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Leibnitz'
Monadologie.
Deutsch
mit einer Abhandlung über
Leibnitz' und Herbart's Theorieen
des
wirklichen Geschehens,
von
Dr. Robert Zimmermann.
Wien.
Braumüller und Seidel.
1847.
Gedruckt bei J. P. Sollinger.
Sr. Excellenz
dem hochgeborenen Herrn
Hieronymus Grafen von Lützow
Dreylützow und Seedorf
Vicepräsidenten des k. k. General-Rechnungs-Directoriums, Commandeur des
österr. kaiserl. königl. Leopold-Ordens (S. C. E. K.), k. k. wirkl. Geh.
Rath und Kämmerer, Protectors-Stellvertreter bei der wechselseitigen
Capitalien- und Renten-Versicherungsanstalt in Wien, stiftenden Mitglied
der Gesellschaft des Vereines zur Ermunterung des Gewerbsgeistes,
wirklichen Mitglied der Gesellschaft des vaterländischen Museums in
Böhmen, Ehrenmitglied des pomologischen und des Schafzüchtervereins,
Mitglied des Vereins zur Beförderung der Tonkunst und des nied. österr.
Gewerbvereins, Herrn der Herrschaft Lochowic in Böhmen &c. &c. &c.,
ehrfurchtsvoll zugeeignet
vom Verfasser.
Noch vor ganz kurzer Zeit dachte man, wenn von deutscher Philosophie die
Rede war, beinahe ausschließlich an =Kant= und seine Nachfolger, mit
welchen das Licht in der Finsterniß aufgegangen sei. Was vor ihm auf
diesem Felde geschehen, ignorirte man entweder ganz, oder man glaubte es
mit dem Namen =Wolffianismus= und =Dogmatismus= hinlänglich abgefertigt
zu haben. Selbst =Leibnitz=, dem es Manche nicht verzeihen konnten, daß
er französisch geschrieben, war zu großem Theile Tradition. Seine
Monaden waren populär, seine Theodicée nannte man hie und da; von seinem
bedeutenden Einfluß auf die Folge- und Neuzeit war wenig die Rede.
=Kant= galt allgemein für die Pforte deutscher Weltweisheit. Allein
selbst dieser lief zuletzt Gefahr, über seinen Enkeln in den Winkel
gestellt zu werden, und genoß, obgleich man ihm noch immer die Ehre
anthat, ihn als Pförtner des philosophischen Hörsaales zu betrachten,
kaum ein kärgliches Gnadenbrot.
Dies hat sich im letzten Decennium mit Einemmale geändert. Eine
plötzliche bibliographische Thätigkeit ist über die Literatur gerathen;
der Deutsche sammelt von allen Seiten die Schätze, die er sonst
bisweilen sorglos unbeachtet gelassen, mannigfache Editionen
vergriffener Meisterwerke aller Art und jeder Zeit werden veranstaltet,
und, den ungünstigsten Fall angenommen, haben diesem literar-historischen
Treiben auch die beiseitegelegten Schriften der vorkantischen
Periode die Aufmerksamkeit zu danken, die man von Neuem
ihnen zugewendet. =Leibnitz=' philosophische Werke erschienen zum ersten
Mal vollständig gesammelt von =Erdmann=; =Guhrauer= schrieb dessen
Biographie und gab seine deutschen Schriften heraus; eine Auswahl seiner
historischen Manuscripte ist auf dem Wege. Sogar =Wolff=, der lang
verunglimpfte, gescholtene, der ehrliche =Wolff= _par excellence_
gelangte wieder zu Ehren; wenigstens gab =Wuttke= dessen interessante
Selbstbiographie heraus und verspricht eine ausgewählte Gesammtausgabe
seiner zahllosen Schriften. Die Scholastiker werden aufgesucht,
gesichtet, und Männer der äußersten Linken wie =Feuerbach= halten
=Leibnitz= und =Bayle= der ausführlichen Würdigung und Besprechung
werth. Auch die mehrfachen Gesammtausgaben von =Kant=, die nun
vollendete von J. G. =Fichte=, die =Auerbach='sche Uebersetzung
=Spinoza='s, die Ausgaben =Mendelssohns= gehören hieher.
Es ist möglich, daß hieran das reinhistorische Interesse, das Agens
unserer Zeit, das nicht immer nach dem Werthe, sondern nach dem Namen
wählt, bisher den größten Antheil hat, es wäre sonst kaum zu begreifen,
wie man so plötzlich sollte zur Erkenntniß gekommen sein, nachdem man
das Alte so oft geschmäht, verachtet, an den Pranger gestellt hatte;
aber daß es das historische Interesse allein gewesen sein sollte, ist
doch unwahrscheinlich. Auch innere Gründe, in der Natur der Sache selbst
gelegene, müssen mitgewirkt haben, und wenn nichts Anderes, so verräth
die Rückkehr zu den alten verlassenen Wohnsitzen wenigstens, daß den
Heimkehrenden in den prunkenden Luftschlössern der Speculation, mit
welchen sie sich so viel gewußt, nicht heimisch geworden sei. Nachdem
sie lang im süßen Wahne gelebt, endlich den Stein der Weisen gefunden zu
haben, stiegen auch daran Zweifel auf, und in dem so entstandenen
Schwanken und Suchen nach Wahrheit greifen sie endlich auch nach den
verrußten Repositorien, die sie so oft in die Rumpelkammer verwiesen zu
haben sich gerühmt hatten.
Noch vor einem Jahrzehend gab es eine Schule in Deutschland, welche sich
mit stolzem Selbstvertrauen die herrschende nannte; im gegenwärtigen
Augenblick ist diese Schule zerstreut, und von Gegnern überflügelt,
deren Ansichten sie für längst überwunden erklärt hatte. Es gibt keine
herrschende Schule mehr. Monadisten, Monisten und Dualisten stehen sich
streitend gegenüber, fast eben so, wie vor anderthalb Jahrhunderten
=Leibnitz=, =Spinoza= und =Descartes=. Der Idealismus und die
Identitätsspeculation scheinen ihre Rolle ausgespielt, das Denken
besonnener, ruhiger, praktischer geworden, scheint Lust zu haben, zum
Realismus zurückzukehren, um wenigstens einen sichern Boden unter den
Füßen zu fühlen. Eine _révolution conciliatrice_ prophezeit =Willm= in
Straßburg in seiner Preisschrift: »_De la philosophie allemande, qu'il
est impossible de caractériser tant que Mr. de Schelling n'aura pas
achevé l'oeuvre du système definitif, qu'il a promis à l'Europe_.« Der
bisherige Erfolg desselben scheint nicht zu verrathen, daß es das
künftige Schiboleth ausmachen werde. Jene Revolution erwartet der
Franzose von dem Realismus =Herbart='s, der auch seinerseits zum Beweise
dienen kann, wie sich ähnliche Ruhepunkte im Laufe des philosophischen
Gedankenganges wiederholen. Gegenwärtig hat der philosophische Kreislauf
sein Ziel erreicht, er ist in seinen Anfang zurückgekehrt; das wäre eine
traurige Erfahrung, wenn es sich buchstäblich so verhielte. Allein auch
wenn dem so wäre, und der menschliche Geist wäre auf einem seit siebzig
Jahren mit dem angestrengtesten Eifer verfolgten Wege am Ende nur zu der
Ueberzeugung gelangt, einen Irrweg eingeschlagen zu haben, ohne darum
den Muth zu verlieren, unverdrossen und der erlangten Uebung froh, einen
neuen vom Anfang zu beginnen: so wäre dieser kraftvolle Vorsatz um so
viele Aufopferung nicht zu theuer erkauft.
Selbst wenn die besondere Veranlassung des im Jahre 1846 gefeierten, und
auch in =Wien= durch die Stiftung der Akademie der Wissenschaften, eines
Lieblingsgedankens des großen Mannes, verherrlichten zweihundertjährigen
Geburtsfestes =Leibnitz=', nicht hinzukäme, so dürfte dennoch in einem
Zeitpunkte der Art ein Versuch, durch Herausgabe eines seiner
wichtigsten Schriftchen ein Schärflein zum Verständniß alter und neuer
Richtungen beizutragen, um seiner selbst willen Nachsicht und
Entschuldigung verdienen. Niemand ist dazu besser geeignet, als eben
dieser allumfassende Denker, welcher den sich anfeindenden Parteien des
Idealismus und Realismus gleich nahe steht, in dem sich die Keime aller
seiner Nachfolger und die Spuren aller seiner Vorgänger finden. Während
seine angebornen Ideen und sein Hauptsatz: _nihil est in intellectu,
quod non fuerit in sensu, nisi ipse intellectus_, sich in =Kant= zum
Kategorienschema ausbildeten, erschien =Fichte='s streng teleologische
Weltordnung als eine natürliche Tochter der =Leibnitz='schen Monade,
darin sich das Universum spiegelt, und gerade so und nicht anders
spiegeln muß, soll der höchste Zweck des Menschen, den der Idealismus in
die Selbstständigkeit, =Leibnitz= aber in die Beförderung des
allgemeinen Wohles setzte, erreicht werden. Bei =Herbart= endlich taucht
das ganze Monadensystem mit seiner indifferenten Vielheit und
wechsellosen Starrheit wieder auf, an der Stelle des bildlichen
Spiegelns sich blos eines anderen Hilfsmittels, der zufälligen Ansichten
bedienend. Daß sich von der Identitätsphilosophie wenig bei =Leibnitz=
findet, ist leicht begreiflich; denn er, dem die Mystiker ein Gräuel
waren, war auch der Alleinheitslehre so abhold, daß er =Spinoza='s Werke
noch in späteren Jahren als _absurdité_ bezeichnete. Trotzdem hat sich
=Feuerbach= bemüht, auch in ihm die Embryonen des künftigen Pantheismus
und Synkretismus nachzuweisen; ob mit Recht, davon kann sich Jeder
überzeugen, dem auch nur flüchtig die Hauptumrisse seines großartigen
Baues bekannt sind.
Keines seiner Werke bietet dazu eine bessere Gelegenheit, als das
nachstehende, dessen Uebersetzung, seit 126 Jahren wieder die erste(1),
dem Publicum geboten wird. Während er in den meisten seiner anderen
Schriften einen bestimmten Gegner oder eine besondere Richtung vor Augen
hat, gegen die er ankämpft oder sich vertheidigt, wodurch selbst seine
Hauptwerke, die _Theodicée_ und die _nouveaux essais_, nicht weniger als
die zahlreichen Flugschriften einen polemischen Anstrich und ein
persönliches Gepräge erhalten, das dem allseitigen Gesichtspunkte und
allgemeineren Verständnisse des Gegenstandes häufig nachtheilig werden
kann, gibt er in dieser trefflichen Abhandlung einen vollständigen
Ueberblick seines gesammten Systemes, läßt ganz allein die Sache selbst
reden, unbekümmert um fremde Meinung und Ansicht, und entwickelt so den
großartigen Prachtbau seiner Weltansicht, an dem zwar das unbefangene
Auge manche Risse und Spalten entdeckt, dessen Fundamente aber ewig
bleiben werden, und der in seiner genialen Unvollendung dem Torso
gleicht, den kein Bildhauer zu ergänzen wagte. Was er sonst häufig nur
aphoristisch hinwarf mitten unter fremde, bestrittene und geduldete
Ideen, oder als geistreiche Axiome aufstellte, seine tiefsten
zerstreuten Gedanken und scharfsinnigsten Combinationen, das sammelte er
hier wie in einem Brennpunkte, in dem, am Ende eines der Wissenschaft
und der Welt wie kein anderes gewidmeten Lebens, alle Strahlen seines
Geistes und Wissens zusammenflossen. Er selbst äußert sich über das
Verhältniß dieser seiner Schrift zu seinen übrigen auf ähnliche Weise in
einem Briefe an seinen Freund =Remond de Montmort=(2) mit welchem er die
Zusendung des Manuscripts an denselben begleitete: »_J'ai espéré, que ce
petit écrit contribuerait à mieux faire entendre mes méditations en y
joignant ce, que j'ai mis dans les journaux de Leipsic, de Paris et de
Hollande. Dans ceux de Leipsic je m'accomode assez au langage de
l'école, dans les autres je m'accomode davantage au stile des
Cartésiens, et dans cette dernière pièce j'ai tâché de m'exprimer d'une
manière, qui puisse être entendue de ceux, qui ne sont pas encore trop
accoûtumés au stile des uns ou des autres._«
(1) So war es, als diese Worte geschrieben wurden. Gerade als diese
Schrift in die Druckerei abging, kamen dem Verfasser die
Gelegenheitsschriften zur 200jährigen Geburtsfeier =Leibnitz=' in die
Hände. Unter ihnen fand sich in =Schilling='s »=Leibnitz= als Denker«
die Uebersetzung der Monadologie nach =Erdmann='s Ausgabe. Da der Herr
Verfasser indeß sich nicht auf die Vergleichung der verschiedenen
Ausgaben einläßt, so dünkte uns die nachstehende Uebersetzung noch
immer nicht überflüssig.
(2) Den Jüngeren. Es gab zwei Brüder dieses Namens, die beide mit
=Leibnitz= im Briefwechsel standen. Der ältere, =Pierre=, war ein
ausgezeichneter Mathematiker und lebte von 1678 bis 1719 zuerst als
Canonicus, dann als Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Von 11
Briefen, die =Dutens= unter dem Namen der =Montmort='s aufführt, ist
nach =Guhrauer='s Ansicht nur die _lettre VIII. Opp. o. ed. Du. V.
p. 29_ an ihn gerichtet, die übrigen an seinen Bruder. Dieser war
Secretär des Herzog-Regenten von Orleans und ein eifriger Freund der
Philosophie. =Leibnitz= schätzte ihn sehr hoch.
Unbefangen von Vorurtheilen, frei von Systemisirungssucht und
unwissenschaftlicher Pedanterei, will er von Unbefangenen gelesen und
hofft von solchen verstanden zu werden. Nicht die Wahrheit einer
gewissen Schule, die Wahrheit selbst wollte er lehren und vertheidigen,
und wie er für seine eigene Person keiner Schule angehörte, hat er auch
keine hinterlassen. Dafür ist er auch nicht der einzige redliche
Wahrheitsforscher geblieben, der noch bis auf die neueste Zeit von der
vornehmen Abgeschlossenheit der Männer von Fach und Kaste an den
schlichten, befangenheitslosen Sinn des einfachen Gebildeten appelliren
muß, um die Gerechtigkeit zu finden, die von den literarischen
Sternkammern ihm vorenthalten wurde. Unwissenschaftlichkeit und falsche
Popularitätssucht wird das Bestreben gescholten, auch solche Wahrheiten,
die man noch nicht streng bewiesen in ein System einzureihen vermocht,
auf das philosophische Gebiet zu ziehen. Lieber soll man engherzig und
eitel genug sein, nicht einzugestehen, es gebe noch gar Manches, dessen
Grund wir nicht erkennen, dessen Wahrheit aber gleichwohl evident, und
dessen Kenntniß nutzbringend für uns ist. Wir sind überzeugt, daß es für
jede Wahrheit, sobald sie dies wirklich ist, sie stehe noch so scheinbar
isolirt und unvereinbar mit anderen da, einen Platz in der Wissenschaft
gibt, an welchen sie eingereiht und ihre Verbindung hergestellt zu
werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemandem erkannt wird, weil
es unmöglich ist, daß eine Wahrheit jemals der anderen widerspreche. Ein
übereilter Schluß aber dünkt es uns, aus dem bisherigen Mißlingen,
irgend einen Satz auf directem Wege aus einem anderen abzuleiten,
kurzweg die Unvereinbarkeit desselben mit den Uebrigen zu folgern, und
einen von beiden für irrig zu erklären.
Leider begegnete dieser Fall auch Leibnitz, und dies mag zum Beweise
dienen, wie verlockend die Versuchung sei. Sein Lieblingskind, die
prästabilirte Harmonie -- man könnte sie mit einem kostbar ausgemauerten
Marmorteiche vergleichen, den ein König erbaute, um einen Gießbach
aufzufangen, über den er mit dem Zehntheil der Kosten keine Brücke zu
schlagen wußte -- die prästabilirte Harmonie bleibt ein immerwährendes
Denkmal des Fehlschlusses: es gebe keine äußere Wirksamkeit, kein
thätiges Leben und Schaffen in dieser Welt einfacher Monaden, weil ein
solches aus den vorausgesetzten Principien direct abzuleiten nicht
möglich war. Diesen letzteren zu Gefallen widersprach er lieber der
eigenen Ueberzeugung und machte die augenscheinlichste Thatsache der
Erfahrung zum Irrthum, blos weil er keine apriorische Deduction
derselben zu geben im Stande war. Um seinem eingebildeten Grundsatze
treu zu bleiben, verbannte er sogar die in seinem eigenen Systeme
liegenden Antriebe hiezu, die ihn bei einer glücklichen Wendung seines
Gedankenganges auf einen, der Wahrheit wenigstens sehr nahe zu liegen
scheinenden Weg gebracht haben müßten. Was ihm nicht gelungen war,
gelang späteren monadistischen Denkern nicht in höherem Grade. Wie und
mit welchem Erfolge sie es versuchten, haben wir bei der Wichtigkeit des
Gegenstandes in einer eigenen, am Schlusse hinzugefügten Abhandlung
darzustellen uns erlaubt. Wir glaubten, es dabei als einen Act der
Pietät gegen den großen Denker ansehen zu dürfen, auf die in seinen
eigenen Gedanken liegenden Keime hinzudeuten, welche bei längerem
Verweilen und sorgfältigerer Beachtung eine Verstand und Herz mehr
befriedigende Lösung anzubahnen versprechen. Inwiefern es uns gelungen
ist, dieselben anschaulich zu machen, müssen wir der Prüfung Anderer
überlassen.
Nach dieser kurzen Rechtfertigung des Unternehmens erübrigt uns noch die
nöthigen literar-historischen Notizen über die nachstehende Schrift, wie
wir sie =Guhrauer='s und =Erdmann='s gründlichen Forschungen verdanken,
hinzuzufügen. =Leibnitz= verfaßte das Original der Monadologie in
französischer Sprache, wie der oben angeführte Brief uns lehrt, während
seines Aufenthaltes in Wien in den Jahren 1713 und 1714 zunächst für den
Gebrauch und auf Veranlassung des großen =Eugen=. Der Brief ist von Wien
datirt am 26. August 1714. Er sagt darin: _Maintenant je vous envoie un
petit discours, que j'ai fait ici pour le prince Eugène de Savoie sur ma
philosophie._ Des Prinzen Interesse an Wissenschaft und Kunst, die er
nicht blos aus Liebhaberei, sondern aus wahrer Liebe pflegte, ist
bekannt und seine noch vorhandene Büchersammlung in der k. k.
Hofbibliothek zu Wien, wie seine reichen Kunstschätze geben genügendes
Zeugniß davon. Neben mathematischen und Kriegswissenschaften liebte er
die Philosophie und er konnte, sagt =Guhrauer=, wie Alexander sich
glücklich schätzen, daß zu seiner Zeit ein Aristoteles gelebt habe. Er
verschloß, fährt =Leibnitz=' Biograph fort, die philosophische Schrift,
die =Leibnitz= für ihn aufgesetzt hatte, wie eine seiner größten
Kostbarkeiten und war zu eifersüchtig darauf, sie auch nur zu zeigen.
Demungeachtet ist die Schrift verloren gegangen, und unter den
prachtvollen rothen und blauen Maroquinbänden des Prinzen, die einen
abgesonderten Theil der kaiserl. Hofbibliothek zu Wien ausmachen, findet
sich keine Spur mehr von dem schlichten Manuscripte des deutschen
Gelehrten. Ja nicht blos die dem Prinzen geschenkte Abschrift, sondern
das Original der Abhandlung selbst schien bis auf die neueste Zeit, wo
es =Erdmann= wieder auffand, von dem Erdboden verschwunden.
Oeffentlich erschien die Schrift zuerst vier Jahre nach =Leibnitz=' Tode
in deutscher Sprache unter dem Titel: »Des Herrn Gottfried Wilhelm von
=Leibnitz= Lehrsätze über die Monadologie; ingleichen von Gott und
seinen Eigenschaften, seiner Existenz und der Seele des Menschen. Aus
dem Französischen von H. =Köhler=. Jena (nach Anderen: Frankfurt am
Main) 1720.« Derselbe =Köhler= gab in demselben Jahre auch =Leibnitz='
Streitschriften mit =Clarke= in deutscher Uebersetzung heraus. Jene
Ausgabe, die sehr selten geworden zu sein scheint, ist mir nicht zu
Gesichte gekommen. Christian =Wolff= bevorwortete sie und 1740 erschien
eine neue Auflage von derselben durch =Huth=. In welchem Verhältnisse
sie zu der Handschrift =Leibnitz=' selbst stand, ist mir nicht bekannt.
Wenn es aber wahr ist, was =Erdmann=, der sie gesehen hat, behauptet,
daß die lateinische Uebersetzung in den _Actis eruditorum_ nur eine
Version der deutschen Uebersetzung sei, so müssen schon in ihr hie und
da Abweichungen stattgefunden haben. Diese lateinische Uebersetzung
erschien unter dem Namen: _G. G. Leibnitzii principia philosophiae in
gratiam principis Eugenii conscripta_ in den _actis eruditorum
Lipsiensium, Suppl. tom. VII. 1721 sect. XI. p. 500-514_. Sie ist die
bekannteste. Völlig gleich mit ihr lauten die Abdrücke bei: _M. G.
Hansch: Principia philosophiae Leibnitzii geometrico modo demonstrata.
Francofurthi. Monath 1728_, und _Lud. =Dutens=: Principia philosophiae
seu theses in gratiam principis Eugenii in Leibnitzii Opera omnia.
Genevae de Fournes. 1768. tom. II. pag. 20-31_. Nachdem der Urtext auf
der k. Bibliothek zu Hannover unter Fascikeln alter Schriften wieder
entdeckt, und auf diese Weise vor fernerer Verwechslung mit einem zuerst
1718 publicirten, stellenweise gleichlautenden Schriftchen: _Principes
de la nature et de la grâce_ gesichert worden, nahm ihn =Erdmann= zuerst
in seine Ausgabe: _Leibnitzii opera omnia philosophica (Berolini,
Eichler, 1840) tom. II. Seite 704-712_ unter dem ursprünglichen Titel:
_la Monadologie_, wieder auf. Diesen Text haben wir unserer Uebersetzung
zu Grunde gelegt. Die mehr oder minder wichtigen Abweichungen, die sich
zwischen ihm und den lateinischen Ausgaben finden, sind unter demselben
getreulich angegeben. Woher diese rühren, ist zweifelhaft. Möglich, daß
es verschiedene Handschriften von =Leibnitz= selbst gab, nach deren
einer die deutsche Uebersetzung, die Mutter aller übrigen, gefertigt
worden. Keinesfalls sind die Varianten bedeutend und bestehen meist in
geringfügigen Zusätzen. Der wichtigste ist jener §. 33 über die
zufälligen Wahrheiten. Von größerem Interesse, besonders für die
Geschichte der Philosophie, sind die Parallelstellen aus der Theodicée,
die =Leibnitz= mit eigener Hand am Rande des Originals bemerkt hat. Doch
nahm der Uebersetzer Anstand, dieselben beizufügen, weil sie theils
einen sehr ausführlichen Commentar verlangt haben würden, theils längst
verlebte Ansichten und Meinungen betreffen. Desto lebhafter müssen wir
wünschen, daß recht viele Freunde der Philosophie sich durch die
Verdeutschung des Werkchens bewegen ließen, einer Schrift ihre
Theilnahme zu schenken, welche der große Eugen so hoch hielt, daß er,
wie der Graf Bonneval erzählt, sie den Freund nur küssen ließ und dann
wieder in sein Kästchen einschloß, wie Alexander die göttlichen Gesänge
des mäonidischen Sängers.
