DER ROTHE DRACHEN.

Der "rothe Drachen", ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen

Bieres, wie sonst mancher schaetzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten

Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der grossen

Landstrasse, die gen Norden fuehrte. Ein freundlicher Thalgrund umschloss

Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des naechsten Hanges kroenenden

Nadelhoelzer hoben nur noch mehr das freundliche Gruen der jungen Birken und

Weisseichen hervor, die sich ueber die niedere Abdachung erstreckten, und

bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfaeltig in Ordnung

gehaltenen Frucht-, Gemuese- und Blumengarten des Hauses selber lehnten.

Es war ein warmer, sonniger Fruehlingsnachmittag; der Bach, der am Hause

dicht vorbeirieselte, plaetscherte und schaeumte in frischem jugendlichen

Uebermuth, des Eises Huelle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch

fest und aengstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und

die Voegel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten

knorrigen Linde, die unfern der Thuere stand, und flatterten und suchten

herueber und hinueber, aus den bluehenden Obstbaeumen fort ueber den Hof und

von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit

einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, dass

Einem das Herz ordentlich aufging ueber das rege glueckliche Leben. Und wie

blau spannte sich der Himmel ueber die bluehende, knospende Welt, wie leicht

und licht zogen weisse duftige Wolken, Schwaenen gleich, durch den Aether

hin, farbige, fluechtige Schatten werfend ueber Wiesen und Feld und die

weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne oeffnete und dem

leuchtenden Blick neue Schaetze bot, wohin er fiel.

Ein Fruehling in Deutschland -- ein Fruehling im _Vaterland_; oh wie sich das

Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd,

jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thraene da nicht zurueck, die sich

Dir, dem Gluecklichen, in's Auge draengt -- in ihrem Blitzen preisest Du den

Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem

Fluegelschlag ueber den gruenen Matten schwebt; -- wie das raschelnde

fluesternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmueckte Halm und

die knospende, duftende Bluethe im Thal. Ein Fruehling im Vaterland -- oh wie

schoen, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem braeutlichen

Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz

der schoenen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm ueber die Haide

fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Baeumen riss und zu Boden

warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte ueber die erstarrende Flur, so

oeffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen

Fruehlingsgruss, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid -- wie der

verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterliess und die schoensten Blumen

jetzt gerade an den Stellen bluehen, wo er am tollsten, rasendsten getobt.

Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er

dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Staedtchens in ihre

Haeuser und Strassen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnsuechtig die nahen

gruenenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht

nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzutraeufeln. Heute aber hatte

sich das geaendert; voll und warm gluehte die Sonne am Himmelszelt und

hinaus stroemten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in's Freie. Der "rothe

Drachen" vor allen anderen Plaetzen, der so reizend an der Oeffnung des

Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte

dabei sein reichlich Theil erhalten der froehlichen Schaar, dass die Wirthin

mit ihren Kellnern und Maegden nicht Haende genug hatte zu schaffen und

herzurichten, und die Tische und Baenke im Garten draussen fast alle besetzt

waren rund herum von Schmausenden.

Der "rothe Drachen" sollte uebrigens, wie die Sage ging, seinen Namen von

einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert

Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die

Drachenschlucht hiess, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen

hatte. Der Wirth des "rothen Drachen" nun, Thuegut Lobsich, dessen

Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner

"Ahnen" habe den Drachen im Einzelkampf erlegt -- (die Gaeste meinten, mit

schlechtem Bier vergiftet) und dafuer von dem damals regierenden Fuersten

Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen,

erhalten.

Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm

vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth

in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber

dabei der Nerv des Ganzen, in Kueche und Stall, in Keller und Haus, und

waehrend sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen liess, obgleich er noch

jung und ruestig war, am Liebsten zu seinen Gaesten irgendwo an einen Tisch

drueckte und "das Bier controllirte", wie er sagte, dass ihm die Burschen

kein Saures brachten und die Gaeste verjagten, arbeitete die Frau im

Schweisse ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen

herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch

und Kuchen zu ueberwachen. Dabei fuehrte sie die Kasse und rechnete mit

Kellnern und Maedchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee

oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem

schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt

hatten.

