Wie der Rauch auf das Feuer, so deutet der Schein auf das Sein, sagt
=Herbart=(68). =Kant= hatte die ganze Erfahrung für bloße Erscheinung
erklärt und nachdem es ihm ungewiß geworden war, ob das Denkende in uns
Substanz sei und eben so ungewiß, was für Dinge hinter den körperlichen
Erscheinungen stecken möchten, ließ er es bei der unbestimmten
Vermuthung bewenden, hinter dem Scheine möge wohl ein Seiendes verborgen
sein. Die entschiedene Aufforderung, jetzt die Untersuchung zu beginnen
und das Seiende als ein solches zu bestimmen, wie es sein muß, damit die
Erscheinungen ihrerseits als solche und keine andern daraus hervorgehen,
diese Triebfeder des metaphysischen Denkens wirkte nicht auf ihn. Sie
hätte aber auf ihn wirken sollen. Wo etwas scheint, muß Etwas sein, denn
wo nichts wäre, könnte auch nichts scheinen. Auch die scheinbar nicht
gegebenen Bestimmungen der Causalität, wie =Hume=, des Raumes, der Zeit
und der Substantialität, wie =Kant= meinte, sind gegeben. Sobald wir
willkürlich versuchen, Größe, Gestalt, Dauer anders zu denken, wie
bisher, so tritt die Nothwendigkeit wieder ein, sie so zu denken, wie
sie sich geben. Wir sind an Gestalt und Dauer ebenso gebunden, wie an
Beschaffenheiten der Dinge, z. B. Gold fest, Wasser flüssig zu denken.
Diese Vorschriften liegen in der Erfahrung, welche nicht allein in der
rohen zusammenhangslosen Materie vereinzelter Empfindungen besteht;
sondern zugleich in den Formen, die =Kant= nicht mehr zur Erfahrung
rechnete. Diese Formen sind gegeben. Um aber den Beschauer zu bestimmten
Formen zu nöthigen, muß ein Reales vorhanden sein.
(68) Allg. Metaph. I. S. 380 u. ff.
Aus denselben Formen aber, auf welche der Schein als das Gegebene
hinweist, erwachsen der Metaphysik neue Aufgaben. Sie sind zwar gegeben,
aber sie können nicht so bleiben, wie sie gegeben sind, denn sie sind
widersprechend. Statt jedoch hieraus zu schließen, die ganze
Erfahrungswelt sei eine Ungereimtheit, welcher Gedanke alle praktische
Wirksamkeit aufheben würde, zwingt uns diese Erscheinung vielmehr, den
Dingen oder im Grund nur unserer gewiß falschen Auffassungsweise
derselben eine andere Gestalt zu geben, damit sowohl das Wissen als das
Glauben seine rechten Plätze wieder erlangen möge(69).
(69) Allg. Metaph. S. 384.
Dadurch erhält die Metaphysik eine doppelte Bestimmung; einmal von der
gegebenen Erscheinung fortschreitend bis zu dem wahrhaft Seienden zu
gelangen, das andremal zu zeigen, auf welche Weise sich aus den
Eigenschaften und Verhältnissen des wahrhaft Seienden allmälig eine
gerade so beschaffene Erscheinungswelt herausbilden müsse, wie wir sie
eben besitzen. Das Erstere ist eine analytische, das Letztere eine
synthetische Untersuchung. Um zu der ersteren zu gelangen, stellen wir
vor allem den Begriff des wahrhaft Seienden fest.
Dieser besteht aus zwei gleich wichtigen Begriffen, den des »Sein« und
des »Was,« welchem das Sein zugesprochen wird. Einem Dinge das Sein
beilegen, heißt nichts anderes, als es bei der einfachen schlechthinigen
Setzung desselben bewenden zu lassen(70). Diese Setzung ist rein
positiv, sie darf also weder eine Negation, noch eine Relation (etwa auf
ein Setzendes) enthalten. Eine solche würde aber darin stecken, sobald
die Setzung complicirt wäre, sich in mehrere Setzungen auflösen ließe,
deren Eine nicht ohne die Andere sein kann. Das Sein besteht in Bezug zu
einem Was. Wäre dies nicht der Fall, so könnte man das Sein selbst zum
Subject machen und aussprechen: Das Sein Ist. Allein dies hieße dem Sein
als Subject das Sein als Prädicat beilegen, was ein Widerspruch wäre.
Der Satz hebt sich also auf und: das Sein Ist nicht, nämlich nicht ohne
ein Was, welchem es beigelegt wird. Diesem Was müssen, um ihm das Sein
zusprechen zu können, verschiedene Bestimmungen zukommen(71). Ein Was,
welchem das Sein beigelegt worden, ist ein Seiendes und die
Eigenschaften dieses Was sind Eigenschaften des Seienden und das Was
dessen Qualität. Diese muß schlechthin einfach, ohne Mehrheit von
Bestimmungen, Theilen, Kräften und Eigenschaften sein; denn bekämen wir
auf die Frage, was das Seiende sei, eine Mehrheit von Bestimmungen zur
Antwort, deren Eine nicht ohne die Andere sein könnte, so hätten wir
nicht mehr Eines, sondern mehrere Seiende, während doch nur Eines da
sein soll. Wollen wir diese mehreren Bestimmungen zur Einheit
verschmelzen, während sie sich doch ihrer Natur nach nicht auf eine
Einzige zurückführen lassen, so ist diese Einheit nichts als eine Form
und sie setzen heißt eigentlich ihre Glieder und zwar selbst wieder als
getrennte Seiende setzen. Eine höhere Einheit aber im Sinne
=Schelling='s aus disparaten oder gar entgegengesetzten Bestimmungen
zusammenschweißen, heißt »einen Thurm von Einheiten über einander bauen,
bis Jederman deutlich sieht, daß die höheren Einheiten sich allemal
beziehen auf die niederen, und daß folglich je höher das Kunstwerk in
die Luft steigt, wir desto weiter von der Sache abkommen(72).« Die
gänzliche Einfachheit der Qualität verbietet demnach streng,
Größenbestimmungen, die Theile voraussetzen, Unendlichkeit, deren
Setzung nie vollendet werden könnte, derselben beizulegen. Das Seiende,
insofern es dies ist, ist streng Eins und nicht Vieles; wäre es das
Letztere, so wäre es der einfachen Setzung unzugänglich.
(70) Hauptpunkte der Met., her. v. =Hartenstein=, I. S. 217. Allg.
Met. II. S. 82. ff.
(71) Hauptp. der Met. S. 217 u. ff. Allg. Met. II. S. 94 u. ff. Lehrb.
z. Einl. in die Phil. 4. Aufl. S. 193.
(72) Allg. Met. II. S. 99.
Die Nothwendigkeit des einfachen Was kommt diesem daher nur insofern zu,
als es ein Seiendes werden soll. Betrachten wir daher das Was ohne Sein
näher, so fällt diese Beschränkung hinweg. So lang das Was nicht als
seiend gesetzt wird, ist es uns unverwehrt, dasselbe durch eine Mehrheit
von Begriffen zu denken. Soll es aber als seiend gedacht werden, so muß
die Qualität einfach sein und daher müssen alle jene mehreren
Bestimmungen die Fähigkeit haben, sich auf eine einzige zurückführen zu
lassen, die dann das Was des Gesetzten ausmacht. Dem Was, insofern es
als seiend gedacht wird, ist folglich jene Mehrheit von Begriffen,
mittels welcher es außerhalb des Seins gedacht werden kann, ganz
zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedes
Was, sobald es nicht als dasjenige eines Seienden angesehen wird, läßt
sich auf mehr-, vielleicht unendlich vielfache Art mittels einer
Mehrheit von Begriffen ausdrücken: von jedem Was kann es daher auch
mehrere, ja unendlich viele zufällige Ansichten geben, sobald wir die
Beschränkung einhalten, daß sich jeder der complicirten Ausdrücke des
Was auf eine strenge Einheit müsse zurückführen lassen. Die zufälligen
Ansichten bedeuten nichts für das Seiende, und sind nur Mittel der
»philosophischen Kunst, die wir gebrauchen, wie der Mathematiker die
Transformationen seiner Zahlenausdrücke(74)«.
(73) Hauptp. S. 218. Allg. Met. S. 64. u. S. 109.
(74) =Strümpell=: Erläut. zu =Herbart='s Philos. S. 102.
Wie viel es der Seienden gebe, ist unbestimmt; daß es ihrer mehrere gebe
aber gewiß. Der Schein ist ein mehrfacher, verschiedener, er setzt also
auch ein mehrfaches zu Grunde liegendes Seiende voraus. Denn gäbe es nur
ein einziges Seiende, folglich auch nur eine einzige Qualität, so könnte
aus dieser nichts Verschiedenartiges noch irgend eine Veränderung
hervorgehen, keine Zu- oder Abnahme des Scheins ließe sich erklären. Die
mehreren Seienden selbst sind einander gleichgiltig, völlig indifferent,
nichts als absolutgesetzte einfache Qualitäten; das System, nach des
Erfinders eigenem Ausdruck, eine =qualitative Atomistik=.
Jedoch neben der Forderung, ein Reales hinter dem Scheine
vorauszusetzen, macht die Erfahrung eine zweite, nicht minder dringende
an uns, die auf demselben Schlusse beruht, wie oben die Setzung der
Realen selbst. Wir nehmen Veränderungen, Wechsel der Erscheinungen wahr;
es scheint etwas zu geschehen, es muß daher auch in der That etwas
geschehen, weil es sonst nicht scheinen könnte. Denn wenn man gleich, um
die Mehrheit der erscheinenden Beschaffenheiten, den verschiedenartigen
Schein hinreichend zu erklären, zur Annahme einer Mehrheit seiender
Wesen seine Zuflucht nimmt, so kann aus diesen doch Nichts hervorgehen,
so lang sie nicht mit und zu einander in gewisse Beziehungen treten. Auf
diesem Wege gelangen wir zu den Problemen der Inhärenz, der Veränderung
und des wirklichen Geschehens. =Herbart= bedient sich zu diesem Zweck
der von ihm sogenannten Methode der Beziehungen, welche darin besteht,
daß Eigenschaften, welche an einem einzigen Wesen befindlich sich
widersprechen und einander ausschließen würden, einer Mehrheit dieser
Wesen, die sich wechselseitig modificiren, ohne Widerspruch beigelegt
werden können, so wie eine Summe Eigenschaften besitzt, die ihren
Theilen fehlen. Diesem Verhältniß zwischen Seienden entspricht in der
Logik der Zusammenhang zwischen Prämissen und Schlußsatz. Der letztere
folgt nämlich aus keiner der Prämissen für sich, sondern nur aus
sämmtlichen zusammengenommen.
Wenden wir diese Methode zunächst auf die Inhärenz an. An _A_ wird _a_
gesetzt: d. i. die Setzung des _A_ soll jene von _a_ enthalten. Allein
_A_ ist ein Einfaches, kann kein Mannigfaltiges enthalten; folglich muß
_A_ = _a_ sein, während die Forderung, daß das _A_ als einfaches Wesen
ein _esse_, das _a_ als Inhärenz ein bloßes _inesse_ besitzen soll,
dieser Identität widerspricht. Die Einheit von _A_ und _a_ ist daher
unmöglich und wird dennoch verlangt; hierin liegt der Widerspruch. An
ihm haben wir zugleich ein Beispiel jener »treibenden« Widersprüche in
den gegebenen Erfahrungsformen, deren eine die Inhärenz ist, welche
=Herbart= als die Principien des metaphysischen Denkens betrachtet.
Sobald uns ein offenbarer und gleichwohl unabweislicher (?) Widerspruch
der Art gegeben wird, ist es Aufgabe des Denkens, diesen Widerspruch zu
heben, und den mangelhaften Begriff zu ergänzen. Der Widerspruch liegt
in _A_, das mit _a_ identisch sein soll und nicht identisch sein kann.
Es kann also in beiden Fällen unmöglich dasselbe _A_ sein; es können
aber nicht blos mehrere, eine Summe sein, weil sich sonst derselbe
Widerspruch bei jedem einzelnen Summanden nur wiederholen würde: sondern
die mehreren _A_ müssen auf was immer für eine Weise =zusammengefaßt
werden=, um _a_ zu ergeben. Dies heißt so viel, daß sobald der Schein
einer Inhärenz vorhanden sei, dieser auf das Dasein einer Mehrheit von
Realen hinweise, welche auf eine Weise =zusammen= sind; ein Begriff,
dessen Natur erst späterhin klar werden kann. Hervor tritt aber der
Schein der Inhärenz, sobald wir die in der Erfahrung gegebenen Dinge
betrachten. Von diesen nehmen wir nur Merkmale wahr, die auf ein Ding
weisen, welches letztere weder vor den Merkmalen irgendwie gegeben, noch
die bloße Summe derselben ist, denn existirt keines der Merkmale für
sich allein, so ist auch ihre Summe als eine Summe von Nichtigem, selbst
Nichts. Wir sehen daher das Ding als dasjenige an, dessen Setzung die
Setzung der Merkmale vertritt, als -- =Substanz=, dessen Setzung aber
die Zahl der Setzungen der Merkmale keineswegs um eine vermehrt, sondern
ihnen zusammengenommen gleich gilt. Hierin eben liegt der Widerspruch.
Die vielen Setzungen sollen Eine sein. Die Lösung lautete oben: Wo ein
Schein der Inhärenz entsteht, da existirt eine Mehrheit von Realen. In
unserem Falle jedoch entsteht ein mehrfacher Schein von Inhärenz: es muß
daher mehrere Mengen von Realen geben, deren jede den Schein eines
andern Merkmals, einer andern Inhärenz erzeugt(75). Damit wäre aber
nichts für die Einheit des Dinges, dessen mehrere Inhärenzen wir in's
Auge fassen, gethan, welche eine Grundbestimmung des Problems ist. Man
muß daher annehmen, daß die verschiedenen Mengen Realer in Reihenform,
welche den Schein der mannigfachen Inhärenzen hervorbringen helfen, ein
gemeinschaftliches Anfangsglied haben, welches eben dasjenige ist, das
wir Substanz nennen. Auf dieses wird der Schein bezogen, obgleich er ihm
nicht anders als im Verbundenem mit den andern Gliedern der Reihen
zukommt. Die Ursache des Scheines von Inhärenz an _A_ liegt daher in
dessen Zusammensein mit mehreren anderen Realen, und daraus folgt der
wichtige Satz: »Keine Substantialität ohne Causalität(76),« der nur so
viel bedeutet: Jedes Reale kann Substanz werden, sobald es mehreren
Reihen von Realen zum gemeinschaftlichen Anfangsgliede dient, und mit
diesen zusammen Ursache gewisser verschiedener Arten des Scheines wird.
(75) Allg. Met. II. S. 218. S. 130.
(76) Allg. Met. II. S. 134.
