Das in =Leibnitz= unläugbar vorhandene idealistische Element, das durch
die prästabilirte Harmonie und die von derselben postulirte
Voraussetzung eines allweisen, höchst gütigen, heiligen und allmächtigen
Schöpfers mit dem Realismus der gemeinen Erfahrung in Einklang gebracht
worden, tauchte in seinem großen Nachfolger, dem Weisen von Königsberg,
unabhängiger wieder auf. =Kant='s ganze, über das Gebiet der innern
Erfahrung hinausreichende Metaphysik beschränkte sich auf den Satz vom
zureichenden Grunde. Nachdem =Leibnitz= die Vorstellungen zu
nothwendigen Schöpfungen der Monade ohne alle äußere Veranlassung
gemacht, =Locke= und =Hume= aber behauptet hatten, alle Vorstellungen,
die wir besitzen, kämen von außen, aus der Erfahrung, diese selbst aber
lehre nichts von Causalität oder nothwendiger Gesetzmäßigkeit der Natur,
und das Causalitätsverhältniß sei eine blos psychologische Angewöhnung,
schloß =Kant=: gerade der Umstand, daß wir den Begriff der Causalität in
die Erscheinung der Dinge hineinlegen, sei Bürgschaft dafür, daß dieser
Begriff Giltigkeit und Nothwendigkeit habe. Was aus der Erfahrung
stammt, ist zufällig wie diese selbst; was aus dem Denken, der
gemeinsamen Natur, der Vernunft stammt, ist allgemein und nothwendig.
»Bisher,« sagt er(67), »nahm man an, alle unsere Erkenntniß müsse sich
nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie etwas _a
priori_ durch Begriffe auszumachen, wodurch unsre Erkenntniß erweitert
würde, gingen durch diese Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher
einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik besser damit
fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unsrer
Erkenntniß richten, welches ja schon besser mit der verlangten
Möglichkeit einer Erkenntniß _a priori_ zusammenstimmt, die über
Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist
hiemit ebenso, wie mit dem ersten Gedanken des =Copernik= bewandt, der,
nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte,
wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer,
versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer
sich drehen und die Sterne in Ruhe ließ.«
(67) Kritik der r. V., her. v. =Rosenkranz= S. 670. Vgl. =Chalybäus=
Entwicklung d. spec. Phil. von =Kant= bis =Hegel=. 3. Aufl. 1843.
S. 22 u. ff.
Diese Wendung, wenn sie auch noch empirische Bestandtheile enthielt, war
übrigens idealistisch. Das denkende Subject empfängt weder die
Erscheinungswelt rein von außen, noch producirt es dieselbe gänzlich aus
sich selbst, sondern es empfängt den Stoff, die Elemente des Denkens,
die Empfindungen von den Dingen, fügt aber die Verbindungen und
Verhältnisse derselben, die Form, aus seinem eigenen Verstande hinzu.
Der Verstand und seine Gesetze bestimmen genau, wie das Wirkliche, falls
es vorhanden wäre, beschaffen sein müßte, aber sie können dies Wirkliche
nicht selbst schaffen, sie können wohl die _essentia_, aber nimmer die
_existentia a priori_ nachweisen, oder, um mit =Kant= zu reden, »aus der
bloßen Vorstellung eines Dinges läßt sich auf keine Weise die
Wirklichkeit desselben heraus klauben.«
Diese Wirklichkeit gibt sich daher das denkende Subject nicht selbst,
sondern es findet sie vor, aber auch nur durch Wahrnehmung, also auch
nur durch ein zufälliges Dasein eines bestimmten endlichen Objects. Auch
nach der längsten Erfahrung bleibt der Fall denkbar, daß einmal das
gerade Gegentheil sich ereigne und das Allgemeine, für immer Giltige ist
nur die Folge unsrer eigenen Verstandeseinrichtung. Wie dieser, so lange
sie dieselbe bleibt, die Dinge erscheinen müssen, das wissen wir; wie
sie sind, was sich alles ereignen könne und werde, wissen wir nicht. Der
Stoff, die Empfindungen, die wir in uns antreffen, und kraft unserer
Verstandeskräfte verknüpfen und trennen, sind nur Zustände der Seele;
wir können nie über unsere Vorstellungen hinaus, nie die Dinge selbst in
unser Bewußtsein ziehen, denn Alles, was wir von diesen kennen, sind
eben wieder nichts als Vorstellungen. Uns bleibt daher nur der Schluß
übrig: dieser materielle Stoff, die Empfindungen in uns müssen einen
Grund haben, der wegen ihrer Zufälligkeit und Wandelbarkeit nicht in uns
selbst, in unseren Verstandesgesetzen als dem Allgemeinen und
Nothwendigen liegen kann, sondern außer uns liegen muß, von welchem wir
aber nichts weiter wissen, als daß er da ist. Dieser äußere Grund sind
die ihrer Natur nach völlig unbekannten Dinge an sich. Jede weitere
Erkenntniß derselben würde eine Vorstellung, daher wieder nur ein
Zustand unserer eigenen Seele sein.
