Der 4. August

Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der

Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder

abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien

hier bleiben.

Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein

reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im

siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle

Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und

ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz

überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der

Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir

sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles

ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon

vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes

miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung

fast Tränen.

Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges

zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.

Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz

anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem

habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast

vollzählig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu

ihrem Regiment einberufen waren.

Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des

königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat,

Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten

versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin

Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht

viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber

das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an

den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform

erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in

Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte

sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter

Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte

unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit

schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er

von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im

Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten,

stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam.

Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell

die nötigen Beschlüsse fassen.

Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der

Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das

gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: „Ich kenne keine

Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Und dann bat er die Vorstände

der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und

dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.

Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der

Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob

der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon

vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen.

Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem „Hoch“ auf den

Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne

angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer

den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt,

man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan.

Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das

ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher

muß ich noch was Lustiges erzählen.

Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ

der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie

z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter

diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht

wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack,

sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der

Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen

Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten

Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem

Herrn: „Nun aber wollen wir sie dreschen!“

Dies kräftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, daß es zur Losung

für den Krieg geworden ist und auf allen möglichen Postkarten sieht man,

wie wir uns das „Dreschen“ ausmalen können.

Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.

Schon gleich der Anfang war großartig. Von all den umständlichen

Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so

unerquicklich ausfüllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts

wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Präsident und

Schriftführern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmütig standen

die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, daß ihnen der frühere

Präsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der

Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen

Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug

hätte stören mögen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: „Ein

gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein.“ Dann legte er dar, wie

es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die

Russen sich so heimtückisch benommen hätten und wie die Franzosen ohne

Kriegserklärung in die Reichslande eingedrungen seien, so daß wir nicht

länger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mußten, weil uns sonst

die Franzosen von dieser Seite angegriffen hätten. Wir könnten mit

reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Höchstes

verteidigen müssen.

Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreißend

sei der Schluß gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief:

„Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr

ist das ganze deutsche Volk!“ Da brauste es durch den großen Saal und

von den dicht gefüllten Tribünen; der Beifall wollte garnicht enden und

der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: „das _ganze_

deutsche Volk!“ Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er über die

Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stürmisch Beifall riefen, wie alle

andern Parteien.

Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso

großartig zu. Ich weiß aber nur noch das eine, daß alles, was die

Regierung beantragt hatte, einmütig ohne irgend einen Widerspruch

durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden für die Kriegsausgaben

bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht

einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im

Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte:

„Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.“

Das freute mich am allermeisten. Am Schluß der Sitzung dankte der

Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal

einen stürmischen Beifall, als er sagte. „Was uns beschieden sein mag,

der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der größten Tage

Deutschlands sein.“

Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzählte. Er

sagte, den größten Sieg hätten wir schon errungen, den über unsere

eigene Uneinigkeit; jetzt könnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser

hat es ja auch in dem Ausruf: „An mein Volk“ gesagt: „Noch nie ward

Deutschland überwunden, wenn es _einig_ war.“

Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde ärgern

werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte über diesen Reichstag

lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im

Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir

streiten nur untereinander, wenn es nach außen nichts zu streiten gibt,

und das finde ich ganz natürlich.

Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch

einige Besprechungen, über die er aber nichts mitteilen darf. In diese

Tage fiel die Kriegserklärung der Engländer. Diese taten, als müßten sie

Belgien schützen und leider deshalb in den Krieg ziehen.

Aber der Vater sagt, man hätte gleich gewußt, daß das nur ein Vorwand

sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verächtlich gemacht.

Es sei eine große Schande, daß sie sich mit den Russen verbünden und sie

würden dieses Unrecht schwer büßen müssen.

Für den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht

viel für uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm

wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern

nicht gern anvertraut.

Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wäre statt 13, dann würde ich vielleicht

auch in manches eingeweiht. Statt dessen muß ich in die Schule gehen,

als wenn kein Krieg wäre. Die Mutter versteht, daß ich keine Lust dazu

habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah

erstaunt auf mich und sagte: „Ich hoffe doch von meinem Mädel, daß es

dasselbe tut, wie unsere Soldaten!“ Ich verstand nicht gleich, was er

damit meinte, bis er sagte: „Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut

sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst,

als nur das Nötige, so soll es mich freuen.“

Da schwieg ich über die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu

Hause ist, oder in der Schule, bei den Großeltern auf dem Land oder bei

den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an

den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als daß wir Deutsche siegen!

Das Pfarrhaus in Ostpreußen.

In Ostpreußen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blühende

Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mußte den ersten

Anprall der Feinde aushalten. Wohl kämpften die todesmutigen preußischen

Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach

Deutschland vorzurücken; aber Ostpreußen war der Kampfplatz und ehe das

Volk nur recht wußte, daß der Krieg erklärt sei, begann schon die

Verwüstung des Landes.

Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und

Hof, Äcker und Vieh besitzt, verläßt nicht so leicht die Heimat.

Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen

hörten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. „Wir

können nicht,“ sagten sie zueinander, „wie sollten wir das machen?

Wohin? Wovon sollen wir uns ernähren? Was mit den Kranken anfangen, und

wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht.“

Vom Nachbarort hatte man freilich gehört, daß viele Familien geflüchtet

waren, auch der Pfarrer.

„Unser Pfarrer wird auch gehen,“ sagten sie zu einander, „er hat seine

Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen;

da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins

Pfarrhaus gehen und hören, was der Herr Pfarrer meint.“

Der Pfarrer saß am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor

sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt,

aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.

Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau öffnete

die Türe. Eine ganze Anzahl Männer und Frauen standen da. Sie sagten,

daß sie des Herrn Pfarrers Meinung hören wollten, ob man fliehen sollte.

Der Pfarrer riet zur Flucht: „Morgen schon können die Feinde hier sein,“

sagte er, „und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Männer sind unseres

Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten

preisgegeben. Jetzt können wir noch flüchten; die Landsleute in

Westpreußen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich

überzeugt.“

„Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?“

„Wenn ihr geht, ja.“

„Und wenn wir nicht gehen?“

„Dann werde ich bei euch bleiben.“

Einer sah den andern an, sie waren still und überlegten. Die Pfarrfrau,

die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt

unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme:

„Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr könnt ja doch Haus und Hof nicht

schützen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen,

gleich heute, sonst ist es zu spät!“

Da wandte einer der Bauern sich an sie: „Frau Pfarrer, ich glaube es

nicht, daß die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der

großen Straße; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach

Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen,

dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich

herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste

Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben.“

Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblaßte. Wohl legte ihr Mann den

Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie

fühlte: es ist umsonst, was er redet, sie können sich nicht trennen von

ihrer Heimat.

So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: „Wir danken auch, daß

Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer.“

Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder

der Pfarrleute. Der Kleine saß in der Schaukel, das fünfjährige Fickchen

kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen

deutete einer der Männer auf die Kinder: „Die haben wir auf dem

Gewissen, wenn sie in die Hände der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer

betrifft, die wäre gern geflohen.“--„Ja, und der Herr Pfarrer war auch

dafür.“

„Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken

erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die

deutschen Truppen stehen.“

Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere

Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und

dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.

Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer

seine Frau an sich mit großer, innerer Bewegung: „Wir müssen uns

trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen.“

„O Johannes!“ rief sie, „warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich

habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch

zu deiner Mutter!“ Sie weinte bitterlich. Er drückte sie innig an sein

Herz: „Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich

kann nicht, unmöglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren

Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie hätten keinen Gottesdienst,

keinen Zuspruch in Unglück, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf

dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu

bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will

mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns

trennen müssen.“

„Trennen?“ sagte sie, „wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das

rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir

bis in den Tod.“

Es gelang ihm nicht, sie zu überreden, daß sie sich mit den Kindern

flüchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der

Pfarrfrau: „Sei getreu bis in den Tod.“ Ruhig und mutig sah sie dem

entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.

Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schöner Sonntag

war angebrochen. Die Kirche füllte sich wie an einem hohen Festtag.

Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers

hören, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille

Andacht die ganze Kirche erfüllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst

der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine

Anzahl Leute von der Landstraße her auf das Dorf zurennen. Schon von

weitem hörte man ihren Schreckensruf: „Die Kosaken kommen! Ein ganzer

Trupp ist hinter uns her!“

Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. „Luise, es wird ernst! Die Feinde

kommen! Gott sei uns gnädig!“ Er wollte den Talar ablegen.