Fragen wir nun: was thun die Ursachen und was leidet die Substanz und
wie hängt mit dieser das inhärirende Accidenz zusammen, das sie mit
Hilfe der übrigen Realen als Ursachen soll erhalten haben?(77) Bisher
war vom Thun und Leiden noch keine Rede; die Substanz so gut ein Reales,
wie jede der hinzukommenden Ursachen, und die Reihen unterscheiden sich
dadurch, daß, während das Anfangsglied in allen dasselbe bleibt, die
übrigen Glieder in jeder andere sind, weil jede Reihe eine andere
Gattung Scheines erzeugt und andere Folgen andere Gründe haben müssen.
Eben so wenig folgt daraus über das Wie des Zusammenhangs des Accidenz
mit der Substanz etwas; denn das Accidenz ist nichts als Schein, und
dieser blos einfache Empfindung im denkenden Subject und gar nicht in
der Substanz, welcher wir denselben zuschreiben. Charakteristisch jedoch
für die auftretende Causalität ist es, daß sie keiner Zeitbestimmung
unterliegt, die Ursache ist weder früher noch später als die Wirkung,
sondern eben jetzt, indem wir die Inhärenz widersprechend finden,
erklären wir die Substanz für unzureichend, ihre Accidenzen zu begründen
und nehmen an, daß wenigstens so viel Ursachen vorhanden sein müssen,
als Accidenzen da sind. Statt einer zeitlichen Succession der Accidenzen
als Wirkungen nach den Ursachen sind Accidenzen und Wirkungen
Einunddasselbe, wenn sie auch einmal als der Substanz allein, das
anderemal derselben mit den Ursachen zusammen angehörend betrachtet
werden. Die Succession ist nur in unserem Denken vorhanden, das ein
zeitliches ist und bei der Substanz früher als bei den erzeugenden
Ursachen anlangt. Von einem zeitlichen Prius der Substanz vor den
Inhärenzen ist daher keine Rede. Ursache und Wirkung sind stets
gleichzeitig; eine Ursache ist nur Ursache, sobald die Wirkung beginnt,
und hört es zu sein in dem Augenblick auf, da die Wirkung verschwindet.
Dies gilt ganz allgemein und daß im gemeinen Leben gewöhnlich die
Gegenansicht herrscht, hat seinen Grund in der gemeiniglichen
Verwechslung der Theilursachen mit der vollständigen Ursache. Während
von jenen einige, oft sogar die meisten der Zeit nach früher vorhanden
sind, ist die vollständige Ursache erst in dem Momente vorhanden, in
welchem auch schon die Wirkung beginnt, und diese daher mit jener
gleichzeitig.
(77) Allg. Met. II. S. 137.
Anders tritt das Causalitätsverhältniß bei dem Probleme der Veränderung
auf. Die Inhärenz führte auf das »Zusammen« mehrerer realer Wesen, von
welchem wir weiter keinen Begriff aufstellten, als daß wir das
Causalitätsverhältniß damit zusammenhängend fanden. Während aber hier
Mancher an dem Satze, keine Substantialität ohne Causalität, Anstoß
nehmen konnte, leuchtet der Satz: keine Veränderung ohne Ursache, Jedem
von selbst ein. Im ersten Falle erscheinen die realen als Ursachen zur
Substanz hinzutretenden Wesen als ruhende; keine thut, keine leidet
etwas, allein bei der Veränderung? Verändern ist doch ein Thun; die
Ursache einer Veränderung muß thätig sein, sonst ist sie ja nicht die
Ursache der Veränderung; sie muß wirken, sonst entsteht keine Wirkung;
eine Ursache, die nicht wirkte, wäre keine, denn sie ist es nur,
insofern sie eine Wirkung hat, und die letztere nur Wirkung, insofern
sie eine Ursache hat.
Allein von welcher Beschaffenheit soll denn diese ursächliche Wirkung
sein? Soll sie weder prästabilirte Harmonie, noch _Causa immanens_,
weder blos psychologische Gewohnheit, noch allein Regel der Zeitfolge
sein, was bleibt uns übrig, wenn wir zugleich in keinen der Widersprüche
verfallen wollen, die =Herbart= im Thun und Leiden einfacher Wesen
auffindet?(78)
(78) Allg. Met. II. S. 148.
Gehen wir die Letzteren in Kürze durch(79). Es liegt im Begriffe der
Veränderung, daß aus einer Complexion mehrerer Merkmale einige
verschwinden, andere zurückbleiben, wohl auch neue an die Stelle der
verschwundenen treten, so daß es offenbar wird, die Eine dieser
Complexionen sei verschieden von der anderen. Zugleich soll aber auch
die eine Complexion identisch mit der andern sein, sonst wären es völlig
zwei verschiedene Dinge, nicht aber dasselbe Ding in nur verändertem
Zustande. Das Ding ist daher als ein solches, welches dem Complex von
Merkmalen _a b c d_ vorausgesetzt wurde; zugleich aber wird dasselbe
Ding auch einem andern Complex α β γ δ als Grundlage vorausgesetzt.
(79) Im Sinne =Herbart='s besonders klar bei =Hartenstein=: Metaphys.
S. 81. u. ff.
Hier liegen mehrere Einwendungen nahe. Die wichtigste beginnt beim
Begriffe des Seins und schiebt, wie oben beim Problem der Inhärenz den
Begriff der Substanz als des gemeinschaftlichen Trägers der mehreren von
ihr selbst verschiedenen Merkmale, so hier die Substanz als Dasjenige
unter, welches im Wechsel der Beschaffenheiten beharrt, wie =Wolff= und
selbst =Kant= gethan. Auf diese Weise pflegt man das veränderliche Ding
als ein solches zu erklären, dessen wesentliche Eigenschaften beharren,
unwesentliche sich ändern. =Herbart= jedoch findet das =Wesen= der Dinge
für uns gänzlich unerkennbar und schlechthin unmöglich, daß die einfache
Qualität des Seienden eine Mehrheit (auch wesentlicher) Eigenschaften
enthalten könne. Er behauptet vielmehr, weil jeder verschiedene Schein
auf ein verschiedenes Sein hinweise, seien auch die Verschiedenheiten
der Merkmale, die demselben Ding zugeschrieben werden, mit dessen
Identität unverträglich, mögen sie zugleich oder nach einander an
demselben gedacht werden.
Im letzten Falle drängt sich ein neuer Einwurf auf, der dem gesunden
Menschenverstand sehr geläufig ist. Dieser begreift mit Recht nicht, wie
es etwas Widersprechendes haben solle, demselben Ding =in verschiedenen
Rücksichten= verschiedene, ja entgegengesetzte Beschaffenheiten
beizulegen. Er findet es eben so wenig befremdend, daß dasselbe Ding =zu
verschiedener Zeit= einander ausschließende Beschaffenheiten besitze.
Was nicht =zugleich=, sondern das Eine in Abwesenheit des Andern an
demselben Dinge auftritt, das widerspricht sich nicht. Dabei wird
angenommen, es gebe einen Träger der Merkmale, der zu einer Zeit diese,
zu einer andern Zeit jene sich ausschließenden Merkmale =an sich= trägt.
Allein =Herbart= will so wenig zugeben, daß das =Ansichtragen= mehrerer
Merkmale mit der einfachen Qualität des Seienden verträglich sei, als er
zugesteht, daß es nur Wirkliche von doppelter Art geben könne, nämlich
solche, die sich =an Andern=, und solche, die sich nicht =mehr an
Andern= befinden, und die man gewöhnlich mit den Worten Adhärenz und
Substanz zu bezeichnen pflegt. Er sagt: Veränderung geschieht in der
Zeit und zwar eine bestimmte Veränderung in bestimmter endlicher
Zeitdauer. Das Geschehene muß sich daher durch diese ganze Zeitdauer
ausdehnen, sonst gäbe es innerhalb derselben leere Zwischenräume, in
welchen keine Veränderung stattfindet, und das Ganze würde nicht eine,
sondern ein Complex mehrerer Veränderungen sein. Das Quantum des
endlichen Geschehens wird daher gemessen an der endlichen Zeitdauer
desselben. Nun weiß Jeder, daß die Zeit unendlich theilbar ist, und sich
deren letzte eine unendliche Menge ausmachende Theile so wenig angeben
lassen, als sich aus ihnen wieder durch Zusammensetzung (?) eine
endliche Zeitdauer bilden läßt. Daher kann auch das endliche Quantum des
Geschehens weder in unendlich viele Theile aufgelös't, noch aus diesen
wieder zusammengesetzt werden. Denn jeder einfache Zeittheil, in welchem
Etwas geschieht (kann in einem einfachen Zeittheil überhaupt Etwas
geschehen?), müßte sich wieder in ein Vorher, Jetzt und Nachher zerlegen
und damit aussprechen lassen, daß er eben kein einfacher Zeittheil sei.
Dasjenige, was geschieht, würde dadurch gleichfalls in ein Geschehenes,
Geschehendes und künftig Geschehendes zerfallen. Nach Art der Eleaten
würde eine Veränderung aus durchaus einfachen Ruhepunkten, ein Geschehen
aus Geschehenem zusammengesetzt werden müssen.
Da hiebei ausdrücklich zugestanden wird, jede endliche Zeitdauer sei
unendlich theilbar, bestehe also aus unendlich vielen Theilen und nur
uns sei es unmöglich, durch fortgesetzte Theilung zu denselben zu
gelangen, so ist schwer einzusehen, wie daraus folgen solle, daß es
dergleichen einfache Theile nicht wirklich gebe, ganz unabhängig davon,
ob wir sie durch Theilung einer endlichen Zeitdauer erreichen oder
nicht. Zusammengesetzt ist jede =endliche= Zeitdauer denn doch gewiß,
und ein Zusammengesetztes kann ohne einfache Theile nicht bestehen.
Existiren diese aber, gibt es einfache Zeittheile, so hört es auf,
widersprechend zu sein, daß sich ein endliches Quantum des Geschehens
durch eine endliche Zeitdauer ausdehne, weil der Einwand aufhört, daß
die Veränderung in diesem Falle aus einzelnen Ruhepunkten
zusammengesetzt sein würde. Denn diese unendlich vielen einfachen
Zeittheile, welche die endliche Zeitdauer _a b_ ausmachen, sind stetig,
d. h. es lassen sich unter ihnen nicht zwei angeben, zwischen welchen
nicht noch ein dritter wäre. Sollen wir nun sagen können, eine
Veränderung und zwar dieselbe habe durch den ganzen Zeitraum _a b_
gewährt, so muß der Zustand des sich Verändernden diese ganze Zeit
hindurch in jedem Zeitmomente ein anderer gewesen sein, als in jedem
andern. Es dürfen nicht zwei, auch noch so nahe an einander gelegene
Punkte angebbar sein, innerhalb welcher derselbe Zustand geherrscht,
also das sich Verändernde geruht hätte, die Veränderung unterbrochen
worden wäre. Dies ist möglich, weil es innerhalb der ganzen Zeitdauer
überhaupt nicht zwei Punkte gibt, zwischen welchen nicht noch ein
dritter läge. Von den Zuständen aber, die die Veränderung constituiren
und in jedem Zeitmomente andere sind, kann man unmöglich mit Recht
sagen, daß sie die Veränderung aus Punkten der Ruhe zusammensetzen, weil
dieses letztere Wort nur dort gebraucht werden darf, wo derselbe Zustand
durch eine, auch noch so kleine Zeit ununterbrochen fortdauert, eine
solche aber, bei der stetigen Veränderung, wo in je zwei noch so nahe
liegenden Zeittheilen andere Zustände vorhanden sind, niemals angebbar
ist.
Allein =Herbart='s Synechologie ist nicht geneigt, die Stetigkeit des
Raumes wie der Zeit anders als höchstens in Form einer Fiction
zuzugestehen. Der Zeitbegriff muß nach ihr vielmehr von der Veränderung
fern gehalten werden, da er Verwickelungen herbeiführt, die zwar nicht
das veränderte Ding selbst, aber doch das Quantum der Veränderung
betreffen. Das Was des (veränderlichen) Dinges wird nicht durch die
Zeitreihe, während welcher es ihm zukommt, sondern durch die
Eigenschaften gedacht, die dasselbe zugleich oder nach einander
ausmachen. Würde die Zeit, in welcher es gedacht wird, im Was des Dinges
einen Unterschied begründen, so hätten wir, da die Zeitmomente im steten
Flusse sind, niemals dasselbe Ding, auch wenn alle Eigenschaften
desselben beständig bleiben würden. Nur seine Eigenschaften geben auf
die Frage nach dem Was eines Dinges Antwort, und ihr Früher- oder
Spätersein macht hiebei keinen Unterschied. Der ganze Widerspruch liegt
in nichts Anderem, als daß mehrere sich ausschließende Bestimmungen in
die Identität desselben einfachen Was zusammengehen sollen.
Dagegen sehen wir nach =Herbart= die Ursachen als dasjenige an, was
diesen Widerspruch auf sich nimmt. Diese thun etwas; das Veränderte
leidet nur; diese sind Schuld daran, daß das veränderte Ding vorher ein
anderes war, jetzt ein solches ist. Es frägt sich nur nach der
Beschaffenheit dieser Ursachen. Sie können nur entweder inner- oder
außerhalb des Leidenden befindlich sein, eine Einwirkung von innen oder
außen auf dasselbe ausüben, nur =transeunte= oder =immanente= Ursachen
sein. Ist die Ursache weder das Eine noch das Andere, und das Werden,
die Veränderung gleichwohl vorhanden, so muß letztere ohne Ursache sein
als =absolutes Werden=. Die Untersuchung dieses Trilemma ist von
entscheidenden Folgen.
Thun wir den weitesten Schritt von dem Veränderten selbst zu einem außer
demselben befindlichen Verändernden zuerst, so frägt es sich: was ist
denn das Leidende? Es erleidet Veränderungen, geht aus einer Qualität in
die andere über, bleibt aber deßungeachtet dieselbe Realität. Welche von
den Beschaffenheiten, die in ewigem Wechsel begriffen sind, soll es denn
sein, die uns als Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Was des
Veränderten gibt? Gar keine; die wahre immer sich gleich bleibende
Qualität ist unbekannt, nicht qualitätlos (ἄποιος ὕλη), sondern ein
Unbestimmtes (ἄπειρον), weiterer Bestimmung fähig und ihrer gewärtig.
