DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR.

Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen

auslaufenden Gaesschens, stand ein ziemlich grosses, gruen gemaltes und gewiss

sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Stuetzbalken geschnitzt, und mit

wunderlichen Koepfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren,

und sich so weit dabei nach vorn ueberneigten, dass es ordentlich aussah,

als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach naechstens einmal

ohne weitere Meldung nach vorn ueber, und gerade mitten zwischen die Toepfer

und Fleischer hineinspringen wuerde, die an Markttagen dort unten ihre

Waare feil hielten.

Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf

bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen

Waarenstaenden und Laeden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen

Jahren ein Kaufmann oder Kraemer in Besitz, der sich zu seinen

Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Gruetze &c. auch noch in

der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu

verschaffen gewusst, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust

so ueberhand nahm, solch brillante Geschaefte machte, dass er die

Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem aeltesten Sohn uebertrug, und

fuer sich selber nur ein kleines Stuebchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus,

behielt, ueber dessen Thuere ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt

prangte. Dies Schild verdient uebrigens mit einigen Worten beschrieben zu

werden, da die Heilinger in den ersten Tagen -- als es eben erst

aufgehangen worden -- in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es

anstaunten.

Es war ein breites, laenglich viereckiges Gemaelde, ein grosses, dreimastiges

Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten

Kueste naeherte. Die See selber war hellgruen gemalt, mit einer Unmasse von

sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas

besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen

wackerer Kiel schaeumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach

vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas laenglich auslaufende Rumpf,

presste eine grosse gruen und weiss gestreifte Welle vorne auf, die sich wie

eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast

ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm

und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und

weisser Bremer Flagge hinten an der Gaffel, stroemten und flatterten lustig

nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch

das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen

ueberfluegelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf

eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen

Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes bestaetigend, und mit sehr

hellgelben und sehr breitraendigen, rothbebaenderten Strohhueten auf, waehrend

hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie

einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand.

Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte weiss nur er und Gott; er

muesste denn gemeint haben dass der Capitain, wie frueher Neptun, das Meer

beherrsche. Uebrigens war es auch moeglich dass er fischen wolle, und sich

mit dem Fernrohr nur eben den staerksten und fettesten der ihn reichlich

umschwimmenden Fische ausgesucht habe.

Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestuecks bildete ein schmaler

Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Kueste, an der eine Anzahl

pechschwarzer, nackter Maenner standen, die nur einen gelb und blauen

Schurz um die Huefte und einen gruenen Busch in der Hand trugen. -- Diese

sahen uebrigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon

sehnsuechtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft haetten, und nun die

Zeit nicht erwarten koennten dass die Fremden an Land stiegen, damit sie

geschwind fuer sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen duerften.

Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thuer, wie sogar noch an dem

innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen

anzupreisenden Plaetze fuer Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und

Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de

Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und

Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener

Kolonien und Ansiedlungen, wohin ueberall die besten kupferfesten Schiffe

Aš, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem

gluecklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der

That zu einer Vergnuegungsfahrt machen muesse und wuerde.

Weigel, wie der Eigentuemer dieser "auslaendischen Versorgungsanstalt" (ein

Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hiess, war ein

dicker, vollgenaehrt und bluehend aussehender Mann, ungefaehr sechs bis

achtunddreissig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnuerter Cravatte, was

seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in

den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren gross, blau und

ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Laecheln aber, das oft, und

besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine

Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Zuege jene scheinbare

Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft ueber Andere, wenn

mann es ihnen gestattet, anzumassen wissen. Ganz vorzueglich wusste er diese

Miene anzunehmen, wenn er ueber Amerika, oder irgend einen ueberseeischen

Fleck Landes sprach, ueber dem fuer ihn ein gewisser heiliger und

unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen

das Gesagte zu hegen wagte. Er schwaermte besonders fuer Amerika, und es gab

deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen groesseren Luegner in der Stadt,

als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in

Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken laesst,

grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine

Gelegenheit dazu fand.

Weigel bekam, wie das gewoehnlich bei den Agenturen der Schiffsbefoerderung

ueblich und der Fall ist, fuer jede Person die er einem Bremer oder

Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt

"fuer den Kopf" und er theilte deshalb die Leute -- seine Mitbuerger sowohl

wie saemmtliche uebrige Bewohner Deutschland's, in solche ein "die Energie

hatten," d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen "Platz nach Amerika"

besorgen liessen, wo sie nachher drueben selber sehn konnten wie sie fertig

wurden, und in solche, die "im alten Schlendrian hinkrochen, und hier

lieber verfaulten, ehe sie einen maennlichen entscheidenden Schritt thaten,

ihrer Existenz auf die Beine zu helfen." Jeder der hier blieb betrog ihn

aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst

zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, dass er vor einem

solchen Menschen keine Achtung haben konnte.

Er selber kannte die Verhaeltnisse Amerika's nur aus Buechern die das Land

lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufaellig in

die Hand, so warf er sie auch gewiss mit einem Kernfluch ueber den

"nichtswuerdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Luegen

zusammengeschmiert" in die Ecke. Sein groesster Aerger war aber jedenfalls --

und so regelmaessig wie die Uhr Morgens acht schlug -- das Tageblatt, das er

der haeufigen Annoncen wegen halten _musste_, und das ebenso regelmaessig

kleine gehaessige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie ueberhaupt gegen

Alles brachte, was sich frei und selbststaendig bewegte.

Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den "kleinen erbaermlichen Doctor"

zu pruegeln, und sehr vielen Leuten wuerde er dadurch ein grosses Vergnuegen

bereitet haben; aber er unterliess es doch jedesmal auch wieder, wenn sich

ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide mussten jedenfalls

schon einmal frueher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von

einander wissen als Beiden zutraeglich war, und ein solcher Bruch waere da

nicht raethlich gewesen.

Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und

achtbarer Buerger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und wuehlte er

seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine

Beschreibungen Amerika's, die er sich selber in kleinen Brochueren aus

anderen Buechern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein

langsames Gift, das er in manche friedliche und glueckliche Familie warf,

ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und waehrend es die Leser

anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Buendel zu schnueren und jenen

herrlichen Laenderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem

murmelnden Bache gleichen wuerde, der zwischen Blumen dahin fliesst, fuellte

er ihre Koepfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue

Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen ungluecklich. In

der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit maessigen Anspruechen,

wirklich Manches geboten haben wuerde was ihre Lage, im Vergleich mit dem

alten Vaterland gebessert haben koennte, fanden sie sich jetzt ploetzlich in

all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectuere

eingesogen, enttaeuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man

ihnen gemacht, hielten sich fuer schlecht behandelt und ungluecklich, und

verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegruendeter

Verzweiflung, wobei sie den Mann verwuenschten, der sie hierverlockt, und

sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom

zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler fuer den richtig abgelieferten

"Kopf" bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die frueher

Befoerderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen

schwammen und "unter Palmen wandelten."

Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas

dumpfen und nicht ueberhellen Stuebchen, dessen eines breites Fenster mit

durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, waehrend die

Waende durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und

Gasthaeusern, Plaenen von neuangelegten Staedten oder zu verkaufenden Farmen

fast voellig bedeckt hingen. Er sass an einem hohen, ziemlich breiten Pult,

das einen maechtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit

einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen taeglichen Aerger, das

Tageblatt, als es an die Thuer klopfte, und auf sein lautes "Herein" ein

junger, sehr anstaendig, aber trotzdem etwas aermlich gekleideter Mann das

Zimmer betrat.

"Herr Weigel?" sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung.

"Bitte -- ja wohl," sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Hoehe

schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in's

Auge zu fassen -- "womit kann ich Ihnen dienen?"

"Sie befoerdern Passagiere nach Amerika?"

"Nach Amerika? -- denke so, hehehe," lachte Herr Weigel, sich vergnuegt die

Haend reibend, "habe schon ganze Colonien hinueber geschafft, Maenner und

Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drueben in der Wolle und schreiben

einen Brief ueber den andern an mich, wie gut es ihnen geht -- da nur den

einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe -- der Mann ist blos

mit zwei tausend Dollarn hinuebergegangen und hat schon eine eigene Farm,

achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stueck Rindvieh, einige sechzig

Schweine, fuenf Pferde und will jetzt eine Schaeferei anlegen -- schreibt an

mich ich soll ihm einen Schaefer hinueber schicken, aber einen der die Sache

aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an

-- bitte lesen Sie einmal den Brief."

"Sie sind sehr freundlich Herr Weigel," sagte der junge Fremde mit einem

verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund -- "aber der Brief wuerde

gerade nicht massgebend fuer mich sein, da ich mich gegenwaertig nicht in den

Verhaeltnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die

Passagierpreise jetzt theuer?"

"Theuer? spottbillig," lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurueck

auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch

bereit zu haben; "spottbillig sag' ich Ihnen, man koennte wahrhaftig auf

dem festen Land nicht einmal dafuer leben -- _so_ nicht; und unter uns -- ich

weiss wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es muss eben die

rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt woechentlich, ja fast

taeglich hinueber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt fuer Menschen

auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was

sie hier haben, und was sie dort erwartet -- ist doch ein famoses Land, das

Amerika."

Und wie viel betraegt die Passage nach dem _naechsten_ Hafen der Vereinigten

Staaten, wenn ich fragen darf, fuer -- fuer eine erwachsene Person und ein

Kind?"

"_Naechsten_ Hafen? -- hehehe, fuerchten sich wohl vor der Seekrankheit?

lieber Gott, daran gewoehnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie's

eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt,

hat neulich einen Artikel ueber die Seekrankheit gebracht den er

wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und

weh zu Muthe werden muesste; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das

Auswandern zu verleiden. Sie moechten sie gern hier behalten, damit sie sie

nur recht ordentlich plagen und schinden koennen, weiter Nichts; davor

braucht sich kein Mensch zu fuerchten."

"Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen."

"Den Preis? -- ja so -- warten Sie einmal" -- sein Blick fiel auf die

Glacehandschuhe und die schneeweisse Waesche des Fremden, dessen etwas

abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen

konnte, oder auch uebersah -- "der Preis -- Dampfschiff oder Segelschiff?"

"Segelschiff."

"Segelschiff -- wird -- sein -- Preis in erster Cajuete vier und achtzig

Thaler Gold."

"Und die -- die billigeren Plaetze?"

"Billigeren Plaetze -- zweite Cajuete oder Steerage fuenfundsechzig Thaler

Gold -- "

"Und Zwischendeck?" sagte der Fremde leise und verlegen.

"Zwischendeck wuerde ich Ihnen nicht rathen," meinte Herr Weigel, seine

Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; "besonders wenn man eine

Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man

nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich's und den Seinigen an der

Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten."

"Aber Sie koennen mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?"

"Ja wohl, mit dem groessten Vergnuegen -- Zwischendeck nach New-York kostet --

warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Haeusern.

Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold."

"Vierundvierzig Thaler?"

"Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen,

weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen koennen fuer die

Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr fuer Leute

uebersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt

gerade gluecklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab,

die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur moeglichen

Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer

Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet."

