Um dieses Construiren handelt es sich aber auch gar nicht, sondern um

die Erkenntniß und den Beweis gewisser Wahrheiten. Sind diese einmal

außer Zweifel gesetzt, welches bei Erfahrungssätzen durch die Erfahrung

selbst und den Augenschein, bei Begriffssätzen aber wieder nur durch

bereits anerkannte Begriffswahrheiten möglich ist; widersprechen sie

also keiner reinen Begriffswahrheit, sondern folgen vielmehr aus einer

oder mehreren solchen: so besitzen auch ihre Gegenstände die

Beschaffenheiten, welche sie von ihnen aussagen, mit Nothwendigkeit, und

wir können dessen gewiß sein, selbst wenn wir sie an den Dingen nicht

empirisch nachzuweisen vermögen. Eine ganz andere Frage ist es, ob wir

von diesen Beschaffenheiten der Dinge uns mittels unserer

Einbildungskraft ein wie immer vollständiges »Bild« zu entwerfen im

Stande seien, und diese wird sich in sehr vielen Fällen verneinen

lassen. Vom Einfachen, vom Unendlichen vermag sich das Denken wohl einen

Begriff, die Einbildungskraft aber kein Bild zu machen. Darum wäre es

gleichwohl irrig, zu sagen, daß wir die Begriffe des Einfachen und

Unendlichen nicht hätten. Haben wir sie nicht, indem wir davon sprechen?

Sagen wir nicht sogar von den Gegenständen, den einfachen sowohl als den

unendlichen, manche unbezweifelte Beschaffenheit aus, ohne sie sinnlich

wahrnehmen zu können, z. B. gleich, daß wir uns von den erstern kein

Bild zu machen im Stande sind, oder daß wir mit der Zählung des letztern

niemals fertig werden u. s. w.? Sagt man also wohl mit Recht, man könne

diese Begriffe nicht =denken=, und die Schwierigkeiten der

Raumconstruction seien deshalb unauflöslich und die Stetigkeit des

Raumes, die sich aus streng apriorischen Gründen darthun läßt, selbst

verwerflich, weil ihr die construirende Einbildungskraft nicht zu folgen

vermag? Gesteht doch selbst =Fischer=, obgleich er für seine Person

nicht weniger dagegen handelt: »Diejenigen, deren wissenschaftliche

Beschäftigung ganz im Gebiete der Anschaulichkeit liegt, glauben Mangel

an Deutlichkeit und Befriedigung des Verstandes zu finden, wo sie die

Anschaulichkeit vermissen. Aber Deutlichkeit ist Sache des Verstandes,

nicht des Anschauungsvermögens, und das, was blos gedacht, aber nicht

angeschaut wird, ist vollkommen deutlich, wenn es mit vollem Bewußtsein

gedacht wird und nach den Gesetzen des Denkens nicht anders gedacht

werden kann(124).« Dasselbe ist hier der Fall. Zwei unumstößliche

Lehrsätze, die sich streng erweisen lassen, zwingen uns den Raum stetig

zusammenhängend und stetig erfüllt zu denken; das Widerstreben unsers

Vorstellens entsteht aus natürlicher Beschränktheit unsrer

Einbildungskraft, die das begrifflich Gedachte auch bildlich anschauen

will, was bei einfachen Punkten und unendlicher Anzahl nicht gelingen

kann. Während die Einführung der reinen Aneinander offenbar der

erwiesenen Begriffswahrheit, daß sich je zwei Punkte nur entweder im

Ineinander, wo sie derselbe Punkt sind, oder im Auseinander, wo dann ein

=Zwischen= nothwendig wird, befinden können, geradezu widerstreitet, und

auf diese Weise richtige Raumvorstellungen aus einer erweislich falschen

abgeleitet werden sollen: tritt unsre begriffliche Erkenntniß nur mit

der fehlerhaften Angewöhnung unsrer Phantasie in Widerspruch, an die

Stelle des begrifflich Erfaßten ein sinnliches Schema schieben, das

Unendliche verendlichen, das Nieanschaubare anschauen zu wollen. Diese

sinnlich erreichbar und construirbar sein sollende ist die wahre

»schlechte« Unendlichkeit, für welche die Dialektik mit so viel Unrecht

den Proceß _in infinitum_ überhaupt und die unendliche Zahlenreihe

ausgegeben hat. Das Unendliche einer Zahlenreihe, die unendliche einen

Körper oder ein Raumding erfüllende Menge von Punkten ist darum weder

=unbestimmt= noch =unbegrenzt=. Sagen wir z. B. »die Reihe aller

Primzahlen,« so ist dadurch jedes Glied, das in diese Reihe gehört,

genau =bestimmt=, und jedes Ungehörige eben so ausgeschlossen, wenn wir

auch weder jedes einzelne Glied mit Namen, noch ihrer aller Summe

anzugeben wissen. Spreche ich von dem Inbegriff sämmtlicher innerhalb

des Umfangs des Dreieckes _A B C_ in derselben Fläche gelegenen Punkte,

so habe ich damit nicht nur alle außerhalb dieses Umfangs vorhandenen,

sondern auch die Punkte des Umfangs selbst ausgeschlossen, und dadurch

die unendliche Menge der innern Punkte so genau =bestimmt=, daß kein

Zweifel mehr entstehen kann, ob irgend ein wo immer belegener Punkt zu

den innern oder den äußern, oder den Punkten des Umfangs gehöre. Auf

gleiche Weise bestimmt sich die unendliche Menge der Punkte, welche die

Linie _a b_ oder den Körper _A B C D_ ausmachen. Daraus erhellt, daß gar

kein Widerspruch in dem Umstande liegt, daß z. B. die Linie _a b_

=zugleich=, aber in =verschiedener= Hinsicht, =endlich= und =unendlich=;

die Summe einer unendlichen Reihe z. B. sämmtlicher zwischen den

natürlichen Zahlen 1 und 2 gelegener Brüche -- einer endlichen Größe:

der =Einheit= gleich sei, daß somit ein Unendliches nicht nur

=begrenzt=, sondern auch =genau bestimmt= sein könne.

(124) Abhandlungen zur Atomenlehre (Berl. Ak. d. W. 1828, S. 88).

Die erwähnten Schwierigkeiten, die dem Raumbegriffe und der Erklärung

des Unendlichen angehören, mögen einen Theil von jenen ausgemacht haben,

die nicht nur =Leibnitz=, sondern auch manchen Andern abschrecken

konnten, den von uns im Sinne seiner Grundsätze angedeuteten Ausweg

einzuschlagen. In der That, ist unsere, in Uebereinstimmung mit den

größten Denkern, wie =Plato=, =Aristoteles=, =Zeno=, =Euklides=,

=Archimedes=, St. =Augustin=, =Thomas von Aquin=, =Scotus=, =Occam=,

=Newton=, =Leibnitz=, =Boscowich= u. m. a. dem einzigen Epikur und

einigen Neuen gegenüber vertheidigte Behauptung richtig: so ist die

bisher versuchte Erklärung des äußern Einflusses, mittels Berufung auf

unmittelbare d. i. wie man sich einbildete, zwischen =nächsten=

Raumpunkten oder zwischen =nächsten= Substanzen stattfindende Wirkungen,

in einer wesentlichen Rücksicht falsch und bedarf der Verbesserung. Das

Sinnenfällige, welches dieselbe dadurch erhielt, daß man sich beim

unmittelbaren Einfluß die wirkende und leidende Substanz in nächster

Nähe, in unmittelbar aneinander anstoßenden Orten, in einer kleinsten

Entfernung dachte, so daß die _actio_ wohl eine _transiens_, wohl gar

_in distans_, aber nur in der kleinsten Entfernung, nämlich in der des

reinen Aneinander war, müssen wir völlig aufgeben. Denn sowohl die

Annahme, es gebe nächste Raumpunkte, als jene, es gebe einfache

Substanzen, zwischen welchen sich leerer Raum befinde, verlangt eine

Unmöglichkeit und steht mit wahren Begriffserkenntnissen im Widerspruch.

Niemals kann die Distanz, auf welche die unmittelbare Wirkung sich

erstreckt, eine kleinste werden, weil, so nahe wir uns auch zwei Punkte

gerückt denken mögen, immer noch eine ganze Unendlichkeit zwischen

beiden liegt; in keinem Fall kann ein Atom den andern berühren, weil sie

weder in demselben noch in zwei unmittelbar aneinander stehenden Orten

befindlich sein können(125), nimmermehr kann eine Durchdringung

statthaben, weil zwei einfache Wesen nicht in einem einzigen Orte sein

können. Eben so wenig stichhältig ist auch die Supposition, die wir

bisher gemacht, daß die Einwirkung immer in der geraden Linie erfolgen

müsse, oder durch eine dazwischen liegende Substanz aufgehoben würde.

Bleiben wir bei dem dort angeführten Beispiel von dem Stoße dicht

aneinander aufgehangener Kugeln, so ist es klar, daß die Einwirkung der

Ersten auf die Letzte nicht durch die mittlere vermittelt werden muß,

sondern eben so gut durch eine Seitenbewegung der ersten Kugel in

halbkreisförmiger Schwingung erfolgen könne. Auch der Stoß der Kugel auf

der Fläche mittels des Rückpralls von einer elastischen Wand kann

dasselbe beweisen.

(125) Vgl. die Anmerk. S. 149.

Ist dem also, so scheint es fast, als sei damit das ganze mühsam

gewonnene Resultat einer möglichen =äußeren= (unmittelbaren und folglich

auch mittelbaren) Einwirkung der einfachen Substanzen unter einander,

völlig über den Haufen geworfen. Wir müssen alle von sinnlichen

Wahrnehmungen und Vorstellungsweisen hergenommenen Gedanken fallen

lassen; weder Uebergang materieller Theilchen, noch kleinste Distanz,

weder Berührung noch Durchdringung sind zulässig, wenn es gilt, den

äußern Einfluß zu erklären; es bleibt uns, wenn wir nicht die

Möglichkeit der äußern Einwirkung als solche vernichten wollen, nichts

übrig, als der Begriff der =unmittelbaren Wirkungen= allein ohne jeden

weitern Zusatz.

Alles was wir von jetzt an von der Vorstellung des unmittelbaren

Einflusses fern halten müssen, waren nur Versuche, diesen widerhaarigen

Begriff auf irgend eine Weise für unsere Einbildungskraft zurecht zu

machen. Eine Wirkung in die Ferne bei der =kleinsten= Distanz =dünkt=

uns eher begreiflich, als eine, bei welcher die Entfernung nur auf die

Größe des Erfolgs Einfluß hat. Dabei vergessen wir in der Regel, daß da

alle Entfernungen einander ähnlich sind, es für den Eintritt der Wirkung

selbst ganz gleichgiltig sein muß, ob sie in größerer oder geringerer

Entfernung erfolgt. Die Größe der Entfernung ist ein rein zufälliger

Umstand. Denn da sie selbst nicht durch reine Begriffe, sondern nur

durch Vergleichung mit gewissen Anschauungen bestimmt werden kann, so

kann es auch keine reine Begriffswahrheit geben, die untersagte, daß in

einer Entfernung von dieser oder jener Größe noch eine unmittelbare

Wirkung stattfinde. Ein Satz, der dies Verbot in Bezug auf eine

bestimmte Entfernung enthielte, wäre kein reiner Begriffssatz mehr, weil

=diese= bestimmte Entfernung eine Anschauung in denselben hineintrüge.

