Fassen wir zusammen, was wir aus der bisherigen Betrachtung der Meinung
Anderer für unsre eigene Ueberzeugung gewonnen haben, so sind dies
vornehmlich zwei Sätze: der eine, daß sie sich sämmtlich dahin
vereinigen, ein wahres und wirkliches »Geschehen« der Erfahrung gemäß
voraussetzen zu müssen; der andere, daß die Annahme eines solchen,
sobald sich die Realen nicht ganz passiv und unthätig gegen dasselbe
verhalten, mit ihrer besondern Beschaffenheit, ihrer Impenetrabilität
oder ihrer streng einfachen Qualität, die aber selbst für sich nichts
weniger als unwidersprechlich sind, im Widerspruch stehe. Zugleich ergab
sich jedoch auch, daß jeder der für diesen Widerspruch vorgebrachten
Gründe auf irgend eine Weise einem Zweifel unterliege, welcher nicht
allein aus der Ungewohnheit des Resultats, sondern in der That aus
offenbaren Widersprüchen ihrer selbst oder aus ihrer mangelhaften
Beweisführung entspringt. Können uns weder die Selbsterhaltungen in
ihrer ursprünglichen noch in ihrer veränderten Gestalt, weder das ideale
Geschehen des teleologischen Idealismus, noch jenes der eigentlichen
prästabilirten Harmonie mit ihren Gründen Ueberzeugung abnöthigen: so
gewinnt dagegen der erstgenannte Satz immer mehr Boden, der außer der
thatsächlichen Anerkennung auch noch die Bestätigung des gesunden
Menschenverstandes für sich hat. Wenn wir am Gewölbe des Himmels nicht
minder als in dem feinsten Zellgewebe des Pflanzenkeims beinahe
ununterbrochen den Ablauf von Veränderungen wahrnehmen, die wir nicht
ohne Ursache zu denken vermögen; wenn diese Ursache gleichwohl, wollen
wir nicht in dasselbe Ding als _causa sui_ die anfangslose Reihe des
absoluten Werdens hineinlegen, nicht im veränderten Dinge selbst liegen
kann; wenn es uns die unnatürlichste Ueberwindung kostet, dies
anscheinende Resultat der freiesten wechselseitigen Thätigkeit für
nichts anders als den indifferenten mechanischen Ablauf blinder
Naturgesetze zu halten: so dürfen wir noch einen Versuch machen, dem
strittigen Problem eine Annahme unterzuschieben, welche ohne in
Widerspruch mit Erfahrung oder reinen Begriffserkenntnissen zu treten,
uns über jene Schwierigkeiten hinauszuheben verspricht.
Diese Möglichkeit ist bei =Leibnitz=, gerade wo man es am wenigsten
vermuthen sollte, in der That vorhanden, und wir haben sogleich im
Eingang unsrer Darstellung darauf hingewiesen(117). Es hätte nur bei ihm
gestanden, durch einen höchst einfachen Gedanken, dem er überdies sehr
nahe war, die blendende, aber trostlose Hypothese der Harmonie gegen
lebendige thätige Wechselwirkung einfacher Wesen zu vertauschen: durch
einen Gedanken, der in seinem System einen Grundsatz ausmachte und
diesem ganz, wie man sagen könnte, das Dasein gegeben hatte. Ob ihn die
nachstehende Darstellung auch nur in Einigem zu ersetzen vermöge, wagen
wir gegen uns selbst kaum zu behaupten, und übergeben sie daher mit
großer Schüchternheit und vollkommenem Bewußtsein ihrer Mängel und der
vielen erst noch auszumachenden Schwierigkeiten dem prüfenden Urtheil.
(117) _Secretan_ (_la philos. de =Leibnitz=, Genève 1841_) ist anderer
Ansicht und meint, die prästabilirte Harmonie ergebe sich mit
Nothwendigkeit aus =Leibnitz=' Definition der Substanz als eines das
Universum repräsentirenden Wesens, welches sonach nicht ohne
»Repräsentirendes« sein könne, und sei daher vom übrigen System
unzertrennlich. Allein lag nicht die Frage viel näher: Wodurch bewirkt
denn das Repräsentirte, daß es repräsentirt wird? Doch wohl dadurch,
daß es auf das Repräsentirende einwirkt, seine eigene Repräsentation
in demselben hervorbringt? Durch die Annahme einer solchen Einwirkung
wäre aber die prästabilirte Harmonie vermieden, oder die Harmonie
zwischen den einfachen Wesen selbst überhaupt erst begreiflich
geworden.
Daß diese Vermittlung nirgend anderswo als beim physischen Einfluß, so
lebhaft sich =Leibnitz= gegen denselben aussprach, zu finden sein werde,
ist leicht vorauszusehen. =Leibnitz= hatte ganz recht, zu behaupten, es
gebe nur die drei genannten Arten, den Causalitätszusammenhang einfacher
Substanzen zu begreifen: physischen Einfluß, prästabilirte Harmonie und
Occasionalismus. Er hätte noch kürzer sein und aussprechen können, es
gebe deren nicht mehr als zwei: die Substanzen wirkten entweder auf
einander ein oder sie wirkten nicht. Occasionalismus und prästabilirte
Harmonie waren nur der Erfahrung gemachte Concessionen, Nothbrücken, um
die allzu weite Kluft kärglich auszufüllen. =Herbart= verschmähte es,
sich einer solchen zu bedienen, er blieb lieber bei dem Satze stehen,
daß die Dinge überhaupt jeder Veränderung ihrer Qualität unzugänglich
seien. Der Widerspruch mit der täglichen Erfahrung kümmerte ihn hiebei
nicht, weil er das apriorische reine Denken höher anschlug, und die
Erfahrung ganz und gar in das Gebiet des Scheins zu verweisen vorzog,
eh' er einen Schritt im Denken thun wollte, für welchen er keine
apriorische Berechtigung, gegen den er wohl gar Gründe zu haben glaubte.
Der physische Einfluß bleibt somit allein übrig, wenn das Nichtwirken
der Substanzen ausgeschlossen wird und es handelt sich nur darum,
denselben richtig aufzufassen.
=Leibnitz= nahm den Begriff offenbar zu eng, denn nach seiner Erklärung
könnten nur Wesen, welche Ausdehnung haben, also zusammengesetzt und
folglich Körper sind, physisch auf einander einwirken. Nur von solchen
können sich Theile ablösen und nur solche können dergleichen in sich
aufnehmen. Das Wort »physisch« bildete einen strengen Gegensatz gegen
die Einwirkung geistiger Naturen auf einander, wie sie in der Erziehung,
im Unterricht, in der Mittheilung statthat. Da es für ihn keine andern,
als einfache und zwar geistige Wesen gab, so hatte er mit der Verwerfung
des materiellen Einflusses vollkommen recht: nur war damit die
Möglichkeit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht
verworfen. Sein Argument betraf die =einfachen= Substanzen eigentlich
gar nicht, sobald deren Einwirkungen auf einander nur nicht materieller
Art waren; Wirkungen anderer Art auf einander auszuüben war ihnen
dadurch keineswegs =verwehrt=. Da nun die Erfahrung Wirksamkeit der
Substanzen forderte, so setzte er sich im Grund in unnöthigen
Widerspruch mit derselben, wenn er ihr Stattfinden dort bestritt, wo
seine Gründe für das Gegentheil keine Anwendung mehr fanden. Während er
die endlichen Substanzen der Fähigkeit, nach außen Wirkungen was immer
für einer Art hervorzubringen, für verlustig erklärte, gab er diese
Fähigkeit an der unendlichen Substanz unbedenklich zu. Er gestand daher,
daß wenigstens die unendliche Substanz die Fähigkeit nach außen zu
wirken, und alle Endlichen die Fähigkeit von ihr Einwirkungen zu
empfangen, in der That besitzen, daß sonach eine Art der Einwirkung
zwischen =rein einfachen= Wesen nicht nur möglich sei, sondern wirklich
bestehe, welche nicht materieller Natur sei. Von welcher Art sie sei, zu
erforschen, oder gar eine Beschreibung davon zu liefern, dünkte ihm so
unausführbar, daß er sie der Allmacht des höchsten Wesens zuschob, für
welches Nichts unmöglich sei. Wird man aber selbst der =Allmacht= etwas
zumuthen dürfen, was =an sich= unmöglich ist? schließt nicht schon die
höchste Heiligkeit Gottes mehreres an sich Mögliche von dem Kreise
seines Wollens und Handelns aus? Nicht mehr noch die wechselseitige
Beschränkung, welche seine neben einander bestehenden Eigenschaften der
Allmacht und Heiligkeit einander auflegen? Gibt es ferner, wenn wir auch
nicht den Umstand, daß die Gottheit keinen Schmerz empfinden, Nichts
vergessen könne u. dgl. als eine Schranke derselben ansehen wollen, gibt
es nicht auch dann eine Menge theoretischer Begriffswahrheiten, welche
den Umfang dessen, was Gott hervorbringen kann, beschränken, weil sich
bei näherer Betrachtung zeigt, daß es etwas an sich selbst Unmögliches,
oder dem Wohle des Ganzen doch gar nicht Zusagendes wäre, z. B. ein
Körper mit sieben gleichen ebenen Seitenflächen begrenzt u. dgl. Ist
aber eine Einwirkung von Seiten der Urmonas auf die übrigen nicht nur
=an sich= möglich, sondern auch wirklich, so läßt sich fragen, warum
diese Fähigkeit, nur in minder vollkommenem Grade, nicht auch den
endlichen Substanzen zukommen solle? warum diese, da es =an sich=
möglich ist, daß sie Wirkungen von außen empfangen, weil sie ja
dergleichen von der vollkommensten Substanz empfangen, nicht auch äußern
Einflüssen von gleichfalls endlichen Substanzen ausgesetzt sein dürften?