"Ich danke Ihnen fuer jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel," sagte der

junge Mann -- "ich muss doch nun erst mit meiner Frau Ruecksprache ueber diess

nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee ueberhaupt gekommen

auszuwandern; aber -- noch eine Bitte haette ich an Sie," und er drehte

dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den

Fingern -- "

"Ja? womit koennte ich Ihnen dienen?" frug Herr Weigel.

"Koennten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe -- ich habe

einmal irgendwo gelesen dass das manchmal geschaehe -- auch Leute --

Passagiere mitnaehmen, die unterwegs ihre Passage -- abarbeiten duerften und

also -- auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?"

"Keine Passage zahlen?" sagte Herr Weigel, die Lippen vordrueckend und die

Augenbrauen in die Hoehe ziehend, waehrend er langsam und halb laechelnd mit

dem Kopfe schuettelte -- "keine Passage bezahlen? -- ne lieber Herr -- ja so

wie heissen Sie denn gleich -- "

"Eltrich," sagte der junge Mann etwas zoegernd --

"So? -- ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren

Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen;

das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte

eigentlich zusammenhaelt, Amerika und Europa und die umliegenden

Dorfschaften, heh, heh, heh."

"Aber wenn nun irgend ein armer Teufel," fuhr der Fremde etwas lauter,

fast wie aengstlich fort -- "irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben

auf eine Reise nach Amerika gesetzt haette, und bestimmt wuesste dass er dort,

wenn auch nicht gerade sein Glueck machen, doch sein Auskommen finden

wuerde? -- "

"Nun dann soll er gehn -- um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird

wieder das neue, kupferfeste -- ja so, aber er muss bezahlen," unterbrach er

sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden

gesprochen, "er muss bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit

ueber See."

"Und Sie glauben nicht dass da jemals eine Ausnahme stattfinden duerfte?"

sagte Herr Eltrich -- "es werden doch Leute auf See gebraucht zu den

nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine

muessen gewiss dafuer _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erboete alle diese

Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste

Matrosenkost zu machen, sollte das nicht moeglich sein zu erlangen?"

"Lieber Herr," sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als

ob er mit dem Fremden da kein besonders grosses Geschaeft machen wuerde, und

der anfing ungeduldig zu werden, "zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes

werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht

verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen

den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff

bald so herueberschlenkert und bald so" -- und er begleitete dabei seine

Erklaerung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade

aufgehaltenen Hand -- "da muessen die Leute fest stehen koennen wie die

Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen."

"Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er

sich doch nicht am Ende bewegen liess; oder" -- setzte er rasch hinzu, wie

von einem ploetzlichen Gedanken ergriffen, "wenn man sich nun verbindlich

machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen --

sie dort abzuverdienen?"

"Ja da koennte Jeder kommen," sagte Herr Weigel kopfschuettelnd, "wenn die

Leute erst einmal drueben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies

Land da drueben, Herr Wellrich, und da koennte man nachher jedem Einzelnen

nachlaufen, und sehen dass man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist's

faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, moechte mich nicht auf solch

eine Quaengelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch

kein rundes Geschaeft."

"Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern

forthelfen wuerde," sagte Herr Eltrich erroethend -- "er ist sehr fleissig und

wuerde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit ueber."

"Ja das glaub' ich," meinte Herr Weigel gleichgueltig -- "versprechen thun

die Art Herren gewoehnlich Alles was man von ihnen haben will."

"Koennten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder

Rheders geben, der bald ein Schiff hinueberschickt," sagte der junge

Fremde, sich schon wieder zum Gehen ruestend -- "wenn ich vielleicht selber

einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belaestigen."

"Ja, schreiben koennen Sie," sagte Herr Weigel, "hehehe; aber Sie werden

keine Antwort bekommen; darauf koennen Sie sich verlassen. Die Leute da

haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, fuer den sie noch

umsonst die Kost hergeben muessten, in eine Correspondenz einzulassen; kann

ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken."

"Und die Adresse?"

"Die Adresse? -- da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie

wollen, koennen Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da

hinten, auf der letzten Seite stehen sie."

Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der

beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite

und rueckte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen

nothwendigen Brief zu schreiben haette.

Wieder klopfte es da an die Thuer, und diessmal, ohne ein ermunterndes

"Herein" zu erwarten, oeffnete sie sich, und drei Bauern, denen die grossen

silbernen Knoepfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die

jedoch ganz nach ihrem alten baeurischen Schnitt gemacht waren, etwas

ungemein solides gaben, traten, die Huete erst unter der Thuer und schon im

Zimmer abziehend, herein, und gruessten die beiden Leute die sie hier

beisammen fanden, mit einem herzlichen "Guten Morgen miteinander."

Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wussten wesshalb

sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas

zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines groessern

Trupps, oft einer ganzen "Schiffsladung voll" die aus ein und derselben

Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten indess

vorausgeschickt hatte, Platz fuer sie zu bestellen. Wie der Blitz war er

denn auch von seinem Stuhle herunter, schuettelte ihnen nacheinander die

Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm gefuehrt.

"Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt?" sagte da der

Eine von ihnen, eine breitkraeftige, sonngebraeunte Gestalt mit vollkommen

lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmuethigen vollen und

frischen Zuegen, dem das Ganze uebrigens etwas fremd und unheimlich

vorkommen mochte, denn er warf den Blick waehrend er sprach wie scheu von

einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu

zwingen zu muessen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte.

"Nun nach Amerika _schicken_ thu' ich sie gerade nicht," laechelte Herr

Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen ueber die vielleicht

ein wenig plumpe Anrede.

