FRANZ LOSSENWERDER.

In Heilingen, in der Glockenstrasse, stand ein vortreffliches Weinhaus, in

dem die wohlhabenderen Buerger Abends gewoehnlich zusammenkamen und ihr

Flaeschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal

war ziemlich gemuetlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner

Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thueren und Verschlaege,

theils durch Vorhaenge von einander getrennt lagen, einzelnen

Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas,

ungestoert von dem Nachbar, zu trinken.

Das Haus hiess "der Pechkranz" nach einer alten Sage, die der Wirth sehr

gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem

dreissigjaehrigen Kriege spielte; ein, ueber der Eingangsthuer in neuerer Zeit

erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen

Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in hoechst wunderlicher

Weise Sage und Geschaeft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber

gar nicht so uebel angebracht, und haette sich auch schon ohne Tilly recht

leidlich und genuegend erklaeren lassen, denn Bachus hatte hier schon in der

That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, dass es lichterloh

zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben groesseren Schaden anzurichten,

als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.

Der Wirth war uebrigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein

Rheinlaender, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und

durch gute Getraenke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen

hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, "aber," sagten die

Heilinger, "wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen

Groschen dabei ankommen, wenn er nur aecht und rein ist," und Wirth und

Gaeste befanden sich wohl dabei.

Es war am Abend des naemlichen Tages, an welchem ich meine Erzaehlung

begann, als die Gaeste, die den Tag ueber meist auf Spaziergaengen im Freien

gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschaeftig herueber

und hinueber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu

bringen. Die kleinen Raeumlichkeiten fuellten sich nach und nach, und selbst

in dem grossen Mittelsaal, der ungefaehr das Centrum des Ganzen bildete,

hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne

Gaeste sassen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf

eigene Hand, in ungeselliger Gemuethlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu

leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schoenen Landschaft

und einer guten Flasche Wein gehoeren mindestens zwei Personen, um Beides

recht und ordentlich zu geniessen, die eine sich _darueber_, die andere sich

_dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genuss

von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener

fuehlen wenn sie Alles allein geniessen koennen, aber denen geh' aus dem Weg;

es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen

schuldig bist ist dafuer, dass sie sich eben auch von Dir zurueckziehn. Nur

wer Niemanden hat an den er sich anschliessen darf, wer allein und

freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drueckt, allein tragen,

die wenigen frohen Momente seines Lebens allein geniessen muss, den bedauere

und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Ungluecklichste von Allen.

Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der

Kuerschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich ueberall

umschauend, ob er nicht irgend einen Freund traefe zu dem er sich setzen

koennte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah

erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen

traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen

bleibend:

"Hallo, _Lossenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da moechte man doch, wie

die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer

Flasche Ruedesheimer; nun das lass ich gelten und es freut mich wahrhaftig,

dass Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist

denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund muss doch die

Festlichkeit haben."

"Ha -- ha -- ha -- hat sie auch He -- he -- he -- he -- herr Ke -- ke -- ke --

kellmann," sagte der kleine Mann verlegen laechelnd und sich etwas

schuechtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die

Aufmerksamkeit der uebrigen Gaeste so direkt auf sich gelenkt zu sehn.

"Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen," sagte Kellmann,

seinen Hut und Stock an einen der naechsten Haken haengend und sich neben

ihn setzend, "wenn sie behaupten Ihr traenkt nur Wasser, und Sonntags

hoechstens einmal ein Glas Duennbier -- ich kriege Leibschneiden, wenn ich

nur an das Zeug denke -- und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem

halben Thaler auskommen muesstet. Alle Wetter Mann, das ist recht, dass Ihr

Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein goennt; das haelt Leib und Seele

zusammen, und staerkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Wuerde

mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterlaendischen Wein entbehren

muesste," setzte er mit einem halbunterdrueckten Seufzer hinzu.