Den Schluß von dem Dasein der nicht wegzuläugnenden Empfindungen im
Subjecte auf das Vorhandensein der Dinge an sich außer uns machen wir
nach dem Verstandesgesetze der Causalität. Wir Menschen als Menschen
sehen die Dinge unwillkürlich darauf an, daß sie sich wie Ursachen und
Wirkungen verhalten, so wie Jemand, der eine blaue Brille trägt, die
Gegenstände im blauen Licht erblickt, die einem Andern im weißen
erscheinen. Für Geister von anderer Einrichtung als die unsre würde das
Causalitätsverhältniß vielleicht gar nicht, oder auf ganz andere Weise
vorhanden sein. Dieses so besonders geartete Sehen ist aber nicht blos,
wie die Skeptiker behaupten, aus der Erfahrung abstrahirte Gewohnheit,
sondern Folge einer natürlichen Einrichtung unsres geistigen Auges, die
vor aller wirklichen Erfahrung da war. Später, wenn wir uns bei
gebildeter Reflexion der Thätigkeitsformen des Verstandes und ihrer
Gesetze bewußt werden, bezeichnen wir diese mit Substantiven und bringen
sie unter abstracte Begriffe, die sich der Verstand selbst von seinen
Thätigkeiten macht, nachdem diese schon seit lang vorhanden sind. Wird
aber gefragt, ob mit dem Bewußtsein, daß wir die Causalität selbst in
die Erscheinung hineinlegen, uns auch irgend ein Recht gegeben oder
genommen sei, das Vorhandensein der Causalität unter den Dingen an sich
anzunehmen, so schneidet =Kant= die Frage kurz durch den Machtspruch ab,
daß wir keine synthetischen Urtheile _a priori_, d. h. keine solchen zu
fällen vermögen, darin die Verknüpfung zwischen Subject und Prädicat
nicht durch eine Anschauung (reine oder empirische) vermittelt wird. Von
Dingen an sich können wir aber gar keine Anschauung haben; alles was wir
von ihnen wissen, sind bloße Erscheinungen, und in diese legen wir zwar
die Causalität hinein, aber eben nur vermöge unserer eigenen
Verstandeseinrichtung. Eine Erkenntniß der Dinge an sich, die keine
Erscheinung derselben, sondern ihr eigentliches Wesen betreffe, wäre
eine übersinnliche Erkenntniß, und eine solche ist unmöglich. Auf jene
Verstandeseinrichtung aber als apriorische Synthesis der Erscheinungen
dürfen wir daraus schließen, weil ohne sie gar kein zusammenhängendes
Bewußtsein, keine Erfahrung möglich, sondern ein atomistisches Chaos
einzelner Wahrnehmungen allein vorhanden wäre; thatsächlich aber gibt es
eine geordnete Erfahrung.