"Nicht?" sagte der Bauer rasch und erstaunt -- "aber hier haengen doch all

die vielen Schiffe."

"Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinueber _wollen_,"

sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte dass sich

der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natuerlich einzugehen

wuenschte."

"Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinueber," sagte der zweite von

den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei

verlegen hinter den Ohren kratzend -- "wir wollten uns nur erst einmal hier

erkundigen ob denn das auch wirklich da drueben so ist, wie es jetzt immer

in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinueberzugehn und

zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar

hundert Morgen Land haben will."

"Ja wenn man Geld hat," lachte Herr Weigel.

"I nu -- Geld haetten wir," sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an.

"Ich bin Ihnen sehr dankbar," unterbrach den Sprecher hier der junge Mann,

der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt

hatte. "Bitte," sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich

weiter um ihn zu bekuemmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den

Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen:

"Guten Morgen meine Herren" empfahl.

"Adje Herr -- Herr Schnellig," rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her,

ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, waehrend die Bauern freundlich den

Gruss in ihrer Art erwiederten.

"Wer war der junge Herr?" frug der erste Sprecher aber, als er die Thuer

rasch hinter sich in's Schloss gedrueckt.

"Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinueber moechte,"

sagte Herr Weigel -- "er thut zwar als waer' es nur fuer einen armen

Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon -- kommen alle

Wochen vor."

"Umsonst mit nach Amerika?" sagte der erste Sprecher verwundert, "_der_

sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja

_so_ fein gekleidet; Donnerwetter -- mit Handschuhen und allem -- "

"Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber

angestrichen," lachte Herr Weigel, "aber inwendig, in den Taschen, da

hapert's nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon

oben auf erkennen, ob der Lack aecht, oder blos nachgemacht ist, hehehe."

"Bei dem war er wohl nachgemacht?" sagte der zweite Bauer, dem Anschein

nach gerade nicht unzufrieden damit, dass der "glatte Stadtmensch" nicht so

viel galt wie sie, und dass der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut

hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch

laenger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, dass er von

ihm keinen Nutzen haben wuerde, und er suchte das Gespraech wieder dem mehr

praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken.

"Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche

Farm, gleich mit Land, Vieh, Haeusern und was dazu gehoert, ankaufen heh? --

'waer keine so schlechte Idee."

"Ja erst moechten wir aber einmal wissen wie die Sache steht;" sagte der

Erste wieder, der Menzel hiess, "wenn man ueber einen Zaun springen will,

ist es viel vernuenftiger dass man erst einmal hinueber guckt was drueben ist,

und wenn man das nicht kann, dass man Jemanden fragt der es genau weiss.

Sind denn die Farmen da drueben wirklich so billig? -- ist das wahr, dass man

dort noch gutes frisches Land fuer ein und einen Viertel Thaler kaufen

kann?"

"Thaler? -- nein," sagte Herr Weigel, "_Dollar_." "Ja nun, das ist aber

auch nicht viel mehr," meinte der Zweite, Mueller.

"Nun ein Dollar ist ungefaehr ein Speciesthaler," sagte Herr Weigel --

"lassen Sie mich einmal sehn -- die stehn jetzt -- stehn jetzt 1 Thlr. 121/2

Silber- oder Neugroschen."

"Nu ja," sagte Menzel wieder, "das ist aber immer kein Geld -- und fuer

tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie

sie's glaub' ich nennen? mit Allem was dazu gehoert?"

"Ich habe hier gerade," sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, "ein

paar Anerbietungen von hoechst achtbaren Leuten -- wirklichen Amerikanern --

die mir Farmen zu hoechst maessigen Bedingungen offeriren. -- Die Leute wissen

da drueben dass hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Plaetzen

erkundigen, und wenn sie dann 'was Gutes haben, schicken sie's mir. -- Wo

hab' ich denn die verwuenschten Plaene jetzt hingelegt -- ah, hier ist der

eine -- sehn Sie, Gebaeude und Alles sind darauf angegeben -- und der andere

kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder

gezeigt, der gar nicht uebel Lust hatte eine davon fuer sich zu kaufen -- da

ist er."

Die drei Bauern draengten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr

Weigel die Plaene jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer

laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was

darauf staende.

"Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht's dort aus?" sagte

Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb -- "aus der

Geschichte hier wird man nicht klug."

"Ja sehn Sie," sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklaerend, und den

angegebenen Zahlen folgend, "das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein

Doppelgebaeude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen,

des warmen Klima's wegen, denn drum herum stehen "Baumwollenbaeume"

angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebaeude, bis jetzt zu Negerwohnungen

benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben;

Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von

dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein

Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenuebersteht,

und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu

liegt, abschliesst.

"Und welcher Fluss ist das?"

"Der Missouri, einer der groessten Stroeme Amerika's, ueber eine englische

Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine

Herren, von den dortigen Stroemen koennen wir uns hier gar keinen Begriff

machen."

"Hm -- und wieviel Land gehoert dazu?"

"Dazu gehoert ein "Died" von 40 Acker, was frueher als Congressland gekauft

und schon bezahlt ist, und natuerlich mit uebernommen wird, und um den Platz

herum kann noch so viel Congressland dazu genommen werden, wie man haben

will -- nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht

ist, muessen natuerlich hoeher bezahlt werden."

"Und was soll die ganze Geschichte kosten?" frug Mueller. -- Der dritte,

dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen

Verhandlung gesagt.

