4. Modificationen dieser Ansichten.

Aus der großen Anzahl derselben, die sich in den mannigfaltigsten Formen

wiederholt haben, heben wir als charakteristisch nur die beiden neuesten

heraus.

a) Modificationen der Theorie der Selbsterhaltungen. Drobisch(112).

(112) Enthalten in dem obenangeführten Aufsatze »über Monadologie u.

specul. Theologie.«

Der Mangel, den =Drobisch= an der Theorie der Selbsterhaltungen zu

finden glaubt, und den wir schon im vorhergehenden Abschnitt (S. 115)

angeführt haben, besteht im Wesentlichen darin, daß das wirkliche

Geschehen in bloßen Formen des objectiven Scheins, daß also das

Wirkliche theilweise wenigstens, so weit es seinen Grund nicht in dem

Vorhandensein der wirklichen Realen findet, im bloßen Schein begründet

sein soll. Wäre es möglich, meint er, falls wir ihn recht verstehen,

diesen Uebelstand dadurch zu vermeiden, daß man das Wirkliche

durchgehends wieder aus Wirklichem entstehen ließe, so wäre die

Schwierigkeit beseitigt. An den Realen ist nichts zu rücken, diese sind

bereits ein Wirkliches, ein Seiendes und daher fähig, wieder ein

Wirkliches (das »wirkliche« Geschehen) zu begründen. Allein sie für sich

reichen dazu nicht hin, so lang sie gegen einander indifferent bleiben,

ohne in wechselseitige Beziehungen zu und mit einander zu treten. Der

Metaphysiker, sagt er, sieht ein, daß den Erscheinungen nur durchaus auf

einander bezogene Wesen zu Grunde liegen können, denn sämmtliche

Erklärungen äußerer und innerer Thatsachen beruhen auf dem Grundsatz:

die Wesen im vollkommenen oder unvollkommenen Zusammen und in den durch

ihren Gegensatz bedingten, und durch Uebertragung der Gegensätze

vermittelten Selbsterhaltungen und der wieder durch diese geforderten

äußeren Lage zu denken. »Diese Beziehungen, sie mögen von welcher Art

immer sein, sind etwas von den realen Wesen selbst Unterschiedenes;

diese letzteren sind das absolute Prius, die absolut und beziehungslos

gesetzten einfachen Qualitäten, durch welche das stattfinden der

Beziehungen erst Möglichkeit erlangt. Natürlicherweise ist dies Prius

kein zeitliches, sondern nur dasjenige, was den unbedingten Grund

ausmacht, von welchem die Beziehungen abhängig sind, ohne selbst wieder

umgekehrt von diesen Beziehungen abhängig zu sein;« doch so, daß daraus,

weil die einfachen Wesen ohne Beziehungen existiren können, noch gar

nicht folgt, daß sie jemals ohne diese existirt haben, d. h. daß es

irgend eine Zeit gegeben, zu welcher gar kein Seiendes in Beziehung zu

irgend einem andern gestanden sei. Diese Unbedingtheit in jeder

Rücksicht gehört ganz vornehmlich zum Wesen des =Herbart='schen Realen

und die absolute Position soll eben so viel bedeuten, daß man nach einem

weitern Grund des Gesetzten gar nicht zu fragen habe. So will es

wenigstens =Drobisch=. Im Gebrauche des Worts: absolute Position = Sein

steckt aber eine Amphibolie. Entweder bedeutet die absolute Setzung die

subjective Nöthigung des denkenden Subjects, hinter dem beobachteten

Schein ein Etwas voraussetzen zu müssen, welches nicht mehr Schein ist,

und dann ist damit erstens noch nicht ausgesagt, daß dies von uns

Vorausgesetzte schon ein in seinem Sein nicht mehr von Andern Bedingtes

sei; zweitens ist diese subjective Setzung keine absolute, weil sie auf

der Voraussetzung des setzenden Subjects beruht. Oder der Ausdruck

»absolut Gesetztes« bedeutet ein Ding, dessen Sein durch kein anderes

bedingt ist, und dann scheint es wenigstens widersprechend, dasselbe für

eine bloße Qualität zu erklären. Denn ein _quale_ ist ja nicht denkbar

ohne ein _quid_, ein =Wasfürein= nicht denkbar ohne ein Was in

substantiver, nicht adjectiver Bedeutung. Im =Begriff= der Qualität

selbst liegt es, ein Etwas zu fordern, dessen Qualität sie selbst, und

das von seiner Seite zuletzt nicht mehr Qualität ist. Man könnte beide

Bedeutungen die subjective und objective Setzung nennen und daher den

Schluß fällen, daß weder die subjective noch die objective Setzung

bloßer Qualitäten eine absolute sei. Allein =Drobisch= sagt

ausdrücklich: »Außerhalb des Denkens ist das Seiende die nicht durch

Anderes gesetzte Qualität; denn .... wäre sie durch Anderes gesetzt, so

könnte sie als abhängig durch unser Denken nicht als absolut gesetzt

werden.« Folgt aber daraus, daß das Denken und zwar nur das Denken eines

gewissen Systems, -- denn das gewöhnliche Denken weiß sehr gut, daß eine

Qualität nicht ohne ein Etwas, welches dieselbe an sich trägt, bestehen

könne -- die Qualität als absolut setzt, folgt daraus, daß sie dies in

der That sei(113)? auch dann, wenn dies Absolutsetzen sich mit dem

Begriff einer Qualität kaum vereinbaren läßt?

(113) Freilich dürfte man dann, einmal zu demjenigen gelangt, was

nicht mehr Beschaffenheit =ist=, sondern dergleichen nur an sich

=hat=, von demselben nicht mehr wissen wollen, als daß es eben ein

=Etwas= sei. Weitere Antworten müßten durch Qualitäten gegeben werden,

welche eben wieder nicht =es= selbst, sondern nur die =an= ihm

befindlichen Beschaffenheiten ausdrückten.

Allein noch bedenklicher ist die folgende Schlußreihe. =Drobisch= fährt

fort, die Qualität lasse sich eben so wenig als durch sich gesetzt

ansehen, weil dies auf die unendliche Reihe in der Selbstbestimmung,

kürzer gesagt auf die _causa sui_ führen würde. Dies wollen wir gern

zugeben. Wenn er aber daraus folgert, daß Sein »im objectiven Sinn« sei

auf das Seiende gar nicht anwendbar, so scheint zu folgen, daß dem

Seienden keine andere als eine subjective, an die Voraussetzung des

Setzenden gebundene, folglich keine absolute, sondern nur eine bedingte

Setzung zukommen könne, wodurch nach seinem eigenen frühern Ausspruch

die Natur des wahrhaft Seienden, die unbedingte Setzung vernichtet

würde. Die letztere Meinung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn es

weiter heißt, daß einfache Qualitäten, wenn sie weder dem Wesen noch dem

Grade nach durch etwas Anderes gesetzt zu werden vermögen, in unserm

Denken schlechthin gesetzt werden müssen, und nicht nur die absolute

Position die einfache Qualität, sondern auch umgekehrt diese jene

bedinge. Wird diese Setzung durch ihre Beschränkung innerhalb unsers

Denkens nicht in der That unter stillschweigender Voraussetzung des

Setzenden, also subjectiv und relativ angenommen?

Auch die Gründe, warum eine Qualität nicht durch eine andere gesetzt

sein könne, dünken uns wenigstens nicht unwidersprechlich. Die Gesetzte

müßte in diesem Falle, meint =Drobisch=, die Folge, das sie Setzende der

Grund sein. Grund und Folge aber können nie anders als zusammengesetzt

sein, weil die Folge nur eine neue Verbindung der Theile des Grundes

ist; keine Folge sei ein Einfaches: die einfache Qualität aber, wie aus

dem Begriff der Einheit von selbst folge, keiner Entstehung fähig. Die

Bedeutung, in welcher hier Grund und Folge gebraucht werden, ist im

Grund dieselbe, für welche man sonst die Begriffe Ursache und Wirkung

braucht. Denn es ist hier ein Wirkliches, das den Grund eines andern

Wirklichen enthalten soll. Wie Grund und Folge in eigentlichem Sinne

können sich nur Sätze und zwar wahre Sätze verhalten. Wenn also auch

diese jedesmal zusammengesetzt sein müssen, weil ein jeder Satz

wenigstens drei constituirende Bestandtheile verlangt, warum sollte wohl

ein Widerspruch darin liegen, daß eine einfache Ursache eine einfache

Wirkung habe? oder eine wenn auch zusammengesetzte Wirkung eine einfache

Ursache?

