2. Die Causalität als Kategorie: =Kant=.

Das in =Leibnitz= unläugbar vorhandene idealistische Element, das durch

die prästabilirte Harmonie und die von derselben postulirte

Voraussetzung eines allweisen, höchst gütigen, heiligen und allmächtigen

Schöpfers mit dem Realismus der gemeinen Erfahrung in Einklang gebracht

worden, tauchte in seinem großen Nachfolger, dem Weisen von Königsberg,

unabhängiger wieder auf. =Kant='s ganze, über das Gebiet der innern

Erfahrung hinausreichende Metaphysik beschränkte sich auf den Satz vom

zureichenden Grunde. Nachdem =Leibnitz= die Vorstellungen zu

nothwendigen Schöpfungen der Monade ohne alle äußere Veranlassung

gemacht, =Locke= und =Hume= aber behauptet hatten, alle Vorstellungen,

die wir besitzen, kämen von außen, aus der Erfahrung, diese selbst aber

lehre nichts von Causalität oder nothwendiger Gesetzmäßigkeit der Natur,

und das Causalitätsverhältniß sei eine blos psychologische Angewöhnung,

schloß =Kant=: gerade der Umstand, daß wir den Begriff der Causalität in

die Erscheinung der Dinge hineinlegen, sei Bürgschaft dafür, daß dieser

Begriff Giltigkeit und Nothwendigkeit habe. Was aus der Erfahrung

stammt, ist zufällig wie diese selbst; was aus dem Denken, der

gemeinsamen Natur, der Vernunft stammt, ist allgemein und nothwendig.

»Bisher,« sagt er(67), »nahm man an, alle unsere Erkenntniß müsse sich

nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie etwas _a

priori_ durch Begriffe auszumachen, wodurch unsre Erkenntniß erweitert

würde, gingen durch diese Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher

einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik besser damit

fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unsrer

Erkenntniß richten, welches ja schon besser mit der verlangten

Möglichkeit einer Erkenntniß _a priori_ zusammenstimmt, die über

Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist

hiemit ebenso, wie mit dem ersten Gedanken des =Copernik= bewandt, der,

nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte,

wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer,

versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer

sich drehen und die Sterne in Ruhe ließ.«

(67) Kritik der r. V., her. v. =Rosenkranz= S. 670. Vgl. =Chalybäus=

Entwicklung d. spec. Phil. von =Kant= bis =Hegel=. 3. Aufl. 1843.

S. 22 u. ff.

Diese Wendung, wenn sie auch noch empirische Bestandtheile enthielt, war

übrigens idealistisch. Das denkende Subject empfängt weder die

Erscheinungswelt rein von außen, noch producirt es dieselbe gänzlich aus

sich selbst, sondern es empfängt den Stoff, die Elemente des Denkens,

die Empfindungen von den Dingen, fügt aber die Verbindungen und

Verhältnisse derselben, die Form, aus seinem eigenen Verstande hinzu.

Der Verstand und seine Gesetze bestimmen genau, wie das Wirkliche, falls

es vorhanden wäre, beschaffen sein müßte, aber sie können dies Wirkliche

nicht selbst schaffen, sie können wohl die _essentia_, aber nimmer die

_existentia a priori_ nachweisen, oder, um mit =Kant= zu reden, »aus der

bloßen Vorstellung eines Dinges läßt sich auf keine Weise die

Wirklichkeit desselben heraus klauben.«

Diese Wirklichkeit gibt sich daher das denkende Subject nicht selbst,

sondern es findet sie vor, aber auch nur durch Wahrnehmung, also auch

nur durch ein zufälliges Dasein eines bestimmten endlichen Objects. Auch

nach der längsten Erfahrung bleibt der Fall denkbar, daß einmal das

gerade Gegentheil sich ereigne und das Allgemeine, für immer Giltige ist

nur die Folge unsrer eigenen Verstandeseinrichtung. Wie dieser, so lange

sie dieselbe bleibt, die Dinge erscheinen müssen, das wissen wir; wie

sie sind, was sich alles ereignen könne und werde, wissen wir nicht. Der

Stoff, die Empfindungen, die wir in uns antreffen, und kraft unserer

Verstandeskräfte verknüpfen und trennen, sind nur Zustände der Seele;