"Die ganze Geschichte," erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, "wie

ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle ueberlassen kann, mit Haeusern

und Grundstueck und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht

einigen achtzig Stueck Rindvieh, und fuenfundfunfzig oder sechzig Schweinen,

wuerde -- etwa -- ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen --

"

"Und das waere nach unserem Geld?" sagte Menzel, Mueller dabei heimlich

unter dem Tisch anstossend -- "

"Nach unserem Geld?" wiederholte Herr Weigel, mit einem Stueck dort

liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend --

"wuerde es in einer runden Zahl etwa 1000 -- 400 -- eine Kleinigkeit ueber

1400 Thlr. Preuss. Courant betragen."

"Wieviel Stueck Rindvieh?" sagte Mueller.

"Einige achtzig Stueck sind angegeben," sagte Weigel, "und muessen auch

ueberliefert werden; aber gewoehnlich sind es noch mehr, denn das Vieh laeuft

draussen im Freien herum und bekommt Kaelber und man weiss es oft nicht

einmal -- die Kaelber werden ueberhaupt nie mitgezaehlt."

"Und die Passage hinueber kostet?" frug Menzel --

"Zwischendeck oder Cajuete?"

"Zwischendeck -- immer wo's am Billigten ist," lachte Menzel, und strich

sich wohlgefaellig ueber die silbernen Knoepfe.

"Ja, kann mir's denken," rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und

ihn leise gegen den Arm von sich stossend -- "Sie sehn mir auch gerade aus,

als ob's Ihnen auf ein paar Thaler ankaeme."

"Ja, wo man's kann muss man's zusammennehmen," betheuerte aber auch Mueller

-- "also wieviel kostet's im Zwischendeck a Person?"

"Vierundvierzig Thaler fuer die Person -- Kinder zahlen die Haelfte."

"Aber ganz kleine Kinder?" sagte Mueller.

"Nun Saeuglinge gehen ein," lachte Herr Weigel, "das ist die Beilage, die

doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen."

"Leichten Zwieback?" frug Menzel.

"Ja wohl," sagte Herr Weigel, etwas verlegen laechelnd, da er nicht wusste

ob der Bauer das im Spass oder Ernst gemeint -- "wie viel Personen sind Sie

denn aber wohl etwa?"

"Nu, so eine sechzig moechten wir immer zusammen herausbekommen," meinte

Mueller --

"Aber Alle auf ein Schiff muesstet Ihr uns bringen," sagte Menzel.

"Nun das versteht sich von selbst," rief Herr Weigel, und ein famoses

Schiff geht gerade den funfzehnten ab -- ich glaube das beste, das von

Bremen und Hamburg ueberhaupt laeuft -- die Diana."

"Ne das waer' uns noch zu frueh -- "

"Am ersten naechsten Monats geht ein noch besseres," sagte Herr Weigel --

"wenigstens geraeumiger und ein besserer Segler."

"Ne das waer' uns auch noch zu frueh," sagte Menzel.

"Gut, dann traefen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor," versicherte

Herr Weigel, keineswegs ausser Fassung gebracht; "ich wollte Ihnen den im

Anfang nicht anbieten, weil ich fuerchtete dass Sie frueher zu reisen

wuenschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen

allerdings die vorzueglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur

ueberhaupt denken laesst."

"So -- na das passte schon besser -- " sagte Mueller -- "wie hiess das Schiff

gleich?"

"Meteor."

"Hm -- werd' es mir merken -- aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir

die Passage doch auch was billiger."

"Ne, das geht nicht," lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; "es ist ja

nicht so, dass ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie

darauf Platz haben, sondern es muss auch genug Raum, und ueber und ueber

genug Essen und Trinken fuer sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in

einem ungluecklichen Fall laenger dauerte als gewoehnlich. So ein Schiff hat

deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord

nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die

ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf's tz. Die kleinen Kinder

werden eingegeben, aber die grossen muessen bezahlen. Und wie war's mit der

Farm?"

"Wo ist denn der andere Platz -- zu dem da der lange Zettel gehoert?" sagte

Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken

herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran

bekommen zu koennen.

"Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so grosser

Strom dabei," sagte Herr Weigel -- "ist aber auch billiger. Dort kann ich

Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Kuehen, fuer etwa

siebenhundertundfunfzehn Dollar ueberlassen, und dann habe ich noch fuenf

andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwoelfhundert Dollar -- die

letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem

Schweizervieh, und Backsteingebaeuden, und einer prachtvollen Lage Milch

und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber

auch freilich wohl zu theuer sein?"

"Zu theuer? -- warum?" sagte Menzel -- "wenn man sich einmal etwas kauft,

soll man sich auch gleich 'was ordentliches anschaffen. Ich habe mir

uebrigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen,

und gedacht, dass man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld

verreisen muesste. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann,

ist das ja weit bequemer."

"Auf eins moechte ich Sie uebrigens noch aufmerksam machen, meine Herren,

was Sie ja nicht versaeumen duerfen," sagte Herr Weigel -- "naemlich sich hier

gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in's Innere, wohin Sie auch immer

wollen, zu loesen.

"Von Neu-York aus?" sagte Menzel verwundert.

"Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt."

"Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen?" frug Mueller.

"Gewiss kann man das," laechelte Herr Weigel, "und das ist gerade der

ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von

der Thuer seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne dass

er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht,

als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das

Reisen jetzt so billig, dass man mit _einem_ Blick im Stande ist saemmtliche

Kosten zu uebersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg."

"Das waere freilich ein Glueck," sagte Mueller, von dem erst vor einigen

Monaten ein Bruder "hinueber" gegangen war -- "die Extra-Ausgaben fressen

sonst das meiste Geld."

"Ob sie's fressen, bester Herr, ob sie's fressen," sagte Herr Weigel, sich

wieder vergnuegt die Haende reibend.