Wir können uns auf diese Fragen, für welche das Vorstehende wenigstens

keine Widerlegung enthält, hier nicht weiter einlassen. Wichtiger für

unsern Zweck sind die Folgerungen, die aus dem bisher im =Herbart='schen

Geist geführten Raisonnement gezogen werden. Sie beziehen sich auf das

Verhältniß der Beziehungen zu den Realen. Die Beziehungen, in welche die

Realen treten müssen, um als Grundlagen der Erscheinungswelt gelten zu

können, sind nicht blos, wie =Herbart= will, Werke der Reflexion, des

zusammenfassenden zuschauenden Denkens, es ist vielmehr bei weitem

wahrscheinlicher, ja es ist gewiß, daß dieselben objectiv und an sich

schon vorhanden sein müssen, damit die Reflexion sie aufzufinden und

aufzufassen vermöge. Die Eigenthümlichkeit der Zahl 8, die dritte Potenz

der Zahl 2 zu sein, kam ihr an und für sich nicht erst durch Vermittlung

der Reflexion zu, wenn wir sie auch erst mit Hilfe der letzteren

=erkennen=. Dasselbe ist z. B. mit einem Größenverhältniß zwischen

wirklichen Dingen der Fall. Nicht erst wird _A_ größer als _B_, weil wir

es so denken, sondern weil es größer ist, darum denken wir es so. Nennen

wir Beschaffenheiten, wie die vorstehenden, die einem oder mehreren

Dingen nur in Bezug auf ein Drittes zukommen, =äußere=, um sie von den

ihm an und für sich ohne Bezug auf ein Drittes angehörenden innern (oder

den Eigenschaften) zu unterscheiden: so folgt, daß auch die äußern

Beschaffenheiten dem Dinge nicht erst vermöge der angestellten

Reflexion, sondern objectiv zukommen. Es wird daher auch ein Ding nicht

dadurch erst zum specifisch Bestimmten, daß die Reflexion die

Unterschiede desselben von andern Dingen erkennt, sondern damit diese an

ihm erkannt werden können, müssen sie =in= oder =an= ihm befindlich

sein.

Alle äußern Beschaffenheiten sind zugleich Beziehungen, weil sie alle

ihrem Träger nur in Bezug und im Verhältniß zu gewissen dritten Dingen

zugeschrieben werden: aber nicht alle Beziehungen sind zugleich äußere

Beschaffenheiten. So die Beziehungen, die zwischen einem Ding und dem

Ort oder dem Zeitpunkt, welchen es einnimmt, stattfinden. Niemand

behauptet, das Ding _A_, das sich früher am Orte _a_ befand, sei einzig

dadurch, daß es sich jetzt am Orte _b_ befindet, ein anderes geworden,

wenn sich außerdem gar nichts an demselben geändert hat. Dennoch lassen

sich von demselben _A_ zwei einander ausschließende Vorstellungen

bilden. Die eine lautet: Ein im Orte _a_ befindlicher Körper; die

andere: Ein im Orte _non a_ (_b_) befindlicher Körper. Irgend Etwas muß

sich daher an _A_ geändert haben, was doch keine Beschaffenheit sein

kann; denn in Bezug auf diese soll sich gar nichts an ihm geändert

haben. Was sich an ihm änderte, ist der Ort, die Raumbestimmung, die

keine Beschaffenheit und doch ein Veränderliches am Dinge ist, und die

»=Bestimmung=« heißen soll. Der Körper in _a_ und der Körper in _b_

enthält daher zwei sich ausschließende Raumbestimmungen, was an sich

genommen widersprechend ist, denn derselbe Körper kann nicht an zwei

Orten sein. Soll dies dennoch möglich sein, so muß sich noch etwas an

dem Ding geändert haben, was wieder keine Beschaffenheit sein darf, und

das ist die =Zeit=. Der Körper _A_ war im Orte _a_ zu einer Zeit α, die

von der Zeit β, in welcher er im Orte _b_ war, verschieden ist. Raum und

Zeit sind daher keine Beschaffenheiten, gewiß aber noch weniger

selbständige Wirkliche: es gibt kein Ding, welches =der= Raum und

keines, welches =die= Zeit wäre: sie sind daher überhaupt nichts

=Wirkliches=. Sie sind aber auch nicht =Nichts=; sie sind in der That

Bestimmungen an den Dingen und wir können das ihnen zukommende Sein mit

dem Ausdruck »Dasein« bezeichnen, um es von dem =Wirklichsein= der

existirenden Dinge und ihrer Beschaffenheit zu unterscheiden.

Wenn dem so ist, so gibt es =Drobisch= ohne Zweifel vollkommene

Berechtigung, seines Vorgängers Ansicht zu bestreiten, daß =alle=

Beziehungen unter den Realen ohne Ausnahme blos Zuthaten der Reflexion

und das Werk des zusammenfassenden Denkens seien. Schon das

Zugeständniß, daß es gänzlich beziehungslose Seiende in der That nicht

jemals müsse, ja nicht einmal könne gegeben haben, wie denn auch

=Herbart= eingesteht, einige Reale seien allerdings von jeher in

ursprünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere

Nöthigung hin, den Ursprung der Beziehungen an den Wesen selbst, und

nicht in dem ihnen äußerlichen zusammenfassenden Denken zu suchen. In

der Ueberzeugung, ein gänzlich beziehungsloses Seiende sei zum Realgrund

der Erscheinungen untauglich, erweitert =Drobisch= das obige

Zugeständniß bis zu der Annahme, =alle= Wesen stünden =von Anbeginn her=

in Beziehungen zu einander; sie ohne solche zu denken, sei eine bloße

Abstraction; die Beziehungen selbst aber seien nicht weniger

ursprungslos als die Seienden; seien wie diese nicht durch ein anderes,

etwa durch ein zusammenfassendes Denken gesetzt; sie existirten von

demselben eben so unabhängig, wie die einfachen Seienden und

unterschieden sich von diesen nur dadurch, daß diese schlechthin und sie

selbst unter Voraussetzung der einfachen Wesen gesetzt sind. Denn alles

im Denken absolut zu Setzende sei auch objectiv nicht durch Anderes

gesetzt; nicht aber sei umgekehrt alles nicht durch Anderes Gesetzte

auch im Denken absolut setzbar. Von der letzten Art nun sind die

Beziehungen. Diese könnten nur durch etwas gesetzt werden, was selbst

entweder wieder Beziehung wäre oder nicht. Wenn nicht, so könnten es nur

die einfachen Wesen sein. Allein diese sind jeder Beziehung fremd,

tragen daher in sich durchaus keine Nothwendigkeit in Beziehungen zu

treten. Etwas aber, was nicht einfaches Wesen und nicht Beziehung wäre,

kann eben so wenig Grund der Beziehungen werden, »weil jede Vermittlung

ihrer Natur nach wenigstens zwei Vermittlungen zwischen dem zu

Vermittelnden und dem Mittelgliede schon voraussetzt. Beziehungen können

daher nur aus Beziehungen entstehen, sind weder durch die einfachen

Wesen, noch durch die zusammenfassende Intelligenz gesetzt, sondern sind

Regeln für gewisse Arten der Zusammenfassung, die auch dann statthaben

und giltig sein müssen, wenn selbst keine Intelligenz sie wirklich

zusammenfaßte, z. B. die Bewegung geschehe wirklich, die chemische

Zersetzung nehme sich wirklich Zeit.« Während =Herbart=, der vielmehr

einzig und allein alle Wirklichkeit in das innere Geschehen setzt »blos

aus Concession für den gemeinen Sprachgebrauch von wirklicher Zeit,

wirklichem Raume und wirklicher Bewegung spricht,« acceptirt =Drobisch=

»diese Concession bestens.« Denn ist sie giltig, sind die formalen

Bestimmungen des zusammenfassenden Denkens nur ihrem Begriffe nach, _in

abstracto_ genommen, objectiver Schein, _in concreto_ aber mehr als

dies, =wirklich=, =giltig=, auch wenn keine Intelligenz zusammenfaßte,

so bedeutet dieses nichts anderes, als was wir eben zu beweisen suchten,

daß die =wirklichen= inneren und äußeren Beziehungen der Wesen aus jenen

abstracten Formeln nicht erst abgeleitet werden können und sollen,

sondern ein von dem intelligenten Wesen unabhängiges objectives Dasein

besitzen.