"Ha -- ha -- ha -- haben Sie a -- a -- a -- auch wohl ni -- ni -- nicht noe -- noe --

noe -- noe -- noe -- noethig, be -- be -- be -- bester He -- he -- he -- he -- he -- he."

"Ih nun wer weiss was Einem noch Alles bevorsteht," unterbrach ihn Kellmann

-- "hier Kellner -- mir auch eine Flasche von dem Ruedesheimer; der Duft hat

mir Appetit gemacht."

"Hallo Lossenwerder bei einer Flasche Ruedesheimer," rief aber jetzt noch

eine andere Stimme aus dem naechsten Stuebchen, wo ein paar junge Kaufleute

bei ihrem Glase zusammensassen -- "da muessen wir auch dabei sein;

Lossenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt --

haben Sie was in der Lotterie gewonnen?"

Die jungen Leute, die Kellmann und Lossenwerder begruessten, kamen mit ihrer

Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer

verlegener werdenden kleinen Mann anstossend und trinkend. Denen gesellten

sich aber noch bald darauf Andre zu; Lossenwerder war in der ganzen Stadt

bekannt und oft auch, seiner koerperlichen Maengel wegen, zum Besten

gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen

nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anlass und Stoff gegeben haette;

so wurde denn diese freilich gezwungene Zurueckhaltung endlich fuer

Gutmuetigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig

gefallen liess, und was die schaerfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte

er unfreiwillig dadurch, dass man es endlich muede wurde, den sich nicht

Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden liess. Aber in

des Verwachsenen Betragen aenderte das Nichts; abgestossen und verhoehnt -- in

nur sehr wenigen Ausnahmen -- von Allen, mit denen er in Beruehrung kam, zog

er sich mehr und mehr in sich selbst zurueck, ging, ausser den noethigen

Geschaeftswegen und ausser der Geschaeftszeit, fast nirgends hin, und lebte

so einfach, ja fast duerftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_

Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch

Niemand gesehn, und die Gaeste dort, die ueberdies keinen weiteren Zweck da

hatten als sich zu amuesiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem

kleinen "Stotterberg", wie er spottweis, seines Stotterns und Hoeckers

wegen genannt wurde, am Besten thun zu koennen.

Im Anfang wollte sich Lossenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte

sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen,

denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und musste mit

ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte

kraeftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern

jagen. Nun sollte er erzaehlen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde,

mit der schwereren Zunge, kaum verstaendlich, bis Einer, im Spott eben, auf

den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Lossenwerder weigerte sich

erst ganz verschaemt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit

Lachen und Toben, waehrend ein paar schon Champagner bestellten, den Genuss

wuerdig zu feiern, raeusperte sich Lossenwerder ploetzlich und stieg, von dem

Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdraengenden Gaeste,

auf einen Stuhl.

[Capitel 4]

Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden

sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen

des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrueppelte

Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Toenen, die zum

innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer

zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit

fortgerissen, dieses also begann:

"Ich habe schon zu oft geschaut

In Deiner Augen Glanz, Du Holde,

Auf meine Kraft zu fest vertraut,

Viel mehr, als ich vertrauen sollte.

Doch nein, fuer Dich Geliebte sind

Des Lebens schoenste, reinste Bluethen,

Von keinem Schmerz getruebt, bestimmt,

Und was koennt' ich dafuer Dir bieten?

Nichts -- gar Nichts, als ein treues Herz;

Doch nimmer sollst Du es erfahren --

Ich kann, wie frueher, meinen Schmerz

In tiefer, innerer Brust bewahren.

Sei gluecklich! -- wenn auch ohne mich,

Ich will Dich lieben, aber schweigen

Und mein Gebet nur soll fuer Dich

Empor, zum Thron des Hoechsten steigen.

Wenn dann mein Herz im Grabe liegt,

Und austraeumt seine stillen Leiden,

Dann soll der Geist zum Himmel nicht

Entfliehn, und zu der Seel'gen Freuden. --

Ein schoen'res Loos werd' ihm zu Theil,

Umschwebend Dich in trueben Tagen,

Soll er, zu Deinem Schutz und Heil,

Selbst seiner Seligkeit entsagen."