„Behalte ihn an,“ bat seine Frau, „vielleicht achten sie dies Gewand!“

„Meine gute, kluge Frau!“ rief er und drückte sie an sein Herz, „was

wird nun über uns kommen?“

„Was sollen wir tun?“ fragte sie dagegen, „das Hoftor und die Haustüre

schließen?“

„Das hat keinen Wert; sie schlagen die Türen ein und dringen dann schon

in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie

Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt

brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine

Furcht.“ Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im

Nebenzimmer spielten: „Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf,

wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen.“

„Keine Feinde, gelt Vater?“ sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige

Worte hörte.

„Hungrige Soldaten,“ erwiderte dieser ausweichend. „Hilf der Mutter den

Tisch decken, Stühle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine.“

Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch

wie für Gäste.

In diesem Augenblick kam aus der Küche Maruschka, das Mädchen, totenblaß

herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben

sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.

„Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung.

Sieh, daß das Essen recht gut ausfällt. Man muß den hungrigen Soldaten

gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Küche, ich komme gleich

nach.“

„Ei, Mutti,“ sagte Fickchen, „ich glaube, Maruschka ist bange vor den

Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung.“

Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die

Straßen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Häuser.

Dann plötzlich hörte man von ferne Pferdegetrabe, hörte ein Signal, die

Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anführer ließ in deutscher Sprache

ausrufen, daß keiner der Einwohner den Ort verlassen dürfe. Bei

Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenläuten oder

sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten.

Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.

Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schöne Pfarrhaus, obwohl es

abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mißtrauisch um sich

schauend durch den Garten auf die Haustüre zu; voran einer, der der

Anführer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Türe

weit auf. Als seine große Gestalt im langen, schwarzen Talar plötzlich

vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer

machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in

russischer Sprache: „Kommt herein, der Tisch ist schon für euch

gedeckt!“

Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit

dem großen weißgedeckten Eßtisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum

noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hände

segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heißen. Die

Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.

„Das ist meine Frau und meine Kinder,“ sagte der Pfarrer ruhig. Die

beiden Kleinen traten zutraulich heran. „Meine Frau kann nicht russisch,

aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch,

Luise,“ fügte er in deutscher Sprache hinzu.

Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepäck ablegten.

Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anführer,

es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen

Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die

Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die

Hände. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie

waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.

Was draußen in der Küche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte,

was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs

beste.

Während des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau

aufgetragen: die schönen Betten im Gastzimmer überzog sie mit frischer

Wäsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die müden Soldaten hinauf und

lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten

erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau

sorgte voraus für das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, daß die

Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen würden.

So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten

ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wüstes Treiben; das ganze

Wirtshaus lag voll Kosaken, die aßen und tranken bis tief in die Nacht

hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den

Kellerschlüssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er

weigerte und wehrte sich; plötzlich zog einer der Soldaten die Pistole

und schoß den Wirt nieder.

Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und

am frühen Morgen, während die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin

einen Buben zum Pfarrer, er möchte doch den Toten beerdigen, den die

Soldaten nicht im Haus dulden wollten.

Der Pfarrer ließ sagen, man möge das Grab richten, er werde den Toten

beerdigen, aber es müsse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um

die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.

Vom Dorf aus brachten vier Träger den Sarg mit dem Toten. Niemand als

seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs

trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor

des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das

Friedhofglöcklein geläutet. Der Pfarrer blieb bestürzt stehen: „Wer

läutet? Wißt ihr nicht, daß die Kosaken auch das Läuten bei Todesstrafe

verboten haben?“

„Ach, Herr Pfarrer,“ sagte die Frau erschreckt, „es ist ja nur das

Sterbeglöckchen! Ich habe den Meßner gebeten, daß er läutet. Das werden

die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Geläute zu

Grabe getragen werden.“

Der Pfarrer hörte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ältesten Buben:

„Spring zum Meßner! Er soll das Läuten sein lassen, es kann ihm das

Leben kosten!“

Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und

versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst über dem

Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim

ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich für verraten.

Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wütend stürmten ein paar von

ihnen nach der Kirche. Der Glöckner wurde in einem Augenblick

überwältigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem

Pfarrer, denn der hatte gewiß das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie

drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der

wilden Rotte liefen die Sargträger und die Wirtin mit ihren Kindern

unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in

der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. „Ich habe

nur getan was meines Amtes ist,“ sagte er zu ihnen in ihrer Sprache,

„das Läuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen.“ Da wechselten

sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt

fortzuführen. Im Augenblick waren ihm die Hände auf den Rücken gebunden.

Dabei riß einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. „Versündige

dich nicht,“ sagte der Pfarrer, „lege es dem Toten auf sein Grab,“ und

der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.

Sie führten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straßen waren leer,

niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber

hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Straße und mit Entsetzen

sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem

Wirtshaus geführt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.

Nur die Pfarrfrau wußte nichts von allem, was geschehen. Zwar über das

Läuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darüber

nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter

geworden; sie hörte sie lebhaft reden und eilte, Frühstück für sie zu

bereiten. So früh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch

wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug

sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, daß ihr Mann wieder vom Friedhof

zurück käme.

Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mußte sich wohl

darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre

Sprache gekonnt hätte! Sie öffnete die Türe; aber die Soldaten schienen

nicht vor zu haben, zum Frühstück zu kommen, sie gingen auf die Haustüre

zu.

„Tee?“ fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene

Türe war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zögerten bei

diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte;

dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in

Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Käs und

Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Straße.

Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklären, ging hinauf in

das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepäck

mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mußten sie wohl heute früh

schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspätet und deshalb

so eilig? O Wonne, diese Gäste glücklich los zu sein!

Vom Gastzimmer aus konnte man hinüber blicken nach dem Friedhof. Der

lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er

so früh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar?

Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher

unmöglich schien.

Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese

Stille etwas Bedrückendes. Es fröstelte sie. Sie ging wieder hinunter in

die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die große Teekanne. Ja, eine Tasse Tee

würde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe über die Kanne, daß der

Tee schön heiß bliebe, bis ihr Mann endlich käme. So saß sie ganz allein

an dem großen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete

auf ihren treuen Gefährten, der doch auch noch kein Frühstück hatte.

Jetzt endlich hörte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten,

durch die Flur; die Wohnzimmertüre ging auf--ihr Mann stand vor ihr.

„So, endlich!“ sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, „jetzt

komme nur gleich, der Tee wird kalt!“

Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien

transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und

Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der

einzigen Sorge: der Tee würde kalt.

Sie sah jetzt seine Erregung. „Was ist denn geschehen?“ fragte sie

ängstlich.

„Du weißt wohl von gar nichts?“

„Nein, wo warst du denn?“

„Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine

Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde.

Gefesselt bin ich vom Friedhof herein geführt worden, ganz nahe an

unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's

gönnen, daß du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Läuten der

Sterbeglocke für Verrat gehalten; dem Glöckner hat es das Leben

gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an

meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiß, Luise; es ist nichts mehr

zu fürchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer

Einquartierung. Unsere vier Leute sind für mich eingetreten, haben für

mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze

Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!“

„Ja, Gott Lob und Dank!“ Die Pfarrfrau war so erschüttert, sie konnte

sich gar nicht fassen. Freilich für diesmal war die Gefahr überstanden;

aber noch heute konnten größere feindliche Heere das Land überfluten.

Aus der Ferne hörte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.

Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Straße und wieder kamen

sie in großer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt.

Sie wollten flüchten; alle waren einig, so schnell wie nur möglich;

keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des

Glöckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen

einen Schreck eingeflößt, so daß es von Mund zu Mund ging:

„Nur fort, nur fort!“

Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine

Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefüllt, Kranke und

Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvögel u. dgl. durften

mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.

Unterwegs stieß man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz

anders gehaust und Greuel verübt hatten, bei deren Bericht man

schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwärts; ängstliche,

bekümmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verließen und mit

schwerer Sorge in die Zukunft sahen.

Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen

geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfüllte die Straßen

und Plätze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brüllend in den

engen Straßen.

Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rührender Nächstenliebe wurden

in kurzer Zeit all die armen Flüchtlinge untergebracht, wurde Dach und

Fach, Arbeit und Verdienst für sie geschafft.

Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und

Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch

sie trauerten um das schöne Land, das vom feindlichen Heer verwüstet

wurde, und um die unglückseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner

konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen

Ostpreußens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht.

Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der

Hand der Feinde gerettet würde.

Und der große Tag kam; der Retter Ostpreußens erschien: Generaloberst

_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen

Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.

Was war das für ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!

Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des

Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser

Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde

untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen

Flüchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, daß sie bald

wieder in die geliebte Heimat zurück könnten. Alles Schwere, alles Leid

versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott,

der dem Leid ein Ende gemacht.

Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen dürfen

zurückzukehren, denn noch immer können sich feindliche Einfalle an der

Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte

Not für die Flüchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir

wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so

glücklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb

verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!

Die Konservenbüchsen.

In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauß unter seiner

Ladentüre und sah die Straße hinunter, immer nach einer und derselben

Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenüber

sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und

sie rief dem Nachbar zu: „Kommt sie noch nicht?“--„Sie muß gleich

kommen.“

Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der größere von beiden sah

aber nebenbei auch immer wieder die Straße hinunter. „Jetzt kommt sie!“

rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die

Zeitungsausträgerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie

es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm

trug. Sie war froh, daß ihr viele Blätter auf der Straße abgenommen

wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man

hatte in der Stadt schon etwas von einem großen Sieg der Deutschen

gehört und war gespannt, ob es auch gewiß wahr sei. Wer seine Zeitung

glücklich in Händen hatte, las sie schon auf der Straße. Auch Georg, so

schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon

unterwegs, was mit großen Buchstaben über das ganze Blatt gedruckt stand

und rief dem Vater zu: „_Großer Sieg über die Russen, sechzigtausend

Mann gefangen_.“--„Wirklich? gib her, Georg!“ Der Vater verschwand im

Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch,

auch die Mutter lehnte sich darüber; der Vater las laut und alle freuten

sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte

Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung mußte

beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Küche, die

Jungen folgten ihr. „Das hätte ich so gerne noch gehört,“ sagte

Georg, „was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den

Konservenbüchsen.“--„Was für Büchsen sind denn das?“ fragte der kleine

Hans.--„Blechbüchsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemüse und

Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen nötig brauchen, wenn sie

gerade nichts Frisches haben können. Der Vater wird schon nachher

weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Käs zum Vesper für

den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar

Pfennige mehr sein, wenn es ein schönes Stück ist. Ich gebe dir 35 statt

30 Pfennig mit.“

Georg ging mit dem Geld in die nächste Straße und verlangte in dem

Warengeschäft ein Viertelpfund Käs. Ein Stück wurde abgeschnitten und

gewogen. „Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30

Pfennig,“ sagte die Verkäuferin. Währenddessen hatte Georg auf dem

Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden

Schokoladestangen erblickt. Das Stück fünf Pfennig, stand auf dem

Kasten. Und fünf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf

diese fünf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie wären ja auch weg

gewesen, wenn er sie für den Käs ausgegeben hätte. „Und eine

Schokoladestange für fünf Pfennig,“ sagte er; bekam sie, ging hinaus,

ließ sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes

Gewissen dabei; „wegen der fünf Pfennig“. Er war schon mit Essen fertig,

als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Käs ab. „Komm, der Vater ist

allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor.“ Bald

standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: „Unter den

Gepäckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich

zur großen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbüchsen

angefüllter. Die Büchsen waren verlötet und jede trug die Gewichts- und

Inhaltsangabe der verschiedenen Gemüse- und Fleischgerichte. Als aber

eine und dann immer mehr dieser Büchsen geöffnet wurden, fand sich, daß

sie, anstatt mit Eßwaren, mit Sand und Spänen gefüllt waren. Dieser

Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im

russischen Volk herrscht.“

„Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen

nicht!“ rief die Frau empört.--„Ja es ist unglaublich!“--„Was denn,

Mutter, was ist denn so schlimm, erkläre mir's doch,“ drängte

der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehört, aber doch die

Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.

„Begreifst nicht?“ sagte die Mutter, „wenn ich dir einen Nickel gebe und

sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir

Gutele darum kaufen; gelt das wäre nicht recht? Da hat aber der

russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten

gesagt, sie sollen Büchsen mit Fleisch und Gemüse füllen für die

Soldaten. Die haben aber das Geld für sich behalten, haben kein Fleisch

und Gemüse gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Büchsen

getan und haben sie zugelötet.“

„Die Russen haben das getan?“ fragte Hans, der mit größter Spannung

zugehört hatte.

„Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind

ehrlich.“

„Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?“ fragte Hans wieder,

„ich möchte auch ein Deutscher werden.“

Sie lachten über den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den

Blondkopf: „Bist schon längst einer, Hans, schon seit du auf der Welt

bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!“

Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehört,

daß der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fünf

Pfennig, die für den Käs bestimmt waren, hatte er für Schokolade

ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher.

„Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein

Deutscher, gelt Mutter?“ sagte er, „nur natürlich so etwas, wie mit den

Büchsen, darf er nicht tun!“ Der Vater blickte von der Zeitung auf und

sah Georg an. „Mit der kleinen Unehrlichkeit fängt's allemal an,“ sagte

er, „es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen

Pfennig betrügt, so kommt er immer weiter.“

„Das ist doch ein Unterschied, auf fünf Pfennig kommt's doch nicht an,“

beharrte Georg.

„Auf die Pfennige käme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit,

die darf eben keinen Flecken haben; da muß sich einer rein halten, schon

als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum

soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich

erschwindeln kann, als auf fünf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird

auch das andere nicht können.“

Jetzt wurde es Georg ganz angst; er würde doch nicht später einmal so

etwas tun, wie es die Russen getan hatten?

„Gelt, dich drückt etwas,“ fragte die Mutter ihren Großen, der in

sichtlichem Unbehagen dastand, „hast was auf dem Gewissen, Georg?“

„Ja, fünf Pfennig vom Käs. Die waren übrig und ich hab mir Schokolade

dafür gekauft und schon gegessen, sonst möcht' ich sie gleich hergeben.“

„So, so!“ sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehörte

doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Während er sich so

besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, sodaß die erste Seite

wieder obenauf lag mit der großen, frohen Siegesnachricht über die

Russen. „Ja, ja,“ sagte er plötzlich und sah hell auf, „die Russen haben

wir besiegt; die ganze Russenart müssen wir unterkriegen; denn etwas

davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kämpfen dagegen an. Wir

sehen's jetzt im Krieg, wohin das führt. Ehrliche Deutsche wollen wir

sein, keinen Fünfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den

Büchsen, gelt du?“--„Ja, Vater!“--„Da drüben ziehen sie die Fahne auf!“

rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentüre. „Ja, Sieg über

die Russen und über die Russenart!“

Zu welcher Fahne?

Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit

des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt

Elsässer; auch seine Frau stammte aus dem Elsaß. In Straßburg hatten sie

ihren Hausstand gegründet, dort waren auch ihre beiden ältesten Kinder,

zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Später

war die Familie Kolmann nach Paris übergesiedelt, wo dem Manne eine gute

Stelle an einem großen Bankgeschäft angeboten war. Sie lebten nun seit

drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brüdern noch ein

Schwesterchen gekommen. Für die Elsässer war das Eingewöhnen in Paris

leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die französische Sprache

vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern französisch und jedermann,

der nicht näher mit ihnen bekannt war, hielt sie für Franzosen. Paul und

Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den französischen

Altersgenossen zur Schule.

Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli

und brachte schwere Sorgen und Überlegungen für viele Deutsche in Paris.

In dem Bankgeschäft, für das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge

Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wußten

sie doch, daß ihres Bleibens nicht mehr war, und daß sie jeden Tag ihre

Einberufung erwarten mußten. So verließen sie Frankreich noch vor dem

eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurück.

Der Direktor der Bank, für den die plötzliche Abreise mehrerer

Angestellter sehr störend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, daß er

darauf rechne, ihn, den Elsässer, zu behalten. Im Kriegsfall käme ja

Elsaß doch wieder an Frankreich. Die Elsässer würden alle gleich bei

Beginn des Kriegs zu den Franzosen übergehen; daran sei gar nicht zu

zweifeln.

Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und würde im

Kriegsfall einberufen werden.

„Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel,“ meinte der Direktor; „Sie

dürfen sich nur naturalisieren lassen, das heißt wieder Franzose werden.

Im übrigen ist ja immer noch Hoffnung, daß es nicht zum Krieg kommt; die

Gefahr kann auch wieder vorüber gehen. Einstweilen möchte ich Sie

ersuchen, möglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu übernehmen,

wofür ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde.“

Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschäft heim. Seine

drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen

Salon erwartete ihn seine Frau.

„Wie spät du heimkommst,“ klagte sie. „Das kann doch nicht so weiter

gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, daß du die Arbeit der

Herrn übernimmst, die abgereist sind.“--„Ich muß es ja nicht umsonst

tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten

Gehalt angeboten.“

„O wie fein!“ rief Frau Kolmann, „den doppelten Gehalt! Ja, dann werde

ich nicht murren, wenn du später von der Bank kommst; wir werden den

Abend um so vergnügter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins

Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?“--„Bitte, laß uns

nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich müde und gar nicht in

der Stimmung auszugehen.“

„Schade,“ sagte die junge Frau, „wie kann einer nicht in guter Stimmung

sein, wenn man ihm unvermutet einen so glänzenden Gehalt anbietet? Aber

ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht

wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Eßzimmer, der

Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und

auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich

gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie töricht sie waren,

so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewiß nicht, ich habe

es heute erst im Figaro gelesen.“

„Glaube den französischen Zeitungen nicht, sie lügen!“

„Aber nein, gewiß nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein:

der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg.

Auch der König von England versichert, er habe den ernsten Wunsch,

einen europäischen Krieg zu verhindern. Daß die Franzosen den Krieg

fürchten, wissen wir doch ganz gewiß und ebenso, daß die Deutschen nie

anfangen. Also, wie soll es einen europäischen Krieg geben? Komm, sei

nicht so schwarzsichtig, laß dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr

an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt.“

„Ja, wie geht es ihnen?“

Die Mutter erzählte nun fröhlich, daß die kleine Mimi, die einjährige,

schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zärtlich

seien mit dem kleinen Liebling. Über diesem Geplauder wurde auch der

Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.

Am nächsten Morgen machte sich Kolmann frühzeitig auf den Weg zur Bank.

Er wußte, daß viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von

Frau und Kindern mit den Worten: „Auf Wiedersehen um zwei Uhr.“ Zärtlich

küßte er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Frühstück saßen,

ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen

lockte. Sie wurde eben von der „Bonne“ in ein weißes Kleid gesteckt und

streckte verlangend dem Papa die Ärmchen entgegen. Nur einen Augenblick

hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der

Kinderfrau zurück und verließ eilends das Haus.--Er war noch keine

hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot:

„Es ist der Krieg!“ rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum

nächsten Vorübergehenden mit dem Ruf: „Es ist der Krieg!“

Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Händen das Blatt und las, daß

die Franzosen über die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen

eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg

erklärt.

Da wandte Kolmann seine Schritte zurück und nach wenigen Minuten war er

wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich

mit den beiden Knaben am Frühstück saß, und sagte auch nur die vier

Worte: „Es ist der Krieg!“ Sie griff nach dem Blatt, das er ihr

hinhielt. Sie las es. „Also wirklich?“ Nun mußte auch sie an den Krieg

glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Händen, Paul nahm es auf. Er las,

was mit großen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern

Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die großen Leute nun wohl

den Krieg führen würden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander

und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das französische

Dienstmädchen im Zimmer nebenan war. „Papa,“ fragte Paul--er redete

französisch--„Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die

Engländer halten zu uns, ist das wahr?“--„Zu uns?“ Der Vater sah seinen

Jungen an. Er hatte nie mit ihm darüber gesprochen, daß sie Elsässer und

also Deutsche waren, denn er wollte, daß seine Kinder sich ganz heimisch

und wohl fühlten unter den französischen Kameraden. Und jetzt, in dem

Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu

sprechen. „Bitte Papa, sage mir's!“ wiederholte Paul, „hält England zu

uns?“

„Franzosen, Engländer und Russen halten zusammen,“ sagte Herr Kolmann

ausweichend.--„Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder

haben die auch Freunde?“

„Ja, Österreich geht mit Deutschland.“

„Papa, wer wird's gewinnen?“

„Wir, Paul,“ sagte der Vater und er dachte dabei „wir Deutschen“, aber

er merkte wohl, daß Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er

forderte den jüngeren Bruder auf, mit ihm hinüber zu gehen ins

Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.

Die Eltern blieben allein zurück. „Paul meint, wir seien Franzosen,“

sagte Kolmann. „Das ist ja nur gut,“ entgegnete seine Frau, „Elsaß kommt

nun sicher wieder an Frankreich. Ich hörte es neulich erst sagen, ganz

Elsaß freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu

Frankreich übergehen.“

„Was man wünscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht,

und von all den Elsässern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben,

wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weißt du nicht mehr,

wie er begeistert war für das deutsche Heer? Meinst du, daß er überginge

zur französischen Fahne?“

„Der freilich nicht,“ sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fügte

sie hinzu: „Gottlob, daß du nicht in den Krieg mußt; es wäre ja

schrecklich, wenn man nicht wüßte, zu wem man halten sollte.“ In

sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.

„Was beunruhigt dich so?“ fragte sie teilnehmend.

Er schwieg.

„Sage es mir doch, lieber Freund,“ bat sie zärtlich.

Da blieb er vor ihr stehen. „Ich muß es dir ja freilich sagen, wenn du

es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine

dreißiger Jahre entheben mich der Militärpflicht. Mir bleibt nur die

Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann müssen wir

alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde

Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehören wir künftig der

französischen Nation an. Schon lange habe ich gefürchtet, daß ich einmal

vor diesen Entscheid gestellt würde, nun ist die Stunde gekommen.“

„Aber Liebster, wir können uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir

unser reizendes Heim, hier hast du eine glänzende Stellung; so bleiben

wir doch natürlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in

Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wäre doch zu töricht!“

„Ja, ja, ganz recht; es wäre töricht und für dich zu schwer,“ antwortete

er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.

„Unsere Großeltern waren noch Franzosen,“ sagte sie, „so können wir es

doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?“

„O nichts,“ sagte er bitter, „nichts als das, daß ich als Soldat zur

deutschen Fahne geschworen habe. Und daß es mir ein sonderbares Gefühl

ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu

brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer

rüstet, dem ich als junger Mann angehört habe mit Leib und Seele. Es ist

das schönste, beste Heer mit seinen prächtigen Offizieren und seinem

edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui!

All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich

hielt und den ich verehrte--alle dürften mir zurufen: Pfui!“--

Charlotte stand ergriffen.

In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten

Köpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: „Mama, wir sind schon in Berlin

gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir

gefangen, dem soll es schlecht gehen!“

„Schweigt!“ rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ältesten

eine Ohrfeige. Sehr bestürzt über diese ganz ungewohnte Behandlung

verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Tränen.

„Verzeih,“ sagte der Mann, „ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht

hören, daß meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am

besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!“

Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur

noch bitterlicher. Begütigend sagte er: „Ich werde Paul noch ein

freundliches Wort sagen, ich weiß ja, er hat die Ohrfeige nicht

verdient. Du mußt nicht mehr darüber weinen!“

„Ach, das ist's nicht,“ sagte sie schluchzend, „aber geh nur jetzt, wir

können ja mittags alles besprechen.“

Da verlief er das Haus, ging durch die Straßen zwischen der aufgeregten

Menge hindurch, hörte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der

Bank ein großes Gedränge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr

Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hörte,

wie er die Ängstlichen zu beruhigen suchte. Sein spätes Kommen mußte dem

Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser

Beamte möchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte,

es sei doch gut gewesen, daß er ihm schon gestern doppelten Gehalt

angeboten hatte. So etwas schlägt keiner aus--meinte der Direktor.

Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre

Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und fröhlich wie

sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, daß

sie möglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der

Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich

nachdenken zu können. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann

überlassen; er hatte alles für die Familie aufs beste eingerichtet und

jederzeit gewußt, was geschehen mußte. Nur heute nicht. Es war ihr

ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die

Ohrfeige, die kam doch nur daher, daß er es nicht ertragen konnte, wenn

sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen

auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinüber zum deutschen Heer.

Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten!

Bei dem bloßen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Füßen.

Während sie so in der Stille darüber nachdachte, glaubte sie im

Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hören. Aber der war doch wohl fort

mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem großen Tisch stand Paul

ganz allein, eifrig beschäftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute

Befehle gab.

„Mama,“ sagte er, „die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich

ganz still im Zimmer spielen würde. Sie meinte, es werde dir schon recht

sein, und wir wollten dich nicht stören. Mama, warum bist du so traurig,

und warum ist Papa auch nicht wie sonst?“

„Das kommt vom Krieg, Kind.“

„Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil

wir alle Deutsch könnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien

Elsässer. Wie ist das eigentlich?“

„Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darüber.“

„Das will ich auch nicht, nur wissen möchte ich es, Mama. Sieh, da

stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elsässer

habe, wohin muß ich sie stellen?“

Er sah auf und wunderte sich, daß die Mutter keine Antwort gab. „Bitte,

sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe.

Sieh, da ist unsere französische Fahne und hier die schwarzweiß-rote,

das ist die deutsche. Zu welcher gehören die Elsässer?“

Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von außen Hilfe. Es

klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der

anfragte, ob er sie in so früher Morgenstunde einen Augenblick sprechen

könnte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. „Ich

wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen,“ sagte Herr Frank.

„Meine Frau läßt Sie herzlich grüßen, sie hat alle Hände voll zu tun.

Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem

Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tückisch

fallen die Feinde von allen Seiten über Deutschland her! In Lug und Trug

sind sie verbündet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird

zurückbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen

Sie?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Frau Kolmann; „vielleicht--ich weiß nicht; was

macht Ihre Frau?“

„Meine Frau drängt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr

sehen, ihnen kein Wort gönnen.“

„Aber was wird aus Ihrem Geschäft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit

Ihren Kindern?“

„Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn

das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, daß wir nach

Deutschland müssen, und wenn es auch nur wäre, um mit ihm zu leiden. Ihr

Mann denkt sicher ebenso. Ich muß gehen, grüßen Sie ihn. Wir treffen uns

unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen für alle

Freundschaft. Vielleicht führt uns das Leben noch einmal zusammen im

stolzen, sieggekrönten Vaterland!“ Er drückte ihr die Hand zum Abschied

und ging.

Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurückgelassen,

einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfüllte und ihr,

der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie groß war das, zu sagen:

Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte

sich geschämt, dem Freund nur auszusprechen, daß sie daran dächte, in

Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr müßte ihr Mann sich schämen, er, der

Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen

zurückbleiben! Alle Unsicherheit und Schwäche war von ihr gewichen.

Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurück.

„Nun, Paul,“ sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, „was wolltest

du wissen? Wohin die Elsässer gehören? Zu den _Deutschen_ gehören sie,

das mußt du doch wissen! Wir sind Elsässer und Elsaß gehört zu

Deutschland.“

„So?“ sagte der Knabe nachdenklich, „ja, dann muß ich alles anders

aufstellen; dann müssen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und

müssen oben stehen, damit sie siegen können!“

„Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird

ihn freuen.“

„Das hättest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den

Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekämpft und zu den Franzosen

gehalten.“

„Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!“

* * * * *

Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine

entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen

verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen,

wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In

aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit

verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.

Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elsässer, die nicht,

wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich übertreten wollten,

wandte sich der größte Haß der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den

Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die

Miete fürs ganze Jahr; die Köchin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte

ihren Lohn und verließ sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich,

Speisen abzugeben, und der Gepäckträger kehrte den Rücken, als er

aufgefordert wurde, das Gepäck zu besorgen. Die Leute aus dem

Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.

Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die

Achseln und erklärten, sie könnten nichts machen. Auf dem deutschen

Konsulat waren alle Räume überfüllt mit ausgewiesen Deutschen, denen das

Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Mädchen, die Schutz suchten. Da

sagte sich Kolmann: „Hilf dir selbst!“ Mit viel Geld, mit guten und

bösen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, daß er am nächsten

Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die

Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.

Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar

in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedränge, bei der

boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, daß,

während die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul

weggestoßen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich

in Bewegung setzte. Niemand kümmerte sich um den Jammer der

Zurückbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei:

„Mein Kind, mein Kind!“, der aus dem Wagen drang, in dem die Familie

Kolmann davon fuhr. Sie wußten nicht, war ihr geliebtes Kind überfahren

oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.

Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Möglichkeit,

irgend etwas zu tun für das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter,

kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfügung, feindselig waren alle

Einrichtungen; es war Krieg.

Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine

Mitreisende, ein junges deutsches Mädchen, das in einem der hintersten

Wagen gewesen, drängte sich allmählich vor und fragte in jedem Wagen:

„Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?“ Schließlich kam

sie mit der Frage in den richtigen Wagen. „Ja, ja!“ riefen Pauls Eltern

wie aus einem Mund. „Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich vom Fenster aus

gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte,

aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte.“ Frau

Kolmann stürzten die Tränen aus den Augen: „Aber verloren ist er!“

schluchzte sie laut. „Ich sah noch,“ fuhr das Fräulein fort, „daß eine

Frau, es schien mir eine einfache deutsche Bürgersfrau, die mit ihren

kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn

mütterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen

und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost

sagen.“--„Danke, danke!“ Frau Kolmann konnte nichts weiter

hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden über ihre

Tränen. Es war doch schon ein Trost für die Eltern, daß sie wußten, ihr

Kind war nicht unter die Räder gekommen, und sie hielten das Bild fest,

wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er

wirklich nach Deutschland, so würden Eltern und Kind sich auf allen

Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.

Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug

durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert,

was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen

Trunk Wasser, keinen Schluck Milch für die kleinen, schreienden Kinder

konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie

vom Pöbel beschimpft, ohne daß es irgend einem Beamten eingefallen wäre,

die Wehrlosen zu schützen.

Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehässig zeigte. So

Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, daß sie

Paris den Rücken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen

werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam

behandelte!

Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze

gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort mußten alle aussteigen und von

da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepäck

vollends hinüber kämen.

Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat

ihnen deutsche Herzensgüte entgegen. Man hatte den Strom der

Vertriebenen erwartet und für die Nacht Unterkunft bereitet. Männer und

Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen,

standen bereit, sie zu empfangen. Den todmüden Müttern wurden die Kinder

abgenommen und mit warmer Milch gelabt, für die Erwachsenen waren

Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es

auch waren, alle bekamen Obdach und Lager für die Nacht. Manche waren zu

Tränen gerührt über diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr

wiedergewonnenes deutsches Vaterland!

* * * * *

Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straßburg

eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon

in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren müssen. Er brachte seine

Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war

er daheim. Unermüdlich waren in dieser Zeit seine Bemühungen, durch

Anfragen bei Behörden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen über das

verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen.

Bahn, Post und Telegraph waren fast nur für das Militär zu haben und

auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch

nehmen. Schon waren große Schlachten geschlagen und viele Opfer

gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das

Wort „vermißt“ vor. Wie konnte man verlangen, daß alle sich bemühen

sollten, nach dem einen kleinen Vermißten zu forschen?

Das große Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und

tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im

verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen

sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus

dem großen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; für die kurze Zeit, die

sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine

Häuslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam,

nach den glänzenden Pariser Verhältnissen. Sie waren glücklich,

beisammen zu sein, aber im stillen fürchteten sie beide den Tag, an dem

sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzähligen

derselbe Abschied bevorstand, so fühlten sie, daß es ihnen schwerer

wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief

bedrückte.

Eines Abends saßen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder

schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke störte die Stille. „Wer

kommt so spät noch?“ Herr Kolmann ging zu öffnen. Ein Briefträger stand

außen. „Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint,

es könnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen.“ Der Bote

ging.

„Gewiß eine erfreuliche Kriegsnachricht,“ sagte Kolmann, indem er sich

wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: „Auf

Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt

eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die

Kriegswirren--namentlich in Ostpreußen und im Elsaß--von ihren

Angehörigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach

solchen suchen.“

Es folgte eine Liste. Sie begann:

„Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz

in Berlin, Passauerstraße 6.“

„Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer

Gullasch in Heinrichswalde.“

„Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im

Elsaß.“

„Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von

Grau Donalus, Fasanenstraße.“

„Dienstmädchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Mühlhausen im

Elsaß.“

So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.

