DER DIEBSTAHL.

Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen

sein, als hinter ihnen auf der Strasse eine Equipage und klappernde

Hufschlaege gehoert wurden, die sie rasch einholten und an ihnen

vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei ueber den Weg waelzend. Es war

die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden,

dem Braeutigam der Tochter.

"Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,"

sagte Kellmann, als sie vorbei waren -- "Wetter noch einmal, es ist doch

ein anderes Ding so ein paar fluechtige Rappen vor sich zu haben, und wie

im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem

Ruecken und wunden Fuessen vielleicht, muehselig die staubige Strasse entlang

zu keuchen."

"Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt," seufzte der Actuar,

"was der Eine haben moechte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl

das ganze Geheimniss der socialen Frage, laesst sich aber nun einmal nicht

aendern, und wir duerfen vielleicht den Kopf darueber schuetteln, und wuenschen

dass es anders waere, aber weiter eben Nichts."

"Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika," sagte der Apotheker

jetzt, "der das schmaehlige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter

noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen dass Eisen der

staerkste Magnet sei; Gold ist's, und wo das liegt zieht es anderes hin.

"Und wie steht's mit Actien?" lachte Kellmann.

"Bah -- bleibt immer dasselbe," brummte der Apotheker, "das Gold steckt

darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Process leicht

herausgezogen werden -- wenn man sie hat."

"Es wundert mich uebrigens dass der alte Dollinger sein Kind ueber das grosse

Wasser hinueberziehen laesst," meinte der Actuar -- "dem haette es doch auch

hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt."

"Liebe," meinte Kellmann achselzuckend -- "Liebe ist blind sagt ein altes

Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Gruende anbringen. Waer's

uebrigens auch nicht wegen dem grossen Wasser, der Bursche gefaellt mir

ausserdem nicht, und ich moechte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er

bis ueber die Ohren in Golde staecke. Er hat ein verschlossenes,

hochfaehrtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und

spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren

Gesetzen, unseren Vergnuegungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch

zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der groessten Verachtung. Amerika,

und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will

gar nicht leugnen dass es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn

ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser

Deutschland ist es doch auch nicht drueben, und wenn's so einem Burschen da

einmal zufaellig geglueckt ist, sollt' er nicht als Lockvogel sich hier

mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernuenftigen Leuten

unglueckselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen.

"Wenn sich andere vernuenftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_,

geschieht's ihnen ganz recht," sagte der Apotheker -- "man braucht nicht zu

glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt."

"Nun _ganz_ ohne kann's aber auch nicht sein," meinte Kellmann

kopfschuettelnd, "und ich -- ich halt' es immer fuer gefaehrlich. S'ist

merkwuerdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat."

"Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat

leicht freien," sagte der Actuar -- "Glueck muss der Mensch haben, dann geht

Alles wie am Schnuerchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag

fischen und faengt doch Nichts -- am wenigsten aber solch einen Goldfisch.

"Wo stammt er denn eigentlich her?" frug der Apotheker jetzt, wie sie

wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, "man hoert

doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem

Menschen weiter zusammen -- stolzer aufgeblasener Bursche der."

"Gott weiss es," sagte der Actuar; "er ist, glaub' ich, mit einem

hollaendischen Schiff heruebergekommen, und hatte einen Pass von Amsterdam."

"Und der Pass lautete nach Heilingen?"

"Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie

sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun

lieber Gott, da drueckte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten

drueckten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren.

Ueberdiess verzehrte er ja hier viel Geld; waer' es ein armer Teufel

gewesen, haetten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder ueber die Grenze

gehabt.

"Hm, ja, glaub's," sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, "s'ist in

Heilingen eben nicht anders wie -- wie anderswo -- warum auch?"

Das Gespraech drehte sich von da ab, auf die staedtischen Einrichtungen,

deren waermster Vertheidiger der Apotheker war, und ueber die sich der

Actuar natuerlich nur sehr vorsichtig ausliess, waehrend sie Kellmann um so

unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder

mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen

Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten,

wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen.

Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der

Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit

seine Wohnung zu erreichen; das Geruecht ging naemlich in der Stadt, dass ihn

seine Ehehaelfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich

empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr nuetzliche, bei

_der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende haeusliche Geraethe

entgegen und vor die Fuesse geworfen habe. Thatsache war, dass "Madame" oder

Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thaetigkeit und Ansehn

ausserhalb seiner eigenen vier Pfaehlen sein mochte, _innerhalb_ derselben

jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Maessigung fuehrte, und der

Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als moeglich zu erhalten

und jeden Anlass, zu irgend einer Stoerung desselben, zu vermeiden.

Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom

Marktplatz aus in die Strasse einbiegen, an deren aeussersten Ende seine

eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und

sich selber gerufen hoerte.

"Herr Actuar -- Herr Actuar Ledermann."

Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich

zukommen, der, die Muetze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete,

dass er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein

Einbruch geschehen sei, ueber den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen

werden solle.

"Protokoll aufnehmen?" sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm

ueberrascht; "ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein

_College_?"

"Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag," berichtete

der Polizeidiener, "und mussten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu

sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen koennte."

"Hm -- ist sehr amuesant," brummte Ledermann vor sich hin -- "kommt mir

gerade apropos. Bei wem ist es denn?"

"Bei Herrn Dollinger."

"Was? -- bei Kaufmann Dollinger?" rief der Actuar rasch und erstaunt -- "am

hellen Tag, waehrend er ausgefahren war?"

"Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen," berichtete der

Mann, und hat glaub' ich sein Pult geoeffnet, und eine bedeutende Summe

Geldes entwendet gefunden."

"Hm, hm, hm," sagte der Actuar kopfschuettelnd und seinen Rock dabei, den

er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknoepfend, "es wird immer

besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt

auch voll fremden Volkes, das sich natuerlich keine Gelegenheit

entschluepfen laesst Reisegeld zu bekommen."

"Es muss doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt

war," sagte der Polizeidiener -- "nach dem wenigstens, was ich bis jetzt

von den Dienstleuten darueber gehoert habe, kann's nicht gut anders sein."

"Nun wir werden ja sehn; da muss ich aber erst -- "

"Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemuehen wollen,"

sagte jedoch der Diener des Gerichts, "alles Noethige ist schon dorthin

geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen."

Der Actuar, dem Dienste natuerlich Folge leistend, seufzte tief auf und

schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner

harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten musste, rasch die

"Poststrasse" hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'schen

Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen,

etwaige Spuren des Uebelthaeters zu entdecken und zu verfolgen, und die

Leute im Hause nach moeglichem Verdachte zu inquiriren.

* * * * *

Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und

ruhig und wie am Schnuerchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest

bestimmte Beschaeftigung hatte, genau wusste was ihm oblag, und das that,

ohne eben viel Laerm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute

alles durcheinander, und saemmtliche Bande der Ordnung schienen geloest.

Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Kraempfen in ihrem Boudoir, und

beanspruchte die Huelfe ihrer beiden Toechter und der weiblichen Dienstboten

im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem

Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den

Ruecken gekreuzten Armen auf und ab, waehrend dem jungen Henkel indessen die

Bewachung des Platzes selber uebertragen war, und die andern Dienstboten,

mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren

Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden

und kopfschuettelnd, die Haende ein ueber das andere Mal in Verwunderung

zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden

da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschaeftigungen jedes Einzelnen

auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade

in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte

That geschehen und vollbracht sein musste.

Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde uebrigens willig und

dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen

besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe -- "Ne Du meine

Guete" und "Ne so was" ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu

erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thuere vor der

Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur

zu raeumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe

hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und

koenne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen;

solche Zeugen sollten nachher vernommen werden.

Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo

der Diebstahl veruebt worden, hinzufuehren; einer der Leute war indessen

abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den

Actuar freundlich gruessend.

Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezuendet

worden.

"Ich bedaure sehr, Herr Dollinger," sagte der Actuar, "dass, wie ich gehoert

habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus gefuehrt haben muss."

"Ja allerdings," erwiederte der alte Herr, "ist es sehr unangenehm;

weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen liess, als wegen

dem Bewusstsein getaeuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen

Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben,

wenn es haette koennen auf andere Weise geschehn."

"Das Ganze ist uebrigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit

ausgefuehrt," fiel Henkel hier ein, "und der Thaeter, wer auch immer,

jedenfalls ein hoechst gefaehrliches Subject, von dem ich nur hoffen will

dass wir ihm auf die Spur kommen."

"Duerfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?"

"Treten Sie hier in das Zimmer meiner Toechter; dort der Secretair ist

erbrochen."