=Wien=, im Juni 1846.
Leibnitz' Monadologie.
(_La monadologie_; _Monadologia seu principia philosophiae in
gratiam principis Eugenii conscripta_.)
1.
Die Monade, von der wir hier sprechen werden, ist eine einfache
Substanz, welche Verbindungen mit andern eben solchen zu
zusammengesetzten Substanzen eingeht; einfache, d. i. ohne Theile.
2.
Einfache Substanzen muß es geben, weil es zusammengesetzte gibt; denn
das Zusammengesetzte ist nichts, als eine Anhäufung oder ein
_aggregatum_ von Einfachem.
3.
Wo keine Theile sind, da ist auch keine Ausdehnung, keine Gestalt, keine
mögliche Theilbarkeit; die Monaden sind die wahren Atome der Natur, mit
Einem Worte, die Elemente der Dinge.
4.
Eine Auflösung in Theile ist bei ihnen niemals zu befürchten; so wenig,
als sich überhaupt eine mögliche Art und Weise erdenken läßt, auf welche
eine einfache Substanz dem Naturlaufe gemäß zu Grunde gehen könnte.
5.
Gleich undenkbar ist es aus demselben Grunde, daß eine einfache Substanz
auf natürlichem Wege irgend einen Anfang nehme; weil sie ja nicht durch
Zusammensetzung gebildet wird.
6.
Anders als plötzlich kann daher die Existenz der Monaden weder anfangen
noch enden; sie muß beginnen durch einen Act der Schöpfung (_création_),
aufhören durch einen Act der Vernichtung (_annihilation_); während das
Zusammengesetzte sich Theil um Theil bildet oder zu Grunde geht.
7.
Zu erklären, wie es möglich sei, daß eine Monade in ihrem Innern durch
eine andere einen Wechsel oder eine Veränderung erfahre, haben wir
durchaus kein Mittel. Denn es läßt sich weder aus der einen in die
andere etwas übertragen, noch in dieser letzteren durch die erstere eine
innerliche Bewegung erzeugen, die von außen geweckt, geleitet, vermehrt
oder vermindert werden könnte, wie dies bei zusammengesetzten Dingen
möglich ist, wo die mehreren Theile eine Vertauschung oder Verschiebung
unter einander gestatten. Die Monaden jedoch haben keine Fenster, durch
welche irgend etwas ein- oder auszutreten vermöchte. Die Accidenzen
dürfen sich von ihren Substanzen nicht ablösen, wenn sie nicht haltlos
im leeren Raume, etwa wie die sichtbaren Schemen (_espèces_) der
Scholastiker herumflattern sollen. Weder Substanz noch Accidenz kann von
außen her Eingang in eine Monade finden.
8.
Indeß müssen die Monaden nothwendig auch Qualitäten an sich haben, sonst
wären sie keine seienden Wesen (_êtres_; _entia_). Unterschieden sich
die einfachen Wesen nicht durch ihre Qualitäten, so würde uns jedes
Mittel fehlen, irgend einen Wechsel an den Dingen wahrzunehmen, weil
dasjenige, was am Zusammengesetzten erscheint, nur von den einfachen
Bestandtheilen (_ingrediens_) herrühren kann. Die Monaden aber, sobald
sie keine Qualitäten hätten, wären eine von der andern in gar nichts
verschieden, weil sie nicht einmal der Quantität nach differiren
könnten. Folglich würde, den Raum als erfüllt vorausgesetzt, jeder Ort
in der Bewegung beständig nichts anders als ein vollkommenes Aequivalent
dessen erhalten, was er schon früher besaß, mithin jeder Zustand der
Dinge jedem andern in allen Stücken völlig gleich sein.
9.
Jede Monade muß verschieden sein von jeder andern. Denn schon in der
Natur gibt es nicht zwei Wesen, die einander in allen Stücken völlig
gleich und wo wir außer Stande wären, eine innere oder auf eine innere
Bestimmung sich gründende Verschiedenheit zu finden(3).
(3) In den lat. Ausg. lauten diese beiden Paragraphe wie folgt:
_VIII._
_Opus tamen est, ut Monades habeant aliquas qualitates, alias non
entia forent._
_IX._
_Imo opus est, ut quaelibet Monas differat ab alia quacunque. Neque
enim unquam dantur in natura duo entia, quorum unum ex asse convenit
cum altero et ubi impossibile sit, quandam reperire differentiam
internam aut in denominatione intrinseca fundatam. Quodsi substantiae
simplices etc. etc._ Eine Wortstellung und Capiteleintheilung, die von
dem französischen Originale stark abweicht.
10.
Für ausgemacht nehme ich an, daß jedes erschaffene Wesen, folglich auch
die erschaffene Monade, ein Gegenstand der Veränderung, wie auch, daß
dieser Zustand des Wechsels ein continuirlicher sei.
11.
Daraus folgt, daß die naturgemäßen Veränderungen der Monaden aus einem
innern Princip in denselben abfolgen müssen, weil ja eine äußere Ursache
keinen Einfluß auf das Innere der Monas auszuüben vermag.
12.
Es ist aber auch nothwendig, daß außer diesem allgemeinen Principe der
Veränderlichkeit wirkliche besondere Veränderungen in jeder Monas
vorhanden seien, und diese sind es, welche die specifische
Verschiedenheit und bunte Mannigfaltigkeit der Monaden unter einander
begünstigen (_il faut, qu'il-y-ait un détail de ce qui se
change ...._)(4).
(4) _Et generaliter affirmare licet, vim non esse nisi principium
mutationum._ Zusatz in den lat. Ausgaben.
13.
Dieses Besondere (_détail_) der Veränderung (in jeder einfachen Monas)
umschließt eine Vielheit in der Einheit oder ein Vielfaches im
Einfachen. Denn da jede natürliche Veränderung stufenweise vor sich
geht, so ändert sich Einiges und Anderes bleibt, und dadurch entsteht in
jeder einfachen Substanz eine Mehrheit von Zuständen (_affections_) und
Beziehungen (_rapports_), ungeachtet sie keine Theile hat.
14.
Der vorübergehende Zustand, der eine Mehrheit in der Einheit oder
Einfachheit umschließt und vorstellt, ist kein anderer, als den man
gewöhnlich Vorstellung schlechtweg (_perception_, _perceptio_) nennt,
und welcher, wie später klar werden wird, von der bewußten Vorstellung
(_apperception_, _apperceptio_) unterschieden werden muß. Die
Cartesianer haben hier arg geirrt, indem sie alle unbewußten
Vorstellungen für ein Nichts erachteten. Dieser Irrthum machte sie dann
glauben, die Geister allein seien wahre Monaden, die Thiere aber hätten
keine Seelen, oder wenn man es so nennen will, Entelechieen. Deshalb
verwechselten sie auch, wie das gemeine Volk, eine bloße lange Betäubung
mit dem Tode im strengsten Sinn des Worts, und verfielen zugleich in das
scholastische Vorurtheil von dem Vorhandensein gänzlich isolirter
Seelen, was manches geängstigte Gemüth im Glauben an die Sterblichkeit
der Seelen noch bestärkte.
15.
Jene Thätigkeit des innerlichen Princips, welche die Veränderung oder
den Uebergang von einer Vorstellung zur andern bewirkt, kann Begehren
(_appetition_) heißen. Es ist zwar wahr, daß das Begehren nicht immer
zum Besitze der ganzen Vorstellung gelangt, auf welche es hinzielt, aber
es erreicht doch immer etwas und kommt zu neuen Vorstellungen.
16.
Wir selbst machen die Erfahrung des Vorhandenseins einer Vielheit in der
einfachen Substanz, sobald wir an uns wahrnehmen, daß auch der kleinste
Gedanke, dessen wir uns bewußt werden, noch eine Mannigfaltigkeit in
seinem Objecte enthalte. Wer immer daher nur die Einfachheit der
Substanz zugesteht, kann nicht umhin, auch die Vielheit in der Monas
anzunehmen und =Bayle= hätte hierin keine so bedeutenden Schwierigkeiten
suchen sollen, wie er es in seinem Wörterbuche (Art. =Rorarius=) gethan
hat(5).
(5) Ueber diese Einwürfe =Bayle='s vgl. die Abhandlung am Schlusse.
Dieser =Rorarius=, geb. zu Pordenone in Friaul um das Ende des 15ten
Jahrhunderts, war Nuntius des Papstes =Clemens= VII. am Hofe König
Ferdinand's von Ungarn. Einst äußerte Jemand in seinem Beisein,
Carl V., der damals zur Zeit des schmalkaldischen Kriegs auf dem
Gipfel seiner Macht stand, komme an großartigen Eigenschaften weder
den Ottonen noch Friedrich Barbarossa gleich. Mehr bedurfte es nicht,
um den =Rorarius= zu einem Buche zu veranlassen, worin er mit großem
Aufwand von Gelehrsamkeit zu beweisen suchte, die Thiere seien
vernünftiger als die Menschen und eine Menge Tatsachen aufhäufte, die
den Kunstfleiß der Thiere und die Bosheit des Menschen darthun sollen,
das aber, wie =Bayle= meint, gar nicht übel geschrieben gewesen sein
soll.
17.
Andererseits muß man gestehen, daß die Vorstellungen, und Alles, was von
ihnen abhängt, aus mechanischen Gründen, dergleichen körperliche
Gestalten und Bewegungen sind, unmöglich erklärt werden können. Man
stelle sich eine Maschine vor, deren Structur so eingerichtet sei, daß
sie zu denken, zu fühlen und überhaupt vorzustellen vermöge und lasse
sie unter Beibehaltung derselben Verhältnisse so anwachsen, daß man
hinein, wie in das Gebäude einer Mühle eintreten kann. Dies
vorausgesetzt, wird man bei Besichtigung des Innern nichts Anderes
finden, als etliche Triebwerke, deren eins das andere bewegt, aber gar
nichts, was hinreichen würde, den Grund irgend einer Vorstellung
abzugeben. Die letztere gehört ausschließlich der einfachen Substanz an,
nicht der zusammengesetzten, und dort, nicht hier, muß man sie suchen.
Auch sind Vorstellungen und ihre Veränderungen zugleich das Einzige, was
man in der einfachen Substanz antrifft.
18.
Den Namen der Entelechieen könnte man allen einfachen Substanzen
beilegen, denn alle tragen in sich einen gewissen Grad von Vollkommenheit
(ἔχουσι τὸ ἐντελές) und ihr vollkommenes Sichselbstgenügen (αὐτάρκεια,
_suffisance_) macht sie zu Urhebern ihrer eigenen innern Thätigkeiten,
so zu sagen zu unkörperlichen Automaten.
19.
Kommen wir überein, Seelen alles dasjenige zu nennen, dem in
obenerklärtem Sinne die Fähigkeit des Vorstellens und Begehrens zukommt,
so sind alle einfachen Substanzen oder geschaffenen Monaden Seelen.
Allein da Empfindung schon etwas mehr ist, als eine bloße Perception
schlechtweg, so bin ich der Meinung, für diejenigen einfachen
Substanzen, welchen nur die letztere zukommt, reiche der Name: Monade
oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_âme_) solle für
diejenigen vorbehalten werden, deren Vorstellungen deutlicher und vom
Erinnerungsvermögen begleitet sind.
20.
Denn an uns selbst lernen wir durch die Erfahrung Zustände kennen, in
welchen uns weder eine gehörige Erinnerung, noch irgend eine deutliche
Vorstellung zu Gebot steht. Dergleichen sind Schwäche, Ohnmacht, oder
ein tiefer traumloser Schlaf, der uns gefangen hält. In diesen und
ähnlichen Lagen unterscheidet sich die Seele nicht merklich von einer
bloßen Monade, und steht nur insofern höher denn diese, als jene
Zustände bei ihr von keiner Dauer sind, sondern sie sich durch eigene
Kraft aus denselben emporzuraffen vermag.
21.
Hieraus folgt indeß ganz und gar nicht, daß die einfache Substanz,
selbst so lange sie in diesen Zuständen befangen ist, jemals ohne
Vorstellungen sei. Sie kann es nicht sein, schon aus den früher
angegebenen Gründen nicht; denn sie kann weder zu Grunde gehen noch
fortbestehen, ohne daß sie dadurch irgendwie afficirt würde, und eben
diese Affection ist schon eine Vorstellung in ihr. Ist nun eine große
Anzahl dergleichen, wenn auch nur schwacher und unbedeutender
Vorstellungen zugleich vorhanden und befindet sich unter ihnen keine
deutlich bestimmte, so verliert man (wie man zu sagen pflegt) den Kopf,
gerade so, als hätte man sich mehrmahl nach einander und beständig nach
derselben Seite hin im Kreise gedreht, wo uns dann der Schwindel
ergreift, und die Sinne so vergehen, daß wir nichts deutlich
unterscheiden. In einen Zustand dieser Art versetzt die thierischen
Organismen für eine gewisse Zeit der Tod.
22.
Weil ferner jeder gegenwärtige Zustand einer einfachen Substanz
nothwendigerweise eine Folge ihrer sämmtlichen vorhergehenden Zustände
und die Gegenwart daher (so zu sagen) die schwangere Mutter der Zukunft
ist:
23.
so ist es offenbar, daß die Seele, die, sobald sie einmal aus der
Betäubung wieder erwacht, sogleich Vorstellungen in sich selbst als
daseiend wahrnimmt, ihrer auch schon vor diesem Wiedererwachen, obgleich
unbewußt, gehabt haben muß. Denn eine Vorstellung kann auf natürlichem
Wege nicht anders entstehen, als wieder durch eine Vorstellung, so wie
eine Bewegung nicht anders als durch eine andere vorangehende Bewegung
dem Gange der Natur gemäß erzeugt werden kann.
24.
Hätten wir also nicht Vorstellungen von einem höheren Grade der
Deutlichkeit, die gleichsam über die gewöhnlichen Perceptionen
hervorragen, so würden wir uns ununterbrochen in einem Zustande der
Betäubung befinden. Ein solcher ist aber der Zustand der gemeinen Monade
fortwährend.
25.
Den Thieren dagegen hat die Natur schon höhere Vorstellungen verliehen,
wie wir wenigstens aus der Sorgfalt schließen dürfen, mit der sie ihnen
Organe zugetheilt hat, die dazu geeignet sind, theils reichlichere
Lichtstrahlen, theils zahlreichere Luftschwingungen aufzunehmen, um
durch diese Vereinigung größere Wirkungen hervorzubringen. Aehnlich
verhält es sich mit ihrem Geruchs- und Geschmackssinne, mit ihrer
Anhänglichkeit und vielleicht noch einer Menge anderer Sinne, die uns
alle unbekannt sind. Wie aber die Vorgänge in der Seele jene in den
Organen abbilden, werde ich sogleich auseinander setzen.
26.
Das Gedächtniß bringt die Seelenthätigkeiten in eine Art regelmäßiger
Aufeinanderfolge, die der Vernunft sehr ähnlich sieht, aber von ihr
unterschieden werden muß. So sehen wir, daß Thiere, sobald sie eine
Vorstellung von Etwas haben, das ihnen auffällt, und wovon sie schon
einmal eine ähnliche gehabt haben, auf dasjenige, was damals mit der
ähnlichen Vorstellung verknüpft war, aufmerksam und auf diese Weise zu
ähnlichen Empfindungen fortgeleitet werden, wie sie damals hatten. Zeigt
man z. B. dem Hunde den Stock, so entsinnt er sich der Schmerzen, die er
ihm einst verursachte, heult und läuft davon.
27.
Die heftige Einbildung, die ihm hier Schrecken einjagt und ihn
aufscheucht, kommt entweder von der Stärke oder der Menge der
vorhergehenden Vorstellungen. Oft bringt ein einziger starker und
lebhafter Eindruck auf einmal die Wirkung einer langgehegten Gewohnheit
oder vieler mit geringer Kraft, aber oft wiederholter Vorstellungen
hervor.
28.
So lange nun die Aufeinanderfolge der Vorstellungen vom Gedächtnisse
allein abhängt, handeln die Menschen wie die Thiere, ähnlich den roh
empiristischen Aerzten, die ohne Theorie bloße Routine besitzen. In drei
Viertheilen unserer Handlungen sind wir reine Erfahrungsmenschen.
Behaupten wir z. B. es werde morgen wieder ein Tag sein, so urtheilen
wir der Erfahrung nach, weil dies bisher immer so der Fall gewesen. Nur
der Astronom fällt dieses Urtheil mit Bewußtsein der vernünftigen
Gründe.
29.
Was uns von dem gewöhnlichen Thiere unterscheidet, ist allein die
Erkenntniß der wirklich nothwendigen und ewigen Wahrheiten. Diese gibt
uns Vernunft und Wissen, denn sie erhebt uns zur Erkenntniß Gottes und
unser selbst. Diese allein auch nennen wir die vernünftige Seele in uns
oder den Geist (_esprit_).
30.
Mittels der Erkenntniß der nothwendigen Wahrheiten und ihrer
Abstractionen erheben wir uns endlich zu den Acten des reflectirenden
Denkens, zum Gedanken des Ichs und zu der Betrachtung unseres Innern.
Auf dem Wege des Nachdenkens über uns selbst gelangen wir dann zum
Begriffe des Wesens, der Substanz, des Stofflosen (_immatériel_) und
endlich Gottes selbst, indem wir einsehen lernen, daß was in uns
beschränkt vorhanden ist, in ihm ohne Grenzen sei. Und dieses Denken
verschafft uns die Hauptgegenstände unsrer weiteren Untersuchungen.
31.
Unsere Schlüsse stützen sich auf zwei Hauptgrundsätze: jenen des
Widerspruchs (_principe de la contradiction_), kraft dessen wir
dasjenige für falsch erklären, was einen Widerspruch enthält, und
dasjenige für wahr halten, was dem Falschen entgegengesetzt oder
widersprechend ist;
32.
und auf jenen des zureichenden Grundes (_principe de la raison
suffisante_), kraft dessen wir schließen, daß keine Thatsache wahr oder
wirklich, kein Satz wahrhaft sein könne, ohne daß ein hinreichender
Grund vorhanden ist, warum es sich so und nicht anders verhalte,
obgleich diese Gründe sehr häufig uns weder sämmtlich bekannt sind, noch
es jemals werden.
33.
So gibt es auch zwei Classen von Wahrheiten, jene der Vernunft- und jene
der Erfahrungswahrheiten (_verités de fait_). Die Vernunftwahrheiten
sind nothwendig und ihr Gegentheil ist unmöglich, die Erfahrungswahrheiten
zufällig und ihr Gegentheil möglich. Sobald eine Wahrheit
nothwendig ist, lassen sich durch Analyse ihre Gründe auffinden,
indem man sie in Begriffe (_idées_) und einfachere Wahrheiten
auflöst, bis man zu den Grund- oder primitiven Wahrheiten gelangt(6).
(6) Die Stelle: »_Il-y-a aussi deux sortes des verités, celles de
raisonnement et celles de fait. Les verités de raisonnement sont
nécessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont
contingentes et leur opposé est possible_« fehlt in den lateinischen
Ausgaben.
34.
Auf ähnliche Weise führen die Mathematiker ihre speculativen Theorien
und praktischen Canones auf Definitionen, Axiome und Forderungen
(_demandes_) zurück.
35.
Endlich gibt es hier auch einfache Begriffe, von denen keine Definition
möglich ist, ferner unbeweisbare Lehrsätze und Forderungen, mit Einem
Wort, erste Grundsätze, bei denen ein Beweis weder möglich noch
nothwendig ist, und dies sind die identischen Sätze, deren Gegentheil
einen ausdrücklichen Widerspruch enthält(7).
(7) Die Stelle: »_dont l'opposé contient une contradiction expresse_,«
fehlt in den lateinischen Ausgaben.
36.
Ein solcher zureichender Grund muß sich aber auch bei den zufälligen
oder Erfahrungswahrheiten aufzeigen lassen, d. i. in der
Aufeinanderfolge der Dinge, die durch die geschaffene Welt ausgebreitet
liegen. Wo nicht, so könnte die Auflösung in Theilgründe wegen der
unendlichen Mannigfaltigkeit der Naturdinge und der unendlichen
Theilbarkeit der Körper sich in grenzenlose Einzelnheiten verlieren. So
gibt es eine Unzahl von Dingen und Bewegungen, die zusammengenommen die
bewirkende Ursache meines gegenwärtigen Schreibens ausmachen, und ebenso
eine unendliche Menge gegenwärtiger und vergangener Neigungen und
Stimmungen meines Geistes, die alle zur Endursache desselben beitragen.
37.
Weil aber jede dieser Einzelursachen nur wieder weiter auf neue, noch
mehr in's Einzelne gehende zufällige Ursachen führt, deren jede, um
abermals begründet zu werden, einer ähnlichen Analyse bedarf: so kommt
man damit allein nicht vorwärts, und der wahre zureichende Grund muß
außerhalb der Reihe (_series_) der zufälligen Einzelursachen, die sich
bis in's Unendliche fortsetzen kann, gelegen sein.
38.
Der letzte Grund der Dinge muß sich daher in einer nothwendigen Substanz
vorfinden, in welcher sämmtliche Veränderungen formaliter
(_éminemment_), als in ihrem Urquell, ihren Grund haben, und diese ist
es, welche wir Gott nennen.
39.
Weil nun diese Substanz der zureichende Grund des Ganzen und dieses in
allen seinen Theilen auf das Engste verbunden ist, so gibt es nicht mehr
als Einen Gott, und dieser genügt.
40.
Ferner kann man schließen, daß diese letzte Substanz, einzig,
allumfassend und nothwendig, wie sie ist, da sie nichts außer sich hat,
das von ihr unabhängig wäre, und selbst nichts ist, als schlechthin die
Folge der Möglichkeit ihres eigenen Wesens, auch keiner Grenzen fähig
sein darf, und alle nur mögliche Realität besitzen muß.
41.
Hieraus folgt, daß Gott absolut vollkommen ist. Denn die Vollkommenheit
ist nichts Anderes, als die Größe aller positiven Realität, absolut
genommen, mit Beiseitesetzung aller Grenzen und Schranken der Dinge in
der Welt. Und nur dort, wo es keine Schranken gibt, also bei Gott, ist
die Vollkommenheit absolut unendlich(8).