„Ja,“ sagte Herr Kolmann, indem er die Liste überflog, „an diese Zeitung

wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben.“ Er stand auf, das

Schreibzeug zu holen.

Im selben Augenblick stieß seine Frau einen Schrei aus: „Liebster, höre

nur: ‚Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm,

Walfischgasse 3, bei Frau Peter.‘ Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr?

Herzensmann, lies!“

Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus

den wenigen Worten herausfanden, daß ihr geliebtes Kind wieder gefunden

war. „Er sucht uns!“ rief Frau Kolmann bewegt, „‚gesucht von ihrem Sohn‘

heißt es. Wer hat ihm nur geholfen, daß er diesen Ausweg fand? O diese

Frau Peter, die möchte ich in Gold fassen! Wäre nur schon die Nacht

vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?“

„Zuerst telegraphieren, morgen in aller Frühe!“

Am nächsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die

Eltern, daß Paul gesund sei und gleich abreisen würde; ihn abzuholen,

sei unnötig.

„Also wird ihn Frau Peter bringen,“ schloß Frau Kolmann, „denn allein

kann das Kind doch nicht reisen.“

Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon

abgereist.

Die Züge gingen so unregelmäßig, man wußte nie, wann einer kam.

Aber Frau Kolmann machte unermüdlich mit ihren zwei Kindern den Gang an

die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein

Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und küßte

sie, lachte vor Glück und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Kuß,

hob die Kleine auf den Arm und rief: „Ich kann sie ganz nach Hause

tragen. Unseren Kleinen, weißt du, den von Frau Peter, habe ich auch

immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama,

in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Nähmaschine, da kann Frau

Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser.“

„War sie gut, die Frau Peter?“

„O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf

niemand hinüber, der nicht auf dem Paß genannt ist. Da hat sie mich

Johann genannt, weil so ihr Kleiner heißt und auf dem Paß stand. Der

Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur

ein Kind auf dem Paß. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade

mörderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn

angefahren: „So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!“ Da ist

der Beamte ordentlich zurückgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe

so lachen müssen, daß ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach

Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns

angenommen und uns ein Stübchen und Arbeit verschafft. Für mich hätte

sie eine Familie gewußt, die mich aufgenommen hätte, aber Frau Peter und

ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige

in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen.“

Immerzu erzählte Paul; sein Herz war übervoll von all den Erlebnissen.

Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er

die Zimmer, die ihm schön und groß vorkamen. Darüber mußte sich sein

Bruder Emil wundern. „Uns gefällt es gar nicht“; sagte er, „wir haben

doch in Paris eine schönere Wohnung gehabt!“

Aber Paul ließ sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschön vor, und

die Mutter war froh darüber. Sie merkte es aus allem: in großer Armut

hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet,

im Gegenteil.

Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer

als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der

Vater zog ihn so warm an sein Herz, daß die alte Vertraulichkeit gleich

wieder da war.

„Der Papa geht jetzt in den Krieg,“ erklärte Emil.

„Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die

Mama so grob gestoßen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden

geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat

gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Straßburg reisen--es tue mir

niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir

hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weißt du, die

Nähmaschine haben wir natürlich nicht gleich ganz bezahlen müssen, die

muß monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau

Peter nicht etwas schicken?“

„Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?“ fragte der Vater lächelnd.

Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: „Fünfzig Mark! Aber wenn du ihr

zehn schicken könntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!“

„Wir schicken ihr fünfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie

für deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau

reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch später nie vergessen.“

Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glück an diesem

Abend.

Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie

wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglückendes

Wiedersehen folgen?

Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander.

Der kleine Franzos.

Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es

gar schnell auf den großen Straßen, die nach Paris führen, vorwärts.

Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf

unsere Hauptstädte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land

eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen mußten, wie

unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze französische

Bevölkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfaßt. Männer und

Frauen ließen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der

Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen

sie heimtückisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Häusern

heraus.

Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in

ein Dorf einzögen, dürfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner

sollten sich hüten und wenn künftig nur auch _ein_ Schuß fiele, so würde

das ganze Dorf verbrannt.

Aber die Wut und der Haß waren zu groß; auch glaubten die Leute nicht,

daß unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Männer, die keine Waffen

trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein würden. Man

hatte ihnen so viel vorgelogen, daß sie meinten, die Deutschen seien

grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, daß sie wie Meuchelmörder

aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben

die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schießen, und das

geschah.

So kam es, daß eine ganze Anzahl von Dörfern niederbrannten. Viele der

Bewohner flüchteten in die nächsten Orte und erzählten dort die

Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzählten sie nicht, daß sie

selbst an diesem Unglück schuld waren. So wurde die Angst vor den

Deutschen und der Haß gegen sie immer größer.

Ein großes Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde

auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem

geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Häusern rings

herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am

Abend ein; aber sie ließen auch die französischen Familien ruhig in

ihren Häusern.

So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten

einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa

neunjährigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus

und war artig gegen seine Großeltern. „Komm doch einmal her zu mir!“

rief der Offizier, der beim Frühstück saß, in französischer Sprache dem

Jungen zu.

Ohne Scheu folgte der Knabe.

„Wie heißt du denn?“--„Pierre“.

„Bist du immer bei den Großeltern?“

„Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen

Eltern im nächsten Dorf; dort ist keine Schule.“

„So; komm einmal mit mir, Pierre, und führe mich in die Schule!“

Ängstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers

hinausgehen. Unter der Türe blickte der Kleine noch einmal zurück und

rief: „Keine Angst, gute Großmama!“ Die Straßen waren noch von Rauch und

Brandgeruch erfüllt; im untern Teil des Dorfes glühten noch die

Brandstätten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei führte der Knabe

den Leutnant zum Schulhaus. Die Türe stand offen. Sie gingen hinein.

Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: „Das

ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hieß:

„Die Ulanen kommen!“

„Dann seid ihr alle ausgerissen.“--„Ja.“

Der Offizier ging zu der großen Schultafel, die vorn beim Fenster war.

Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier

nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem französischen

Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er

mit großer Schrift in französischer Sprache an: Die deutschen Soldaten

tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die

deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird.

„So, kannst du das lesen?“

„Ja, gut!“ sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das

Geschriebene vor.

„Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und daß sie

kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, daß es wahr

ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns

schoß? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz

gut Freunde?“ Er streckte dem Bürschchen die Hand hin. Es hat verstanden

und schlug ein. „Nun so spring, kleiner Kamerad.“ Der Knabe rannte davon

und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute mußten die

Schrift lesen.

Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militär zu warten, am

nächsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der

Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der

kleine Pierre vorausgeeilt in das Dörfchen, wo seine Eltern lebten. Es

lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der großen Straße, aber

nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der

Soldaten sich dorthin wenden würde? Er ließ sich nicht von den

ängstlichen Großeltern zurückhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er

wollte warnen.

Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Dörfern, war schon in

das abgelegene Örtchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten

waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen.

Die einzige Hoffnung war, daß die Flut nicht bis in das Seitental

dringen möchte!

Unwillkürlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre

Felder bestellten, unzählige Male nach dem Weg hinunter, der von der

großen Straße ab zu ihnen führte und beruhigt waren sie, daß sie keinen

Menschen sahen.

Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber

einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der

sich vorwärts bewegte und der allmählich größer wurde. Da hielten sie an

mit der Arbeit.

„Nur ein Kind,“ meinte jetzt einer.

„_Unser Kind_,“ sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie

erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten,

zu: „Pierre kommt und wie er läuft und winkt! Er hat etwas zu sagen.

Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!“

Da legten sie alle ihr Geräte aus der Hand und gingen dem Knaben

entgegen.

Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten,

was er zu Berichten wußte. Daß das untere Dorf in Brand geschossen war

und viele Menschen dabei umgekommen seien.

Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hörten ihn nicht ganz

an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts

wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wußte doch, wie man es

machen mußte, damit die Häuser nicht verbrannt wurden, und war deshalb

in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, daß er noch glühte und kaum

Atem fand.