So weit =Drobisch=. Was er unter der »Wirklichkeit der Beziehungen«

verstehe, müssen wir gestehen, ist uns nicht klar geworden. Daß sie sich

nicht auf =alle= Beziehungen erstrecken könne, ist nach dem, was wir

oben über Raum und Zeit beibrachten, nun wohl schon ohne Erläuterung

ersichtlich. Diese sind in keinem Betracht etwas Wirkliches, weder als

Beschaffenheit, noch als selbständiges Ding. Sie sind Bedingungen: die

Zeit, wenn es möglich sein soll, daß dasselbe Ding entgegengesetzte

Eigenschaften besitze; der Ort, um erklärlich zu finden, warum ein

gewisses veränderliches Wesen bei bestimmtem endlichen Maß von Kräften

und binnen gegebener endlicher Zeitdauer gerade diese und keine andere

Veränderungen an andern Wesen erfahren oder bewirkt habe. So ist es

_caeteris paribus_ nur die räumliche Entfernung, die die Schuld trägt,

daß ich dieselbe Schrift in der Entfernung von fünf bis sechs Zoll vom

Auge sehr bequem, bei mehr Entfernung viel schlechter oder gar nicht

lesen kann, und der Zeitverfluß, unter dessen Annahme es denkbar ist,

daß derselbe Baum, der jetzt Blätter trägt, nach vier Wochen kahl und

dürr sei. Weder dieser Zeitverfluß noch jene Entfernung existirt

=wirklich=, d. i. als Beschaffenheit an dem Dinge oder als Ding für

sich, noch auch als bloße Denk- oder Anschauungsform des Individuums:

sondern ihnen beiden kommt nur jenes =Sein an sich= zu, das jedem

=Etwas= zukommt, es sei ein Wirkliches oder blos Mögliches, ein

Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 ff. auch den sogenannten

Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten an sich beilegten. Müssen wir also

einerseits =Drobisch= das Verdienst einräumen, das objective, vom

Gedachtwerden unabhängige Dasein der Raum- und Zeitbestimmungen richtig

erkannt zu haben, so können wir nicht zugeben, daß er dasselbe bei

denselben Bestimmungen mit dem Worte »Wirklichkeit« bezeichne.

Abgesehen davon betrachten wir die Region genauer, in welche =Drobisch=

den Wechsel und das Geschehen versetzt wissen will. »Alle Wesen, sagt

er, sind im ursprünglichen (besser: ursprunglosen) Zusammenhang, oder

stehen miteinander in unmittelbaren oder auch mittelbaren, wenn gleich

noch so entfernten wirklichen Beziehungen, und alle Veränderung in der

Welt bedeutet nur eine Umwandlung der entfernteren Beziehungen in

nähere, der mittelbaren in unmittelbare oder auch umgekehrt dieser in

jene.« Man könnte versucht werden, in dieser Ansicht die _rapports_

wieder zu erkennen, in welchen sich die =Leibnitz='schen Monaden von

Anbeginn her bald in näherem bald in entfernterem Grade befinden, die

dem Wechsel unterliegen, bald nähere bald entferntere werden, und

dadurch den Schein erzeugen, als gingen diese Veränderungen der

wechselseitigen Lage aus der Freithätigkeit der Monaden selbst hervor,

während sie doch nur nach dem Gesetz der prästabilirten Harmonie

erfolgen. Allein in den Monaden geschieht wenigstens innerlich in der

That etwas. In der äußeren Lage derselben ereignet sich vermöge der

prästabilirten Harmonie keine Veränderung, ohne daß zugleich die

entsprechende im Innern der Monade statt hat. Das wirkliche Geschehen

beschränkt sich nicht auf die Verhältnisse und Beziehungen der einfachen

Substanzen zu einander, es besteht vielmehr ausschließlich im Innern

derselben. Bei =Drobisch= findet gerade das Gegentheil statt. Die

einfachen Qualitäten, das Innere der Seienden, bleiben starr und

unveränderlich; was sich ändert, sind allein die äußeren Beziehungen.

Schließen wir von diesen die räumlichen und zeitlichen, weil sie keine

Wirklichkeit haben, aus, so bleiben als des Wechsels fähige Beziehungen

blos jene übrig, welche wir auch früher schon unter dem Namen: äußere

Beschaffenheiten, charakterisirt haben. Unter diesen gibt es aber

wenigstens einige, die sich nicht ändern können, ohne daß sich auch in

den sogenannten =innern= Eigenschaften des Dinges etwas ändert. Werden

daher diese als einfache Qualitäten =unveränderlich= angenommen, so kann

auch kein Wechsel in jenen äußern Beschaffenheiten stattfinden, welche

sich nicht ändern können, ohne daß eine innere sich geändert habe. Dies

letztere scheint aber in der That bei allen äußeren Beschaffenheiten der

Dinge der Fall zu sein.

Dieser Satz, zusammengenommen mit der Thatsache, daß räumlichen und

zeitlichen Bestimmungen keineswegs Wirklichkeit zukommt, beschränkt den

dargebotenen Ausweg ungemein, oder richtiger, er hebt ihn völlig auf.

Der eigentliche Fragepunkt, wie ein wirkliches Geschehen zu denken sei,

und auf welche Weise es mit der einfachen Qualität des Seienden bestehen

könne, ist dadurch nicht erledigt. Noch immer ist das wirkliche

Geschehen auf Beziehungen beschränkt, von welchen gerade der hier

beinahe ausschließend hervorgehobene Theil, die räumlichen und

zeitlichen, =keine= Wirklichkeit hat. Dem eigenen Einwande des Hrn.

Prof. =Drobisch=, wie Wirkliches aus Nicht-Wirklichem entstehen könne,

ist damit noch kein Genüge geleistet. Statt der unbegreiflichen Störung,

von welcher =Fichte= d. j. meint, es sei ungenügend, daß der Schöpfer

eines so tiefsinnigen Systems sich über diesen Punkt nicht anders zu

helfen wisse, als durch die oberflächliche mechanische Vergleichung mit

dem wechselseitigen Sichdrücken zweier Körper: statt dieser

seinsollenden und nichtseienden Störung haben wir neuerdings ein

Geschehen, das richtiger wieder kein Geschehen heißen sollte, weil es

sich mit dem Beharren der einfachen Qualität vertragen soll, und welches

kein wirkliches sein kann, weil es sich auf nichts Wirkliches gründet.

Uebrigens sehen die Ideen, die Hr. Prof. =Drobisch= über diesen

Gegenstand veröffentlicht hat, wie er selbst sagt, einem Entwurfe zu

ähnlich, um sie bereits als fertiges Resultat ansehen zu können, wie

solches von einem so geistvollen und tiefeindringenden Denker wie

=Drobisch= zu erwarten ist. Nachdem er so viel gewonnen, das Unhaltbare

der blos durch Reflexion hinzugethanen Denkformen als Basis realer

Erscheinungen mit Deutlichkeit inne zu werden, kann es ihm nicht schwer

fallen, auch über die Beschaffenheit derselben uns entschiednere

Vorstellungen zu liefern, als bisher mit dem schwankenden Begriff der

Wirklichkeit derselben der Fall war.

b) Modification der prästabilirten Harmonie: Lotze(114).

(114) Metaph. von Dr. H. =Lotze= (1841).

Vielleicht würde es den Verfasser überraschen, sein System als eine

veränderte Wiedergeburt der prästabilirten Harmonie betrachtet zu sehen,

ungeachtet er sich der Bezeichnung S. 272 selbst bedient und sagt, die

»empirischen Wissenschaften ... haben sich keineswegs abzumühen, aus den

Wellen der mathematischen Bewegung den Glanz des Lichtes

hervorzuzaubern, als wäre er selbst noch ein kosmologisches Geschehen,

sondern sie müssen anerkennen, daß aus dem Innern des Wesens heraus nach

=einer vorher bestimmten Harmonie= bestimmten Veränderungen des

Körperlichen bestimmte Empfindungen entgegenkommen, ohne nach den

Gesetzen massenhafter Wirkungen von ihnen erzeugt worden zu sein.« Wir

haben daher in der That auch hier wieder kein anderes als ein =ideales=

Geschehen vor uns. Aber dieses ideale Geschehen unterscheidet sich von

jenem zwischen den Monaden sehr auffallend dadurch, daß das letztere

zwischen wahrhaft =realen=, jenes aber zwischen nur =idealen= Wesen

vorgeht. Es könnte also wohl scheinen, als mangelte die Hauptbedingung

einer prästabilirten Harmonie, die Grundlage einer Vielheit =realer=

Wesen.