(8) Die Stelle: »_la perfection est absolument infinie_,« fehlt in den
lateinischen Ausgaben.
42.
Ferner folgt daraus, daß die Geschöpfe ihre relative Vollkommenheit
durch den Einfluß Gottes besitzen, ihre Unvollkommenheiten dagegen durch
Schuld ihrer eigenen Natur, die sich der Schranken nicht zu entäußern
vermag. Darin beruht ihr Unterschied von der Gottheit.
43.
Es ist ferner wahr, daß Gott die Quelle ist nicht allein des Seins
(_existence_), sondern auch des Wesens (_essence_), so weit es wirklich
(_réel_) ist; also dessen, was wirklich ist in der Möglichkeit (_réel
dans la possibilité_). Denn der göttliche Verstand ist das Reich der
ewigen Wahrheiten oder der Begriffe, von welchen diese beherrscht
werden, so daß es ohne ihn nichts Reelles in der Möglichkeit, und nicht
nur nichts Existirendes, sondern sogar nichts Mögliches gibt.
44.
Dabei versteht sich, daß, wenn es eine Realität gibt, in dem Wesen der
Dinge oder in ihren Möglichkeiten, oder selbst in den ewigen Wahrheiten:
diese Realität sich stützen muß auf etwas Existentes und Actuelles,
folglich auf die Existenz des nothwendigen Wesens, in welchem die Essenz
die Existenz einschließt, und für welches es hinreicht, möglich, um auch
schon wirklich zu sein.
45.
Gott allein also (das nothwendige Wesen) hat das Privilegium mit
Nothwendigkeit zu existiren, sobald er nur möglich ist. Und weil Niemand
die Möglichkeit dessen läugnen wird, was weder von Schranken
umschlossen, noch durch irgend eine Negation oder einen Widerspruch
gestört wird, so reiche das Gesagte hin, Gottes Dasein _a priori_ zu
erkennen. Wir haben dasselbe auch aus der Existenz der nothwendigen
Wahrheiten bewiesen. Kurz zuvor aber auch _a posteriori_ aus dem Dasein
zufälliger Dinge, die ihren letzten oder zureichenden Grund nur in jenem
nothwendigen Wesen haben können, das den Grund seiner Existenz in sich
selbst trägt.
46.
Dabei braucht man aber gar nicht, wie Einige gethan, sich einzubilden,
die ewigen Wahrheiten seien, weil abhängig von Gott, auch willkürlich
und seinem Belieben anheimgestellt, wie =Descartes= und nach ihm
=Poiret=(9) geglaubt zu haben scheinen. Dies gilt nur von den zufälligen
(_contingentes_) Wahrheiten, deren Princip die Zuträglichkeit
(_convenance_) oder die Wahl des Besten ist, während die nothwendigen
Wahrheiten einzig von seinem Verstande, dessen innere Objecte sie
ausmachen, abhängen(10).
(9) Peter =Poiret=, geb. 1646 zu Metz, gehörte anfangs zu den
lebhaftesten Anhängern des =Cartesius=. Grund zu seiner Berühmtheit
legte er durch sein Werk: _Cogitationes rationales de anima et malo_,
Amsterdam 1685. Darin bewies er unter Anderem, daß eine Seele nie ohne
Körper sein könne, sondern jedesmal bei'm Austreten aus demselben
dasjenige Organ, mit welchem sie am innigsten und nächsten verknüpft
gewesen, ihr unmittelbares Seelenorgan, mit sich nehme. Von diesem
Satze machte er später mancherlei Anwendung, um die Transfiguration
u. A. auf natürliche Weise zu erklären. Zuletzt ward er ein eifriger
Vertheidiger der mystischen Schwärmerin Antoinette =Bourguignon=, und
suchte mit Hilfe jenes Satzes ihre Visionen zu vertheidigen. Deshalb
vielfach verfolgt und angegriffen, starb er endlich nach öfterem
Aufenthaltswechsel als Expfarrer zu Reimsberg bei Leyden 1719. =Bayle=
behandelt ihn als einen gelehrten, aber exaltirten Schwärmer, wie er
diesem scharfen Verstandesmenschen auch nicht anders erscheinen
konnte. Auch ist es Schade, daß er den wahren und folgenreichen
Gedanken, daß eine Seele, um zu wirken, eines Organs, und zwar eines
solchen, auf welches sie unmittelbar wirkt, bedürfe, eines solchen
daher zu keiner Zeit entbehren könne, durch seine Theilnahme an
mystischen Abenteuerlichkeiten verdächtigte und sich dadurch auch dort
um das Vertrauen brachte, wo er die Wahrheit sprach.
(10) Die Stelle: »_Dont le principe est la convenance ou le choix du
Meilleur_« fehlt in den lateinischen Ausgaben.
47.
So ist Gott allein die ursprüngliche Einheit oder die =einfache
ursprüngliche= Substanz, deren Productionen alle abgeleiteten oder
geschaffenen Monaden sind, welche, wenn man sich dieses Bildes bedienen
darf, von Moment zu Moment durch beständige Ausstrahlungen
(_fulgurations_) der Gottheit entstehen, welche in ihrer Thätigkeit nur
durch die wesentlich begrenzte Empfänglichkeit der Creatur beschränkt
wird.
48.
In Gott ist die Macht, die Quelle von Allem, was ist, die Erkenntniß,
die den ganzen Umfang der Begriffe umfaßt, und endlich der Wille, der
nach dem Princip der Wahl des Besten Veränderungen bewirkt und Neues
schafft. Diese Eigenschaften entsprechen in Gott demjenigen, was in den
Monaden das Subject oder die Grundlagen ausmacht, dem Vorstellungs- und
Begehrungsvermögen. In Gott aber sind sie absolut, unendlich oder
vollkommen, während sie in den Entelechieen oder geschaffenen Monaden
(nach _Hermolaus Barbarus_ Uebersetzung: _perfectihabiis_) bloße
Nachbildungen der Seinigen nach Maßgabe der jeweiligen Vollkommenheit
der Monade sind.
49.
Das Geschöpf soll nach außen so viel thätig sein, als es Vollkommenheit
besitzt, und von Anderen in gleichem Maaße leiden, als es unvollkommen
ist. Man legt daher der Monade Thätigkeit (_action_) in dem Verhältnisse
bei, als sie deutliche Vorstellungen hat, und Schwäche (_passion_) im
Verhältniß, je nachdem diese verworren sind.
50.
Ein Geschöpf ist vollkommener als ein Anderes, sobald man an ihm etwas
findet, was den vollständigen reinapriorischen Grund dessen abgeben
kann, was an einem Anderen geschieht und deshalb sagt man, es wirke auf
dies Andere.
51.
Aber unter den einfachen Substanzen herrscht nur ein idealer Einfluß
einer Monade auf die andere, und dieser gelangt zu seiner Wirksamkeit
nicht anders, als durch die Dazwischenkunft Gottes selbst, indem in
seinem Gedankenkreise jede Monade mit Recht verlangen kann, daß er bei
Anordnung und Regelung der übrigen von Anbeginn der Dinge her auch auf
sie Rücksicht nehme. Denn da keine geschaffene Monade einen physischen
Einfluß auf das Innere einer anderen nehmen kann, so bleibt dies als das
einzige Mittel übrig, um die eine in der Abhängigkeit von der andern zu
erhalten.
52.
Daher sind auch zwischen den geschaffenen Substanzen Thätigsein und
Leiden wechselseitig. Denn Gott findet, sobald er zwei einfache
Substanzen vergleicht, in jeder derselben Gründe, die ihn bestimmen, die
eine derselben der anderen anzupassen, woraus folgt, daß diejenige, die
uns von einem Gesichtspunkte aus als thätig erschien, uns von einem
anderen aus als leidend erscheinen kann; und zwar thätig, insofern
dasjenige, was man an ihr deutlich zu erkennen im Stande ist, dazu
dient, den Grund dessen abzugeben, was an der anderen vorgeht; leidend
aber, insofern der Grund dessen, was so eben in ihr geschieht, in
demjenigen anzutreffen ist, was so eben an der andern Monade mit
Deutlichkeit unterschieden werden kann.
53.
Da es aber unter Gottes Vorstellungen eine unendliche Menge möglicher
Welten gibt, und doch nur eine einzige davon zur Wirklichkeit gelangen
kann, so muß es zu Gottes Wahl einen zureichenden Grund geben, der ihn
zu der einen mehr als zu der andern bestimmte.
54.
Dieser Grund konnte sich nur in der Zuträglichkeit vorfinden, in den
Stufen der Vollkommenheit, welche diese Welten besaßen, weil jede im
geraden Verhältnisse ihrer größeren oder geringeren Vollkommenheit (mehr
oder weniger) das Recht hat, eine ihr angemessene Existenz zu begehren.
55.
Dies ist die Ursache des Daseins der besten Welt, welche Gott vermöge
seiner Weisheit erkannte, vermöge seiner Güte wählte, und kraft seiner
Macht erschuf.
56.
Diese innige Verknüpfung (_liaison_) oder die (vollkommene)
Uebereinstimmung aller geschaffenen Dinge mit jedem einzelnen und jedes
einzelnen mit allen übrigen macht, daß jede einfache Substanz
Beziehungen (_rapports_) an sich trägt, die ein Abdruck aller Uebrigen
(einfachen Substanzen) sind, und folglich jede einzelne gleichsam als
ein lebender immerwährender Spiegel des gesammten Universums erscheint.
57.
Und wie eine und dieselbe Stadt, von verschiedenen Seiten angesehen,
immer als eine andere, und gleichsam vervielfältigt erscheint, so kann
es geschehen, daß wegen der unendlichen Menge einfacher Substanzen es
eben so viele verschiedene Welten zu geben scheint, die, genauer
besehen, nichts Anderes sind, als die verschiedenen Ansichten der
einzigen von den verschiedenen Standpunkten der einzelnen Monaden
angesehenen Welt.
58.
Hierin aber liegt das Mittel, die größtmögliche Mannigfaltigkeit und
doch in der größtmöglichen Ordnung zu erhalten, oder, was dasselbe ist,
der Weg, die größtmögliche Vollkommenheit herzustellen.
59.
Auch ist es nur diese Annahme allein -- ich wage es, sie für bewiesen zu
halten(11), -- die das Ansehen der Größe Gottes, so wie es sich gebührt,
wieder herzustellen vermag. Dies gesteht selbst =Bayle= und bemerkt zu
seinen Einwürfen (_Dict. hist. crit. art. Rorarius_(12)) blos, ich weise
Gott zu viel, und mehr als zu leisten möglich, zu. Aber er vermag nicht
einen Grund beizubringen, warum diese allgemeine Uebereinstimmung
(_harmonie universelle_), welche macht, daß jede Substanz mittels ihrer
allseitigen Beziehungen ein Bild aller übrigen liefere, unmöglich sein
sollte.
(11) Die Stelle: »_Que j'ose dire demontrée_,« fehlt in den latein.
Ausgaben.
(12) Vgl. die Abhandlung am Schlusse.
60.
Man sieht übrigens aus dem Gesagten die Gründe ein, warum der Lauf der
Dinge gerade der und kein anderer sein kann, der er ist. Gott hat bei
Anordnung des Ganzen ein Auge auf jeden Theil desselben, auf jede Monas
insbesondere, deren einmal vorstellende Natur durch Nichts genöthigt
werden kann, gerade nur eine bestimmte Partie der Dinge außer sich
vorzustellen. Nichtsdestoweniger ist es klar, daß diese
Gesammtvorstellung des ganzen Weltalls im Einzelnen nicht anders als
verworren ausfallen und nur ein kleiner Theil der Dinge deutlich
vorgestellt werden kann, nämlich derjenige, den jene Dinge ausmachen,
welche jeder Monade die nächsten, oder im Vergleiche mit ihr die größten
sind; sonst müßte jede Monade Gott sein. Die Beschränktheit der Monade
liegt nicht in der Zahl der Gegenstände, welche sie vorstellt, sondern
in der besonderen Beschaffenheit ihrer Kenntniß von denselben. Alle
Monaden gehen auf die Erkenntniß des Unendlichen, des Ganzen aus, aber
sie sind beschränkt und unterschieden von demselben durch die
Deutlichkeitsgrade ihrer Vorstellungen.
61.
Hierin kommen zusammengesetzte und einfache Substanzen überein. Denn
weil der ganze Raum erfüllt, daher alle Materie dicht ist, ferner im
erfüllten Raume jede Bewegung auf entfernte Körper eine dieser
Entfernung proportionirte Wirkung ausübt, so daß jeder Körper nicht nur
von jenem Körper afficirt wird, der auf ihn wirkt, und gewissermaßen
Alles mitempfindet, was diesem zustößt, sondern durch dessen Vermittlung
auch an den Zuständen jener Körper theilnimmt, die mit dem ersten, von
welchem er unmittelbar berührt wird, in Verbindung gerathen: so folgt,
daß diese Mittheilung auf was immer für eine Entfernung hinaus sich
fortpflanzen könne. Mithin empfindet jeder Körper Alles mit, was im
ganzen Universum geschieht, und der Allsehende liest gleichsam in jeder
einzelnen Monade, was in allen Uebrigen geschieht, geschah und geschehen
wird. So nimmt er in der Gegenwart Dinge wahr, die der Zeit und dem Orte
nach entlegen sind; ihm sind, wie =Hippokrates= sagte: σύμπνοια πάντα.
Aber in sich selbst kann eine Seele nichts Anderes lesen, als was sie
deutlich vorstellt. Daher kann sie auch nicht mit Einemmale alle ihre
Bilder enthüllen, denn diese gehen in's Unendliche.
62.
Obgleich also jede geschaffene Monade das Universum vorstellt, hat sie
doch eine deutlichere Vorstellung nur von dem Körper, der ihr selbst als
Individuum angehört, und dessen Entelechie sie ist. Weil aber dieser
Körper durch seinen Zusammenhang mit der den Raum erfüllenden Materie
auch mit dem ganzen Universum in Verbindung steht, so stellt die Seele,
indem sie ihren eigenen Körper vorstellt, das Universum selbst vor.
63.
Der Körper einer Monade, dessen Entelechie oder Seele sie ist, macht mit
dieser Entelechie dasjenige aus, was man ein lebendes Wesen (_vivant_)
nennen kann, mit einer Seele verbunden jedoch dasjenige, was wir ein
Thier (_animal_) nennen wollen. Der Körper eines Lebendigen sowohl als
der eines Thieres ist immer organisch, denn jede Monade ist in ihrer Art
ein Spiegel des Universums; und weil dieses selbst nach einer
vollkommenen Ordnung eingerichtet ist, so folgt, daß auch in den auf
dasselbe bezüglichen Vorstellungen der Seele, folglich auch im Körper,
als dem Mittel, mit Hilfe dessen die Seele das Universum sich vorstellt,
eine solche herrschen müsse.
64.
Jeder derartige organische Körper eines lebenden Wesens ist eine Art
göttlicher Maschine, ein natürlicher Automat, der alle künstliche
Automaten unendliche Mal übertrifft. Denn eine Maschine von Menschenhand
hört in ihren kleinsten Theilen schon auf, Maschine zu sein, und der
Zahn eines messingenen Rades z. B. hat Theile und Bestandstücke, die für
uns nichts Kunstreiches mehr sind und nichts an sich tragen, was noch in
Bezug zu dem Nutzen der Maschine stünde, zu welcher das Rad gehört. Die
Maschinen der Natur dagegen, die lebenden Körper, sind noch bis in ihre
kleinsten Theile, ja bis in's Unendliche herab Maschinen. Dies macht den
Unterschied aus zwischen Natur und Kunst d. i. zwischen der göttlichen
Kunst und der unseren.
65.
Der Urheber der Natur konnte dies göttliche und unendlich vollkommene
Werk vollenden, weil jeder Theil der Materie nicht nur, wie schon die
Alten erkannten, in's Unendliche theilbar, sondern auch wirklich ohne
Ende in Theile und Theile der Theile untergetheilt ist, deren jeder
eigene Bewegung hat. Sonst wäre es unmöglich, daß jeder Theil der
Materie das ganze Universum darstellte.
66.
Hieraus sieht man nun, daß es noch in den kleinsten Theilen der Materie
eine Welt von Geschöpfen, Entelechieen und Seelen gibt.
67.
Jeder Theil der Materie kann angesehen werden als ein Garten voll
Pflanzen oder ein Teich voll Fische. Aber jeder Zweig der Pflanze, jedes
Glied des Thieres, jeder Tropfen seiner Säfte ist noch ein solcher
Garten und ein solcher Teich.
68.
Und obgleich Erde und Luft, die sich zwischen den Pflanzen eben so wie
das Wasser zwischen den Fischen befinden, selbst weder Pflanze noch
Fisch sind, enthalten sie deren doch in sich, aber meist von einer für
unsere Organe nicht mehr wahrnehmbaren Feinheit.
69.
Also gibt es nichts Unangebautes, nichts Unfruchtbares, nichts Todtes im
Universum, kein Chaos, keine Verwirrung, außer im äußeren Scheine; fast
wie uns aus der Entfernung gesehen das Treiben in einem Teiche
erscheinen würde, worin wir eine verwirrte wimmelnde Bewegung der Fische
wahrnehmen, ohne diese selbst zu unterscheiden.
70.
Hieraus wird ferner offenbar, daß jeder lebende Körper eine herrschende
Entelechie hat, die im Thiere zur Seele wird; aber die Glieder jedes
lebenden Wesens sind voll von anderen lebenden Wesen, Pflanzen und
Thieren, deren jedes wieder seine eigene herrschende Entelechie, seine
eigene Seele hat.
71.
Keineswegs aber darf man sich mit Einigen, die meine Ideen mißverstanden
haben, vorstellen, daß jede Seele ihre eigene Masse, ihre besondere
Portion Materie besitze, und an diese für immer gebunden sei, daß ihr
also gewisse untergeordnete Wesen unterworfen und zu ihrem
immerwährenden Dienste bestimmt seien. Denn all diese Körper sind wie
Bäche in fortwährendem Flusse begriffen, und beständig gehen Theile
derselben ein und aus.
72.
Also vertauscht die Seele den Körper nur Theil um Theil und stufenweise,
so zwar, daß sie niemals auf einmal von allen ihren Organen sich
entblößt, und es zwar häufig Metamorphosen im thierischen Leben gibt,
aber niemals Metempsychosen oder Seelenwanderungen. Gänzlich isolirte
Seelen gibt es eben so wenig, als körperlose Geister (_génies_); Gott
ist von einem Körper völlig frei(13).
(13) Die Stelle: »_Dieu en est détaché entièrement_« fehlt in den
latein. Ausgaben.
73.
Eben deshalb gibt es auch eben so wenig eine Erzeugung, die von Grund
aus neu wäre, als es einen völligen Tod in strengem Sinne des Worts
gibt, in welchem er eine völlige Trennung der Seele von (jedem) Körper
bedeutet. Was wir Geburt (_génération_) nennen, ist Enthüllung und
Zunahme, so wie der sogenannte Tod blos Verhüllung und Abnahme ist.
74.
Die Philosophen waren einst sehr verlegen um den Ursprung der
substantiellen Formen, der Entelechieen und der Seelen. Seit es sich
jedoch heutzutage durch genaue Untersuchungen an Pflanzen, Insecten und
anderen Thieren gezeigt hat, daß organische Körper in der Natur niemals
durch einen Fäulniß- oder anderen chaotischen Proceß erst erzeugt
werden, sondern immer aus Samen, in welchem es ohne Zweifel schon eine
Vorbildung (_préformation_) derselben gab, so schloß man, daß nicht nur
der organische Körper vor der Empfängniß, sondern sogar eine Seele in
ihm, mit einem Wort das ganze Thier selbst schon da sei, und daß mittels
der Empfängniß dieses Thierchen nur fähig gemacht werde, durch eine mit
ihm vorgehende bedeutende Umwandlung ein Thier einer anderen Gattung zu
werden. Schon außerhalb des Zeugungsprocesses erblickt man etwas
Aehnliches, wenn man Würmer sich in Fliegen, Raupen in Schmetterlinge
verwandeln sieht.
75.
Diese Thierchen, deren einige durch die Empfängniß auf die Stufe der
höchsten Thiergattungen erhoben werden, kann man Samenthierchen
(_spermatiques_) nennen. Jene unter ihnen, die in ihrer Gattung
verbleiben -- der bei weitem größere Theil(14) -- vermehren sich und
gehen unter wie die großen Thiere, und es ist nur eine kleine Zahl von
Auserwählten, die auf eine höhere Lebensbühne übertreten.
(14) _c'est-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben.
76.
Aber dies wäre nur die halbe Wahrheit; schon oben behauptete ich, wenn
ein Thier auf natürlichem Wege keinen Anfang nimmt, so könne es auch auf
einem solchen nicht enden; es gebe daher auf Erden weder eine wahre
Geburt, noch eine gänzliche Vernichtung oder eigentlichen Tod. Die
Schlüsse, die wir jetzt eben aus Erfahrung abgeleitet und _a posteriori_
gemacht haben, stimmen vollkommen mit den früher _a priori_ entwickelten
Principien überein.
77.
Es ist also jetzt zu sagen erlaubt, nicht nur, daß die Seele als Abbild
eines unzerstörbaren Weltalls, sondern daß auch ein jedes Thier
unzerstörbar sein müsse, obgleich seine Maschine oft theilweise zu
Grunde geht und es seine organische Hülle bald anzieht, bald ablegt.
78.
Diese Grundsätze geben uns nun auch ein Mittel an die Hand, auf sehr
natürliche Weise die Einheit, oder besser, die Uebereinstimmung der
Seele und des organischen Körpers zu erklären. Die Seele folgt ihren
eigenen Gesetzen, der Körper den seinigen, und beide treffen kraft der
zwischen den Substanzen vorherbestimmten Harmonie (_harmonie
preétablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums
sind.
79.
Die Seelen handeln nach den Gesetzen der Endursachen mittels Begehren,
Zwecken und Mitteln. Die Körper handeln nach den Gesetzen der wirkenden
Ursachen, oder der Bewegung. Und diese zwei Reiche, jenes der
Endursachen und dieses der wirkenden Ursachen, sind untereinander
harmonirend.
80.
=Descartes= erkannte, daß die Seelen den Körpern keine Kraft mittheilen
könnten, aus dem Grunde, weil sich in der Materie immer dasselbe Quantum
von Kraft vorfindet. Doch glaubte er, es vermöge die Seele die Richtung
der Körper abzuändern. Zu seiner Zeit wußte man noch nichts von dem
Naturgesetze, welches die Beibehaltung derselben Totalrichtung schon in
die Materie hineinlegt. Hätte er dieses gekannt, so wäre er ohne Zweifel
auf das System der prästabilirten Harmonie verfallen.
81.
Dieses System bewirkt, daß die Körper handeln, als ob sie, was unmöglich
ist, gar keine Seelen besäßen, und die Seelen handeln, als ob sie keine
Körper hätten, und doch alle beide so handeln, als wirkten die Einen auf
die Anderen.
82.