Nun jammerten die Weiber: „Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?“

Die Männer waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand

dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stieß wilde, drohende Flüche aus

gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus

dem Heuschober an der Straße wollte er sie niederknallen.

„Ja, ja, holt eure Büchsen,“ schrieen die Frauen.

„Ich hole die von meinem Mann!“ rief Pierre's Mutter und alle liefen in

ihre Häuser.

Wären die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es wäre vielleicht einer

von ihnen getroffen worden, und ganz gewiß wären die Bauernhöfe mitsamt

ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glück zeigten sich

noch keine Deutschen und allmählich beruhigten sich die Leute ein wenig.

Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da

griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Händen und flehte sie an:

„Mutter, ich schwöre dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts,

wenn ihr nicht schießt! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben

sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch

selbst dabei, wie es der Offizier an die große Schultafel geschrieben

hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch

gefrühstückt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz

allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen.“

„Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes!

Hört man doch immer, daß sie die Kinder aufspießen, die Unmenschen!“ Da

stampfte der Bub zornig auf den Boden. „Es sind keine Unmenschen, es

ist verlogen! Aber natürlich, wenn ihr schießt, dann können wir alle

braten in den Flammen unserer Häuser!“

Jetzt staunte die Mutter über ihren Buben und sie legte die Pistole weg.

„Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?“

„Sie haben mich ja nicht hören wollen, haben alle

zusammengeschrieen.“--„So komm mit, Pierre, komm, du mußt es ihnen allen

erzählen; mach schnell, schnell, daß sie's hören, ehe die Deutschen

kommen.“

Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen

auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der

Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespießt

worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen könne,

sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: „Da unten kommen sie!“

Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf.

Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich führten.

Wie gebannt standen die Leute; wußten nicht, sollten sie davonlaufen

oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Nähe, Felder und

Wiesen ringsum.

Als die Feinde näher kamen, zogen sie sich alle in das nächste große

Bauernhaus zurück und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen

würde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Plötzlich rief der

Knabe: „Seht ihr den großen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich

gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet

französisch. Dem kann man gleich sagen, daß von uns niemand auf ihn

schießt. Sagst du es ihm, Mutter?“

„Wie werde ich den Offizier anreden, ich fürchte mich zu Tode, wenn er

kommt!“

„Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!“ Und

richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen.

Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr

erstaunt sein, daß hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt

von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant

erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an

und führte ihn an der Hand.

Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen

Leuten die Bekanntschaft erklärte und ahnte nicht, daß er sagte:

„Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen

Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne

haben, werden sie schwerlich auf uns schießen.“

Nun kamen sie den Häusern ganz nahe. „Dort ist meine Mutter,“ sagte

Pierre und vom Haus aus sahen alle die Geängstigten, daß Pierre den

Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.

„Bleib bei mir, kleiner Freund,“ rief der Leutnant und hielt den Knaben

fest. Da sah dieser betroffen auf.

„Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber

bis ich das weiß, mußt du bei mir bleiben.“

Das kluge Bürschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wußte er doch

selbst, daß dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine mußte den

großen Offizier schützen.

Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein,

gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentüre auf, sah vor sich ein

paar Männer und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen

zu schreien, wie wenn sie schon am Spieß steckten.

Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: „Wir kommen nicht

als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekrümmt, wenn ihr nicht

feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht,

wird sofort auf euch geschossen und die Häuser verbrannt!“

Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort:

„Mein Kleiner hat uns schon gesagt, daß der Herr so gut ist und niemand

wird etwas Feindseliges tun.“--„Nein, niemand,“ betätigte der Chor der

Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den

bösen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. „Die

Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!“ Die Weiber kreischten auf vor

Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch

gelegt und lächelnd entschuldigte er sich: „Pardon, es war nur Zufall,

ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben

seine Waffe bei der Hand!“

Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig

zu dem Buckligen: „Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis

wir fertig sind.“ Ein Wink und die Soldaten führten den Buckligen ab.

„Hände hoch!“ befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Hände

hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich.

„Es ist gut,“ sagte der Offizier und ließ seinen kleinen Kameraden frei.

Dann erklärte er den Leuten in freundlichem Ton, daß er gekommen sei,

bei ihnen Lebensmittel einzukaufen für die Soldaten. Sie sollten nun

alle aus ihren Häusern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemüsen,

Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren könnten und sollten

es an den Wagen bringen. Es würde alles gut bezahlt werden, was sie

freiwillig brächten; nur wer nichts brächte, dem würden seine Leute

nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog

seine Mutter mit sich und trieb sie an, sodaß sie die ersten waren, die

einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie

„sein“ Offizier alles bar zahlte. Allmählich kamen aus allen Häusern die

Frauen mit Vorräten und füllten den Wagen. Auch aus dem Haus des

Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang

zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den

Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen mußten. Er aber

wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er

seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: „Noch mehr, bringe noch

dies und das!“ Die leerte Küche und Speisekammer, aber ihr allein wurde

nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft

verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen

hatten, von den Leuten.

Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte

ihnen noch während sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Büchse

besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von

diesen noch einmal in das Haus zurück, suchten, machten da und dort eine

Türe auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.

„Hier,“ riefen sie, „hieher bringt ihn!“ Der Bucklige wurde

hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer

Getreidekammer ohne Fenster. „Hier nehmen Sie Platz,“ sagte der

Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glücklich, daß er nicht, wie

gefürchtet, fortgeführt wurde. Die Kammertüre hatte ein großes, schweres

Schloß, der Offizier schloß zu und schob den Schlüssel ein. „So,

Pierre,“ sagte er, „du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und

dann darfst du den Schlüssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder

befreien!“

Da lachte Pierre laut auf vor Vergnügen, denn er hatte einen Grimm auf

den Buckligen wegen der Pistole.

Fröhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den

Proviantwagen, hatten ihren Spaß mit ihm, und fragten sich: wie es wohl

ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wäre? Und die von oben sahen

dem Zug nach und dachten: Wer weiß, ob wir nicht alle dem Kleinen unser

Leben verdanken?

In Gefangenschaft.

Als in die Familie des Buchhändlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg

kam, da wußten Vater und Mutter, daß ihre beiden Söhne Lutz und Wilhelm

sofort mit mußten. Denn der eine stand eben beim Militär, der andere

hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, kräftige Leute; wenn

die nicht ausziehen würden, wer dann? Darüber war also kein Zweifel! Es

galt nur, so schnell wie möglich alles zu bedenken und zuzurüsten, was

die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermüdlich tätig und

Anna, die 14jährige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre

beiden Brüder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von

allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den

ganzen Tag in seinem Geschäft, einer großen Buchhandlung, tätig war, kam

nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen

Söhnen zu sein; er nannte sie immer noch „seine Buben“, obwohl sie ihm

beide über den Kopf gewachsen waren. Die tüchtigen, jungen Burschen

waren sein Stolz und seine Freude.

Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklärung.

Wohl wußten sie: der Krieg ist ein Unglück; aber daß er gerade _jetzt_

ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhörtes

Glück! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstürmten, das Vaterland

schützen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche

Aufgabe, keine großartigere konnte das Leben bringen.

Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; für Vater,

Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem

großen Begeisterungssturm dahin.

Und dann wurde es plötzlich still; der erste Abend ohne die Brüder! Die

waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wußte man nicht.

Aber die Zurückgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der

Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzählte jetzt mehr von

seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.

„So glänzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen,“ sagte er. Aber

siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrücken der Truppe vergangen,

da verkündete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die

Festung Lüttich erobert!_

Das war ein glänzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil

daran. Bald kam ein Brief voll Glück und Stolz: „Ich bin in Lüttich

dabei gewesen und habe mitgekämpft! Ihr habt gewiß in der Zeitung

gelesen von dem Riesengeschütz, der „fleißigen Berta“, womit wir so

schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr könnt Euch nicht

vorstellen, was das für ein Höllenlärm ist, wenn unser großer Brummer

loslegt und wie der Boden wankt von der Erschütterung. Und ist es nicht

großartig, daß niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschütz? Ganz im

geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit

überrascht worden. Es ging aber heiß her und es waren schwere Gefechte,

bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann

aber war's schön! Anna, einmal hätte ich dich hergewünscht, du hättest

gelacht, wenn du gesehen hättest, wie ein paar von uns eine

schwarz-weiß-rote Flagge zusammen nähten, denn es war keine bei der

Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stück aus einer schnell

zerschnittenen belgischen Hose, zum weißen ein Handtuch, der rote fiel

etwas dünn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten

Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt

wurde. Es kann nichts Schöneres geben, als nach hartem Kampf eine

deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts

voneinander. Grüßt ihn.“

Kaum zwei Wochen später läuteten wieder die Siegesglocken in der Stadt,

und von Mund zu Mund ging's: _Großer Sieg in Lothringen_, 10000

Franzosen gefangen, 50 Geschütze erobert. Diesmal war es Lutz, der

jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, daß er den

Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: „Von all

den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon

lesen und hören. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als

mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und

nichts Beglückenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den

Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem

obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hören. Wohin wir jetzt

kommen, weiß ich nicht.“--

Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den

beiden Brüdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim!

Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo

schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit

Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im

Geschäft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Söhne und suchte

doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen

durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend:

Nichts gefunden.

Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschäftigt für

jeden der Brüder ein Päckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der

Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.

Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. „Was ist's?“ „Keine

Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermißt.“ Und

er fügte hinzu: „Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr

werdet euch erinnern, daß erst kürzlich in einem Artikel ausgeführt

wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer

Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschließen, weil sie

nicht gleich die Möglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurückzukehren.“

„Ja,“ sagte Anna, „bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so,

weißt du noch, Mutter?“ Vater und Tochter hatten dasselbe Gefühl: sie

wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das

zitterte aber so sehr in ihren Händen, daß sie nicht lesen konnte. Sie

legte es weg. „Setze dich, Mutter!“ Anna schob ihr einen Stuhl hin; die

Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: „Bleibe noch ein

wenig oben bei uns, es ist so schwer!“

Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den

langen, schweren Zeiten der Ungewißheit, die nun folgte. Gegenseitig

machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.

Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: „Wochenlang

habe ich nichts von euch gehört, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post

hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu

vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben für unser Regiment. Warme,

saubere Hemden! Ihr wißt nicht, was das für eine Wonne ist! Ich und fünf

Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weißen,

spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten

Villa eines verwüsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in

Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwäsche, in Zigarren und

Würsten und sagen tausend Dank für alle Liebesgaben. Was wißt ihr von

Lutz?“

Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf;

er hatte einen Brief in der Hand. „Von Lutz,“ sagte er; aber es klang

nicht fröhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und

Tochter antwortete er: „Er ist gesund, aber gefangen ist er!“--„Also

doch, o Gott, gefangen!“ rief die Mutter.--„Aber er lebt doch und ist

gesund,“ tröstete Anna; „bitte, Vater, lies seinen Brief vor!“

„Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und

deshalb ist er in einem unnatürlich gezwungenen Ton geschrieben; manches

ist wunderlich.“ Er las vor: „Liebe Eltern! Ich bin gefangen in

Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe über nichts zu klagen und

bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die außen auf dem Brief

angegeben sein wird. Ich wüßte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es

ist hier eine schöne Gegend und wärmer als bei uns. Ich grüße Euch alle.

Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz

Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir grüßen. Hebt auch

für meine Markensammlung die französischen Marken gut auf. Euer treuer

Sohn und Bruder Lutz.“

Sie sahen sich alle drei betroffen an. „Der Brief ist gar nicht von

Lutz!“ rief Anna. „Die Leute, die wir grüßen sollen, kennen wir ja gar

nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz.“--„Ja, es ist

ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewöhnliche Marken für

seine Sammlung wollen. Es sind vier Fünfcentimes-Marken.“--„Aber doch

fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darüber

kann doch kein Zweifel sein.“

„Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht.“

Sie schwiegen alle drei und grübelten über den merkwürdigen Brief. Da

leuchtete es plötzlich in Annas Gesicht auf: „Darf ich den Umschlag

haben, Vater? Ich möchte die Marken ablösen.“

„Warum?“

„Er möchte sie doch haben!“--„Da nimm!“

Mit großer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken

fingen an sich zu lösen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.

„Da steht etwas geschrieben,“ rief sie, „ich habe mir's doch

gedacht!“--„Nur sachte, sachte!“

Alle drei waren in höchster Spannung, bis die vier Marken glücklich

gelöst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit

spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:

Dürfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir

sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden fürs

Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Fröhliches Wiedersehen im

Frieden.

Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder

wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief

bewegt.

„Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte plötzlich Anna lebhaft,

ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja,

ich soll seine Grüße ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel

Valentin und die andern Herrschaften grüßen, die doch gar nicht

existieren? Das bedeutet etwas. Die Brüder und ich haben ja früher zum

Spaß oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas

herausbringen!“

Da saß sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach über die

geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben

zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz

_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben

das Wort: Provence. „In der Provence ist er,“ rief sie triumphierend und

sie lachte fröhlich, wie in der glücklichen Zeit, wo sie mit den Brüdern

ihren Spaß gehabt hatte. „Mutter,“ sagte sie, „du darfst dich nicht zu

arg bekümmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er hätte doch ebensogut

einfache Namen wählen können. Aber das hat ihm nun gerade Spaß gemacht,

und ich kann mir denken, wie er gelacht hat über den Pater, die

Excellenz und gar über das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen

schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben.“

So kam es, daß Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der

Gefangenschaft wußten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen

Wochen der Unsicherheit. Sie wußten nun doch, wo sie mit ihren treuen

Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt

wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben;

manchem, der fürs Vaterland in den Krieg zieht, fällt dies traurige Los.

Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, möchte es

auch das Schwerste sein, willig muß es ertragen werden.

Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein

großer Transport von französischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief,

sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgeführt

wurden auf den Schießberg, wo große hölzerne Baracken für sie errichtet

und mit starkem Stacheldraht umzäunt waren.

Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die

Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie mußten dabei zu

schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie

nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden

Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haßerfüllt mit

feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.

Dennoch beschäftigten sich die Gedanken des Buchhändlers immer mit den

Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte

sich nicht entschließen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das

seiner Frau sehr schwer fallen würde, und sie hatte doch schon so viel

zu tragen.

Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein

Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen

in ihnen noch nach: „_Helfen_, wo wir irgend helfen können, _tragen_,

was immer uns auferlegt sein mag.“ Da fand Herr Schreiber den Mut,

seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, während er sie

am Arm durch die dunkelnden Straßen führte: „Pauline, wenn du noch etwas

mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so könnte

ich noch etwas _helfen_.“

Auch sie war noch erfüllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehört

hatte. „Natürlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend können.

Was meinst du?“--„Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner

Jahre noch brauchen könnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und

ich bekam den Bescheid, daß dies bei meiner früheren militärischen

Stellung wohl sein könnte und daß meine gute Kenntnis der französischen

Sprache hierfür wertvoll wäre. So würden sie mich also wieder in Uniform

stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also müßtest du auch

deinen Mann noch hergeben.“

„Könntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?“

„Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten

bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, daß ich mit meinem

Dienst bei französischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen

kann. Unter den französischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in

ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einfluß ausüben,

sogar während der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen.

Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflößen durch gerechte

Behandlung und ihnen ein besseres Verständnis für deutsche Art

beizubringen, so könnte das guten Einfluß ausüben auf die Behandlung

unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmöglich?“

„Ich nicht, ich gewiß nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann

die Gefangenen gut.“

„Gut, was heißt gut? Neulich erzählte mir jemand, daß elf französische

gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt

worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern

unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt

worden, sonst hätten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist

aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lächerlich und

verächtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem

Charakter auftritt, kann _die_ Güte zeigen, die nicht mißbraucht wird.“

Da erwiderte seine Frau nachdenklich: „Ja, ich glaube, daß dir das

gelingen würde; du könntest da Gutes wirken. Du _könntest_ nicht, du

kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurück, zu helfen, ich

will die Trennung tragen.“

„An der tragen wir beide gleich schwer,“ sagte der Mann und fühlte, wie

weh ihm der Abschied tun würde, den er doch freiwillig auf sich nahm.

Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die

große Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum

ersten Male zu zweien am Tisch saßen und ihre Vereinsamung so recht

schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete:

„Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim.“

Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll Überraschungen ist der Krieg!

Kriegsbüchlein für unsere Kinder · 第 8 / 14 题