Was aber nicht durch eine reine Begriffswahrheit verboten wird, was

nicht mit einer solchen im Widerspruche steht, das ist =an sich

möglich=, und bedarf eines hindernden Grundes, warum es nicht =wirklich=

werden solle oder werden könne. So das Stattfinden äußerer Einwirkung in

jeder beliebigen Entfernung.

Transeunte Action durch =Berührung= sagt unserer an möglichste

Nahebringung und Verdrängung körperlicher Gegenstände gewöhnten

Phantasie =mehr= zu, als äußerer Einfluß ohne dieselbe. Allein was

denken wir uns unter Berührung? In der Regel erklärt man, dieselbe finde

statt, wenn gewisse Theile zweier oder mehrerer Körper sich in demselben

Raumtheile befinden. Allein dies ist schlechterdings unmöglich, weil

nicht zwei (wenn auch einfache) Wesen an demselben Orte sein können.

Legt man aber die Berührung zweier Körper so aus, daß zwischen ihnen

kein Raum mehr ist, so widerspricht dies dem erwiesenen Lehrsatze, daß

zwei Punkte sich niemals die nächsten sein können. Im gewöhnlichen Leben

wird unter Berührung zweier Körper meist nur verstanden, daß sich

zwischen denselben nur mehr Luft oder Wasser, oder eine andere ihnen

ungleichartige und sehr wenig dichte Masse in sehr dünnen Schichten

befinde. Aber man mag unter Berührung dies oder was man sonst immer

will, verstehen, so sieht man, immer müsse auch bei dem Einwirken zweier

Körper auf einander, bei sogenannter Berührung, irgend ein unmittelbares

Einwirken einer oder mehrerer Substanzen des Einen auf eine oder mehrere

des Andern, und somit eine _actio in distans_ stattfinden, weil es sonst

nie zu einer vermittelten Einwirkung käme.

Mit dem Grundsatze: zwei Wesen, einfach oder zusammengesetzt, können

sich nicht in demselben einfachen oder zusammengesetzten Raume befinden,

ist eigentlich auch schon die Hypothese der =Durchdringung= der Körper

und Atome abgewiesen. Wir glauben sie dort wahrzunehmen, wo im Grunde

nur die Erscheinungen der Porosität in feinerer Gestalt vor sich gehen.

Bei unserer Ansicht von stetig erfülltem Raume erstreckt sich die

Porosität viel weiter, weil es niemals zwei Punkte gibt, die nicht

zwischen sich das Eintreten eines dritten duldeten. Wenn sich aber die

Vertheidiger jener Hypothese auf das Zeugniß der Chemie berufen, so

spricht diese oder vielmehr die atomistische Theorie in derselben ihnen

gerade entgegen. Diese erkennt überall nicht Mischung sondern =Mengung=,

kein Ineinandersein; und die »Durchdringung« erscheint als blos an

zusammengesetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der

Porosität. Dabei fällt es der Chemie nicht ein, die Zahl der Atome, die

einen Körper constituiren, absolut angeben zu wollen, wie denn

überhaupt, was sie Atome nennt, nicht als ein absolut einfacher Theil

(eine Monade), sondern als ein aus mehreren (im Grunde unendlich vielen

einfachen Theilen) zusammengesetztes Körperchen angesehen werden soll.

Sie begnügt sich vielmehr mit Angabe des Verhältnisses, in welchem sich

Atome verschiedener Gattung in Bezug auf einen als Maßstab angenommenen

Stoff miteinander verbinden.

Alles dieses, wozu noch die Vorstellung der Geradlinigkeit der äußern

Einwirkung kommt, wie man sie aus den sichtbaren Erscheinungen des

Stosses, des Schusses u. dgl. abstrahirt, alles dies soll uns helfen,

ein Bild der unmittelbaren Einwirkung zur Veranschaulichung zu

entwerfen; alles dies soll mit dazu beitragen, eine Erklärung des =Wie=,

der Art und Weise, wie dieselbe vor sich geht, zu liefern, während es

gerade das Wesen der unmittelbaren Wirkung ist, gar kein »Wie«

zuzulassen. Eine Wirkung, von welcher sich ein »Wie« angeben ließe, wäre

eine vermittelte, der Erklärung fähige, eine solche, welche sich

zerlegen läßt, also eine zusammengesetzte, die selbst wieder fähig sein

müßte, auf einfache, unvermittelte zurückgeführt zu werden.

Unternehmen wir es daher, die unmittelbaren Wirkungen zu erklären, so

versuchen wir etwas, das ihrem Begriffe widerspricht; etwas, welches =an

und für sich unmöglich= ist. Mißlingt uns daher die Erklärung, führt sie

Widersprüche, Irrthümer und Unrichtigkeiten herbei, so ist dies nur eine

Folge unsrer ungereimten Forderung: das Unerklärbare solle sich erklären

lassen. Keineswegs aber darf uns dies Mißlingen an der Wahrheit des

Satzes selbst, es gebe unmittelbare Wirkungen, irre werden lassen, so

wenig als das Mißlingen aller Versuche, den reinen Sauerstoff zu

zerlegen, uns zweifeln machen darf, ob ein solcher Stoff wirklich

vorhanden sei, vielmehr gerade zur vollkommensten Bestätigung dient, es

existire ein solcher, und zwar als einfacher Stoff.

Lassen wir daher von jetzt an alle aus dem Streben, das begrifflich

Gedachte auch möglichst sinnlich zu vergegenwärtigen, hervorgegangene

Erklärungsversuche bei Seite, und halten wir uns streng an den Begriff

der unmittelbaren Wirkungen selbst. Zuvörderst ergibt sich, daß jede

unmittelbare Wirkung eine _actio transiens et in distans_, und zwar in

was immer für eine endliche Entfernung sein müsse.

Betrachten wir neuerdings den Stoß zweier Kugeln. Es ist klar, daß der

stoßende Körper nicht früher in den Ort des gestossenen eindringen kann,

als bis dieser denselben verlassen hat. Wann wird dieser aber anfangen,

denselben zu verlassen? Sobald der Erstere auf ihn einwirkt. Wie

geschieht das? Sobald er ihn =berührt=, sagt die =sinnliche=

Wahrnehmung, d. h. sobald beide einen Punkt gemein haben, wie z. B. die

Tangente und ihre krumme Linie. Diese =sinnliche= Betrachtungsweise

müssen wir jetzt fernhalten. Denn lagen nicht die Körper noch vor dem

Stosse ganz auseinander, und jetzt sollen sie einen gemeinschaftlichen

Punkt besitzen? Sie müßten sich also wohl durchdringen? Allein wäre dann

noch ein Grund vorhanden, daß die gestossene Kugel von der Stelle

weiche, sobald die stossende sich völlig in dieselbe eindrängen kann?

Folglich durchdringen sie einander nicht, weder ganz noch theilweise,

haben keinen Punkt gemein, liegen also gänzlich auseinander. Gleichwohl

weicht die Eine, ehe die Andere sie berührt, vom Platze, erleidet daher

eine Wirkung aus der Ferne. Wie groß darf die Entfernung sein, damit

noch eine Wirkung erfolge? Läßt sich ein =innerer= Grund angeben, warum

in einer gewissen Entfernung dieselbe noch erfolgen könne, in einer

andern nicht mehr, (natürlich abgesehen von den dieselbe schwächenden

äußeren Einflüssen, welche sie vielleicht unserer Wahrnehmung entziehen,

dennoch aber nicht vernichten und auf Null bringen können)? Keineswegs;

alle Entfernungen sind einander ähnlich. Müssen wir daher zugeben, daß

eine Substanz auf eine andere einwirken könne in einer gewissen

Entfernung, sei sie auch noch so klein: so besteht diese Möglichkeit des

Einwirkens auch in jeder andern noch so großen Entfernung, nur der

=Grad= der Einwirkung wird sich nach Maßgabe dieser Entfernung ändern

müssen. Es enthält daher nichts Widersinniges, zu behaupten, daß jede

Substanz, die nur überhaupt nach außen wirkt, auch bis in die

größtmögliche Entfernung hinaus unmittelbar zu wirken im Stande sei.

Dies ist aber auch Alles, was wir über das Wesen unmittelbarer Wirkungen

ihrer Natur nach zu sagen vermögen. Sie weiter erklären und auseinander

setzen wollen, hieße sie in vermittelte, nicht mehr einfache und

unvermittelte Wirkungen umwandeln. Die unmittelbare Wirkung ist ein

einfacher, theilloser Act, dessen Dasein nothwendig wird durch das

factische Vorhandensein zusammengesetzter und theilbarer Acte, und

dessen weitere Auseinandersetzung seiner einfachen Natur entgegen ist.

Sie ist aber der einzig mögliche und denkbare Ausweg, unser

metaphysisches Denken mit dem Augenschein der sinnlichen Erfahrung in

Uebereinstimmung zu bringen. Dies könnte gering scheinen; vielleicht

könnte Jemand gerade darum Mißtrauen gegen sie hegen, weil sie sich mit

der Erfahrung zu harmoniren bemüht, weil sie sich auf den Augenschein

beruft, und auf diese Weise nicht auf reinen Begriffswahrheiten, sondern

auf bloßen Erfahrungs- und Wahrscheinlichkeitssätzen zu beruhen scheint.

Selbst wenn dies der Fall wäre, würde sie durch einen Vergleich mit den

Hypothesen anderer Systeme noch nichts verlieren. Abgesehen davon, daß

diese meist geradezu der Erfahrung, dem Augenschein, der

Wahrscheinlichkeit widerstreiten: haben wir auch nachzuweisen gesucht,

daß sie gewissen unbestreitbaren Begriffswahrheiten zuwider sind,

während die unsere nicht nur als an sich =möglich=, weil sie der

Erfahrung entspricht, als =wahrscheinlich=, sondern als =wirklich= und

=nothwendig= anerkannt werden muß. Wirft man ihr dagegen vor, sie sei

=undenkbar=; denn sie verlange etwas Einfaches, Unbegreifbares,

Unerfaßliches zu erfassen, so erinnere man sich, ob es wohl leichter

sei, die intellectuelle Anschauung, die pantheistische Substanz, die

logische Idee, das Absolute klar und anschaulich zu denken. Kann bei den

letztern von einem klaren, deutlichen Denken nur überhaupt die Rede

sein, wo die erste Forderung damit beginnt, so heterogene Dinge, wie

Denken und Sein, zu identificiren, oder eine unendliche Vielheit,

Individualität und Mannigfaltigkeit in eine unbegreifliche Einheit zu

verschmelzen? Kein unbefangener Verstand sträubt sich gegen den von

selbst klaren Satz: daß es Veränderungen gebe, von welchem aus wir auf

dem natürlichsten Wege durch Anwendung eben so unzweifelhafter reiner

Begriffswahrheiten: Wo es Zusammengesetztes gibt, müsse es Einfaches; Wo

es Vermitteltes gibt, Unvermitteltes geben, zu der Annahme

unmittelbarer, an und für sich (ihrem Wesen nach) nicht weiter

erklärbarer, Wirkungen gelangten: aber jedes gesunde Denken empört sich

gegen jede Identification des Begriffs mit seinem Gegenstande, weil sie

der unmittelbarsten Erfahrung und dem schlichtesten Verstandesurtheil

widerstreitet und lächerlich wird, sobald sie sich nur in die

entfernteste Nähe des wirklichen Lebens wagt(126). Dawider war freilich

kein anderes Mittel übrig, als indem man den Verstand selbst seiner

unbestrittensten Rechte entsetzte, und im =Widerspruch= die Wahrheit

fand, womit man jedoch die Henne todtschlug, welche die goldenen Eier

legte. Nicht genug läßt sich im schroffen Gegensatz zu dieser kühnen,

auf innerlich widersprechenden Grundlagen beruhenden Hypothesenbauerei

der modernen Weltweisheit der Tiefsinn, Ernst und wahrhaft tief

eindringende Forschergeist =Herbart='s hervorheben. Wenn desungeachtet

auch er wie in so manchen Punkten, so besonders in jenem wichtigen

Theile der Metaphysik, dessen Darstellung uns in diesem Augenblick

beschäftigt, nicht jede Anforderung zu befriedigen vermag, so liegt die

Schuld weniger darin, daß er Schwierigkeiten leichtfertig übersprungen,

oder oberflächliche dialektische Brücken darüber geschlagen hätte:

sondern vielmehr in der allzu großen Gewissenhaftigkeit, mit welcher er

Hindernisse und Widersprüche auch dort zu erblicken meinte, wo für

Andere, die nicht weniger als er nach besonnener Gründlichkeit streben,

keine vorhanden zu sein scheinen. Die einfache Qualität, das reine

Aneinander machten ihm eine Vermittlung, wie die unsrige, unmöglich.

Dennoch ist er es, dessen gewichtiges Zeugniß uns zur erfreulichen

Bestätigung unseres Schlusses von den in der Erfahrung stattfindenden

vermittelten Wirkungen auf die unvermittelten nicht mehr wahrnehmbaren,

zwischen den einfachen Wesen, dienen kann.

(126) Vgl. =Exner=: Psychol. der =Hegel='schen Schule a. m. a.

Der hauptsächlichste Einwand nämlich, der sich gegen unsere ganze

bisherige Deduction der unmittelbaren Wirkungen erheben ließe, dürfte

der sein: daß wir bei unsrem Beweise von der Erfahrung ausgehen, die uns

das Dasein wenigstens mittelbarer Wirkungen darbietet, und daß daher

unsere ganze Schlußfolge statt auf reinen erweislichen Begriffssätzen,

auf bloßen mehr oder weniger gewissen Wahrscheinlichkeitsurtheilen

beruht. Dabei liegt die Ansicht zu Grunde, daß von allen jenen Sätzen,

die von einem Gegenstand der Erscheinungswelt etwas aussagen, keiner

unmittelbare Gewißheit habe. Die Skepsis weist nach, daß wir nicht

selten ganz falsche Wahrscheinlichkeitsurtheile fällen, daß wir dem

Augenscheine trauend Dinge zu erblicken oder zu hören meinen, deren

Vorstellungen blos in der krankhaften Beschaffenheit unserer Organe

ihren Grund haben. Die Sinnestäuschungen sind oft unwidersprechlich.

Daraus zieht sie den Schluß, daß dem Zeugniß der Sinne überhaupt nicht

zu vertrauen sei, daß Wahrnehmungsurtheile nur durch eine häufige,

völlig gleichlautende Wiederholung einen Grad von Wahrscheinlichkeit zu

ersteigen im Stande sind, welchen wir ohne merklichen Nachtheil an die

Stelle der Gewißheit setzen dürfen. Ferner folgert sie, daß aus blos

wahrscheinlichen Sätzen selbst mit Zuziehung anderer zweifellos wahrer

Sätze keine andere als wieder nur wahrscheinliche Schlußsätze folgen

können, und daß daher jeder Schlußsatz, unter dessen Prämissen sich auch

nur Ein aus bloßer Wahrnehmung geschöpfter Satz befindet, niemals mehr

als einen gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit ersteigen, d. h. niemals

mehr als eine mehr oder minder plausible Hypothese werden könne.

Gegen diesen Einwand läßt sich für den ersten Anschein nichts einwenden.

Es ist ganz und gar kein Zweifel, daß aus wahrscheinlichen Prämissen

auch nur ein wahrscheinlicher Schlußsatz folgen könne. Wenn daher in

unserm Schlusse der Obersatz folgendergestalt lautet: Sobald es

vermittelte Wirkungen gibt, muß es unvermittelte Wirkungen, die sich

nicht weiter erklären lassen, geben; so ist dies ein reiner und

unumstößlicher, in allen Fällen wahrer Begriffssatz. Es gibt vermittelte

Wirkungen, behaupten unsere Gegner -- hat nur Wahrscheinlichkeit, weil

er nur aus der Erfahrung geschöpft ist. Es ist ja möglich, daß wir

diesen Begriff und Zusammenhang erst selbst in die Erscheinung

hineinlegen; daß in Wahrheit gar nichts geschieht, weder Vermitteltes

noch Unvermitteltes; wenigstens sind wir nicht im Stande, ein solches

Geschehen nachzuweisen, ohne Gefahr, uns in einer Sinnestäuschung, einem

optischen Betruge zu verfangen, der unsre ganze Erfahrungserkenntniß

annihilirt.

Allein dies eben scheint uns zu viel behauptet. Wir besitzen in der That

die unmittelbar gewisse unzweifelhafte Erkenntniß eines wirklichen,

nicht blos scheinbaren Geschehens, welches einen äußern Einfluß zwischen

Substanzen mit Nothwendigkeit fordert.

Der oben angeführte Einwand wäre schlagend, wenn es die Voraussetzung

wäre, =daß alle Erfahrungssätze=, d. i. solche, die in ihren

Bestandtheilen, nähern oder entferntern, die Anschauung irgend eines

bestimmten individuellen Gegenstandes enthalten, _eo ipso_ auch bloße

Wahrscheinlichkeitssätze seien. Dem ist unsrer Meinung nach aber nicht

so, es gibt vielmehr welche darunter, denen =unmittelbare Gewißheit=

zukommt.

Betrachten wir die Erfahrungssätze in der kurz zuvor gesetzten Bedeutung

als solche, die auf irgend eine Weise Anschauungen unter ihren

Bestandtheilen enthalten, so finden wir, daß sich nicht alle in dieselbe

Classe werfen lassen. Einige darunter sagen nichts weiter, als das

Dasein einer gewissen Vorstellung, einer Empfindung, eines Begriffs,

einer Anschauung =in uns selbst= aus, andere enthalten die Aussage des

Vorhandenseins des Gegenstandes, welchen wir als =Ursache= jener in uns

daseienden Vorstellung ansehen. Urtheile letzterer Form, z. B. =dies=,

was ich jetzt wahrnehme, ist ein Baum, haben nur Wahrscheinlichkeit. Es

könnte ja auch blos das Bild eines Baumes, ja es könnte vielleicht gar

kein, außerhalb unsres Leibes vorhandener Gegenstand und nur eine

Affection meines Auges sein, die in mir die Vorstellung eines Baumes

erzeugt. Wenn ich in die Ferne ausschauend Etwas gewahre, was wie eine

menschliche Figur aussieht, und ich urtheile: es sei in der That ein

Mensch, so kann ich mich irren, es könnte vielleicht nur eine Bildsäule

sein. Dagegen kann ich mich nicht irren, indem ich sage: ich habe in

diesem Augenblick die Vorstellung eines in der Ferne befindlichen

Menschen. Diese habe ich ja in der That, indem ich von ihr spreche. Das

Dasein dieser Vorstellung in mir ist mir =unmittelbar gewiß=, nur nicht

das Dasein dieses oder jenes oder überhaupt eines sie hervorbringenden

außerhalb unsres Leibes selbst befindlichen Gegenstandes.

Alle Erfahrungsurtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_,

haben unmittelbare Gewißheit, sind selbst unmittelbare, nicht weiter

vermittelte Urtheile; Erfahrungssätze dagegen der Form: Der Gegenstand,

der die Anschauung _a_ in mir hervorbringt, hat diese oder jene

Beschaffenheit; er ist namentlich derselbe, der auch die andern

Anschauungen _b_, _c_, welche ich gleichzeitig habe, in mir

hervorbringt, kommen jederzeit nur durch Vermittlung, oft durch sehr

vielfache Vermittlung zu Stande. Nicht die Vorstellung: Rose, empfange

ich unmittelbar von außen, wenn ich das Urtheil fälle: =Dies= ist eine

Rose, sondern zunächst nur die Empfindungen des Roths, des Wohlgeruchs

u. s. w. Kehren diese Empfindungen, (deren Vorstellungen =Anschauungen=

oder =Diesse= sind) mehrmals und stets gleichzeitig wieder, so schließe

ich endlich, daß derselbe Gegenstand, der Ursache der Anschauung:

=Dieses= Roth, ist, auch Ursache der Anschauung: =Dieser= Wohlgeruch

u. s. w. sei, und so oft ich diese Anschauungen vereinigt vor mir habe,

auch derselbe Gegenstand: eine Rose, vorhanden sein mag. Das Urtheil:

Dieser Gegenstand ist eine Rose, sollte, deutlicher ausgedrückt, so

lauten: Der Gegenstand, welcher die in mir eben vorhandenen

Anschauungen: Röthe, Wohlgeruch u. s. w. hervorbringt ist ein solcher,

der wenn noch gewisse andere Umstände hinzukommen, z. B. wenn ich den

Stengel desselben mit meinen Fingern drücke, die Empfindung eines

Schmerzes hervorbringt u. s. w. Ein solches Urtheil ist daher, so häufig

es auch für das Gegentheil genommen wird, ein sehr vielfach

vermitteltes. Unter seinen Prämissen befinden sich nicht nur unmittelbar

gewisse Wahrnehmungsurtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung

=dieses= Wohlgeruchs, ich habe die Vorstellung =dieses= Roths u. s. w.,

sondern auch reine Begriffssätze, z. B. die Veränderung muß eine Ursache

haben u. a. Die wichtigste Rolle unter denselben aber spielt in den

meisten Fällen die =Gleichzeitigkeit= der Anschauungen: =Dies= Roth,

=Dieser= Wohlgeruch u. s. w. Diese, in einigen Fällen wahrgenommen, wird

hierauf durch die Induction auf alle Fälle ausgedehnt, und das Resultat

dadurch ein nur wahrscheinliches.

Von dieser Art sind jedoch keineswegs die Erfahrungsurtheile, auf welche

wir unsre Beweisführung stützen und deren Gebrauch uns die Gegner zum

Vorwurf machen. Diese sind =durchgehends= vielmehr =unmittelbar gewisse

Wahrnehmungsurtheile= von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_.