Boese Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der "einzige Mann

im Hause" und Thuegut duerfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim waere; boese

Zungen erwaehnten dann aber nicht dabei, dass sie wirklich allein das

Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie draussen

in Kueche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu

sehen bekamen, sein konnte, und so grosse Ursache sie dabei oft hatte

aergerlich zu sein, und die Ursache dann auch fuer vollkommen genuegend

hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich

betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in

Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war

das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin

dabei -- ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem

anderen Blatt.

Heute hatte sich uebrigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar

so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht

vor der Thuer desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre

Arme so weit nach rechts und links hinueberstreckte, dass man sie schon

hatte stuetzen muessen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu

behalten, sass Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten,

d. h. alter Kunden und quasi Stammgaeste von ihm, denn er selber kam selten

irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, musste

ihn eben besuchen.

Zu diesen gehoerte besonders Jacob Kellmann, ein Kuerschner und Pelzhaendler

aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere,

etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmuethigen

Gesichtszuegen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die

es gewoehnlich so einzurichten wussten, dass sie an einen Tisch mit einander

zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser

kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die

Stimme seiner Frau irgendwo hoerte, stand er auf und ging einmal durch den

Garten und die Reihen seiner Gaeste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient

wuerden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in

dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer

Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er musste an irgend Jemand

seinen Aerger auslassen, dass er nicht bei seinem Biere konnte sitzen

bleiben.

"Ist doch ein prachtvolles Wetter heute," sagte Kellmann, der eben einen

tuechtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen

Blick ueber das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen

Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und

Farbenschimmer vor ihnen aufrollte "und es waechst und gedeiht Alles

draussen so schoen und steht so praechtig -- merkwuerdig dabei, dass Alles so

theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen

und steigen."

"Ja das weiss Gott," seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den

Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum

Mund gehobene Glas unberuehrt vor sich nieder -- "und wenn das noch eine

Weile so fort geht, koennen wir alle mit einander verhungern oder

davonlaufen."

"Nun Ihr habt gut reden," sagte Kellmann, "Ihr bekommt vom Staat Euer

Gewisses und koennt Euch genau danach einrichten -- Euer Geld muss Euch

werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins haengt aber allein von

den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen

Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie

waermen."

"Ihr redet wie Ihr's versteht," brummte der Aktuar, -- "unser Gewisses

bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor

den Augen haben. Ich habe fuenfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und

Dienstmaedchen zu ernaehren, und soll anstaendig dabei gekleidet gehn, denn

vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht

mehr, und machte das Alles moeglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber

wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal

zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fuenfhundert

Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod fuer

dasselbe Geld, fuer das ich jetzt nicht zehn bekomme -- aber _meine_

fuenfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt hoeheren Zins --

schon voriges Jahr bin ich hoeher gegangen, um nicht gesteigert zu werden,

d. h. fuer denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen,

aber dies Jahr muss ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr

haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die

Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr

auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen

Lohn, das ist das geplagte, gefaehrdete Geschoepf, und jede neue Taxe macht

ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein

Loch enger, dass er weniger isst, bis er in's _letzte_ Loch geworfen wird,

zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch

abgelaufenen Ferien, wirklich ungestoert auszuruhen."

"Ach geht mit Eueren erbaermlichen Lamentationen an solch freundlichem

Tag," fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar

Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile

ungeduldig mit dem Kopf geschuettelt hatte. "Das Reden macht's nicht besser

und Stoehnen und Seufzen hilft auch Nichts -- Kopf oben, das ist die

Hauptsache; das andere macht sich von selber -- aber hallo" -- unterbrach er

sich ploetzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Strasse

hinunterzeigend, die in das weite Thal fuehrte -- "was kommt dort fuer ein

Trupp den Weg entlang?" -- und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug

Maenner, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspaennigen

Waegelchen sichtbar.

