DAS DOLLINGER'SCHE HAUS.

Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen -- einer nicht

unbedeutenden Stadt Deutschlands -- hatte am Sonntag Mittag, ein kleines

Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und

diesen heute in aussergewoehnlicher Weise mit Blumen geschmueckt, und

delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten

Tochter des Hauses, der liebenswuerdigen Clara und nur ihr erklaerter

Braeutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansaessiger Kaufmann, als

Gast der Familie zugezogen worden.

Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in

Lebensgroesse vorzufuehren, sass Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber

behaebiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmuethigen

Augen und schneeweissen Locken und Augenbrauen, die aber dem edel

geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwuerdig standen. Ihm zur Rechten sass

seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre juenger

wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch

noch sogar juenger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit

ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber

das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und

Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmueckten, passten nicht ganz zu

dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeussern.

Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen

Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt,

an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geoeffnetes,

prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, fluechtig durchblaetterten

Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulaechelnde Gestalten zeigte. Kein

Schmerz hatte diese engelsanften Zuege noch je durchzuckt, keine Thraene

wirklichen Schmerzes den reinen Blick getruebt, und die ganze zarte,

sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Fruehlingsbluethe im sonnigen

Wald, die dem jungen Fruehlingstag in Glueck und Unschuld die schwellenden

Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den

reinen Aether ueber sich, nur schoener, nur gluehender zurueckspiegelt.

Ihre um nur wenige Jahre aeltere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite

sass, aehnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das

einfach kindliche, was Claerchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte

ihr. Ihre Gestalt war voller, majestaetischer, aber auch ihr Blick mehr

kalt und stolz; "ich bin des reichen Dollingers Kind" lag klar und

deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und

entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war,

wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in's Auge springend, Bewunderung

fordernd.

Zwischen Beiden sass Clara's Braeutigam, ein junger, bildhuebscher Mann in

moderner, fast fuer einen Mann etwas zu gewaehlter und sorgfaeltig geordneter

Kleidung; er trug das Haar in natuerlichen dunkelbraunen Locken und das

Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekraeussten, und

nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre

sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem

Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen

besetzte Uhrkette.

Die Bekanntschaft Clara's und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas

romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier

aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger

waren naemlich mit ihren beiden Toechtern im vorigen Herbst auf einer

Rheinreise bei Ruedesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben ueber

Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein

uebersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte

Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist,

ennuyirte sich am Land und wuenschte an Bord des Dampfers zurueckzukehren,

und als sie gerade mit dem Kahn ueber den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot

stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau

Dollinger, mit Sophie, von den Kahnfuehrern unterstuetzt, hatten auch schon

gluecklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte

Clara, als diese sich ploetzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn

vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber

wieder zuruecksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der

schmale Kahn an zu schwanken, waehrend sie, die vergessene kleine Tasche

aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein

stuerzte. Ungluecklicher Weise waren gerade in dem naemlichen Augenblick die

Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der

mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt

auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zuruecksprangen, trieb doch

Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika

zurueckgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers

zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch

wenigstens so lange an der Oberflaeche unterstuetzte, bis das Boot herbeikam

sie beide aufzunehmen.

Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der

junge Mann hiess, gewann sich in den naechsten Wochen, die er in der

Gesellschaft der ihm zu grossen Dank verpachteten Familie zubrachte, die

Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst

bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein.

Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten

machen, doch etwas Genaueres ueber die Existenzmittel eines Mannes

erfahren, dem er das Glueck und Leben eines lieben Kindes anvertrauen

sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an

verschiedene Haeuser in New-Orleans, die ihm ueber seine dortige Stellung

genaue Auskunft geben konnten.