In Betreff der Geister als der vernünftigen Seelen, meine ich nun zwar,
daß das so eben von Thieren und lebenden Wesen Gesagte auch von ihnen
gelte, nämlich daß Thier und Seele nur mit der Welt zugleich einen
Anfang und ein Ende nehmen können; allein es gilt doch bei den
vernunftfähigen Thieren insbesondere, daß ihre kleinen Samenthierchen,
so lange sie nichts mehr sind, als dies, blos empfindende gewöhnliche
Seelen haben, die erst von dem Augenblicke an, da die unter ihnen
Auserwählten, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, durch eine wirkliche
Empfängniß zur menschlichen Natur gelangen, sich zur Stufe der Vernunft
und zu den Vorrechten des Geistes erheben.
83.
Unter anderen Verschiedenheiten zwischen gewöhnlichen Seelen und
eigentlichen Geistern, davon ich bereits einen Theil aufgezählt habe,
ist auch noch diese, daß die Seelen im Allgemeinen blos lebende Bilder
der geschaffenen Welt, die Geister aber noch überdies Abbilder der
Gottheit selbst als des Urhebers der Natur sind; denn sie sind fähig,
das Universum zu erkennen und in eigenen architektonischen Probestücken
theilweise nachzuahmen, denn ein jeder Geist ist in seinem Kreise eine
kleine Gottheit.
84.
Dies macht auch, daß die Geister in gewisser Art mit Gott in
Gemeinschaft treten können, und daß er in Rücksicht auf sie nicht blos
in dem Verhältniß des Erfinders zu seiner Maschine (wie zu seinen
anderen Geschöpfen), sondern in dem eines Fürsten zu seinen Unterthanen,
oder besser, eines Vaters zu seinen Kindern steht.
85.
Die Gemeinschaft aller dieser Geister macht zusammen die Stadt Gottes
aus, den vollkommensten möglichen Staat unter dem vollkommensten
Monarchen.
86.
Diese Stadt Gottes, diese im wahren Sinne des Worts allumfassende
Monarchie, eine moralische Welt in der natürlichen, das Erhabenste und
Göttlichste der Werke Gottes, ist zugleich dasjenige, worin sein Ruhm
wahrhaft besteht, weil dieser gar nicht vorhanden wäre, wenn seine Güte
und Größe nicht von Geistern erkannt und bewundert würde. In seinem
Verhältnisse zu dieser Stadt Gottes ist es vorzüglich, worin seine Güte
anschaulich wird, während seine Macht und Weisheit sich allenthalben
zeigen.
87.
Wie wir oben eine vollkommene Harmonie zwischen zwei Naturreichen, jenem
der wirkenden und jenem der Endursachen aufgestellt haben, so müssen wir
hier noch eine Harmonie zwischen dem physischen Reiche der Natur und dem
moralischen der Gnade in Betracht ziehen, d. i. die Uebereinstimmung,
die zwischen Gott als Baumeister des mechanischen Weltgebäudes und Gott
als Regenten der göttlichen Stadt betrachtet, herrscht.
88.
Diese Harmonie macht, daß die Dinge auf dem Wege der Natur selbst zu der
Gnade geführt werden, und daß diese Erdkugel z. B. in demselben
Augenblicke auf natürlichem Wege vernichtet und wieder hergestellt
werden würde, in welchem es die Regierung der Geisterwelt zur Züchtigung
der Einen oder zur Belohnung der Anderen verlangen möchte.
89.
Man kann hinzufügen, daß Gott als Weltbaumeister sich selbst als
Gesetzgeber vollkommen befriedige, und daß daher die Sünder ihre Strafe
nach der Ordnung der Natur und nach dem mechanischen Zusammenhange der
Dinge unter einander selbst mit sich tragen müssen, und eben so die
guten Handlungen ihre Belohnungen, so weit sie die Körper angehen, auf
mechanischem Wege nach sich ziehen, obgleich dies weder immer sogleich
geschehen kann, noch auch soll.
90.
Endlich würde es unter dieser vollkommenen Regierung weder eine gute
Handlung ohne Belohnung, noch eine schlechte ohne Strafe geben, und
Alles müßte zuletzt zum Wohle der Guten, d. i. derjenigen ausschlagen,
welche zufrieden sind in diesem großen Staate, welche nach gethaner
Pflicht sich der Vorsehung anheimstellen, welche, wie sich gebührt, den
Urheber alles Guten lieben und nachahmen, und sich an der Betrachtung
seiner Vollkommenheiten mit jener wahren reinen Liebe erfreuen, die uns
ein Vergnügen finden läßt an der Glückseligkeit des geliebten
Gegenstandes. Diese Liebe ist es, die weise und tugendhafte Personen
anspornt, an allem dem mit allem Kraftaufwande zu arbeiten, was dem
vermutheten oder vorangehenden Willen Gottes gemäß scheint. Diese Liebe
ist es, die sie zufrieden sein läßt, was auch Gottes geheimer,
bestimmter und beständiger Wille immer senden mag, weil sie erkennen,
daß wir bei gehöriger Einsicht in die Ordnung des Universums finden
müßten, daß diese alle Wünsche, auch die weisesten, weit übersteigt, und
es unmöglich ist, sie besser zu machen; -- besser zu machen, nicht nur
für das Ganze, sondern für uns selbst insbesondre, wenn wir uns
pflichtgemäß an den Urheber des Alls anschließen, an ihn, nicht nur als
den Baumeister der Welt und Urgrund unseres Daseins, sondern als unsern
Herrn und Endzweck, der das Ziel unseres Wollens bleiben soll und der
einzige Urheber unsrer Glückseligkeit.
Ueber Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen Geschehens.
Eine Abhandlung zur Geschichte des Monadismus.
Unter den Fragen der monadistischen Metaphysik spielt jene, ob in der
wirklichen Welt eine nach außen gehende (transeunte) Wirksamkeit
stattfinde oder nicht, eine der wichtigsten Rollen. Abgesehen von den
seltsamen Hypothesen =Leukipp='s, =Epikur='s und =Demokrit='s, hat auch
die gesammte neuere Metaphysik, selbst wenn sie sich nicht zur Annahme
der Alleinheit oder des absoluten Werdens wie =Spinoza= bekannte, von
=Descartes= und =Malebranche= anzufangen bis auf =Leibnitz= und =Wolff=
die Möglichkeit einer solchen zwischen den geschaffenen Substanzen, also
mit Ausschluß der göttlichen, bestritten, und besonders =Leibnitz= an
ihrer statt seine berühmte oder berüchtigte prästabilirte Harmonie
erfunden. Der Widerspruch, in den er bei dieser Läugnung des äußeren
Einflusses unter Substanzen mit unserer Gewohnheit und inneren Nöthigung
gerieth, einen solchen vorauszusetzen, veranlaßte die Skeptiker nach
=Locke='s und =Hume='s Vorgang, den Causalzusammenhang, dessen Erklärung
so schwierig, ja unmöglich schien, in eine bloße Gewohnheit des
denkenden und auffassenden Subjects, in eine Regel der Zeitfolge zu
verwandeln. =Kant= ging noch weiter und indem er die Frage nach dem Wie
des Causalzusammenhanges zwischen den wirklichen Dingen an sich ganz
außer das Bereich des menschlichen Erkenntnißvermögens verwies, machte
er dessen Voraussetzung unsererseits zu einer bloßen Verstandeskategorie.
Die Idealisten sprachen ihr als einer solchen vollends alle
Verbindlichkeit für das Reale ab, ohne des Widerspruchs
gewahr zu werden, in den sie sich hiedurch mit ihrer gleichzeitigen
Annahme unüberwindlicher »Schranken« des Ichs verwickelten, welche auf
nichts Anderes als ein Beschränkendes von außen hinweisen konnten. Als
sich der Idealismus von einem blos subjectiven und particularen zum
transcendentalen und absoluten erweiterte, konnte es nicht weiter
befremden, daß, wo alle einzelnen Wesen in der Allheit eines Einzigen
verschwanden, auch die Wirksamkeit des Einen auf das Andere aufhörte,
und wo die Immanenz und _causa sui_ zum alleingiltigen Princip erhoben
wurden, auch der Begriff einer transeunten Wirksamkeit keinen Raum fand.
Desto auffallender muß es erscheinen, daß gerade dasjenige System,
welches in neuerer Zeit sich am meisten wieder dem vernünftigen
Monadismus der älteren Schule angenähert hat, an demselben Problem eine
Klippe fand, deren offene Darlegung und ungelöstes Festhalten dem
gesunden Menschenverstande unmöglich eine bleibende Befriedigung
gewähren kann. Diesem widerstrebt es offenbar, das Nichtdasein einer
äußeren Wirksamkeit der Substanzen anerkennen zu sollen. Gerade je
kräftiger sich eine Seele fühlt, je mehr sie sich bewußt sein zu dürfen
glaubt, durch Wort und That nicht nur in sich allein, sondern auch in
andern von ihr unterschiedenen Wesen Wirkungen verschiedener Art
hervorzubringen und stündlich hervorgebracht zu haben, um desto schwerer
fällt es ihr, plötzlich ihre Unfähigkeit hiezu einzugestehen. Die
Erfahrung jeder Minute scheint zu widersprechen. Ich will meinen Arm
heben; im selben Augenblicke werde ich gewahr, daß er sich hebt, und
geschieht dies nicht, so empfinde ich das unangenehme Gefühl eines
Hindernisses, was mich um so mehr schließen läßt, daß ich, derselbe, der
hier gehemmt wird, es auch bin, der in Andern die Wirkung ohne dies
Hemmniß zu erzeugen vermag. Je schlichter und alltäglicher diese
Erfahrungen sind, desto schroffer erscheint der Widerspruch der
Speculation mit denselben, und er allein ist es oft gewesen, der Vielen
das Vertrauen zu einer tieferen philosophischen Forschung raubte, welche
ein so augenscheinlich widersinniges Resultat gab.
Andrerseits ist es aber nicht wenig merkwürdig und sehr geeignet,
Mißtrauen gegen die eigene gewöhnliche Erfahrung zu erwecken, wenn so
viele und namentlich alle dem Monadismus mehr oder weniger nahe stehende
Denker ihr in einem so wichtigen Punkte beinahe einstimmig
widersprechen. Liegt der Grund dieser Erscheinung im Wesen des
Monadismus selbst, oder nur in der bisherigen Art und Weise seiner
Auffassung? Das ist eine Frage, deren Beantwortung uns nicht
uninteressant und deren Bejahung oder Verneinung wesentlich zum Credit
oder Mißcredit des Monadismus überhaupt beitragen zu müssen scheint.
Um diese Beantwortung und die daraus fließende Entscheidung mit
hinreichender Evidenz aussprechen zu können, wollen wir in dem
Nachstehenden auf streng historischen, aus den eigenen Schriften der
Erfinder geschöpften Daten untersuchen, auf welchem wahren oder falschen
Wege die beiden Hauptrepräsentanten dieser Richtung, =Leibnitz= und
=Herbart=, denen wir =Kant= als Uebergangspunkt und ein Paar Neuere als
Ausläufer beifügen, zu ihrem Endausspruche gelangt sein mögen. Daraus
wird sich, wie wir hoffen, mit hinreichender Klarheit ergeben, ob mit
ihren Darstellungen die möglichen Wege erschöpft, oder vielleicht noch
einer oder der andere zurückgelassen worden sei.
Nach den beiden Hauptansichten, deren eine das Wie eines äußeren
Zusammenhanges unter den Dingen an sich dahingestellt und nur für uns
Menschen nicht erkennbar sein läßt, die andere dagegen diesen selbst für
an sich unmöglich erklärt, zerfällt das Ganze eigentlich in zwei Theile.
Der erste liegt, da wir es nur mit dem strengen Monadismus zu thun haben
wollen, uns begreiflicherweise ferner ab und findet hier nur der
Vollständigkeit wegen seinen Ort. Desto ausführlicher mußte der zweite
in Betracht gezogen werden, der sich, je nachdem der regelmäßige Ablauf
der inneren Veränderungen und der dadurch entstehende Schein eines
wirklichen wechselseitigen Einflusses als erzeugt durch die Allmacht
eines außerweltlichen vollkommensten Wesens angesehen oder als Folge
nothwendiger Denkformen jeder zusammenfassenden Intelligenz betrachtet
wird, wieder in zwei Abschnitte scheidet. Beide Ansichten finden
Vertreter und Fortbildner unter den Neueren, deren Modificationen wir
zum Schlusse anführen wollen, bevor wir an den Versuch einer
selbständigen Betrachtungsweise der Frage gehen.
1. Die prästabilirte Harmonie: =Leibnitz=.
Auffallend ist es bei strenger Betrachtung dessen, was =Leibnitz= selbst
über seine prästabilirte Harmonie lehrt, zu bemerken, wie er blos durch
das Beiseiteliegenlassen eines Gedankens, dem er schon sehr nahe stand,
zu seiner Hypothese fortgetrieben wurde, die sich im Verhältnisse zum
übrigen Systeme wie ein todtes Reis auf einem ursprünglich kräftig
treibenden, aber gewaltsam gestutzten Stamme ausnimmt.
=Leibnitz= trug sein neues System zuerst öffentlich vor in einem
Aufsatze, den er im Jahre 1695 in das _Journal des savans_ (27. Juni)
unter dem Titel: »_Système nouveau de la nature et de la communication
des substances aussi bien que de l'union, qu'il-y-a entre l'âme et le
corps_« einrücken ließ(15). Das Problem der Einheit zwischen Körper und
Geist beschäftigte damals alle Denker, und =Descartes=, oder vielmehr
sein Schüler =Malebranche=, hatte um der specifischen Verschiedenheit
willen, die er zwischen Geist und Materie annahm, sich nicht anders zu
helfen gewußt, als indem er die occasionelle Einwirkung der Gottheit,
die vermöge ihrer Allmacht über alle Beschränkungen des Wie hinaus war,
zu Hilfe rief. Sobald eine Veränderung in der Seele da ist, welcher eine
im Körper entsprechen sollte, bewirkt Gott, daß die letztere
stattfindet, und so umgekehrt. Occasionell heißt diese Einwirkung Gottes
deshalb, weil ihr Beschluß bei Gott erst in dem Augenblick eintritt, wo
sein Beistand nöthig wird, also bei Gelegenheit. Auf diese Weise glaubte
=Descartes=, bei seinem Schwanken zwischen gänzlicher Indifferenz des
menschlichen Willens und der Vereinbarkeit desselben mit göttlicher
Präscienz, das er zwar nie im Systeme, wohl aber in Briefen
ausgesprochen hat(16), die menschliche Willensfreiheit zu retten,
während er dadurch zugleich die Gottheit zu einem Wesen machte, in
welchem Entschlüsse in der Zeit entstehen und vergehen können.
(15) =Erdmann=, S. 124-128.
(16) =Sigwart=: der Spinozismus, S. 31. u. ff.
In jenem Aufsatze nun bezieht sich =Leibnitz= zunächst auf seinen Brief
an einen berühmten Theologen, dem er vor Jahren die Umrisse seiner
Theorie mitgetheilt, der sie anfangs ziemlich paradox gefunden, nachher
aber doch einem Theile derselben wenigstens seine Billigung nicht habe
versagen können. Dieser ist kein Anderer, als der berühmte Anton
=Arnauld=, der Doctor der Sorbonne und Stifter von Port-Royal, mit
welchem =Leibnitz= von 1686-93 in häufigem Briefwechsel stand(17). Der
Brief selbst ist vom Jahre 1690, also fünf Jahre vor dem oben erwähnten
Aufsatze, mit dem er nahe übereinstimmt, geschrieben, und enthält im
Wesentlichen Folgendes(18): »Kein Körper hat ein eigentliches Sein;
dieses kommt nur den untheilbaren, anfangslosen und unvergänglichen
Substanzen zu, die ihn ausmachen und die den Seelen ähnlich sind. Diese
Substanzen sind und bleiben immer, wenn auch unter verschiedenen Formen,
an organische Körper gebunden. Jede von ihnen enthält in ihrer eigenen
Natur ein Gesetz der Reihenfolge ihrer Thätigkeiten sowohl, als ihrer
erfahrenen und jemals zu erfahrenden Begegnisse. Daher kommen alle ihre
Thätigkeiten unbeschadet ihrer Abhängigkeit von dem eigenen Wesen der
Substanz her. Jede Substanz drückt das ganze Universum aus, aber die
eine deutlicher als die andere, jede in Bezug auf gewisse besondere
Dinge, und von einem eigenthümlichen Gesichtspunkte aus. Die Einheit des
Körpers und der Seele, ja selbst die Einwirkung einer Substanz überhaupt
auf die andere besteht nur in der vollkommenen wechselseitigen
Uebereinstimmung (_accord mutuel_), die sich ausdrücklich angeordnet von
dem ursprünglichen Schöpfungsacte beider herschreibt, und kraft welcher
in jeder Substanz in Folge des ihr von Anbeginn inwohnenden
Veränderungsgesetzes in jedem Augenblick gerade diejenigen Zustände
stattfinden, welche von den übrigen Substanzen gefordert werden, also
die Thätigkeiten der einen die Veränderungen der anderen regelmäßig und
unabhängig von einander begleiten.« Das Uebrige der Stelle, obgleich es
schon eine Andeutung der =Leibnitz= sehr geläufigen Idee eines
moralischen Geisterreichs unter Gottes Leitung enthält, gehört nicht
unmittelbar hierher.
(17) =Guhrauer=: Leibnitz &c. II. S. 108.
(18) Bei =Erdmann=, S. 107-108. =Leibnitz=' Briefwechsel mit
=Arnauld=, herausg. von =Grotefend=. Hannover, 1846. S. 132.
Genug, schon zu jener Zeit besaß =Leibnitz= die Idee der prästabilirten
Harmonie, die hier noch _accord mutuel_ heißt, und hatte sich damit von
=Descartes= sowohl, als von =Malebranche=, dessen Anhänger =Arnauld=
war, losgemacht. Sein Verhältniß zu dem Ersteren bezeichnet er selbst in
dem _Nouveau système_(19) genauer: »Ich nahm wahr,« sagt er, »daß die
bloße Betrachtung einer ausgedehnten Masse nicht hinreiche, und daß man
hier noch eine Kraft anzunehmen genöthigt sei, deren Begriff, obgleich
die Triebfeder der Metaphysik, doch leicht verständlich ist.« -- »Es ist
nämlich unmöglich, das Princip der wahren Einheit in der Materie allein
oder in Demjenigen zu finden, was durchaus passiv ist, weil es nichts
Anderes ist, als eine Anhäufung oder Ansammlung von Theilen bis in's
Unendliche. Eine Menge kann ihre Realität nur in den wahren Einheiten
haben, die ganz anderswoher kommen und etwas ganz Anderes sind, als
bloße Punkte, aus welchen unmöglich (?) das Stetige zusammengesetzt sein
kann. Um zu diesen Einheiten zu gelangen, sah ich mich gezwungen, zu
formellen Atomen meine Zuflucht zu nehmen, weil ein materielles Wesen
nicht zur selben Zeit materiell und doch vollkommen untheilbar oder
wahrhaft eins sein kann, sobald das Wort »materiell« immer im Sinne
eines ausgedehnten Zusammengesetzten genommen wird. Ich fand nun,« fährt
er fort, »daß deren (der substantiellen Formen) innere Natur in der
Kraft bestehe, und sie folglich etwas den Vorstellungen und Begehrungen
Analoges besitzen, also auch unter den Begriff: Seele, _âme_, gefaßt
werden müssen .... Aristoteles nennt sie Entelechieen. Ich nenne sie
vielleicht passender primitive Kräfte, die nicht blos das =Sein=
(_l'acte_), das Complement der Possibilität, sondern außerdem noch eine
ursprüngliche Thätigkeit (_l'action_) besitzen.« Er unterscheidet sie
auf das schärfste von den gemeinen Atomen. »Die Atome der Materie
widersprechen der Vernunft, außerdem daß sie ja selbst noch aus Theilen
zusammengesetzt sind. Denn dadurch, daß diese Theile an einander hängen,
hört noch nicht ihre Verschiedenheit als Theile auf.« -- »Es gibt nichts
als substantielle Atome, d. i. reelle und vollkommen theillose
Einheiten, die die Quellen der Thätigkeit und als letzte Elemente der
Substanzenanalyse die absoluten Grundprincipe der Zusammensetzung der
Dinge sind. Man könnte sie metaphysische Punkte nennen.« ... »Sie haben
etwas Vitales an sich, eine Art von Vorstellungen, und ihre
mathematischen Orte oder Punkte sind die Gesichtspunkte, von welchen aus
sie das Universum vorstellen.«
(19) =Erdmann=, S. 124.
Von =Descartes= also schied sich =Leibnitz= durch den einfachen Schluß:
Wo es Zusammengesetztes (Körper) gibt, muß es Einfaches geben. Der
cartesianische Dualismus verwandelte sich in einen Monismus, aber nicht
der Form und Materie, wie bei =Spinoza=, sondern blos der Materie nach.
Während dort die einzelne Persönlichkeit und individuelle Existenz sich
in der unbegreiflichen baren Alleinheit einer allumfassenden
ungetrennten Substanz aufheben sollte, welcher das gesammte Denken und
die gesammte Ausdehnung in unbeschränkter Fülle als unendliche Attribute
zukommen, entstand hier ein zahlloses Heer gleichberechtigter einfacher
Wesen desselben Stammes, die nur gradweise unterschieden waren, und
unter denen das höchste Wesen die allvollkommenste, die Hauptmonade,
»_le monarque_« war, eine vollständige Demokratie der Geister, darin im
Gegensatze zum Dualismus die Standesvorrechte einer verhältnißmäßig nur
geringen Anzahl höherer Geister aufhörten und die Pariaskaste der
Materie vom Schauplatze des metaphysischen Seins verschwand. An ihre
Stelle traten die selbst- und freithätigen Individuen; das
abendländische Princip der Individualität trat, wie =Hegel=(20) sagt,
gegenüber der orientalischen Alleinslehre =Spinoza='s, und =Leibnitz=
verwirklichte auf diese Weise einen Gedanken, den er schon als kaum
sechzehnjähriger Jüngling in seiner ersten Schrift: _dissertatio de
principio individui_(21), damals noch unter vielem scholastischen Mit-
und Beiwerk angeschlagen hatte.
(20) Encyclopädie, herausgeg. von =Henning=. I. S. 301.
(21) Ueber diese, lange Zeit unbeachtete und selbst von =Leibnitz='
Historiographen =Ludovici= nur unvollständig gekannte Schrift, die
sich nur mehr bei =Dutens= (_ed. Genev._) findet, äußert sich
=Guhrauer= bei ihrer Wiederherausgabe (Berlin 1837, S. 10): »Man würde
ihrer endlich ganz vergessen haben, hätte nicht F. H. =Jacobi= auf
Veranlassung seines Streits mit =Mendelssohn= durch seine
wissenschaftliche Parallele der Systeme von =Spinoza= und =Leibnitz=
dahin geführt, auf jene Dissertation als eine schon der Aufgabe wegen
merkwürdige Schrift hingewiesen.« In der That war sie die Klaue des
Löwen, wie schon der alte =Thomasius= in seiner Vaterfreude über den
großen Zögling vorempfinden mochte. Vgl. auch L. =Feuerbach=:
Leibnitz' Philosophie &c. S. 32. u. ff.
