„Ist das ein köstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut,
wie wollen wir die vier Wochen genießen!“ Frau Lißmann stand auf der
Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen
österreichischen Dörfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jüngsten
Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von
zehn und ein Mädchen von zwölf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine
Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frühjahr Scharlachfieber gehabt
und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die
Pflege. So hatte Herr Lißmann, der in München Lehrer an einer
Kunstschule war, für diese drei Glieder seiner Familie einen stillen
Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewählt. Er selbst hatte Ende
Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ältester Sohn Ludwig
war in Passau, wo er sein Einjährigenjahr abdiente. Es blieb noch
Philipp, der siebzehnjährige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wäre
wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er
war ein etwas leichtsinniger Schüler und hatte im Schuljahr so wenig
gearbeitet, daß er in den Ferien lernen mußte. So übergaben ihn die
Eltern einem Lehrer, der alljährlich eine Anzahl Ferienschüler aufnahm,
und Philipp mußte sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach
Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!
Wieviel hatten all diese Pläne zu überlegen gegeben, und welche Mühe war
es gewesen, für die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles
Nötige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die große
Wohnung abzuschließen und alles gut zu versorgen für die lange
Ferienzeit! Kein Wunder, daß Frau Lißmann jetzt, nachdem all das hinter
ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.
„Herrlich ist's!“
Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die
Altane getreten. Wie schön war's, die Mutter für sich zu haben, die
Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglückt in die schöne
Landschaft hinausschaute.
Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem
Dörfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen,
konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermißten unsere
Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den
Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Örtchen,
in das nur zweimal wöchentlich ein Postbote kam.
Eines Morgens brach die Sonne durch, wärmte, trocknete und vertrieb die
Nebel. Die bisher verhüllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen
Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch für den nächsten Tag
ein großer Ausflug geplant, und am frühen Morgen brachen sie auf, die
Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstöcken bewaffnet, mit Rucksäcken
versehen. Ihr Ziel war der Bergpaß, von dem aus man hinübersehen konnte
in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fußgänger machten das leicht
in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen
und auf der Paßhöhe übernachten, wo eine einfache Unterkunft für
Sommergäste war und von wo aus sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang
sehen konnten. „Wenn es uns gar zu gut gefällt dort oben, bleiben wir
vielleicht zweimal über Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns,“ sagte
die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Bäuerin, bei der sie
wohnten.
Wie war das schön für unsere drei Sommerfrischler, auf dem
Bergsträßchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal,
immer näher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man
auch andere Wanderer, die den schönen Tag benützten. Gegen Mittag wurde
im Freien getafelt und nach einer längeren Rast ging es mit frischen
Kräften vorwärts. Die Straße wurde steiler, der Anstieg mühsamer. „Nur
sachte voran,“ mahnte die Mutter, „wir haben viel Zeit vor uns. Schaut
euch um, es wird immer schöner.“
Je höher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und
plötzlich--die Paßhöhe war erreicht--leuchtete das große Schneefeld des
Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der
Unterkunftshütte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.
So großartig und erhebend war der Anblick, daß sie wie aus _einem_ Mund
riefen: „Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder
herunter!“
Und so kam es auch. Als einzige Gäste der munteren Sennerin, die allein
die Hütte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen,
friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene
Gebirgswelt, nichts zu hören von dem, was tief unter ihnen die Menschen
in ihren Städten beschäftigte.
Am dritten Tag umwölkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhüllt,
das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an,
und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere für die
nächsten Wochen.
Als gegen Abend in der Ferne das Dörfchen erschien, freuten sie sich
doch wieder auf dieses Heim. Endlich mußten ja auch Nachrichten
eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft
hatten sie sie herbeigewünscht, fast am meisten den siebzehnjährigen
Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und
arbeiten sollte, während sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften.
Nun kamen sie am ersten Häuschen vorbei; unter der Türe standen der
Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit
einem Militärkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied
genommen. „B'hüt Gott, b'hüt Gott, kommt g'sund wieder,“ riefen ihnen
die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um
und rief fröhlich zurück: „Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!“
„Hast du gehört, Mutter?“ rief Karl, „die ziehen in den Krieg!“
„Ja, offenbar,“ sagte die Mutter, „aber es hieß doch, die Tiroler müßten
nicht einrücken. Bloß die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien
ziehen.“
Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe
von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im
Vorbeigehen hörten sie sagen: „In Kufstein ist es schon vorgestern
angeschlagen gewesen.“
„Was denn?“ fragte Frau Lißmann und trat zu den Leuten.