Nach seinem Vermoegen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht

so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_

Schwiegersohn entbehren zu koennen, und etwas Vermoegen musste der junge Mann

haben, dafuer buergte sein ganzes Auftreten, buergte besonders in den Augen

seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph

Henkel war aber auch ausserdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann,

der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und

Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wusste. Er hatte die

ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Sued und von Ost nach West

durchstreift, und dort theils seinen Geschaeften gelebt, theils gejagt,

sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den

Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre

eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch

einmal von jenen wilden trotzigen Staemmen, die uns Cooper so herrlich und

unuebertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt,

und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara

hatte eine ganze Nacht nicht schlafen koennen, nur in der Angst und Unruhe

um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkuehne Mensch damals schon

ausgesetzt.

Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Staemmen den Umgang mit

civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besass ganz

besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung

anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als

ein tuechtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzueglich eine vortreffliche

statistische Kenntniss der Union besass, gewann er sich dabei, und gleich

von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte

er leicht ihre kleinen, oft liebenswuerdigen Schwachheiten abgelauscht, und

wusste ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, dass Frau Dollinger, mit der

Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit

ganz entzueckt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhoerlich redete.

Auch mit der aelteren Schwester, Sophie, wusste sich Henkel bald auf guten

Fuss zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwaechen

lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher

Liebenswuerdigkeit, dass ihm Clara, die es fuehlte wie er dabei aus sich

herausging und etwas annahm was ihm nicht natuerlich war, oder doch

jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natuerlich sein _sollte_,

dennoch nicht boese darueber werden konnte.

Desto freier, offener und natuerlicher war er dafuer gegen sie selber; er

las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner

reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht

und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich

dabei lachen, dass es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhoeren. Selbst

Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen,

fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Froehlichkeit zu

nehmen.

Nur in den letzten Tagen war der junge "Amerikaner" wie er im Hause

gewoehnlich scherzhaft hiess, oder der "Delaware" wie ihn Sophie, wenn sie

manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffaellig niedergeschlagen

gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr

lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm

gehoerte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, dass sein

Compagnon fast den Untergang desselben befuerchte. Der alte Herr Dollinger

troestete ihn deshalb, und er schien sich auch darueber hinwegzusetzen, die

sonst so bluehende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich

wieder dorthin zurueckkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres,

Unstaetes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen.

Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu

nennen hoffte, hatte er all die trueben Gedanken, welcher Art sie auch

gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschuettelt, und war ganz

wieder der frohe glueckliche Mann, wie ihn Clara kennen -- _lieben_ gelernt.

Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz

einverstanden gewesen, war auch heute keine groessere Gesellschaft geladen

worden, sondern die kleine Familie speiste ganz "unter sich" in dem

festlich mit Blumen und Guirlanden geschmueckten Zimmer des jungen

liebenswuerdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich

schon laenger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, groessere Gesellschaft

gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Feten;

dafuer jedoch bedung sie sich aus, dass sie wenigstens den Nachmittag

spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewoehnlich zu Pferde

begleitete.

Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner

trinken, und der zweite Stoepsel war eben lustig hinausgeknallt, der

Gesundheit des "jungen Brautpaares" zu Ehren, als die Thuer aufging und

Lossenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in's

Zimmer trat.

Lossenwerder war schon seit elf oder zwoelf Jahren im Haus, und seinem

Aeussern nach eben keine angenehme Persoenlichkeit; er hinkte auf dem linken

Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war ueberhaupt haesslicher und

magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst

gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das

Stoerendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man

sich auf ein laengeres Gespraech gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam

er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau

Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere

behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich,

wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hoeren, als er es jedesmal

affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid

mit dem armen Menschen, den sie seines Ungluecks wegen innig bedauerte,

schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie ueber ihn, waehrend Herr

Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch

ausserdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit

ihm war, ihm auch jedes nur moegliche Vertrauen bewiess.

"Hallo, Lossenwerder, was bringst Du mir da in's Haus?" rief ihm sein

Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann

das Zimmer betrat und schuechtern an der Thuere stehen blieb -- "ist das fuer

mich oder meine Tochter?"