"Hm -- mit einem breiten meisselartigen Instrument," sagte der Actuar nach

kurzer Besichtigung der offenen, arg beschaedigten Mahagoniplatte -- "und

die Thuer ebenfalls eingebrochen?"

"Nein -- die Thuer ist unbeschaedigt und muss jedenfalls mit einem

Nachschluessel geoeffnet sein."

"Und was vermissen Sie in dem Secretair?"

"Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein

meiner Familie und eines zuverlaessigen Comptoirdieners, im Paket wie ich

sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb

auf eine mir unbegreifliche Weise muss Kenntniss bekommen haben."

"Wer ist dieser Comptoirdiener?"

"Oh, Lossenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?"

"Lossenwerder," sagte der Actuar nachdenkend -- "ist wohl schon eine ganze

Weile in Ihrem Geschaeft?"

"Schon zwoelf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm

ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er muss aber gegen irgend

Jemand davon gesprochen haben."

"Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein

hatten Sie das Geld gelegt?"

"Es ist ein Secretair, den meine Toechter gemeinschaftlich benutzen, und zu

dem jede von ihnen ihren Schluessel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie

doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herueber rufen."

"Ich habe schon das Maedchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu

lassen," entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen

war, und sich ueberall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb

irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich

spaeter einmal halten koenne. --

"Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld?" frug der Actuar.

"Auch ein Schmuck meiner aeltesten Tochter scheint mit geraubt zu sein,"

sagte Herr Dollinger -- "aber da kommt Clara, die Ihnen das Naehere davon

selber angeben wird."

Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und

angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu unterstuetzen.

"Clara, mein liebes armes Kind," sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend

und die Hand nach ihr ausstreckend, "fehlt Dir etwas? -- Der Schreck hat

Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz;

vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht -- nun ein _Unglueck_

ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, koennen wir

die paar tausend Thaler schon verschmerzen."

"Es ist nicht der Verlust, lieber Vater," sagte aber das junge Maedchen,

sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend -- "nur die

Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das -- das Unheimliche

dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des veruebten

Verbrechens entdeckte. Ich fuerchtete die entsetzlichen Menschen noch

irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem

der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu

verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen wuerden, und all solch

kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm

dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am

meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verloeschte, angerauchte

Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfuellten mir das Herz mit einem

unbeschreiblichen Grausen."

"Eine Cigarre?" sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten

Gegenstand umschauend -- "wo lag sie?"

"Dort im Fenster, als ich zurueckkam."

"Die alte angerauchte Cigarre?" sagte Henkel rasch -- "die hab' ich zum

Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft haette sie in

der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt -- sie muss unten auf der

Strasse liegen."

"Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, dass er sie

heraufholt," sagte der Actuar; "man darf auch das Unbedeutendste nicht

unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermissten Gegenstaende

aufnehmen. Das Geld? -- "

"Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichniss," sagte Herr

Dollinger, "aber ich fuerchte fast dass wir durch das Geld selber nicht auf

die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere

Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind.

Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige

sehr auffaellige Stuecke, wie ich hoere, dabei gewesen sind."

"Duerfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn

irgend moeglich _schriftlich_ bitten?" erwiderte, nach einigem Besinnen,

der Actuar, "diese Einzelheiten wuerden mich jetzt zu lange aufhalten."

"Kannst Du das geben, Clara?

"Bis auf die kleinste Nadel hinunter," sagte das junge Maedchen rasch,

"besonders auffaellig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte

Broche, ein Erbstueck unserer Grossmutter, und ausgezeichnet vor jedem

andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen,

in der Mitte gefassten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen

Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber muss der Dieb in

der Eile uebersehen haben; er ist unangeruehrt geblieben."

"Das ist allerdings gluecklich," sagte der Actuar, "waere wohl auch des

Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?"

"Hier in dem rothen Kaestchen."

"Aber das ist auch geoeffnet worden."

"Das? -- nein, das hab ich wohl selbst geoeffnet, nachzusehen, ob auch Alles

darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren

allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat

keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare

Kaestchen enthalte, oder es staende jetzt nicht mehr da."

"Sehr wahrscheinlich, hm -- aber Sie vergeben wohl nicht, mein Fraeulein,

alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer weiss ob sie nicht noch

einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die

Cigarre gefunden?"

