Die Beamten trösteten: „In drei Stunden kommt wieder ein Zug.“

Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wußte, ob es dann mehr Platz

gäbe? Frau Lißmann mit den Kindern lief hin und her, überall standen die

Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da

plötzlich hörte sie eine Stimme: „Nur herein, es geht schon noch!“ Ein

starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wußte, wie es

zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang

eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelöst

hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurück lassend.

„Gottlob!“ rief Frau Lißmann, sie zitterte noch vor Erregung. „Wo ist

denn mein Hut?“ fragte Karl, „man hat ihn mir vom Kopf gerissen!“ „Macht

nichts,“ tröstete die Mutter, „das ist der Krieg, hat der Herr gesagt.

Gottlob, daß wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen,

sonst wären wir nicht herein gekommen.“

„Das war ja der große Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat,

hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?“

„Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt

hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafür danken.“

Ein Mitreisender hatte das Gespräch gehört, er mischte sich ein: „Da ist

nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Österreicher; wir sind

Verbündete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz

schaffen“ und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden

des Ganges. „So, nun nehmen Sie Platz,“ sagte er freundlich. „Für das

Töchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch

einmal Soldat werden, der übt sich einstweilen im Stehen.“

Langsam fuhr der überfüllte Zug. An jeder Station gab es längeren

Aufenthalt; eine Menge Einberufene drängten noch herein und immer wurden

sie mit fröhlichen, heiteren Zurufen begrüßt. Ein Wiener Zug, schon voll

eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den

Güterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders

lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen

angeschrieben, bezeugten die fröhliche Stimmung der Krieger. An einem

war zu lesen:

Serbien

Du mußt sterbien!

Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: ‚Hier werden noch

Kriegserklärungen angenommen.‘ Unter Lachen und lautem „Heil, Heil“

rufen, fuhr man an dem Zug vorüber.

So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drückender wurde es in

dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablässig; seine blasse Mutter

entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen

ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stieß des Vaters

volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig

und übelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja

Krieg--man mußte sich in alles fügen, mußte froh sein, daß man überhaupt

noch fahren durfte; vom nächsten Tag an wurden nur noch Soldaten

befördert.

Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen

ebenso überfüllten Zug.

Wie ein Traum erschien es Frau Lißmann, als sie endlich spät abends in

den Münchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge ließen sich

unsere müden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie

sonst warteten hier die Angehörigen; der Zutritt war für jedermann

gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des

Bahnhofgebäudes und hier war es, wo plötzlich eine Stimme, eine liebe,

bekannte, fröhliche Stimme rief: „Mutter, grüß dich Gott, endlich kommt

ihr! Gebt nur euer Gepäck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur

her, Karl!“

„Philipp!“ riefen sie alle erstaunt, „ja woher hast du denn gewußt, daß

wir jetzt kommen?“

„Einmal habt ihr doch kommen müssen! Siebenmal habe ich euch schon

erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden

am Bahnhof. Warum seid ihr so spät gekommen, habt ihr meinen Brief nicht

erhalten?“

„Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater.“

„Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen.

Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt

nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kämt.

Aber daheim ist schon der Tisch für euch gedeckt. Nämlich schon seit

zwei Tagen.“

„Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?“

„Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es

scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Österreich. Die ganze

Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr

werdet staunen. Dürft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein

lassen.“

Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. „Aber

weißt du, daß Krieg ist?“ fragte Karl. Philipp lachte hell auf. „Besser

als du. Wißt ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklärt!“

Die Mutter blieb mitten auf der Straße stehen: „England! Kinder, das ist

ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es

denn amtlich mitgeteilt?“

„Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur

keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir

müssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heißes: Alle Mann auf Deck! Du

hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter,

daß ich mich als Freiwilliger gemeldet habe.“

Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: „Philipp, du mit deinen

siebzehn Jahren!“

„Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der

Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen können. Ich habe mich

gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur,

ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte

der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut.“

„Aber er muß doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?“

„Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris,

die Mutter in Österreich, da kann ich natürlich nicht warten, bis sie

heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das

war ihm recht. Dann fragte er nach dem ärztlichen Zeugnis. Das habe ich

mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn

so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten können, sie

gehen reißend ab, sind schon kaum mehr zu haben.“

„Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!“

Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal für den

Bruder ein. „Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr

bekommen!“

Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt

ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: „Mutter, es ist eben

Krieg! Und was für ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kämpfen

kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!“

„Ich auch,“ „und ich,“ riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen

Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: „Die Engländer auch--eine Welt

von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurückhalten!“

* * * * *

Eine Weile später saßen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah

Philipp nach, der hin und her ging und für die erschöpften Reisenden in

liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnützer Schlingel; nein,

ihr Philipp, der künftige Soldat, der sein Leben geben wollte fürs

Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!

Kriegsbüchlein für unsere Kinder · 第 7 / 14 题