"Gewiss fuer mich, Vaeterchen," rief Clara, rasch von ihrem Sitze

aufspringend -- "siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen

mit meinem Fest, und mir Gruss und Geschenk geschickt."

"Hehehe -- moe -- moe -- moechten es sich wo -- wo -- wo -- wo -- wohl wue -- n --

nschen Fraeulein" lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger

zuwinkte, dass das Paket fuer ihn sei -- "ka -- ka -- ka -- kann ich mir de -- de

-- de -- de -- denken -- Go -- go -- gold und Ba -- ba -- ba -- ba -- bank -- no --

noten." Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn uebergab.

"Hm, hm, hm" sagte aber dieser kopfschuettelnd, "und das bringst Du mir

jetzt in's Haus -- gerade wo ich ausfahren will -- warum hast Du es denn

nicht dem Cassirer gegeben?"

"Ni -- ni -- nirgends zu fi -- fi -- fi -- finden" stotterte Lossenwerder.

Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief fluechtig durchfliegend, herueber

und hinueber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich

hinlegend:

"Ja, da laesst sich denn weiter Nichts aendern; gieb mir das Paket

Lossenwerder, und sieh dann zu, dass Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn

bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu

mir zu kommen -- verstanden?"

"Ja -- ja -- jawohl He -- he -- he -- herr Do -- do -- do -- Do -- "

"Schon gut" lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, "und hier, Lossenwerder,

magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken.

Fraeulein Clara's Geburtstag ist heute -- hier Clara, reich es dem jungen

Herrn." Er fuellte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem

funkelnden, schaeumenden Nass, und waehrend Clara mit freundlichem Laecheln

dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit

Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schluessel stak, oeffnete ihn,

legte das Geld hinein, zog dann den Schluessel ab und sagte, diesen der

Tochter ueberreichend:

"So Kinder, heute muesst Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein,

bis der andere aufgefunden werden kann."

Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Lossenwerder, der das volle Glas

in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war,

hob es empor und rief stotternd:

"Fr -- re, re, re, re, re, raeu -- le -- le -- lein Cla -- ra -- ra -- ra -- ra --

aus ga -- ga -- ganzem He -- he -- he -- he -- he -- he -- her -- ze -- ze -- zen."

Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das

Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei.

"Alle Wetter" lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte,

"Lossenwerder hat einen vortrefflichen Zug -- nun? -- hat's geschmeckt?"

"Gu -- gut Herr Do -- do -- do -- do -- do."

"Genug, genug" winkte ihm der Principal wieder ab -- "also bestell mir das

ordentlich."

Lossenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu

kommen, in der er sich nicht heimisch fuehlen konnte, setzte das Glas auf

einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl

wissend dass er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr uebrig

hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu muendlichem

Abschied zu machen.

"Eine unangenehme Persoenlichkeit" sagte Frau Dollinger zu ihrem

Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thuer nicht einmal ordentlich

hinter sich geschlossen hatte; "ich kann mir nicht helfen, auf mich macht

der Mensch immer einen fatalen Eindruck."

"Wie -- wie befehlen Sie meine Gnaedige?" sagte der junge Henkel etwas

zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und

fluesterte ihm ein paar Worte zu --

"Er kann ja doch Nichts fuer seine Gebrechen" nahm Clara aber die Antwort

auf, "und thut gewiss Alles in seinen Kraeften sie eben durch gutes Betragen

vergessen zu machen."

"Papa, ich wuerde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen

lassen" sagte Sophie.

"Nicht so offen? -- ich habe ja zugeschlossen -- "

"Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man

Geld liegen hat" stimmte die Mutter bei.

"Dienstleute?" meinte Herr Dollinger -- es war ja Niemand von ihnen im

Zimmer -- "

"Doch Lossenwerder?"

"Bah" lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schuettelnd.

"Ist es denn viel?" frug seine Frau.