Mit Hilfe dieser =unmittelbar gewissen=, nicht blos wahrscheinlichen

Erfahrungsurtheile vermögen wir mit apriorischer Gewißheit wenigstens so

viel nachzuweisen, daß es außer unserm eigenen, dem vorstellenden Ich,

Dinge geben müsse, welche auf dasselbe einwirken, gleichviel ob

unmittelbar oder mittelbar. Mit unmittelbarer Gewißheit erkennen wir

zunächst, daß wir =Vorstellungen= haben, daß in uns =Zustände= vorhanden

sind, welche sich =ändern=, entstehen und vergehen. Das letztere folgt

daraus, weil es unter ihnen welche gibt, deren Inhalt von der Art ist,

daß sie sich einander ausschließen. Diese können nicht gleichzeitig in

uns vorhanden gewesen sein, wir müssen uns also verändert, die eine

Vorstellung muß der andern den Platz geräumt haben. Dieser Vorgang kann

nicht ohne einen Grund vor sich gegangen sein, welcher nur entweder in

oder außer unserm eigenen Ich gelegen sein kann. Die alte Vorstellung

kann nicht verdrängt werden, die neue nicht in's Bewußtsein treten ohne

in oder außer uns befindliche Ursache.

Wo kann nun diese Ursache liegen?

Nicht in unserm eigenen Ich, denn sonst müßte dieses eine _causa sui_

enthalten. Der Begriff einer _causa sui_ aber, wie man ihn bisher immer

verstanden und auch nicht anders verstehen kann, ist schlechthin

widersprechend. Denn ist es der richtige Begriff von Ursache und

Wirkung, daß ein wirkliches _A_ nur in jenem Falle die vollständige

Ursache des wirklichen _B_ genannt zu werden verdiene, wenn die

Wahrheit: »_A_ ist,« den objectiven Grund der Wahrheit: »_B_ ist,«

enthält, so ist die Forderung eines Wirklichen, das _causa sui_ sei,

identisch mit der Forderung einer Wahrheit: »_A_ ist,« die ihr eigener

Grund, d. i. der Grund der Wahrheit: »_A_ ist,« sei. Nun kann aber eine

Wahrheit wohl =ohne= Grund, ein Axiom, eine Grundwahrheit sein,

keineswegs aber ihr eigener Grund, d. i. Grund und Folge zugleich.

Vielmehr folgt sowohl aus rein apriorischen Gründen, als aus

natürlichen, unwidersprechlichen Thatsachen des Bewußtseins, daß die

Ursache der Veränderungen in unserm Vorstellungskreise zum Theile

wenigstens =außerhalb= unser selbst, und nur teilweise, bei den

Anschauungen z. B. nur zu sehr geringen Theilen, =in uns= gelegen sein

müsse.

Denn betrachten wir ganz allgemein unser Ich als veränderliche Substanz,

deren Vorstellungen entstehen und vergehen, deren Kräfte also der

Zunahme und Abnahme fähig sind: so ist es klar, daß sie zu keiner Zeit

=alle= Kräfte, und noch weniger alle in dem =größten Maße=, in welchem

sie neben einander möglich sind, besitze, d. i. daß sie nicht vollkommen

ist. Wenn nichts anders, so muß doch Jeder von sich zugestehen, daß er

nicht =alle= Wahrheiten erkenne, die es überhaupt gibt, daß er deren von

Tag zu Tag mehrere zu erkennen im Stande sei, daß also wenigstens seine

Erkenntnißkraft eine im Wachsen begriffene, unvollendete sei. Der Grund

aber, daß er nicht =alle= Wahrheiten erkennt, kann doch unmöglich in den

Wahrheiten selbst liegen. Von diesen kann keine der andern

widersprechen, sonst hörte eine oder die andere auf, eine Wahrheit zu

sein. Es liegt daher in der Beschränktheit unserer Erkenntnißkraft.

Wodurch wird aber die Erkenntnißkraft selbst beschränkt? Warum ist sie

nicht vorhanden in dem zur Allvollkommenheit erforderlichen Grade? Liegt

der Grund davon in dem Wesen, d. i. in seinen übrigen Kräften? Dies wäre

nur dann möglich, wenn die übrigen Kräfte, welche das Wesen besitzt, mit

demjenigen Grade der Erkenntnißkraft, welcher zur Allvollkommenheit des

Wesens verlangt wird, im Widerspruche ständen. Die übrigen Kräfte sind

jedoch keineswegs von der Art, daß sie das Dasein des zur

Allvollkommenheit nothwendigen Grades der Erkenntnißkraft verbieten.

Kann daher der Grund, weshalb ein Wesen nicht vollkommen ist, nicht in

den Kräften desselben liegen, so liegt er in dem Wesen überhaupt nicht;

denn wo sollte er sonst liegen? Er muß sich folglich in einem anderen

Wesen, das nicht anders als außerhalb des Veränderlichen sein kann,

befinden. Das Veränderliche muß daher fähig sein, Einwirkungen von außen

zu empfangen, oder, was dasselbe ist, es muß außerhalb unsers eigenen

Ich Dinge geben, welche nach außen zu wirken im Stande sind.

Von welcher Beschaffenheit diese außer uns befindlichen Dinge sind,

darüber sagt diese Untersuchung noch nichts. Sie spricht es nicht aus,

ob die in uns vorgehenden Veränderungen von eben so unvollkommenen

Substanzen, wie die unsre ist, erfolgen; ob sie theilweise, oder wie

=Leibnitz= und =Descartes= gemeint zu haben scheinen, wenn man sie so

auslegen darf, gänzlich von dem vollkommensten Wesen herrühren; sie

bestätigt aber neuerdings, was wir schon bei =Leibnitz= angedeutet, daß,

sobald einmal zugegeben sei, es gebe veränderliche und folglich endliche

Wesen, auch nach einem außerhalb liegenden Grunde dieser Veränderungen

geforscht und folglich die Möglichkeit des Einwirkens von außen

angenommen werden müsse.

Noch viel entschiedener aber, besonders für Jene, welche gewohnt sind,

den Anfangspunkt des philosophischen Denkens, wie seine Bestätigung, in

dem denkenden Subjecte selbst zu suchen, sprechen für unsere Behauptung

einer Einwirkung von und nach außen, gewisse Classen von Vorstellungen,

welche wir in unserm Bewußtsein antreffen, und die wir schon mehrmals

als =Anschauungen= bezeichnet haben. Es sind einfache Vorstellungen, die

nur einen einzigen Gegenstand haben. Unter diesen gibt es mitunter

mehrere, welche so beschaffen sind, daß wir es unmittelbar, also auch

mit voller Gewißheit erkennen, daß sie von etwas außer uns Befindlichem

in unserm Innern erzeugt werden. Dies gilt nicht von allen. Auch

Gegenstände, die sicher nicht außerhalb meiner sind, z. B. meine eigenen

Seelenzustände, kann ich anschauen, d. i. ich kann mir eine Vorstellung

davon bilden, die einfach ist, und einen einzigen Gegenstand hat. Von

der letztern Art sind die Vorstellungen, welche wir in den unmittelbar

gewissen Wahrnehmungsurtheilen anwenden, durch welche wir das Dasein

einer in =uns= befindlichen Vorstellung aussagen, z. B.: =ich= habe die

Vorstellung: =Dies= Roth. Der Bestandtheil dieses Satzes ist nicht die

Anschauung: Dies Roth, sondern die Vorstellung dieser Anschauung. Die

Anschauung selbst sowohl, als die Anschauung dieser Anschauung sind =in

mir=.

Von der oben zuerst erwähnten Art sind dagegen die Anschauungen:

=Dieser= Wohlgeruch, =dieser= Schall, =dieses= Grün u. s. w. Diese

weisen unmittelbar auf etwas außerhalb unseres Ich Befindliches hin,

durch welches sie angeregt werden. Dieses braucht eben nicht ein

außerhalb meines Leibes Existirendes zu sein. Recht gut können diese

Anschauungen in meinem Ich auch blos durch Zustände meines Leibes,

krankhafte Affectionen meiner Sinnesorgane veranlaßt werden;

desungeachtet bleibt ihre Ursache eine äußere für mein erkennendes Ich,

und bringt durch seine Thätigkeit in diesem eine Veränderung hervor. Nur

erst wenn wir über den Gegenstand selbst, der sie in uns hervorbringt,

etwas aussagen wollen, gerathen wir in Gefahr, zu irren. Welch

anderweitige Beschaffenheiten er habe, das erkennen wir meist durch

Wahrscheinlichkeitsschlüsse, die häufig trügen, uns z. B. eine Rose

vermuthen lassen, wo statt ihrer nur eine Anhäufung gewisser Stoffe in

unserem Gehirn existirt, die jene Vorstellung hervorruft u. s. w.

Unmittelbar erkennen wir nur: Es gibt Wirkliches außer uns, durch dessen

Einwirkung Anschauungen dieser Art in uns erzeugt werden.

Daß Urtheile, wie das letzte, von uns in der That gefällt werden, gibt

gewiß Jedermann zu; ebenso, daß sie nicht von der Form sind, die wir

kurz zuvor für das bloße Wahrscheinlichkeitsurtheil aufstellten:

derselbe Gegenstand, der die Anschauung _a_ in mir bewirkt, ist

(wahrscheinlich) auch Ursache der Anschauung _b_, oder hat die

Beschaffenheit, daß er auch die Anschauungen _m_, _n_ hervorbringen

würde, wenn noch gewisse andere Umstände einträten. Dieses Urtheil ist

offenbar sehr vermittelt und zwar durch Vordersätze, die ihrer Natur

nach einen bloß wahrscheinlichen Schlußsatz gewähren, weil einer unter

ihnen von der Form sein muß: =Wenn= gewisse Erscheinungen _a_, _b_ ....

mehrmals gleichzeitig sind u. s. w. Dagegen wird in einem der

obenerwähnten Urtheile über die Beschaffenheit des erzeugenden

Gegenstandes nicht mehr ausgesagt, als daß derselbe ein Wirkliches sei;

ob dasselbe oder verschiedene Wirkliche? fordert eine ganz andere

Untersuchung. Dieses Urtheil reicht sonach über jede Möglichkeit des

Irrthums hinaus, es ist ein unmittelbar gewisses Factum des Bewußtseins.

Wer kann es läugnen, daß er Dinge außer sich voraussetze; daß er

urtheile, daß dergleichen Dinge da sind, daß sie auf ihn einwirken; daß

er diese Urtheile auf Nöthigungen des äußern Sinnes fälle, auf den Grund

von Vorstellungen hin, von denen es sonst keinen Grund gäbe, wenn er

nicht außerhalb des Vorstellenden selbst gelegen wäre? Wer kann ferner

anders, als höchstens mit dem Munde läugnen, daß er sehe, höre, rieche,

und daß er deshalb Gegenstände setze, welche er zu sehen, zu hören und

zu riechen meine? Zwang nicht dieses unwiderstehliche Hinweisen der

Vorstellungen des äußern Seins auf außen befindliche Gegenstände sogar

den strengen Idealismus, gewisse unbegreifliche Schranken und Gesetze

des Ich in »der untern bewußtlosen Sphäre unserer Subjectivität«

anzuerkennen, in welchen sich das Ich nachher als in gewissen

Bestimmungen d. i. Empfindungen und Vorstellungen befangen wahrnimmt?

Und =Kant= erklärte ausdrücklich, die Empfindungen seien von außenher

empfangener Stoff, und unsre ganze Kenntniß von der Außenwelt beschränke

sich auf den Satz: Wären keine Dinge außer uns, so wären auch keine

Erscheinungen in uns. Nun sind diese, also müssen auch jene sein.