Benützen wir diesen Umstand, so sind wir der Nothwendigkeit enthoben,
bei der prästabilirten Harmonie unsre Zuflucht zu suchen. =Leibnitz=
gesteht einfache Wesen zu, welche Kräfte, und zwar mehrere, der
Veränderung, Vermehrung und Verminderung fähige Kräfte besitzen, unter
welchen sich »primitive« befinden, welche unfähig »jemals zu ruhen« in
fortwährender Thätigkeit begriffen sein müssen. Welche Gründe können uns
noch weiter nöthigen, die Wirkungen dieser thätigen Kräfte als dem
Thätigen selbst ausschließend =immanent= anzusehen? Der Grund, den das
System dafür beibringt, ist hinweggefallen. Die Aeußerung dieser Kraft
nach außen braucht nicht materieller Uebergang zu sein. Wir haben ein
Beispiel äußerer, nicht materieller transeunter Wirkung an der
Wirksamkeit der Urmonas: warum soll eine ähnliche nicht auch an den,
ihrer Einfachheit nach, von ihr nicht verschiedenen endlichen Substanzen
stattfinden können?
Gibt es aber weiter keinen Einwand gegen diese Annahme (und =Leibnitz=
führt in der That keinen weiteren an, sondern liefert sogar selbst das
Beispiel der Urmonas als des nach außen unendlich-Thätigen), so kann es
uns gestattet sein, sie einmal versuchsweise an die Stelle der
entgegengesetzten Annahme zu setzen. Wir erklären unter ihrer
Voraussetzung irgend ein Veränderungsphänomen, z. B. das des Stosses.
Von einer Reihe dicht aneinander hängender Kugeln werde die erste in
Bewegung gesetzt; die letzte fliegt ab, die mittleren bleiben in Ruhe.
Die erste hat, da wir jetzt =annehmen=, ein Ding könne nach außen auf
das andere wirken, auf die letzte gewirkt, von der sie durch so viele
mittlere getrennt war. Was liegt hier näher, als der Schluß: die Wirkung
der ersten auf die letzte sei durch die mittleren vermittelt worden; die
erste habe auf die zweite, diese auf die dritte u. s. f. bis auf die
letzte gewirkt: Während die Wirkung der ersten auf die letzte durch die
mittleren Kugeln vermittelt war, wurde die Wirkung der ersten auf die
zweite durch keine weitere Kugel vermittelt, sie kann daher in Bezug zu
der vorigen eine unvermittelte heißen. Mit der Zurückführung der
vermittelten auf unvermittelte Wirkung haben wir sie in der That der
Erklärung näher geführt, wir haben sie aber derselben zugleich so nahe
geführt, als dies überhaupt geschehen kann. Wer wird es übernehmen, das
Unvermittelte noch weiter zu erklären, d. h. dasjenige aufzuweisen,
durch welche es selbst wieder vermittelt worden sei? Wäre dies nicht
eben so, als wollte man das Einfache noch in Theile zerlegen, das Axiom
noch weiter begründen? Nicht Schwäche unserer Erkenntnißkraft, nicht
Beschränktheit unsers Verstandes, die =Sache= selbst verbietet uns
weiter zu gehen. Es ist dies einer von jenen nicht seltenen Sätzen, die
keines Beweises bedürfen, weil sie an und für sich jedem unbefangenen
Verstande einleuchten. Einen Erfolg =erklären=, heißt angeben, durch
welche Mittel er zu Stande gekommen. Wenn er nun =ohne= weitere
Vermittlung eingetreten ist, so ist es ja eine offenbare =Unmöglichkeit=
ihn weiter zu erklären, und eine eben so offenbare Ungereimtheit dies zu
wollen.
Setzen wir daher an die Stelle jener Kugeln eine Reihe dicht(118) an
einander liegender einfacher Monaden und wir bemerken an dem Endgliede
derselben, _B_, eine Veränderung, deren Grund wir am Anfangsglied _A_
wahrnehmen, so schließen wir, _A_ habe auf _B_ verändernd eingewirkt. Es
frägt sich, ob diese Wirkung eine vermittelte oder unvermittelte gewesen
sei. Im letzteren Falle bedarf sie keiner weitern Erklärung, und ist
keiner solchen fähig, im erstern läßt sie sich auf unvermittelte
Wirkungen zurückführen.
(118) Eine unzulässige Annahme, wie wir sogleich sehen werden, die
aber doch von Denkern, wie =Herbart=, =Fischer= u. a., wenn auch
versteckter Weise, gemacht wird. Denn wann sind ein paar Monaden dicht
aneinander? Wenn die linke Seite der einen mit der rechten der andern
zusammenfällt. Aber da müßten sie erst zwei Seiten, also Theile haben.
Die Antwort ist somit: nie können sie so liegen, daß ihre Orte nicht
zwei verschiedene, und somit eine Entfernung zwischen ihnen wäre,
welche man eben durch das Wort: =dicht= vermeiden will. Den Beweis
gleich nachher.
Der Beantwortung dieser Frage muß die andere vorhergehen, ob der Raum
stetig erfüllt sei oder nicht? =Leibnitz= war der erstern Ansicht. »Der
Raum,« sagt er(119), »ist ein Verhältniß, eine gewisse Anordnung nicht
nur der existirenden Dinge, sondern auch der nur möglichen, als ob sie
existirten. Seine Wahrheit und Realität aber ist wie die aller ewigen
Wahrheiten in Gott begründet .... Raum und Zeit haben ihre Realität nur
in Gott, und er kann die Leere erfüllen, sobald es ihm gutdünkt,
insofern ist er allgegenwärtig ... Ich lasse kein Leeres im Raume zu ..«
Und um dem Einwurf zu begegnen, daß dann auch die Bewegung unmöglich
sein würde, ein Einwurf, der auch die cartesianischen Wirbel veranlaßte,
fügt er hinzu: »Wäre die Welt mit harten Körperchen erfüllt, die sich
weder schmiegen noch theilen könnten, also mit eigentlichen Atomen, so
wäre Bewegung im erfüllten Raume allerdings unmöglich. Allein in der
Wirklichkeit gibt es gar keine ursprüngliche Härte; im Gegentheil die
Flüssigkeit ist ursprünglich, und die Körper zertheilen sich nach
Bedürfniß, weil kein Hinderniß da ist.« Wie dem auch sei, er konnte
nicht leicht anders urtheilen, ohne in Widerspruch mit dem
theokratischen Charakter seines Systems zu gerathen. Denn steht ein
allweiser, höchst gütiger und allmächtiger Schöpfer an der Spitze der
Welt, so würde es seinem auf Erzeugung der größtmöglichen Summe von
Wohlsein in derselben gerichteten Sorgfalt widersprechen, auch nur einen
einzigen Punkt im Raume unbesetzt, auch nur eine einzige Möglichkeit des
Daseins eines Geschöpfes unerfüllt zu lassen, weil dadurch wenigstens
Ein Wesen der Gelegenheit beraubt würde, sich seines Daseins und seiner
Glückseligkeit zu erfreuen.
(119) _Nouv. ess._ S. 240.
Ist nun, wie wir mit =Leibnitz= annehmen wollen, der Raum in der That
erfüllt in allen seinen Punkten, so existirt auch zwischen je zwei auf
einander einwirkenden einfachen Wesen, seien sie nah oder fern, eine
stetig erfüllte und zusammenhängende Reihe von Monaden. Auf ähnliche
Weise, wie sich bei den Kugeln die Einwirkung von der ersten auf die
zunächst befindliche, von dieser wieder auf die nächste u. s. w.
fortpflanzte, wird nun auch die Fortpflanzungsweise der Wirkungen durch
die Monadenreihe gedacht. Die erste theilt sie der nächsten mit, diese
wieder der nächsten u. s. f. Da zwischen dem ersten und zweiten kein
dritter Atom, der als Vermittler dienen könnte, aber auch der Annahme
zufolge, daß der ganze Raum stetig erfüllt sei, kein leerer Raum sich
vorfindet, so kann man diese Wirkungen zwischen =nächsten= Atomen als
die =unmittelbaren= betrachten, auf welche sich jede wie immer
vermittelte transeunte Wirksamkeit zurückführen lassen muß, und die
selbst nicht mehr auf andere zurückgeführt zu werden vermag.
Unmittelbares erklären zu wollen, widerstreitet ja seiner eigenen Natur,
widerspricht jedem gesunden Verstande. Im Worte selbst liegt es schon,
daß hier nichts weiter weder zerlegt noch selbst wieder ermittelt werden
könne; und dies und nichts anderes soll doch der Ausdruck: ein Ereigniß,
ein Geschehen erklären, bedeuten. Weder von der Art noch von der innern
Beschaffenheit des unmittelbaren Verkehrs läßt sich weiter etwas mit
Wahrheit aussagen. Beide sind ganz und vollständig bestimmt, sobald man
nur den Act, dessen Stattfinden einmal erwiesen ist, als einen
unmittelbaren erkannt und anerkannt hat. Allerdings vermögen wir sie aus
diesem Grund weder empirisch nachzuweisen, so wenig wie die einfachen
Wesen, die die Grundlage des Wirklichen wie der Erscheinung ausmachen,
noch sind wir im Stande, sie mit Händen zu greifen, ja nicht einmal ein
Bild uns von denselben zu entwerfen, so wenig als wir dies von einem
einfachen Raumpunkte zu thun vermögen. Das Dasein unmittelbarer
Wirkungen beruht auf einem nothwendigen reinen Vernunftschlusse, sobald
wir einmal der Erfahrung zufolge Wirkungen überhaupt zulassen. Selbst
die seltsame Hypothese, jeder mögliche physische Einfluß sei überhaupt
nur als Uebergang materieller Theilchen denkbar, und auf dieses
Uebergehen lasse sich jede wo und wie immer in der Welt stattfindende
Veränderung reduciren, kann ohne Voraussetzung unmittelbarer Wirkungen
nicht bestehen. Denn fragen wir, was die Ursache der Ortsveränderung
sei, oder was diese selbst wieder für Wirkungen hervorbringe, so muß man
uns die Antwort schuldig bleiben, oder zugeben daß in beiden Fällen
selbst unmittelbares Einwirken von außen stattfindet. Eine Ursache der
Ortsveränderung muß es ohne Zweifel geben. Ist diese selbst eine
unmittelbare, so sind wir weitern Suchens überhoben, ist sie eine
mittelbare, so setzt sie neuerdings eine unmittelbare voraus. Und nur
die letztere ist die wahre, eigentliche Ursache; die mittelbare Ursache
ist nur die Wirkung einer andern Ursache. Gibt es aber auch nur
Ortsveränderungen in der geschaffenen Welt, und sollen sie nicht zweck-
und ziellos sein, ja sollen sie nur zu unserer Kenntniß überhaupt
gelangen, so müssen sie selbst neue Veränderungen in uns, d. i.