So einfach jener Schluß scheinen kann und wirklich ist, so folgenreich
ist er auch, und wir werden späterhin Gelegenheit genug haben, uns zu
überzeugen, daß dies gerade derjenige Satz ist, dessen nachherige
Verkennung das System von seinem eingeschlagenen Wege abgeführt hat. Wie
leicht eine solche Verkennung sich einschleicht, davon gibt gleich die
obige Stelle, die wir mit einem Fragezeichen bemerkt haben, einen
Beweis. Das Stetige, heißt es dort, könne unmöglich aus Punkten
zusammengesetzt sein? Woraus sollte es denn? Der erwähnte Schluß
verlangt ja ausdrücklich, das Zusammengesetzte setze einfache
Bestandtheile voraus. Punkte aber sind nichts anderes, als die einfachen
Bestandtheile des Raumes. Gleichwohl behaupten z. B. die Geometer
durchgehends, die stetige Linie sei wieder nur aus Linien
zusammengesetzt, also wieder aus Zusammengesetztem, was dem oben
anerkannten Satze offenbar widerstreitet. Denn die durch die Theilung
erhaltenen Linien sind entweder zusammengesetzt, haben also selbst noch
Theile, sind daher nicht die letzten Bestandtheile, oder sie sind
einfach, und dann keine Linien mehr, sondern Punkte, unter denen man
sich freilich keinen auch noch so winzigen physischen Punkt vorstellen
darf. So wird der allgemeine Satz zugleich anerkannt, und seine Realität
doch in seinen Anwendungen geläugnet. Der Grund dieser Erscheinung
scheint darin zu liegen, daß wir bei jeder unserer Vorstellungen,
mitunter selbst bei solchen, die gar keinen Gegenstand haben, uns ein
Bild (Schema) von diesem Gegenstande mit der Phantasie zu entwerfen
gewohnt sind(22), und uns von diesem gewöhnlich leichter bestimmen
lassen, als von dem Begriffe selbst. Wo wir ein solches Bild nicht zu
schaffen vermögen, da gewinnt auch der Begriff selten einen festen Halt.
Dieser Fall tritt beim einfachen Punkte, beim einfachen Zeittheile, bei
der einfachen Substanz und überhaupt in beinahe allen Fällen ein, wo wir
ein einfaches, sinnlich nicht Vorstellbares und nur im Begriff zu
Fassendes vor uns haben. Er darf uns aber, eben weil er nur in der
Einbildungskraft seinen Sitz hat, auch gar nicht irre an Demjenigen
machen, was wir einmal unabhängig davon aus reinen Begriffswahrheiten,
also mit Nothwendigkeit erkannt haben. Darum bestand auch =Leibnitz= mit
Beharrlichkeit auf dem Dasein einfacher und folglich den Geistern
analoger Substanzen als Bestandtheile der Materie, ungeachtet er
dieselben eben so wenig wie wir oben die einfachen Punkte sinnlich
nachweisen, ja nicht einmal ein Bild von demselben zur Veranschaulichung
entwerfen konnte.
(22) =Drobisch=: Empir. Psych. S. 52 u. ff. -- =Bolzano='s
Wissenschaftslehre (Sulzbach, v. =Seidel=, 1837), III. S. 60.
Nachdem so die Materie(23) als selbständiges Ausgedehnte aufgehoben und
zu einem objectiven (nach =Herbart='s Ausdruck) beim Zusammenfassen der
Dinge mit Nothwendigkeit sich aufdringenden, gleichwohl nicht reellen
Scheine herabgesetzt worden, schien die Schwierigkeit, welche
=Descartes= gegen die Möglichkeit des Einwirkens der Geister als des
Unausgedehnten auf die Materie als das Ausgedehnte, also generisch
Ungleichartige erhoben hatte, und welche =Malebranche= zur Aufnahme des
Occasionalismus veranlaßte, hinweggeräumt zu sein. Es gab statt der
unter sich ungleichartigen Geister und Materie durchgehends gleichartige
einfache geistige Wesen und alle äußeren Einwirkungen, welche wir, von
der sinnlichen Erfahrung genöthigt, außer uns wahrzunehmen glauben,
reducirten sich statt auf die Einwirkung der Geister auf die heterogene
leibeigene Materie, auf die Einwirkung homogener einfacher Wesen auf und
unter einander selbst. Zwischen den Körpern nehmen wir Einwirkungen
wechselseitig wahr; Körper aber als solche =sind= nicht wahrhaft,
sondern nur die einfachen Theile derselben =sind=; die allein können es
also auch sein, welche hier wirken, und die Wirkungen, welche wir
zwischen den Körpern wahrzunehmen glauben, können nur die Resultate
derjenigen sein, die zwischen den einfachen Theilen derselben
statthaben.
(23) Ueber =Leibnitz=' frühere Vorstellungen von der Materie vgl. die
neuerliche treffliche Abhandlung =Hartenstein='s: _De materiae apud
Leibnitium notione commentatio_. Leipzig, 1846.
Allein gerade hier erst fand =Leibnitz= die eigentliche, wie er meinte,
nicht zu hebende Schwierigkeit. »Es gibt,« sagt er(24), »im strengen
metaphysischen Sinne keinen reellen Einfluß einer Substanz auf eine
andere, und man muß daher (mit =Descartes=) allerdings zugeben, daß alle
Dinge sowohl als ihre Eigenschaften fortwährend durch Gottes Wirksamkeit
erzeugt werden. Um aber das Problem zu lösen, ist es nicht genug, wie
der Occasionalismus, eine Ursache im Allgemeinen anzuführen und kurzweg
einen _deus ex machina_ anzunehmen; denn wenn sich Alles so von selbst
macht ohne weitere mögliche Erklärung, so heißt dies ganz eigentlich zum
Wunder seine Zuflucht nehmen. Die Philosophie aber muß Gründe angeben
und erkennen lassen, wie die Dinge übereinstimmend mit dem Begriffe des
Gegenstandes, um welchen es sich handelt, nach der Weisheit Gottes sich
entwickeln.«
(24) _Nouv. système_, S. 127.
Nun verwarf er sowohl den reellen physischen Einfluß einer Substanz
(Monade, einfaches Wesen) auf die andere mittels Uebergangs eines
Theilchens aus Einem in's Andere; »denn,« sagte er, »die Monaden haben
keine Fenster, durch welche irgend etwas ein- oder austreten könnte,«
als den Occasionalismus, »denn das heißt einen _deus ex machina_
einführen in einer ganz natürlichen und gewöhnlichen Sache, wo er
vernünftigerweise nicht anders mitwirken sollte, als er in jedem anderen
natürlichen Ereignisse mitwirkt.«(25)
(25) _II. Eclaircissement_, S. 134.
Daß er den physischen Einfluß der Substanzen so kurz abfertigte,
gründete sich auf einen weitverbreiteten, zum Theil noch jetzt gang und
gäben Irrthum. Fast allen seinen Zeitgenossen und ihm selbst schien der
physische Einfluß, sollte er anders diesen Namen verdienen, nicht anders
stattfinden zu können, als indem sich von der einen (thätigen) Substanz
ein Theil ablöse und in die andere (leidende) Substanz übergehe. Nun
hatten die einfachen Monaden weder Theile, von denen sich einer ablösen
konnte, noch Ausdehnung, um den abgelösten in sich aufzunehmen, also --
gab es keinen physischen Einfluß(26). =Descartes= hatte folgendermaßen
geschlossen. Die Seele kann auf Materie nicht wirken, weil sich nichts
von ihr trennen kann, denn sie ist einfach: die Materie nicht auf die
Seele, denn diese ist ausdehnungslos, kann also nichts Ausgedehntes,
kein Theilchen der Materie, das wieder Materie ist, aufnehmen. So
schien, wenn man den physischen Einfluß mittels Ueberganges materieller
Theile als die einzige Möglichkeit realen Einflusses der Substanzen auf
einander ansah und jenen mit Recht für unmöglich erklärte, sowohl sein
Occasionalismus als =Leibnitz=' _accord mutuel_, der blos ideale Einfluß
überhaupt, außer Zweifel. =Leibnitz= selbst, da er sich von mehreren
Seiten, besonders von =Foucher=, lebhaft widersprochen sah, suchte sich
durch folgendes Beispiel zu rechtfertigen, das nach seiner Gewohnheit,
die Lieblingsgedanken häufig fast mit denselben Worten zu wiederholen,
öfter wiederkehrt: »denket Euch zwei Thurm- oder auch Taschenuhren, die
vollkommen übereinstimmen. Dies kann auf dreierlei Weise geschehen. Die
erste besteht in dem wechselseitigen Einflusse einer Uhr auf die andere;
die zweite in der Sorge eines Menschen, der auf beide beständig Acht
gibt; die dritte darin, beide so kunstreich und kunstgerecht zu
verfertigen, daß man in der Folge ihrer Uebereinstimmung gewiß sein
kann.«(27) ... »Der Weg des Einflusses ist jener der gemeinen
Philosophie; da man aber nicht begreifen kann, wie materielle Theile aus
einer in die andere Substanz übergehen können, so ist dieser Ausweg
damit schon zu Boden geschlagen. Der Weg der beständigen Assistenz von
Seite des Urhebers ist jener der occasionellen Ursachen, aber ich
glaube, daß man hier einen _deus ex machina_ in einer ganz natürlichen
und gewöhnlichen Sache in's Spiel bringt, wo Gott vernunftgemäß nicht
anders wirksam sein kann, als er es in allen übrigen natürlichen
Ereignissen ist. Also bleibt nur eine Hypothese übrig: der Weg der
Harmonie; Gott hat vom Anfang der Dinge her jede von je zwei Substanzen
so eingerichtet, daß sie zufolge ihrer inwohnenden, zugleich mit ihrem
Dasein empfangenen Gesetze beständig mit der andern dergestalt
übereinstimmt, als gäbe es eine wechselseitige wahrhafte Einwirkung
zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28).«
(26) Es ist nicht uninteressant, neben dieser Beweisführung jene zu
betrachten, die M. G. =Hansch= in seinen: _princ. phil. geometrico
modo demonstrata_ liefert, und durch welche er, wie er in der Widmung
an den Prinzen =Eugen= ausspricht, die Lehre seines Meisters erst
recht festgestellt zu haben meinte. Sie heißt dort: _Theor. XV. Nulla
monas derivativa physice influere potest in interius alterius monadis
derivativae. =Demonstr.= Quandoquidem monades omnibus prorsus partibus
carent (per. def.), in monadibus etiam derivativis nullae partes
continuo mutare possunt locum suum (per. ax.). Sed si in monadibus
derivativis nihil prorsus datur, quod locum suum continuo mutare
possit, nec intelligibili modo explicari potest, quomodo in interiori
monadum derivativarum motus ullus excitari, dirigi, augmentari aut
diminui possit (per. def.), consequenter nulla in iisdem fieri potest
per motum internum mutatio (per. def.). Sed in cujus interiori nulla,
mediante motu interno, fieri potest mutatio, in illius interius etiam
nihil physice influere potest (per. def.). Quamobrem nulla omnino
monas derivativa in interius alterius monadis derivativae physice
influere potest. Q. E. D. Theorem. XVI. In monadem creatam forinsecus
nec substantia nec accidens intrare potest. =Demonstr.= Cum nihil in
interius monadis creatae physice influere possit (per. theor. praec.),
nihil etiam in eandem ab extra ingredi potest, nec substantia nec
accidens (per. def.) in monadem creatam forinsecus intrare possunt.
Q. E. D._ So fremdartig, ja selbst abgeschmackt uns dieses _Quod erat
demonstrandum_ erscheinen mag, so kann doch Niemand läugnen, daß
dieser Anhänglichkeit auch an die äußeren unwesentlichen Formen der
Mathematik das Bestreben zu Grunde lag, das Wesentliche der
mathematischen Methode, die Klarheit und Bestimmtheit ihrer Begriffe
auch auf das philosophische Denken zu übertragen. Daß dieses
Bestreben, welches die Grundlage jeder wahren Methode der denkenden
Forschung ausmachen muß, auf mathematische Form allenthalben
zurückführt, hat wenigstens zum Theil schon =Herbart= bewiesen.
(27) _II. Eclaircissem._ S. 134.
(28) _II. Eclaircissem._ Fast mit denselben Worten auch im _III.
Eclaircissem. à M. =Foucher=_.
=Leibnitz=' eigenthümlicher Gang, der sich allmälig durch und an seinen
Gegnern recht heranbildete, macht es hier nöthig, einzuhalten und einen
tiefern Blick in sein System zu thun. Setzen wir an die Stelle jener
Uhren die einfachen Monaden. Diese haben Kräfte, weil sie Substanzen
sind und zwar einfache Substanzen; denn =Leibnitz= dehnt den Umfang
dieses Begriffs so weit aus, daß er auch einen ganzen Inbegriff von
Substanzen Eine Substanz nannte. »Substanz aber ist ihm jedes Wesen, das
der Thätigkeit fähig ist,« und »die Substanz eines Dinges selbst besteht
in der Kraft zu handeln und zu leiden(29).« Statt Substanz überhaupt
verstehe man hier durchgehends »einfache Substanz,« denn die
zusammengesetzte hat als solche keine Kraft, sondern nur insofern die
sie ausmachenden einfachen Bestandtheile zusammen eine gewisse Summe von
Kraft besitzen. Die Wesen sind aber der Thätigkeit nicht nur fähig,
sondern auch in der That thätig, denn: »Thätigkeit ist unmöglich ohne
Vermögen thätig zu sein; aber auch Vermögen wäre ein leeres Wort, wenn
es niemals in Thätigkeit übergehen könnte(30).« Sie sind ferner nicht
nur zeitweilig, sondern fortwährend thätig, denn nicht nur jedes Thätige
ist eine besondere Substanz, sondern auch jede einzelne Substanz wirkt
ohne Unterbrechung fort, selbst die Körper nicht ausgenommen, in welchen
sich niemals absolute Ruhe findet(31). Das Letztere folgt aus dem
Ersteren; sind die Theile nicht in Ruhe, so ist es auch das Ganze nicht,
wenigstens nichts absolut, wenn auch seine relative Lage gegen äußere
Gegenstände sich vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle
diese Kräfte auf die einfache Substanz selbst; nach außen können sie
nicht wirken nach dem berühmt gewordenen Grundsatze von den fehlenden
Fenstern der Monaden. Innerhalb der Monade selbst sind sie aber
fortwährend wirksam; denn wäre irgend eine es zu irgend einer Zeit
nicht, so könnte sie es niemals sein, weil es »durchaus kein Mittel
gibt, durch welches aus der Einen in die Andere Etwas übertragen, oder
in der letzteren durch die erstere irgend eine innerliche Bewegung von
außen erzeugt, geleitet, vermehrt oder vermindert werden könnte(32).«
Sind aber die inneren Kräfte der Monade fortwährend thätig, so erzeugen
sie auch fortwährend Veränderungen in derselben, so daß »der Zustand des
Wechsels in der Monade ein continuirlicher wird(33)« und, da sie von
außen nicht bestimmt werden können, »die naturgemäßen Veränderungen der
Monade aus einem inneren Princip in denselben abfolgen(34),« so daß
»eine jede ihrer eingepflanzten Naturkraft (_vim insitam_) und ihren der
Außenwelt angepaßten Gesetzen folgt, worin die Einheit der Seele und des
Körpers besteht(35).« Nach dem Princip der _indiscernibilium_ muß ferner
»jede Monade verschieden sein von jeder anderen, denn schon in der Natur
gibt es nicht zwei Wesen, die einander vollkommen gleich und wo wir
außer Stande wären, eine innere oder auf eine innere Beschaffenheit
gegründete Verschiedenheit nachzuweisen(36).« Diese Verschiedenheit
liegt bei den einfachen Wesen in ihren Qualitäten. Ohne diese »würde
jedes Mittel fehlen, irgend einen Wechsel an den Dingen gewahr zu
werden, weil Dasjenige, was am Zusammengesetzten erscheint, nur von den
einfachen Bestandtheilen (_ingrediens_) desselben herrühren kann. Bei
Monaden aber, sobald sie gar keine Qualitäten hätten, wären eine von der
andern ganz und gar nicht verschieden, nicht einmal der Quantität nach
differirend: folglich würde, den Raum als erfüllt vorausgesetzt, jeder
Ort der Bewegung beständig nichts Anderes, als ein vollkommenes
Aequivalent dessen erhalten, was er schon früher besaß, mithin jeder
Zustand des Dinges jedem Anderen in allen Stücken völlig gleich
sein(37).« Worin diese Qualitäten bestehen, ob sie erkennbar seien oder
nicht, reell oder ideell, darüber spricht sich =Leibnitz= nirgendwo
entscheidend aus. Man kann annehmen, daß er darunter Dasjenige
verstanden habe, was er _détail de ce, qui se change_ nennt, und worin
der Grund liegt, daß in jeder Monade zu einem gegebenen Zeitpunkt gerade
diese und keine anderen Zustände stattfinden können, als diejenigen,
welche in selbem Zeitpunkt in ihr wirklich stattfinden. Der Ausdruck ist
jedenfalls etwas dunkel. =Feuerbach= ist der Ansicht(38), »=Leibnitz=
verstehe unter demselben nicht sowohl das inwohnende Gesetz der
Aufeinanderfolge und regelmäßigen Selbsterzeugung der Vorstellungen,
welches in jeder Monade ein anderes sein muß, soll sie andere
Vorstellungen als die übrigen besitzen, sondern vielmehr diese
autonomischen Veränderungen der Monade selbst und wolle diese die
Qualitäten derselben genannt wissen. In diesem Falle hat dann jede
Monade nicht eine, sondern so viele Qualitäten, als sie einzelne
Veränderungen besitzt, also unendlich viel. So viel steht gewiß, daß
dieses »_détail de ce, qui se change_« es ist, was die specifische
Verschiedenheit und bunte Mannigfaltigkeit der einzelnen Monaden
untereinander begründet(39).« Die Veränderungen in der Monade, mögen sie
selbst deren Qualitäten, oder nur Folgen des jeder Monas als specielle
Qualität immanenten individuellen Veränderungsgesetzes sein, sind
Kraftäußerungen derselben und die Monas ist vollkommen »spontan,« sie
ist selbst die »eigene und einzige Ursache ihrer Handlungen.« Denn, wie
schon =Aristoteles= richtig bemerkte, folglich hängt sie von nichts
Anderem ab, als von Gott und sich selbst.
(29) _Principes de la nature et de la grâce_, S. 714.
(30) _De ipsa natura_, S. 157.
(31) _De ipsa nat._ S. 157.
(32) _Monadolog._ S. 705.
(33) Daselbst S. 705.
(34) Daselbst S. 705.
(35) _De ipsa natura_, S. 157.
(36) _Monadol._ S. 705. Die Anekdote von den vergeblich gesuchten zwei
völlig gleichen Blättern im königl. Hofgarten zu Charlottenburg ist
bekannt.
(37) _Monadol._ S. 705.
(38) =Leibnitz=' Phil. &c. S. 51.
(39) =Leibnitz=' Phil. &c. S. 51.
Daraus folgt schon von selbst, was das für Veränderungen seien. Sie
finden nur in einfachen Wesen statt, ohne Veranlassung von außen, als
von innen kommende und innen bleibende, also spontane, völlig ideale
Bestimmungen; dergleichen sind nur die Vorstellungen. »Diese und ihre
Veränderungen sind das Einzige, was man in den einfachen Wesen antrifft.
In ihnen allein bestehen alle inneren Thätigkeiten der Monaden(40).« --
»Eine Vorstellung,« fährt =Leibnitz= fort, »ist jener vorübergehende
Zustand, der eine Vielheit in der Einheit umschließt; denn da jede
natürliche Veränderung stufenweise vor sich geht, so ändert sich in der
Seele (der einzigen wahren substanziellen Einheit und Einfachheit)
Einiges, Anderes bleibt. Dadurch entsteht in jeder einfachen Substanz
eine Mehrheit von Zuständen und Verhältnissen, ungeachtet sie keine
Theile hat ... Einer solchen Vielheit werden wir uns schon bewußt, wenn
wir wahrnehmen, daß selbst unser kleinster Gedanke noch eine Vielheit,
wenigstens seinem Gegenstande nach, enthalte(41).« Ob sich =Leibnitz=
hier nicht getäuscht habe, und ob es wirklich unter unseren
Vorstellungen keine einzige, ob es nicht vielmehr sehr viele gebe, die
sich auf keine Vielheit von Gegenständen, sondern auf einen einzigen
beziehen, wollen wir für jetzt dahingestellt sein lassen. Genug,
=Leibnitz= erklärt Zustände, welche eine Vielheit (von Veränderungen) in
der Einheit (der einfachen Monade) einschließen, schlechtweg für
Perceptionen und unterscheidet sie von den bewußten Vorstellungen oder
Apperceptionen. Nach ihnen bestimmen sich die Rangstufen der Monaden.
Jene, die durchgehends nur Perceptionen oder dunkle Vorstellungen
besitzen, heißen Entelechieen, ein Name, der ihres Selbstgenügens, ihrer
Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἔχουσι τὸ ἐντελές), jene, deren
Vorstellungen, zum Theile wenigstens deutlich und vom Bewußtsein
begleitet sind, Seelen (_âmes_).
(40) _Monadol._ S. 706.
(41) Daselbst S. 706.
Bis hieher haben wir die Monaden als völlig freithätig betrachtet,
befinden uns aber zugleich noch in Bezug auf die einzelne Monade auf dem
Standpunkte eines vollkommenen Idealismus, der nur durch das jeder
Monade inwohnende Gesetz ihres Veränderungsablaufs, welches in jeder
Monade ein anderes ist, eine bestimmte Richtung empfängt. Soll also eine
Art Zusammenhang in diese mannigfachen und von einander wechselseitig
gänzlich unabhängigen Reihen von Veränderungen gebracht werden, so daß
sich mit der Veränderung in der einen Monas die correspondirende in der
andern zugleich vorfinde, was durch besondere Einwirkung der Einen auf
die Andere nicht geschehen kann, und durch die blos gelegenheitliche der
Gottheit nicht geschehen soll, damit das Ganze nicht planlos
zusammengewürfelt, sondern vom Standpunkt der höchsten Weisheit aus
geordnet erscheine: so muß von diesen den Monaden inwohnenden Gesetzen
aus gewirkt werden. Diese Gesetze müssen so beschaffen sein, daß sich,
so oft nach dem in einer der Monaden thätigen Gesetze zu einem gewissen
Zeitpunkt ein bestimmter Zustand eintritt, in allen übrigen Monaden in
Folge ihrer Gesetze die entsprechenden und anpassenden erzeugen. Zu
deren Auswahl gehört erstens eine vollständige Erkenntniß aller
überhaupt möglichen Gesetze dieser Art, deren wegen der unendlichen
Anzahl der Monaden auch unendlich viele sind, sammt den Reihen von
Veränderungen, welche in alle Ewigkeit aus ihnen folgen, also _eo ipso_
eine unendliche Erkenntniß; ferner ein unendlicher Wille, der aus der
unermeßlichen Menge möglicher Gesetze und Folgenreihen gerade diese
gewählt hat, um eine zu jeder Zeit vollkommenste Welt zu schaffen; und
endlich eine unendliche Macht, um diese Gesetze in den Monaden auch
wirklich zur Thätigkeit zu bringen. Unendliche Erkenntniß,
vollkommenster Wille und größte Macht sind aber nur die Attribute
Gottes, dem allein wir die Wahl und Belebung der Veränderungsgesetze der
Monaden und dadurch mittelbar das Dasein aller aus diesen, wie Folgen
aus ihren Gründen, zu jeder gegebenen Zeit hervorgehenden Wirkungen
verdanken.