"Nun, der Muehe werth waer's immer" sagte Herr Dollinger, "fuenf Tausend

Thaler etwa -- es soll aber auch nicht ueber Nacht da liegen bleiben, und

Lossenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an

sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darueber verfuegt habe."

"Der Lossenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer

war" sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend.

"Lieber Gott, Muetterchen, Du weisst ja aber doch dass er schielt"

vertheidigte ihn lachend Clara -- "eben so fest und unverwandt hat er mich

indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist's nicht dass er

zwei Stellen auf einmal im Auge behalten muss."

"Lasst mir den armen Teufel zufrieden" sagte aber auch Herr Dollinger --

"der ist mir nuetzlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum

Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt

uebrigens Kinder wird es Zeit dass wir uns ruesten, und Henkel, Sie muessen

noch Ihr Pferd holen lassen."

"Ich habe es schon, in der Voraussetzung dass wir bei dem schoenen Wetter

doch wohl eine kleine Parthie machen wuerden, hierher bestellt," erwiederte

rasch der junge Mann -- wuenschen Sie den Wagen jetzt?"

"Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir

noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, duerfen wir nicht mehr viel

laenger warten."

"Aber Ihr Maedchen moechtet Euch ein wenig warm einpacken" sagte jetzt die

Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend -- "zum

still im Wagen Sitzen passt ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird

es kuehl werden."

"Und nicht so lange machen," mahnte der Vater, der sich sein Glas noch

einmal voll schenkte und leerte; "der Wagen wird im Augenblick da sein."

Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten spaeter vor, Herr Dollinger,

der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend,

im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr

kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen.

"Nun, wo ist Henkel?" sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zukuenftigen

Schwiegersohne umschauend, "ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen;

jetzt wird uns der warten lassen."

Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr

schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor,

aber ohne Pferd, hereinkam.

"Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel?" rief er ihm schon von weitem

entgegen -- "das ist eine schoene Geschichte; jetzt duerfen wir den Frauen

nie im Leben wieder vorwerfen, dass sie uns warten lassen."

"Ich muss tausend Mal um Entschuldigung bitten," sagte der junge Mann, zum

Wagen hinantretend, "aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn

Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es

ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie

langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein."

"Wir koennen ja hier warten," sagte die Mutter.

"Ja, wenn die Pferde stehen wollten," brummte Herr Dollinger -- "zieh nicht

so fest in die Zuegel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und

wird nur noch immer unruhiger -- wir wollen langsam vorausfahren -- machen

Sie aber dass Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir

Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht -- der Stalljunge mag

hinueberlaufen und Ihnen das Pferd holen."

Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel musste aus dem Weg

springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara

freundlich laechelnd zunickte.

Eine starke Viertelstunde spaeter sprengte der junge "Amerikaner," seinem

Thiere die Sporen gebend, dass es Funken und Kies hintenaus stob, ueber das

Pflaster, zum Entsetzen der Fussgaenger dahin, dem Wagen nach, den er nur

erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im

Stall wollte Niemand etwas davon gewusst haben, dass er sein Pferd bestellt

gehabt -- Einer schob die Vergessenheit natuerlich auf den Andern, und

Dollinger's Stallknecht musste die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er

das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben

zurueckkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden

Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend,

und dessen Entschuldigung nur halb hoerend, rasch in den Sattel und flog,

wie vorher erwaehnt, in vollem Carriere die Strasse nieder.

Er hatte den Hof kaum verlassen, als Lossenwerder, einen grossen,

wunderschoen bluehenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie

scheu, dass ihn Niemand gewahre, ueber den Hof und in die Hinterthuer des

Hauses schlich, und sich leise und geraeuschlos die Treppe damit

hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus

derselben Thuer wieder ueber den Hof zurueck, als der Stallknecht aus der

Futterkammer kam. Unschluessig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter

der Thuer stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht

verlassen wollte, vorn zur Hausthuer hinaus auf die Strasse, den Weg nach

seiner Wohnung einschlagend.

Capitel 2.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 4 / 12 题