Vorstellungen nach sich ziehen, und dies unmittelbar, d. i. nicht wieder
durch Hilfe anderer Ortsveränderungen. Wollen wir daher nicht alles
thatsächliche Einwirken kurzweg abläugnen, wollen wir nicht dem gesunden
Menschenverstande zum Trotz behaupten, es herrsche in der gesammten
Schöpfung nirgendwo ein ursächlicher Zusammenhang unter den Wesen, so
müssen wir das Vorhandensein mannigfachen unmittelbaren Einwirkens
zugestehen, weil es ohne diese kein vermitteltes und überhaupt gar kein
transeuntes Einwirken geben könnte. Vermitteltes fordert Unvermitteltes
so streng, wie das Zusammengesetzte das Einfache; jenes ohne dieses ist
nicht denkbar, geschweige =wirklich=. Dieser Satz bedarf keines
Beweises; er ist an und für sich klar. Wenn er nicht selten übersehen
und mißverstanden wird, so liegt der Grund davon vielleicht weniger in
ihm, als in gewissen Vorurtheilen, die häufig viel mehr den Gelehrten
als dem schlichten Verstande geläufig sind. So gibt es gar manche
Geometer, die mit dem einfachen Punkte nicht recht umzugehen wissen;
bald wollen sie aus zwei oder drei solchen Punkten, wenn sie dieselben
nur recht dicht an einander schieben, eine Linie (etwa die kleinste
gerade) erzeugen; bald sehen sie wohl ein, daß jede auch noch so kurze
Linie eine unendliche Menge von Pünktchen enthalten müsse, meinen aber
wieder, daß diese Menge bei Linien von einer gleichen Länge auch eine
gleiche sein müsse; Einige sagen sogar, die Linie, die Fläche, der
Körper enthielten keine unendliche Menge von Punkten, sondern nur eine
Anzahl von Punkten, die immer noch vermehrt werden könne, oder es gebe
nebst den Punkten noch etwas Anderes, was die Linie bildet, und mehr
dergleichen Ungereimtheiten. Ist es aber darum, weil wir den einfachen
Punkt nicht =wahrnehmen=, weniger gewiß, daß es solche gebe? weniger
gewiß, da es doch ein logischer Grund verlangt, weil Zusammengesetztes
ohne Einfaches überhaupt gar nicht möglich ist? Würde ein Blinder, der
eine menschliche Stimme hört, bei'm Tasten nach derselben aber nur
Tische, Stühle und Hausgeräth berührt, ein Recht haben zu vermuthen, es
sei kein =Mensch= vorhanden, obgleich er dessen Stimme vernommen, weil
er ihn bei seinem Herumtappen noch nicht berührt hat, ihn vielleicht gar
nicht berühren kann, weil dieser durch ein natürliches Hinderniß von ihm
geschieden ist? Dürfen wir demnach nicht einer Folgerung, welche sich
mit Nothwendigkeit aus einem als wahr anerkannten Satz ergibt,
ungeachtet wir sie durch die Sinne nicht zu verificiren im Stande sind,
mehr und mit größerer Sicherheit Glauben schenken, als der Beschränkung
nicht nur unserer äußeren Sinnesorgane, sondern auch unserer inneren,
der Phantasie, der Einbildungskraft, die von äußern Eindrücken der
Sinnenwelt geweckt und genährt, auch nur diesen ähnliche wieder
hervorzubringen vermag? Die =Erkenntniß= aus =Begriffen= ist wohl auch
abhängig von den Täuschungen unserer, von den Sinnen geleiteten
Urtheilskraft, von den Irrthümern und Täuschungen unsers menschlichen
Erkennens, allein die Abfolge einzelner Wahrheiten unter einander, ihr
innerer objectiver Zusammenhang, ist vollkommen unabhängig von dem
Gedacht- oder Erkanntwerden desselben. So setzt der Begriff des
Zusammengesetzten an und für sich den Begriff des Einfachen voraus, weil
dieser in ihm als Bestandtheil erscheint, ohne welchen er selbst nicht
sein würde, was er ist. Eben so verlangt der Satz, welcher das Dasein
des Zusammengesetzten ausspricht, als unabweisliche Forderung jenen, der
das Dasein des Einfachen ausspricht. Ist der eine wahr, so muß es auch
der andere sein. An dem Dasein zusammengesetzter Dinge, Körper u. a.
zweifelt aber Niemand.
Der Satz: Wo es Vermitteltes gibt, muß es Unvermitteltes geben, ist, wie
man leicht sieht, nur eine Variation des =Leibnitz='schen Haupt- und
Fundamentalsatzes: Wo es Zusammengesetztes gibt, muß es Einfaches geben.
Den letztern hat =Leibnitz= mit sieghafter Klarheit vertheidigt und
durchgefochten, und sich mit dessen Hilfe vom cartesianischen Dualismus
emancipirt. Was mochte es gewesen sein, das ihn verhinderte, sich der
zweiten folgereichen Anwendbarkeit desselben Satzes bewußt zu werden?
Er, welcher das Dasein einfacher Wesen mit so tiefer Ueberzeugung
anerkannte, hatte den Einwand nicht zu fürchten, daß man unmittelbare
Wirkungen nicht zu »denken« vermöge, was hier nichts anders hieße, als:
man sei nicht im Stande, sich ein sinnliches Bild, etwa wie von den
materiellen Theilchen des physischen Einflusses, von denselben zu
entwerfen. Scheute er sich vor der Lücke, welche das Denken hier übrig
zu lassen schien, indem es sich auf ein, nicht weiter erklärbares,
Unvermitteltes berief? Konnte es ihm, nachdem er das Dasein des
moralischen Uebels als eine unausweichliche, in der Natur der Sache und
einer vernünftigen Weltregierung begründete, und deshalb keineswegs mit
Schmerz oder Unwillen zu ertragende Nothwendigkeit geschildert hatte,
entgehen, daß hier eine gleiche in der =Natur der Sache=, nicht auf der
Schwäche unsers Erkenntnißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde?
Konnte ihn dies bewegen, den Versuch weiterer Erklärung aufzugeben?
Schreckte es ihn, der mit der Fackel der Philosophie in so viele
verborgene dunkle Tiefen geleuchtet, an diesem entscheidenden Punkt
gestehen zu sollen, er stehe an den verschlossenen Pforten eines
»Geheimnisses?«
Dieses Wort ist so schwer verpönt von der Philosophie, die es sich zur
Aufgabe macht, Alles ergründen und Alles erklären zu können, und wird so
häufig angewendet, daß es die Mühe lohnt zu untersuchen, was man dabei
eigentlich denke. Ein Geheimniß bedeutet immer etwas Unerklärliches,
Unzugängliches, Verborgenes; aber schon diese Worte weisen darauf hin,
es betreffe nur das Verhältniß irgend einer =Sache=, einer Wahrheit,
eines Ereignisses zu unserer Erkenntniß oder zu unserem Wahrnehmen und
Begehren. Nur weil die Statue zu =Sais= wirklich vorhanden, aber für
jeden Beschauer verschleiert war, hieß sie ein Geheimniß. Daher kann ein
Geheimniß sich lösen, verschwinden, wenn unsere Erkenntnißkräfte steigen
oder günstige Umstände hinzukommen. Wo aber Nichts vorhanden ist, da ist
auch von keinem Geheimniß die Rede. Ein solches hat nur dann statt, wo
ein Erkennen oder ein Erklären an sich möglich ist, und nur uns durch
unsre mangelhafte Erkenntnißkraft oder durch Schuld ungünstiger Umstände
unmöglich gemacht wird. Nicht das Nichtwissen überhaupt, sondern nur das
Nichtwissen Desjenigen, was an sich wißbar ist, ist ein =Geheimniß=.
Bei den unmittelbaren Wirkungen findet in der That kein Nichtwissen des
an sich Wißbaren statt. Sie sind an und für sich ihrer Natur nach nicht
weiter erklärbar, und ein jeder Versuch, sie auf einfachere Vorgänge
zurückzuführen, müßte eine Ungereimtheit zu Tage fördern. Sie sind weder
ein Geheimniß noch eine Fiction, noch ein logisches Unding; sie sind,
sobald einmal Wirkungen überhaupt angenommen werden, eine
unbestreitbare, durch die Beschaffenheit des Begriffs der Wirkung
geforderte und gegebene Thatsache, an der selbst für ein allwissendes
Wesen Nichts zu erklären erübrigt.
Es mögen außer den genannten noch Gründe anderer Art gewesen sein, die
=Leibnitz= bewogen, den diesem so nahe liegenden Ausweg gerade
entgegengesetzten, den Weg der prästabilirten Harmonie einzuschlagen,
und mit soviel Scharfsinn und Beredsamkeit durchzuführen. Bei näherer
Betrachtung ergibt es sich, daß wenigstens einige derselben in dem nahen
Zusammenhang des Problems der transeunten Wirksamkeit mit den im Raum-
und Zeitbegriffe auftauchenden Verwicklungen und Schwierigkeiten gelegen
haben mögen.
Die oben gegebene Auflösung wäre völlig befriedigend, wenn es die
Annahme wäre, daß es in allseitig stetig erfülltem Raume Punkte gebe,
welche einander die =nächsten=, und deren erfüllende Substanzen einander
ebenfalls die nächsten sind. Die unmittelbare Wirkung, die in diesem
Falle zwischen nächsten Substanzen stattfindet, wäre dann im
eigentlichen Sinne zwar eine _actio transiens_, aber keine _actio in
distans_, weil keine Distanz zwischen den Substanzen, die im nächsten
Raumpunkten sich befinden, eingeschoben werden kann. Das
Nebeneinanderliegen der nächsten Raumpunkte hätte etwa nach Art des
=Herbart='schen reinen =Aneinander= statt; während dieser aber die
wechselseitige vollkommene Durchdringung und das völlige Ineinandersein
der einfachen Wesen zur unerläßlichen Bedingung des entstehenden
wirklichen Geschehens macht, geht in unserm angenommenen Falle eine
wahrhaft unmittelbare übergehende Wirksamkeit von der einen zu der außer
ihr, aber zunächst befindlichen Substanz vor.