Aus sich selbst ist dieser noch unbestimmte Stoff unfähig, seine eigenen
Bestimmungen zu erzeugen, er bedarf zu dem Ende als Ursache derselben
eine wirkende Kraft. Wirkt diese und bewirkt dadurch die eben
vorhandenen Eigenschaften, so muß sie fortwährend gewirkt haben und
ununterbrochen fortwirken, um dieselben festzuhalten, und so lang sie
thätig ist, kann kein Wechsel der Qualitäten eintreten. Doch soll er
das, der Erfahrung zufolge; der Begriff der Kraft muß daher eine
Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sondern auch dasjenige,
was unter gewissen Umständen wirken =kann=, nennen wir im gemeinen Leben
=Kraft=. Was bewirkt jedoch, daß dasjenige, was unter gewissen Umständen
wirken kann, zu gewisser Zeit auch in der That in Wirksamkeit tritt, und
auf diese Weise aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit übergeht? Ohne
Zweifel ist das Ding, welches jetzt wirkt, ein anderes geworden gegen
dasjenige, welches vorher nur wirken =konnte=. Also wieder eine
Veränderung an dem Dinge, wieder eine Ursache, die der Kraft
vorausgesetzt werden muß, und die, genauer besehen, abermals eine Kraft
ist, die wirken könnte und wirken würde, wenn eine andere auf sie
belebend und bewegend einwirkte. Da sich dasselbe bei jeder wiederholten
Voraussetzung einer neuen Kraft ergibt, so öffnet sich auf diese Weise
ein Rückschritt ins Unendliche, weil es nirgends eine Kraft gibt, die
keiner bewegenden mehr bedarf, das Princip des Veränderns in sich selbst
trägt, deren Was der Wechsel, die Veränderung selbst ist, mit Einem Wort
ein πρῶτον κινοῦν ἀκίνητον.
Kann man ein solches unbewegtes Bewegendes setzen? Trägt der Begriff
eines schlechthin thätigen nicht einen Widerspruch in sich? In der
unendlichen Reihe der successiven Bestimmung verhalten sich je zwei
Glieder zu einander wie Thätiges und Leidendes und das Eine greift
verändernd in den Zustand des Andern ein. Das Thätige soll thun, es ist
also etwas von seinem Thun, seiner Thätigkeit Verschiedenes, allein es
ist auch wieder ein nicht davon Verschiedenes, denn eben nur durch das
Thun ist ein Thätiges. Was es thut, ist dem, was es selbst ist, fremd;
das Thätige soll daher gedacht werden durch etwas, was es nicht ist,
wodurch es also nicht gedacht werden darf, und soll zugleich durch
dasjenige nicht gedacht werden, was es eigentlich und seinem Wesen nach
ist, und wodurch es daher gedacht werden muß. Als absolutes Thun aber,
ohne zugleich etwas zu sein, welches thut, verträgt es keine absolute
Setzung. Denn ein Thun enthält unvermeidlich die Beziehung auf ein
Thuendes, und eine Beziehung leidet keine absolute Position. Dieselbe
Verwicklung wiederholt sich bei dem Leidenden. Auch dieses ist abgesehen
von seinem Leiden ein Etwas für sich. Diese Kette von Widersprüchen, die
sich bei jedem Gliede der unendlichen Reihe wiederholt, und da jedes
thätig und leidend zugleich ist, sich sogar verdoppelt, macht die
äußeren Ursachen völlig (?) untauglich, einen festen Punkt im Denken zu
gewähren.
Liegt aber der Grund der Veränderung nicht außerhalb des veränderten
Dinges, so müssen wir ihn, so lang noch überhaupt einer angenommen
werden soll, innerhalb desselben, also in seiner Selbstbestimmung
suchen. Das Ding erscheint hier zugleich als Bestimmendes und
Bestimmtes; dieselben Widersprüche, die sich im Begriff der äußern
Ursache finden sollen, kehren daher hier und verstärkt wieder. Auch hier
entwickelt sich eine unendliche Reihe, indem jedes Bestimmende im
Uebergang aus der Unthätigkeit in Thätigkeit als sich verändernd gedacht
werden soll, welcher Uebergang neuerdings eine Selbstbestimmung des
Bestimmenden voraussetzt, in welcher dieses selbst als Bestimmtes
erscheint und ein Bestimmendes verlangt. Bei diesem geht es eben so, und
die Ungereimtheit wird dadurch noch größer, daß die ganze endlose Reihe
von Selbstbestimmungen in einem und demselben Dinge vor sich gehen soll,
während sie im früheren Falle gliedweise auf ein außerhalb des
Bestimmten befindliches Ding übertragen wurde. Um die Reihe
abzuschließen, kann man nicht umhin, die erste Selbstbestimmung absolut
zu setzen, wodurch aber die immanente Ursache ins absolute Werden sich
verwandelt. Ins Unendliche vervielfacht sich der Widerspruch, daß das
sich selbst bestimmende Ding zugleich thätig und leidend sein, daß es
nicht als zwei gedacht, sondern in die Identität desselben Begriffs
verschmolzen werden soll. Auch wenn die Prädicate nicht entgegengesetzt
wären, würde doch schon die Spaltung der einfachen Qualität in
mindestens zwei Theile, den Bestimmenden und Bestimmten, dazu
hinreichen, die Selbstbestimmung von dem Seienden abzuweisen.
So bleibt also nur noch übrig die Veränderung ohne Ursache schlechtweg,
als absolutes Werden zu setzen. Der Wechsel selbst werde als Qualität
dessen gedacht, was sich verändert. Keine Ungleichförmigkeit, kein Maß,
kein Aufhören, kein Anfangen findet statt; denn dies alles müßte einen
wie immer beschaffenen Grund haben, und nach einem solchen darf hier
nicht einmal gefragt werden. Das absolut Werdende ist durchaus sich
selbst gleich, es »wird,« ohne die geringste nähere Bestimmung.
Abgesehen davon, daß es eine Ungereimtheit ist, zu behaupten, der
Wechsel sei die Qualität des Realen (denn der Wechsel ist eine bloße
inhaltsleere Form, die ohne die Qualitäten, welche wechseln, gar keinen
Sinn hat, nichts weiter ist als ein Begriff, der auf das Reale
angewendet werden kann, sobald erst ein solches und Qualitäten desselben
wirklich vorhanden sind); abgesehen von der Unmöglichkeit, dort von
Wirkungen zu reden, wo man keine Ursachen derselben zulassen will: kann
=Herbart= von seinem Standpunkt aus nicht anders, als eine Qualität des
Seienden, die durch mehrere, ja des beständigen Wechsels halber
unendlich viele Qualitäten gedacht werden müßte, verwerfen.
Damit scheint nun aber jede Möglichkeit der causalen Verbindung zwischen
Realen abgeschnitten. =Leibnitz= faßte das Problem transitiver
Wirksamkeit in seiner Weise sehr bestimmt, indem er es in die
Dreitheilung des physischen Einflusses, Occasionalismus und der
prästabilirten Harmonie zerfällte, die ersten zwei als unmöglich
nachwies und die dritte festhielt. Mit ähnlicher Entschiedenheit geht
=Herbart= noch weiter und versucht die Unmöglichkeit äußerer Ursachen,
der Immanenz und des absoluten Werdens nachzuweisen. Was kommt nun an
die Stelle? Entweder letzteres Trilemma ist nicht vollständig, oder es
gibt überhaupt keinen causalen Zusammenhang unter den Dingen, keinen
Wechsel, keine Veränderung, kein Zunehmen und Abnehmen, alles ist starr,
leblos, unbeweglich, wo die Natur und Anschauung das Gegentheil zeigt.
Und =Herbart= selbst sagt ausdrücklich(80): »Niemand zweifelt, daß
Veränderungen in der Natur gegeben werden.« Nur fügt er einschränkend
hinzu: »Man unterscheidet wesentliche und zufällige Eigenschaften der
Dinge, weil in der Erscheinung einige Merkmale beständiger sind, als
andere. Wenn nun das Gegebene (die Erfahrung) so angesehen wird, als
gebe es uns die Qualitäten der Dinge zu erkennen, so liegt es am Tage,
daß die Substanz als beharrlich im Wechsel deshalb sehr leicht
betrachtet werden konnte, weil man meinte, sie lasse sich an ihren
wesentlichen Eigenschaften festhalten, mochten auch die zufälligen
wechseln, wie sie wollten. Wie es zugehen solle, daß sich zum
Wesentlichen das Zufällige, zum Einheimischen das Fremde geselle,
darüber dachte man so genau nicht nach. Wenn einmal ein Fremder im
Wirthshause der Substanz einkehrte, so war es ja kein Wunder, daß er
auch wieder Abschied nahm. Das Haus blieb stehen, unbekümmert um die,
welche aus- und eingingen, es gehörte fortdauernd seinen bleibenden
Einwohnern. Nun ist aber die Wirthschaft schon geschlossen, wenn die
Qualität des Seienden für absolut einfach erklärt wird. Ja noch mehr,
wir haben darauf Verzicht gethan, die wahre einfache Qualität jemals im
Gegebenen zu erkennen. Gegeben sind Complexionen von Merkmalen, diese
nennt man Dinge. Eine solche Complexion sei _a b c_, so setzen wir
ihretwegen die Substanz _A_; allein dieses _A_ in Hinsicht seiner
Qualität ist unbekannt. Wenn nun im Gegebenen sich die Veränderung
ereignet, daß aus _a b c_ jetzt die Complexion _a b d_ wird, wollen wir
dann sagen, es sei in der Qualität eine Veränderung vorgefallen? Wir
können diese Veränderung wenigstens nicht angeben: die Substanz, welche
dieselbe soll erlitten haben, ist uns jetzt eben so unbekannt, als
vormals, und wir sind zuletzt auf einen bloßen Wechsel der Erscheinung
beschränkt.«
(80) Allg. Metaph. II. S. 150.
Also doch ein Wechsel, wenn auch nur in der Erscheinung; also eine
Veränderung zum wenigsten in dem Subject, welchem der Schein erscheint!
Woher rührt diese? Ist sie durch äußere, durch immanente oder durch gar
keine Ursache erzeugt? Wie verträgt sie sich mit der Einfachheit der
Qualität, die ja auch dem denkenden Subject zukommt, in welchem der
Schein haftet und sich ändert? Das sind Fragen, die sich nach dem
Zugeständniß, daß Veränderungen wirklich stattfinden, und der
ausdrücklichen Abweisung aller drei möglichen Arten der
Causalverknüpfung sehr natürlich aufdrängen.
Statt aller Antwort führt das System neuerdings die Methode der
Beziehungen ein, wie oben bei dem Probleme der Inhärenz. Wie dort der
Inhärenz verschiedener zugleich vorhandener Merkmale mehrere Reihen von
Realen vorausgesetzt wurden, deren jede einem besondern Merkmale zur
Basis diente, und deren gemeinschaftliches Anfangsglied die sogenannte
Substanz war; so liegen hier den mehreren nacheinander seienden
Merkmalen mehrere Reihen unter sich verschiedener Realer zu Grunde. Die
Identität des veränderlichen Dinges vor und nach der Veränderung wird
dadurch erhalten, daß das gemeinschaftliche Anfangsglied aller Reihen,
die Substanz, dasselbe verbleibt. Die übrigen Glieder der Reihe, die
z. B. dem Merkmale _a_ zu Grunde lag, wechseln und anstatt ihrer tritt
eine solche Reihe von Ursachen ein, die mit der Substanz zusammen das
Merkmal _non a_ erzeugt u. s. w. »Denn,« heißt es(81), »schon ehe die
Veränderung eintrat, war der Complexion _a b c_ wegen, die wir als
ungetheilt betrachteten, irgend ein Reales = _x_ gesetzt worden. Dieses
kann auf keinen Fall den Platz einer Folge einnehmen, sondern wenn Eins
von beiden sein muß, so gebührt ihm, als dem schlechthin Gesetzten, der
Platz des Grundes. Jetzt sollte wegen der zweiten Complexion ein anderes
Reale = _y_ gesetzt werden, aber diese Setzung ist nicht schlechthin zu
vollziehen, sie soll sich vielmehr an die erstere anlehnen, weil das
Ding noch als dasselbe gegeben ist. Zusammenfallen sollte sie mit der
ersten, es sollte sein _y_ = _x_, aber die Position ist eine andere, ihr
Gesetztes auch, so gewiß _c_ nicht = _d_, und _a b c_ nicht = _a b d_
ist. Hiemit ist die Entscheidung gehörig vorbereitet. Was weiter zu thun
ist, wissen wir vermöge der Methode der Beziehungen. Das _x_
widerspricht sich selbst, indem es dem _y_ gleich und auch nicht gleich
sein soll. Es ist also nicht identisch, sondern ein Vielfaches. Und nur
indem mehrere _x_ zusammengefaßt werden, kann _y_, welches in keinem
Falle =ein= Reales, sondern nur die Folge der Zusammenfassung mehrerer
Realen sein konnte, daraus hervorgehen.«
(81) Allg. Met. II. S. 154.
Allein, was bedeutet eben dieses Zusammen? Die mehreren Realen, welche
zu der Substanz als Ursachen hinzukommen, um mit ihr =zusammengefaßt=
die Folge hervorgehen zu machen, was ändern sie an der Substanz, was
wird an ihnen selbst geändert durch dieses Zusammen? Da das Princip der
äußeren Ursachen (im gewöhnlichen, Kräfte und Vermögen postulirenden
Sinne dieses Worts) mit solchem Nachdruck ist abgewiesen worden, so
folgt daraus, daß von einem Verändern an einem der Realen =durch= die
übrigen, mit welchen es zusammengefaßt wird, keine Rede sein könne. =Ein
Reales wirkt nicht auf das andere.= Es wirkt aber eben so wenig auf sich
selbst, weil die immanente Ursache dem Wesen des Seienden widerspricht.
Das Reale kann ferner auch nicht den Wechsel, das Werden selbst als
eigenthümliche Qualität besitzen, weil ein continuirlicher Wechsel der
Beschaffenheit eine Relation einschließen, somit der absoluten Position
des Seienden widersprechen würde. Außer den einfachen Qualitäten der
Seienden ist nichts vorhanden, mit ihnen selbst aber kann =nichts=
vorgehen. Sollten sie ein vom Sein verschiedenes Geschehen
hervorbringen, so müßten sie von sich »abweichen, sich äußern und
dadurch außer sich gesetzt werden, sich in der Erscheinung offenbaren,
und dadurch würde das Reale selbst eine fremde Gestalt annehmen. Im
wirklichen Geschehen kann und darf das Seiende weder von sich abweichen,
noch sich äußern, noch erscheinen. Dies alles wäre nichts als
Entfremdung seiner selbst von innen heraus; also der Ursprung dieser
Entfremdung wäre ein innerer Widerspruch; und dessen sollen wir es nicht
beschuldigen, sondern es dagegen vertheidigen.« So bestimmt erklärte
sich das System gegen jede entäußernde Thätigkeit der einfachen
Qualitäten. Noch mehr, es sagt ausdrücklich: »Diese dürfen wir gar nicht
antasten. Sie können mit dem wirklichen Geschehen nur mittelbar
zusammenhängen. Sie können, indem Etwas geschieht, weder wachsen noch
abnehmen.« Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt
die Substanz, sollte die Fortsetzung so lauten: »und weder ihre Qualität
noch ihre Quantität wird von dem Wechsel ergriffen.« Und ebenso(82):
»Das Reale ist in sich reif. Es bedarf gar keiner Entwicklung. Kommt
dennoch, gleichviel wie, das Werden, das Geschehen hinzu: so vermehrt
sich das Reale darum nicht im mindesten. Die Wirklichkeit des Geschehens
ist schlechterdings gar nicht und in keinerlei Sinn ein Zuwachs zum
Realen, oder ein Gelangen zur Realität. Die Redensart, es komme hinzu,
darf überall nicht so genommen werden, als ob hier eine Addition möglich
wäre. Man addirt nicht Linien zu Flächen, nicht Flächen zu Körpern.