Aus diesem Grunde durfte =Leibnitz= von Gott, dem Urgrund aller Dinge,
sagen: »er sei jene nothwendige Substanz, in welcher sämmtliche
(mögliche und wirkliche) Veränderungen formaliter ihren Grund und
Urquell haben(42).« Denn sein »Verstand ist die Quelle der ewigen
nothwendigen Wahrheiten,« in welchen jene Gesetze begründet sind, und
welche ihn zu der Wahl derjenigen bestimmten, welche dem allgemeinen
Besten am zuträglichsten sind (_choix du Meilleur_). In ihm ist »die
Macht als Quelle von Allem, die Erkenntniß, die alle Ideen umfaßt, und
der Wille, der verändert und schafft nach dem Princip des allgemeinen
Besten(43).« Gott mußte =wollen=, daß das Ganze so eingerichtet werde,
wie er =erkannte=, daß es am besten sei, er mußte es auch so =vermögen=.
Alle jemals stattfindenden Veränderungen sind längst von Anbeginn her in
jeder Monade oder vielmehr in dem ihr von Gott eingepflanzten
Veränderungsgesetze virtuell vorhanden, und laufen wie aufgezogene
Uhrfedern nacheinander ab. Auf diese Weise wird die ganze reale Welt mit
allen wechselnden und bleibenden Zuständen das Abbild einer idealen Welt
von Gesetzen in Gottes Verstande. Was sich in dieser idealen Welt wie
Grund und Folge verhält, wird in der realen zur (scheinbaren) Ursache
und Wirkung. Denn »ein Geschöpf heißt vollkommener als ein anderes,
sobald sich an ihm Etwas findet, was den vollständigen rein apriorischen
Grund dessen abzugeben vermag, was an diesem Andern geschieht, und
deshalb sagt man, es wirke auf dieses Andere(44).« Das Wirken ist ein
bloßes Wort, eine Redensart, ein gedachtes Wirken, denn ein reales soll
ja absolut unmöglich sein. Das was sich an dem Ersten von der Art
findet, daß es die Ursache eines Zustandes an dem Zweiten abgeben zu
können scheint, ist nur eine reale Folge des innern Gesetzes dieser
ersten Monade, eine ihrer inneren wirklichen Veränderungen, ein Theil
ihres immanenten realen Geschehens selbst. Der Einfluß aber unter den
Substanzen von Monade auf Monade ist blos ein idealer und dieser gelangt
zu seiner Wirkung nicht anders, als durch die Dazwischenkunft Gottes
selbst, indem im Kreise seiner Ideen jede Monade mit Recht verlangen
darf, daß er bei Anordnung und Regelung des Weltgebäudes auch auf sie
und ihre jetzigen und künftigen Veränderungen Rücksicht nehme. Denn »da
keine geschaffene Monade einen Einfluß auf das Innere einer anderen
nehmen kann, so bleibt dies als das einzige Mittel übrig, die Eine in
der Abhängigkeit von der Anderen zu erhalten ..... Daher sind auch
zwischen den geschaffenen Substanzen Thätigsein und Leiden
wechselseitig. Denn Gott findet, sobald er zwei einfache Substanzen
vergleicht, an jeder derselben Gründe, welche ihn bestimmen, die Eine in
gewissen Beziehungen der Anderen anzupassen, woraus folgt, daß dieselbe,
die uns von einem gewissen Gesichtspunkt aus als thätig erschien, von
einem andern aus uns als leidend erscheinen kann; und zwar thätig,
insofern dasjenige, was man an ihr mit Deutlichkeit wahrzunehmen im
Stande ist, dazu dient, den Grund dessen anzugeben, was an der Anderen
vor sich geht; leidend aber, insofern der Grund dessen, was so eben an
ihr geschieht, in demjenigen anzutreffen ist, was an einer anderen
Monade mit Deutlichkeit unterschieden werden kann(45).« Was wir also
Ursache und Wirkung an verschiedenen Substanzen nennen, sind nur
verschiedene Bestimmungen, welche die Gottheit einer Jeden von Beiden
mit Rücksicht auf die Anderen beigelegt hat. Ursache und Wirkung sind
sie nur für uns, nur für den Beschauer, an sich sind beide Bestimmungen
gegen einander völlig indifferent, und die Gottheit muß ihre besonderen
Gründe gehabt haben, sie an beiden Monaden gerade so eintreten zu
lassen, daß wir auf die Vermuthung gelangen, die Eine sei die Ursache
der Anderen. Diese Gründe lassen sich in Gottes Verstande allerdings wie
Sätze betrachten, deren einer den andern zur Folge hat, so daß z. B. die
Bestimmung _a_ an der Substanz _A_ da sein muß, weil die Bestimmung _b_
an der Substanz _B_ da ist, und der Satz: »_a_ ist an _A_« als Grund des
Satzes: »_b_ ist an _B_« erscheint; darum ist aber weder _a_ die Ursache
von _b_, noch _b_ die Ursache von _a_, weil ja ein- für allemal kein
Ding auf das andere wirken, also auch keines die reale =erzeugende=
Ursache irgend einer Bestimmung an einem andern werden kann.
(42) _Monadol._ S. 708.
(43) _Monadol._ S. 708.
(44) Daselbst S. 709.
(45) _Monadol._ S. 709.
Ursachen und Wirkungen an verschiedenen Substanzen sind daher blos todte
Bestimmungen, die nur uneigentlich diesen Namen verdienen, und deren
Eine allenfalls gänzlich wegbleiben könnte, ohne die andere wegfallen zu
machen. Denn die Ursache selbst ist in diesem Falle ganz und gar nicht
die Bedingung des Eintrittes der Wirkung; die letztere ist blos eine
Folge des ihrer Monade von Anbeginn her inwohnenden Gesetzes, so wie die
(scheinbare) Ursache an der andern Monade gleichfalls nichts als eine
Folge des dieser letzteren inhaftenden Gesetzes ist, und nur der
Umstand, daß Gott diese beiden Gesetze von Anfang her so gewählt und
eingerichtet hat, daß einst kraft derselben zu gleicher Zeit an beiden
Monaden solche Veränderungen eintreten müssen, die zu einander im
Verhältnisse von Ursache und Wirkung zu stehen scheinen, dieser Umstand
gibt ihnen den seit Ewigkeit her prästabilirten Zusammenhang.
Wie es aber komme, daß wir trotz dieser vollkommenen realen
Unabhängigkeit jeder Monade für sich von aller äußeren ursachlichen
Wirksamkeit und ihrer ausschließenden Schöpferkraft sämmtlicher inneren
Veränderungen aus sich selbst, als den nothwendigen Folgen ihrer
immanenten Veränderungsgesetze, doch zu der Vorstellung eines
ursachlichen Zusammenhangs der Dinge untereinander gelangen, davon gibt
=Leibnitz= die eigenthümliche Erklärung: »Diese innige Verknüpfung
(_liaison_), oder die Uebereinstimmung aller geschaffenen Dinge (die,
wie wir oben sahen, durch den Zusammenhang der idealen Welt der
immanenten Gesetze untereinander entsteht) mit jedem Einzelnen und jedes
Einzelnen mit allen Uebrigen macht, daß jede einfache Substanz
Beziehungen an sich trägt, die ein Abdruck aller übrigen Substanzen
sind, und folglich jede einzelne gleichsam als ein lebender
immerwährender Spiegel des Universums erscheint(46).«
(46) _Monadol._ S. 709.
Die Gottheit als Weltbaumeister erscheint hier unter dem Bilde eines
Mosaikkünstlers, der aus den einzelnen Monaden wie aus Steinchen das
ganze Weltgebäude zusammensetzt, und dabei sehr wohl im Sinne haben muß,
welche Stellung jedes so oder anders gefärbte Steinchen einnehmen müsse,
um den gewünschten Effect hervorzubringen. Jedes Steinchen oder
Stiftchen befindet sich gegen jedes andere in einem bestimmten
Verhältniß der Lage und zwar gegen jedes in einem andern. Diese
Verhältnisse überblickt aber nur der ordnende Künstler. Nur seinem
Geiste ist das Ganze gegenwärtig nach Zweck und Absicht, das Steinchen
steht in diesen Verhältnissen, ohne davon, abgesehen von der inneren
Unfähigkeit, eine Kenntniß zu haben. Insofern es aber in seinen eigenen
Verhältnissen steht, wird es durch dieselben Ursache gewisser
Bestimmungen an der Lage aller übrigen Steinchen, die sämmtlich anders
angeordnet sein könnten und sein würden, wenn dieses einzige Steinchen
mangelte. Die Monaden nun haben untereinander und zum geordneten Kosmos
ein ganz ähnliches Verhältniß wie die Steinchen unter sich und zum
Mosaikbilde, das sie ausmachen. Jede Monade hat bestimmte Verhältnisse
zu jeder andern, und wird dadurch Grund gewisser Bestimmungen an diesen.
In diesem Sinne heißt sie (sehr uneigentlich) ein Spiegel derselben. Die
Verhältnisse sind aber für dieselbe völlig äußerlich, völlig objectiv,
sie weiß selbst von denselben nichts; nur die oberste Intelligenz des
Weltbaumeisters kennt sie vollständig und vermag daher aus der Lage und
dem Verhältniß einer einzigen Monade jene aller Uebrigen zu erschließen.
Die Verhältnisse, in welchen eine Monade steht, und die Bestimmungen,
welche sie dadurch an anderen Monaden erzeugt, deren Erkenntniß daher
eine wenn auch nur geringe und undeutliche Vorstellung von den letzteren
gibt, verhalten sich zu der Monade selbst, wie die Bilder der sie
umgebenden Gegenstände zu dem Spiegel, welcher dieselben auffängt. Diese
sind für den Spiegel selbst Nichts, sie sind nur für den Beschauer
Etwas. Dieser gewahrt die Bilder und schließt daraus auf das
Vorhandensein, auf Nähe und Ferne der erzeugenden Gegenstände. Eben so
würde eine so vollkommene Intelligenz, wie jene des Weltbaumeisters, aus
Lage und Beschaffenheiten einer einzelnen Monade, d. i. aus den an ihr
befindlichen objectiven Verhältnissen und Beziehungen zu den übrigen
Monaden die Construction und Anordnung des ganzen übrigen Weltalls zu
beurtheilen im Stande sein, auf ähnliche Weise, wie im geringeren Grade
ein Maler aus wenigen Strichen die Anlage eines Gemäldes, oder ein
Geometer aus der gegebenen Lage einer Linie und zweier Winkel das ganze
Dreieck zu erkennen vermag.
So innig zusammenhängend und nach so bestimmten unverrückbaren Gesetzen
geordnet dachte sich =Leibnitz= das Universum. Gott wählte diese
Gesetze, weil sie die einzigen waren, welche die beste Welt schaffen
konnten, die er kraft seiner Heiligkeit schaffen wollte und kraft seiner
Macht zu schaffen vermochte; jede andere hätte dem Begriffe Gottes
widersprochen. Dies war ihm so gewiß, daß er darauf sein
unerschütterliches Vertrauen gründete, das Uebel in der Welt sei ein
nothwendiges Uebel, wenn es eines sei, und zwar das kleinste aus allen
möglichen Uebeln; im Grunde sei es aber gar keines, sondern erscheine
uns als ein solches nur von unserm untergeordneten Standpunkt aus,
während es auf das Ganze irgend einen wohlthätigen Einfluß hat.
Noch aber würde dieses Universum einen traurigen Anblick darbieten. Die
Monaden sind wirklich noch nichts, als todte Spiegel, die von ihren
eigenen Bildern (Verhältnissen) nichts wissen. Das einzige die Letztern
vorstellende Wesen ist die Gottheit und diese ist zugleich das sie am
vollkommensten vorstellende Wesen. Die vermittelnden Stufen zwischen dem
gänzlichen Mangel alles Vorstellens und dem vollkommensten Vorstellen
findet =Leibnitz= in dem mehr oder minder deutlichen Vorstellen, wodurch
die oben genannten Kasten: Entelechieen, Seelen, niedere und höhere
Geister sich unterscheiden.
Man unterscheidet an der Monade ein Inneres und Aeußeres, innere
unabhängige, spontane Veränderungen und äußere, objective Beziehungen
und Verhältnisse zu andern: Spiegelbilder. Um uns hier eines
Gleichnisses zu bedienen, stellen wir uns einen Mann vor, der über und
über in eine spiegelnde Rüstung gehüllt ist und mit geschlossenen Augen
dasteht. Dieser Mann hat Vorstellungen von denen er weiß, aber von den
Bildern, welche unterdeß die umgebenden Gegenstände auf seine Rüstung
werfen, weiß er nichts. Seine Vorstellungen sind von diesen äußeren
Bildern ganz unabhängig, sie sind, mit =Leibnitz= zu reden, seine
_perceptiones_, die Bilder seine _repraesentationes_. Jene sind ein
Inneres, diese ein Aeußeres für ihn, und beide brauchen so wenig zu
harmoniren, wie die wirklich vorhandene Welt mit der idealistischen
isolirten Weltanschauung, die sich in jeder Monade bildet, zu harmoniren
braucht. Der Mann mag glauben, sich in einem Garten zu befinden, während
in seiner Rüstung sich der Saal abspiegelt, darin er sich in der That
aufhält.
Idealismus und Realismus werden hier scharf aus einander gehalten. Jede
Monade hat ihren aparten Idealismus, ihre singuläre Weltansicht, ihre
eigene mögliche Welt, während es doch nur eine einzige =wirkliche= Welt
gibt und geben kann. Soll nun nicht ein beständiger Conflict der
geträumten ideellen mit der wirklichen Welt entstehen, so muß das
Aeußere in das Innere verwandelt, die objectiv (gleichsam) an der
Außenseite der Monade als Spiegelbild vorhandene Vorstellung der
wirklichen Welt muß zur innern subjectiven gemacht, die Monade muß sich
ihres Spiegelbildes der wirklichen Welt bewußt werden. In dem Beispiel,
das wir oben zu Hilfe nahmen, würde dies z. B. dadurch geschehen, daß
der Träger der Rüstung die an derselben befindlichen Spiegelbilder
gewahr und dadurch seines Irrthums inne würde, sich im Freien zu
befinden. Bei der Monade geschieht es durch eine Art psychologischen
Prozesses, der auch den Grund zur Trennung dunkler und deutlicher
Vorstellungen herleiht, indem die blos äußerlichen Spiegelbilder dunkel,
diejenigen aber, deren sich die Monade bewußt geworden, ihre deutlichen
Vorstellungen heißen.
Das Resultat dieses Processes wird die Ueberzeugung sein, daß die Monas,
weil ihre innerliche Weltanschauung nur das zum Bewußtsein gekommene
Spiegelbild der wirklichen Welt sein kann, die letztere so wie sie
wahrhaft ist, vorstellt, ihr Idealismus also mit dem wahren Realismus
identisch ist. Möglich wird dies Resultat nur durch die prästabilirte
Harmonie, vermöge welcher die sich auf schöpferischem Wege in der Monas
entwickelnden Vorstellungen keine andern sein können, als welche
virtuell in ihrem immanenten speciellen Veränderungsgesetze präformirt
sind. Dieses Veränderungsgesetz hat Gott in die Monas hineingelegt, der
auch die wirkliche Welt, deren Spiegelbild an der Außenseite der Monade
haftet, geschaffen hat. Es hieße an seinem Wollen des allgemeinen Besten
zweifeln, wollte man nicht annehmen, daß er das Mutationsgesetz in jeder
einzelnen Monas so eingerichtet habe, daß in ihr nur Vorstellungen sich
erzeugen, wie sie der wirklichen Welt und der Bestimmung der Monas in
dieser zu wirken und zu handeln, angemessen sind.
Der Idealismus der einzelnen Monas ist daher kein schlechthin freier,
sondern ein durch ihr immanentes Mutationsgesetz bedingter, und besteht
nur in der Unabhängigkeit von realer äußerer Einwirkung, nicht aber von
innerer. Das Veränderungsgesetz selbst hat seinen Grund in Gott und zwar
in dem praktischen, dem Willenselement desselben, kraft dessen er das
Beste der Welt will. Eine ähnliche Beschränkung des absoluten Idealismus
trifft man bei =Fichte= in seiner Berufung auf die moralische
Weltordnung und die Bestimmung des Menschen, wobei er nur die bei
=Leibnitz= noch mächtige und unvermeidliche Persönlichkeit des
Weltordners hinweggedacht hat.
Ohne daher eine Einwirkung von irgend einer der übrigen Monaden direct
zu erfahren, steht jede Monas in gewissen Verhältnissen zu jeder
derselben und erkennt diese Verhältnisse kraft ihres immanenten
Mutationsgesetzes in größerer oder geringerer Anzahl, und mehr oder
weniger deutlich. Ihre Vorstellungen sind idealistisch, aber Gott hat
dafür gesorgt, daß sie der wirklichen realen Welt jederzeit entsprechen.
Die Abwesenheit des directen causalen Zusammenhanges kann unter diesen
Umständen unserer praktischen Verpflichtung und wirklichen Thätigkeit
keinen Schaden thun. Die Dinge wirken nicht auf die Seelenmonas, diese
aber empfindet sie und stellt sie vor, gerade so als ob sie auf sie
wirkten. Ohne von ihnen genöthigt zu werden, stellt die Seelenmonas die
Dinge vor, wie sie wirklich sind, und dies in Folge ihres immanenten
Veränderungsgesetzes, da Gott uns unmöglich kann täuschen wollen,
welches letzten Argumentes sich auch schon =Descartes= bedient hat.
Es ist nun klar, wie wir zu der Annahme eines causalen Zusammenhanges
gelangen. Dieser findet in Wahrheit nicht statt, aber er =scheint=
stattzufinden. Wegen des gleichmäßig geordneten Ablaufs von
Veränderungen in sämmtlichen Monaden treten gewisse Veränderungen in
mehreren gleichzeitig ein, wiederholen sich dieselben gleichzeitigen
mehrmals, bis sich bei dem Beschauer allmälig die Idee ausbildet, daß
diese gleichzeitig wiederkehrenden Veränderungen zusammengehören, die
eine nicht ohne die andere sein kann, zwischen beiden also dasselbe
Verhältniß statthabe, das wir sonst Ursache und Wirkung zu nennen
gewohnt sind. Da wir dies blos als eine Verknüpfung der gleichzeitigen
Veränderungen beim Beschauer, keineswegs aber die eine als
hervorgebracht durch eine besondere Kraftäußerung der andern ansehen, so
macht sich die Causalität hier schon als eine bloße Regel der Zeitfolge
geltend, wofür sie =Hume= und die Skeptiker später ausdrücklich
erklärten. Nach =Leibnitz= bedeutet das Causalverhältniß zwischen _a_
und _b_ nichts Anderes als: die Veränderungsgesetze zweier Monaden sind
so beschaffen, daß sobald in Folge des einen in seiner Monas der Zustand
_a_ eintritt, in Folge des andern in der zweiten Monas der Zustand _b_
eintreten muß. Dann heißt der Zustand _a_ und jeder ihm ähnliche die
Ursache des Zustandes _b_ und jedes ihm ähnlichen und dieser die Wirkung
von jenem. Er heißt aber nur so, er ist es nicht, denn beide sind völlig
unabhängig von einander nach den immanenten Mutationsgesetzen
verschiedener Monaden erfolgt.
=Leibnitz= selbst nannte seine Monaden »geistige Automaten.« Wie diese
der Künstler, nachdem er sie gehörig aufgezogen hat, sich selbst
überläßt, in der sicheren Voraussetzung, es werde jede Schraube und
jedes Rädchen in denselben seinerzeit gehörig eingreifen, um die
Bewegungen hervorbringen zu helfen, die die Maschine zu machen bestimmt
ist: gerade so überläßt auch Gott die Monaden, nachdem er ihnen die
passenden Gesetze eingeprägt hat, ihrer Selbstthätigkeit, die ohne
eigenes Zuthun stets mit jener aller übrigen zusammenstimmen muß.