Allein unglücklicher Weise ist die Annahme nächster, d. i. solcher
Raumpunkte, zwischen welchen ein dritter weder möglich noch wirklich
ist, eben so unrichtig, wie die Annahme einander zunächst und
unmittelbar =an= einander befindlichen Substanzen.
Beide Annahmen sind nicht gleich bedeutend. Man könnte zugegeben haben,
wie es jeder Geometer thut, der die Stetigkeit des Raumes nicht läugnet,
daß es keine nächsten Raumpunkte gebe, die unmittelbaren Wirkungen
sonach nicht solche seien, welche von Substanzen ausgeübt werden, die
sich in nächsten Raumpunkten befinden: dennoch könnte man behaupten
wollen, es ließen sich Substanzen aufweisen, die zwischen sich nur
=leeren= Raum und keine mittleren Substanzen haben. Im ersten Fall fände
blos eine _actio transiens_, im letztern eine eigentliche _actio in
distans_ statt, und jene Substanzen wirkten unmittelbar aufeinander,
zwischen welchen es keine gibt, die einer von beiden näher wäre, als sie
es selbst einander sind. Dies hieße aber so viel, es gebe leeren Raum,
der Raum sei nicht stetig erfüllt. Wir wollen versuchen, zu zeigen, daß
die eine Annahme so irrig sei, wie die andere.
Da mit diesen beiden Sätzen das ganze frühere Raisonnement zu fallen
scheint, so ist es nöthig, sie ausführlich zu prüfen. Was den erstern
betrifft, der sich auf die Voraussetzung stützt, es gebe im Raum nächste
Punkte, so vergleichen wir, was =Herbart='s Synechologie darüber
enthält. Diese betrachtet die Linie anfangs so gut wie der Geometer als
Continuum und stößt auf den Satz, der auch der Antinomie der Materie zu
Grunde liegt: die Linie ist unendlich (ohne Ende) theilbar, und: sie ist
nicht unendlich theilbar. Beide Sätze sind in einem gewissen Sinne, der
aber bei jedem ein anderer ist, wahr, wäre dieser Sinn nicht bei jedem
ein anderer, so müßte einer der beiden Sätze nothwendig falsch sein.
Versuchen wir z. B. die Linie _A B_ durch Anwendung gewisser, immer
kleiner anzunehmender Maßeinheiten zu theilen, so gelangen wir =niemals=
an's Ende. Andrerseits wissen wir, die Linie sei ein Zusammengesetztes;
ein solches könne aber nicht bestehen ohne einfache Theile; dergleichen
muß daher auch die Linie besitzen, zu welchen wir jedoch durch
fortgesetzte Theilung niemals gelangen. Warum? weil wir das Einfache
überhaupt nur zu denken, aber weder =anzuschauen= und empirisch zu
erreichen, noch im Bilde =festzuhalten= vermögen. Soll die Linie daher
einfache letzte Theile wirklich enthalten, dabei aber dennoch unendlich
theilbar heißen, so kann dies letztere nur in Bezug auf die von uns
wirklich versuchte und fortgesetzte Theilung der Fall sein. Eine solche
=wirkliche= Theilung kann aber nur etwa bei materiellen Linien
stattfinden. Bei diesen jedoch gelangen wir sehr bald an's Ende, weil
uns keine Mittel weiter zu Gebote stehen, die Theilung fortzusetzen.
Dagegen hat jede Linie, unabhängig von uns und unserer wirklichen
Theilung an und für sich einfache, für uns unerreichbare letzte Theile,
schon deshalb, weil sie ihrer Erklärung nach ein Ausgedehntes, also
Zusammengesetztes sein muß und jeder ihrer Punkte, anzufangen von einer
gewissen Entfernung für alle kleineren abwärts, gewisse Nachbarn hat,
woraus die unendliche Menge ihrer Punkte von selbst folgt.
Es frägt sich, von welcher Art sind nun diese einfachen letzten, selbst
theillosen Theile? Noch immer wiederholen einige Geometer den Satz: die
Linie sei in's Unendliche aus Linien zusammengesetzt. Dieser ist nur
richtig, wenn man ihn so versteht, daß es zu jeder auch noch so großen
Anzahl von Linien, aus denen wir uns jede Linie, so klein sie wäre,
zusammengesetzt denken, noch eine größere gibt. Unrichtig aber ist er,
wenn er entweder so viel heißt, die Linie habe keine einfachen Theile,
oder ihre einfachen Theile seien wieder Linien. Es ist wahr, daß wir
durch fortgesetzte Theilung der Linie immer nur wieder zu Linien
gelangen; es ist aber auch eben so wahr, daß jede Linie einfache Theile
haben müsse, weil sie ein Zusammengesetztes ist. Diese einfachen Theile
können nun selbst nicht wieder Linien sein, weil sie sonst selbst
Ausgedehnte wären und aufhörten, ihre Bezeichnung zu verdienen. Sie sind
eben nichts als einfache Theile und führen als solche den Namen: Punkte.
Es frägt sich ferner, ob es dieser Punkte in jeder (begrenzten oder
unbegrenzten) Linie eine endliche oder unendliche Menge gebe? Sind ihrer
nur endlich viele, so tritt der Satz der alten Metaphysik in sein Recht:
_extensio linearum pendet a numero punctorum_. Dennoch ist eine Linie
schon größer als eine andere, sobald sie nur um einen einzigen Punkt
mehr besitzt, als diese. Allein eine Linie hat eine gewisse Ausdehnung;
ein Punkt als einfacher Raumtheil hat keine Ausdehnung. Wird nun eine
Ausdehnung, die um eine Null der Ausdehnung vermehrt worden, wohl größer
heißen dürfen, als sie früher war? Den citirten Satz =Wolff='s und
=Baumgarten='s erklärt auch =Herbart=, freilich blos in Bezug auf die
»starre Linie,« für den seinigen und nimmt an, die Linie im
intelligiblen Raum bestehe aus einer blos endlichen Anzahl reiner
Aneinander. Und =Fischer= behauptet geradezu, zwei Punkte, deren
Entfernung = 0, müßten nicht =in= einander, sondern könnten ganz wohl
=an= einander gedacht werden. Denn nur für die Anschauung seien zwei
Punkte, deren Entfernung = 0, =ein= Punkt, also =in= einander. Daß sie
aber auch =an= einander gedacht werden könnten, und in manchen Fällen
müssen, lasse sich außer Zweifel setzen(120). Daß sie so =gedacht=
werden können, bewies der Verf. selbst, indem er die Stelle
niederschrieb, damit mußte er aber noch keineswegs etwas =Wahres=
gedacht haben(121). Es läßt sich vielmehr ganz streng beweisen, daß zwei
Punkte einander nie und nirgendwo so nahe sein können, daß nicht noch
ein dritter zwischen ihnen Raum fände.
(120) Versuch einer logischen Analyse des Begriffs vom Unendlichen.
(Vgl. =Hartenst.= Met. S. 298.) Wahrscheinlich hat der Verf. die
Berührung krummer Linien mittels ihrer Tangenten im Sinne, die so
innig sein soll, daß kein dritter Punkt zwischen dem berührenden und
berührten liegt. Wäre aber die Berührung nicht viel inniger, wenn der
berührende und der berührte Punkt ein und derselbe, der Tangente und
der krummen Linie gemeinschaftliche, Punkt wären?
(121) Vgl. =Trendelenburg=: logische Untersuch. I. S. 157.
Besteht aber die Linie nicht aus einer =endlichen= Anzahl von Punkten,
so kann sie nur aus einer =unendlichen= bestehen. Jede begrenzte Linie,
z. B. _A B_, die eine bestimmte endliche Länge, etwa die eines Zolles
hat, erscheint daher in einer Hinsicht =endlich=, in einer andern
=unendlich=; jenes in Bezug auf den Abstand ihrer Grenzpunkte von
einander, dieses in Bezug auf die Anzahl der Punkte, welche sie enthält.
Denkt man sich vollends den Raum stetig erfüllt, so nimmt jede in noch
so enge Grenzen eingeschlossene Linie eine unendliche Menge von
einfachen Wesen auf, weil keiner ihrer unendlich vielen Punkte unbesetzt
bleiben darf. Um die hier sich häufenden scheinbaren Schwierigkeiten auf
einen klaren Ausdruck zu bringen, betrachten wir nachstehendes Problem:
Nehmen wir ein Dreieck _A B C_, dessen Scheitel in _B_, dessen Basis
_A C_ sei, und ziehen in demselben in beliebiger Entfernung die
Parallele zur Grundlinie _D E_. Nun enthält sowohl die Grundlinie als
die Parallele nach dem Frühern unendlich viele Punkte. Verbinden wir
ferner jeden Punkt der _A C_ durch eine Gerade mit dem Scheitel _B_, so
haben alle diese Geraden einen Punkt mit der _D E_ gemein, ohne mit
einander zusammenzufallen, da sie nicht mehr als den Scheitelpunkt _B_
mit einander gemein haben dürfen. Nehmen wir endlich _A C_ so erfüllt
an, daß sich in jedem ihrer Punkte ein einfaches Wesen befinde, und
übertragen wir die im Punkte _A_ vorhandene Monas nach _D_, die in _C_
befindliche nach _E_, und die in jedem beliebigen zwischen _A_ und _C_
gelegenen Punkt α ruhende Monas nach dem Durchschnittspunkt β der Linie
_B_ α mit der _D E_, so müssen =alle= in _A C_ gewesenen Monaden auch in
der kleineren _D E_ Raum haben, und da nicht zwei Monaden in einem
Raumpunkte sein können, weil ihn schon Eine vollständig =erfüllt=, so
scheint zu folgen, daß die _D E_ eben so viel Punkte enthalten müsse wie
die _A C_.