Gerade so soll man das wirkliche Geschehen nicht addiren zum Realen,
denn Beides ist völlig ungleichartig. Die Wirklichkeit des Geschehens
gibt einen Begriff für sich, und die Arten dieser Wirklichkeit können
unter einander verglichen werden. Aber für das Sein ist sie schlechthin
Nichts.«
(82) Allg. Met. I. S. 194.
Daraus wissen wir nun, daß alle Begriffe des Geschehens, des Wirkens und
der Veränderung, die wir aus der Sinnenwelt der Erscheinung mitbringen,
etwa ein Uebergehen eines Theils der Materie aus einem in den andern
Körper, eine Selbstbewegung, ein κινοῦν ἀκίνητον auf dasjenige, was
wirklich d. h. in dem einzigen wahrhaft Seienden oder dem der Qualität
nach einfachen Realen geschehen kann, nicht übertragen werden dürfen,
ohne dieses auch seines einfachen Was zu berauben. Es scheint fast, als
sei damit so gut wie bei =Leibnitz= das wirkliche Geschehen an sich
unmöglich gemacht. Ein Geschehen ist immer ein Sich-ändern, ein
Qualitätswechsel, das Hervortreten eines Zustandes, der früher nicht da
war. Nehmen wir diesen in der Scheinwelt der Sinne wahr, so gibt uns
eben diese Wahrnehmung das Recht zu schließen, daß auch in Demjenigen,
was nicht mehr bloßer Schein ist, in dem Seienden, gleichviel dem unser
eigenes Ich ausmachenden oder dem außer uns befindlichen Realen Gründe
vorhanden seien oder in Thätigkeit treten müssen, welche die Veränderung
des Scheins erzeugen. Die letztere ist nicht von unserer Willkür
abhängig; wir nehmen nicht nach Belieben jetzt diesen, dann jenen
Zustand desselben wahr, welchen wir wünschen, im Gegentheil, dieser ist
uns, nicht selten im geraden Widerspruche mit unserm Begehren, gewisse
vorhandene Beschaffenheiten des Scheins festzuhalten oder zu entfernen,
unabweislich gegeben, was auf einen von unserer Willkür durchaus
unabhängigen Grund desselben hindeutet. Geschehen, verändern muß sich
also etwas in dem Zustande des wahrhaft Seienden, des Realen, wenn sich
im Scheine etwas ändern soll, und dennoch kann Nichts an ihnen
=geschehen=, d. i. kein Qualitätswechsel stattfinden, ohne daß das Reale
aufhörte, mit sich identisch zu sein. Denn wo eine einzige Qualität das
Wesen des Seienden ausfüllt, da hört dieses auf zu sein, sobald die
Qualität verschwindet, und es ist ein neues Reale da, sobald eine neue
Qualität als seiend gesetzt wird. Die Lehre von der Einfachheit der
Qualität des Realen spielt bei =Herbart= dieselbe entscheidende Rolle,
wie bei =Leibnitz= der Satz von der Fensterlosigkeit der Monaden.
Auf denselben Punkt, wie bei Leibnitz die wechselseitige
Unzugänglichkeit der Monaden, versetzt uns bei Herbart die der
Veränderung unfähige Einfachheit der Qualität der Realen. Wie wir uns
dort, bevor wir zur prästabilirten Harmonie übergingen, durch die
Impenetrabilität der Monaden zu diesem künstlichen Wege der Vermittlung
genöthigt sahen, so werden wir hier zu einem ähnlichen äußeren
Hilfsmittel getrieben, weil der natürliche Weg -- der sich dem
Ergebnisse der gemeinen Erfahrung anschließt -- durch die Resultate des
metaphysischen Gedankenganges verboten zu werden scheint. Wir dürfen uns
aber nicht wundern, wenn der Enderfolg bei beiden Denkern ein ganz
verschiedener ist, denn beide gehen von eben so verschiedener, und nur
in der Hauptsache, der Annahme einer Vielheit realer Wesen,
übereinstimmender Grundlage aus. Leibnitz, der auf theologischem Boden
stand und mittels des ontologischen Beweises vorher die Existenz des
vollkommensten, d. i. desjenigen Wesens bewiesen hatte, »_dans lequel
l'essence renferme l'existence ou dans lequel il suffit d'être possible,
pour être actuel_(83),« war es leicht, kraft der Allmacht und
Allvollkommenheit desselben eine so regelmäßige Anordnung des Weltalls
zu postuliren, daß die Veränderungen im Innern der einzelnen Wesen, ohne
durch einander in der That hervorgebracht zu sein, sich wechselseitig
correspondirten. Dabei blieb unerklärt, was für eine Art von
Causalverknüpfung im Innern der einfachen Wesen, auf welche gleichwohl
so viel Gewicht gelegt wurde(84), überhaupt stattfinden könne, und Alles
lief, wie es bei einem Systeme, das die Gottheit selbst als _causa sui_
betrachtet, nicht befremden kann, auf die Annahme der _causa immanens_
in den einfachen Wesen hinaus. Herbart aber betrachtet die einfachen
Realen als schlechthin gesetzt, als einfache Qualitäten, mit welchen die
Spaltung der _causa immanens_ unverträglich sei und kann daher bei jener
Annahme nicht stehen bleiben. Er schlägt einen Weg ein, der so leicht
mißzuverstehen ist, daß dies zu vermeiden nichts übrig bleibt, als ihn,
so viel thunlich, mit des Erfinders eigenen Worten darzustellen.
(83) _Monad._ S. 708.
(84) _Monad._ S. 706; _Théod._ §. 608, §. 360.
Der Begriff, auf welchen uns die Methode der Beziehungen behufs der
Erklärung des wirklichen Geschehens verwies, war: das Zusammen. Durch
das Zusammenfassen mehrerer Realen, hieß es, lasse sich sowohl der
Widerspruch der Inhärenz als jener der Veränderung in Uebereinstimmung
bringen; was widersprechend sei an =einem= Realen, sei es nicht an einer
Mehrheit. Dieses Zusammenfassen mehrerer Realen bezieht sich zunächst
nur auf die Begriffe derselben; diese sind einfach, denn so sind die
Qualitäten der Seienden. Fassen wir nun aber eine Mehrheit solcher
einfachen Qualitäten, z. B. _A_ und _B_ zusammen, so erhalten wir eben
nichts anders, als eine Summe, »aus welcher eben so wenig etwas Weiteres
wird, als aus jenen einfachen Richtungen der Schwere und des Gegendrucks
einer schiefen Fläche(85).« Allein es gibt ein anderes Mittel,
wechselseitige Beziehungen zwischen den einfachen Realen herzustellen.
(85) Metaph. II. S. 164.
Erinnern wir uns, daß die einfache Qualität jedes Seienden sich auch
unter einen aus mehreren Theilen zusammengesetzten Begriff bringen und
durch denselben vorstellen lasse. Hiebei ist wohl zu unterscheiden: der
Begriff, der uns die Qualität des Seienden ausdrückt, ist
zusammengesetzt, sein Gegenstand, die Qualität selbst, völlig einfach.
Der zusammengesetzte Begriff muß von der Art sein, daß er dem einfachen
Begriffe der einfachen Qualität seines Seienden gleichgilt, ein
Wechselbegriff desselben sei, und sich auf ihn »zurückführen« lasse.
Begriffe dieser Art, die dem Was des Seienden ganz »zufällig« sind,
nennt =Herbart= zufällige Ansichten. Sehr gern vergleicht er dieselben
mit den Componenten, in welche sich eine jede Kraft, sobald sie als
deren resultirende betrachtet wird, zerlegen, und aus welchen sie sich
neuerdings zusammensetzen läßt. Wie es hier völlig eins und dasselbe
ist, ob wir die Kraft als eine einzige oder als resultirende mehrerer
Kräfte betrachten, was an ihrer Natur an und für sich gar nichts ändert:
so gleichgiltig ist es auch für das Was des Seienden, ob wir statt
seines einfachen Begriffs den oder jenen mehrtheiligen Wechselbegriff
desselben nehmen, sobald der letztere nur auf den ersteren zurückgeführt
werden kann. Es ist nun durchaus keine Unmöglichkeit vorhanden, daß die
zufälligen Ansichten mehrerer Realen gemeinschaftliche, daß sie
entgegengesetzte, gleiche oder auch disparate Bestandtheile besitzen und
dadurch andeuten, daß auch in den einfachen Qualitäten, deren Ausdrücke
sie sind, sich Etwas »wie ja und nein« verhalte. Vielmehr kann(86) »ein
solches Verhältniß der Begriffe hier eben so gut angenommen werden, als
es factisch stattfindet in den einfachen Empfindungen Roth und Blau oder
_cis_ und _gis_« (über deren Einfachheit sich freilich noch streiten
ließe). Jede dieser Empfindungen ist so gut unabhängig und indifferent
gegen die andere, wie jede Qualität gegen die andere; keine derselben
hat Theile, so wenig wie irgend eine Qualität, und doch steht jede in
einem andern Verhältniß gegen jede andere. Roth z. B. ist dem Blau mehr
entgegengesetzt als dem Violett, dem Gelb mehr als dem Orange, und doch
hat die Empfindung: Orange keine Theile, deren etwa mehrere dem Roth
gleichartiger sein könnten, als dem Gelb. »Wasserstoff ist dem
Sauerstoff, aber auch dem Chlor und dem Stickstoff entgegen; diese
Gegensätze können sowohl nach Beschaffenheit als Größe verschieden
sein.«
(86) Allg. Met. S. 164.
Nehmen wir also an, die einfache Qualität des realen _A_ lasse sich
ausdrücken durch die zufällige Ansicht α + β + γ und die einfache
Qualität des realen _B_ durch die zufällige Ansicht _m_ + _n_ − γ, wobei
die entgegengesetzten Zeichen des Merkmals γ den Gegensatz andeuten, der
in den einfachen Qualitäten _A_ und _B_ liegt, ohne von diesen getrennt
werden zu können, denn sie haben weder ungleichartige noch gleichartige
Theile, weil überhaupt keine Theile. Es sind aber α + β + γ und _m_ +
_n_ − γ zufällige Ansichten, als =bloße Begriffe=, die sich
zusammenfassen lassen, wobei die entgegengesetzten Merkmale sich
aufheben. Wir erhalten daher α + β + _m_ + _n_. Theile der zufälligen
Ansicht sind weggefallen, andere geblieben. Ist dadurch an den
Qualitäten _A_ und _B_ selbst Etwas geändert worden? Sind von diesen
Theile weggefallen, andere geblieben? Unmöglich! Die Qualitäten haben
gar keine Theile, sie müssen entweder gänzlich vernichtet werden, oder
=ganz= verbleiben, eine theilweise Zerstörung ist undenkbar. »Sollten
denn wohl ein paar Wesen sich so verhalten, daß sie sich gegenseitig
ganz aufhöben? Da wäre entweder Eins positiv und das Andere das Negative
dieser Position, folglich das letztere kein Wesen: oder beide wären
sogar nur gegenseitige Verneinungen, also keines ursprünglich positiv,
was von realen Wesen zu behaupten noch ungereimter sein würde(87).« Es
ist daher ganz und schlechterdings unmöglich, daß eine einfache Qualität
durch was immer für Beziehungen zu einer andern, die zufälligen
Ansichten beider mit eingeschlossen, irgendwie afficirt werde; jene
Zusammenfassung der zufälligen Ansichten ist nichts mehr und nichts
weniger als =eine leere Gedankenoperation=, die auf die realen
Qualitäten gar keinen Einfluß übt, für sie nichts bedeutet. Gleichwohl
gebietet uns die Erscheinung, indem sie uns Inhärenzen und Veränderungen
aufdringt (nach der Methode der Beziehungen) die einfachen Wesen
zusammenzufassen. Aber was soll eigentlich zusammengefaßt werden? Nur
die zufälligen Ansichten und daß diese zusammen sind, soll als Etwas den
Wesen selbst ganz Zufälliges betrachtet werden. Geschieht dies, nun »so
sollte sich ihr Entgegengesetztes aufheben. Aber es hebt sich nicht auf,
denn es ist auf keine Weise für sich; nur in unauflöslicher Verbindung
mit Demjenigen, was nicht im Gegensatze befangen ist, gehört es zu einem
wahren Ausdruck der Qualität dieser Wesen. Sie bestehen in der Lage,
worin sie sich befinden, wider einander, ihr Zustand ist =Widerstand=.«
Fragen wir, worin dieser bestehe, so heißt es, »er lasse sich mit dem
Widerstand im Druck vergleichen, wo Keines nachgibt, obgleich Jedes sich
bewegen sollte(88).« Fragen wir, ob hiebei wirklich eine Störung des
Zustandes der Wesen erfolge, so ist die Antwort: »Nein! sie sollte
erfolgen, aber Selbsterhaltung hebt sie dergestalt auf, daß sie gar
nicht eintritt.« Fragen wir endlich, ob hier eine Kraft, ein Vermögen im
gewöhnlichen Sinne des Worts thätig werde, so heißt es abermals: »Nein!
denn hier ist kein Angriff von einer Seite, kein Leidendes gegenüber
einem Thätigen; nichts was darauf ausginge, Veränderungen
hervorzubringen. Der innere Gegensatz in den Qualitäten je zweier Wesen
ist es, welchem beide zugleich widerstehen -- =dieser ist zwischen
beiden, nicht aber in einem von beiden=.«
(87) Allg. Met. II. S. 169.
(88) Man vergl. die Note über =Canz=, S. 69.