Ja während man bei =Leibnitz=, dem schon =Bayle= vorrückte, daß im Falle

vollkommener Spontaneität der Seele in Betreff ihrer Vorstellungen gar

kein Grund vorhanden sei, mehr als =eine= Monade anzunehmen, mit Recht

fragen darf, woher er denn von den mehreren Monaden, die er voraussetze,

mit einem Wort, von der Außenwelt, selbst von dem allervollkommensten

Wesen etwas wissen könnte, wenn in aller Strenge durchaus kein äußerer

Einfluß stattfinden dürfe: waren Denker, wie =Locke= und =Herbart=, so

durchdrungen von dem Gefühle der Abhängigkeit unsers Vorstellens von der

Außenwelt, daß sie selbst so weit gingen, zu behaupten: =alle= unsere

Vorstellungen ohne Ausnahme würden von außenher erzeugt, was wir

unsrerseits nur von =einem Theile der Anschauungen= zu behaupten wagten.

Denn obgleich es wahr ist, daß keine unsrer Vorstellungen ohne irgend

eine von außen gebotene =Veranlassung= in uns entsteht, so ist doch die

Art, wie die Außenwelt hiebei thätig ist, bei verschiedenen Classen von

Vorstellungen eine verschiedene, und zwar werden jene Anschauungen,

welche eine so stringente Hinweisung auf die Außenwelt enthalten, durch

wirkliche, außer uns befindliche Gegenstände erzeugt; sobald aber auch

nur zwei derselben durch das Wörtchen »=und=« verbunden werden sollen,

tritt dieser einfache =Begriff= hinzu, der offenbar nicht wie jene durch

einen äußern Gegenstand, sondern durch die eigene Thätigkeit der Seele

auf Veranlassung und bei Gelegenheit jener Anschauungen erzeugt worden

ist. Ueberhaupt darf der Ausdruck: =von außen erzeugt= nicht so

verstanden werden, als wäre hiebei unsre Seele selbst völlig unthätig.

Dies ist nicht einmal bei jenen Anschauungen, die von außen herkommen,

der Fall, und es ist deshalb nicht völlig richtig, wenn man sie, wie

häufig geschieht, als unwillkürliche, uns ohne und häufig wider Willen

aufgedrungene Vorstellungen bezeichnet. Denn gegen viele, ja die

meisten, steht es gänzlich in unsrer Macht, uns zu verschließen.

Schließe ich die Augen, so werde ich die Rose nicht sehen, und daher

auch die Anschauung: =Dies= Roth, nicht empfangen. Ziehe ich, um auch

ein Beispiel der Anschauung eines innern Gegenstandes zu gebrauchen,

meine Aufmerksamkeit von der Vorstellung √−1 oder dem Urtheil, daß z. B.

√−1 imaginär sei, ab, so gelangen diese Gedanken nicht zur Anschauung.

Auf alle unsre Anschauungen hat daher unser Wille wenigstens mittelbaren

Einfluß.

Aber auch wenn dies nicht der Fall wäre, so bliebe doch soviel erreicht,

als wir hier erreichen wollen: wir finden unter den Anschauungen in der

That Zustände, welche mit unmittelbarer Gewißheit auf Einwirkung von

außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche Anschauungen diese

Nöthigung wirklich ausüben, weil wohl jede einen Gegenstand hat, dieser

aber, wie schon gesagt, nicht jedesmal ein äußerer sein =muß=, sondern

wohl auch ein innerer, ein Seelenzustand u. s. f. sein =kann=; denn ich

vermag auch meine eigenen Vorstellungen, Urtheile, Empfindungen, Wünsche

u. s. w. anzuschauen, und mir Anschauungen von Anschauungen zu

verschaffen; zu prüfen, ob das Eine oder das Andere stattfinde, ob das,

was ich eben jetzt anschaue, etwas in mir oder nicht in mir

Befindliches, sondern von außen auf mich Einwirkendes sei: dies vermögen

wir und urtheilen wirklich darüber. Dieses Urtheil fällen wir sogar

nicht mit bloßer Wahrscheinlichkeit, sondern mit unmittelbarer

Gewißheit, sofern wir uns nur nichts Mehreres erlauben, als zu

behaupten, daß wir hier etwas anschauen, was ein außer uns Wirkliches

ist, nicht aber, von welchen weiteren Beschaffenheiten es sei, ob eine

Rose, oder ein Blatt Papier u. s. w. Die Urtheile, mittels welcher wir

dies behaupten, sind unmittelbar gewisse Erfahrungsurtheile von der

Form: =Dies=, was ich jetzt eben anschaue, ist die Wirkung eines auf

mich einwirkenden Wirklichen. In diesem Urtheil erscheint aber als

Subjectvorstellung nicht die Anschauung selbst, von welcher wir dies

aussagen, sondern eine Anschauung von dieser Anschauung. Diese

Subjectvorstellung ist daher selbst etwas in mir Vorhandenes und stellt

etwas in mir Vorhandenes vor; dieses Letztere aber ist selbst die

Anschauung eines außer mir Befindlichen, nämlich des einwirkenden äußern

Gegenstandes. Obgleich hier also Gegenstand der Vorstellung und diese

selbst beides Vorstellungen sind, dürfen sie dennoch nicht mit einander

verwechselt werden. Die Vorstellung, welche den Gegenstand der andern

ausmacht, tritt dadurch zu dieser ganz in dasselbe Verhältniß, wie ein

wirklicher sinnlicher Gegenstand zu seiner Vorstellung. Die Vorstellung

der =wirklichen= gedachten Vorstellung: =Dies Haus=, ist von ihr nicht

weniger verschieden, als die Vorstellung: =dies= Haus von dem

=wirklichen Hause= selbst. Durch die Verwechslung beider Dinge, des

Gegenstandes der Vorstellung mit dieser selbst, sind vielfache Irrthümer

entstanden, wie es nicht anders geschehen kann, wenn man zwei völlig

verschiedenen Dingen dieselben Eigenschaften beilegt. Auf ihr beruht

hauptsächlich der reine Idealismus, und noch greller der

transcendentale, bis die Verwirrung in der völligen Identificirung des

Denkens und Seins den Gipfelpunkt erreicht. Denn wo soll dann ein klares

Denken noch herkommen, wenn der Begriff eben so gut die Sache, als die

Sache der Begriff sein soll, wenn Sein und Nichts und wieder Sein und

Denken identisch sind.

Auf diese Weise wäre das Vorhandensein einer Einwirkung von außen,

wenigstens auf eine einfache Substanz, wie unser (des Denkenden) eigenes

Ich, durch eine unwidersprechliche, unmittelbar gewisse =Thatsache des

Bewußtseins= erwiesen. Auf dieses Wort hin ist schon so viel gesündiget

worden, daß man fast fürchten muß, durch seine Anwendung Mißtrauen zu

erregen. Es scheint sehr bequem und kann es auch in der That sein, »wo

die Begriffe fehlen,« sich mit Berufung auf innere Thatsachen

auszuhelfen, die Einer eben so gut läugnen als der Andere zugeben kann.

Hat man doch sogar die transcendentale Freiheit für eine Thatsache des

Bewußtseins ausgegeben! Ein Anders ist es aber mit jenen Urtheilen, die

wir als unmittelbare Erkenntniß durch innere Erfahrung angesehen wissen

wollen. Niemand kann es, er müßte denn sich selbst Lügen strafen wollen,

verneinen, daß er Urtheile, wie: ich werde afficirt, ich empfinde

Einwirkungen auf mich, wirklich fälle. Selbst Denker, welche, wie

=Leibnitz=, die Möglichkeit der Einwirkung nicht anerkannten, vermochten

sich im Leben dieses Urtheils kaum zu enthalten. Sie zweifelten am

Schreibtisch, weil ihnen vorkam, daß der Satz gewissen anerkannten

Begriffswahrheiten widerstreite, aber sie würden sich kaum so

angelegenheitlich bemüht haben, denselben mit den scheinbarsten

Argumentationen zu bestreiten, wenn er sich ihnen nicht so nachdrücklich

von jeder Seite her aufgedrängt hätte. Wenigstens das Urtheil, daß sie

fortwährend so afficirt werden, als ob auf sie von außen gewirkt werde,

würden sie mit allen Andern zuzugestehen sicher bereit gewesen sein. Und

mehr bedürfen wir nicht. In dieser unmittelbar gewissen Erkenntniß, daß

wir von außen afficirt werden, liegt auch schon die Bürgschaft, daß dies

wirklich geschehe; von wem und wie? darauf vermögen wir hier noch keine

Antwort zu geben.

Wenn man gegen diesen Beweis, der zwar auf Erfahrungssätzen, aber auf

=unmittelbar= gewissen beruht, einwenden wollte: jegliches Urtheil,

welches wir fällen, z. B. Ich denke, sei eine bloße Sache der Erfahrung,

und rein apriorisch sei ein Beweis nur dann, wenn er auch nicht einmal

eine =solche= Erfahrung enthalte: so hört damit die Möglichkeit

überhaupt auf, irgend einen Beweis zu führen, ja nur irgend eine

richtige Erkenntniß zu erlangen. Denn ohne zu urtheilen vermag man auch

nichts zu erkennen. Will man aber die letztere Möglichkeit nicht

gänzlich aufgeben, so muß man zugestehen, daß eine Deduction, welche

sich auf keine andere, als unmittelbar gewisse Wahrnehmungsurtheile

stützt, wenigstens mehr als Wahrscheinlichkeit zu liefern im Stande sei.

Ist einmal nur soviel außer Zweifel, daß wenigstens wir selbst (das

denkende Subject) Einwirkungen von etwas Wirklichem, das außer uns und

von uns selbst verschieden ist, erfahren, so sind die weiteren Fragen

nach dem Woher? und Wie? des Einwirkens nicht länger unbeantwortlich.

Das außer uns befindliche Wirkliche kann, als solches, nur ein

zweifaches sein, entweder ein solches, das noch an einem andern sich

befindet, oder ein solches, bei welchem dies nicht mehr der Fall ist.

Ein weiterer Fall ist nicht denkbar. Im erstern Falle wollen wir es mit

einem alten Namen: =Adhärenz=, im letztern =Substanz= nennen. Wenn nun

gleich Dasjenige, was zunächst auf uns einwirkt, in den meisten Fällen

selbst nur eine Adhärenz sein mag, die sich vielleicht wieder an einer

Adhärenz befindet u. s. f., so kann dies doch nicht ins Unendliche

hinaus sich erstrecken. Denn eine endlose Reihe von Dingen, welche an

andern sind, ohne ein solches, welches nicht mehr an andern ist, eine

endlose Reihe von Getragenen ohne Träger ist ein klarer Widerspruch.

Zuletzt muß es dennoch irgend ein Selbständiges geben, eine Substanz,

von welcher wir, durch Vermittlung ihrer Adhärenzen, die Einwirkung von

außenher erleiden. Eine weitere Frage, deren Beantwortung uns jedoch

hier zu weit führen würde, ist es dann, ob es dieser außer uns

befindlichen Substanzen eine oder mehrere, vielleicht sogar unendlich

viele gebe, ob sich unter diesen eine vollkommene befinde, ob wir sowohl

von dieser als von den unvollkommneren Einwirkungen erleiden u. s. w.