Nichtsdestoweniger wenn wir vom Punkte _E_ eine Parallele _E F_ zur
_D A_ ziehen, schneidet diese auf der Basis _A C_ ein _D E_ gleiches
Stück _A F_ ab, in welchem sich abermals jeder Punkt mit einem
entsprechenden der _D E_ verbunden denken läßt, so daß auch _A F_ gleich
viel Punkte wie _D E_ zu haben scheint. Nun ist _A C_ offenbar = _A F_ +
_F C_ > _D E_ und das Stück _F C_ für sich betrachtet, enthält
gleichfalls eine unendliche Menge von Punkten, so daß wir erhalten
∞ + ∞ = ∞,
was uns offenbar nöthigt, verschiedene Größen der Unendlichkeiten
anzunehmen. Da wir nun die Basis so groß denken können, als wir nur
wollen, die Parallele _D E_ aber dem Scheitel so nahe rücken, und
folglich so klein machen können, als wir nur wollen, so muß es zuletzt
dahin kommen, daß dieselbe Menge einfacher Wesen, die vorher die Basis
erfüllte, sich von der beträchtlich kleineren Parallele in der Nähe des
Scheitels aufnehmen lassen muß, ohne daß jemals zwei einfache Wesen in
denselben Punkt zusammenfallen. Diese scheinbar sich immer steigernde
Widersinnigkeit bewog =Herbart=, zu Fictionen seine Zuflucht zu nehmen.
Um Etwas, das höchstens paradox klingt, d. h. nur scheinbar
widersprechend ist, weil es sich sinnlich nicht vorstellen, sondern nur
mit dem Verstande erkennen läßt, nicht annehmen zu müssen, nahm er an,
was ein offenbarer Widerspruch ist. Das Untheilbare Aneinander soll in
ein Halbes-, Drittel- und Viertelaneinander zerlegt gedacht werden, um
den sich anhäufenden Wesen Platz zu machen. Indem er so die Theilung
über die von ihm festgesetzte Grenze hinaus, wenigstens in Gedanken
fortsetzt, gibt er stillschweigend zu, daß die Annahme »nächster
Punkte,« wie sie seine starre Linie ausmachen, zur Lösung dieser und
ähnlicher Schwierigkeiten nicht hinreiche(122). Es bleibt daher
unverwehrt, zu versuchen, ob es mit dem Gegentheil dieser Annahme besser
gelingen werde. Gibt es in der That keine nächsten Punkte, sondern
enthalten je zwei auch noch so nahe an einander gerückte Punkte noch
einen dritten zwischen sich, so enthält auch jede noch so kleine
räumliche Entfernung noch eine schrankenlose Unendlichkeit von
Raumpunkten. Wollten wir statt dessen behaupten, beide Linien, sowohl
die größere _A C_ als die kleinere _D E_, enthielten eine gleiche
Unendlichkeit von Punkten, so würden wir eine ganz unberechtigte
Behauptung aufstellen, weil wir blos aus dem Umstande, daß zwei Mengen
in einem solchen Verhältniß stehen, daß wir verfahrend nach einer
gewissen Regel mit jedem Gliede der Einen ein und nur eines der Andern
und mit jedem Gliede der Andern ein und nur eines der Erstern zu einem
Paare vereinigen können, mit dem Erfolge, daß kein Glied der einen oder
der andern Menge mehrmal genommen, auch keines übersprungen wird -- weil
wir aus diesem Umstande noch gar nicht =berechtigt= sind zu behaupten,
daß beide Mengen einander gleich seien, sobald sie unendlich sind. Ein
deutliches Beispiel davon liefern die Reihen der natürlichen Zahlen und
der nach denselben fortlaufenden Potenzen von der Zahl 10. Wir würden
daher in dieselbe Ungereimtheit verfallen, zu welcher, wie wir sahen,
der Satz: _extensio linearum pendet a numero punctorum_, verleiten
konnte. Vorsichtiger dürfen wir uns nur folgendermaßen ausdrücken: für
jeden Punkt in der _A C_ gibt es einen entsprechenden in der _D E_.
Dawider läßt sich nichts einwenden, weil zwischen je zwei Punkten eine
unendliche Menge anderer noch eingeschoben werden kann. Jede Linie
daher, welche man zu theilen und deren letzte Theile man zu erreichen
strebt, läßt sich mit der Reihe der natürlichen Zahlen vergleichen, von
denen je zwei zwischen sich eine unendliche Reihe von Brüchen haben.
Jedes Paar der zunächst stehenden Brüche wird unter sich wieder durch
eine unendliche Reihe von Brüchen getrennt, so daß das Ganze das Ansehen
eines Fächersystems ineinander geschobener Unendlichkeiten gewinnt, in
welchem das nachfolgende und aufwickelnde Denken zuletzt den Faden
verlieren zu müssen glaubt. Allein welcher Anhänger der starren Linie
würde sich nicht sträuben gegen die Annahme: daß durch Herausnahme eines
einzigen Punktes _c_ aus der Mitte der begrenzten Linie _a b_, diese in
zwei Stücke getheilt wird, deren jedes jetzt auf der Seite gegen _c_ hin
=unbegrenzt= ist, und sich dem Orte dieses _c_ in's Unendliche nähert?
Abgesehen davon, daß er schon die Einschließung unendlich vieler
Raumpunkte in endliche Grenzen nicht zugesteht, und eine Linie nicht
glaubt summiren zu können, bevor er sie nicht durch endliche
Wiederholung des reinen Aneinander construirt hat, abgesehen davon,
würde er nicht den Kopf schütteln über die Behauptung, die Linie _a b_,
deren Grenzpunkte ich hinweggenommen, sei nun unbegrenzt und auf beiden
Seiten unendlich? Er würde sich kaum von der Vorstellung losmachen
können, daß nach Hinwegnahme der Grenzpunkte _a_ und _b_ die beiden
nächsten Punkte z. B. _c_ und _d_ neue Grenzpunkte werden, sowie wenn
man von einer Reihe Soldaten die beiden Flügelmänner wegnimmt, ihre
nächsten Nebenmänner an ihre Stelle treten.
(122) Dies erkennt auch =Trendelenburg= an: Log. Unt. I. S. 167.
Da es in allen diesen Fällen beinahe ausschließlich darauf ankommt, ob
man den Satz, es gebe nächste Raumpunkte, zwischen welchen kein dritter
sei, annehme oder verwerfe: so wollen wir es jetzt versuchen, den Beweis
für das Gegentheil desselben zu führen. Denn je schwieriger es dem
Vorstellen wird, Unendlichkeiten, und vollends vervielfältigte
Unendlichkeiten, einfache (letzte) und =unendlich= zahlreiche Punkte zu
sondern und festzuhalten; je mehr wir geneigt sind, unsrer
sinnlich-endlichen, bildergewöhnten Einbildungs- und Fassungskraft
ausschließlich zu folgen und zu vertrauen: um desto wichtiger ist es,
sich der apriorischen Gründe bewußt zu werden, auf welchen ein Satz, den
unsre nur Endliches umfassende Vorstellungskraft beständig zu widerlegen
scheint, gefestigt ruht. Sind diese unwidersprechlich, so vermögen wir
fortan, dort wenigstens wo es begreifliche Erkenntniß und
strengwissenschaftliche Schärfe gilt, uns von falschen Vorspieglungen
und Folgerungen, zu welchen uns fehlerhafte Einbildungen verleiten
könnten, zu verwahren. Im gemeinen Leben allerdings können wir nicht
verhindern, daß uns gewöhnlich Bilder unserer Phantasie mehr leiten als
scharfumrissene Begriffe und daß wir, wie =Leibnitz= sagt, zu drei
Viertheilen unsers Selbst Empiristen sind; »wir erwarten,« fährt er
treffend fort, »jeden Tag, daß die Sonne aufgehen werde, weil es bisher
so geschehen, aber nur der Astronom kennt die vernünftigen Gründe
davon.«
Bevor wir aber zu unserer Darstellung des Beweises übergehen, bedarf es
zunächst einer näheren Betrachtung des Begriffs der =Aehnlichkeit=.
Aehnliche Dinge heißen im Allgemeinen und im täglichen Leben solche, die
theilweise gleich, theilweise verschieden, und dabei von solcher
Beschaffenheit sind, daß man sie leicht mit einander verwechselt. Der
Mathematiker jedoch und also auch der Geometer bedient sich dieses Worts
in einer engern Bedeutung, und bestimmt die Beschaffenheiten selbst
genauer, die Dingen gemeinschaftlich sein müssen, um in seinem Sinne
ähnlich zu heißen. Bloß äußerliche, zufällig übereinstimmende
Beschaffenheiten reichen dazu nicht hin. Ein Dreieck und Viereck, die
beide zwei Quadratzoll Flächenraum haben, werden darum noch nicht leicht
verwechselt werden können. Dagegen werden zwei Dreiecke, deren Seiten
beiderseits unter einander ein Verhältniß wie 3 : 4 : 5 haben, mit Recht
schon ähnlich heißen dürfen, wenn auch die Seiten des Einen 3, 4 und 5
Zoll, die des Andern nur 9, 12 und 15 Linien lang sind. Denn das
Verhältniß der Seiten unter einander, das mit ihrer Maßeinheit nichts zu
thun hat, ist dasselbe geblieben. Von dieser Maßeinheit, sei sie nun
Metre, Zoll, Linie oder was immer sonst, ist es ganz unmöglich, Jemand
einen Begriff beizubringen, wenn ich sie ihm nicht aufzeige, sie ihn
=anschauen= lasse, ihm einen wirklichen Maßgegenstand, eine Elle etwa
oder etwas der Art, vorweise. Hat er aber einmal die Anschauung der
Maßeinheit, so läßt sich das Verhältniß einer gegebenen Länge zu
derselben, ohne weitere =Hinweisung= auf einen bestimmten Gegenstand,
durch bloße =Worte= bezeichnen. Ich sage: diese Stange ist fünf Fuß
lang, und er hat die Anschauung eines Fußes bereits gehabt, so weiß er,
was er sich bei fünf Fuß Länge vorzustellen habe. Die letztere
Eigenschaft, sich durch bloße Worte begreiflich machen zu lassen, ohne
der Anschauung eines bestimmten Einzelgegenstandes zu bedürfen, ist das
untrügliche Kennzeichen solcher Beschaffenheiten, die sich durch =reine
Begriffe= auffassen lassen. Haben nun mehrere Gegenstände alle innern,
durch bloße Begriffe ohne irgend eine Anschauung, ausdrückbare
Beschaffenheiten gemein, wie oben die Dreiecke das Verhältniß ihrer
Seiten unter einander, so heißen sie mathematisch-ähnliche Gegenstände.