Wenn hier für das wirkende Princip das Wort Selbsterhaltung gebraucht
wird, so muß man sich sehr hüten, dieselbe etwa als eine freiwillige
Thätigkeit anzusehen. Wäre sie eine Kraft, mittels deren Anwendung sich
ein Wesen gegen das andere auf geschehene Veranlassung selbst erhält,
die daher aus der Ruhe in Bewegung, aus dem Zustande der Unthätigkeit in
jenen der Thätigkeit überzugehen fähig wäre, so würde dies eine
immanente Veränderung in dem Wesen selbst und auf diese Weise den
unzulässigen Dualismus eines Thätigen und Leidenden im einfachen Realen
voraussetzen. Alle gemeinen, aus der Erfahrung geschöpften Begriffe von
Selbsterhaltung, in welchen sie Kraftaufwand voraussetzt, müssen
vermieden werden. Selbst die Dynamik, die dem Körper nur so lang
aufzusteigen erlaubt, als die momentane Wurfkraft noch nachwirkt, macht
hier keine Ausnahme. Denn »alle Triebe und Tendenzen, alle realen und
idealen Thätigkeiten, alle Einbildungen und Rückbildungen, durch welche
das Reale Formen annehmen soll, die es nicht hat, verrathen nur den am
Sinnlichen festklebenden Geist, der sich noch nicht im Metaphysischen
orientirt hat(89).« Dies um so mehr, da »Sein und Geschehen völlig
incommensurabel sind(90)« und nicht die mindeste Aehnlichkeit haben. Wie
sollte ein Geschehen, ein wie immer beschaffener Wechsel das Seiende
treffen können, da »für das Seiende in Hinsicht dessen, was es ist,
nicht das geringste verändert werden darf? Es wäre die vollkommenste
Probe einer Irrlehre, wenn dasjenige, was wir Geschehen nennen, sich
irgend eine Bedeutung im Gebiete des Seienden anmaßte(91).« Nicht anders
dürfen wir das wirkliche Geschehen denken, denn »als ein Bestehen wider
eine Negation. Da nun die Negation in dem Verhältniß der Qualitäten je
zweier Wesen liegt, so geschieht stets zweierlei zugleich: _A_ erhält
sich als _A_, und _B_ erhält sich als _B_. Jede von diesen
Selbsterhaltungen denken wir durch doppelte Negation, welche unstreitig
der Affirmation desjenigen, was jedes Wesen an sich ist, völlig gleich
gilt. Allein diese doppelte Negation ist dennoch unendlich vieler
Unterschiede fähig. Gesetzt mit _A_ = α + β + γ sei zusammen _C_ = _p_ +
_q_ − β, so wird auch jetzt _A_ sich selbst erhalten, aber nunmehr wird
nicht γ, sondern β die Art und Weise bestimmen, wie es sich verhält. Der
Gegensatz zwischen _A_ und _C_ ist ein anderer, als der zwischen _A_ und
_B_. Die zufälligen Ansichten sind nur die Ausdrücke, welche die Wesen
annehmen müssen, um vergleichbar zu werden; aber indem wir durch ihre
Hilfe zwei Wesen vergleichen, finden wir sogleich, daß in der
Vergleichung sich mancherlei Punkte darbieten, worin Störung und
Selbsterhaltung ihren Sitz haben können. Jedes Wesen ist an sich von
einfacher Qualität. Aber die vielfachen Qualitäten lassen sich vielfach
vergleichen, jede mit allen übrigen. Dabei braucht nun nicht jede
zufällige Ansicht aus den Gliedern α, β, γ zu bestehen, sondern der
Glieder können gar viele sein. Ferner braucht nicht jede Vergleichung
auf einerlei zufälliger Ansicht zu beruhen, sondern das Wesen erträgt
unendlich viele zufällige Ansichten, so wie seine Qualität unendlich
vieler Vergleichungen fähig ist(92).«
(89) Allg. Met. II. S. 173.
(90) Ebendas. S. 172.
(91) Ebendas. S. 175.
(92) Allg. Metaph. II. S. 175.
Was folgt aus diesem allen? Dürfen wir nun, nachdem =Herbart= selbst
gesteht, daß »jede Selbsterhaltung oder jedes wirkliche Geschehen,
welches in einem Wesen vorgeht, wenn es sich gegen ein anderes erhält,
einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebiete des
Geschehens gilt, daß aber diese Eigenthümlichkeit, mithin jede
Mannigfaltigkeit, die durch die Selbsterhaltung des _A_ gegen _B_, _C_,
_D_ u. s. w. entsteht, sammt dem Geschehen verschwinde, sobald man auf
das Seiende, wie es an sich ist, zurückgeht, weil es in allen diesen
Fällen _A_ ist, welches sich erhält und welches erhalten wird« -- dürfen
wir nun annehmen, daß das Geschehen etwas dem Sinne völlig Fremdes, ein
bloßes Product einer logischen Vergleichung zwischen den begrifflichen
Ausdrücken verschiedener Seienden sei, welche an denselben bald
gleichartige, bald entgegengesetzte Bestandtheile aufweist? Setzt die
Vergleichung der zufälligen Ansichten nach ihren Bestandtheilen, deren
Resultat die geforderte, aber unmögliche Störung, d. i. die
Selbsterhaltung sein soll, setzt diese ein Subject voraus, von welchem
sie vollzogen wird, oder existirt sie früher, ehe ein solches vorhanden
ist und im Denken den Act der Vergleichung durchführt? Oder ist der
Gegensatz zwischen den Bestandtheilen +γ und −γ, eben so, wie der unter
den Qualitäten, deren Ausdrücke sie sind, ein völlig objectives
Verhältniß, das weder erkannt noch von irgend einem denkfähigen Subject
gedacht zu werden bedarf, um zu existiren und die Selbsterhaltung als
Folge nach sich zu ziehen? Etwa wie die Spiegelung der Monaden in
einander, die auch nichts anders ausdrücken zu wollen scheint, als daß
sich die Monaden zu einander in Beziehungen befinden können, von denen
sie selbst nichts oder nur sehr dunkel und unvollständig wissen, und die
nur von der, außerhalb der Monadenwelt vorhandenen vollkommensten
Intelligenz vollständig überschaut werden?
Ein so objectives Verhältniß könnte allerdings zwischen den zufälligen
Ansichten stattfinden, insofern man unter diesen zusammengesetzte, mit
theilweise gleichen, theilweise entgegengesetzten Merkmalen bestehende
begriffliche Ausdrücke der einfachen Qualitäten versteht. Ein solches
wäre aber dann eben nur ein Verhältniß zwischen Begriffen, was die
realen Wesen und somit auch ihr Geschehen gar nichts anginge.
Das Unterscheidende zwischen solchen Verhältnissen, welche Begriffe als
solche überhaupt, und jenen, welche sie als zufällige Ansichten seiender
Wesen zu einander haben, findet das System darin, daß als Begriffe
betrachtet und zusammengefaßt ihre entgegengesetzten Bestandtheile sich
ohne Schaden tilgen dürfen; als zufällige Ansichten seiender Wesen aber
beharren müssen, weil die Wesen selbst, deren Ausdrücke sie sind, als
einfache Qualitäten beharren und sich weder tilgen noch schwächen
können.
Inwiefern aber dieses Beharren der einfachen Qualität als Act der
Selbsterhaltung und als wirkliches Geschehen betrachtet werden könne,
gestehen wir aufrichtig nicht einzusehen. Es wäre zu begreifen, wenn das
Wort »Selbsterhaltung« in dem gewöhnlichen Sinne genommen werden dürfte,
welchen ihm der Sprachgebrauch beilegt, und in welchem es die
selbstthätige Anwendung einer eigenen Kraft voraussetzt. Haben aber die
Realen Kräfte oder sind sie selbst Kräfte? Das erstere bestimmt nicht,
denn sie sind nichts als =einfache= Qualitäten, denen jedes Ansichtragen
anderer Qualitäten widerspricht. Sind sie aber selbst Kräfte? Der
Umstand, daß sie sich im Gegensatz zu einander befinden sollen, welcher
Gegensatz seinen expliciten Ausdruck in den evolvirten Bestandtheilen
ihrer zufälligen Ansichten findet, scheint dies zu verrathen. Worin
dieser Gegensatz der Qualitäten bestehe, läßt sich nicht sagen, weil die
Qualitäten selbst unerkennbar sind. Er findet aber -- das System selbst
gesteht dies -- sein Analogon in dem Gegensatz-Verhältnisse, in welchem
sich einfache Ton- oder Farbenvorstellungen zu einander befinden.
Betrachtet man aber die letztern als Vorstellungen ihrem Inhalte nach an
und für sich, so findet sich kein Grund, warum sie einander
entgegengesetzt heißen sollen. Um entgegengesetzt zu sein ihrem Inhalte
nach, müßten sie erst ähnlich sein, d. i. sie müßten einen oder etliche
gemeinschaftliche Bestandtheile haben. Sie haben aber gar keine
Bestandtheile, denn sie sollen ja einfach sein. Sie sind also vielmehr,
z. B. roth und blau, völlig disparat. Dennoch behauptet =Herbart=: Das
Roth sei dem Blau mehr entgegengesetzt, als z. B. dem Violett. Da dies
nicht so viel heißen kann, als: der Begriff Violett sei aus den
Begriffen Roth und Blau zusammengesetzt, und deshalb dem Begriffe Roth
verwandter als dem Begriffe Blau, welches letztere vielmehr nur von den
=Gegenständen= dieser Begriffe, den =Farben= Roth, Blau und Violett
gilt, so hat dies nur insofern einen Sinn, daß, psychologisch
betrachtet, eine dieser Farbenvorstellungen die andere leichter, eine
andere schwerer zu verwischen im Stande ist. In dieser Bedeutung gesteht
er aber selbst ein, die Farben-Tonvorstellungen u. s. w. als ein System
sich aufhebender entgegengesetzter Kräfte zu betrachten. Soll diese
Analogie für die Qualitäten der Seienden Anwendung erhalten, so scheint
nichts natürlicher, als diese ebenfalls als Kräfte, und zwar als absolut
gesetzte selbständige für sich bestehende Kräfte anzusehen, was dann von
der Vorstellung, die man sich von der einfachen Substanz macht, nicht so
weit verschieden wäre, als das System anzunehmen geneigt ist. Als Kräfte
betrachtet, würden diese Qualitäten wechselseitig gegen einander agiren,
reagiren oder sich mindestens auf gute Weise »selbsterhalten« können.
Ihre Selbsterhaltungen wären Wirkungen ihrer selbst, und da, je nachdem
ihre Existenz durch ein Anderes mehr oder weniger in Gefahr käme, auch
ein größerer oder geringerer Kraftaufwand von ihrer Seite erfordert
würde, so wäre es keineswegs unmöglich, daß sich Selbsterhaltungen
verschiedenen Grades, also verschiedene Zustände im Innern der Realen
vorfänden. Der Weg daher sowohl zu einem =wirklichen=, wie es diese
Kraftäußerungen, als auch =mannigfaltigen= Geschehen, wie es die
Verschiedenheit dieser Kraftäußerungen begründeten, wäre damit gebahnt.
Es ist uns aber an keinem Orte in =Herbart='s sämmtlichen Schriften eine
Stelle vorgekommen, worin er sich offen und ausdrücklich für die Ansicht
erklärte, die Qualitäten der einfachen Seienden seien Kräfte und diese
folglich selbstgesetzte seiende Kräfte und die Selbsterhaltungen deren
Actionen; wohl aber solche, die für das Gegentheil sprechen. Die oben
(S. 101) angezogene Stelle beweist deutlich genug, daß man hiebei an
Kräfte, Tendenzen, Triebe gar nicht denken dürfe. Es ist nur eine
vielleicht mit Absicht beibehaltene Amphibolie des Ausdrucks, die uns
bei dem Worte Selbsterhaltung verleitet, den geläufigen Sinn des Wortes
unterzuschieben, wo im Grunde etwas ganz Anderes gemeint wird. Der
gemeine Sprachgebrauch, der einen Unterschied zwischen Selbsterhaltung
und Widerstand macht, jene dem Beseelten, diesen der unbeseelten
Materie, welcher keine Kraft innewohnen soll, (wenn dies überhaupt
möglich wäre und man nicht dann auch auf alle Verschiedenartigkeit der
Materie z. B. des Silbers vom Golde, Verzicht leisten müßte) --
zuschreibt, würde den Zustand, der hier Selbsterhaltung heißt, und mehr
ein passiver als activer ist, lieber Widerstand geheißen haben. Für
=Herbart= jedoch bedeuten beide Worte gleichviel: »Der Zustand der
Selbsterhaltung ist Widerstand(93),« oder wie es =Strümpell= ausdrückt:
»wo Wesen zusammentreffen, =kann= jene erwartete Störung nicht
eintreten, sondern jedes verharrt im Drucke als das, was es ist;
selbsterhält sich im Widerstande, und diese seine Selbsterhaltung als
ein vorher nicht dagewesener, jetzt aber durch den gegenseitigen
Gegensatz veranlaßter Zustand ist das wirkliche Geschehen(94).« Es ist
damit, wie mit dem Zusammenstoße zweier Kugeln, jede bleibt eine Kugel,
vorausgesetzt, daß keine zerspringt, jede hat sich also selbsterhalten.
Man pflegt aber gemeiniglich zu sagen, sie sei erhalten worden.
(93) Allg. Met. II. S. 170.
(94) Erläut. zu =Herb.= Phil. S. 104.
Die zuletzt angezogenen Stellen klären uns noch über einige wichtige
Punkte auf. Fürs Erste ist es außer Zweifel, daß die Selbsterhaltungen,
obgleich aus bloßen Begriffsverhältnissen entspringend, nicht nur
metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein sollen, was
dem wechselvollen Geschehen der Erscheinungswelt auf dem Gebiete des
reinen Seins Analoges geboten wird. Ausdrücklich beruft sich das System
auf dieselben als Wirkliches im Seienden bei der Construction der
Naturphilosophie und der starren Materie und noch nachdrücklicher in der
Psychologie. Hier wird geradezu angenommen, die Selbsterhaltungen,
zugleich seiend als Wirkliches in demselben (einfachen) Realen,
verhalten sich gegeneinander als Kräfte, hemmen und fördern einander,
sind einander auf dieselbe Weise entgegengesetzt, wie vorher die
Qualitäten der einzelnen Seienden selbst. Wie reimt sich nun diese
gleichzeitige oder auch die successive Vielheit des wirklichen
Geschehens im Realen mit der Einfachheit der Qualität desselben? Sind
diese vielfachen Selbsterhaltungen jede Aeußerung einer besondern Kraft,
sind sie alle Aeußerungen einer Kraft, oder sind sie -- nach dem oben
Angeführten das wahrscheinlichste -- Aeußerungen gar keiner Kraft? Ist
jede eine Kraft für sich, wie sie denn allerdings in dem Systeme des
Wirkens und Gegenwirkens der Selbsterhaltungen unter einander als solche
angesehen werden soll, wie kommt dies einfache, jeder Mehrheit von
Qualitäten unfähige Seiende dazu, Träger einer Vielheit von Kräften zu
werden? Sind sie überhaupt Kräfte oder Aeußerungen einer solchen, so muß
es Zeitmomente gegeben haben, wo diese Kräfte nicht in dieser Aeußerung
vorhanden waren, wie jetzt; es fand daher in dem Zustande des Realen
eine innere Veränderung statt, ungeachtet eine solche mit seiner
Einfachheit für incompatibel erklärt wurde. Als Aeußerungen derselben
Kraft ließen sie sich ferner wohl unter einander addiren, nicht aber
durch Gegensatz hemmen oder gar vernichten. Sind aber endlich die
Selbsterhaltungen Aeußerungen gar keiner Kraft, sollen sie wohl gar
nichts als die unerfüllbaren Forderungen der unter den zufälligen
Ansichten der Wesen stattfindenden rein logischen Verhältnisse sein:
treten sie da überhaupt aus dem Bereich bloßer Begriffe heraus? sind sie
wirklich ein solches Etwas, das den Zweck zu erfüllen vermag, die
natürliche Voraussetzung für das wahrgenommene erscheinende Geschehen
abzugeben?