Die prästabilirte Harmonie, die wir so eben als statthabend zwischen den
freischöpferischen Vorstellungen der Monaden und den objectiven
äußerlich an denselben in Folge des Zusammenhanges der Welt sich
bildenden Spiegelbildern dargestellt haben, findet sich auch zwischen
den ersteren und den körperlichen Bewegungen. Vollkommnere Monaden
machen den Mittelpunkt minder vollkommener aus, wie die Seele den des
Körpers. Die Vollkommenheit aber richtet sich nach der größeren oder
geringeren Menge deutlicher Vorstellungen, und scheidet darnach
Entelechieen, Seelen und Geister, welche letzteren sich schon bis zu
abstracten Begriffen und Vernunfterkenntnissen zu erheben vermögen. Jede
Monade trägt Beziehungen zu allen übrigen Monaden an sich, sie spiegelt
das ganze übrige Universum vor. Sollte dies bis in's kleinste Detail mit
vollkommenster Deutlichkeit geschehen, so müßte jede einzelne Monas Gott
sein, denn dies würde eine unendliche Erkenntnißkraft voraussetzen, weil
unendlich viele Beziehungen vorhanden sind. Sie erkennt daher von
diesen, so lange sie blos Entelechie ist, alle, sobald sie Seele ist,
den größten Theil ihrer Beziehungen und Verhältnisse zu andern nur
verworren (_confuse_). Deutlich erkennt eine Seele nur einen kleinen
Theil derselben, etwa die nächsten oder, im Vergleiche mit ihr selbst,
größten und mächtigsten. Die Beschränkung der Monaden erstreckt sich
daher nicht auf die Gegenstände, welche sie vorstellt, die bei allen
dieselben sind, nämlich das gesammte Universum, sondern auf die Art und
Weise, =wie= sie dieselben vorstellen. Natürlich folgt daraus, daß jede
Seele einen andern Theil der sie umgebenden Dinge deutlich vorstellt,
z. B. ihren eigenen Körper(47). Da aber der Raum stetig erfüllt ist, so
pflanzt sich dieses deutliche Vorstellen einer Monade mittelbar durch
das ganze All fort, indem die von der Monade _a_ deutlich vorgestellten
Monaden selbst wieder andere deutlich vorstellen, und so fort, was
=Leibnitz= so ausdrückt: »Da die Materie zusammenhängend ist, und jede
Bewegung im erfüllten Raume auf distante Körper eine Einwirkung im
Verhältniß zu ihrer Distanz ausübt, so zwar, daß jeder Körper nicht blos
von dem ihm zunächst befindlichen afficirt wird und gewisser Weise
mitempfindet, was diesem widerfährt, sondern durch dessen Vermittlung
auch mit jenen mitfühlt, welche an den ihn unmittelbar berührenden
anstoßen: so folgt, daß diese Einwirkung sich auf was immer für eine
Distanz hinaus erstrecke, und jeder Körper alles mitempfinde, was im
ganzen Universum geschieht(48).« Deutlich also stellt die Seele nur
ihren Körper vor, und insofern dieser durch den Zusammenhang aller
Materie im erfüllten Raume untereinander das Universum ausdrückt,
»stellt die Seele, indem sie ihren Körper vorstellt, das Universum
selbst vor(49).« Wie es nun komme, daß die Veränderungen in den Körpern,
ohne daß die Seele real auf denselben einzuwirken vermag, doch
regelmäßig erfolgen, läßt sich aus den regelmäßigen inneren
Veränderungen der einfachen Monaden erklären, welche die Körper
constituiren. Die Körper, als Zusammengesetztes, =sind= nicht wahrhaft;
an ihnen kann daher auch keine Veränderung vorgehen, sondern was wir
eine Veränderung an einem Körper zu nennen pflegen, ist nichts als das
Resultat aller gleichzeitig in den einfachen Monaden, welche den Körper
ausmachen und denen allein wahrhafte Existenz zukommt, vorgehenden oder
vorgegangenen Veränderungen. Herrscht aber, wie vorausgesetzt, zwischen
den Veränderungen in den einfachen Wesen und Theilen des Körpers die
prästabilirte Harmonie, so muß diese auch zwischen den Summen der
gleichzeitigen Veränderungen in mehreren Körpern, also zwischen den
(scheinbaren) Veränderungen dieser Körper selbst stattfinden. Das
Resultat der gleichzeitigen Veränderungen in den einfachen Theilen eines
Körpers, welches dann eine Veränderung des Körpers selbst heißt, läßt
sich am richtigsten mit der Summe vergleichen, weil die einzelnen
Summanden, die Veränderungsreihen in den einfachen Theilen, von einander
ganz unabhängig sind, und einander wechselseitig aus ofterwähnten
Gründen durchaus nicht modificiren. Auf diese Weise setzte =Leibnitz=
höchst geistreich und scharfsinnig die Beschaffenheit des organischen
Wesens, dessen organische Gliederung bis in's Einzelne und Kleinste mit
einer Klarheit und Wahrscheinlichkeit auseinander, die seinem
atomistisch-monadischen System so viel Eingang verschaffte, und von den
Resultaten der Naturwissenschaften immer augenscheinlicher bestätigt
wurde. »Jeder organischer Körper,« sagt er, »ist eine Art göttlicher
Maschine, ein natürlicher Automat, der alle künstlichen unendliche Mal
übertrifft. Denn eine Maschine von Menschenhand ist es nicht mehr in
ihren kleinsten und letzten Theilen, und es gibt z. B. an einem Stegrade
Theile und Bruchstücke genug, die nichts Kunstreiches mehr an sich und
zum Totalzwecke der Maschine beinahe keinen Bezug haben. Aber die
Maschinen in der Natur, ich meine die lebenden Körper, sind noch in
ihren kleinsten Theilen bis in's Unendliche hinab Maschinen. Und dies
ist der Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Kunst(50).« Und
mit welcher Begeisterung spricht er allenthalben von der Belebung des
Weltalls bis in seine kleinsten Theile, obgleich ihn erst =Swammerdam='s
und =Leuvenhök='s kaum begonnene Forschungen auf diesem jetzt durch
=Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felde unterstützten! Während er
aber dieses that, übersah er oder wollte er nicht sehen, daß zu einer
wahren Belebung auch wechselseitige Thätigkeit und Wirksamkeit gehöre,
und jene ohne diese eigentlich keinen Sinn habe. Oder werden wir wohl
von Belebung bei einem Körper sprechen können, dessen einzelne Theile
zwar sich selbstthätig bewegen, deren keiner aber den andern bewegt,
indem keiner eine Art freiwilliger Herrschaft über die andern ausübt,
die sich alle theilnahmslos, und nur mit sich selbst beschäftigt, neben
einander hintreiben, oder vielmehr von immanenten Gesetzen unwillkürlich
und mechanisch getrieben werden. Dennoch hielt =Leibnitz= an seiner
prästabilirten Harmonie mit einer Zuversicht fest, die ihn von ihr sagen
ließ: »sie sei die vernünftigste und zugleich diejenige Annahme, welche
die höchste Idee von der Harmonie des Universums und der Vollkommenheit
der Wesen Gottes gibt(51).« Da ihm der Occasionalismus hauptsächlich um
deswillen verwerflich dünkte, weil er die Gottheit zum Werkzeuge blinder
Naturgewalt, noch mehr, weil er sie zum Diener der Willkür geschaffener
Wesen herabzuwürdigen schien, der bei der Hand sein müßte, sobald Leib
oder Seele seiner bedürften, der physische Einfluß aber mit der
Einfachheit der Substanzen ihm in jedem Sinne unvereinbar vorkam: so bot
ihm die prästabilirte Harmonie dagegen unermeßliche, und wie er meinte
gerade solche Vorzüge, wie sie seinem edlen, für Menschenwohl und echte
Religiosität glühenden Herzen am willkommensten waren. =Leibnitz= war
ein Kosmopolit; sein Augenmerk traf immer das Ganze; die Mathematik
hatte dasselbe für die Wahrnehmung des regelrechten Ganges in Natur und
Menschenloos geschärft, es bedünkte ihn eine bare Unmöglichkeit, daß
dies alles das Werk eines blinden Zufalls sein sollte. »Genöthigt,«
sagte er, »zuzugeben, daß es unmöglich sei, daß die Seele oder irgend
eine andere wahrhaft einfache Substanz von außen her Etwas empfange,
wenn dies nicht durch die Allmacht Gottes geschieht, ward ich unvermerkt
zu einer Ansicht hingetrieben, die mich überraschte, die mir
unvermeidlich schien und die wirklich große Vortheile und
beachtenswerthe Schönheiten gewährt(52).« Und an einem anderen Orte
heißt es: »In ihr findet sich der große Gewinn, daß wir, statt wie
mehrere geistvolle Männer (=Descartes=) geglaubt haben, blos scheinbar
und auf eine Weise frei zu sein, die für die Praxis gerade hinreicht,
vielmehr sagen müssen, wir seien nur dem Scheine nach bestimmt, und im
strengen metaphysischen Sinne vollkommen unabhängig von was immer für
Einflüssen aller übrigen Geschöpfe (aber nicht von innern). Diese
Ansicht stellt ferner die Unsterblichkeit unserer Seele in's hellste
Licht, so wie die immer gleichförmige Erhaltung unserer Individualität,
die trotz aller äußeren Zufälle und so sehr auch das Gegentheil wahr
scheinen mag, vollkommen von ihrer eigenen innern Natur geregelt wird.
Niemals hat ein System unsere Erhabenheit mit mehr Evidenz gezeigt.
Jeder Geist ist eine Welt für sich, sich selbst genug, unabhängig von
jeder anderen Creatur, umfaßt er das Unendliche, stellt das Universum
dar, ist so dauernd, so beständig und so in sich vollendet, wie das
Universum der Geschöpfe selbst .... Mit dieser Annahme gelangt man zu
einem Beweise für die Existenz Gottes von überraschender Klarheit. Denn
diese vollkommene Zusammenstimmung so vieler Substanzen, die doch unter
sich wechselseitig keinen Verkehr haben, kann nur von einer
gemeinschaftlichen Ursache kommen(53).« Der letzte Grund war für
=Leibnitz= von entscheidender Wichtigkeit, denn auf diese Existenz war
zuletzt sein ganzes philosophisches Gebäude gegründet. Ohne das Dasein
Gottes fehlte der prästabilirten Harmonie aller Boden; denn mit ihm fiel
die Möglichkeit des Princips der Wahl des Besten hinweg, von dessen
Realität zuletzt Alles abhing. Allein wer sieht nicht, daß der Schluß
von dem Dasein einer prästabilirten Harmonie, die selbst nur unter der
Voraussetzung des Seins der Gottheit haltbar wird, auf das letztere
zurück durchaus keine Kraft hat, vielmehr ein völliges Hysteron Proteron
ist? Auch bedachte =Leibnitz= nicht, daß wir ohne Einwirkung von außen
von dem Vorhandensein anderer Substanzen außer unserer eigenen, also
auch von der Harmonie oder Nichtharmonie der in denselben vorgehenden
Veränderungen mit unseren eigenen nichts wissen können; daß diese
Harmonie für uns so lang eine bloße Hypothese bleibt, so lang wir nicht
auf anderem Wege den Beweis für die Existenz eines Wesens hergestellt
haben, welches bei der ausgemachten (?) Unmöglichkeit, daß eine Substanz
auf die andere wirke, will, daß alles Geschehen in möglichster
Uebereinstimmung zum Wohle des Ganzen und zur Erreichung des
größtmöglichen Besten mit beitrage. Allein =Leibnitz=' galt die
prästabilirte Harmonie für mehr als eine bloße Hypothese, »weil sich auf
keine andere Weise die Dinge gleich gut erklären lassen, dagegen die
größten Schwierigkeiten, die den Denkern bisher aufgestoßen, vor ihr wie
Spreu vor dem Winde verfliegen(54)«. So führt er den Beweis für dieselbe
immer nur aus ihren Folgen für das praktische Erkennen und Handeln, für
die Erkenntniß Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, die menschliche
Freiheit, als die Angelpunkte, um welche sich alles und jedes
metaphysische Denken bewege. Zum Beweise ihrer Wirklichkeit genügte es
ihm, ihre Möglichkeit erwiesen zu haben. »Denn,« sagte er, »warum könnte
Gott der Substanz nicht eine solche Natur oder innere Kraft gegeben
haben, vermöge welcher sie der Ordnung nach (etwa wie ein spiritueller
oder formeller Automat) alles das aus sich producirte, was ihr zustoßen
wird und kann, d. i. alle jene Scheine und Aeußerlichkeiten, die sie
jemals haben und an sich tragen wird, und dies ohne Beihilfe irgend
einer andern Creatur? Um so mehr, da die Natur der Substanz einen
Fortschritt oder Wechsel mit Nothwendigkeit begehrt, und wesentlich
einschließt, ohne welche sie keine Kraft zu handeln und thätig zu sein
besäße? Und da diese Natur der Seele eine repräsentative, nämlich das
ganze Universum auf höchst bestimmte, obgleich mehr oder minder
deutliche Weise vorstellende ist, so wird natürlicherweise die Folge der
von der Seele erzeugten Repräsentationen der Folge der im Universum
selbst stattfindenden Veränderungen entsprechen. Wenn man aber, so wie
es geschieht, selbst sobald man die Seele als nach außen zu wirken fähig
ansieht, zugibt, daß der Körper der Seele angepaßt worden sei, so ist es
doch noch viel vernunftgemäßer, zu sagen, daß die Körper nur für und
wegen der Seelen gemacht worden seien, welche letzteren allein fähig
sind, in die Gemeinschaft Gottes einzugehen und seinen Ruhm zu
verkünden(55).«
(47) Vergl. _Monad._ S. 709.
(48) _Monadol._ S. 710.
(49) _Monadol._ S. 710.
(50) _Monadol._ S. 710.
(51) _Nouveau système_, S. 128.
(52) _Nouv. syst._ S. 127.
(53) _Nouv. syst._ S. 128.
(54) _Nouv. syst._ S. 128.
(55) _Nouv. syst._ S. 127.
Der Mechanismus, dem dieses System das Wort zu reden schien, erregte
schon seiner Zeit lebhaften Widerspruch, am heftigsten den =Pierre
Bayle='s, jenes scharfsinnigen Skeptikers, dessen selbst für unsere Tage
und Verhältnisse noch unzweifelhafte und in manchen Stücken
überraschende Bedeutung erst neuerlich =Feuerbach=(56) in seiner Weise
ins Licht gesetzt hat. Da dieser Streit einer der wenigen ist, deren
Acten von beiden Seiten uns vollständig und von der Hand der Urheber
selbst vorliegen, so wollen wir sowohl die wesentlichsten Einwendungen
=Bayle='s, die meist jetzt noch Geltung haben, als die Widerlegung
=Leibnitz=' in Kürze anführen. Sie finden sich von Seite =Bayle='s in
den beiden Auflagen seines Wörterbuchs(57), von Seite =Leibnitz=' bei
=Erdmann= S. 150-154. =Bayle='s Einwendungen waren im Auszug folgende:
1. Aus dieser Hypothese (der prästabilirten Harmonie) würde folgen, daß
z. B. eine Seele die Empfindung des Hungers haben müßte, auch wenn außer
ihr und Gott gar Nichts, also auch kein Mittel vorhanden wäre, diesen
Hunger zu stillen, weil ja die Veränderungen in ihr ohne Rücksicht und
unabhängig von jenen des Körpers blos nach einem immanenten Gesetz
erfolgen; eine fortwährende schmerzliche Empfindung aber ohne Mittel,
derselben zu steuern, sei mit Gottes Güte und Weisheit unverträglich.
2. Das Dasein schmerzlicher Empfindungen und unangenehmer Gefühle in der
Seele verträgt sich auf keine Weise mit der Spontaneität der letzteren,
weil man nicht annehmen kann, sie werde sich selbst Schmerzen zufügen
wollen.
3. Der Grund, weshalb =Leibnitz= des =Cartesius= Vermittlung zwischen
Geist und Körper durch Gottes Beistand verwirft, beruht auf falschen
Voraussetzungen; denn indem die Gottheit in diesem Falle vermittelnd
eingreift, handelt sie nach allgemeinen, somit (?) nothwendigen
Gesetzen, daher keineswegs als bloßer _Deus ex machina_.
4. =Bayle= fragt, ob denn jene die innern Veränderungen erzeugende und
schaffende Kraft der Seele die Reihe der Vorstellungen kenne, die sie
erzeugen wird. Die Erfahrung scheine dies Letztere nicht zu bestätigen,
weil wir ja nicht einmal je mit Sicherheit anzugeben im Stande sind,
welche Vorstellungen wir etwa nach einer Stunde haben werden. Die Reihe
der Vorstellungen bestimme und regiere daher wohl irgend ein anderes
äußeres Princip, nicht die Seele selbst. Ob dies selbst aber wohl etwas
Anderes sei, als auch wieder ein _deus ex machina_?
5. Mit welchem Rechte, fragt er weiter, könne =Leibnitz= wohl, nachdem
er kaum mit gewichtigen Gründen erwiesen habe, die Seele sei einfach und
untheilbar, dieselbe plötzlich mit einer Pendeluhr vergleichen? d. i.
sie zu einem Wesen machen, welches vermöge seiner innern Einrichtung
verschiedene Thätigkeiten haben kann, wenn es sich der vielfachen ihm
vom Schöpfer verliehenen Vermögen bedient? Wohl sei zu begreifen, daß
ein einfaches Wesen, so lange keine äußere Macht es abändert (was ja bei
Monaden ohnedies unmöglich ist), nur ewig gleichförmig (_uniformément_)
handeln könne. Wäre es dagegen zusammengesetzt, wie es eine Maschine,
wie eine Pendeluhr, ist, so würde es auch auf verschiedene Weise handeln
können, weil die besondere Thätigkeit jedes Theils von Moment zu Moment
die Thätigkeit der übrigen zu modificiren vermöchte. Allein woher in der
einfachen auf sich selbst beschränkten Substanz der Grund des
Thätigkeitswechsels; woher überhaupt und wie ist die Vielheit in der
Einheit möglich?
(56) =Pierre Bayle= nach seinen für die Gesch. der Philos. und
Menschheit interessantesten Momenten. Ansbach, 1838.
(57) _Dictionn. histor. crit. ed. I. Rotterodami, 1697. II. tom.
II. part. p. 965._
Wie ganz nahe streift dieser letzte Punkt an Dasjenige, was von der
neuesten monadistischen Schule gegen das Vorhandensein mehrfacher
Vermögen und mehrfachen Qualitätenwechsels in der einfachen Substanz
vorgebracht worden ist! Auch hier wird die Untheilbarkeit der einfachen
Wesen in andere wieder =selbständige Wesen= mit der seinsollenden
Unmöglichkeit verwechselt, an derselben Substanz mehrere zugleich
haftende oder einander ablösende =Beschaffenheiten= zu unterscheiden. In
dem angeführten Beispiel aber wird übersehen, daß ja auch wenn wir ein
Zusammengesetztes vor uns hätten, darin ein Theil den andern modificiren
soll, dies nur möglich ist, wenn die einfachen Wesen überhaupt die
Fähigkeit haben, auf Andere zu wirken. Statt also Anstand zu nehmen, wie
eine Vielheit in einer einfachen Einheit Raum finden könne, hätte
vielmehr herausgehoben werden sollen, wie widersprechend ein
Thätigkeitswechsel sei, der nicht durch äußere Einwirkungen
hervorgebracht werden, sondern einzig in einer _causa sui_ seinen Grund
haben soll.
=Leibnitz= selbst erwiederte auf diese Einwendungen in einem Briefe
ungefähr Nachstehendes(58). Die Erste derselben, meint er, beruhe auf
einer metaphysischen Fiction, die im natürlichen Laufe der Dinge gar
nicht eintreten könne. Allerdings habe Gott jede Monas unabhängig
gesetzt von jeder andern, allein es widerspreche seinen göttlichen
Eigenschaften, nicht mehr als eine einzige Substanz geschaffen zu haben.
In diesem Falle müßte er ferner die einzelnen Substanzen gänzlich ohne
Verbindung und außer Zusammenhang unter einander hingestellt haben; jede
hätte ihre aparte Welt für sich, etwa so wie man sich im Traum eine
ausmalt, die nicht wirklich vorhanden ist. Aber selbst angenommen, die
Seele sei ganz allein vorhanden, sei es dennoch nicht unmöglich, daß sie
Veränderungen erleide. Das Letztere folge sogar aus dem Naturgesetze,
daß ein jedes Ding seinen einmal erlangten Zustand ohne Hinzutritt einer
äußeren Störung fortwährend beibehalten müsse. Was in Ruhe sei, bleibe
in Ruhe, was in Bewegung, Veränderung begriffen sei, verändere sich
fortwährend(59). Die Natur eines geschaffenen Wesens sei es, sich
continuirlich zu verändern, und dies zwar nach einem bestimmten
Mutationsgesetze, von solcher Beschaffenheit, daß eine höhere
Intelligenz mit Hilfe seiner Kenntniß aus den gegenwärtigen alle
künftigen Veränderungen vorherzusehen und zu erschließen vermöge. Da nun
dieses Mutationsgesetz für jede Monas ein anderes sei, weil jede andere
Veränderungen hat, so mache es die Individualität jeder einzelnen Monas
in Bezug auf das ganze übrige Universum aus, und dieser Bezug auf das
Universum sei es, welcher die Möglichkeit ausschließe, daß irgend eine
einzelne Substanz allein mit Gott ohne Andere in der Welt vorhanden sei.
Dabei kommt Alles darauf an, was man sich unter jenem Mutationsgesetze
denkt. Betrachtet man es als eine Kraft, welche ohne selbst beschränkt
zu sein, die übrigen Kräfte und Vermögen der Seele so leite, daß sie
gerade bestimmte Veränderungen hervorbringen, so ist sie selbst die
eigentliche Substanz (da sie doch als Kraft eben Etwas, welches dieselbe
besitzt, voraussetzt, also eigentlich nur Adhärenz ist), das eigentlich
Freithätige. Bedeutet es aber blos die Nothwendigkeit, daß um der
übrigen Monaden willen eine gewisse Monade nur gewisse Veränderungen
haben dürfe, so erscheint ja diese letzte beschränkt durch das Dasein
außer ihr befindlicher Substanzen, erleidet daher eine (wirkliche, ihre
physische Natur angehende, nur nicht materiell transitorische)
=Einwirkung= von denselben, die ja eben durch die Annahme des
Mutationsgesetzes vermieden werden sollte.
(58) _»Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans,
contenant des eclaircissements de difficultés, que Mr. =Bayle= a
trouvé dans le système nouveau de l'union de l'âme et du corps.«
Histoire des ouvrages des savans. Juillet, 1698. p. 329._ Bei
=Erdmann= S. 150-154.
(59) So allgemein ausgedrückt, beweiset dieser Satz mehr, als
=Leibnitz= will, und gegen ihn. Denn obgleich die gestoßene Kugel,
auch nachdem der Stoß aufgehört hat, fortfährt, den Ort zu verändern,
also in der Veränderung beharrt, so ist es auf der andern Seite eben
so wahr, daß, so lange keine äußere Störung eintritt, die
Geschwindigkeit, mit welcher sie ihren Weg fortsetzt, unverändert
bleibe. Die Monaden sind einer Störung von außen nicht fähig, ihr
einmal angenommener Zustand muß also derselbe für alle Zeiten bleiben.
War dieser ein Zustand der Ruhe, so muß die Monade für alle Zeit
denselben Zustand, also dieselbe Vorstellung behalten, ein Ausspruch,
dem die unmittelbarste innere Erfahrung jeden Augenblick auf das
Bestimmteste widerspricht. War jener aber ein Zustand der Veränderung,
so währt diese continuirlich fort, so daß in jedem Zeitpunkt ein
anderer Zustand in der Monas stattfindet, und nicht zwei auch noch so
nahe an einander gelegene Zeittheile angebbar sind, innerhalb welcher
eine und dieselbe Vorstellung in der Seele beharrt, was gleichfalls
wohl Jeder an sich selbst schon widerlegt gefunden hat. Es bleibt also
nichts übrig, als äußere modificirende Wirkungen, Einwirkungen
zuzugeben, wenn man der gewissesten inneren Erfahrung nicht auf's
schneidendste widersprechen will.