Ist dies richtig, so heißt es auch soviel: Sobald zwei Gegenstände im
mathematischen Sinn, in welchem wir für jetzt das Wort fortwährend
gebrauchen wollen, ähnlich sind, müssen alle innern, durch Begriffe
(ohne Zuziehung einer Anschauung) auffaßbare Beschaffenheiten bei beiden
dieselben sein, und sie lassen sich nur durch unmittelbare =Anschauung=
oder durch ihre =äußern= Beschaffenheiten, d. i. durch ihre Verhältnisse
zu bestimmten äußern durch Anschauung gegebenen Gegenständen, von
einander unterscheiden.
Der Sinn, in welchem hier die Worte Anschauung und Begriff genommen
werden, tritt wohl schon aus den angeführten Beispielen hinlänglich
hervor, dennoch wird es nicht überflüssig sein, besonders über das
Erstere, welches seit =Kant= in so vielfacher Bedeutung Anwendung
gefunden hat, etwas beizufügen. Die Art, wie man das Wort Anschauung
gewöhnlich gebraucht, wenn man Vorstellungen, wie: diese Rose, dieses
Haus u. dgl. dadurch bezeichnet, läßt eine dreifache Auslegung zu; man
kann bald nur das Wort: dieses, bald: Rose, Haus &c., bald beide
zusammen genommen hervorgehoben wissen wollen. Die zweite Auslegung
bezeichnet, wie Jedermann zugibt, keine =bloße Anschauung= eines
einzelnen individuellen Gegenstandes, sondern in der That einen
=Gemeinbegriff=, der viele Gegenstände, die Rosen, Häuser u. s. w. sind,
umfaßt. Von diesen vielen Gegenständen, die unter denselben Begriff
fallen, wollen wir aber zuweilen Einen ausscheiden, indem wir sagen, daß
wir ihn anschauen; dazu bedienen wir uns des Demonstrativs: =diese= Rose
(und keine andere), =dieses= Haus, u. s. w. Nach dieser (der ersten)
Auslegung wollen wir mit den beigefügten Worten: Rose, Baum, Haus nur
andeuten, daß =dieser= Gegenstand, den wir so eben anschauen, unter den
=Begriff=: Rose, Baum u. s. w. gehört. Der Accent ruht daher auf dem
=Dies=, welches den angeschauten Gegenstand von allen übrigen
ausscheidet und als Gegenstand der Anschauung bezeichnet, gleichviel ob
er Rose oder Baum oder etwas Anderes ist. Angeschaut wird daher nur das
reine =Dies=, der einzelne Gegenstand. Die Vorstellung dieses Dies
selbst ist eine =einfache= Vorstellung, in welcher sich weiter keine
Theile unterscheiden lassen, ungeachtet ihr Gegenstand sehr
zusammengesetzt sein mag. Denn es ist keineswegs nothwendig, daß die
Theile des Gegenstands auch durch Theilvorstellungen in der Vorstellung
desselben repräsentirt werden. So ist die Vorstellung: Uhr gewiß nicht
aus den Vorstellungen der Theile einer Uhr zusammengesetzt, da diese
letzteren bei verschiedenen (z. B. Wand-, Taschen-, Sonnen-, Sanduhren)
sehr verschieden sind. Fände es in der That statt, so müßten auch
=einfache= Gegenstände immer nur durch =einfache= Begriffe vorgestellt
werden. Davon macht aber schon die Vorstellung der Gottheit eine
Ausnahme. Diese als Gegenstand ist eine einfache Substanz, ihr Begriff
als das Wesen, welches keinen Grund seines Daseins hat, ist
=zusammengesetzt=. Was wir daher Anschauung nennen, ist in der That eine
=einfache Einzelvorstellung=. Daraus folgt schon, daß nicht zwei
Anschauungen einige Theile gemein, andere verschiedenartig besitzen
können, daß mithin je zwei Anschauungen, entweder ein und dieselbe, oder
in Folge verschiedener subjectiver Auffassung völlig disparat sein
müssen; daß ferner die Zusätze: Rose, Baum u. s. w. nur hinzugefügt
werden, um die =Gattung= zu bezeichnen, welcher der Gegenstand des
»Dies« angehört, und ein Dies vom andern für die Mittheilung =möglichst=
zu unterscheiden. Denn ein einzelnes Dies läßt sich, genau so wie es
vorgestellt worden, gar nicht mittheilen, außer durch Hinweisung auf den
Gegenstand selbst, durch welchen es erzeugt worden, und sogar die
Anschauungen desselben Gegenstandes werden, in verschiedenen Seelen und
unter verschiedenen Umständen empfangen, einander nicht völlig gleich
sein. Daher die Verschiedenheit der sogenannten sinnlichen Begriffe,
eigentlich der in verschiedenen Individuen aus der Erscheinung
abstrahirten sinnlichen Bilder; die Erfahrung, daß verschiedene Menschen
bei denselben Worten Verschiedenes denken u. dgl. m.
Anschauungen heißen sonach einfache Einzelvorstellungen, welche unter
der Form: =Dies= auftreten. Beide Merkmale sind nothwendig, denn es gibt
einfache Vorstellungen, die nicht Einzelvorstellungen sind, und
Einzelvorstellungen, die nicht einfach sind. Von der ersten Art sind
z.B. die Begriffe: Grund, Folge, Ursache, Wirkung u. A. die einfach
sind, welchen aber viele, theils wirkliche Gegenstände, theils bloße
Sätze an sich unterstehen. Von der letztern Art ist, wie schon erwähnt,
der Begriff der unbedingten, grundlosen Substanz, welche nur einen
einzigen Gegenstand -- die Gottheit -- hat. Weder eine Vorstellung der
erstern noch der letztern Art ist eine Anschauung, sondern sie sind
=Begriffe=. Begriffe heißen im Allgemeinen alle unsere Vorstellungen,
welche nicht Anschauungen, also alle, welche zusammengesetzt sind oder
mehrere Gegenstände haben. Nach den Bestandtheilen, aus welchen sie
zusammengesetzt sind, zerfallen sie selbst wieder in =gemischte= und in
=reine= Begriffe. Erstere sind solche, welche in ihren nähern oder
entferntern Bestandtheilen Anschauungen enthalten; letztere solche,
welche entweder =einfach= oder doch aus durchgehends =reinen= Begriffen
zusammengesetzt sind. Von der letzten Art sind die meisten
mathematischen. Um daher einen reinen Begriff zu erklären, bedarf es
durchaus keiner Hinweisung auf eine Anschauung, oder überhaupt auf
Etwas, welches sich nicht mittels bloßer Worte, ohne Vorzeigung eines
bestimmten Gegenstandes, mittheilen und begreiflich machen ließe. Sätze,
die aus reinen Begriffen zusammengesetzt sind, führen den Namen:
Begriffssätze; alle jene, in welchen als näherer oder entfernterer
Bestandtheil eine Anschauung Platz greift, gehören zu den
Erfahrungssätzen. Unter den Begriffssätzen kann es nun, wie begreiflich,
auch solche geben, die aus durchgehends einfachen Begriffen
zusammengesetzt sind. Diese, als die einfachsten, werden sich am besten
zu Grundsätzen und Anfangssätzen eines wissenschaftlichen Lehrgebäudes
eignen; in welchem es ohnedies der wissenschaftliche Gang erfordert, vom
Einfachen zum Zusammengesetzten fortzuschreiten. Wie folgenreich diese
Begriffsbestimmungen auch für die Geometrie sind, davon gibt ihre
Anwendung auf den Begriff der Aehnlichkeit, und dessen hinwieder auf den
vorliegenden Fall, ein Beispiel, das anschaulich genug ist.
Es ist von selbst klar, daß reine Begriffe und reine Anschauungen völlig
incommensurabel sind, und weder jene aus diesen, noch diese aus jenen
sich bilden können. Daraus folgt, daß Wahrheiten, welche aus bloßen
reinen Begriffen zusammengesetzt sind, nur wieder aus eben solchen
Wahrheiten objectiv abgeleitet werden können, und eben so, daß sich in
Folgerungen aus gemischten, d. i. aus Anschauungen und Begriffen
bestehenden Sätzen wieder Anschauungen vorfinden müssen.
Wenden wir dies auf das Verhältniß zwischen den =zeitlichen= und
=räumlichen= Bestimmungen der Dinge an. Beide verhalten sich zu einander
wie Grund und Folge, so daß jene die Bedingung abgeben, daß in diesen
eine Veränderung eintrete, weil eine jede Veränderung Zeit bedarf. Man
kann daher die letztern aus den erstern ableiten, und aus dem
unmittelbar Vorhergehenden folgt, daß sobald sich in den zeitlichen
Bestimmungen (dem Grunde) etwas vorfindet, was nicht durch reine
Begriffe, sondern nur durch Anschauungen im vorerwähnten Sinn
ausgedrückt werden kann, diesem ähnliche, nur durch Anschauungen
bestimmbare Umstände in der vollständigen räumlichen Folge entsprechen
müssen. Eine solche ausschließlich durch reine Begriffe nicht
darstellbare Zeitbestimmung ist z. B. die Bestimmung eines einzelnen
Zeitpunktes. Sie läßt sich nicht anders erreichen, als durch Angabe
eines in diesem Zeitmomente eben vorhandenen Zustandes, d. i. durch
Angabe eines Dies, einer Anschauung. Nicht weniger unbestimmbar durch
reine Begriffe ist auch die absolute Entfernung zweier Raumpunkte von
einander. Eine solche ist nur durch Vergleichung mit einer einmal als
gegeben angenommenen, z. B. der Dauer des Pendelschwungs einer
Secundenuhr möglich. Die Dauer eines Pendelschlags aber wird nur durch
Anschauung gegeben. Die Angabe der Entfernung jedoch, die irgend ein
Zeitpunkt von einem als fix gegebenen hat, würde noch nicht hinreichen,
denselben vollständig zu bestimmen. Denn da die Zeit Ausdehnung besitzt,
so würde es jederzeit zwei Punkte auf den entgegengesetzten Seiten des
fixen geben, welche von dem letztern gleiche Entfernung hätten. Um auch
diese Zweideutigkeit aufzuheben, muß die Angabe noch hinzukommen, ob der
zu bestimmende Zeitpunkt früher oder später als der fixe zu suchen sei.