Lossenwerder war ganz geruehrt geworden beim Schluss des Liedes, und die

Thraenen standen ihm in den Augen; waehrend sein wirklich haessliches Gesicht

durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam,

jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und

Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen

war.

"Bravo -- bravo Lossenwerder -- bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja

eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei -- wie

am Schnuerchen geht das!"

"Es ist erstaunlich!" rief Kellmann, vor lauter Verwunderung ueber das eben

Gehoerte wirklich fast sprachlos.

"Nun aber auch trinken -- hier Lossenwerder -- hier," riefen sie, ihm das

Glas bis zum Rand mit dem schaeumenden Trank fuellend, "und dann noch ein

Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern,

und klingt wie Glockenton so rein und voll; Lossenwerder wo habt Ihr das

Singen gelernt?"

"Vo -- vo -- vo -- vo -- vo -- von mi -- mi -- mir se -- se -- se -- se -- selb --

bber," stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer

werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, waehrend ihm im Gesang die

Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten.

"Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren," rief

Kellmann wieder -- "behaelt die liebe Gottesgabe da ebenfalls fuer sich

allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit

Niemand, und hat eine Stimme in der Luftroehre sitzen, die Einer, wer es

darauf anzulegen verstaende, in reines Gold verwandeln koennte."

Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und ueberschuetteten

ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer

von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden -- Niemand hatte sich bis

jetzt um ihn bekuemmert, Jeder ihn verspottet und verhoehnt, und zum ersten

Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fuehlte er sich unter Menschen

einem Menschen gleich, wusste sich nicht mehr verachtet und unter die Fuesse

getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres

Gleichen anschauten.

Dem loeste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille

zu reden, so weit, dass er beginnen wollte Geschichten zu erzaehlen. Das

ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen

brachte er kein Wort mehr ueber die Lippen, und selbst das Singen versagte

ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu

lallen, und war eben zurueck auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme

gesunken, als die Thuer aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten.

Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gaeste, mit Ausnahme des einen

Tisches, hatten das Haus schon verlassen.

"Hallo was ist das?" sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst

bemerkte, "das ist wunderlicher Besuch -- es wird doch nicht etwa eine

Polizeistunde eingefuehrt in Heilingen?"

Aber auch der Wirth war die "Diener der Gerechtigkeit", wie sie meist

etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich

zu erkundigen was sie hierher gefuehrt.

"Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein," sagte

der Erste -- "er ist aus dem Dollingerschen Geschaeft."

"Dort sitzt er in der Ecke," sagte der Wirth vom Pechkranz nach

Lossenwerder hinueberzeigend, "hat er etwas verbrochen?"

"Ich weiss nicht," erwiederte der Zweite ziemlich kurz -- "wir sollen ihn

abholen." --

"Wird schwer sein," meinte der Wirth -- "sie haben ihm heute Abend hier

ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht -- wenn er

aufsteht kippt er wieder um."

"Hm -- da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen

sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?"

"Ich denke das Beste wird sein wir fuehren ihn zu Haus, und Einer bleibt

bei ihm bis er morgen frueh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch

Nichts mit ihm anzufangen."

"Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen?" frug Kellmann bestuerzt;

"der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend 'was verbrochen?"

"Noch ist nichts Gewisses bekannt," erwiederte der erste Polizeidiener,

"nur bei Dollinger's ist heute Nachmittag eingebrochen, und die

Untersuchung muss jetzt erst ergeben, wer schuldig sei."

"Bei Dollinger's eingebrochen?" riefen Mehrere, "heute Abend?"

"Nein heute am hellen Tag," sagte der Mann.

"Alle Wetter das muss dann gewesen sein waehrend sie nach dem rothen Drachen

gefahren waren," sagte Kellmann rasch -- "sie kamen an uns vorbei mit dem

jungen Henkel."

