Segen Gottes."

"Ja -- so sprechen die Leute wenigstens," sagte der Fremde trocken, "aber

ich glaube es laesst nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt

erreichen koennen."

"Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heisse Tasse Kaffee trinken?" frug

die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort

warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.

"Danke, danke," sagte aber der Fremde abwehrend -- "kann das warme Zeug

nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber."

"Das thut mir leid," sagte der Mann, "den kann ich Euch nicht anbieten;

ich habe keinen im Hause."

"Thut auch Nichts," lachte der Fremde; "so lange halt ich's schon noch

aus. Sind doch huelflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh

ausgetreten haben," setzte er dann hinzu, als das Juengste das Maeulchen

nach dem schon einmal gereichten Loeffel vorstreckte -- "was machte nun so

ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber ueberliesse."

"Ach Du lieber Gott," sagte die Frau bedauernd -- "so ein armer Wurm muesste

ja elendiglich umkommen."

"Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg wuerde und sie kaemen und es

fuetterten," lachte der Andere.

"Dafuer haben die Kinder Eltern," sagte die Frau, das kleine, die Aermchen

zu ihr ausstreckende Maedchen liebkosend und kuessend, "die sorgen schon

dafuer dass kein Nachbar danach zu sehen braucht."

"Wenn die aber einmal ploetzlich stuerben, wie dann?" frug der Fremde, mit

einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknoepfte und

sich zum Gehen ruestete.

"Dann ist Gott im Himmel," sagte Hanne, mit einem frommen

vertrauungsvollen Blick nach oben.

"Ja, das ist wahr;" sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Laecheln,

"der hat allerdings die grosse Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich

aufgehoert mit Giessen," unterbrach er sich rasch, "den Augenblick will ich

doch lieber benutzen. So schoen Dank fuer gegebenes Quartier Ihr Leute, und

gut Glueck."

"Bitte, Ihr habt fuer Nichts zu danken, behuet' Euch Gott," sagte Gottlieb

freundlich.

"Behuet' Euch Gott;" sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal

zunickend, nahm draussen wieder den nassen Mantel um, drueckte sich den

breitraendigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der

daneben in der Ecke lehnte, auf, und verliess rasch das Haus, die Richtung

nach der Schenke einschlagend.

"Mich freut's dass er fort ist," sagte die Frau, die dem Knaben gerade das

Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte -- "bewahr uns Gott,

was hatte der Mann fuer ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht

schlafen koennt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir

wuesste. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes -- und wie er fluchte und

ueber die Kinder sprach -- ob er nur wirklich selber welche hat."

"Er sagt's ja," bestaetigte Gottlieb -- "aber mir schien's ein Fleischer zu

sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber

nicht immer so boes."

"So bess're ihn Gott," sagte die Frau mit einem Seufzer, "und je seltener

er unseren Weg kreuzt, desto besser."

Capitel 7.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 9 / 12 题