=Strümpell='s Zugeständniß in der citirten Stelle macht diese und
ähnliche Fragen nicht unwichtig. Sind die Selbsterhaltungen »vorher
nicht dagewesene, jetzt veranlaßte Zustände« im Realen, die also
offenbar Zeitbestimmungen unterliegen und unter einander verschieden
sind, so haben wir im einfachen Realen zugleich eine Mehrheit
verschiedener =Zustände= und eine zeitliche Veränderung, also zwei
verbotene Dinge auf einmal. Treffen diese die einfache Qualität oder
nicht? Wenn ja, wie vertragen sie sich mit ihr? wenn nicht, was sind sie
denn eigentlich selbst?
Diese Frage drängt sich noch lebhafter auf, wenn wir das nach
=Herbart='s eigener Aussage(95) einzige uns zugängliche, aber »völlig
genügende« Beispiel wirklicher Selbsterhaltungen, die Vorstellungen
desjenigen Realen, das unsre eigene Seele ausmacht, näher in's Auge
fassen. Zwar kennen wir die einfache Qualität unsrer Seele so wenig als
die jedes andern Realen, aber wir nehmen doch ihre Aeußerungen am
unmittelbarsten wahr(96). Die Seele ist die erste Substanz, die wir
antreffen als reales Subject, auf dessen Zusammensein mit Andern der
auch bei ihm stattfindende Schein der Inhärenz hinweist. Ihr eben so
wenig wie jedem andern Realen ist es wesentlich, Substanz zu sein; sie
wird es nur im Zusammensein mit mehreren andern Realen, wobei die
Einheit der Complexion erhalten werden soll. Daraus folgt schon, daß sie
so gut wie jedes einfache Reale schlechthin einfache Qualität besitzt,
durchaus ohne Vielheit von Kräften, Anlagen, Vermögen, Trieben und
Tendenzen, ohne irgend welche Receptivität und Spontaneität, ohne
ursprüngliche angeborne Vorstellungen und Gefühle, entblößt von
Thätigkeiten und Willensacten, ohne irgend ein Wissen von sich noch von
Etwas außer sich, absolut leer und einfach ist. Zu ihrer Substantialität
jedoch gehört als nothwendiges Correlat die Causalität und wo sie in ein
vielfältiges und wechselndes Zusammen mit realen Wesen tritt, da »kann
verschiedenartiges und wechselndes Geschehen« nicht ausbleiben. Alles
wirkliche Geschehen ist Selbsterhaltung, also auch dasjenige, was =in=
der Seele geschehen kann. Die Seele stellt vor, bedeutet daher im Grunde
nichts weiter, als: sie erhält sich in ihrer eigenen Qualität gegen ein
anderes Reale; Vorstellungen selbst sind, metaphysisch betrachtet,
nichts als Selbsterhaltungen; je reicher der Vorstellungskreis eines
Subjectes, desto reicher und mannigfaltiger seine Selbsterhaltungen. Die
letztern empfängt sie weder als Leidendes von einem äußern Thätigen, wie
die _tabula rasa_ =Locke='s, noch erzeugt sie dieselben ohne äußere
Veranlassung durch und aus sich selbst, wie die Monade, sondern ihre
innern Zustände als reiner Ausdruck der Art, in welcher ein Reales einer
Störung widersteht, =welche erfolgen würde, wenn sie könnte=, treten als
einfache Acte bei der Voraussetzung des Zusammen mit andern Realen in
solcher Weise ein, wie es durch die Qualitäten der Realen selbst und
deren Verhältnisse unter einander mit Nothwendigkeit geboten wird. Diese
innern Zustände müssen als Selbsterhaltungen nach der verschiedenen Art
der Objecte, gegen welche sich dieselbe richtet, selbst verschieden
sein. »Eben weil die Seele von sich selbst nicht abweicht, aus ihrem
eigenen Was nicht vertrieben wird, muß ein solches und anderes Geschehen
in ihr eintreten, wenn sie veranlaßt wird, sich gegen solche und andere
Reale aufrecht zu erhalten.« Allein nun kommen wir auf das Wesentliche.
Was wird die Folge sein, wenn mehrere, wie wir voraussetzen, wohl gar,
wie es die Natur der Realen erlaubt, entgegengesetzte Selbsterhaltungen
in demselben Realen zusammenkommen(97)? Kann zwischen solchen Störung
stattfinden oder nicht? Störung ist nur unmöglich zwischen einfachen
Realen, die Selbsterhaltungen aber sind Zustände des Realen, nicht Reale
selbst, und diese Zustände in demselben Realen beisammen bringen Störung
hervor. Denn das Entgegengesetzte ist ineinander, der Gegensatz
gegenseitig, und da kann gegenseitige Störung nicht ausbleiben. Was
zwischen seienden einfachen Wesen trotz der unabweislichen Forderung des
Gegensatzes um seiner absoluten Unmöglichkeit willen nicht geschehen
konnte, das muß unter den Selbsterhaltungen der Forderung gemäß
eintreten, weil die Möglichkeit vorhanden ist, daß es erfolge. Das
letztere kann es entweder dem Quantum oder dem Quale der Selbsterhaltung
nach; die verschiedenen Selbsterhaltungen können sich unter einander
durch ihr Was oder durch ihre Größe stören. Im ersteren Falle würde ein
Mittleres entstehen, nachdem sich die entgegengesetzten Bestandtheile
aufgehoben haben. Allein das Seiende hat keine Theile, sie können sich
daher eben so wenig als oben die entgegengesetzten Bestandtheile der
zufälligen Ansichten von diesen trennen. Die Störung kann daher nicht
das Was, sondern einzig die Wirklichkeit des Geschehens treffen.
Desungeachtet kann sie keine Vernichtung des letztern sein, denn wo ein
Positives durch ein im Verhältniß zu ihm Negatives vernichtet werden
soll, so daß nichts herauskommt als eben nur Vernichtung, da muß das
Negative weiter nichts sein als eben nur die Negation des erstern, das
aber kann bei Zuständen der Realen, die »als Selbsterhaltungen jede für
sich positiv sind, nie stattfinden.« Die Wirklichkeit des Geschehens
wird durch die gegenseitige »Störung« nur vermindert, ein Theil des
Geschehens, das gefordert wird, »gehemmt,« es geschieht weniger als
geschehen sollte. Weil es aber eben so unmöglich wäre, daß von den
einfachen theillosen Acten der Seele, den Selbsterhaltungen, Theile
unterdrückt, andere unverletzt erhalten würden, als es unmöglich war,
von den einfachen Qualitäten der Seienden Theile als aufgehoben, andere
als übrigbleibend zu denken, so muß »das wirkliche Geschehen in einem
andern Sinne unversehrt bleiben, und der Begriff des Strebens, welcher
das Auf- und das Widerstreben in sich schließt, ist die nothwendige
Ergänzung des Begriffes der Hemmung(98).« Dieses »Streben« ist gleichsam
die Selbsterhaltung der Selbsterhaltungen. Diese sind =wirkliche= innere
Zustände; es läßt sich ein Geschehen sowohl als ein Geschehenes in ihnen
unterscheiden, das dem Was der Realen entspricht; und die Ursache, daß
die bei den realen Wesen unmögliche Störung bei den entgegengesetzten
Zuständen derselben wirklich vollzogen wird, liegt einzig darin, weil
diesen die absolute Position mangelt. Für die gestörten und doch nicht
vernichteten Selbsterhaltungen wird der Ausdruck des Aufgehobenseins in
ähnlichem Doppelsinn gebraucht, wie bei =Hegel='s dialektisch sich
fortbewegendem Begriff, indem es außer dem Zerstört- auch noch ein
Aufbewahrtwerden bedeutet.
(95) Allg. Met. II. S. 176.
(96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200 ff. Encykl.
S. 228. =Hartenst.= Met. S. 454 ff. =Drobisch=: Empir. Psych.
S. 340 ff.
(97) =Hartenst.= Met. S. 263 ff.
(98) =Hartenst.= Met. S. 264.
Kann uns das Angeführte überzeugen, daß das System die in uns
befindlichen Vorstellungen in der That für »wirkliche Zustände in einem
einfachen Realen« erklärt, so erheben sich neue Fragen. Wie können sich
denn »einfache« theillose Acte wie die Selbsterhaltungen, zum Theil
aufheben, zum Theil fortbestehen, ein Mehr oder Minder der Wirklichkeit
zulassen, wenn sie nicht Kräfte, mechanische Kräfte sind? Sind sie dies
aber, woran befinden sich diese Kräfte? An einer Einheit, die noch dazu
eine Einfachheit ist? Und =wie= befinden sie sich an ihr? Als zeitweilig
unthätige, zeitweilig thätige Vermögen, die einen Grund voraussetzen, um
aus dem einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund?
Ist er ein äußerer, innerer, oder gar keiner? Ist der Uebergang aus dem
Zustand der Ruhe in jenen der Thätigkeit, ist eine Veränderung in der
einfachen Einheit möglich? Fragen, die das System längst verboten hat,
die sich aber nicht abweisen lassen, sobald es einmal die in uns selbst
befindlichen, durch die innere Erfahrung gegebenen Vorstellungen und
Seelenzustände als praktische Beispiele seiner theoretischen Lehre will
angesehen wissen. Die innere Erfahrung bietet uns aber nicht nur eine
Mehrheit, sondern auch eine Mannigfaltigkeit innerer Zustände dar, eine
Mannigfaltigkeit, die so groß ist, daß auch nicht zwei Vorstellungen,
Gefühle, Begehren u. s. w. sich vollkommen gleichen, nicht mindestens im
Grade oder in der Lebhaftigkeit verschieden sind. Dennoch heißt es(99),
alle Selbsterhaltungen seien unter einander identisch, weil »es in allen
Fällen _A_ ist, welches sich erhält, und _A_, welches erhalten wird,«
und der Widerspruch unsrer täglichen inneren Erfahrung wird mit der
Berufung auf unsre menschliche Beschränktheit abgewiesen: denn »gesetzt
ein Beobachter stände auf einem solchen Standpunkt, daß er die einfachen
Qualitäten nicht erkennt, wohl aber in die verschiedenen Relationen des
_A_ gegen _B_, _C_, _D_ selbst mit verwickelt wird, so bleibt ihm nur
das Eigenthümliche der einzelnen Selbsterhaltungen, nicht die beständige
=Gleichheit ihres Ursprungs und ihres Resultats bemerkbar=.« Aber ist
damit, daß sämmtliche Vorstellungen in uns »gleichen Ursprung« haben,
d. h. in demselben Realen vorgehen, auch schon bewiesen, daß sie unter
einander sämmtlich gleich sind? Und wenn nicht, haben wir dann nicht von
neuem eine widersprechende Vielheit wirklicher, unterschiedener,
entstehender und vergehender Zustände in dem einfachen, mit sich
identischen, veränderungslosen Seienden? Wir getrauen uns diese Frage so
wenig zu beantworten, als eine andere, was denn das für eine
Wirklichkeit sei, die den Selbsterhaltungen im »wirklichen« Geschehen
zugeschrieben wird? Wirklichkeit schließt ein Sein in sich, das einzige
Sein jedoch, welches vom Systeme zugestanden wird, kommt ausschließlich
dem Realen zu und ist »mit dem Geschehen völlig incommensurabel.« Das
»wirkliche« Geschehen »ist wirklich« aber nicht in demselben Sinne mit
den einfachen Realen. In welchem also? Im accidentiellen? Aber von einer
accidentiellen Wirksamkeit darf ja bei =Herbart= gar nicht die Rede
sein, weil jedes »Sein« die Relation ausschließt(100). Eine Erklärung
dieser Wirklichkeit des Geschehens haben wir nicht angetroffen.
(99) Allg. Met. II. S. 176.
(100) Allg. Met. II. S. 108 ff. u. a. O.
Indeß dies alles könnten wir bei Seite setzen, wenn nur überhaupt die
Nothwendigkeit der Selbsterhaltung aus irgend einem realen und nicht
blos logischen Bedürfnisse klar würde, damit nicht, wenn sie in der That
aus nichts anderem als Begriffsverhältnissen entspringen, und nur für
solche Bedeutung haben, das Wirkliche (die innern Seelenzustände) im
Nicht-Wirklichen (den Selbsterhaltungen) begründet scheine. Die
Vorstellungen sind nicht durch Spontaneität der einfachen Qualität der
Seele erzeugt, denn jede neue Vorstellung würde dann eine Aenderung
derselben voraussetzen; sie sind nichts als Acte der Selbsterhaltung der
Seele gegen andere Reale, mit welchen dieselbe zusammen ist, und die
Störungen, die sie durch die letztern kraft der in ihren Qualitäten
liegenden Gegensätze erleiden sollte. Allein =Störungen der Realen durch
Reale können= ja -- so fordert es die einfache Qualität der Realen an
und für sich -- =ein für allemal gar nicht eintreten, sie sind absolut
unmöglich=! Wozu hat es daher die Seele oder jedes Reale überhaupt
nöthig, sich gegen Etwas selbst zu erhalten, was =an und für sich gar
nicht eintreten kann=? Gegen Etwas, was nicht etwa nur deshalb nicht vor
sich gehen kann, weil die Seele kraft ihrer Selbsterhaltung es verwehrt
und Widerstand entgegengesetzt, sondern was absolut und schlechterdings
nicht statthaben kann, die Seele mag sich dagegen selbsterhalten oder
nicht, weil es dem Begriff eines einfachen Wesens widerspricht? Wäre es
nicht eben so, als setzte sich ein Blinder in Vertheidigungsstand gegen
einen Feind, der gar nicht vorhanden ist? oder als zöge ein Sehender
gegen eine leblose Statue zu Felde, die er für ein lebendes Wesen
ansieht? So wenig er von der Statue, eben so wenig hat ja auch ein
Reales von andern zu fürchten, wenn es ganz und gar unmöglich ist, daß
eines durch das andere eine Störung oder Veränderung erfahre. Wo keine
Möglichkeit des Angriffs, da ist auch keine Veranlassung des
Widerstandes. Nicht einmal ein mechanischer Druck ist dort begreiflich,
wo beiden Wesen die Fähigkeit mangelt, sowohl von andern einen Druck zu
empfangen, als auf dasselbe einen solchen auszuüben. Woher soll nun der
»wirkliche« Zustand der Selbsterhaltung kommen?
In der That ist das der vornehmste Zweifel, den uns der Begriff der
Selbsterhaltung, wie er von =Herbart= dargestellt wird, einzuflößen
vermag. Wo in der Natur der Wesen kein realer Grund zu demselben
vorhanden ist, wie läßt sich da ein wirkliches Geschehen erklären?