"In der Zeit war's," bestaetigte der Polizeidiener, "denn wie sie zu Hause

kamen, wurde es entdeckt -- hier da Lossenwerder -- Sie da -- wachen Sie auf."

"Ja wenn Sie den stossen wollen bis er munter wird," lachte Einer der

jungen Leute, "da haben Sie Arbeit."

"Sie -- Lossenwerder -- hoeren Sie?"

"Ja -- ja" -- stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich

gar nicht so sehr viel getrunken, Betaeubte -- "me -- me -- me -- mehr We -- we

-- wein; ich za -- za -- za -- zahle A -- a -- a -- a -- a -- alles!"

"So?" sagte der Polizeidiener ruhig -- "nun fuer heute moecht' es doch wohl

genug sein; komm, fass ihn da drueben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht

so sehr weit von hier -- wo ist sein Hut?"

"Hier -- armer Teufel, das wird ein boeses Erwachen werden."

"Wie man sich bettet so schlaeft man," sagte der zweite Polizeidiener, und

den Betrunkenen in die Hoehe richtend, der dabei unverstaendliche Sachen

stammelte und sogar einen total misglueckenden Versuch machte wieder zu

singen, fuehrten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, indess die Gaeste noch

das "fuer und wider" der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles

gehoert bei einer anderen Flasche besprachen.

Und es _war_ ein boeses Erwachen fuer den Mann; von dem Weindunst betaeubt

schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen

aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster

Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden

Polizeidiener, den er einen Moment bestuerzt anstarrte, und dann die Augen

wieder schloss, wie vor einem unangenehmen Traumbild.

"Nun Lossenwerder, ausgeschlafen?" sagte der Mann aber, froh endlich einmal

zu einem Resultat zu kommen -- "das hat lange gedauert -- kommen Sie, stehn

Sie auf und ziehn Sie sich an."

Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt

von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag,

empor. Wo war er? -- wie war er hierher gekommen? er drueckte sich mit

beiden Haenden die Stirn und der klare Angstschweiss brach ihm aus ueber den

ganzen Koerper; er _wusste_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die

unheimliche finstere Gestalt vor ihm fuellte sein Herz mit einer wilden

Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jaehem Strom zuruecktrieb.

Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem

Diebstahl, das Gefuehl, dass der Verdacht auf ihm laste, und die naechste

Stunde -- waehrend ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man

nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter

dreifachem Schloss, ein Paeckchen mit 200 Thalern in fuenf und zwanzig Thaler

Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstuecke fand, wie seine Abfuehrung

dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den

Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und

Stelle selber zu befragen -- lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen

Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal

eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte.

In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn

Dollinger's Zimmer hinaufgefuehrt, und der alte Herr ging, als Lossenwerder

die Stube betrat, mit auf dem Ruecken gekreuzten Haenden in seinem Zimmer

auf und ab. Der junge Henkel sass in der einen Ecke des Sophas, das rechte

Knie ueber das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, ueber das hin

er aufmerksam den Gefangenen betrachtete.

Lossenwerder war bleich wie ein Todter -- jeder Blutstropfen hatte sein

Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein

Laut ueber seine Lippen.

"Lossenwerder," sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor

ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend -- "ein boeser

Mensch ist gestern, waehrend unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen

und hat, ausser einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir

gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weisst, in den Secretair dort

schloss. Warst Du waehrend unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem

Zimmer meiner Toechter?"

"He -- he -- he -- he -- he -- he -- he -- rr Do -- Do -- Do -- Do."

"Schon gut Lossenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir

schwer; beschraenke Dich auf ein einfaches ja und nein."

"Ja -- a -- !"

"In dem Zimmer meiner Toechter?"

"J -- a -- a -- a aber -- i -- i -- i -- i -- ich wo -- wo -- wollte" --

"Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt?" sagte Herr Henkel jetzt

ruhig.

Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schlaefe hinauf, aber der

naechste Moment liess sein Antlitz wieder so weiss als vorher; er nickte nur,

zur Betaetigung des eben Gesagten, mit dem Kopf.

"Lossenwerder," sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und

dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen

Schulter legte, "Lossenwerder, noch gestern wuerde ich eben so leicht

geglaubt haben, dass eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten,

unrechtlichen Streiches faehig waere, bis mich leider die immer deutlicher

sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben."

"He -- he -- he -- he -- he -- herr Do -- Do -- Do -- Do -- -- Dollinger" --

"Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen," sagte da

der alte Herr, dem Angeklagten jedes unnuetze Wort zu ersparen -- "gestern,

waehrend unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Toechter erbrochen

und das Dir bekannte Geld entwendet worden -- drueben ueber der Strasse hat

Dich ein Maedchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist.

Ebenso bestaetigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du

haettest das Haus durch die nach dem Hofe zu fuehrende Thuer verlassen

wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist,

zurueckgefahren, und dann auch nicht ueber den Hof gekommen waerst. Das

Stubenmaedchen, die keine Ahnung davon haben konnte dass Geld in dem

Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, dass sie, wenige

Minuten spaeter, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die

Vorsaalthuer nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewiss waere, dass Niemand

die Schwelle mehr ueberschritten habe, bis sie den zurueckkehrenden Wagen in

den Hof einfahren gehoert. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in

welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung,

die man an Dir nicht gewoehnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen

allerdings das Schlimmste fuerchten. Lossenwerder -- ich brauche Dir nicht zu

sagen, wie weh -- wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die

doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_

geschehen waere. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das

noch in Deinen Kraeften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem uebrigen

Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch

Alles thun was in meinen Kraeften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein

anderer Welttheil mag Dir nachher in spaeterer Zeit Gelegenheit geben

Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, fuer was ich Dich,

selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe."

Lossenwerder hatte waehrend dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen

vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth

dass er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal

vielleicht mit dem vollen Bewusstsein der gegen ihn erhobenen Anklage --

oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrueckt, denn wer konnte in den

stieren, ueberdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit

grossen Schweissperlen bedeckten Zuegen das richtige lesen -- umfasste er die

Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser

nur mit aeusserster Anstrengung einen Sinn herausfinden musste -- ihn nicht

ungluecklich zu machen -- Nichts so Schreckliches von ihm zu denken.

"Ein aufrichtiges Gestaendniss, Lossenwerder," entgegnete darauf Herr

Dollinger, "ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas

erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die

Reue auf dem Fusse folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnaeckigen

Uebelthaeter.

"A -- a -- a -- a -- a -- aber ich bi -- bi -- bin ni -- ni -- ni -- nicht schu --

schu -- schu -- schuldig," -- stotterte der Unglueckliche -- "ich we -- we -- we

-- we -- weiss vo -- vo -- vo -- von Ni -- ni -- ni -- nichts -- "

"Du weisst von Nichts, Lossenwerder?" sagte Herr Dollinger leise mit dem

Kopf schuettelnd -- "und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher

die Fuenfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und

die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?"

"Ge -- spa -- pa -- pa -- pa -- partes Geld -- e -- e -- e -- e -- e -- ehrlich ge --

ge -- gespartes G -- g -- g -- geld!" stammelte der arme Teufel.

Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er

ein paar Worte in's Ohr fluesterte und dann, waehrend dieser leise und

traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verliess. Lossenwerder aber, der ihm

aengstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung

fuehlte dass man ihn fortfuehren -- in ein Gefaengniss bringen werde, ergriff

wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn

um Gottes -- um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der

Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, dass er ihm nur

das nicht anthun -- dass er ihn in kein Gefaengniss moege fuehren lassen. Herr

Dollinger erklaerte aber natuerlich darin Nichts thun zu koennen, denn wenn

er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so muesse allerdings das

Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen,

wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen wuerde.