Alle diese Sätze, wie noch mehr andere, z. B. daß es Wirkliches

überhaupt gebe, daß jedes Wirkliche wirke, daß keine Substanz zur selben

Zeit widerstreitende Beschaffenheiten besitzen könne, daß sie daher,

wenn sich dergleichen an ihr aufzeigen lassen, zu verschiedenen Zeiten

existirt haben muß u. v. d. A., bestehen aus so einfachen Begriffen, daß

sie theils unmittelbar, theils nach sehr kurzer Betrachtung jedem

unbefangenen Verstand einleuchten müssen, selbst ohne daß er sich der

Gründe, auf welchen sie beruhen, deutlich bewußt geworden. Ja das

Letztere ist sogar häufig äußerst schwierig, wovon sogleich der Satz von

der äußern Einwirkung der Substanzen das treffendste Beispiel liefert;

und darum wird es dem Denken, sobald es einmal den Gründen dieser

scheinbar so einfachen Wahrheiten nachgeht, gar nicht schwer, dieselben

mit dem Munde zu läugnen und allmälig ganz zu verwerfen, weil es die

Gründe für dieselben nicht aufzufinden vermag. Zum Theil aber haben

diese Wahrheiten in der That gar keine Gründe, sondern sind

=Grundwahrheiten=, zum Theil liegen diese ganz anderswo, als wo sie

gewöhnlich gesucht zu werden pflegen. So viel ist jedenfalls gewiß, daß

das unverdorbene Denken nicht erst die Beweise des Denkers erwartet, um

diese Wahrheiten als solche anzuerkennen, und der Vorzug des

=Vernünftigen= besteht eben darin, dergleichen Wahrheiten, wie er sie

nur vernimmt, mit Beifall anzunehmen. Des Denkers Aufgabe ist es viel

weniger, diesen Sätzen allgemeine Anerkennung zu verschaffen, als

vielmehr die falschen und scheinbaren Gegengründe und Vorurtheile, die

man gegen dieselben vorgebracht hat, hinwegzuräumen.

Dies hielten wir auch bei dem Satze von der =äußern Einwirkung der

Substanzen=, einer Wahrheit, an welcher im gemeinen Leben ohnedies

Niemand zweifelt, für unsere vornehmste Aufgabe. Die Vorurtheile und

irrigen Vorstellungen, denen namentlich das Wie? dieser äußern

Einwirkung ausgesetzt war, vermochten wir nicht kürzer zu beseitigen,

als indem wir zu zeigen suchten, daß diese Frage selbst schon =an sich=

eine nichtige, ein _non-sens_ sei, weil sie etwas Ansichunmögliches zu

wissen verlangt. Wir vermögen auch hier, wo wir bereits erwiesen haben,

daß wir Einwirkungen von außen, und zwar von wirklichen Substanzen außer

uns erfahren, über die Art und Weise dieser Einwirkung nichts anders zu

sagen. Sie ist ihrer Natur nach =unmittelbar=, oder wenn sie vermittelt

ist, läßt sie sich wenigstens auf unmittelbare Einwirkungen

zurückführen, und diese Zurückführung ist schon ihre ganze Erklärung.

Alle Fragen nach ihrer fernern Beschaffenheit, nach Berührung,

Durchdringung, materiellem Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen

wir demnach als =nicht zur Sache gehörig= ohne weiters abweisen. Unser

Satz lautet einfach so: Wir nehmen Veränderungen in uns wahr; unter

diesen solche, die unmittelbar auf außerhalb unseres Ich befindliche

Wirkliche hinweisen, von welchen sie als Wirkungen in uns hervorgebracht

werden; diese Wirklichen selbst müssen (zum Theil wenigstens, d. h. mit

Ausschluß der Adhärenzen) Substanzen sein; die Einwirkungen aber

geschehen entweder unmittelbar oder sie lassen sich doch auf

unmittelbare zurückführen.

Nachdem wir soviel erreicht, dies von einer einzigen einfachen Substanz,

jener, welche unser eigenes (des Denkenden) Ich ausmacht, zu erweisen,

erübrigt die Frage: ob diese Fähigkeit, Einwirkungen von außen zu

erleiden und also umgekehrt auch auszuüben, =allen= Substanzen zukomme

oder nicht. Darüber würde kein Zweifel herrschen können, wenn es

ausgemacht wäre, ob zwischen sämmtlichen Substanzen höhern und niedern

Ranges nur eine Grad- oder wirklich specifische Verschiedenheit (d. h.

solche, die sich nicht auf eine blos graduelle zurückführen läßt)

stattfinde. Wenn einige Substanzen die Fähigkeit nach außen zu wirken

und von außen zu leiden besäßen, andere nicht, so wäre dies allerdings

eine specifische Verschiedenheit unter denselben. In der That waren

viele Denker dieser Meinung und besonders die Schriften des =Cartesius=,

seiner Anhänger und Zeitgenossen liefern reichliche Beispiele von

widersinnigen Behauptungen, zu welchen die Annahme specifischer

Verschiedenheit unter den Substanzen verführt hat. Besonders war es der

Streit um die Thierseelen, welcher die Gemüther beschäftigte und häufig

bis zur Parteiwuth entzündete. Während die Einen den Thieren alle und

jede Seelenfähigkeit, ja die Seele selbst absprachen, geriethen Andere

ins entgegengesetzte Extrem, die Thierseele sogar über die Menschenseele

zu erheben, und sie für weit begabtere Wesen als die letztern anzusehen.

=Leibnitz= dagegen nahm sich der wesentlichen Gleichheit aller

Substanzen auf das eifrigste an und hatte, wie die bekannte Anekdote im

Schlosse zu Charlottenburg zeigte, gar nichts dawider, daß auch aus den

Atomen, die in dem Kaffee, den er eben trank, enthalten sein mochten,

sich mit der Zeit Wesen höherer, sogar menschlicher Art entwickeln

können. Selbst =Herbart=, dem man unter den Neuern am nachdrücklichsten

den Vorwurf gemacht, er betrachte z. B. die Thiere als bloße Maschinen,

erscheint als Vertheidiger der wesentlichen Gleichheit aller

Substanzen(127). Er gibt zu, es sei keinem einzigen einfachen Realen

wesentlich, Substanz zu sein -- welches bei ihm nichts anderes heißt,

als in Causalzusammenhang mit andern Realen zu treten, in Folge dessen

Selbsterhaltungen d. i. Vorstellungen in dem Ersten entstehen; und diese

Eigenschaft könne unter Hinzutritt gewisser Umstände einem jeden ohne

Unterschied zukommen. Vor allem aber gibt uns die Erfahrung Belege genug

an die Hand, daß sich das Charakteristische der Seele, ihre innern

Zustände, wenn auch in verschiedenem Grade an allen einfachen Substanzen

vorfinden, und diese generisch durchgehends verwandt sind. Fast an allen

organischen Wesen trifft man Organe und Thätigkeiten an, welche den

menschlichen analog sind, und in den unorganischen läßt sich zum

wenigsten keine sichere Grenze festsetzen, über welche hinaus sie

aufhörten, noch organisch zu sein, so daß wir zuletzt genöthigt werden,

auch in ihnen Organismen, wenn auch von minderer Vollkommenheit,

anzuerkennen. Von Vorstellungen aber haben wir eben gar keinen andern

Begriff, als daß es solche Veränderungen seien, welche im Innern

einfacher Substanzen vorgehen. =Leibnitz= erklärt sie mit klaren Worten

für das Einzige, was im Innern einfacher Substanzen vor sich gehen kann,

und worin alle innern Thätigkeiten der Monaden bestehen(128). Da nun

alle Substanzen, mit Ausnahme der allvollkommenen, unvollkommene, also

veränderliche sind, mithin Veränderungen mit ihnen vorgehen, die nach

dem eben Gesagten keine andern als Vorstellungen (im weitesten Sinn)

sein können, so folgt, daß alle Substanzen Vorstellungen haben und ohne

Ausnahme Vorstellungskraft besitzen, und daher generisch nicht unter

einander verschieden sind. Allerdings darf man bei dem Wort

Vorstellungen nicht an solche denken, die wir gemeiniglich mit diesem

Namen bezeichnen, und die meist schon »bewußte« d. i. solche

Vorstellungen sind, von denen wir =wissen, daß wir sie haben=. Diese

Vorstellungen werden vielmehr =alle=, oder doch dem größten Theil nach

=dunkle=, unbewußte Eindrücke sein können, bloße Perceptionen nicht

Apperceptionen; unbestimmte Empfindungen, aber doch Veränderungen im

Innern der Substanzen, aus welchen sich im Laufe der Zeit =klare= und

=deutliche= entwickeln. Sind aber alle Substanzen vorstellende und

veränderliche Wesen, so werden sich bei jeder einzelnen die Fragen nach

einem =Grund= ihrer Veränderungen, welcher nicht in ihr selbst liegen

kann, wiederholen, und in jeder werden sich höchst wahrscheinlicher

Weise Vorstellungen von ähnlicher Art wie unsere Anschauungen oder

=Diesse= vorfinden, welche eben so unmittelbar wie diese auf ein

außenbefindliches, einwirkendes Wirkliche hinweisen. Zum wenigsten ist

gar kein Grund vorhanden, warum es nicht der Fall sein sollte, da im

Gegentheil eben die Anschauungen diejenigen Vorstellungen sind, welche

dem größten Theile nach gar nicht zu unserm Bewußtsein gelangen.

(127) d. h. in ihren letzten Gründen. Der Abstand von einem Tartuffe

zu einem Newton würde noch immer groß genug bleiben.

(128) _Monad._ §. 17.

Indeß möge dies oder jenes der Fall sein, so gilt der bisher zu erweisen

versuchte Satz, wenn nicht von allen, doch wenigstens von denjenigen

Wesen, welchen auch der Dualismus die Vorstellungs- und Seelenfähigkeit

nicht abspricht. Erweitert umfaßt daher unser Satz von nun an =alle=

endlichen vorstellenden Substanzen, weil sich um ihrer wesentlichen

Gleichheit willen kein Grund angeben läßt, warum das Vermögen nach außen

zu wirken und von außen zu leiden auf einige derselben sich erstrecken

solle, auf andere nicht. Denn wissen wir einmal, daß alle endlichen und

vorstellenden Substanzen eben deshalb auch veränderlich, und des

Wachstums ihrer Kräfte fähig sind, so dürfen wir auch schließen, daß der

Zweck ihrer Erschaffung kein anderer war, als sich dieser Zunahme ihrer

Fähigkeiten zu freuen und darin Glückseligkeit zu genießen. Und wenn

einige, namentlich alle diejenigen, welche auf =uns= einwirken, und

deren Dasein wir eben nur aus diesen ihren Wirkungen auf uns erfahren,

d. i. sämmtliche Erdengeschöpfe nicht weniger als die uns bisher

bekannten Himmelskörper, die Kraft auf andere zu wirken, und

Rückwirkungen von ihnen zu erfahren besitzen: reicht dies nicht hin, zu

schließen, daß ähnliche Kräfte =allen= zukommen, weil sie sonst zwecklos

da wären, wenigstens des Guten nicht so viel genießen und in andern

befördern könnten, als sie auf diese Weise vermögen?