"Und wo kann man die Billete also bekommen?" frug Menzel.

"Bei mir hier, versteht sich," sagte Herr Weigel -- "alle bei mir."

"Und die gelten dann drueben?"

"Nun versteht sich doch von selbst," lachte der freundliche Agent, "ich

wuerde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die

Deutschen hinueber kommen, dann sprechen sie gewoehnlich noch kein Englisch

-- oder haben Sie das etwa schon gelernt?"

"Ne -- "

"Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten -- denn der

Amerikaner ist nicht halb so schlimm -- die sich das richtig zu Nutze zu

machen wissen, tuechtig ueber's Ohr gehauen, und muessen gewoehnlich gerade

noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten.

"Aber es soll doch eine "Deutsche Gesellschaft" drueben in Neu-York sein,"

sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den

Mund aufthat -- "die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafuer

verlangt."

"Leben wollen wir _Alle_," sagte Herr Weigel achselzuckend -- "umsonst ist

der Tod, und dass die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden fuer die

Deutschen zu sorgen, auch etwas dafuer nehmen werden, laesst sich wohl an den

fuenf Fingern abzaehlen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute

_brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann

ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen;

lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich

demselben schwierigen und undankbaren Geschaeft unterzogen haben wie ich,

und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich

durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden

Sie wohl schwerlich finden, und ich ueberrede gewiss Niemanden nach Amerika

auszuwandern. Jeder Mensch muss seinen freien Willen haben, und auch am

Besten selber wissen was ihm gut ist."

"Ne gewiss," sagte Menzel -- "da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein

Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst

thut da gewiss Niemand etwas -- das sind verflixte Kerle da, hab' ich mir

sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie

nicht 'raus."

"Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen?" sagte Mueller.

"Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafuer dass sie nicht allein aecht

sind, sondern dass die hier in Deutschland geloesten Plaetze auch noch den

Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder

Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der

Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der laengsten Station haben

einschreiben lassen, den Vorrang behalten muessen vor denen die nachher

kommen.

"Ahem, das ist klar," sagte Menzel; "na also da daecht' ich liessen wir uns

gleich einmal Plaetze belegen und gaeben das D'raufgeld, damit wir die Sache

richtig haetten, und nachher koennen wir ja einmal ueber die Farmen sprechen;

ich habe verwuenschte Lust."

"Du, das hat noch Zeit," sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke

zupfend; "erst muessen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause

ueberlegen."

"Wenn aber nachher die Plaetze auf dem ganz guten Schiffe fort sind," sagte

Mueller mit einem sehr bedenklichen Gesicht.

"Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafuer," versicherte Herr Weigel die

Achseln zuckend, dass sie beinah seine Ohrlaeppchen beruehrten.

"Na mein'twegen," sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht

hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es

dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrueckte -- "aber von wegen

der Farm muessen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm

kriegen wir auch noch immer."

"Ja aber was fuer eine," sagte Herr Weigel.

Brauhede blieb uebrigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur

wenigstens darauf die beiden Plaene einmal mitzunehmen, damit sie sich zu

Hause ordentlich hinein denken koennten. Wenn auch Herr Weigel sie im

Anfang nicht ausser Haenden geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht

uebel Lust die eine Farm fuer sich selber auf Spekulation zu kaufen, liess er

sich doch zuletzt ueberreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die

Plaene zu ueberlassen, und dann das Weitere ueber den Ankauf mit einer

zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen.

Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ fuer

siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die saemmtlich aus _einer_

Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen

Berathung mit den beiden anderen, die noethigen Billete auf der Eisenbahn

von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, dass sie

ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im

Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder

andere bekommen wuerde, waehrend die Anfrage darnach sehr stark waere.

Ausserdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochueren,

die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas

_ganz Neues_ bekommen hatte -- ein Datum stand nicht darauf -- und die drei

Maenner verliessen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf

den Markt fuehrende Thuer begleitet, das Haus.

"Hoere Du," sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der

Strasse waren, und langsam ueber den Markt weggingen, "mit dem Landkaufen

wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine

wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf."

"Nicht in den Kopf?" rief aber Menzel -- "und warum nicht? -- der Mann

bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort

zu verkaufen ist?"

"Wenn's aber so gut und billig waere, brauchten sie's doch nicht hier

herueberzuschicken," meinte Brauhede kopfschuettelnd.

"Das ist Alles was Du davon verstehst," sagte Mueller, "Amerikaner koennten

sie gewiss genug zu Kaeufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die

ihnen zeigen wie man das Land behandeln muss, und darum schicken sie

herueber -- die sind froh drueben, wenn unsereins hinueber kommt.

"Nun, mag sein," brummte Brauhede -- "aber sicher ist doch sicher, und wenn

ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll

nachher nicht finden, wie's dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher

waere die Geschichte aber faul."

"Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel," sagte der Andere, "der

sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt' er

nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansaessig und

hat ein Geschaeft; was der verkauft das muss gut sein, sonst waer' er ja gar

nicht sicher dass man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte."

"Ja krieg' ihn einmal wenn Du drueben in Amerika bist," sagte Brauhede

ruhig -- "das ist ein verwuenscht weiter und umstaendlicher Weg und -- wenn

man sich einmal hat anfuehren lassen, will man auch nicht gern noch dazu

ausgelacht werden."

"Papperlapapp!" sagte Menzel -- "dafuer hat Jeder seine Augen dass er sie

offen haelt, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd' ich mich schon

sicher stellen dass er mir Nichts aufbindet."