Während einerseits die Gründe überzeugend sind, die dafür sprechen, daß
wo ein scheinbares Geschehen wahrgenommen worden, diesem auch im Gebiete
des wahrhaft Wirklichen ein solches entsprechen müsse, so ist es
anderseits sehr zweifelhaft, ob die »Selbsterhaltungen« von der Art
sind, als Surrogat dieses »wirklichen Geschehens« zu dienen. Da sie auf
keine Weise, wie wir gesehen, in den realen Wesen selbst ihre
veranlassende Ursache finden können, so scheint es offenbar, daß sie als
der realen Erfüllung unfähige, logische Forderungen, die in dem
Gegensatze der zufälligen Ansichten und folglich ausschließlich in den
Begriffen der einzelnen Seienden selbst liegen, aus dem Reiche der
Begriffe gar nicht heraustreten, und so wenig reale Gegenständlichkeit
haben, als etwa die √−1 oder andere imaginäre Ausdrücke. Wenn es daher
in den Hauptpunkten der Metaphysik heißt(101): »Durch das, was von der
Negation nicht getroffen wird in jedem der Wesen, bleibt das Wesen
selbst; also auch dasjenige, was die zufällige Ansicht von ihr getroffen
darstellen würde. Dies mag man den Act der Selbsterhaltung jedes Wesens
nennen. Eine reinere That als diese kann es überall nicht geben. Ihre
Voraussetzung ist die Störung, welche in Rücksicht des Was der Wesen die
Möglichkeit zufälliger Ansichten von der beschriebenen Art; in Rücksicht
des Seins aber noch das Zusammen selbst erfordert,« so liegt in dem
Worte: Störung, eine nicht zu übersehende Zweideutigkeit. Dies pflegt
gewöhnlich eine physische Veränderung zu bezeichnen, soll aber nichts
anderes bedeuten, als daß sich in den zufälligen Ansichten gewisser
Wesen, also in bloßen Begriffen gewisse Bestandtheile wie Ja und Nein zu
einander verhalten, die sich in der Zusammenfassung aufheben und ein
Mittleres zurücklassen würden, welches wieder ein Begriff ist. Dieser
aber würde ein ungiltiger sein, während die vorangehenden, aus deren
Verschmelzung er entstanden ist, giltige waren, denen wirkliche Seiende
entsprachen, während diesem keines entspricht. Um daher giltige Begriffe
zu erhalten, darf in den beiden ursprünglichen zufälligen Ansichten
nichts weggelassen, noch aufgehoben werden, sie müssen dieselben
Bestandtheile behalten, wenn sie noch denselben Gegenstand bezeichnen
sollen und dies ist der Act der Selbsterhaltung der Realen, deren
zufällige Ansichten sie sind!? Giltigkeit und Ungiltigkeit oder was eben
so viel heißt, Gegenständlichkeit und Nichtgegenständlichkeit eines
Begriffs sind Beschaffenheiten desselben von logischer Natur,
Beschaffenheiten des Begriffs, keineswegs aber der Realen. Wie soll nun
dies blos logische Verhältniß der Begriffe das einzige unter den Realen
statthabende »wirkliche Geschehen« vertreten?
(101) Kleine Schriften, her. v. =Hartenst.= I. S. 225.
Wir sollten meinen, daß diese Schwierigkeiten, die wir uns zu heben
nicht getrauen, offen genug darlägen. Daß sie =Herbart= nicht dahin zu
bringen vermochten, seiner metaphysischen Ueberzeugung um ihretwillen,
wie sie auch immer beschaffen sein mochten, untreu zu werden, mag als
Beweis der ungemeinen Festigkeit dienen, mit welcher er an der
Behauptung streng einfacher Qualität des Seienden, der Abwesenheit aller
Kräfte, Triebe und Vermögen und aller wie immer gearteten selbstthätigen
Wirksamkeit der Realen nach innen und außen festhielt. Er begnügte sich
der Erfahrung gegenüber mit Hartnäckigkeit darauf zu bestehen, daß man
von allen sinnlichen Vorstellungen und Einbildungen abstrahiren und sich
an den inhalt- und bildlosen Begriff des »wirklichen, mit dem Sein
incommensurabeln Geschehens« zu halten habe. Dieses ward dadurch
freilich ein solches, das von einem Geschehen wenig mehr als den Namen
hat. Es ist weder ein Qualitätswechsel, ein Verändern, noch verdient es
mit Recht den Namen eines Wirklichen, denn es hat weder substantielles
noch accidentielles Sein, es ist, offen gestanden, nichts weiter als
eine Art Nothbrücke, um die starren, einander unzugänglichen, im Innern
wechsellosen Seienden mit den nicht wegzuläugnenden psychologischen
Thatsachen inneren Wechsels und innerer Vielheit möglichst, wenigstens
im Gedanken, in Harmonie zu bringen. Denn die Realen sind an sich, aber
nicht für einander, und es ist absolut undenkbar, daß eines auf das
andere im gewöhnlichen Sinne: mittels übergreifender Kräfte wirke.
Zugleich müssen sie aber auch für einander sein, denn das Eine soll das
Andere vorstellen; Eines soll durch sein »Zusammen« mit Andern Ursache
werden, daß in ihm selbst Vorstellungen von diesem Andern aufkommen und
die Möglichkeit einer innerlichen Entwicklung und Fortbildung der Realen
angebahnt werde. In dieses Füreinander treten sie aber nicht durch
eigene reale Thätigkeit, denn eine solche haben sie nicht; sondern blos
durch ein ihnen äußerliches zusammenfassendes Denken, nicht des einer
bestimmten Geisterclasse, sondern einer externen Intelligenz überhaupt.
Als dergleichen Formen erklärt das System zwar unmittelbar nur die
räumlichen und zeitlichen, die, da sie gegeben und nicht von unserer
Willkür abhängig, den Realen als solchen aber desungeachtet nur
angedichtet sind, den Namen des objectiven Scheins führen; als nichts
weiter stellen sich aber unserer Meinung nach auch die Selbsterhaltungen,
somit auch das ganze »wirkliche Geschehen« dar. Das räumliche
Zusammen(102) d. i. das Ineinandersein, in demselben Raumpunkte
Befindlichsein mehrerer einfachen Realen ist die Bedingung
des Causalverhältnisses, und ohne dasselbe kann gar kein wirkliches
Geschehen in den Realen statthaben. Man könnte fragen, wie dies möglich
sei, daß sich zwei oder mehrere einfache Wesen in demselben einfachen
Raumpunkte befinden, da ja doch letzterer eben nichts ist, als der Ort
eines, und zwar eines einzigen einfachen Wesens. Allein eben weil die
räumliche Bestimmung des Realen eine nur durch das zusammenfassende
Denken hinzukommende ist, so will =Herbart=, daß die Realen an sich
gegen dieselbe ganz indifferent sein sollen. Sie sind nicht im Raume,
sondern sie werden im Raume gedacht; müssen im Raume gedacht werden,
sobald sie überhaupt als mehrere gedacht werden, und das nicht allein,
wie =Kant= gemeint, von der menschlichen, sondern von jeder Intelligenz
überhaupt. Ihnen als Wesen thut es daher nicht den geringsten Eintrag,
ob wir mehrere von ihnen in demselben oder in verschiedenen Raumpunkten
=denken=, denn wir denken sie ja eben blos so. Daß dieser Grund aufhört,
sobald Raum und Zeit nicht als Denkformen, sondern als Bestimmungen an
den Dingen selbst gedacht werden, ist klar. Unter jener Voraussetzung
jedoch gilt es noch in voller Strenge, daß ohne vollkommenes
Ineinandersein, das eine gänzliche Durchdringung voraussetzt, gar kein
Causalverhältniß stattfinden könne. »Denn wenn zwei reale Wesen in einer
Distanz ohne Vermittlung sich befinden, so mag dieselbe rational oder
irrational sein; es fehlt die Bedingung der Causalität, des Zusammen,
und es geschieht nichts. Sind sie aber vollkommen zusammen, so wissen
wir schon, daß sie demgemäß sich in vollkommener Störung und
Selbsterhaltung befinden(103).«
(102) Allg. Met. II. S. 269 u. a. a. O.
(103) Allg. Metaph. II. S. 271.
Mit dem Begriff Zusammen, dessen Erörterung selbst schon in einen andern
Theil der Metaphysik, in die Synechologie, gehört, stehen wir an der
Grenze der =Herbart='schen Ontologie. Die Voraussetzung eines wirklichen
Geschehens als Grundlage des Scheinbaren führt bis zu dieser Annahme,
kraft welcher es den Wesen an und für sich völlig gleichgiltig ist, ob
sie im Zusammen oder Nichtzusammen gedacht werden, folglich da von
demselben auch ihre Selbsterhaltung abhängt, ob sie sich im Zustand der
Selbsterhaltung befinden, oder nicht. Das scheinbare Geschehen nöthigt
zur Voraussetzung des wirklichen, dieses bei der atomistischen
Theilnahmlosigkeit der Realen zur Voraussetzung des Zusammen oder
Nichtzusammen, der Wechsel des Geschehens zur Annahme des Wechsels des
Zusammen und Nichtzusammen. Auf diesem Zusammen und Nichtzusammen als
Form des zusammenfassenden Denkens beruht daher das sämmtliche wirkliche
Geschehen, das zweite dem Sein nicht sub- sondern coordinirte Element
der ontologischen Welt. Was sind nun diese Formen? Vermögen sie ein
»wirkliches Geschehen« zu begründen, welche Art der Existenz kommt ihnen
selbst zu? Besitzen sie, um ein »wirkliches« Geschehen zu erzeugen,
selbst eine Art von Wirklichkeit? sind sie Etwas an dem denkenden
Subjecte? sind sie Etwas an dem zusammengefaßten Objecte? oder existiren
sie außerhalb dieser aller, aber nicht als Wirkliche, sondern als Formen
an sich, als Bedingungen, die überhaupt erfüllt werden müssen, wenn
etwas geschehen, sich verändern und doch dasselbe Ding bleiben oder
Wirkungen erzeugen und erfahren soll, deren Grund nicht in ihm selbst
liegt?
Selbst =Drobisch=, der sonst so getreue Anhänger =Herbart='s, erhebt
gegen das wirkliche Geschehen den Einwand, daß Wirkliches aus bloßem
Schein abgeleitet werde. Bei =Herbart=, sagt er(104), entstehen
Beziehungen aus Beziehungen; die wirklichen d. i. die Selbsterhaltungen
unter Voraussetzung des Gegensatzes der Qualitäten aus den formalen des
Ueberganges der Wesen aus dem Nichtzusammen in das Zusammen vermöge der
ursprünglichen Bewegung. Aber diese Formen des zusammenfassenden Denkens
sind nicht wirklich, sondern haben nur die Geltung des objectiven
Scheins. Das wirkliche Geschehen wird daher, insofern es nicht schon von
einem ursprünglichen Zusammen herrührt, was wenigstens nicht bei allem
der Fall ist (denn nach =Herbart=(105) befinden sich nur wenige Wesen im
ursprünglichen Zusammen, andere nicht), =mitbedingt= von diesen
Zusammenfassungsformen, also vom objectiven Scheine. Das Wirkliche ist
daher mindestens theilweise abhängig vom Schein, das Reelle vom
Nicht-Reellen, während umgekehrt dieses von jenem abhängig sein sollte.
Wirkliches, meint er, kann nur von Wirklichem ausgehen, und nimmt daher
Gelegenheit, die Formen des zusammenfassenden Denkens als Gründe des
wirklichen Geschehens, selbst für wirklich zu erklären, -- eine Wendung,
die wir im nächsten Abschnitt näher untersuchen wollen. Sie ist zum
wenigsten nicht =herbartisch=, wie =Drobisch= selbst gesteht, da dieser
vielmehr alle Wirklichkeit ausschließlich in das wirkliche Geschehen
verlegt und nur »aus Concession für den gemeinen Sprachgebrauch von
wirklicher Zeit, wirklichem Raume, und wirklicher Bewegung spricht.« Für
ihn sind Raum und Zeit bloße Denkformen, mit deren Hilfe sich wohl eine
Vorstellung bilden läßt, wie die Dinge gedacht werden können und sollen,
die aber zu dem wirklichen Hergang unter den Realen selbst nichts
beitragen. »In jedem Betracht, heißt es vom Raume(106), ist dieser eine
Form der Zusammenfassung, welche, wenn keine weitere Bestimmung
hinzukommt, den Dingen gar kein Prädicat, für jeden Zuschauer aber eine
Hilfe darbietet, die ihm in vielen Fällen ganz unentbehrlich wird, und
die er sich selbst erzeugt, gemäß der gegebenen Veranlassung.« Eben so
zufällig ist den Realen dasjenige Zusammen, welches ihre Selbsterhaltung
veranlaßt. »Schon die Inhärenz führte dahin, ein Zusammen mehrerer
Realen anzunehmen. Gewiß aber wird jedes derselben durch eine absolute
Position gedacht, daher kann unmöglich das Zusammen der Wesen eine
Bedingung ihres Daseins ausmachen, sondern es ist ihnen gänzlich
zufällig. Sie könnten auch recht füglich nicht zusammen sein. Und =da
das Zusammen nichts bedeutet, als daß ein Jedes sich selbst erhält gegen
das Andere=:« so, könnten wir jetzt fortfahren, ist auch das Geschehen
den Realen vollkommen zufällig, ihnen eben so von unserm Denken
angedichtet, wie die Räumlichkeit und Zeitlichkeit, von der sie an und
für sich nichts wissen. Allein »dies heißt nur so viel, als es kann auch
recht füglich stattfinden, daß sie sich gegen einander nicht im
Widerstand befinden. Dabei darf nicht vergessen werden, daß in der Reihe
unsers Denkens der Begriff des Zusammen die Bedingung der Annahme der
Selbsterhaltung ist, dergestalt, daß sobald wir das Zusammen der Wesen
einmal voraussetzen, dann auch in der Reihe unsers Denkens die
Selbsterhaltung eines jeden als nothwendige Folge auftritt; an sich aber
hat das bloße Zusammen gar keine Bedeutung(107).« Das Zusammen ist der
Grund des Selbsterhaltens und zugleich nicht wesentlich von diesem
selbst verschieden. Jenes ist eine bloße Form des Denkens, ein
Hinzugedachtes, Begriffliches; dieses ist gleichfalls nichts Wirkliches,
Reales, nichts was man eine That, eine Veränderung, ein Geschehen am
Realen selbst nennen könnte. Bei dem Zusammendenken zweier =Prämissen=
fallen die _termini medii_ hinweg; es bildet sich der Schluß aus
Theilen, die getrennt schon in den Prämissen vorhanden waren. Dies
geschieht bei dem Zusammenfassen einfacher Realen, aus welchen eine
Folge hervorgehen soll, allerdings nicht; aber keineswegs aus dem
Grunde, weil diese Realen sich gegen das Verschwinden einzelner Theile
wehren, sondern weil ein solches Verschwinden bei ihnen =an und für sich
unmöglich= ist. Daß _A_ durch das Zusammen mit _B_ nicht _C_ wird, ist
nicht Folge eines =Geschehens= in _A_, es ist die bloße Folge des
allgemeingiltigen, aus den Begriffen der einfachen Qualität des Seienden
geschöpften =Satzes=, daß überhaupt in _A_ keine Störung eintreten
könne. Daraus folgt zugleich, daß eine Selbsterhaltung des _A_ gegen _B_
keine andere sein könne, als die gegen _C_, oder gegen _D_ u. s. w. Denn
kann keine Störung überhaupt eintreten, weil =reine Begriffe= es
verbieten, so ist es gleichgiltig, ob diese nicht durch _B_, nicht durch
_C_ oder nicht durch _D_ u. s. w. eintreten könne. Es ist nicht das
=Reale= _A_, das in jedem dieser Fälle durch einen von den Umständen
gebotenen Kraftaufwand, sondern es ist in allen dieselbe =allgemeine
Wahrheit=, die das Eintreten der Störung verbietet. Was als Geschehen
und Selbsterhaltung auf das Reale übertragen und als ein Mannigfaltiges
an demselben betrachtet wird, ist nichts als die Unterordnung specieller
Anwendungen unter den allgemeinen Satz: Das Reale kann keine Störung
erfahren. Was das Denken hier begeht, ist die Objectivirung eines blos
logischen Schlusses, als wirkliches Geschehen, als That, als
Veränderung. Diese Objectivirung ist um so unberechtigter, wenn diese
sogenannten Selbsterhaltungen unter verschiedenen Umständen verschiedene
sein sollen, wie sie uns die innere Erfahrung in der Seele
unwiderleglich aufweist. In allen Fällen des wirklichen Geschehens ist
es derselbe Satz: es kann keine Störung eintreten, der immer wiederholt
wird. Will man dies daher ein Geschehen nennen, so geschieht in allen
Fällen das Nämliche. Es ist weder Mannigfaltigkeit noch Mehrheit der
sogenannten Selbsterhaltung oder besser des thatlosen Fortbestehens
denkbar, dasselbe ist und bleibt allezeit, es wird nur =vervielfältigt
gedacht=. So wenig irgend ein wirkliches Ding dadurch zu mehreren wird,
daß mehrere es zugleich anschauen, so wenig geschieht in einem Realen
dadurch Etwas, daß es mehrmal in den Fall kommt, den allgemeinen Satz
auf sich anwenden lassen zu müssen: es könne in keinem Realen eine
Störung eintreten.