"Gott weiss wo sie ist;" lachte dieser, "irgend Jemand muss es doch noch der

Muehe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht

zu verrauchen -- ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends

mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde

morgen ganz frueh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht

viel helfen."

"Man weiss nicht," sagte der Actuar kopfschuettelnd, "je nach der Guete des

Tabaks liess sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft

schliessen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist

allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? -- hier durch

diese Thuer?"

"Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers," sagte

Herr Dollinger, "denn durch das Haus wuerde er es sich am hellen Tage im

Leben nicht getraut haben."

"Aber ich moechte meine Seligkeit zum Pfande setzen dass ich den Schluessel,

der nach unserer Schlafkammer fuehrt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und

stecken gelassen haette, so dass von innen ein Oeffnen unmoeglich war."

"Und war die Thuer noch verschlossen wie wir zurueckkamen?"

"Nein, nur in's Schloss gedrueckt, aber der Schluessel stak darin."

"Hm, hm, hm -- dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus" -- sagte der

Actuar -- "zur Thuer hier hereingekommen und dort zur Nothroehre hinaus -- hm,

muss aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr

Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in's Gebet nehmen

muessen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepasst

haben."

"Wo kommt der Blumenstock her?" sagte da ploetzlich Clara rasch und

erstaunt, auf einen sehr schoenen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster,

zunaechst der Thuere stand -- "wer hat den jetzt hier heraufgestellt?"

"So lange wir hier sind Niemand" -- rief Henkel -- "war er vorher nicht da?"

"Nicht heute Mittag, das weiss ich gewiss; aber vielleicht hat ihn eins der

Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt."

"Heimlich? -- so?" sagte der Actuar, "den freundlichen Geber wollen wir

also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen."

"Es ist heute mein Geburtstag," sagte Clara leise und erroethend."

"Oh?" meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Laecheln, "da thut es

mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner

angenehmeren Zeit vorbringen zu koennen -- will eben nicht passen bei einer

solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu

hinunterschlucken -- ich gratulire eben nicht zur Untersuchung."

"Es muss gewiss ein gesegnetes Land sein," sagte Henkel mit einem leisen,

halb boshaften Laecheln, "wo die Polizei sogar witzig sein kann."

"Hm," meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, "die

Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens

Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden;

ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, waehrend Ihrer

Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?"

"Jedenfalls muessen die Dienstboten darum wissen," sagte der junge Henkel,

"und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen."

"Allerdings; -- Einzelverhoer hat ueberhaupt viele Vortheile, bitte schicken

Sie einmal die Leute herauf, dass man vor allen Dingen ihre Gesichter zu

sehen bekommt."

"Aber nicht hier, Vaeterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube?" bat

Clara -- "ich wuerde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los."

"Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer," sagte Herr Dollinger,

freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, "es laesst sich das dort eben

so gut abmachen als hier."

"Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste," warf der

Actuar ein, "aber wie Sie wuenschen -- nur um eines moechte ich Sie noch

vorher bitten, dass ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf,

durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben

koennten."

"In unserem Schlafzimmer?"

"Doch durch diese Thuer?"

"Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten

zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel

belaestigt."

"Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger," sagte der junge Mann, rasch

seinen Hut aufgreifend, "wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem

wirklichen Nutzen sein koennte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit

Ihnen einer moeglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin

vielleicht schaerfer als manche andere."

"Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spueren geben," meinte

indess der Actuar; "das werden wir uns muessen auf morgen frueh aufsparen --

also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf -- ich moechte mir nur die

Gelegenheit einmal von oben besehn."

Clara selber oeffnete die Thuer und fuehrte dem Actuar mit ihrem Vater in das

kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Blaetter schiessenden

Weinranken ueberzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine

Fenster war allerdings geoeffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht

zusammengezogen, dass sich ein Koerper kaum haette hindurchzwingen koennen.

Die Hoehe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein

kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht betraechtlich, vielleicht zehn oder

zwoelf Fuss, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den

Rasen. Im Zimmer selber liess sich aber nicht das mindeste erkennen, das

einen solchen Verdacht unterstuetzt haette; das Einzige was dafuer sprach,

war die aufgeschlossene Thuer.

Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt

worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die

Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Kueche ging, in

Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete

steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen

an, dass sie die Vorsaalthuer auch ordentlich, "zweimal herum" abgeschlossen

und den Schluessel zu sich gesteckt haette, und Niemanden in der weiten

Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben koenne.