An deren Stelle und an die Stelle desjenigen überhaupt, was sonst das

»Seiende« heißt, setzt der Verf. »dasjenige, welches den Schein der

Substantialität in sich erzeugt,« den in sich selbst zusammenhängend

geordneten Schein, welcher auf eine Substanz hindeutet, die wieder

nichts anderes ist, »als dasjenige, was den Schein zusammenhält, das

Wesen, das Gesetz, das System von Gründen, welches an dem Scheine den

Schein der Substantialität als Begrenztheit und Bestimmtheit gegen

Anderes erzeugt.« Daher erzeugt nur derjenige Schein den Schein der

Substantialität, der nach dem Inhalte nicht eines, sondern mehrerer

allgemeiner Begriffe angeordnet ist, deren Einheit die Seite der

Einzelnheit, deren Vielheit die Vielfältigkeit und Zufälligkeit der

Beschaffenheiten an dem Seienden ausmacht. »Das vollständige Seiende

setzt daher so viele Gründe voraus, als es Bestimmungen an sich trägt,«

und das eigentlich Reale an ihm ist das Gesetz, welches sein Wesen

ausmacht, alles Uebrige ist Schein.

Treten nun dergleichen Seiende in Causalverbindung, so ist es im Grunde

nicht der an beiden in gleicher Weise befindliche Schein, sondern es

sind die Gesetze, die ihr beiderseitiges Wesen ausmachen, welche in ein

Causalverhältniß treten. »Ursache, heißt es S. 108, ist nicht ein Ding,

aus welchem in Gestalt einer wirkenden Kraft oder eines sonstigen

Uebergangs irgend eine Mittheilung an ein anderes erfolgt; sondern weil

das Ding in sich eine Vielheit gesetzmäßig begründeter Eigenschaften,

ein System von Gründen hat, so werden die Gründe dieses Dings, wenn sie

in Bezug zu einem andern treten, mit den Gründen dieses letztern

zusammen den ganzen Grund ausmachen, aus welchem die Wirkung als eine

als seiend gesetzte Folge hervorgeht.« Auf dieselbe Weise pflegt das

Hervorgehen des Schlußsatzes mit dem Zusammenkommen zweier Prämissen

nach Aufhebung des _terminus medius_ dargestellt zu werden. Es ist eine

Uebertragung logisch-syllogistischer Verhältnisse auf das

Causalverhältniß zwischen =wirklichen= Dingen, wie sie schon in der

Methode der Beziehungen erscheint. Auch ist über die Richtigkeit der

Sache kein Zweifel, so lange man Prämissen und Schlußsatz als =Sätze an

sich= betrachtet, abgesehen, ob sie jemand denke und ausspreche oder

nicht. Würden aber die Prämissen als =wirkliche Gedanken=, und der

Schlußsatz gleichfalls als =wirkliches= Urtheil irgend eines Individuums

angesehen, dann tritt zu dem Verhältniß des =Grundes zur Folge=, das

schon zwischen den Sätzen selbst, wie sie ihrer Natur nach sind, statt

hat, noch jenes zwischen =Ursache und Wirkung= hinzu. Dann sind es nicht

die Prämissen allein, dann ist es das =Denken= derselben, die

=Thätigkeit=, das =Wirkende= des Denkenden, welches hinzukommt, um das

wirkliche Denken des Schlußsatzes hervorzubringen. =Wirkliches= kann nur

durch Wirkliches, und zwar nur durch das =Wirken= des Wirklichen erzeugt

werden. Davon können uns sehr alltägliche Erfahrungen überweisen. Ein

Brief, der geschrieben werden soll, wird wenn auch Papier, Feder,

Gedanken u. s. w. vorhanden sind, gewiß nicht fertig, wenn man nicht

=schreibt=. Damit steht der Satz: daß sobald alle Theilursachen

vorhanden seien, auch die Wirkung vorhanden sein müsse, keineswegs im

Widerspruch, er dient vielmehr zur Bestätigung. Auch die Thätigkeit, das

Wirken selbst ist eine von den Theilursachen, welche die Ursache erst

=vollständig= machen. Uebersieht man dies, so kommt das wieder nur

daher, daß Gründe und Folgen mit Ursachen und Wirkungen verwechselt

werden. Gründe bedürfen keiner Thätigkeit, um sobald sie da sind, auch

das Dasein der Folge hervorzubringen; sie sind ja bloße Sätze, nichts

Wirkliches, und das Verhältniß zwischen ihnen und ihren Folgen geht

nicht deren =wirkliches Vorhandensein= oder =Nicht-wirklich-Vorhandensein=

an, sondern einzig und allein ihre =Wahrheit oder Falschheit=.

Sobald der Satz: Zweimal zwei ist vier, wahr ist, ist auch

der Satz: Zweimal vier ist acht, wahr, und der Satz: Zweimal

zwei ist fünf, ist falsch. Bedient man sich aber doch häufig des

Ausdruckes, der Satz _A_ enthalte den Grund von der Existenz des

(wirklichen) Dinges _B_, so bedeutet dies nach solcher Auslegungsweise

nichts anderes als: Sobald der Satz: =_A_ ist=, =wahr= ist, ist auch der

Satz: =_B_ ist=, =wahr=. Abermal also begründen diese Sätze nur die

=Wahrheit= gewisser anderer Sätze, nicht aber das =Dasein=, die

=Wirklichkeit= gewisser Dinge. Die Wirklichkeit solcher existirenden

Dinge, die überhaupt einen Grund ihrer Wirklichkeit haben, kann nur in

der Existenz anderer begründet sein, und zwar nur in deren Wirksamkeit,

denn ohne eine solche zu besitzen, verdienten sie nicht =wirkliche=

Dinge zu heißen.

Er fährt fort: »Ursache und Wirkung ist gar kein Gegensatz. Ursache ist

das Ding, wie es vor dem Zusammenkommen mit der andern Ursache, welche

jedoch zu demselben hinzupostulirt werden muß, vorhanden war. Wirkung

ist der Eintritt in den Proceß und dieser selbst, also ein Geschehen.«

Scheint sich dies nicht selbst zu widersprechen? Ist das Ding schon

Ursache vor dem Hinzukommen des anderen, so bedarf es dieses zweiten gar

nicht mehr, denn dann ist es sich selbst genug, die Wirkung zu erzeugen.

Bedarf es dagegen dieser Ergänzung, dann ist es wenigstens noch nicht

die ganze, sondern höchstens eine Theilursache. Dies um so mehr, da es

keinem Dinge wesentlich ist, Ursache zu sein, da es vielmehr dann erst

Ursache wird, wenn es zu wirken anfängt, und es zu sein aufhört, sobald

sein Wirken ein Ende nimmt. Eine unthätige Ursache, ein Ding, das

Ursache wäre und nicht wirkte, ist ein logisches Unding. Nicht der

Mensch _A_ an und für sich, sondern insofern er schreibt, thätig ist,

ist die Ursache dieses Briefes. Damit soll noch ganz und gar nichts über

die Art und Weise dieses Wirkens ausgesagt, sondern nur anschaulich

werden, daß ein =wirkliches= Ding ohne zu =wirken= auf keine Weise

Ursache eines andern wirklichen Dinges werden könne, weil es eben erst

Ursache dadurch wird, daß es zu wirken beginnt und fortfährt. Der Verf.