"Das sind Auswanderer!" rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend

und dem Zug entgegenschauend -- "seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer

Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da muss doch endlich einmal

Platz werden."

"Na nu ist wieder der Frieden beim Henker," rief aber der Apotheker

muerrisch -- "hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier

aus, und Ihr Kellmann, lasst das Volk da draussen laufen, wohin sie wollen --

unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann,

wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern praesentirt wird. Na kommt

nur hinueber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht -- Euch werden sie

schon noch das Fell ueber die Ohren ziehn, dass Ihr am hellen lichten Tag

die Sterne zu sehn bekommt."

"Nein was fuer ein Zug!" rief aber Kellmann, die langsam naeher kommende

Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; "die armen Teufel."

"Hoert Kellmann," rief aber Schollfeld aergerlich, "tretet mir da ein wenig

aus dem Weg, dass ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich

daechte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Strasse waeren nichts so

besonders Neues, dass Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so

etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen waere."

Schollfeld war uebrigens nicht umsonst so muerrisch; er hatte einen Zorn auf

Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte

Beleidigung gegen den Staat, gewissermassen als eine Grobheit, die man ihm

geradezu unter die Nase sage -- : "ich mag nicht mehr in Dir leben und

weiss einen Platz, wo's besser ist." Das _dachten_ sich naemlich die

"Toelpel", wie er sie nannte, aber Sie _wussten_ es nicht -- gar Nichts

wussten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat haette

auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von

Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei

vorbei, Anderen noch obendrein ein boeses Beispiel gebend, und er begriff

die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Pass gestatten

konnte.

Der Zug war indessen naeher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen

Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewoehnlich eine Menge

junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst

hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals

trocken machte.

[Capitel 2]

Die ersten Waegen passirten still vorbei; die Fuehrer warfen einen langen,

vielleicht sehnsuechtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen

sitzenden Gaesten und dem kuehlen funkelnden Bier hinueber, aber hielten

nicht an, sich laengere Rast dafuer auf den Abend versprechend. Nur von den

Fussgaengern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine

Gesellschaft sass, und nicht weit von der Gartenthuere stehn, und waehrend

ein paar der Maenner dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als

ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der

schweissbedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen

heruebersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls

dort. Angezogen von der ploetzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen

hier nach unten zu das Thal oeffnete, durch das sie gekommen, blieben sie

erfreut und ueberrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin,

das wie mit einem Schlage so vor ihnen in's Leben sprang.

"Heiland der Welt, Lisbeth," rief ein junges, sechzehnjaehriges Maedchen

der, vielleicht zwei Jahr aelteren Schwester zu -- "dort drueben liegt

Holstetten, und von da ist's nur noch neun Stunden zu Haus -- dahinter kann

ich den weissen Weg durch's schwarze Nadelholz sehn, der hinueberfuehrt nach

Krisheim."

"Ja Marie," antwortete das Maedchen, und waehrend sie sprach, liefen ihr die

grossen hellen Zaehren an den bleichen Wangen nieder, "gleich hinter dem

Berg dort muss die Windmuehle liegen, und dann kommt Bachstetten und

nachher" -- sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und

sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah,

noch schwerer machen. Aber zurueckdaemmen liess sich das auch nicht, die

Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Maedchen standen

wenige Minuten still und weinend da, die schoenen thraenenueberstroemten Zuege

den ihr naechsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl

nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt.

"Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich haelt und pflegt, wie sie

es versprochen," brach die Juengste endlich wieder mit leiser kaum hoerbarer

Stimme das Schweigen.

"Sie hat's ja versprochen," fluesterte fast eben so leise die Schwester

zurueck, "aber -- -- -- -- so lieb wird sie's doch nicht haben wie wir."

"Komm Lisbeth," sagte die Juengere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei

anzusehn, der Schwester Hand -- "wir wollen gehn -- die Wagen sind schon ein

Stueck voraus."