Trotzdem aber sei die Vorsaalthuer, als sie wieder nach oben gekommen

offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie

haette selber im Anfang nicht begreifen koennen wie das moeglich waere, aber

auch nicht weiter darueber nachgedacht, und es ihrer eigenen

Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber

nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um -- sie wollte erst nicht

mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar draengte gar so sehr -- um den

jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch

zehn Minuten der Koechin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem

Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genaeht

hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fraeuleins Zimmer

betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl

muesse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des

jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen haetten,

veruebt sein -- anders war es nicht moeglich.

"Wer aber hatte den Blumenstock in des Fraeuleins Zimmer gestellt?"

"Einen Blumenstock? -- waehrend die Herrschaft fort war?"

"Allerdings, eine Monatsrose -- in das Fenster naechst der Thuer."

"Der das gethan hat, muesse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit

einem Nachschluessel zur Thuer hereingekommen sein, als der Diebstahl veruebt

worden, denn sie haette keine Seele im Haus gesehn.

Die Dienstboten hatten indessen mit einander gefluestert, als der Actuar

das Wort nahm und mit langsam bedaechtiger, aber ziemlich ernster Stimme

sagte:

"Hoert einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut

unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen waert, damit

dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort -- Ihr seid die Einzigen die

unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht waere es gewesen --

"Aber Herr Actuarius" --

"Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe -- und Euere Pflicht waere

es gewesen, sag' ich, aufzupassen, dass niemand Fremdes den Platz betrat,

der Euch anvertraut war, und fuer den Ihr also auch in der Zeit zu stehn

hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und

etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten muessen, bis der

Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt's da hinten -- was ist gekommen?"

"Dullmanns Rieke von ueber dem Weg drueben," sagte die Koechin jetzt, gegen

den Actuar vortretend, "will den Lossenwerder haben heimlich aus dem Haus

schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht

unter die Nase zu reiben, Herr Actuar -- wir sind ehrliche Dienstboten die

sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweisse ihres Angesichts -- "

"Ach halt' sie das Maul," fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die

Rede -- "_wer_ ist im Haus gewesen, Lossenwerder? -- und heimlich

hinausgeschlichen? -- wer hat ihn gesehn?"

"Hier die Rieke von Dullmann's -- "

"Wann war das?" fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Maedchen, das

feuerroth wurde und ihren einen Schuerzenzipfel anfing wie einen Plumpsack

zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer

Freundinnen im Dollinger'schen Haus, und gewiss nicht in der Absicht die

Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei

gezogen zu werden.

"Nun Mamsell -- wie hiess sie? -- Rieke? -- Wann haben Sie Lossenwerder aus dem

Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?"

"Wenn Lossenwerder im Haus war," sagte Herr Dollinger ruhig, "so wird er

auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der waere der

Letzte dem ich so etwas zutrauen moechte."

"Die Rieke behauptet," fiel aber hier die Koechin in dem Bewusstsein

unrechtlich gekraenkten Ehrgefuehls rasch ein, "dass sie gar nicht auf ihn

geachtet haben wuerde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und

dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrueckt haette. Wer kein boeses

Gewissen hat, kann gerade und offen gehen."

"Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal," rief der Actuar

jetzt ungeduldig werdend -- "wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie

so lange hinausfuehren, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke;

wenn Sie sich die Schuerze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen

Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Lossenwerder gesehen haben."

"Ich -- ich weiss nicht gewiss" -- stammelte das Maedchen verlegen -- "aber --

aber Lossenwerder kam -- bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war --

"

"Wie lange nachher?" frug der Actuar.

"Etwa eine halbe Stunde denk' ich -- vielleicht nicht so lange -- kam er

viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewoehnlich immer

sehr langsam -- kam er -- kam er aus der Thuer heraus, die er geschwind

hinter sich zuzog -- und dann -- "

"Und dann?" --

Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte dass ihn Jemand,

der vielleicht von oben heruntersaehe, erkennen moechte -- hielt er den Kopf

nieder und drueckte sich -- drueckte sich dicht am Haus hin, so schnell er

konnte die Strasse hinunter, und um die Ecke."

"Und nachher?" frug der Actuar.

"Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn," sagte die Koechin.

"Ob Sie still sein wird," sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich boese

gemacht -- "Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das -- noch

einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben."