tadelt aber sogar =Herbart=, den Erfinder der ruhenden Causalität, daß

er »diese nicht consequent genug festgehalten« und die »Substanzen als

=thätige=, sich selbst erhaltende Wesen begriffen habe,« was allerdings

noch zweifelhaft ist, wenn es aber sich so verhielte, als einer der

dankenswerthesten und fruchtbarsten Sätze dieses tiefsinnigen Geistes

müßte anerkannt werden. Denn da wir unsererseits nicht zu jenen gehören,

welche in der dialectischen Bewegung des Begriffs, in der »Entäußerung

der logischen Idee,« in der »Uebersetzung der Bedingungen in die Sache

und dieser in jene als in die Seite der Existenz(115),« in dem

Umschlagen der Begriffe in ihr Gegentheil so wenig wie in einer

»unendlichen Sichaufsichselbstbeziehung des Absoluten« Ersatz finden für

eine wirkliche und reale Thätigkeit wirklicher und realer Wesen: so

können wir uns auch nicht leicht des Gedankens einer stattfindenden

selbstthätigen Wirksamkeit der Realen nach innen oder nach außen

entschlagen, um an deren Stelle logische, zwischen =Sätzen an sich=

ausschließlich geltende Schlußformen auf das Wirkliche zu übertragen und

darin einzig wiederzufinden. Vielmehr dünkt uns dies eine neuerlich sehr

häufig und nachtheilig gewordene Verwechslung zwischen Gegenstand und

Begriff, Sache und Vorstellung, einem Wirklichen und einem bloßen Etwas

an sich. Haben wir nicht bei jeder Vorstellung in unsrem Denken

wenigstens dreierlei zu unterscheiden: Die =gedachte= Vorstellung; den

=Stoff= dieser Vorstellung, abgesehen von ihrem Gedachtwerden, somit =an

sich= betrachtet; und den Umstand, =ob= dieser Vorstellung ein

=wirklicher= Gegenstand entspricht, den letzten nicht so, daß dessen

Eigenschaften zugleich Eigenschaften der =Vorstellung=, seine Merkmale

zugleich Bestandtheile der letztern sein müßten, sondern einzig, ob es

einen wirklichen Gegenstand gibt, welcher durch diese Vorstellung

vorgestellt wird, auf welchen sie sich bezieht? Gewiß sind Gegenstand

und Vorstellung desselben keineswegs identisch. Was daher vom

Gegenstande gilt, muß nicht von der Vorstellung, was von dieser, nicht

umgekehrt vom Gegenstande gelten. Dem Etwas überhaupt können

Eigenschaften zukommen, die dem =wirklichen= Etwas fremd sind. Wenn

unter jenem, sobald es wahre Sätze an sich sind, das Verhältniß von

Grund und Folge herrscht, kann unter =wirklichen Etwassen= nur das

Verhältniß der Ursache und Wirkung stattfinden. Daß man beide so leicht

verwechselt, hat seinen Grund zum Theil darin, daß wir so wenig genau zu

sprechen gewohnt sind, daß wir häufig von Wirkungen sprechen, wo wir nur

von Gründen oder Folgen, bloßen Sätzen sprechen sollten. Sobald dies

Verhältniß von Grund und Folge zwischen zwei Sätzen an sich, die beide

eine Existenz aussagen, vorhanden ist, verhalten sich die beiden Dinge,

deren Existenz in denselben ausgesagt wird, wie Ursache und Wirkung. Da

ferner der eine dieser Sätze nicht ohne den andern wahr sein kann, oder:

sobald der eine wahr ist, es auch der andere sein muß, so ist auch die

darin ausgesagte Existenz dieser beiden Dinge im Causalverhältniß

gleichzeitig; somit Ursache und Wirkung gleichzeitig. Obgleich also

beide Verhältnisse: zwischen den Dingen jenes der Ursache und Wirkung,

zwischen den Sätzen, die die Existenz dieser Dinge aussprechen, jenes

des Grundes und der Folge zu gleicher Zeit stattfinden, sind sie doch

nicht ein und dasselbe. Daß dem so ist, kann uns zur Genüge wieder ein

sehr nahe liegendes Beispiel lehren. Unsere Erkenntnißgründe weichen

häufig von den wahren Ursachen sehr ab, ja sind zuweilen gerade

verkehrt. So pflegen wir zu sagen: Wenn das Barometer steigt, so wird es

schön Wetter, wo das letztere als =Folge= des erstern =erkannt= wird, da

es doch der =Grund= desselben ist. Richtig muß also der Satz so lauten:

Wenn das Wetter schön wird, so steigt das Quecksilber; und hier ist

abermals das =wirkliche= Zunehmen des Luftdrucks =Ursache=, das

=wirkliche= Steigen des Barometers =Wirkung=. Nicht aber ist der =Satz=:

Wenn der Luftdruck sich vermehrt, Grund des =wirklichen= Steigens des

Barometers, noch umgekehrt der =Satz=: so steigt das Barometer, =Folge=

des =wirklichen= Steigens des Luftdrucks, weil Sätze und Wirklichkeiten

einander ganz heterogen, und weder diese durch jene, noch jene durch

diese hervorzubringen sind.

(115) Encyklop. =Hegel='s, her. v. =Henning=. I. S. 306.

Dies ist aber keineswegs so zu verstehen, als ob der Inhalt der Sätze an

sich und ihre Verhältnisse zu einander als Gründe und Folgen für das

Dasein, die Anordnung, das Geschehen, in der =wirklichen= Welt

gleichgiltig wären; sie sind im Gegentheil von der entschiedensten und

folgenreichsten Wichtigkeit für dieselbe, weil sie als Sätze an sich

nicht nur den Stoff aller mechanischen Naturgesetze, sondern auch den

objectiven Stoff aller Gedanken, Urtheile und Entschließungen enthalten,

die durch ihre =Wirklichkeit= im Gemüthe denkender und willensfähiger

Wesen auf (deren) Handlungen und Einwirkungen sowohl auf sich selbst als

auf die Außenwelt entscheidenden Einfluß üben. Was als Satz an sich

vorhanden, außerhalb aller Existenz, nur eine Verknüpfung wie Grund oder

Folge besitzen kann, vermag als gedachter Satz, als wirklicher Gedanke

eines Wirklichen schon auf Wirkliches zu wirken und Wirkliches

hervorzubringen, d. i. ein wahres Verhältniß zwischen Ursache und

Wirkung zu begründen. Um ein altes Wort für einen neuen Begriff zu

gebrauchen, man könnte, wenn unter _mundus_ der Inbegriff alles

endlichen Wirklichen, des substantiellen und accidentiellen, also auch

alles wirkliche Geschehen begriffen würde, die Gesammtheit aller

derjenigen Wahrheiten, die etwas Seiendes ausdrücken, sammt ihren

objectiven Gründen und Folgen den _mundus idealis_ nennen, weil nichts

sein und nichts geschehen kann, dessen Dasein oder Geschehen nicht in

einem Satze ausgesprochen werden könnte. Der Stoff dieses Satzes, den

vielleicht noch Niemand ausgesprochen, vielleicht nicht einmal gedacht

hat, wie Niemand jenen des Copernicus dachte, ungeachtet er bestand, ehe

dieser ihn ausgesprochen, wäre ein Satz an sich, und insofern dieser

Satz etwas ausspräche, was immer oder einstens =wirklich ist und

geschieht=, eine Wahrheit an sich. Indeß hier könnte man Anstand nehmen.