Und die Maenner schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken

ueber die nahe Auswanderung beschaeftigt, langsam die Strasse hinunter,

waehrend in seinem kleinen Bureau, vergnuegt die Haende zusammenreibend, Herr

Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die naechst zu

ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger

Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschaefte gingen vortrefflich; Lust zur

Auswanderung hatte in der That ein Drittel der saemmtlichen Bevoelkerung,

und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu

etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen

gewesen waren.

Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Haende auf den Ruecken

und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend.

Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch

das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht

hoerte was er sang, genuegte es ihm vollkommen.

Die Thuer ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend

etwas an dem Pult auszubessern -- er hatte zweimal angeklopft ohne dass der

vergnuegte Agent darauf geantwortet haette.

"Guten Morgen Herr Weigel."

"Ah guten Morgen Meister -- nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein

paar Mal nach Ihnen hinuebergeschickt -- "

"Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drueben beim Herrn Geheimen

Rath Baerlich beschaeftigt -- die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit

fort geht -- "

"Sehn Sie, hier das Bein moecht' ich gemacht haben; der Tisch wackelt da

immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal

wieder. Koennen Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?"

"Ja gewiss," sagte der Mann, "das ist ja nur eine Kleinigkeit."

"Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? -- werden

die bis heute Abend fertig?

"Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus "Stadt

Breslau," wie Sie mir sagten, abgeliefert."

"Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen,

und will morgen frueh wieder fort -- es sind doch noch keine Auswanderer

heute Morgen hier eingetroffen? -- "

"Nicht dass ich gesehen haette -- aber gestern Abend zogen Viele durch."

"Ja ich weiss -- von Hessen herueber -- die armen Teufel; denen wird's einmal

wohl drueben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschaefte jetzt?"

"Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird

freilich immer theuerer, aber man schlaegt sich so durch -- Kinder haben wir

nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus."

"Ich begreife nicht," sagte Herr Weigel da kopfschuettelnd vor dem Mann,

der seine Muetze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen

anschickte, stehen bleibend -- "wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis

Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in

ein paar Wochen drueben sein koenntet und so viel Dollare fuer Euere Arbeit

bekaemt, wie hier Groschen.

"Drueben, wo?"

"Nun in Amerika -- "

"Hm, ja," sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen

leichten Seufzer unterdrueckend -- "gedacht hab' ich auch schon ein paar Mal

daran, aber -- das geht nicht gut und -- es ist auch so eine unsichere Sache

mit da drueben. Hier weiss ich einmal was ich habe und dass ich auskomme, und

wie mir's da drueben geht weiss ich _nicht_."

"Aber Freund," rief Herr Weigel verwundert -- "ein Mann der fleissig

arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika

ist gerade der Platz fuer Euch, wo Ihr Euch ruehren und ausbreiten koenntet --

wenn Ihr dort waeret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fuenf Jahren

haettet Ihr zwanzig Gesellen."

"Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden

still vor sich nieder, als ob das Bild mit der grossen Werkstaette und dem

regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne,

dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend -- "

"Und es geht doch nicht, Herr Weigel -- ich habe die alte Mutter zu Hause,

die ich unmoeglich hier allein zurueck lassen koennte -- "

"Hierlassen? das fehlte auch noch," rief der Agent -- "die nehmt Ihr mit,

Mann -- koennt Ihr der denn eine groessere Freude machen, als wenn sie noch

vor ihrem Ende saehe wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer

Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? -- Muss sie hier nicht

in Sorge und Kummer leben dass Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen

koennt, und wie sieht's dann aus?"

"Wenn ich aber nun dort drueben krank werde?" sagte der Meister leise.

"Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und fuer ein Unglueck

kann Niemand" -- warf dagegen Herr Weigel ein, "so koennt Ihr Euch auch

schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn

Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender

Mann."

"Es ist eine verwuenschte Geschichte mit dem Amerika," seufzte der Mann

wieder, sich hinter dem Ohr kratzend -- "man hoert so viel davon, und sieht

eine solche Masse Menschen hinueberziehen, die alle voller Hoffnung sind

dass es ihnen gut geht -- und moechte am Ende ebenfalls gern mit -- wenn man

nur erst so einmal hinuebergucken koennte wie es eigentlich aussieht."

"Dazu ist es ein Bischen zu weit," meinte Herr Weigel.

"Ja nun eben," sagte der Tischler -- "und so auf's gerathewohl -- "

"Das koennt Ihr aber nicht auf's gerathewohl nennen, wo wir alle Tage

Briefe von drueben herueber bekommen, von denen einer immer besser lautet

als der andere. Da -- hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen

habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinueberbefoerdert, und dem es jetzt

ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte

Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief."

Leupold legte seine Muetze wieder hin, nahm den Brief und las ihn

aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann

wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden

Laecheln betrachtet hatte.

"Nun?" frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder

zusammenfaltete -- "wie klingt das?"

"_Sehr_ gut" sagte Leupold leise, "aber -- es hilft mir doch Nichts. Wenn

ich jetzt mein kleines Haeuschen, das ich mir mit Muehe und Noth

zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; faende ich erstlich

keinen Kaeufer, und dann bekaem ich auch das nicht dafuer wieder, was es mich

selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser

wie die Taube auf dem Dache."

"Bah, Taube," sagte Herr Weigel muerrisch -- "wenn die Taube auf dem Dach

eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika

ruhig liegt, und auf die wartet die hinueber kommen, so ist sie mir lieber

wie ein erbaermlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu

wenig; aber -- ueberlegt's Euch -- ah da kommt der Brieftraeger -- 'was fuer

mich?"

"Nun guten Morgen Herr Weigel," sagte der Tischler und wollte sich eben

entfernen, waehrend der Brieftraeger dem Agenten mehrere fuer ihn gekommene

Briefe ueberreichte.

"Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige" sagte er dabei.

"_Siebzehn_ Silbergroschen?" rief Herr Weigel verwundert -- "aha da ist ein

Amerikaner dabei -- halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold" -- da

ist vielleicht gleich noch was fuer uns, und was ganz Neues -- wollen gleich

einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den

ich hinueber befoerdert habe, und der sich jetzt bedankt -- das kostet aber

viel Geld -- "

"Apropos Neues," sagte Leupold, waehrend der Agent den Brieftraeger bezahlt

hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief

aufzuschneiden -- "haben Sie schon gehoert dass gestern Nachmittag bei Herrn

Dollinger eingebrochen und fuer sieben tausend Thaler Gold und Juwelen

gestohlen sind?"

"Alle Wetter," rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere

in der Hand -- "gestern Nachmittag?"

"Am hellen Tage," bestaetigte Leupold.

"Und weiss man nicht wer der Thaeter ist?"

"Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon

eingezogen," sagte der Tischler.

"Gewiss den Lossenwerder," rief Weigel.

"Ich glaube so heisst er -- er ist ein wenig verwachsen -- "

"Und schielt -- derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden

koennen; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus

reinem Brodneid; ich wuesste wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn

dabei stark in Verdacht, dass er selber damit umgeht eine Agentur fuer

Auswanderer zu errichten. Da koennte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe,

ohne Connexionen und ohne Kenntniss vom Land -- schickte nachher die Leute

in's Blaue hinein, dass sie dort saessen und nicht wuessten wo aus noch ein. Na

nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich goenne nicht gern einem

Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's dass sie's wenigstens

herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich

forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?"

"So viel ich weiss nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber

der Mann betheuert dass er sie sich gespart haette; es ist uebrigens Manches

dabei zusammengekommen was ihn verdaechtig macht; das Naehere weiss ich

freilich nicht."

"Hm, hm, hm," sagte Herr Weigel, kopfschuettelnd den Brief, den er noch

immer in der Hand hielt, anschneidend -- "boese Geschichten -- boese

Geschichten, was man nicht Alles hoert auf der Welt. -- Nun wollen wir also

einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt -- hm -- Washington

County, Tennessee den siebenten Januar 18 -- alle Wetter der Brief ist

lange unterwegs gewesen -- Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der

Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland --

ahem -- Sie nichtsw -- hm -- Sie haben -- hm -- vor allen Dingen -- hm -- hm --

hm -- hm" -- Herrn Weigels Gesicht verlaengerte sich immer mehr, je weiter er

in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectuere vorrueckte, aber er

brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise

hoechst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und

murmelte, das Ganze nur fluechtig ueberfliegend, blos einzelne

unzusammenhaengende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte,

vor sich hin.

"Nun, was schreiben sie?" sagte dieser endlich laechelnd; er waere schon

lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurueckgehalten haette -- "gute

Neuigkeiten?"

"Bah!" sagte Herr Weigel, den Brief zurueck auf seinen Schreibtisch werfend

-- "Jemand der seine Geschwister will hinuebergeschickt haben und mich

ersucht das Geld fuer ihn auszulegen. Da muesst' ich schoene Capitale

herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie

nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann

suchen."

"Ne, das ist ein Bischen viel verlangt," sagte der Meister, wieder nach

der Klinke greifend -- und diessmal hielt ihn Herr Weigel nicht zurueck --

"aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlassen Sie sich darauf ich

besorge Ihnen das heute noch."

"Sein Sie so gut," sagte der Agent -- er war auf einmal ganz einsylbig

geworden, und Meister Leupold verliess mit nochmaligem Gruss das Zimmer, in

dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Haenden, aber

keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf

und ab ging.

"Und vierzehn Groschen bezahlt fuer den Wisch -- es ist eine Frechheit

wahrhaftig, die in's Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen

Tauben sollen ihm da in's Maul fliegen, so bald sie's nur aufsperren." Und

wieder riss er den Brief vom Pult, rueckte sich die Brille zurecht, und las

mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar

aufmerksamer durch als vorher.

"Sie nichtswuerdiger Hallunke" -- wenn ich Dich nur hier haette mein Bursche,

dafuer solltest Du mir brummen -- "schaendlich betrogen und angefuehrt" -- wozu

hat Dir denn der liebe Gott die grossen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie

nicht aufsperren willst -- "Land eine Wueste" -- na versteht sich, ein

Gewaechshaus hab' ich ihm nicht verkauft -- "Haelfte gar nicht zu bekommen" --

Holzkopf -- "kein Mensch wollte die Billete nehmen" -- bah, geschieht Dir

recht -- "Wohngebaeude zu schlecht fuer einen Hund" -- fuer Dich noch immer

viel zu gut, mein Schatz -- "wenn Sie nur einmal herueber kaemen, Sie

miserabeler" -- bah" -- unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger

als schmeichelhaften Lectuere, indem er den Brief in zwei Haelften riss, und

sich dann ein Streichhoelzchen mit einem Gewaltstrich an der Thuer

entzuendete "so viel fuer den Wisch!" und das Papier anbrennend, warf er das

auflodernde in den Ofen, und schloss die Klappe so heftig er konnte.

Allerdings wollte er sich nun ueber den Brief hinwegsetzen, aber geaergert

hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drueckte er sich seinen

Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verliess sein

Bureau, das er sorgfaeltig hinter sich abschloss, und eine kleine Pappe

mitten an die Thuer hing, auf der die Worte standen.

"Kommt um elf Uhr wieder."

Capitel 6.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 8 / 12 题