wir können nie über unsere Vorstellungen hinaus, nie die Dinge selbst in

unser Bewußtsein ziehen, denn Alles, was wir von diesen kennen, sind

eben wieder nichts als Vorstellungen. Uns bleibt daher nur der Schluß

übrig: dieser materielle Stoff, die Empfindungen in uns müssen einen

Grund haben, der wegen ihrer Zufälligkeit und Wandelbarkeit nicht in uns

selbst, in unseren Verstandesgesetzen als dem Allgemeinen und

Nothwendigen liegen kann, sondern außer uns liegen muß, von welchem wir

aber nichts weiter wissen, als daß er da ist. Dieser äußere Grund sind

die ihrer Natur nach völlig unbekannten Dinge an sich. Jede weitere

Erkenntniß derselben würde eine Vorstellung, daher wieder nur ein

Zustand unserer eigenen Seele sein.

Den Schluß von dem Dasein der nicht wegzuläugnenden Empfindungen im

Subjecte auf das Vorhandensein der Dinge an sich außer uns machen wir

nach dem Verstandesgesetze der Causalität. Wir Menschen als Menschen

sehen die Dinge unwillkürlich darauf an, daß sie sich wie Ursachen und

Wirkungen verhalten, so wie Jemand, der eine blaue Brille trägt, die

Gegenstände im blauen Licht erblickt, die einem Andern im weißen

erscheinen. Für Geister von anderer Einrichtung als die unsre würde das

Causalitätsverhältniß vielleicht gar nicht, oder auf ganz andere Weise

vorhanden sein. Dieses so besonders geartete Sehen ist aber nicht blos,

wie die Skeptiker behaupten, aus der Erfahrung abstrahirte Gewohnheit,

sondern Folge einer natürlichen Einrichtung unsres geistigen Auges, die

vor aller wirklichen Erfahrung da war. Später, wenn wir uns bei

gebildeter Reflexion der Thätigkeitsformen des Verstandes und ihrer

Gesetze bewußt werden, bezeichnen wir diese mit Substantiven und bringen

sie unter abstracte Begriffe, die sich der Verstand selbst von seinen

Thätigkeiten macht, nachdem diese schon seit lang vorhanden sind. Wird

aber gefragt, ob mit dem Bewußtsein, daß wir die Causalität selbst in

die Erscheinung hineinlegen, uns auch irgend ein Recht gegeben oder

genommen sei, das Vorhandensein der Causalität unter den Dingen an sich

anzunehmen, so schneidet =Kant= die Frage kurz durch den Machtspruch ab,

daß wir keine synthetischen Urtheile _a priori_, d. h. keine solchen zu

fällen vermögen, darin die Verknüpfung zwischen Subject und Prädicat

nicht durch eine Anschauung (reine oder empirische) vermittelt wird. Von

Dingen an sich können wir aber gar keine Anschauung haben; alles was wir

von ihnen wissen, sind bloße Erscheinungen, und in diese legen wir zwar

die Causalität hinein, aber eben nur vermöge unserer eigenen

Verstandeseinrichtung. Eine Erkenntniß der Dinge an sich, die keine

Erscheinung derselben, sondern ihr eigentliches Wesen betreffe, wäre

eine übersinnliche Erkenntniß, und eine solche ist unmöglich. Auf jene

Verstandeseinrichtung aber als apriorische Synthesis der Erscheinungen

dürfen wir daraus schließen, weil ohne sie gar kein zusammenhängendes

Bewußtsein, keine Erfahrung möglich, sondern ein atomistisches Chaos

einzelner Wahrnehmungen allein vorhanden wäre; thatsächlich aber gibt es

eine geordnete Erfahrung.