Unter den =Sätzen an sich= dieses _mundus idealis_ würden zum Theil

solche sich befinden, die sich auf zu aller Zeit existirende wirkliche

Dinge beziehen, zum Theil solche, die von in der Zeit entstehenden und

vergehenden, mit einem Wort veränderlichen Dingen etwas aussagen. Von

der Art der Erstern sind offenbar alle solche Sätze, die

reinbegriffliche Allgemeingiltigkeit haben, z. B. von der Existenz

wirklicher Dinge überhaupt, von der Existenz einfacher Wesen u. dgl. Zu

den letztern gehören alle solche, die eine Erfahrungswahrheit

aussprechen, deren Subjectsvorstellungen solche sind, die sich auf

=individuelle Gegenstände= beziehen, also Anschauungen oder gemischte

Begriffe. Da Gegenstände letzterer Art in der Zeit =entstehen= und

=vergehen=, so hat es den Anschein, als ob der Satz an sich (im _mundus

idealis_), der sich auf diesen Gegenstand eben bezieht, z. B. das Dasein

=dieses= Baumes aussagt, zu gewisser Zeit, nämlich wenn der Baum

=wirklich= existirt, wahr, zu einer andern, wo dies nicht der Fall,

falsch würde, daß er sich daher verändere, was wir von einem Etwas, das

selbst keine Existenz hat und außer aller Zeit ist, wie ein Satz an

sich, nicht glauben zugeben zu können. Eine kleine Veränderung in der

Natur des =Satzes an sich= überhebt uns dieser Schwierigkeit. Sätze, die

sich auf Gegenstände beziehen, welche zu gewisser Zeit existiren oder

geschehen, zu anderer nicht, nehmen, um in ihrer Wahrheit oder

Falschheit keine Veränderung zu erleiden, die Zeitbestimmung mit in die

Subjectvorstellung auf. Der Satz: der Baum blüht, ist so wie er da

ausgesprochen wird, weder wahr noch falsch, denn dem Baum ist es weder

eigenthümlich, =immer= zu blühen, noch =immer= nicht zu blühen. Wenn

dagegen der Satz lautet: der Baum in =diesem= Augenblicke blüht, kann er

nur Eines von beiden, entweder wahr oder falsch sein, je nachdem der

Baum in =diesem= Augenblicke wirklich blüht oder nicht. Blüht er daher

in dem Augenblick _t_ wirklich, so ist auch der Satz =an sich=: der Baum

im Augenblick _t_ blüht, immer wahr gewesen, und es nicht erst

=geworden= in dem Augenblick, da der Baum wirklich zu blühen anfing,

erleidet daher keine Veränderung. Warum die Zeitbestimmung sich nur in

Erfahrungssätzen findet, ergibt sich daraus, weil nur diese etwas von

veränderlichen Gegenständen aussagen und nur bei solchen eine

Zeitbestimmung als Bedingung, unter welcher allein eine Veränderung

möglich ist, ins Mitleiden gezogen wird. Reine Begriffssätze, z. B. die

Summe aller Winkel im Dreiecke ist gleich zwei Rechten, enthalten keine

Zeitbestimmung, weil an ihrem Gegenstande keine Veränderung vorgehen

kann. Sätze dieser Art sind daher zu aller Zeit wahr, oder wie man

allein richtig sagen muß, ihre Wahrheit ist außer aller Zeitbestimmung.

Bei =Leibnitz= erscheint, wie wir gesehen haben, die Annahme eines

_mundus idealis_ als Vorbild der wirklichen Welt im Geiste Gottes, aber

er betrachtete die allgemeinen und die Erfahrungswahrheiten nicht =an

sich= und unabhängig von ihrem Gedachtwerden bestehend, sondern einzig,

insofern sie in Gott selbst als wirkliche Ideen und Gedanken Ursachen

der wirklichen Welt werden. Es ist aber jetzt wohl hinlänglich klar, daß

dieselben, auch abgesehen von ihrer Wirklichkeit als gedachte

Wahrheiten, einzig den Beschaffenheiten ihres an sich seienden Stoffes

nach untersucht werden können. Eben so leicht einzusehen dürfte es sein,

daß eben diese Sätze, mögen sie nun allgemeine und nothwendige

Wahrheiten, Gesetze u. s. w. heißen, nichts Wirkliches hervorzubringen

im Stande sind, sondern daß dies nur die Auffassungen derselben in den

Gemüthern wirklicher Wesen, die als solche selbst etwas Wirkliches sind,

vermögen, indem sie dem denkenden Wesen als Bestimmungs- oder

Abhaltungsgründe, als Richtschnur oder Hilfsmittel für sein Handeln und

Denken dienen. Es ist ganz unmöglich, daß nur =an sich seiende Gesetze=

ohne Dazwischenkunft einer wirklichen Persönlichkeit die wirkliche Welt

aus sich hervorgehen machen, so wie es unmöglich ist, daß ein

Nichtwirkliches ein Wirkliches erzeuge.

Allein dies ist nicht des Verf. Ansicht, der zwar ebenfalls eine ideale

Welt von Gesetzen annimmt, nach welchen sich der Schein ordnet und

zusammenfaltet, um den Schein der Substantialität hervorzubringen, der

aber diesem Geschehen zugleich die allein wahre Realität zuschreibt.

»Die Apodikticität des Daseins kommt allein dem Sein-Sollenden, dem

Guten zu« ... daher »muß Alles, was wirklich sein soll, in einer

Zweckbeziehung enthalten sein, und ... das Verhältniß zwischen

unerfülltem, erfülltem Zweck und Mittel ist das Gesetz all' dieses

Zusammenhanges.« Diese Zweckbeziehung ist aber keine äußerliche, etwa

auf ein zwecksetzendes Wesen, sondern eine den Dingen selbst

»immanente,« sich in sich und durch sich selbst vollendende. Die

»Gesetze« im Innern der Dinge, welche den Schein zusammenhalten, und zu

einem scheinbar Seienden machen, bringen durch eigene Kraft das

Wirkliche hervor, indem sie »in der eigenthümlichen Inhaltsbestimmtheit

der Dinge Theile eines Grundes bilden, welche wenn sie mit andern

Theilen desselben, die von andern Dingen als Vehikel ihrer Wirklichkeit

getragen werden, zusammenkommen, den ganzen Grund ausmachen, aus dessen

einzelnen Bestimmungen durch wechselseitiges Aufheben und Verlöschen

oder anderweitige durch das Zusammenkommen neubegründete Verhältnisse

ein Resultat als verwirklichte Folge hervorgeht.« Damit aber, wie dies

bei »ruhender Causalität« die Folge sein müßte, nicht alle Wirkungen ein

für allemal gleichzeitig erfolgen, und nicht aller Grund zur weitern

Fortentwicklung hinwegfalle, damit sich also die »ruhende« Causalität in

eine bewegte verwandle, bedient sich der Verfasser kosmologischer Formen

als der Bedingungen, unter welchen Dinge, welche vorher gegen den

Causalzusammenhang gleichgiltig waren, erst wirklich in denselben

eintreten. Welche Dinge mittels derselben in die Erscheinung treten,

dies zu entscheiden ist Sache der Zwecke »als der treibenden und

bewegenden Macht!« Gesetze also sind das eigentliche Thätige. Wie dies

möglich sei? wie Gesetze, die im Grunde nichts Anderes sind als =Sätze=,

Bewegung, Thätigkeit, Realität besitzen, wie ihnen diese sogar

ausschließlich beigelegt werden können, wenn es doch klar zu sein

scheint, daß nicht das Gesetz, sondern das Ding =nach= dem Gesetze

allein sich fortzuentwickeln, zu bewegen und thätig zu sein vermöge:

darüber muß man von Denen keine weitere Erklärung fordern, die nun

einmal gleich uns das abstracte Denken (soll heißen »die Wahrheiten an

sich«) nicht als ein sich Bewegendes und dialektisch sich Entwickelndes

zu begreifen im Stande sind, und welche wie wir die Denkthätigkeit der

Individuen von dem Stoffe des Denkens: den Sätzen, Vorstellungen und

Begriffen an sich, die in diesem nur aufgefaßt werden, streng

unterschieden wissen wollen. Eben darum vermögen wir uns die

Zweckbeziehung nicht anders denn als eine von einem vernünftigen Wesen

gesetzte, keineswegs als eine diesem immanente und unbewußt treibende

Macht zu denken. Allerdings entsteht nicht jedes Wirken nur eben durch

Erkenntniß. Der Stein z. B. wirkt, indem er den Pflanzenkeim des unter

ihm liegenden Samenkorns niederhält, auch wenn Niemand die Wahrheiten,

welche dies Causalverhältniß aussprechen, denkt und erkennt. Umgekehrt

gibt es nicht minder selbst falsche Sätze, welche durch die Auffassung

in das Gemüth eines denkenden Wesens Wirkungen haben. Ein Zweck aber,

also ein Satz, gewinnt nur dadurch Wirklichkeit, daß er von irgend einem

Wirklichen gedacht oder gesetzt wird, und nur als Wirkliches vermag er

auch wieder Wirklichem das Dasein zu geben.

Dieser Satz, auf den wir überall zurückkommen, ist der hier eigentlich

entscheidende. Ist er richtig, so kann überhaupt in keinem System ein

wirkliches Geschehen zugelassen werden, wo es nicht wirkliche Reale

gibt, und zwar solche, die diesen Namen verdienen, die des

wechselseitigen Einwirkens auf einander fähig sind.