(104) »Ueber Monadologie und speculative Theologie« in =Fichte='s
Zeitschrift für Phil. u. spec. Theologie, Bd. XIV. Heft I. S. 93.
(105) Allg. Metaph. II. S. 338.
(106) Allg. Metaph. II. S. 263.
(107) Allg. Metaph. II. S. 197.
Wo liegt hier noch weiter ein Unterschied zwischen wirklichem und
scheinbarem Geschehen, oder vielmehr, welches verdient mit mehr Recht
den letzten Namen? Nicht dasjenige, welches durch das zusammenfassende
Denken allein dem sich ununterbrochen gleichbleibenden Realen
angedichtet wird? Nicht dasjenige, von welchem es heißt, »es wäre die
vollkommenste Probe einer Irrlehre, wenn dasjenige, was wir Geschehen
nennen, sich irgend eine Bedeutung im Gebiete des Seienden
anmaßte(108)?« Nicht dasjenige, welches nichts weiter ist, als »ein
Bestehen gegen eine Negation,« welche nur den Begriff, nicht aber das
Wirkliche treffen kann? Nicht dasjenige, welches im Grund nur die
Wiederholung eines und desselben Begriffssatzes in einzelnen Fällen ist,
und das Reale selbst gar nichts angeht? Oder was hat das ausdrücklich
sogenannte »wirkliche« Geschehen vor dem scheinbaren voraus? Dieses ist
ein Product unserer Sinnlichkeit, was strenggenommen nur im weitern
Sinne richtig ist, da wir ja auch Bewegung, Geschwindigkeit u. s. w.
nicht unmittelbar mittels der Sinne, sondern nur durch Hilfe von
Schlüssen aus dem Wahrgenommenen den Dingen beilegen, es »ist, wie es
den Wesen auch begegne, ihnen stets fremdartig und geschieht nur in den
Augen des Zuschauers(109).« Das wirkliche Geschehen ist, wie wir zu
zeigen versuchten, nichts weiter als ein Erzeugniß des zusammenfassenden
Denkens. Beide sind dem einfachen Realen, also dem einzig wahrhaft
Seienden, gleichgiltig, jenes wie dieses Schein; denn was bleibt dem
wirklichen Geschehen übrig, wenn es für das Sein gar nichts bedeuten
soll? Etwa die Wirklichkeit, welche ihm beigelegt wird? Was ist diese,
wenn sie kein Sein ist, noch ein solches enthält? Kann wohl etwas
=wirklich= heißen, dem kein Sein zukommt? Der Sprachgebrauch wenigstens
hält beide Begriffe für =identisch=.
(108) Metaph. II. S. 272.
(109) Allg. Met. II. S. 196.
Verschwindet aber der Unterschied zwischen scheinbarem und wirklichem
Geschehen bei näherer Betrachtung, welchen Grund haben wir dann noch,
die Selbsterhaltungen, so wie =Herbart= sie darstellt, für ein
wirkliches Geschehen und zwar für das allein mögliche zu halten?
Es ist einer der wichtigsten und folgereichsten Sätze des Systems, daß
eine monadistische Metaphysik ohne den Begriff des Geschehens neben
jenem des Seins nicht bestehen könne, ohne in Starrheit, Leblosigkeit
und todte Atomistik zu verfallen, die dem täglich und stündlich sich
unabweislich als gewiß aufdringenden Bewußtsein ununterbrochener
Veränderung in der Körper- und Geisterwelt, des regesten Lebens und
Schaffens in derselben, eben so oft aufs grellste widerspräche. Ganz
deutlich erkannte =Herbart= den Irrthum seines Vorgängers, um eines
Grundes willen, den wir mehr des seltsamen Ausdrucks als des noch
obschwebenden Inhalts wegen meist zu belächeln geneigt sind, die Monaden
in des transitiven Wirkens unfähige, abgeschlossene, streng innere
Welten verwandeln zu wollen, und an die Stelle emsiger Wechselwirkung
und wahrhaft realer Thätigkeit eine dem Wesen völlig äußere, eines
Schöpfers, der die Freiheit und Glückseligkeit seiner Geschöpfe will,
unwürdige _a priori_ construirte Harmonie zu setzen. Mit Entschiedenheit
behauptete er, es müsse ein wirkliches Geschehen geben, weil es ein
scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein geben müsse, weil sonst auch
kein Schein vorhanden sein könnte. Er suchte dieses wirkliche Geschehen
bei den =wirklichen= Wesen, den allein wahrhaft Seienden, den einfachen
Realen, in der festen Ueberzeugung, daß ein solches nur dort gesucht
werden dürfe, wo es einzig stattfinden kann; denn zwischen blos
scheinbaren Seienden könnte auch auf keine Weise ein anderes als blos
scheinbares Geschehen statthaben. »Irgend etwas muß geschehen, denn gar
Vieles erscheint; und das Erscheinen liegt nicht im Seienden, sofern wir
es nach seiner einfachen Qualität betrachten. Wenn nichts erschiene, so
würden wir auch in der Wissenschaft nicht einmal bis zum Sein gelangen,
vielmehr gäbe es dann gar keine Wissenschaft; gesetzt aber, ein Wunder
hätte uns gerade auf den Punkt gestellt, wo wir jetzt stehen, so würden
wir von hier auch nicht einen einzigen Schritt weiter vorwärts gehen,
sondern es dabei lassen, daß die realen Wesen jedes für sich und alle
insgesammt =seien, was sie sind=, ohne das mindeste daran zu rühren und
zu rücken. Aber derselbe Schein, welcher uns zwingt, anzunehmen, daß
Etwas =ist=, eben derselbe treibt uns noch weiter, er treibt vom Sein
zum Geschehen(110).« Je entschiedener aber sich das System für die
Unentbehrlichkeit des Geschehens ausspricht, von desto größerem Gewicht
ist das Unvermögen desselben, die offene Lücke widerspruchslos
auszufüllen. Bei =Leibnitz= fand sich wenigstens im Innern der Monade
ein wirkliches Geschehen, nach bestimmten Gesetzen vor sich gehend,
dessen Uebereinstimmung mit Andern ohne eigene Zuthat zu bewirken eben
die Aufgabe der prästabilirten Harmonie war: bei =Herbart= finden wir
weder im Innern noch Aeußern Veränderungen. Im Innern der Monaden sind
mannigfache Kräfte thätig, jede gilt für einen Spiegel des Universums,
besitzt zahllose Beschaffenheiten und Merkmale; das Reale hat weder,
noch ist es eine Kraft, besitzt durchaus keine Mehrheit von
Beschaffenheiten, spiegelt weder im eigentlichen noch im uneigentlichen
Sinn Etwas ab, es ist eben ganz isolirt, starr, unabhängig. In jeder
Monas entwickelt sich eine reiche innere Welt, eine Fülle und
Mannigfaltigkeit psychischer Bildung, die von der untersten Stufe der
Entelechie zur Seele und bis zum vollkommensten Geiste sich
fortentwickelt; in den einzelnen Monaden treten gleichzeitig
Veränderungen ein, welche sich wie die Monaden zu Körpern, so zu neuen
complicirten Veränderungen zusammensetzend, uns diejenigen Wechsel
erklären helfen, welche wir an den sinnlichen Gegenständen wahrzunehmen
glauben. Die Realen machen zwar, als Seelen betrachtet, gleichfalls auf
eine innere Bildung Anspruch; diese aber steht und fällt mit der
Zulässigkeit oder Unzulässigkeit der Selbsterhaltungen »als eines
mannigfachen wirklichen Geschehens in der einfachen Qualität der Seele.«
Ungeachtet der Unmöglichkeit, daß eine Monas real auf eine andere wirke,
existirt ein idealer durch die Verknüpfung der Gesetze, welche die
innern Veränderungen der Monaden begründen, gesetzter Zusammenhang,
dessen Träger und Urheber die Urmonas ist, zwischen den Monaden; ein
großartiges Band schlingt sich durch die unbegreifliche unendliche
Wirksamkeit der ursprünglichen Substanz, deren »Efulgurationen« alle
übrigen sind, um diese letztern und das Resultat ist ein obwohl von
Wechselwirkung entblößtes, doch in jedem einzelnen Glied belebtes, und
äußerlich weise und harmonisch eingerichtetes Weltgebäude. Bei =Herbart=
dagegen beruht das Geschehen auf dem Zusammendenken der Wesen nach den
Regeln des objectiven Scheins. Welche Wesen zusammensind, welche nicht,
welche zusammengedacht werden sollen, welche nicht: dies zu bestimmen,
liegt außerhalb der Grenzen seiner Metaphysik, welche vom Gegebenen nur
bis zur Annahme eines mehrfachen Zusammen im Allgemeinen zurückgeht. Ein
Theil der Wesen, heißt es, ist im ursprünglichen Zusammen befindlich,
ein anderer tritt erst allmälig in dasselbe ein; welcher und warum,
bleibt unerklärt. Denn es ist nicht die Aufgabe der Metaphysik zu
erklären, =warum= Dies oder Jenes sei oder geschehe, sondern wie
=Drobisch= mit =Lotze='s Worten sagt(111): »Die Metaphysik hat keine
Erzählungen zu liefern, aber die Entstehung dieser Welt, deren einmal
als vorhanden gegebene Gesetze und Regeln ihren einzigen Inhalt bilden.
Es muß festgehalten werden, daß der Geist keine historischen
Voraussetzungen hat, sondern jede Entscheidung über derartige Probleme
einen anderweitig vermittelten Gedankengang voraussetzt,« oder es ist,
wie =Herbart= selbst sagt, »die Begreiflichkeit der Erfahrung des
Gegebenen ihr Anfangs- und ihr Endpunkt und die Erklärung desselben ihr
einziger Endzweck.« Kann man aber hoffen, eine vollständige, ja nur eine
hinreichende Erklärung des Gegebenen geliefert zu haben, so lang man
sich begnügt, die Möglichkeit des Geschehens durch den continuirlichen
Wechsel eines mysteriösen Zusammen und Nichtzusammen, und die nicht
minder räthselhafte Störung erwiesen zu haben? Ist es wohl in einem
System, das so streng auf die Form des Gegebenen hält, daß es sich
veranlaßt sieht, auf diese Gründe hin die theoretisch dem Zweifel so
sehr ausgesetzten Formen des zusammenfassenden Denkens zu postuliren,
gestattet, die Formen der Ordnung, der Regelmäßigkeit, der
Zweckmäßigkeit nur in das Gebiet des Glaubens zu verweisen, da es doch
von ihnen nicht nachzuweisen vermag, daß sie nicht mit eben so viel
Recht als die Formen des Raums, der Zeit, der Bewegung und der
Geschwindigkeit gegeben sind? Das harte Urtheil der Halbheit, das
=Fichte= d. j. über das System ausspricht, scheint in der That seinen
Grund in diesem seltsamen Widerspruch zu haben, dessen weitere Ursachen
und Folgen zu entwickeln hier der Ort nicht ist. Wenigstens ist so viel
gewiß, daß die Weltanschauung der =Herbart='schen Metaphysik dem
Verlangen einer verbindenden Einheit und eines allumfassenden
Zusammenhangs, der darum kein Alles identificirender Monismus zu sein
braucht, nicht Befriedigung gewährt. Das Gegebene ist uns als Ganzes,
Geordnetes gegeben; die Realprincipien =Herbart='s sind isolirt,
getrennt, für sich bestehend, wirkens- und leidenlos, unthätig, ohne
andres gemeinsames Band, als die Formen des ihnen äußern
zusammenfassenden Denkens, von dem man nicht weiß, soll es als das
wirkliche Denken des Individuums, oder als die abstracte Thätigkeit des
Denkens selbst, oder endlich als Stoff des Denkens an sich, als
Dasjenige gefaßt werden, welches vorhanden sein muß, um von irgend einer
Intelligenz menschlicher oder höherer Natur überhaupt gedacht werden zu
können. Daß sie nicht blos als das Erste genommen werden sollen, ergibt
sich leicht aus ihrer für alle und jede Intelligenz als bindend
vorausgesetzte Gewalt; faßt man sie als Formen des abstracten Denkens,
so steht der Gedanke nah, sie mit der logischen Idee im Sinne =Hegel='s
zu verschmelzen, und in dieser die umfassende Einheit für die lose
Vielheit der isolirten Realen zu erblicken. Auf diesem Wege scheint sich
eine bequeme Vermittlung der Alleinheitslehre und monadistischen
Grundlagen darzubieten. Dies scheint auch =Fichte='s d. j. Ansicht zu
sein, und außerdem, daß =Chalybäus= u. A. in einer solchen Vermittlung
das Heil der Philosophie sahen, hat =Lotze= sie in der That versucht.
Andere dagegen, wie =Drobisch=, in der Verwerfung eines unpersönlichen
Denkens mit Festigkeit beharrend, suchten diese Hinneigung zum Monismus
zu vermeiden und gleichwohl dem Bedürfniß einer zusammenhaltenden
Einheit Genüge zu leisten. Der Betrachtung der beiden letzten Versuche
wollen wir den nächsten Abschnitt widmen.
(110) Allg. Metaph. II. S. 162.
(111) Metaph. von Dr. H. =Lotze= (1841), S. 136.