"Hab' ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen," stotterte der

Unglueckliche, "so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang" --

Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thuer oeffnete sich in diesem

Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Lossenwerder leise auf die

Achsel klopfte und freundlich sagte:

"Wenn's gefaellig waere."

Lossenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte

sich noch einmal, wie Huelfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick

auf diesen ueberzeugte ihn, dass er schon nicht mehr helfen koenne, wo das

Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Haenden

bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus.

Gerade als er durch die Thuer schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle,

Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine

Beruehrung angesteckt zu werden fuerchte, warf sie ihm einen zornigen,

veraechtlichen Blick zu und ging an ihm vorueber.

Lossenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf

hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in

eifrigem Gespraech, und auch dort musste er vorbei. Das war zu viel und wie

unschluessig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht

suche.

"Na kommen Sie, Lossenwerder, machen Sie keine Dummheiten," sagte aber, ihm

ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener -- "es ist Alles

ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell ueber die Ohren

zogen."

Lossenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen

Maedchen vorueber, das ihn mitleidig betrachtete.

"Etwas ueber zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden," fluesterte

der junge Henkel ihr leise zu -- "ich hoffe dass Vater Dollinger das andere

auch noch wieder bekommen soll."

"Ach Lossenwerder, warum habt Ihr das gethan?" sagte Clara, leise und

mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorueberging.

"U -- u -- u -- und Si -- si -- si -- si -- sie g -- g -- g -- glau -- ben d -- d --

das a -- a -- a -- a -- auch?" rief Lossenwerder und die grossen hellen Thraenen

standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon

laenger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu duerfen, nahm ihn

leise an der Hand und fuehrte ihn die Treppe hinunter. Lossenwerder folgte

ihm wie in einem Traum.

Das Polizeigebaeude war nur hoechstens fuenfhundert Schritt von dort

entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Bruecke

die ueber den, mitten durch die Stadt und haeufig ueberbrueckten kleinen Fluss

fuehrte. Als sie hinunter auf die Strasse kamen, liess der Polizeidiener

seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und fluesterte ihm zu nur

ruhig neben ihm hinzugehn. Lossenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn

er sah verstoert zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der

Voruebergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn

auch nur dunkel, des Zwanges bewusst der auf ihm lag, nahm er sein

Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging

mit krampfhaft zusammenengebissenen Zaehnen neben seinem Waechter her. So

erreichten sie die Bruecke, wo vier oder fuenf Jungen standen, die neugierig

die Ankommenden betrachteten; Lossenwerder's Blick schweifte ueber sie hin,

aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben

spottend rief:

"Hoho, hoho -- Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!"

Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener

drehte sich aergerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu

auseinander stoben; Lossenwerder aber fuhr sich mit beiden Haenden

krampfhaft gegen die Stirn -- "hat gestohlen!" schrie er dabei, ohne zu

stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Waechter es verhindern

konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem

verzweifelten Sprung, ueber die niedere Ballustrade hin in den unten

vorbeilaufenden Strom. Noch ueber dem Gelaender erfasste ihn der

Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Koerpers

war aber zu gross, als dass er es mit einer Hand haette aufhalten koennen, ja

er musste sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und

der Unglueckliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen

Oberflaeche er im naechsten Augenblick verschwand.

Der Fluss war indess hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich

belebten Strasse fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Bruecke

in's Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den

niedertreibenden Koerper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und

gefasst, und von kraeftigen Armen wurde derselbe an die Oberflaeche gehoben

und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts

geschadet hatte, war der Unglueckliche doch durch den Sturz, in dem er

wahrscheinlich durch das Zurueckhalten seines Rockes gegen einen der

Brueckenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt -- die Wunde

blutete stark, und die Maenner trugen den Bewusstlosen zuerst auf die

Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen

Arztes, in die Charite.

Capitel 5.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 7 / 12 题