"Sehr wohl, Herr Actuar," sagte der Gerichtsdiener --

"Und sind Sie dann nachher nicht heruebergekommen und haben das den Leuten

im Hause gesagt, was Sie gesehn?" frug der Actuar.

"Ich habe ja aber Nichts gesehen," sagte die Rieke.

"Sie haben doch den Lossenwerder gesehn" --

"Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher

immer wieder heraus."

Der Actuar warf sich ungeduldig herueber und hinueber und sagte endlich

muerrisch:

"Unsinn -- baarer Unsinn -- aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? --

_trug_ er etwas?"

"_Trug_? -- ja -- ja sehn Sie Herr Actuar -- das kann ich Sie nicht sagen --

das weiss ich nicht -- "

"Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der

Hand hatte oder nicht."

"Ja sehn Sie, das weiss ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast,"

sagte das Maedchen, "denn ich habe den Herrn Lossenwerder eigentlich noch

gar nicht anders gesehn, als dass er irgend 'was getragen haette; und wenn's

nur ein paar Briefe gewesen waeren, oder ein Regenschirm."

"Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Faehrte,"

sagte Herr Dollinger jetzt -- "man kann einem Menschen allerdings nicht

in's Herz sehen, aber fuer den Lossenwerder moechte ich fast selber

einstehen."

"Mein bester Herr Dollinger," sagte aber der Actuar kopfschuettelnd, "es

ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die

man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte

vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und

-- sind schuldig. Ich selber kenne Lossenwerder als einen ordentlichen

braven Menschen, und will zu Gott hoffen, dass unser ganzer Verdacht

unbegruendet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und dass ihn

Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdaechtig. Meine Pflicht ist

es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls

noch heute Abend nach ihm schicken muessen -- unsere Eisenbahnverbindungen

sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwoelf

Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben

will."

"Passen Sie auf," sagte Herr Dollinger, "der Lossenwerder wird den

Blumenstock zum Geburtstag Clara's oben hinaufgetragen haben, und zum Dank

dafuer kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen

Diebstahls."

"Wie aber ist er ohne Nachschluessel in die verschlossene Thuer gekommen,"

warf der Actuar ein --

"Hm -- " sagte Herr Dollinger, "das weiss ich freilich nicht -- nun fragen

Sie ihn selber, das wird jedenfalls der kuerzeste Weg sein."

"Um das Verzeichniss der gestohlenen Gegenstaende duerfte ich Sie dann

vielleicht nachher noch bitten."

"Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben," sagte Herr Dollinger,

"wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen."

"Dann duerfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu

schicken," meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, "ich muss vor allen

Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in's

Bureau gehen. Wo ist denn der Lossenwerder wohl am leichtesten zu finden?"

"Ich habe eben nach seinem Hause geschickt," sagte Herr Dollinger, "aber

dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber

selten, in eine Bierstube an der Ecke der Roessnitzer und Hertzergasse, aber

dort war er auch nicht; es ist uebrigens an beiden Orten bestellt, ihn

gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken."

"Sehr wohl," sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem

Gerichtsdiener uebergebend; nach kurzer Begruessung wollte er sich dann eben

entfernen, als er noch einmal in der Thuer stehen blieb und, sich scharf

auf dem Absatz herumdrehend, fragte:

"A prospos -- _raucht_ Lossenwerder?"

"Soviel ich weiss _nicht_," sagte Herr Dollinger.

"Doch ja, manchmal," sagte Einer der Leute -- Sonntags nach Tisch z. B.

regelmaessig eine Cigarre."

"Hm, so?" sagte der Actuar und verliess dann rasch das Zimmer und Haus.

Er hatte uebrigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete

ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit

einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem

Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschaeftsmaessig unter

den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls musste

ihm der Vorfall im Dollinger'schen Haus, der so viel von seiner Zeit in

Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich

schon den ganzen Nachmittag ueber, mit immer wachsender Ungeduld,

vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt

gelegenen Gaerten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war

ihr jetzt -- was halfen alle Gruende dagegen -- zu Wasser geworden; es

verstand sich von selbst dass Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch

die Folgen trug.

Frau Actuar Ledermann hatte sich uebrigens vor einigen Tagen, wo sie trotz

dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen

war, furchtbar erkaeltet, und brachte keinen lauten Ton ueber die Lippen.