Beide Maedchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu

und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und

durch Heilingen fuehrte, ihre weite, unbekannte Bahn.

"He Marie, Lisbeth!" rief sie der Vater an, der eben an der Thuer des

Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte -- "wollt Ihr

einmal trinken Kinder?"

"Ich danke Vater," sagte Marie zurueck, ohne sich umzusehn oder stehn zu

bleiben, "wir sind nicht durstig."

"Woher des Wegs Ihr Leute?" wandte sich jetzt Kellmann, der trotz

Schollfeld's aergerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen.

"Aus Hessen," sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus

dem, mit dem trefflichen Bier gefuellten, schaeumenden Glas.

"Und wohin?"

"Nach Amerika."

"Hm -- ist ein weiter Weg -- ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?"

sagte Kellmann, die kraeftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten

Landmanns teilnehmend betrachtend.

Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt indess gehangen, wo seine

fruehere Heimath lag, liess das Auge einen Moment wie misstrauisch ueber den

Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschuettelnd:

"Schlecht? -- lieber Gott wie man's nimmt; man soll g'rad nicht klagen; der

liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen."

"Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in

Amerika herumfliegen?" mischte sich hier der Apotheker in's Gespraech, der

nicht umhin konnte dem "Auswanderer", wie er sich ausdrueckte, "einen Hieb

zu versetzen" -- "habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?"

Der Bauer sah den kleinen, spoettisch laechelnden Mann einen Augenblick

ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem

er das Glas zurueckgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu

erwiedern, oder aergerlich darueber zu scheinen, ja als ob er sie nicht

gehoert haette, wandte er sich und folgte mit einem "gruess Euch Gott Ihr

Herren", seinen vorangegangenen Toechtern.

"Holzkopf," brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt ueber diese

anscheinende Misachtung, hinter ihm drein -- "dem Volk ist zu wohl hier,"

setzte er dann, mit einem kraeftigen Zug aus seinem Glase hinzu -- "der Art

Leute fuehlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem

Daumen gehalten werden."

"Guten Abend miteinander," sagte in diesem Augenblick ein Anderer der

Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch

trat, auf dem in einem schuetzenden Kelchglas ein Licht mit darum

gesteckten Fidibus zum Anzuenden der Cigarren stand -- "wenn's erlaubt ist,

moechte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen."

"Mit Vergnuegen," sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzuendend und

hinreichend.

"Danke schoen," nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm

in schnellen kurzen Zuegen ausblasend. --

"Und wo geht die Reise hin?" frug Ledermann dem Rauchenden.

"Da hinueber," sagte dieser; immer noch scharf ziehend, indess er mit dem

linken, zurueckgebogenen Daumen ueber die linke Achsel wiess -- "uebers grosse

Wasser." --

"Habt Ihr dort schon einen Platz?" frug der Aktuar.

"Ja," sagte der Mann freundlich -- "mein Bruder hat mir geschrieben aus dem

Wiskonsin heraus; da soll's gut sein."

"Und geht Ihr Alle dorthin?" frug ihn Kellmann.

"Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinueber in's

Missuri; da ist's waermer."

"Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?"

"Ja meistens -- ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und

der Herr Pastor ist schon voraus."

"Der Pastor geht auch mit?" frug Kellmann schnell.

"Ahem," nickte der Mann, "der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat

gesagt er wollte sehn dass wir Alle auf ein Schiff kaemen. Danke schoen Ihr

Herren, adje."

"Glueckliche Reise," rief ihm Kellmann nach.

"Danke," nickte der Mann noch einmal zurueck, "koennens brauchen," und

schloss sich den uebrigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thuer

des Wirthshauses passirten.