Die Gesetze unsrer Verstandesoperationen, substantivisch ausgedrückt,

sind die Kategorieen, und da sich die Gesetze des Verstandes als Ordner

der Erfahrung zunächst bei den Urtheilen, also der Verbindung getrennter

Vorstellungen äußern, so ergeben sich die verschiedenen Haupt- und

Grundbegriffe nach den verschiedenen Arten der Urtheile. Unter diesen

entspricht das Hypothetische der Kategorie der Causalität. Sie sind

weder angeborne Begriffe, noch Ideen in =Plato='s Sinne, sondern durch

Reflexion selbst erzeugte abstracte Bezeichnungen für gewisse

nothwendige Thätigkeiten des Verstandes, für Auffassungsformen, denen

derselbe allen empfangenen Stoff, also alle sinnlichen Empfindungen

(Anschauungen) unterwirft. Der Verstand selbst ist ein unproductives,

aber in diesen Auffassungsweisen des empirischen Stoffes fortwährend

thätiges Vermögen, eine innerliche leere Kraft, welcher durch das

Anschauungsvermögen der nöthige Erfahrungsvorrath von außen zur

Bearbeitung zugeführt wird.

Vergleicht man =Kant='s Ansicht mit jener =Leibnitz=', so scheint es

fast, als habe er den Standpunkt einer einzelnen =Leibnitz='schen Monade

gewählt. Während aber in dieser sämmtliche Vorstellungen von innen

infolge ihres Mutationsgesetzes erzeugt werden, fügt das =Kant='sche

Subject blos die Form aus eigenem Fonde hinzu und empfängt die Materie

von außen. Wie? darüber hat sich das kritische System nie aussprechen

wollen und können. Der Idealismus der Monade nimmt dadurch, daß ihre

freie Thätigkeit blos auf die Verknüpfungs- und Zusammenfassungsweise

des unwillkürlich Gegebenen beschränkt wird, ein realistisches Moment

an; die Unfähigkeit derselben von einer andern Einwirkung zu erfahren

oder auf sie auszuüben, wird aufgehoben, aber die dem Subjecte äußern,

nur durch das ideale Band der prästabilirten Harmonie verbundenen

einfachen Monaden haben sich jetzt ihrer Qualität und Wesenheit nach in

völlig unbekannte und unerkennbare Dinge verwandelt, von denen wir --

das Denkende -- eben nichts weiter wissen, als daß sie auf was immer für

eine Weise Ursache des in uns angesammelten Erfahrungsstoffes sind.

Daher erscheint bei =Kant= das Causalitätsgesetz als eine durch unsre

Verstandeseinrichtung unwidersprechlich gebotene Voraussetzung, über

deren Art und Weise des Stattfindens zwischen den realen Wesen selbst

wir übrigens nichts aussagen können, und die uns aller weitern Fragen

nach dem Wie? als unnützer, unlösbarer Spitzfindigkeiten überhebt. Ob

sie durch prästabilirte Harmonie, durch Occasionalismus oder durch

physischen Einfluß erfolge, kann uns gleichgiltig sein, liegt jenseits

der Grenzen menschlicher Erkenntniß; genug, wir als Menschen müssen die

Causalität =denken= und in die Dinge hineinlegen. Aber auch in dieser

Fassung ist es ein neues Zeugniß für die Unabweislichkeit des

Causalitätsbegriffes, daß ein System, das sich für unvermögend erklärte,

das Vorhandensein einer solchen äußeren Wirksamkeit zwischen den Dingen

an sich nachzuweisen, die Annahme desselben lieber der menschlichen

Verstandeseinrichtung (wie =Leibnitz= selbst der Gottheit) in's Gewissen

schob, als sie aufheben wollte. Wie zwingend muß eine Erfahrung sein,

die zu so gewagten Annahmen verleiten kann! Abläugnungen der Art

beweisen beinahe mehr als directe Beweise für das stattfinden eines

wirklichen causalen Zusammenhangs unter den realen Dingen, mögen sie nun

Substanzen, Monaden oder Dinge an sich heißen.

An =Kant= knüpfen sich zwei Richtungen an, eine realistische und eine

idealistische. Die erstere hielt sich an den im Subject gegebenen

materiellen Stoff der Empfindung und die Dinge an sich, die andre

bildete den Begriff der Kategorieen aus und erweiterte ihre

idealistische Natur zunächst auch über den durch Erfahrung gegebenen

Stoff der Vorstellungskraft. Bei unsrer ausschließlichen Rücksichtsnahme

auf monadistische Systeme diente uns die Betrachtung der Kategorieen nur

als Uebergangspunkt zu dem an dieselben sich schließenden realistischen

Systeme.

Leibnitz' Monadologie Deutsch mit einer Abhandlung über Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen Geschehens · 第 2 / 13 题