„Daß die Russen den Krieg erklärt haben.“
„Nein, wirklich?“ sagte Frau Lißmann zweifelnd; „es wird ein falscher
Lärm sein.“
Nun redeten alle zusammen: „Gestern ist's bekannt gemacht worden:
Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch
gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst.“
Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging
weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: „Es ist hart für
sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den
Krieg.“
Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. „Kommt, Kinder, kommt
heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch
keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies
alles wahr wäre!“
Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich
dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: „Küß die
Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen
ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der
Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es
wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles
beisammen.“
Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam
von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: „Bin einberufen, muß
Philipp heimschicken.“ Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt!
Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!
Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem
Einjährigen: „Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme
noch für einen Tag nach Hause.“
Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur
Österreich, auch Deutschland machte mobil? „Die Zeitungen her, Kinder!“
Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben
über das ganze Blatt: _Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich_!
Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater,
der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der
älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb
der sich herum?
Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen
Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder
verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der
Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins
eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: „Kinder, wir
müssen heimreisen so rasch wie möglich!“--„Ja, Mutter, schnell,
schnell,“ rief Lisbeth ängstlich. „Die Brüder können ja gar nicht ins
Haus herein!“ Karl war nicht so schnell gefaßt. „Jetzt sollen wir schon
wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht!
Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn
auf einen Tag an?“
Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen
an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den
Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich
anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich
vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch
gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in
den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über
das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen,
abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der
sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den
Nachtzug nach München erreichen. „Lisbeth, fange an einzupacken; wie es
kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach
der Bahn zu bestellen.“
In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat
angeschlagen. „Sieh, Mutter,“ sagte Karl, „vom Kaiser von Österreich:
‚An meine Völker!‘ Das möchte ich lesen.“--„So lies, ich gehe zum Wirt.“
Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll
einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts
zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nächsten Morgen war
nichts zu machen. „Aber dann gewiß?“ fragte Frau Lißmann. „Um wieviel
Uhr können wir wohl abfahren?“ Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie
müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen
Bescheid sagen. „Um neun Uhr vielleicht.“--„So spät?“--Ja, die Pferde
müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen,
und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr
in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus.
Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der
begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland
aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen,
das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse
Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge,
was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen.
Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und
daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig
brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die
Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es
wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden
Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor
neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen.
Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her;
ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie
aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es
sei schon angespannt.
Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. „Jawohl, wir kommen, der
Wirt soll doch ganz gewiß warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen,
nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!“ Die Kinder fuhren aus
den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht
kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit
Bauernburschen auf einen Leiterwagen!
Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die
Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der
frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie
dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem
Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und
Kamm, die sie vergessen hatten!
Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem
fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß
schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er
sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den
erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei
nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los.
Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde,
verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen
und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts
fuhren sie hinaus in den Krieg.
Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der
Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in
einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen
und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft
fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand
und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an
dem „Hopsen“. Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr
weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine
Pferdedecke, die langte er herunter. „Frau,“ sagte er, „da setzen Sie
sich drauf und das kleine Fräulein auch.“
Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen
den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das
Verstehen schwer.
„Mein Sohn muß auch mit in den Krieg,“ sagte Frau Lißmann und sah die
jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes.
„Muß er sich in Wien stellen?“
„Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern.“
„Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk
allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich
zusammen, die können's machen!“
Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand.
Vom Wagen aus wurde er angerufen: „Steig ein, Kamerad!“ Der Wirt murrte:
„Sind so schon genug!“ Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz
sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun
ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine
Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die
Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster
holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch
die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und
Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt
sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen
die Grüße.
Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich
jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war,
hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich
ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber
sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war!
Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich
an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt
hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber
Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten
in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen,
klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: „Nichts zu eilen, der Zug hat
drei Stunden Verspätung!“
Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! „Nun, das
geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das
ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!“ Da erhob ein älterer Herr mitten
im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren
etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: „Meine Herren, das ist
kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben
müssen als das!“
Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach
einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum
Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen
Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder
an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu
bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im
dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen
Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen,
diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen.
Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden
Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran
gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den
Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.
„Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit!
Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!“ Sie drängten,
baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter
nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu
drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber
dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der
Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt.
„Allein käme ich schon durch,“ versicherte Karl.
„So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten
ihnen von Herzen Glück in den Krieg!“ Der Knabe schlängelte sich
geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah
von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen
Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder
zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie
übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden,
ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.
Endlich--es war heiße Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen
Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein
unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen
wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und
wo sie hinein wollten, hieß es: „Voll, übervoll!“