Einen Beweis dazu liefert das Vorliegende. Für den Verf. besteht »das

wahre eigentliche Geschehen in der Beziehung des Erscheinenden auf sein

Inneres,« d. h. auf das Gesetz, welches den erscheinenden Schein

zusammenhält. Das Seinsollende, welches allein Apodikticität des Daseins

hat, erhält sich durch diese gegen jede Veränderung seiner Lage als

»=Störung=.« Die Voraussetzung der Apodikticität des Daseins haben wir

zu machen, aber »wir dürfen nicht die Selbsterhaltung auf einfache Wesen

mit unveränderlicher Qualität (welche diese immer sein mag) ausdehnen.«

Die Qualität muß, um gestört werden zu können, zu dem Seinsollenden, dem

Guten, »welches das allein wahre Seiende ist(116),« gehören. »Wo eine

Erscheinung sich organisch zusammengefügt hat, wird sie als ein ideales

Wesen, das eine Apodikticität seines Daseins in der Reihe anderer

genießt, sich erhalten gegen die Störungen seiner kosmologischen

Grundlage durch andere. Die mechanische Rückwirkung, die sie vermöge

dieser Basis gegen den Anstoß ausübt, gehört dem scheinbaren Geschehen

und wird nicht von ihr hervorgebracht, sondern von den Massen, die nach

mechanischen Gründen sich verhalten, wie sie auch in zufälligen Gebilden

sich verhalten würden. Aber gegen die Störung seiner idealen Natur, die

der Veränderung seiner kosmologischen Grundlage unterliegen würde,

leistet es Widerstand, indem es sich als seinsollendes Wesen gegen die

Macht der eindringenden Bewegung erhält. Es setzt daher die Umwandlung

seiner mechanischen Verhältnisse als ideale Accidenzen in sich, dem

Idealen, und wirft sie eben so sehr aus sich als ein Fremdes hinaus, als

es ihnen erst die ideale Qualität zuertheilt, die sie zeigen. Die

Geschichte dieses Widerstandes, den die idealen Wesen vermöge ihrer

mechanischen Grundlage sich einander leisten, indem sie jedes das andere

unter einer von ihnen selbst gesetzten idealen Form von sich abstoßen,

ist das wahre eigentliche Geschehen und in ihm erst thut sich der

Schauplatz aller Erscheinung auf. Jedes hat seine Erscheinung in dem

andern; dadurch daß es von dem Andern, auf das es einwirkt, vermittels

der in diesem hervorgebrachten Veränderungen gemessen, und als Fremdes,

dem idealen Sinne des Angegriffenen nicht Zukommendes aus ihm

herausgeworfen wird, erlangt es die ideale Qualität, die es zur wahren

Erscheinung macht. Die Natur bringt so als ihren Gipfel nothwendig die

Empfindung hervor; erst in ihr kommt die schweigende unsichtbare Welt

der kosmologischen Dinge zur wahrhaften Erscheinung und die Qualität der

Sinne, der Glanz, der Klang, der Druck und die Wärme bilden mit den

Gefühlen der Lust und Unlust diejenige Grundlage des idealen Geschehens,

zu der sich der todte und erscheinungslose Zusammenhang des

Kosmologischen erhebt.« Die sinnlichen Qualitäten sind das Material,

dessen Combination und Entwicklung in sich als der Schein des idealen

Geschehens das eigentliche Erscheinen bildet. Dieses ist nicht, »so lang

die Wellen des mechanischen Geschehens sich nicht bis an die Schwellen

des idealen Wesens fortsetzen, das die Störung seiner eigenen

mechanischen Basis in Gestalt jener Qualitäten auf idealem Gebiete von

sich abstößt ... Klingen des Schalles und Glänzen des Lichtes treten

(daher) mit einem neuen Anfang des Geschehens auf idealem Gebiet hervor,

indem das ideale Wesen in ihnen seine eigene Störung empfindet, und an

ihr das Wesen der äußern Ursachen mißt. Diese innere Welt der

qualitativen Erscheinung ist eben deshalb nur da möglich, wo ein ideales

Wesen vorhanden ist, welches organische Formen zu der gesetzmäßigen

Grundlage eines Begriffs verbindend, die äußere Einwirkung als Störung

dieses Begriffs empfinden kann. Wo Massen oder zufällige Gebilde in

Conflict mit einander gerathen, da wird das Geschehen zwischen ihnen,

die keinen Begriff der idealen Welt zu vertreten und zu vertheidigen

haben, nur ein kosmologisches bleiben, das nicht in ihnen, sondern in

einem Dritten zur Erscheinung kommt.«

(116) Vgl. =Weiße= über =Lotze=: =Fichte='s Zeitschrift. IX. 8.

S. 260.

Die idealen Wesen sind sonach die unerläßlichen Bedingungen qualitativer

Erscheinung und wirklichen Geschehens. Ihre Beschaffenheit ist demnach

entscheidend für die Art und Weise, wie wir das wirkliche Geschehen zu

denken haben. Welche Vorstellung dürfen wir uns nun von denselben

machen?

Sie sind bloße Phantasiegeschöpfe! »Denn da die Qualität der Empfindung

nicht ein Attribut des mechanischen Processes ist, der sie erregt,

sondern die Folge aus ihm und einer andern Prämisse, welche aus der

Natur des idealen Wesens fließt, so müssen wir der Phantasie gestatten,

über die Grenzen unserer Sinnlichkeit hinauszuschweifen und ideale Wesen

zu denken, welche die gleichen einwirkenden Kräfte in mannigfaltige

verschiedene Formen der Empfindung projiciren.«

Wenn wir auf diese Weise das ideale Wesen, das wir nach Seite 273 in dem

Bestreben, »die Beziehungen, welche die Ontologie zwischen den Seienden

bietet, aufzusuchen, eben selbst gewesen sind,« wenn wir sonach unsere

eigene Existenz in ein »bloßes Gebild der Phantasie« sich verflüchtigen

sehen, dürfen wir da nicht billig fürchten, den Boden der Metaphysik

unter den Füßen verloren zu haben? Stehen wir nicht hier auf dem Punkte,

statt der monadistischen Vielheit specifisch verschiedener Realen nur

eine Mehrheit unter sich verschiedener »Gesetze« vor uns zu haben, denen

unmittelbare Bedeutung für das Wirkliche ohne Dazwischenkunft einer

denkenden und handelnden Persönlichkeit nur dann mit einigem Rechte

zugestanden werden kann, wenn man ihr als lebendiger »Genesis« oder

»dialektisch sich fortbewegender Idee« etwa ein ursprüngliches

wirkliches, mit dem Denken identisches Sein zuspräche, wogegen sich aber

der Verf. selbst entschieden ausspricht. Er will sie ausdrücklich als

bloße (an sich seiende) Gesetze angesehen wissen, nach deren innerer

Nothwendigkeit sich der Schein so ordnet, daß der Schein der

Substantialität, der Thätigkeit und der sinnlichen Qualität entsteht.

Ist es aber nicht wahr, daß sobald alle realen Grundlagen außer den

Gesetzen sich in »Phantasiegeschöpfe« auflösen, auch Dasjenige fehlt,

=welchem= der Schein überhaupt erscheinen, und das selbst nicht wieder

weder ein Zweck noch ein Gesetz sein kann? Ein Solches, welchem der

Schein erscheint, ist zum wenigsten der Denker selbst. Wenn aber auch

Dieser nur ein »Phantasiegeschöpf« ist, verliert dann die Existenz des

Scheines überhaupt nicht allen Halt? Kann Etwas erscheinen, wo Niemand

ist, dem es erscheinen kann? Ja kann überhaupt nur etwas erscheinen, wo

Nichts vorhanden ist, an welchem es erscheinen kann? Fallen aber, sobald

derjenige fehlt, welchem der Schein erscheint, nicht auch alle die

Gründe hinweg, welche die Anordnung dieses Scheins nach ethischen

Principien, und metaphysischen Kategorien zur Folge haben? Ja sogar die

Reflexion über dieselben ist unmöglich, wenn kein ihrer fähiges Wesen

vorhanden ist.