Das aber, und dass sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen

Kraft ihrer Stimme hinaus_giessen_ konnte ueber den Gatten, wie sie es -- und

er auch -- gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte -- und

sie hatte ihm viel zu sagen -- heraus_fluestern_ musste, reizte ihren Zorn

nur noch immer mehr.

"Aber liebes Kind, ich versichere Dich," sagte der Actuar in einem

vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, "dass ich

mich ueber anderthalb Stunden bei dem verwuenschten Diebstahl im

Dollinger'schen Hause aufgehalten habe und -- "

"Und ich versichere Dich," zischte sie, mit einem Gesicht, dem die

Anstrengung die es sie kostete die Worte hoerbar zu machen, einen noch viel

unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab -- "dass ich Dich vor

anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei

Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe."

"Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese."

"Weil ich mich wieder ausgezogen habe," rief die Frau -- "glaubst Du ich

soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht

und Nebel noch draussen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen

haben? -- Und dann mit meinem Katharr -- dass ich mir den Tag ueber im warmen

Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das faellt Dir nicht ein; aber

Nachts, wenn der schaedliche Thau niederfaellt, der fuer mich gerade Gift

waere, da moechtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr?

damit ich nur recht schnell unter die Erde kaeme -- o ich armes

unglueckseliges Weib -- "

"Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute

Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn -- "

"Weil Du wusstest dass das nichtsnutzige Geschoepf von einer Waescherin mir

mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen wuerde," zischte die Frau.

"Aber Du hast ja noch andere -- "

"Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu

einem anstaendigen Vergnuegungsort hinausziehn, nicht wahr? -- _Dir_ laege

natuerlich Nichts daran was die Leute ueber Deine Frau sagten; aber Du bist

auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal

ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen

auszugehen, musst Du natuerlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein

Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen."

"Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt" -- sagte der Actuar ruhig, "dann

aber Therese," fuhr er nach kleinem Zoegern, mit einer fast gewaltsamen

Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort --

"bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _dass_ ich mir eben ausser dem

Hause mein Vergnuegen suchen _muss_."

"Ich?" wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton

blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden

Gesticulation, das zum Hoechsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber

vielleicht, und durch die ungewoehnliche, freilich erzwungene Stille, etwas

muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort:

"Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen

Berufsgeschaeften ermuedet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem

freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, laesst Dich Dein

unglueckseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du

musst irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht

es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in hoechst seltenen Faellen

zu sein scheint, so bist Du muerrisch und verschlossen, machst ihm ein

finsteres, verdriessliches Gesicht, und sprichst kein Wort."

Sprachlos nur vor Zorn und Staunen ueber die unerhoerte, bodenlose

Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der

aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald

die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine

allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt,

die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark

markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen

lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen

Faeltchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurueckstehend, was ihr

ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug

liess sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der

selbst der aermlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause

die das oben am Hals dicht anschliessende Kleid einfasste, war schon mehrere

Tage getragen und verdrueckt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren

laengeren Dienstes, und die Haube sass ihr verschoben und zu viel

zurueckgedraengt auf dem, nicht ueberreich mit Haaren bedeckten Scheitel.

Frau Actuar Ledermann war nicht huebsch, und der Affect der ihre Zuege in

diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die

letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da

darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Maessigung

niedergekaempfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und waehrend

die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehoert zu machen, ihr Antlitz

fast dunkel faerbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den

Oberkoerper gegen den ueberrascht einen Schritt zurueckweichenden Gatten

vorgebeugt:

"Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? -- prahlt da, "wenn er von

Berufsgeschaeften nach Hause kommt" -- spreche kein Wort? -- sitzt in der

Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag -- im rothen Drachen und das nennt

er Berufsgeschaefte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten

Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der

Himmel geschickt hat, oder mein boeses Glueck, dem ich auch einen solchen

Mann verdanke -- dass ich kein Wort spreche und verdriesslich bin. Ich soll

wohl _tanzen_? eh? -- wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer

und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und bruete und

denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und

Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher,

wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergnuegt und lustig

sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fuehlt in _seinen_

vier Waenden."

Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die uebermaessig

angestrengte Luftroehre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm

still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen

Seitenschrank, zuendete es an der Lampe an, und verliess kopfschuettelnd und

seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stuebchen zurueckzuziehn.

Capitel 4.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 6 / 12 题