Auch dieser Umstand läßt sich nicht anders, als durch Anschauung
bestimmen, etwa dadurch, daß wir in dem Momente, da wir die Vorstellung
_a_ haben, uns erinnern, auch die ähnliche α schon gehabt zu haben, was
daher nothwendig in einem vorhergehenden Zeitpunkte geschehen sein muß.
Die genannten drei Angaben reichen jedoch hin, jeden beliebigen Punkt in
der Zeit vollständig zu bestimmen. Den Beweis davon liefert die
Chronologie, die mittels der Anschauung, z. B. der Geburt des Heilands,
einen fixen Punkt bestimmt; durch die Anschauung z. B. des scheinbaren
Sonnen- und wahren Erdenlaufs die Zeitdauer eines Jahres mißt, und nun
jeden andern Punkt in der Zeit durch das Verhältniß seiner Entfernung
von dem fixen Punkt zu der Länge eines Jahres und durch den Umstand
bestimmt, ob dieser Zeitpunkt früher oder später als der Zeitpunkt der
Geburt Christi falle.
Verhalten sich nun die Raumbestimmungen zu den Zeitbestimmungen wie
Folgen, so muß es auch in ihnen Umstände geben, die sich nur mittels
Anschauungen bestimmen lassen; es können ihrer aber zugleich auch nicht
mehrere sein, als die Zeitbestimmungen enthalten. Dennoch reichen bei
ihnen nicht =ein= fixer Punkt, =eine= gegebene Entfernung und das
Früher- oder Spätersein des Punktes zu, sondern es müssen, um jeden
beliebigen Punkt durch Hilfe reiner Begriffe seiner Lage nach
vollständig festzustellen, wenigstens vier Punkte im Raum durch
Anschauung gegeben sein. Denn da Raumbestimmungen erst dann eintreten,
wenn ein Verändertwerden oder Verändern der Substanzen vorausgesetzt
wird, dazu aber wenigstens zwei Substanzen, also auch zwei Orte
erfordert werden, so haben wir statt des =einen= fixen Zeitpunkts gleich
ein =System zweier= Punkte, von denen jeder sich eben so wenig wie ein
einzelner Zeitpunkt anders als durch die =Anschauung=, die sich auf die
gerade in demselben vorhandenen Substanzen bezieht, bestimmen läßt.
Daraus folgt sogleich, daß alle Systeme zweier Punkte, weil sie nur
durch Anschauung gegeben, also nur durch solche unterscheidbar sind,
daher alle innern durch reine Begriffe darstellbaren Beschaffenheiten
gemein haben müssen, einander =ähnlich= sein werden.
Die beiden fernern begrifflichen Unbestimmtheiten in der Zeit führen
eben so viele weitere im Raume herbei. Soll aus dem Wirken der beiden
Substanzen irgend eine Veränderung, z. B. Ortsveränderung, hervorgehen,
so ist dazu wenigstens noch ein Ort erforderlich, der zu den beiden
ersten hinzukommt. Der durch Begriffe nicht bestimmbaren Entfernung
zwischen zwei Zeitpunkten entspricht daher die begriffliche
Unbestimmbarkeit =dreier= Orte im Raum. An die Stelle der dritten
Unbestimmtheit in der Zeit, des Früher- oder Späterseins, tritt im Raum
noch die Annahme eines =vierten= Ortes, dessen Lage gegen die drei
andern nicht durch reine Begriffe bestimmt werden kann. Sind diese vier
Punkte, welche den Coordinaten des Punktes nach den drei Dimensionen des
Raumes entsprechen, durch Anschauung gegeben, so läßt sich, wie bekannt,
jeder andere Punkt im Raume durch seine bloßen Verhältnisse zu den
gegebenen Stücken vollständig bestimmen.
Mit Hilfe des Vorhergehenden reducirt sich unsere Aufgabe, die
Unmöglichkeit nächster Raumpunkte zu erweisen, auf einen ganz speciellen
Fall. Gelingt es nur von irgend einem bestimmten System zweier
Raumpunkte mittels reiner Begriffe nachzuweisen, daß beide einen dritten
zwischen sich haben, so gilt das Gleiche von allen Systemen zweier
Punkte, weil alle einander ähnlich sind und dieselben =innern=
Beschaffenheiten besitzen. Es handelt sich sonach nur darum, nichts
einzumengen, was nicht durch reine Begriffe ausdrückbar ist, natürlich
mit Ausnahme der vier aus der Natur der räumlichen Bestimmungen
folgenden Unbestimmtheiten. Wenn wir uns daher in der folgenden
Deduction der Buchstaben zur Bezeichnung gewisser Punkte bedienen, so
geschieht dies nur der Abkürzung wegen. Es sind keineswegs innerlich
verschiedene, sondern Punkte und Entfernungen von der Art, daß ihnen
auch beliebige andere substituirt werden können, sobald sie nur dasselbe
Verhältniß unter einander haben.
Nehmen wir daher von einem beliebigen Punkte _O_ zwei Richtungen
ausgehend an in solcher Weise, daß zwei in denselben liegende
(beliebige) von einander verschiedene Punkte _M_ und _N_ eine Entfernung
von einander haben, welche der Summe ihrer Entfernungen vom
gemeinschaftlichen Ausgangspunkte _O_ der Richtungen gleich ist, so daß
_M O_ + _O N_ = _M N_,
so heißen die =Richtungen= _O M_ und _O N_ entgegengesetzt, und die
Punkte _M_ und _N_ selbst auf entgegengesetzten Seiten des Punktes _O_
liegend. Ein Punkt aber, der so gelegen ist, daß man ausgehend von ihm
nach zwei entgegengesetzten Richtungen, in der einen derselben zum
Punkte _M_, in der andern zum Punkte _N_ gelangt, heißt =zwischen=
diesen Punkten _M_ und _N_ gelegen.
Wir haben daher sogleich an dem eben construirten System der beiden
Punkte _M_ und _N_ ein System zweier Punkte, welche einen dritten
zwischen sich besitzen. Und da nach dem Vorhergehenden jedes System
zweier Punkte jedem andern eben solchen ähnlich ist, so folgt, daß die
Beschaffenheit, welche sich mittels reiner Begriffe ausdrücken läßt, wie
folgt: »Jedes System zweier Punkte besitzt einen dritten so gelegenen,
daß man in zwei von demselben ausgehenden entgegengesetzten Richtungen
fortschreitend, in der einen nach dem einen, in der andern nach dem
zweiten Punkte gelangt,« =jedem= System zweier Punkte zukomme, oder daß
je zwei Punkte einen dritten zwischen sich haben, oder daß nicht zwei
Punkte einander die nächsten sein können.
Dieser Beweisführung läßt sich wenigstens nicht vorwerfen, was die
Gegner gern thun, daß der Begriff einer jedesmaligen Entfernung je
zweier Raumpunkte unter einander, der erst erwiesen werden soll,
stillschweigend schon vorausgesetzt werde. Denn bei der Annahme des
Systems zweier Punkte ist von der =Entfernung= derselben unter einander
noch gar keine Erwähnung geschehen. Die Unbestimmbarkeit eines solchen
Systems durch reine Begriffe, wovon einzig die Rede war, ergibt sich aus
andern Gründen, und zwar unmittelbar aus der Unbestimmbarkeit des
einfachen =Zeittheils= durch reine Begriffe. Wir gerathen daher gar
nicht in die Nothwendigkeit, ein reines Aneinander, eine Null der
Entfernung erst hinwegzuräumen, weil wir die Frage nach der Entfernung
völlig bei Seite liegen lassen. Die Kraft des Beweises stützt sich
vielmehr lediglich auf den Begriff der Aehnlichkeit, mit dessen Hilfe,
was von einem System zweier Punkte durch den Augenschein als giltig
erwiesen worden, auf alle Systeme dieser Art ausgedehnt wird. Als
directe =Folgerungen= fließen hieraus die Sätze: daß zwischen zwei
Punkten eine Entfernung statthaben müsse, weil je zwei einen mittlern
zwischen sich besitzen, und eben so: daß alle Entfernungen einander
ähnlich sein müssen, weil es sämmtlich Systeme zweier Punkte sind, zu
deren =innern= Beschaffenheiten die Entfernung gehört.
Nicht so streng direct, wie der eben angeführte, aber doch mit
hinreichender Gewißheit, läßt sich behufs der Widerlegung der zweiten
Auslegungsweise unmittelbarer Wirkungen als Wirkungen nächster
Substanzen, zwischen welchen sich =leerer= Raum befindet, der Beweis für
die stetige Erfüllung des Raumes führen. Allerdings würde diese
unmittelbar eine Folge der Existenz des allervollkommensten Wesens sein,
dessen Eigenschaften es verlangen, daß es, um dem obersten Sittengesetze
zu genügen, so viele Wesen zur Glückseligkeit geschaffen habe, als nur
überhaupt an sich möglich war. Ihre Möglichkeiten zu existiren, sind die
Orte, an welchen sie existiren. Bliebe einer derselben unerfüllt, so
ginge auch die Möglichkeit eines der Glückseligkeit fähigen Wesens nicht
in Wirklichkeit über.
Wenn man diesen Beweis vermeiden will, weil er sich, wie man glauben
könnte, auf theoretisch nicht streng genug erweisbare Sätze stützt, so
liefert uns derselbe Begriff der Aehnlichkeit, der in der Geometrie von
der folgenreichsten Verwendbarkeit ist, sogleich Mittel zu einem andern.