Ist aber dies einmal außer Zweifel, so kann es auch keinem Anstand mehr

unterliegen, daß diese Einwirkung unter den Substanzen eine

=wechselseitige= sein müsse. Denn jede Veränderung in dem Veränderten

setzt eine Veränderung in dem =Verändernden=, von welchem die thätige

Kraft ausgeht, voraus. Es gab eine Zeit, in welcher die Veränderung im

Veränderten noch nicht da war, das Verändernde sie also noch nicht

bewirkt hatte. Indem das letztere dieselbe früher noch nicht bewirkte

und jetzt bewirkt, hat es an sich selbst eine Veränderung erfahren, die

es nicht erfahren haben würde, wenn es nicht jene Veränderung im andern

hervorgebracht hätte. Ohne die letztere wäre es daher selbst ein anderes

geblieben. Insofern daher das Veränderte da sein muß, um eine

Veränderung vom andern zu erfahren, welche ihrerseits wieder eine solche

im Verändernden, das aus dem Zustande der Unthätigkeit in jenen der

Thätigkeit übergehen muß, erfordert: kann es selbst wieder als reciproke

Ursache dieser Aenderung im Verändernden angesehen werden. Darin liegt

nichts Widersprechendes; denn die Veränderung _x_ im veränderten Dinge

_A_ ist eine andere als jene _y_ im verändernden Dinge _B_. Das Ding _A_

ist also Ursache der Veränderung _y_ in _B_, und das Ding _B_ Ursache

der von _y_ verschiedenen Veränderung _x_ an dem _A_. Der Widerspruch

würde nur dann stattfinden, wenn _A_ Ursache derselben Veränderung in

_B_ wäre, welche _B_ in _A_ bewirkt, wenn z. B. das _A_ Ursache des

=Seins= von _B_ und _B_ umgekehrt Ursache des Seins von _A_ sein sollte.

In =derselben= Beziehung kann ein Ding nicht zugleich Ursache und

Wirkung sein, wohl aber in =verschiedener= Beziehung. Wenn daher =Lotze=

der Wechselwirkung vorwirft, die Ursache bedinge in ihr nicht nur die

Wirkung, sondern die Wirkung zugleich die Ursache, und es werde daher

unter Wirkung nicht das Resultat des Processes, sondern das Object

verstanden, an welchem dieses erzielt wird, indem z. B. der Geschlagene

den Schlagenden und dieser jenen bedinge: so verwechselt er die

Vorstellung des gemeinen Lebens, welches hier, wie häufig, eine bloße

=Theilursache=: den Geschlagenen, statt der ganzen Ursache heraushebt,

mit der ausdrücklichen Erklärung, daß dasjenige, was in einem Sinne

Wirkung, in einem ganz =andern Sinn= Ursache sei; weil beides

andernfalls in der That widersprechende Bestimmungen desselben Dings

sein würden. Trifft z. B. die bewegte Kugel _a_ auf die ruhende _b_, so

gibt sie einen Theil ihrer Geschwindigkeit an diese ab, so daß sie

selbst sich langsamer bewegt als früher, die zweite aber sich bewegt,

die vordem geruht hat. Die =Abnahme= der Geschwindigkeit der ersten ist

daher Ursache der =Zunahme= der letztern, und die =Zunahme= der

Geschwindigkeit der letztern die Ursache der Abnahme der Geschwindigkeit

der erstern. Auch =Hegels=(129) Einsprache gegen diesen Satz gründet

sich auf die unrichtige Voraussetzung, daß die Wirkung in =derselben=

Beziehung, in welcher sie dies ist, auch wieder Ursache sein solle.

Allein um das obige Beispiel beizubehalten, ohne Zweifel ist die

Veränderung, welche in dem Geschlagenen vorgeht, eine andere, als jene,

welche der Schlagende erfährt, der Geschlagene daher in einer ganz

andern Beziehung Grund einer Veränderung im Schlagenden, als jene ist,

in welcher er zugleich eine Wirkung durch den Schlagenden erleidet.

(129) Encyclop. I. S. 306.

Das Ergebniß der ganzen bisherigen Untersuchung ist daher in wenig

Worten Folgendes: Jede (endliche, veränderliche) Substanz wirkt auf jede

andere und zwar =unmittelbar= in jeder Entfernung, in mancherlei Weise,

anziehend, abstoßend, verändernd; sie wirkt aber auch =mittelbar=, indem

sie dadurch, daß sie auf irgend eine Substanz unmittelbar wirkt, Einfluß

auf jene Veränderungen nimmt, welche diese selbst wieder ihrerseits

unmittelbar in anderen Substanzen bewirkt; jede Substanz =erfährt= eben

so von jeder andern mittelbarer oder unmittelbarer Weise Einwirkungen

mannigfacher Art; sie erfährt dergleichen nicht nur von den endlichen

Substanzen, auf welche sie selbst einen mittelbaren oder unmittelbaren

Einfluß ausübt, sondern auch von der allvollkommenen, in welcher sie,

weil diese unveränderlich ist, ihrerseits keinerlei Wirkung

hervorzubringen vermag. In Bezug auf die allvollkommene Substanz ist

daher die Thätigkeit jeder endlichen Substanz einseitig, nicht

wechselseitig. Denn nur von der ungeschaffenen auf die geschaffenen kann

eine Einwirkung bestehen, nicht aber umgekehrt, weil die =ungeschaffene=

auch =unveränderlich= ist.

Man könnte hiebei den Grund vermissen, auf welchen sich das

Vorhandensein der nach außen wirkenden Kraft in der allvollkommenen

Substanz stützt. Allein wenn wir die Kraft nach außen zu wirken bereits

jeder unvollkommenen Substanz beilegen, welchen Grund gäbe es wohl, sie

der =vollkommensten= abzusprechen? Dies könnte nur der Fall sein, wenn

sie irgend einer ihrer übrigen Kräfte widerstreiten möchte. Das findet

jedoch keineswegs statt, ja ihr Vorhandensein wird sogar aufs

entschiedenste gefordert, wenn die Gottheit wirklich das

allervollkommenste Wesen sein soll, weil sonst den unvollkommenen

Substanzen ein Vermögen zukommen würde, das der allvollkommenen mangelt,

und weil ohne diese die Gottheit aufhören müßte, =Schöpfungs=kraft zu

besitzen. Es genügt schon zu bemerken, daß das Vorhandensein einer

solchen Kraft in Gott mit keiner seiner übrigen Kräfte in Widerspruch

stehen könne, weil wir denselben analoge in uns selbst vereinigt

antreffen.

Der Weg, auf welchem wir zu diesem, von den Ansichten Anderer bedeutend

abweichenden Resultat gelangt sind, beruht im Wesentlichen auf

Leibnitzisch-monadistischen Fundamenten. Entscheidende Wendepunkte sind

jedoch für denselben die Begriffe: unmittelbare Wirkungen, Stetigkeit

und allseitige Erfüllung des Raums, und die unmittelbar gewissen

Erfahrungsurtheile. Wer uns vorwerfen will, daß wir uns hiebei auf ein

»Geheimniß,« beim zweiten Punkt auf ein »im Denken nicht Erreichbares,«

beim dritten auf ein »schlechthin Gewisses« berufen, und die Deduction

deshalb für oberflächlich und unzureichend erklärt: dem können wir

nichts Anderes entgegenhalten, als was wir schon im Laufe der

Untersuchung am rechten Orte eingeschaltet, und worin, wie wir glauben,

eine genügende Vertheidigung liegt. Nicht die Nichterklärbarkeit eines

=an sich= nicht Erklärbaren, wie es die unmittelbaren Wirkungen sind,

scheint uns den Namen eines Geheimnisses zu verdienen; dieser ist

vielmehr dort am Platze, wo es Etwas zu erkennen =gibt=, welches wir

bisher aus was immer für Gründen noch nicht erkannt haben, aber

mindestens bei fortgeschrittener Vervollkommnung und günstigen Umständen

einst zu erkennen und erklären hoffen dürfen. Dies ist aber bei

unmittelbaren Wirkungen keineswegs der Fall; diese werden und können wir

niemals zerlegen und erklären, weil ihre Natur es verbietet.

Eben so wenig dünkt uns die Unmöglichkeit, einen gewissen Begriff »im

Denken zu erreichen,« d. h. sich eine =anschauliche= Vorstellung von

demselben zu entwerfen, schon ein Recht zu geben, diesen Begriff

überhaupt für ungereimt und widersprechend zu erklären. Der Umstand, daß

wir zu einfachen Punkten weder durch wirkliche Theilung gelangen, noch

durch fortgesetzte Zählung eine unendliche Menge einzelner Einheiten

zusammen addiren können, bietet keine hinreichende Bürgschaft weder

dafür, daß es keine einfachen Punkte in der That gebe, noch dafür, daß

sie in keinem endlich begrenzten Raume in unendlicher Anzahl vorhanden

seien. Vielmehr belehren uns Schlüsse aus reinen Begriffen auf das

nachdrücklichste von dem Gegentheil.

Noch weniger aber können wir von der Annahme »unmittelbar gewisser

Erfahrungsurtheile« ablassen, sobald unter denselben keine andere, als

Urtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_, verstanden werden.

Denn um dieses Urtheil zu fällen, muß ich die Vorstellung _a_ wirklich

besitzen und nicht nur sie allein, sondern sogar noch eine Vorstellung

von ihr selbst, welche als Bestandtheil in meinem Urtheile erscheint.

Ihr Dasein ist daher so gewiß, als ich dieses Urtheil wirklich fälle;

mein Urtheil hat daher =unmittelbare= Gewißheit. Das Auffallende in

dieser Behauptung verursacht nur das geringe Gewicht, das man =bisher=

auf dieselbe gelegt hat, und die Verwechslung solcher Urtheile mit den

nur =wahrscheinlichen= Erfahrungssätzen von der Form: »Derselbe

Gegenstand, welcher Ursache der Anschauung _a_ in mir ist, ist auch

zugleich Ursache der Anschauung _b_,« welche sie sich gefallen lassen

mußte. Urtheile dieser letztern Art aber begnügen sich nicht damit, das

=Dasein= einer Vorstellung in uns auszusprechen, sie maßen sich an,

Etwas über den =Gegenstand= auszusagen, von welchem diese Vorstellung

herrühren soll, und gerathen auf diese Weise in Gefahr des Irrthums.

Obgleich daher unser Satz zuletzt aus Erfahrungsurtheilen der ersten

Form entspringt, so können wir doch nicht zulassen, daß er um deswillen

nur Wahrscheinlichkeit besitzen solle. Seine Prämissen, Erfahrungs- wie

reine Begriffssätze, haben objective Gewißheit, denn theils lassen sie

sich durch andere unwidersprechlich darthun, theils sind sie unmittelbar

gewiß, und leisten dann, auch wenn sie Erfahrungssätze sind, denselben

Dienst, wie reine unangefochtene Begriffswahrheiten. Die einzige Art von

Wahrscheinlichkeit (besser: Gefahr zu irren), die hier, wie bei jedem

Schließen und Folgern unterläuft, ist die leider nur allzu häufige

Möglichkeit, durch =Verwechslung= eines im Schließen gewonnenen Satzes

mit einem andern blos ähnlichen, oder auf =sonst eine Weise= irgendwo

einen Irrthum im Schließen, eine Art Rechnungsfehler, begangen zu haben.