Es waren aermliche, viele von ihnen kraenklich oder wenigstens bleich

aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die

meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust,

und ein Buendel dazu auf dem Ruecken, die im Schweiss ihres Angesichts, wie

sie bis jetzt gelebt, muehsam der fernen ersehnten Heimath

entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar kraeftige junge Burschen

von zwoelf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwaegelchen

gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstuecke und Lebensmittel die

weite Strasse entlang zu ziehen. -- Die Leute hatten kein Geld uebrig, denn

das wenige, was sie zur Reise aufgespart, mussten sie fuer das Schiff

aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das

irgend anging, uebrig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika,

ehe sie Arbeit bekaemen, vor Sorge geschuetzt waeren. Den glaenzenden

Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht

waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von

Jugend auf, wie ihnen nur eben die Kraefte wurden ihre juengeren Geschwister

in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten muessen,

und viel anders wuerde es auch wohl nicht da drueben sein. Der Sorgen waren

hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch

plagten und quaelten, und schlechter _konnte_ es dort drueben nicht sein.

Das war fuer jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange,

heisse Strasse entlang mit einer kleinen Hoffnung moeglicher Besserung

vielleicht, und sie drueckten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und

kuessten sie, und fluesterten ihnen leise und heimlich zu dass sie nicht mehr

schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da wuerde schon Alles

gut werden, wie ihnen der Vater gesagt.

Die Maenner und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr

Vertrauen entgegen; das Bewusstsein der eigenen Faehigkeit und Kraft hob sie

dabei auch ueber Manches hinweg das die abhaengigen Frauen schwerer zu Boden

drueckte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und fuer den Weg zu

_denken_ hat, wird nie so muede als der, der ihm folgt, nur fuer sich denken

laesst, und hinter drein zieht. Viele von den Maennern trugen auch

Jagdtaschen und Gewehre auf dem Ruecken, Buechsen und Schrotflinten -- was

sollte es "da drueben" nicht Alles zu schiessen geben; -- Manche auch

nachgemachte bunte Blumenstraeusse auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und

Thueringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine

gefaerbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und weiss, und gruen

und weiss in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche

Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland.

Die Leute gingen vorueber, und die Gaeste hatten ihnen schweigend

nachgeschaut, so lange fast, bis sie die naechste Biegung der Strasse ihren

Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thuer seines Gartens

getreten, und sich jetzt kopfschuettelnd zurueck zu seinem Tische wendend,

brummte er vor sich hin.

"S'ist mir doch was Unbedeutendes" -- es war dieses eine seiner stehenden

Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdruecken sollte --

"was die Leute diess Fruehjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag fuer Tag geht

das so fort; Trupp nach Trupp kommt ueber die Berge herueber, mit Sack und

Pack, mit Weib und Kind -- und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht

einmal von _wo_ sie fort sind."

"Doch, doch," sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Hoehe ziehend und mit

dem Kopf nickend, "doch, doch Lobsich; ob man's wohl merkt? -- geht einmal

da ueber die Berge hinueber und seht Euch in den Doerfern um; da steht

manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da

drueben noch mit Schmerzen zurueckdenkt, und in das Niemand anderes mehr

Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer,

in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein

leeres Haus, und ich seh's nicht gern."

"Und was fuer _Geld_ tragen sie ausser Land," fiel der Apotheker hier ein,

der indess, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt

aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen -- "was sie

nicht mit hinuebernehmen koennen, lassen sie wenigstens in den Seestaedten,

und zu uns kommt Nichts mehr davon zurueck. Wenn ich nur das erst einmal

erlebe, dass die Leute zu ihrem Glueck foermlich _gezwungen_, und nicht mehr

aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie

so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts uebrig bleibt als

mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem veroedeten

Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofuer hat sie

denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf

gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Duengen

muessen sie drueben doch auch, und weshalb koennen sie das nicht eben so gut

_hier_? -- Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart

haben, muessen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an

Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da;

dort drueben _koennen_ sie Nichts mehr sparen, und _muessen_ schon drueben

bleiben, wenn sie auch wieder herueber moechten. Die Paar die sich doch noch

ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder

zurueck, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die

Bruecke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der

wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es muss ein

ordentlicher Jammer drueben sein."

"Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld," sagte Kellmann

kopfschuettelnd, "man hoert doch nun auch so Manches von da drueben was nicht

gar so schlecht klingt, und wo sich's schon aushalten liesse, wenn man --

wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun

muesste oder wollte."

"Nicht so arg?" rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und

sich selten eine Gelegenheit entgehen liess auf Amerika zu schimpfen --

"nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere

Dr. Hayde darueber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zaehnen

und muss die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drueben

gewesen und gluecklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in

der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhaeltnisse Ihres

"gluecklichen Amerika" hat -- das muss ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie

nur einmal."

"Hoeren Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal 'was sagen,"

erwiederte ihm Kellmann ruhig, "dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schoenen

Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen

nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkroete, ein

weggelaufener Advokat, den die Verhaeltnisse aus Deutschland vertrieben,

und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum

arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort

wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestossen, und wie ein aus einer

Thuer geworfener Mops, stellt er sich jetzt draussen hin, wo sich Niemand

die Muehe giebt ihn zu stoeren, und schimpft und klefft. Ich will Amerika

eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darueber sagt wuerde

mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkaefer schleppt er sich nur mit

groesster Muehe kleine Stueckchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine

Kugel zu machen in die er sein Ei legt -- pfui ueber den Burschen."

"Na jetzt freut mich aber mein Leben," rief Herr Schollfeld erstaunt aus --

"erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme

Doktor die ganze Schuld tragen."

"Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika," sagte Kellmann ruhig, "ich kann nur

nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes

herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es waere

allerdings noch viel gefaehrlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt

auszumalen; die armen Leute die nachher hinuebergehn und es anders finden,

sind dann zu sehr enttaeuscht, und fallen gewoehnlich, wie mir gesagt ist,

aus einem Extrem in's Andere -- aber so taugt's auch Nichts."

"Guten Abend selbander," sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht

hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter

Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem

naechsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand

entgegen.

"Hallo Mathes, wie geht's?" rief Kellmann die gebotene herzlich schuettelnd

-- "Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit

gesteckt, dass Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Gueter

verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen."

"Ja Herr Kellmann, in Bremen."

"Wo seid Ihr gewesen?" frug Schollfeld erstaunt.

"In Bremen, Herr Schollfeld!" rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt,

"oben in der Hafenstadt."

"Guten Abend Mathes," kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden

ebenfalls begruesste -- "lange nicht gesehn, recht gross geworden mein Junge;

hast Du Durst?"

"Merkwuerdigen," sagte der Bauer laechelnd.

"Na warte, den wollen wir begiessen," schmunzelte aber Lobsich, rasch in

den Garten zurueckgehend, "der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen

gefallen sein."

"Aber was hat Euch nach Bremen gefuehrt?" wiederholte Kellmann, fast etwas

misstrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des

jungen Burschen.

"Ja Herr Kellmann," sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen

seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend -- "das hat -- das hat

so seine eigene Bewandtniss -- Ich bin -- ich bin zu einem Entschluss

gekommen -- ich will -- ich will auswandern."

"Was will er?" schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den

ungefaehren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schoepfte er Verdacht

und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er

nochmals laut: "wo will er hin?"

"Nach Amerika," sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch

etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermassen auf den Tisch, und

fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wusste eigentlich auf was

und gegen wen, dass Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte,

und vielleicht auch eben nicht boese darueber war.

"Hallo, wer ist todt?" rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem

bestellten Bier fuer einen seiner besten Kunden selber ankam -- "dass Dich

die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone

gefahren?"

"Dem Apotheker Nichts," nahm aber Kellmann kopfschuettelnd das Wort, "doch

hier dem Dings da, dem Mathes -- was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?"

"_Heirathen_?" sagte dieser, und ein breites vergnuegtes Schmunzeln ueber

den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich ueber sein dickes

gutmuethiges Gesicht.

"Heirathen!" schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen

Hut in die Stirn drueckte und seinen Rock anfing zuzuknoepfen -- "heirathen?

-- ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd

das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen."

"_Auswandern_?" schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem

Erstaunen -- "na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes."

"Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart!" rief aber der nun

einmal aergerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm -- sein

stetes Zeichen dass er fertig zum Gehen sei -- "was Unbedeutendes; ja wohl,

wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Koepfe und Geldbeutel faehrt,

nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein

Abendbrod nicht verderben -- gute Nacht Ihr Herren."

"Halt Schollfeld!" rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und

zurueckhaltend -- "brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und

wollte nur erst hoeren, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat.

Hol's der Henker, er macht sich entweder einen Spass mit uns, oder es ist

nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden koennen."

"Wenn ich das wuesste blieb ich die ganze Nacht hier," sagte Schollfeld,

seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl

zurueckgehend. "Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen,

oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu

viel gethan, dass Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt."

Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbruechen des Erstaunens, die erste

Erklaerung nur einmal ueberstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt

jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam

auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte.

"Nun was soll's mit dem Wisch?" rief aber der Apotheker aergerlich, "Ihr

habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?"

"So schlimm noch nicht," lachte der junge Bursch, "das hier ist nur ein

Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben

Jahren nach Wisconsin auswanderte."

"Der was that?" rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das

linke Ohr zu ihm hindrehend -- "nuschelt nicht so in den Bart, dass Euch ein

Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht."

"Der nach Wisconsin auswanderte," sagte der junge Bauer laechelnd -- "er

hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder

gut; -- wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht

nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er ueberhaupt

Nichts von sich hoeren liess, glaubte ich schon er sei da drueben gestorben

oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen

Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu

dem heutigen Tag."

"Nun ja natuerlich," brummte der Apotheker.

"Aber so lasst ihn doch nur reden," rief jetzt auch aergerlich der Actuar

dazwischen, "Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr

recht geschrieen habt, Ihr haettet recht."

"So lest den Brief einmal!" sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch

stuetzend, "nachher wissen wir ja gleich woran wir sind."

"Aber erst muss ich noch Bier haben," rief Schollfeld dazwischen, "ich mag

die Luegen wenigstens nicht trocken mit anhoeren."

Lobsich winkte einem der naechsten Kellner, die indess leer gewordenen

Glaeser wieder zu fuellen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr,

den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend:

"Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen

verlangte, und er lautet:

"Lieber Mathes -- ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir

zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist."

"Na ja," fiel ihm hier der Apotheker in das Wort -- "und nun muesst Ihr Hals

ueber Kopf machen dass Ihr auch hinueber kommt."

Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr,

laechelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort:

"Ich wollte aber nicht gern, dass mich Jemand Anders unterstuetzen sollte,

weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und

habe mir kuemmerlich, aber ehrlich und fleissig durchgeholfen. Jetzt habe

ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stueck

Rindvieh, und dreissig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich

habe hart arbeiten muessen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier

herueber kommst und willst mich aufsuchen, dass ich Dir mit Rath und That an

die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, dass Du nicht

durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen

hier, kein Fluch wie fuer manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten

will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es gruesst Dich zehntausend

Mal Dein Caspar Lauber -- Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconsin."

"Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?" rief aber auch Kellmann jetzt

erstaunt -- "Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so ploetzlich in

die Glieder geschlagen, dass Ihr die Seekrankheit fuer das einzige Mittel

haltet die es curiren koennte?"

Mathes schuettelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief

zusammen, den er zurueck in seine Tasche schob, und sagte mit fester und

entschlossener Stimme:

"Lange im Sinn hab' ich's schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum

Ausbruch gebracht."

"Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im

Land," rief jetzt auch Lobsich, waehrend der Apotheker das ihm eben

gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoss, wie um seinen Ingrimm damit

nieder zu spuelen -- "wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn

noch da bleiben?"