Die Gesetze unsrer Verstandesoperationen, substantivisch ausgedrückt,
sind die Kategorieen, und da sich die Gesetze des Verstandes als Ordner
der Erfahrung zunächst bei den Urtheilen, also der Verbindung getrennter
Vorstellungen äußern, so ergeben sich die verschiedenen Haupt- und
Grundbegriffe nach den verschiedenen Arten der Urtheile. Unter diesen
entspricht das Hypothetische der Kategorie der Causalität. Sie sind
weder angeborne Begriffe, noch Ideen in =Plato='s Sinne, sondern durch
Reflexion selbst erzeugte abstracte Bezeichnungen für gewisse
nothwendige Thätigkeiten des Verstandes, für Auffassungsformen, denen
derselbe allen empfangenen Stoff, also alle sinnlichen Empfindungen
(Anschauungen) unterwirft. Der Verstand selbst ist ein unproductives,
aber in diesen Auffassungsweisen des empirischen Stoffes fortwährend
thätiges Vermögen, eine innerliche leere Kraft, welcher durch das
Anschauungsvermögen der nöthige Erfahrungsvorrath von außen zur
Bearbeitung zugeführt wird.
Vergleicht man =Kant='s Ansicht mit jener =Leibnitz=', so scheint es
fast, als habe er den Standpunkt einer einzelnen =Leibnitz='schen Monade
gewählt. Während aber in dieser sämmtliche Vorstellungen von innen
infolge ihres Mutationsgesetzes erzeugt werden, fügt das =Kant='sche
Subject blos die Form aus eigenem Fonde hinzu und empfängt die Materie
von außen. Wie? darüber hat sich das kritische System nie aussprechen
wollen und können. Der Idealismus der Monade nimmt dadurch, daß ihre
freie Thätigkeit blos auf die Verknüpfungs- und Zusammenfassungsweise
des unwillkürlich Gegebenen beschränkt wird, ein realistisches Moment
an; die Unfähigkeit derselben von einer andern Einwirkung zu erfahren
oder auf sie auszuüben, wird aufgehoben, aber die dem Subjecte äußern,
nur durch das ideale Band der prästabilirten Harmonie verbundenen
einfachen Monaden haben sich jetzt ihrer Qualität und Wesenheit nach in
völlig unbekannte und unerkennbare Dinge verwandelt, von denen wir --
das Denkende -- eben nichts weiter wissen, als daß sie auf was immer für
eine Weise Ursache des in uns angesammelten Erfahrungsstoffes sind.
Daher erscheint bei =Kant= das Causalitätsgesetz als eine durch unsre
Verstandeseinrichtung unwidersprechlich gebotene Voraussetzung, über
deren Art und Weise des Stattfindens zwischen den realen Wesen selbst
wir übrigens nichts aussagen können, und die uns aller weitern Fragen
nach dem Wie? als unnützer, unlösbarer Spitzfindigkeiten überhebt. Ob
sie durch prästabilirte Harmonie, durch Occasionalismus oder durch
physischen Einfluß erfolge, kann uns gleichgiltig sein, liegt jenseits
der Grenzen menschlicher Erkenntniß; genug, wir als Menschen müssen die
Causalität =denken= und in die Dinge hineinlegen. Aber auch in dieser
Fassung ist es ein neues Zeugniß für die Unabweislichkeit des
Causalitätsbegriffes, daß ein System, das sich für unvermögend erklärte,
das Vorhandensein einer solchen äußeren Wirksamkeit zwischen den Dingen
an sich nachzuweisen, die Annahme desselben lieber der menschlichen
Verstandeseinrichtung (wie =Leibnitz= selbst der Gottheit) in's Gewissen
schob, als sie aufheben wollte. Wie zwingend muß eine Erfahrung sein,
die zu so gewagten Annahmen verleiten kann! Abläugnungen der Art
beweisen beinahe mehr als directe Beweise für das stattfinden eines
wirklichen causalen Zusammenhangs unter den realen Dingen, mögen sie nun
Substanzen, Monaden oder Dinge an sich heißen.
An =Kant= knüpfen sich zwei Richtungen an, eine realistische und eine
idealistische. Die erstere hielt sich an den im Subject gegebenen
materiellen Stoff der Empfindung und die Dinge an sich, die andre
bildete den Begriff der Kategorieen aus und erweiterte ihre
idealistische Natur zunächst auch über den durch Erfahrung gegebenen
Stoff der Vorstellungskraft. Bei unsrer ausschließlichen Rücksichtsnahme
auf monadistische Systeme diente uns die Betrachtung der Kategorieen nur
als Uebergangspunkt zu dem an dieselben sich schließenden realistischen
Systeme.