Nach dem oben Erwähnten besitzt jedes System zweier Punkte eine
Entfernung und sind =alle= Entfernungen einander ähnlich. Sind aber alle
Systeme zweier Punkte einander ähnlich, so sind es auch alle einzelnen
=Punkte= des Raums. Denn wären diese es nicht, so wäre die innere
Verschiedenheit der Punkte, aus welchen das System besteht, auch eine
innere Verschiedenheit der =Systeme= zweier Punkte selbst, und daher
keineswegs die letztern sämmtlich unter einander ähnlich.
Die Aehnlichkeit aller einfachen Raumpunkte hat zur Folge, daß sich kein
innerer, in dem Wesen irgend eines Punkts liegender Grund auffinden
läßt, warum er weniger als ein anderer geeignet sein sollte, zum Ort
eines einfachen Wesens zu dienen. Es läßt sich daher durchaus kein Grund
aus reinen Begriffen namhaft machen, warum, wenn gewisse Punkte erfüllt
sind, nicht =alle= erfüllt sein sollen. Daß aber wenigstens einige
Punkte erfüllt seien, daran können wir um so weniger zweifeln, als ja
wenigstens unser eigenes Ich, unsre eigene Seele irgend einen Ort im
Raume einnimmt(123). Dem Gegner der stetigen Raumerfüllung bleibt die
Last des Beweises vorbehalten, daß es einen Grund gebe, um deswillen
nicht alle Orte des Raumes gleichgut zur Aufnahme einfacher Substanzen
geschickt sein sollen. Die Auffindung eines solchen dürfte um so
schwieriger sein, da die Möglichkeit des allseitigen Erfülltseins des
Raumes eine absolute, eine aus theoretischen Wahrheiten abfolgende ist,
und auch praktische oder moralische Gründe nicht dagegen, wohl aber
unter Voraussetzung eines vernünftigen Welturhebers, sehr nachdrücklich
dafür sprechen. So sehr wir daher auch der Meinung sind, daß sich für
die Existenz des vollkommensten Wesens, welche in der frühern Fassung
des Beweises vorausgesetzt wurde, die entscheidendsten Beweise angeben
lassen; so sollte der letztangeführte Grund selbst dem Atheisten
genügen, da er einsehen muß, daß die Möglichkeit allseitiger
Raumerfüllung eine an sich absolut vorhandene, und nicht erst durch die
Voraussetzung eines weisen Welturhebers bedingte ist. Da aber eine
Möglichkeit in ihr selbst oder außer ihr liegende Gründe verlangt, warum
sie nicht zur Wirklichkeit gelangt, so hat Jeder, der die stetige
Raumerfüllung bestreitet, die Verpflichtung auf sich dergleichen
nachzuweisen. So lange dies nicht geschehen, haben wir von unserer Seite
keinen Grund, von der Annahme der allseitigen Erfüllung des Raumes
abzugehen. Kann die letztere daher auch nicht für eine direct bewiesene
gelten, so gründet sie sich doch auf als wahr anerkannte, rein
apriorische Sätze, die widerlegt sein wollen, eh' sie selbst verworfen
werden kann.
(123) =Kant= in den Träumen eines Geistersehers (S. W. v.
=Rosenkranz= VII.) läugnet zwar, daß ein geistiges Wesen einen Raum zu
erfüllen vermöge, gibt aber zu, daß materielle einfache Wesen einen
Punkt im Raume erfüllen. »Wesen (S. 38), welche die Eigenschaft der
Undurchdringlichkeit nicht an sich haben, werden, so viel man deren
vereinigt, niemals ein solides Ganze ausmachen .... es sind
immaterielle Wesen, und wenn sie Vernunft haben, Geister. Denn,« fährt
er fort, »eine Masse, die einen Kubikfuß ausfüllt, wird Niemand einen
Geist, sondern Materie nennen. Füge ich nun einen Geist hinzu, so muß
entweder ein einfaches Theilchen jener Masse austreten, damit der
Geist Platz habe, oder der Letztere darf gar keinen Raum darin
einnehmen. Im erstern Fall muß bei Hinzuthat eines zweiten Geistes ein
zweites Massentheilchen den Raum verlassen, ein drittes eben so, und
so geht es fort, bis zuletzt ein Klumpen von Geistern da ist, eben so
undurchdringlich, wie vorher die Materie, und daher von ihr ganz und
gar nicht verschieden, was man kaum zugeben wird. Bedarf der Geist
aber keinen Platz, so ist er auch immateriell und erfüllt keinen
Raum.« Ob übrigens Wesen letzterer Art möglich seien, läßt =Kant=
dahingestellt. Wenn aber der Satz richtig ist, daß zwei Punkte
einander niemals die nächsten sein können, so ist das obige
Raisonnement schon deshalb außer Giltigkeit, weil gar keine
Nothwendigkeit vorhanden ist, daß wo der Geist eintritt, ein einfaches
materielles Wesen deshalb hinaus müßte, selbst wenn der Geist einen
Ort, wie ein materielles Wesen ausfüllte. Dies Ausfüllen ist aber doch
sowohl vom Geiste, als von der materiellen Einheit, welcher letztern
es =Kant= selbst zugesteht, nur =bildlich= zu verstehen. Gewöhnlich
braucht man dieses Wort, um damit das Erfüllen eines Raumes
anzudeuten, der bereits eine gewisse Ausdehnung hat. Ein einfacher
Raumtheil, dergleichen der Ort der »materiellen Einheit« so gut, wie
der des Geistes sein muß, hat keine Ausdehnung. Er ist nichts, als der
Grund, welcher zur Erklärung dient, warum ein einfaches veränderliches
Wesen binnen gewisser Zeit gerade diese und keine andern Veränderungen
theils erleidet, theils ausübt. Ein Grund dieser Art muß sowohl bei
der materiellen Einheit als beim Geiste vorhanden sein, denn beide
sind veränderliche Wesen. Oder wäre der Geist als Immaterielles dies
nicht? Dann müßte er unveränderlich, also unendlich, also die Gottheit
selbst sein. Das sind wenigstens Geister von der Gattung unseres Ich
nicht. Warum sollte daher der Geist keinen Ort einnehmen können? Ja
warum soll er nicht eben so gut seinen Ort =allein= einnehmen können,
wie die »materielle Einheit« thun soll? Warum soll endlich einem
»Klumpen von Geistern,« vorausgesetzt, daß er aus einer unendlichen
Menge von Geistern besteht, deren jeder nach dem Vorhergegangenen
seinen einfachen Ort als veränderliches Wesen einnimmt, nicht
Ausdehnung, Massenhaftigkeit, kurz jede der Eigenschaften zukommen,
welche man gewöhnlich der Materie beilegt, ohne daß dadurch die
einfachen Geister, die ihn ausmachen, genöthigt werden, selbst
ausgedehnt, massenhaft, etwa gar zusammengesetzt u. s. w. zu sein?
Können einem Ganzen nicht Eigenschaften zukommen, die den Theilen
fremd sind? Wir brauchen dabei blos an sich neutralisirende chemische
Verbindungen zu erinnern. =Tafel= in der kleinen Schrift über =Kant='s
Verhältnis zu =Swedenborg= (Tübingen 1845) hat diese Ansichten
=Kant='s über die Immaterialität und Unräumlichkeit der Seele erst
neuerlich wieder aufgenommen. Auch er fürchtet, daß die Erkenntniß der
Gleichartigkeit zwischen Geistern und »materiellen Einheiten,« die ja
doch auch nichts weiter sein können, als einfache Substanzen zum
»Materialismus« führe. Richtiger wäre es vielleicht: zum
=Spiritualismus=, denn sie vergeistigt auch die Elemente der Materie,
statt die Geister zur Materie herabzusetzen. Zwischen geistigen
und materiellen Einheiten kann keine andere als eine bloße
Gradverschiedenheit statthaben. Die Annahme eines specifischen
Unterschieds Beider in Betreff ihrer innern Beschaffenheit sowohl als
ihrer räumlichen Verhältnisse führt auf so seltsame Annahmen, wie
=Tafel='s (nach =Herbart='s Vorgang) gemachte Voraussetzung eines
doppelten Raumes. Die immateriellen Wesen sollen außerhalb des Raumes
sein, und doch in Verhältnissen, die unter sich »Figuren, Gestalten«
und »räumliche Formen« bilden. Sie befinden sich in einem Analogon des
Raumes, der keiner ist, und doch wie ein solcher aussieht. Wie dadurch
Raum und Zeit zu bloßen, die Dinge selbst nichts angehenden Denkformen
werden, haben wir oben schon in dem Abschnitt über die Selbsterhaltung
zu zeigen versucht.
Stehen nun die zwei Sätze: je zwei Punkte haben einen dritten zwischen
sich, und: der Raum ist allseitig stetig erfüllt, apriorisch fest; so
beruht auf ihnen auch die Lösung der vorangeführten Schwierigkeiten. Es
darf nicht mehr befremden, daß wir durch wirkliche Theilung nimmermehr
zu Punkten gelangen, welche so beschaffen wären, daß wir die Linie durch
deren Aneinanderlegung (!) zu construiren vermöchten, weil solche
nächste Punkte an sich unmöglich sind. Wir dürfen nicht mehr daran
zweifeln, daß dieselben Atome, die bisher in unendlicher Menge und
stetigem Zusammenhang einen weiter ausgedehnten Raum erfüllten, auch in
einem viel enger begrenzten Raume Platz finden können, welchen sie
gleichfalls stetig erfüllen. In allen diesen Fällen ist es der Umstand,
daß zwischen je zwei Raumpunkten noch ein dritter und dies fortgesetzt,
eine ganze unendliche Menge von Orten liege, der unsere Bedenklichkeiten
behebt; aber aufgeben müssen wir es desungeachtet aus demselben Grunde,
zusammengesetzte Raumdinge und den Raum selbst etwa auf ähnliche Weise
aus ihren einfachen Bestandtheilen Stück für Stück zusammensetzen und
construiren zu wollen, wie man Sandkörner zu einem Haufen zusammenträgt.