"Ich _bliebe_ auch," sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast

erstickter Stimme, "ich bliebe auch, wenn mich mein Vater liesse, aber --

der will nicht in die Heirath willigen mit Rossner's Kaethchen, des Haeuslers

Tochter aus Rodnach; hier haelt er mich dabei unter dem Daumen mit seinem

Gut und Geld, und das Maedchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort

drueben aber ist ein Platz, wo fleissige Menschen auch durchkommen koennen

mit Gottes Huelfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts

wie er hinueberging; nicht das Hemd auf seinem Ruecken war sein, und ich

weiss dass er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht

hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem

Land, Haus und Vieh, und was der kann -- schwere Noth noch einmal -- das

kann ich auch. Ich gehe hinueber, nehme das Kaethchen mit -- Geld zur

Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den

halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter.

Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die

Nase reiben zu lassen, "das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst

Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und

Dich gluecklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen -- weil ihr eben

nur der volle Geldsack fehlt."

"Unsinn!" sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend

-- "wenn Jemand einmal rein verrueckt geworden ist, laesst sich auch nicht

mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?"

"Ja, gleich," erwiederte der Gefragte -- "weiss denn aber schon Euer Vater

um den Plan, Mathes?"

"Heute hab' ich's ihm gesagt," erwiederte der Gefragte leise -- "aber er

glaubt es noch nicht."

"Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt?" sagte Kellmann

theilnehmend.

"Meine Passage in Bremen fuer mich und -- meine _Frau_ ist schon bezahlt,"

rief der junge Bursch da entschlossen -- "den funfzehnten geht das Schiff

ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu

bringen."

"Ja da koemmt freilich jeder gute Rath zu spaet," sagte Kellmann, jetzt

ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, "wenn der Sprung erst

einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr ueber das Springen zu streiten

und ich wuensche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath."

"Ich weiss es, ich weiss es," sagte Mathes geruehrt -- "aber vielleicht seh

ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drueben, mit Axt oder Pflug in

der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer."

"Wen -- mich?" rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus -- "ich nach dem

vermaledeiten Lande, dass alle unsere besten Buerger frisst? Nein Mathes, fuer

dies Leben nicht -- aber wann geht Ihr fort? vielleicht laesst Euer Vater

doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht dass es Euch wirklich

Ernst ist."

Mathes schuettelte mit dem Kopf und der Actuar rief:

"Ein Bauer und einlenken, Kellmann? -- da kennt Ihr unseren deutschen Bauer

nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da muss er durch, und

wenn's nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schaedel, aber er laesst nicht

nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen

Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten koennte -- er spraech es

nicht."

"Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschliessen und mitgehn,"

sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend -- "Schwerebrett das ist mir -- hm --

hm -- ist mir doch was Unbedeutendes, das -- das Amerika."

"Und was sagt denn das Kaethchen dazu?" frug Kellmann jetzt den Mathes,

waehrend die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn

geruestet hatten.

"Die weint und will nicht mit," sagte Mathes leise -- "aber sie wird schon

gehen."

"Sie will nicht mit?"

"Sie meint, es braeche meinem Vater das Herz."

"Das Herz brechen? -- dem alten Vogel?" lachte aber dieser veraechtlich --

"na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm -- als ob dem etwas

das Herz brechen koennte."

"Nun, es fraegt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht," meinte der

Actuar, "dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt -- die

Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal

so still geworden?"

"Ach lasst mich zufrieden," brummte dieser aergerlich -- "weiss es Gott, man

moechte am Ende selber mit hinueberlaufen, nur Nichts mehr von dem

verwuenschten Auswandern reden zu hoeren."

"Hahahaha!" rief da Kellmann, "Schollfeld bekoemmt auch ueberseeische

Ideen."

"Ueberseeische -- haette bald was gesagt," knurrte dieser aber, auf der

Strasse hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen.

Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gruss mit ihren Bekannten dort,

zuendeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den

freundlichen Abend so viel als moeglich zu geniessen, die Strasse hinab, der

eigenen Heimath zu.

Capitel 3.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 5 / 12 题