Indeß dies würde uns in eine Kritik des ganzen Standpunktes des Verf.

verwickeln, wo wir nur ein einzelnes Princip des Geschehens

hervorzuheben uns vorgenommen haben. Dieses ist in der That von der Art,

daß es uns gestaltet, den Gang der Untersuchung wenigstens dem Wortlaut

nach zu seinem Anfangspunkt zurückzubiegen. Wir gingen von einer

=prästabilirten Harmonie= aus und stehen wieder bei einer solchen, wenn

sie auch mit der erstern wenig mehr als den Namen gemein hat. Die

erstere nimmt unveränderliche, den Realen von Gott eingepflanzte Gesetze

(_insitae leges_) an, nach welchen sich der Ablauf der Veränderungen in

denselben immanent entwickelt; die zweite betrachtet das sogenannte

Reale selbst nur als die scheinbare Hülle des immanenten Gesetzes, das

ohne von einer Persönlichkeit eingepflanzt worden zu sein, sich seiner

eigenen innern bewegenden Natur nach vollständig erfüllt. Die

Veränderungen in den Monaden stimmen nach dem Willen der vollkommensten

Persönlichkeit, der _Choix du meilleur_ miteinander überein: das

wirkliche Geschehen harmonirt bei =Lotze= mit der vorstellenden

Empfindung vermöge der Natur der »innern Qualität« der letztern und des

Zusammenhangs, welcher unter den idealen Gesetzen herrscht, welche das

Wesen des Scheins ausmachen. Das Uebergehen allgemeiner Gesetze und

Essenzen in die Wirklichkeit hängt nach =Leibnitz= vom Verstande und

Willen der Gottheit ab, welche das Beste erkennt und das Beste will:

nach =Lotze= ist es der an und für sich unbedingten Werth oder Unwerth

habende oder nicht habende Inhalt der Gesetze, von welchen einzig, mit

Ausschluß aller nach ihnen handelnden oder setzenden Persönlichkeit, ihr

Uebergang in die Wirklichkeit abhängt. =Lotze='s Teleologie ist eine

=immanente=, =Leibnitz=' und auch =Herbart='s eine äußerliche. Diese

setzt eine Persönlichkeit gegenüber dem vorhandenen geschaffenen Stoffe,

welche den Zweck denkt und sich des Stoffes zu seiner Realisirung

bedient. Jene setzt die Zwecke als solche absolut, die durch den

Durchgang durch die Erscheinungswelt sich selbst vollenden und zur

erfüllten Realität verwirklichen. Wenn wir daher (wie der Verf. selbst

es will) die »Bewegung« des Gedankens als belebtes oder lebendes Ding

ausschließen, so bleibt uns nichts übrig, als zu sagen: Ein Gesetz ist,

so lange es von keinem vernünftigen Wesen gedacht wird, nichts weiter

als ein Satz, der an und für sich gar keine Wirkung hervorzubringen

vermag: gedacht und erkannt geht es in die Wirklichkeit über, und vermag

Handlungen und Thätigkeiten vernünftiger Wesen so zu bestimmen, daß

diese ihm entsprechende Veränderungen an andern wirklichen Dingen

hervorbringen. Es aber an und für sich als Satz, als nicht wirklich

Existirendes, Grund wirklicher Dinge und wirklichen Geschehens werden zu

lassen, das läßt sich mit der eigenen Behauptung des Verf. nicht

vereinen: Nur Wirkliches könne Wirkliches erzeugen.

Damit stünden wir am Rande unserer Untersuchungen auf gegebenem Gebiete,

so weit sie den Monadismus betreffen. Strenggenommen gehörte das

letztere System nicht mehr hieher, wenn es sich nicht auf die

Voraussetzung einer Mehrheit idealer Wesen als Träger des Scheines

stützte, in denen man aber wenig Verwandtschaft mit Monaden und Realen

mehr erkennen mag. Eher ließen sie sich mit den vagen Dingen an sich der

kritischen Philosophie vergleichen. Jedenfalls ist das wirkliche

Geschehen an ihnen eben so transcendent, wie an den Dingen an sich,

Monaden und Realen, und die immanente Zweckbeziehung durch das Bedürfniß

zusammenhaltender Einheit gegeben. Entscheidend für die Zulässigkeit der

von dieser Ansicht aufgestellten Theorie des wirklichen Geschehens ist

die Erkenntniß der Nichtidentität der Verhältnisse zwischen Grund und

Folge, und zwischen Ursache und Wirkung, und der Unmöglichkeit jenes,

das nur unter Sätzen als Nicht-Existirendes gilt, auf die wirklichen

Dinge zu übertragen.

Gegen =Drobisch= sind es hauptsächlich zwei Einwendungen, die uns der

Berücksichtigung werth schienen; die eine: daß Raum- und Zeitbeziehungen

in keinem Fall mit unter die =wirklichen= oder äußern Beschaffenheiten

der Dinge gerechnet werden dürfen; die andere: daß auch in den =äußern=

Beschaffenheiten, Beziehungen und Verhältnissen wenigstens gewisser

Dinge kein Wechsel vorfallen könne, wenn nicht auch in deren =innern=

Eigenschaften ein solcher stattfindet, den aber die Annahme einfacher

unveränderlicher Qualität nicht erlaubt.

Die Bedenken gegen die Theorie der Selbsterhaltungen lassen sich in

kurzem auf vier zurückführen:

a) Die Selbsterhaltungen der Realen sind völlig überflüssig. Denn ist

einmal absolut unmöglich, daß ein Reales auf was immer für eine Weise in

dem andern Veränderungen hervorbringe, wozu hat dieses nöthig, sich

gegen jenes selbstzuerhalten?

b) Scheint aber dieser Einwurf die Selbsterhaltung mit einer Thätigkeit

der Realen selbst, was sie nicht sein soll, zu verwechseln, und ist nur

diese absolute Unmöglichkeit Störungen zu erleiden, selbst die

Selbsterhaltung, so ist im Grund jede Selbsterhaltung nichts weiter, als

ein specieller Folgesatz aus dem allgemeinen Satze: Es kann überhaupt

keine Störung stattfinden, also überhaupt nichts anders als ein Satz,

der keine reale Bedeutung hat, von der Form: _A_ ist _A_.

c) Daher ist auch von keinem Wechsel, keiner Veränderung der Realen bei

diesem Geschehen die Rede, ungeachtet selbst =Lotze= gesteht: ein wahres

Geschehen sei nur dasjenige zu nennen, welches »zum Ende ein qualitativ

Anderes als zum Anfangspunkte hat.« Die Selbsterhaltung dagegen ist ein

fortwährendes Sichselbstgleichbleiben des Realen; es tritt mehrmals in

das Verhältniß, sich ändern zu sollen; aber die vorhandene Unmöglichkeit

schneidet allen Wechsel ein für allemal ab. Ob es diese Störung, die es

einmal durchaus nicht erleiden kann, nicht durch _C_, nicht durch _D_,

nicht durch _E_ erleidet, kann dem _A_ an sich genommen höchst

gleichgiltig sein. Will man aber diesen Umstand als modificirend für die

Selbsterhaltungen und die letztern wirklich als verschiedene innere

Zustände im Realen (nach =Strümpell=) ansehen, so

d) frägt es sich neuerdings, wie sich eine solche Vielheit wirklicher

Zustände mit der streng einfachen Qualität der Seele in Einklang bringen

lasse? Hiezu kommt, daß uns die Vielheit wirklicher Zustände in der

Seele in unserm eigenen Bewußtsein gegeben wird, und auf diese Weise

sich zugleich als ein Ding mit mehreren Merkmalen und der Veränderung

unterworfen zeigt.

Bei der prästabilirten Harmonie ist die Abwesenheit des wechselseitigen

Einwirkens am auffallendsten, der Mechanismus und Fatalismus, der

dadurch in den Lauf des Geschehens im Innern und Aeußern der Monaden

gebracht wird, am widersprechendsten mit der täglichen geläufigen

Erfahrung. Nachdem einmal die falsche Vorstellung von physischer Wirkung

als Uebergang von Materie beseitigt, und wenigstens die Möglichkeit

offen gelassen ist, daß die vollkommenste Monade ihrerseits auf alle

andern und im vollkommensten Grade zu wirken im Stand sei: da ist in der

That kein weiterer Grund vorhanden, die Fähigkeit der äußern

Wirksamkeit, wenn auch in minderem Grade, den unvollkommneren Monaden

abzusprechen. Wie sie an denselben gedacht werden könne, wollen wir im

nächsten Abschnitt zu zeigen versuchen.

Leibnitz' Monadologie Deutsch mit einer Abhandlung über Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen Geschehens · 第 4 / 13 题