Aber diese Wahrscheinlichkeit ist nicht wenig verschieden von

derjenigen, welche bei Feststellung irgend eines Factums in der

Naturbeschreibung, Experimentalphysik, Geschichte u. s. w. (z. B., ob

die Iliade in der That von =Homer= herrühre u. dgl. m.), in's Spiel

kommt. In der letztern folgern wir aus Vordersätzen, die selbst schon

von der Form sind: Wenn, α, β =wahr= sind, so sind _u_, _v_ ...

=wahrscheinlich=. Bei der erstgenannten subjectiven Wahrscheinlichkeit

jedoch liegt der Grund der bloßen Wahrscheinlichkeit nur in der

Möglichkeit des Irrthums im Denken. Die =Abfolge= der Sätze selbst ist

von diesem Denken völlig unabhängig; sie sind, gleichviel ob mittelbare

Erfahrungs- oder reine Begriffssätze, von der Form: Wenn _a_, _b_ =wahr=

sind, so sind auch _m_, _n_ ... =wahr=. Hier herrscht daher in den

Sätzen selbst keine bloße Wahrscheinlichkeit. Um diese aber auch im

Gedachtwerden der objectiven Schlußfolgen möglichst zu beseitigen und

unsere Zuversicht zu unsrer Erkenntniß zu erhöhen, bedarf es nur der

Erfahrung, daß mehrere Menschen oder wir selbst zu verschiedenen Zeiten

und unter verschiedenen Umständen diese Reihe von Schlüssen geprüft und

richtig befunden haben.

Von einer Prüfung =dieser= Art hat daher jeder neue Versuch, einen Theil

unsres Gedankenschatzes zum deutlicheren Bewußtsein zu erheben, sein

Urtheil, seine Bestätigung oder Verwerfung zu erwarten. Einer solchen

sieht auch der vorstehende entgegen. Wenn wir gleich recht gut fühlen,

wie Viele uns einwenden werden, mit der Zurückführung auf unerklärbare

Thatsachen sei eben nichts erklärt, und ein Beweis, welcher

Schwierigkeiten negire, statt sie zu lösen, entbehre des

wissenschaftlichen Ernstes, so hoffen wir desungeachtet, eine

unbefangene Prüfung, über die Mängel der Darstellung eines ersten

Versuches hinweg sehend, werde hie und da Ansichten entdeckt haben,

welche näherer Betrachtung nicht unwerth sind. Der Schreiber dieses

wenigstens hat aus ihnen die Ueberzeugung gewonnen, sowohl daß es eine

Ungereimtheit genannt zu werden verdient, dort wo =an sich= nichts

weiter zu erklären oder zu vermitteln ist, eine weitere Erklärung zu

verlangen, als auch daß es unmöglich ist, den Quellen unserer

empirischen Erkenntniß nachgehend nicht endlich zu solchen Urtheilen und

Vorstellungen zu gelangen, welche, die erstern unmittelbar unumstößlich

und gewiß, die letztern ihrer Natur nach durch Einwirkung außerhalb der

Seele, wenn auch nicht immer des Leibes, befindlicher Gegenstände

erzeugt sein müssen. Mit Hilfe dieses und einiger der andern hier

dargelegten Begriffe däucht es uns nicht unmöglich, ohne an =Leibnitz='

Grundsätzen etwas Wesentliches (etwa mit Ausnahme der Raumbegriffe, die

bei ihm ziemlich unklar sind) zu vergeben, vielmehr nur durch

consequente Festhaltung seines eigenen Hauptprincips, der odiosen

Annahme der prästabilirten Harmonie auszuweichen und eine

befriedigendere Ansicht zu gewinnen, für welche nicht nur die

Naturwissenschaften, sondern auch die Astronomie mit ihrer Gravitation

und Aequilibrirung der Himmelskörper zu sprechen scheinen. Jene

Grundsätze =Leibnitz=', also die Fundamente monadistischer Metaphysik

selbst zu untersuchen, war hier nicht der Ort und lag nicht in unserer

Absicht, denn dies würde beinah eine Prüfung der gesammten Metaphysik

erfordern. Noch erfreut sich dieselbe, zahlreicher genialer Versuche

ungeachtet, in den wenigsten Lehren einer allgemeinen Uebereinstimmung,

und im Ganzen erstreckt sich das zweifellose Wissen der Denker noch

wenig über =Descartes=' berühmtes: _cogito, ergo sum_ hinaus. Während

die Naturwissenschaften von Stunde zu Stunde mehr Boden gewinnen und

überraschende Fortschritte machen, stockt die =reine Begriffswissenschaft=,

welche ihnen die feste Grundlage, auf der sie fußen können,

erst geben sollte, noch immer bei den zuerst sich darbietenden

Problemen. Manchmal der Auflösung sich ganz nahe glaubend,

gewahrt sie sich kurz darauf weiter als je davon zurückgeworfen. Das

letztere vielleicht gerade deshalb, weil sie, besonders in neuester

Zeit, Gefallen daran gefunden zu haben scheint, gerade der zunächst

liegenden, und ihr nur um deswillen trivial dünkenden Lösung, weil sie

dem gesunden Menschenverstand am meisten zusagend ist, immerdar aus dem

Wege zu gehen, und das Wort des Räthsels auf geheimen, nur für

Auserwählte gangbaren Wegen, die nicht immer jene des Lichtes sind, zu

suchen. Wenn daher die Frage nahe liegt, warum die Vorsehung es zulassen

möge, daß das Denken, die eingeschlagene gerade Bahn verlassend, oft

erst nach den seltsamsten und weitesten Umwegen zu derselben

zurückzukehren genöthigt werde, während es nur eines glücklichen

Griffes, eines offenen Blickes bedurft hätte, um die Wahrheit auf dem

kürzesten Wege zu finden: so mag vielleicht einer der Gründe der sein,

daß sie uns das unschätzbare Gut des schlichten geraden Verstandes durch

die eigene Verwirrung am herbsten und eindringlichsten fühlen lassen

will. Auf dem Umwege waren vielleicht manche andere glückliche

Entdeckungen zu machen, zu welchen wir ohne denselben nie gelangt sein

würden, und wenn nichts Anderes, so macht das Gefühl, alle Möglichkeiten

des Irrens erschöpft zu haben, unsern Glauben an die endlich errungene

Wahrheit zuversichtlicher und fester haftend. =Lessing='s Ausspruch, er

wolle lieber das redliche Streben nach der Wahrheit, als die fertig

zugerichtete (wenn man sie nicht mit =Liebe= erfaßt), findet hier seine

Geltung. Durch den langen Umschweif, welchen das Denken seit =Leibnitz=

durch die mannigfaltigsten Gebiete genommen, um endlich doch zu der

Ueberzeugung zurückzukehren, daß ohne Wirksamkeit keine Welt, daß die

lebendige Wechselthätigkeit einfacher Wesen die _conditio sine qua non_

sei, wenn wir nicht in todten Mechanismus und starren Indifferentismus

verfallen sollen, dem durch extramundane wirkungslose Bevormundung nicht

abgeholfen werden kann, wird es hoffentlich anschaulich genug geworden

sein, die =Wechselwirkung= allein sei der passende Ausweg, den Glauben

des Herzens und die Zweifel des Verstandes zu versöhnen, und der täglich

gebieterisch sich vordrängenden Erfahrung auf metaphysischem Wege die

Hand zu reichen. Durch das Wirken erst erhält das Sein Leben, wie die

elektrische Spannung der Luft erst zum Vorschein kommt, wenn sie

leuchtet und zündet. Ein Sein, das nicht wirkt, ist ein todtes Sein,

also gar kein Sein, und ein Sein, das nicht auf Andere wirkt, ein

nutzloses Sein; denn kein Wesen ist um seinetwillen, sondern um des

Ganzen, wie ein Factor um des Productes willen da. Nur einer kurzen

Beharrlichkeit hätte es vielleicht bedurft, um den Monaden =Leibnitz='

diesen weltbürgerlichen Sinn einzuhauchen; allein so schnell sollte die

Forschung nicht fortschreiten, damit der Einzelne nicht übermüthig

werde, und um zehn Irrthümer ist die Wahrheit nicht zu theuer erkauft.

So mußte die Monadologie als Betrachtung des Weltganzen den Platz

räumen, um ihn dem Idealismus der einzelnen Monade zu überlassen; so

mußte =Leibnitz=' genialer rhapsodischer Dogmatismus geläutert werden

durch eine scharfe Prüfung unsrer Erkenntnißkräfte und erst, nachdem

trotz =Kant='s Gegenrede dem denkenden Geiste durch lange Beobachtung

gewiß geworden, er vermöge wenigstens einige synthetische, oder besser

reine Begriffswahrheiten, die synthetischer Natur sind, und nicht minder

Erfahrungsurtheile einer gewissen Gattung mit zweifelloser Gewißheit zu

erkennen, ohne sie durch irgend eine Art »reine« Anschauung vermitteln

zu müssen: jetzt erst dürfen wir uns ruhig und unbesorgt dem Zuge

unserer Gedanken überlassen, und wenn er uns zum Monadismus zurückführt,

darin einen Beweis für die innere Nothwendigkeit dieses Gedankenweges

sehen. Daraus folgt aber keineswegs, daß das Denken genau die Form des

=Leibnitz='schen behalten müsse, obgleich auch der wichtigste, für die

Brauchbarkeit eines metaphysischen Systems entscheidende Gedanke darin,

wie wir zu zeigen suchten, schon im Keime lag. Welche Form es auch immer

annehmen möge, daß es =Leibnitz=' Grundsätzen wenigstens in den

Hauptzügen ähnlich sich gestalten werde, dafür finden wir nicht nur in

=Herbart='s Beispiel, sondern auch in der merkwürdigen Erscheinung, daß

das Denken, welches so lange auf den abenteuerlichsten Bahnen schweifte,

zu ihm als seinem Anfangspunkte neuerdings zurückgekehrt, die sichere

und erfreuliche Bürgschaft.

Verbesserungen.

S. 4 Z. 4 v. u. Vergleichung. -- 7. 4 v. u. _Actis_. -- 23. 19 v. u.

abzugeben. -- 26. 13 v. o. =sich= vorstellt. -- 47. 1 v. u. =das Citat

zu löschen=. -- 55. 13 v. u. Idealismus. -- 62. 5 v. o. Seelen. -- 65.

10 v. o. kommt. -- 74. 1 v. o. =einem= marmornen Rumpf =einen=. -- 79.

11 v. o. in die Dinge. -- 94. 15 v. o. _non a_. -- 96. 17 v. o. ein

Sich-ändern. -- 115. 16 v. u. formalen. -- 118. 17 v. u. den Wesen. --

132. 9 v. u. welche =die Ursache= erst. -- 138. 7 v. o. zwecksetzendes.

-- 144. 17 v. o. Veränderung der Realen bei diesem Geschehen. -- 166. 2

v. o. =betrachtet= zu streichen. -- 181. 17 v. u. Stelle. -- 182. 15

v. u. welchen.

Inhalt.

Leibnitz' Monadologie Deutsch mit einer Abhandlung über Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen Geschehens · 第 6 / 13 题