Gegen 2. entgegnet =Leibnitz=, daß spontane, d. h. ohne fremde
Veranlassung aus eigenem Vermögen erzeugte Veränderungen um deswillen
nicht immer freiwillige sein müssen, und in den Monaden als Folgen der
immanenten Mutationsgesetze derselben auch in der That nicht sind, es
also keineswegs in der Macht der Seele stehe, sich mißfälliger oder
unangenehmer Vorstellungen nach Belieben zu entäußern. Was 3. angeht, so
behalte sein System immer noch genug Vorzüge vor dem cartesianischen,
selbst wenn es sich bestätigte, daß dieses nicht so häufig zum Wunder
seine Zuflucht nehme, als der Occasionalismus seiner Natur nach nöthig
zu machen scheint. Denn während dieser sich mit der fortwährenden
Ueberwachung zweier Uhren (=Leibnitz=' Lieblingsgleichniß) vergleichen
lasse, die eigensinnig oder übel eingerichtet nie gleichförmig gehen
wollen, gleiche die Harmonie seiner Substanzen vielmehr der Concordanz
zweier trefflich eingerichteten, immer gleich gehenden Uhren, was eines
großen Künstlers gewiß würdiger sei! Um den vierten Punkt zu entkräften,
bedürfe es nur einer Unterscheidung zwischen deutlichen und verworrenen
Vorstellungen. Jede Vorstellung, die wir gehabt, läßt Spuren in der
Seele zurück, welche zur Modification aller künftig eintretenden mit
beitragen helfen, ihrer Menge aber wegen von uns nicht mehr deutlich
erkannt und unterschieden werden. Ohne daß der jedesmalige Zustand der
Seele aufhöre, ganz natürliche Folge aller vorhergegangenen zu sein,
kann doch nur eine höhere Intelligenz (also nicht die Seele selbst) die
Gründe erkennen, die in den früheren Zuständen liegen, und um deren
willen die späteren gerade so und nicht anders beschaffen sein können,
als sie es sind, und nur eine solche kann daher mit Sicherheit
vorausbestimmen, welche Zustände künftig noch in der Seele eintreten
werden.
Auf den fünften, bedeutendsten dieser Einwürfe antwortet =Leibnitz=, man
könne immerhin sagen, die Seele sei ein immaterieller Automat; was aber
ihr einförmiges Thätigsein betreffe, so müsse man unterscheiden: dies
könne 1. so viel heißen, als nach demselben Gesetze fortwährend thätig
sein, und in diesem Sinn finde es bei jedem (einfachen oder
zusammengesetzten) Wesen wirklich statt, oder es bedeute 2. einförmige,
d. h. einander beständig gleiche Veränderungen, und in diesem Sinne sei
es falsch. So schreite die Bewegung in parabolischer Linie beständig
nach demselben Gesetze fort, sei also wohl einförmig im ersten,
keineswegs aber im zweiten Sinne des Worts, denn die Stücke der
parabolischen Bahn sind sich nichts weniger als ähnlich. Auch habe die
Seele in jedem Augenblick mehrere Vorstellungen zugleich, welche für sie
dasselbe bedeuten, wie die Mehrheit der Theile für eine Maschine. Denn
jede vorhergehende Vorstellung habe Einfluß auf alle nachfolgenden.
Ueberdies schließe jede wahrnehmbare Vorstellung noch eine Menge
kleinere und weniger bedeutende Vorstellungsacte in sich, die sich nur
nach und nach entwickeln und sichtbar werden, wie schon aus der
repräsentativen Natur der Seele folge, welche mittels der Verknüpfung
und des Zusammenhangs aller Theile des Universums unter einander Alles
ausdrückt, was im ganzen Universum geschieht und geschehen wird. Diese
Lösung der Frage, wie eine Vielheit in der Einheit möglich sei, steht
und fällt mit der prästabilirten Harmonie. Denn da gleich in vorhinein
angenommen wird, jede Monas stehe zu jeder andern in einem andern
Verhältniß, also in unendlich vielen Verhältnissen, die sich sämmtlich
an der Außenseite (?) der Monade »spiegeln« und ihre objectiven dunkeln
Vorstellungen ausmachen, so haben wir gleich von Anbeginn her eine
unendliche Menge zugleich vorhandener, wenigstens dunkler Vorstellungen
in der Monas und _ab esse valet conclusio ad posse_. Es frägt sich nur,
ob es mit dem Spiegeln seine Richtigkeit habe. Aus der (scheinbaren)
Unmöglichkeit einer Vielheit in der Einheit ist =Herbart='s ganze
abweichende Theorie der Seelenlehre geflossen, welche die Mehrheit der
Kräfte und Vermögen mit der Einfachheit der Seele für unvereinbar
erklärt, und auf die wir zurückkommen werden, wenn von den im Begriffe
des Dinges mit mehreren Merkmalen und der Veränderung angetroffenen
Widersprüchen die Rede sein wird.
Den obigen verwandt sind die späteren Einwendungen =Bayle='s in der
zweiten Auflage seines Wörterbuchs und =Leibnitz=' Erwiederungen(60).
=Bayle= vergleicht dort die Monas mit einem Schiffe, das ohne von
Jemanden regiert zu werden, sich kraft immanenter Gesetze von selbst an
den Ort seiner Bestimmung begibt und =Leibnitz= meint darauf, eine
Maschine dieser Art zu verfertigen, werde auch einem endlichen Geiste
wohl einmal möglich werden, warum sollte es eine eben so construirte
Monas dem unendlichen Wesen nicht sein? Wie aber Jener die Seele Cäsars
als Beispiel anführt und fragt, wie es denn komme, daß deren Körper ohne
ihr eigenes Zuthun sich ihr so vollkommen anbequemt habe, da sagt
=Leibnitz= geradezu: »Mit Einem Wort, Alles macht sich im Körper so als
wäre in Bezug der einzelnen Erscheinungen die verwerfliche Lehre
=Epikur='s und =Hobbes=', die Seele sei ein materielles Wesen,
vollkommen wahr, als wäre der Mensch in der That ein bloßer Körper, ein
reiner Automat.« Klingt das nicht völlig so, als hätte sich =Leibnitz=
wirklich zu einem fatalistischen Mechanismus bekannt, dem er vergebens
dadurch ausweichen will, daß er ihn von der Gottheit abhängig macht,
welche Alles auf's Beste erkenne, wolle und vermöge, und auf diese Weise
die blinde Nothwendigkeit als eine weise, vorbedachte und unverrückbare
Ordnung der Dinge erscheinen zu lassen versucht? Mit Recht scheint diese
Ansicht der Vorwurf zu treffen, das absolute Werden und damit auch die
Unfähigkeit vernünftiger Leitung und Lenkung nicht von sich weisen zu
können. Will sie das letztere, und beruft sich ausdrücklich, wie sie es
thut, auf die continuirliche Einwirkung der unendlichen Monas auf alle
endlichen, so trägt die Hypothese einen zweiten Widerspruch an sich, der
noch handgreiflicher aufliegt, als der erstgenannte.
(60) _Repliques aux reflexions contenues dans la seconde édition du
dictionn. hist. crit. de Mr. =Bayle=._ =Erdmann=, S. 183 u. ff.
Gibt es nämlich einerseits keine andere Möglichkeit physischen Einflusses
einer Monade auf eine andere, als in so materiell-transitorischer
Weise, wie sie =Leibnitz= ausdrücklich annimmt, und darauf
eben seine Verwerfung desselben basirt, ist es eben deshalb
absolut unmöglich, daß eine Monade auf die andere wie immer
Einwirkungen ausübe oder von ihr erfahre, wie gleichfalls mit klaren
Worten behauptet wird: wie ist es, möchten wir fragen, denkbar, daß die
Gottheit selbst, die ja, wenn gleich die vollkommenste, doch auch nur
eine Monas sein kann, auf die übrigen Monaden einwirke, was gleichwohl
angenommen und worauf so viel Gewicht gelegt wird? Kann es also helfen,
sich hinter die Allmacht der Gottheit zu flüchten, für welche es gar
keine Beschränkung des Wie und also auch des möglichen äußeren
Einflusses auf andere gebe? Kann selbst die Allmacht das =an sich
Unmögliche=, was die äußere Wirksamkeit zwischen Monaden deren Natur
zufolge sein soll, möglich und wirklich machen? Wäre dies nicht eben so
ungereimt, als der Gottheit die Fähigkeit zuzumuthen, machen zu können,
daß zweimal zwei nicht mehr vier, sondern fünf betrage? Um seinen
eigenen Principien treu zu bleiben, hätte =Leibnitz= entweder auch die
Wirksamkeit der Gottheit auf die übrigen Substanzen negiren, oder er
hätte zugeben müssen, jene materiell-transitorische sei keineswegs die
einzige mögliche Weise eines physischen Einflusses zwischen den
Substanzen. Das Erstere konnte er nicht thun, so wenig als er würde
zugestanden haben, die wirkliche Einwirkung der Gottheit auf die übrigen
Substanzen sei von der Art des Uebergangs materieller Theilchen etwa aus
der Substanz der Gottheit in die geschaffene Monade, da ja beider Natur
einfach, und jene Gottes überdies noch unveränderlich ist. Es wäre ihm
also nichts übrig geblieben, als zuzugestehen, die Art der Einwirkung
der Gottheit auf die Substanzen sei anderer Natur, als jene
materiell-transitorische, die er verworfen hatte, und bestehe wirklich.
Wo liegt aber, möchten wir jetzt weiter fragen, der Grund, daß die Kraft
nach außen zu wirken, die wir so eben der unendlichen Substanz in
unendlichem Maße, nämlich auf alle übrigen unendlich zahlreichen
einfachen Substanzen, zugesprochen haben, nicht auch in minder hohem
Grade den blos endlichen geschaffenen Substanzen zukomme? Sind nicht
diese so gut einfache Substanzen, wie jene? Sind sie von jener generisch
und so verschieden, daß nicht Kräfte, welche sie besitzen, auch jener,
nur in einem unendlich hohen Grade, inwohnen können?(61) Gibt doch
Leibnitz selbst zu, daß dieselben Kräfte, die in der menschlichen Seele
als Erkenntniß- und Willensvermögen auftreten, sich auch an dem höchsten
Wesen, nur im vollkommensten Grade, vorfinden. Warum sollte nun eine
Kraft, welche ausdrücklich dem vollkommensten Wesen inwohnt, ohne welche
dieses nicht sein würde, was es ist, der menschlichen Seele und jeder
andern Monade gänzlich fehlen, da ja der Grund hinwegfällt, daß einfache
Substanzen des Uebergangs materieller Theilchen aus einer in die andere
unfähig seien?
(61) So argumentirte schon =Canz= (=Conz=?) in den _Institutions
Leibnitziennes ou précis de la monadologie (par l'abbé Sigorgne), Lyon
1768_. Er sagt: =Leibnitz= gibt zu, daß Gott auf die Substanzen wirke
und zwar: _non par la transfusion d'une des ses réalités dans nous,
cela est impossible; mais par la limitation, la production même des
nos sensations découlant de l'énergie de sa force et de l'efficace de
sa puissance_. Da diese Wirksamkeit an ihm wirklich besteht, so ist
sie an sich möglich. Was nun an ihm als Attribut in unendlichem Grade
vorhanden ist, kann sich dasselbe nicht wenigstens in beschränkterem
Maße auch bei den übrigen Monaden finden? Es gibt keinen Grund, daran
zu zweifeln. Daraus, daß der Mensch nicht Alles vermag, schließen zu
wollen, er vermöge gar Nichts, wäre eben so fehlerhaft, als umgekehrt
daraus, daß er Einiges vermag, schließen zu wollen, er vermöge Alles.
Auch tritt bei der bloßen Wirksamkeit im Innern ganz dieselbe
Schwierigkeit ein, wie bei jener nach außen, und es ist gar kein Grund
vorhanden, die erstere dem beschränkten Wesen beizulegen, während man
die letztere nur dem unendlichen vorbehält. Die Beschränkung darf
daher nicht die Wirkung nach außen überhaupt, sondern blos den Grad
des Effects treffen, den dieselbe hervorbringt. Jene reelle Einwirkung
kann ohne weiteres angenommen werden, obgleich in Wirksamkeit
(_énergie_) und Erfolg (_effet_) beschränkt, als eine Kraft, so und so
viel zu bewirken und nicht mehr. Gottes Weltordnung besteht darin,
jedem Wesen so viel Kraft zuzuweisen, als ihm nach dem Stande des
Ganzen zukommen darf. Auf diese Weise kann ein Wesen das andere
modificiren, begränzen, sie können sich wechselseitig beschränken,
ohne daß Etwas aus Einem in's Andere übergeht. Der stärkere Körper
unterdrückt die Kraft des schwächeren, der nicht mehr das
Gleichgewicht halten kann, dadurch ein Uebergewicht nach der andern
Seite hin erhält, und eine neue Wirkung hervorbringt, während der
erstere, dessen Kraft nur theilweise gebunden ist, keine so große
Wirkung mehr wie früher ausübt. Dadurch entsteht das Phänomen einer
scheinbaren Mittheilung der Kräfte. Während Gott Substanzen schafft,
schaffen (?) diese selbst nur Modalitäten und Modus, wie unsere Seele
z. B. ihren eigenen. _Le corps resiste plutôt, qu'il n'agit non par sa
masse, mais par sa force_, d. h. die Seele thut eigentlich selbst
nichts, sie verhindert blos, daß das, was geschieht und ist, nicht
anders sei und geschehe, als es in der That ist und geschieht. Die
Folge wird zeigen, sowohl wie richtig die erste Einwendung des alten
Tübinger Professors, als auch wie nahe verwandt seine eigene
Erklärungsweise mit der berühmten Theorie der Selbsterhaltungen
=Herbart='s sei. Dieser Widerstand der Substanzen, der kein Thun sein
soll, und doch verhindere, daß etwas anders sei, als es ist, was ist
das anders, als eine (sogenannte) Selbsterhaltung? Man vergleiche nur,
was =Canz= hier über die Mittheilung der Wirkung sagt, mit demjenigen,
was in =Hartenstein='s Metaphysik über die Erklärung der _actio in
distans_ (S. 380.) vorgebracht wird.
Auf diese Frage findet sich bei =Leibnitz= keine Antwort, dagegen ist es
offenbar, wie sehr er der Annahme einer Einwirkung von Seite der Urmonas
auf die geschaffenen Monaden bedurfte, um nur überhaupt zu der Hypothese
der prästabilirten Harmonie zwischen den letzteren zu gelangen, die ihm
als Metaphysiker ganz gleichgiltig hätte bleiben können. War es einmal,
und davon war =Leibnitz=, wie wir oben nachgewiesen, überzeugt, absolut
unmöglich, daß eine Monas von der andern was immer für eine Veränderung
oder Einwirkung erleide, so ist gewiß auch für jede derselben
gleichgiltig, ob ihre Veränderungen unter einander harmoniren oder
nicht. Sie können einander weder stören noch fördern, ihre Harmonie kann
zu ihrer Selbstentwickelung so wenig Etwas beitragen, als ihre
Disharmonie derselben schaden. Die prästabilirte Harmonie ist daher
nichts weiter als ein Postulat, das sich auf die Voraussetzung des
Daseins des unendlichen Wesens und dessen Fähigkeit, auf die Monaden
verändernd einzuwirken, gründet. Beweisen wollte =Leibnitz= das Dasein
derselben aus der Existenz der ewigen Wahrheiten. Diese letzteren selbst
aber faßte er nur als Ausflüsse des göttlichen Verstandes und Willens.
»Ohne Gott,« sagt er ausdrücklich, »gibt es weder ein Reelles in der
Möglichkeit, noch etwas Existentes, ja überhaupt nicht einmal etwas
Mögliches(62).« Und an andern Orten: »Zwar hängen die Wahrheiten nicht
von seiner Willkür ab, außer jenen, deren Grund im Princip der Wahl des
Besten liegt, also außer den zufälligen oder Erfahrungswahrheiten,« aber
auch »die nothwendigen Wahrheiten hängen einzig von seinem Verstande ab,
dessen innere Objecte sie ausmachen(63).« »Weder die Essenzen noch die
sogenannten ewigen Wahrheiten haben ein blos fingirtes Dasein, sondern
sie existiren, so zu sagen, in einem Ideenreiche in Gott, dem Urquell
alles Seins und Wesens. Daß dies kein leeres Wort sei, beweist, wenn
nichts Anderes, die actuelle Existenz der Dinge. In der Reihe der Dinge
selbst findet man ihren letzten Grund nicht, sondern in den ewigen
Wahrheiten. Existentes aber, wie es die Dinge sind, kann nur wieder in
Existentem gegründet sein. Daher müssen auch die ewigen Wahrheiten eine
wahrhafte Existenz in einem absolut nothwendigen metaphysischen Subject
besitzen, welches Letztere Gott ist, durch den alles, was sonst bloße
Einbildung wäre, realisirt wird(64).« =Leibnitz= sah zu wohl ein, daß
man nicht behaupten dürfe, die Wahrheit hänge von Gottes Belieben ab,
sei etwa nur Wahrheit, weil Gott wolle, daß sie es sei, was er eben
=Descartes= vorgeworfen hatte; da er aber nichtsdestoweniger behauptet,
sie habe ihre Existenz nur im göttlichen Verstande, so sah er sie
dennoch in gewisser Beziehung als von diesem abhängig an. Insofern nun
das unendliche Wesen alle Wahrheiten erkennt, diese Erkenntnisse
Attribute desselben sind, es selbst ein Existentes ist, so haben
dieselben als wirkliche Gedanken eines Wirklichen allerdings gleichfalls
Wirklichkeit, aber nur insofern sie wirkliche Gedanken sind, nicht als
Sätze, als Stoff der Gedanken an und für sich betrachtet. Gott =erkennt=
in seinem Denken die Wahrheiten, d. i. diese selbst sind noch etwas von
seinem Denken derselben Verschiedenes. Sie sind der Stoff der
Erkenntnisse und von ihrem Erkanntwerden gänzlich unabhängig, wie denn
Niemand zweifeln wird, ob der Satz: die Erde bewegt sich um die Sonne,
schon früher wahr gewesen, ehe =Copernicus= ihn dachte und aussprach.
Schon damit er ihn denken konnte, mußte dieser Satz vorhanden gewesen
sein, mußte ihm wenigstens die ganz allgemeine Seinsbestimmung eines
»Etwas« zubehört haben. Niemand zweifelt, wenn er zwei verschiedene
Personen das Wort »Haus« aussprechen hört, daß beide hier die gleiche
subjective oder dieselbe objective Vorstellung (wenn auch vielleicht bei
Jedem von einem anderen Gemeinbilde begleitet) in ihr Bewußtsein
aufnehmen. Das Wort »dieselbe« deutet darauf hin, es finde hier nur eine
doppelte psychologische Auffassung der nämlichen logischen Vorstellung
statt. Diese Vorstellung muß sich sonach von ihrer Auffassung im Denken
sowohl, wodurch sie Gedanke eines wirklichen Wesens wird, als von dem
Gegenstande, den sie vorstellt (hier: dem Hause) unterscheiden lassen.
Ihr kommt weder die accidentielle Existenz des wirklichen Gedankens,
noch die actuelle des wirklichen Gegenstandes zu: sie besitzt lediglich
ein =Sein=, das mit der sogenannten Wirklichkeit nichts gemein hat, das
einem jeden »Etwas« ohne Ausnahme zugesprochen werden kann, und das man
kurz mit dem Ausdrucke: =An sich sein=(65) bezeichnen könnte.
Vorstellungen der Art als Stoff der gedachten Vorstellungen mögen
=Vorstellungen an sich= heißen. Sätze nun, die durchaus aus
Vorstellungen an sich als Theilen bestehen, sollen =Sätze an sich=, und
wenn sie wahre Sätze sind, =Wahrheiten an sich= heißen. Da die Wahrheit
derselben nicht von unserer Erkenntniß derselben abhängt, so kann es
ihrer nicht nur viel mehrere geben, als wir bereits erkennen, sondern
die Vermehrung unsrer Erkenntniß wird nur dadurch möglich, daß der
=Wahrheiten an sich= eine weit größere Menge vorhanden ist, als der
bereits erkannten Wahrheiten. Auch ihre logische Verbindung und
Zusammenhang ist dann nicht erst das Werk unsrer Erkenntniß, sondern
besteht unter ihnen selbst objectiv und unabhängig von der vielleicht
ganz zufälligen und abweichenden Weise, auf welche wir dieselben
verknüpfen, in ähnlicher Art, wie wir jetzt schon die synthetische
Abfolge und den Erfindungsweg bei gewissen Wahrheiten zu unterscheiden
pflegen.
(62) _Monadol._ S. 708.
(63) _Monad._ S. 708.
(64) _De rerum origine_, S. 148.
(65) Nicht im =Hegel='schen Sinne.
Hätte =Leibnitz= dieses Verhältniß der Begriffe, Sätze und =Wahrheiten
an sich= überhaupt zu jedem dieselben auffassenden Denk- und
Erkenntnißvermögen beachtet, so hätte er nicht nöthig gehabt, zu
besorgen, daß durch Annahme eines unabhängigen Reichs ewiger Wahrheiten
Gottes Allmacht und Allvollkommenheit eine Beschränkung erfahren werde.
Denn wenn gleich bei dem endlichen Geiste von einem zeitlichen Prius der
=Wahrheit an sich= vor der Erkenntniß derselben die Rede seyn kann
(z. B. beim copernicanischen Satze), so ist dies ja nicht bei dem
unendlichen der Fall, der über die Zeitbestimmung hinaus ist. Hier
bedeutet die Unterscheidung zwischen Wahrheit an sich und der Erkenntniß
derselben von Seite Gottes nichts weiter als die Unterscheidung zwischen
dem Stoffe des Gedankens und dem wirklichen (bei der Gottheit von
Ewigkeit her bestehenden) Denkacte desselben. Anders könnte die Sache
scheinen, wenn von Beschränkung des göttlichen Willens durch gewisse
Wahrheiten, z. B. das oberste Sittengesetz, die Rede ist, und behauptet
wird: Gott wolle und müsse wollen, was das Sittengesetz gebietet, nicht
aber umgekehrt, was er gebiete sei das Sittengesetz. Allerdings ist das
Sittengesetz auch der Inhalt des göttlichen Willens, nicht aber als
hätte das Sittengesetz seinen Inhalt eben nur, weil Gott es wolle, der
allenfalls auch ein anderes Sittengesetz hätte aufstellen können.
Abgesehen davon, daß ja das allervollkommenste Wesen ohne gewisse
Beschränkungen, welche in der Natur der Eigenschaften liegen, die
dasselbe neben einander in dem vollkommensten Grade besitzen soll, in
welchem sie neben einander möglich sind, nicht bestehen kann, ist es
hier ja abermals eine blos formelle Unterscheidung zwischen Gedanken und
Stoff des Gedankens, welcher den Willen bestimmt, der ja an und für
sich, weil er der vollkommenste ist, mit dem Inhalte jener Wahrheit,
welche das oberste Sittengesetz ausmacht, immer übereinstimmen muß. Wenn
also auch der Kriticismus dadurch, daß er das Sittengesetz an und für
sich, ohne es als Willensäußerung einer Persönlichkeit zu betrachten,
der philosophischen Beurtheilung unterwarf, und als selbständige
unabhängige Wahrheit an die Spitze anderer Wahrheiten stellte, einen
folgenreichen Schritt auf das philosophische Gebiet nach vorwärts that,
aber auch der antitheologischen Neigung Thür und Angel öffnete, das
bloße Gesetz an die Stelle der darnach handelnden Persönlichkeit zu
setzen, und die letztere gänzlich über Bord zu werfen, so läßt sich doch
=Leibnitz= andrerseits bei der wichtigen Frage, ob die Wahrheit von
fremdem Willen oder nur von ihrer eigenen unverrückbaren Natur abhänge,
von dem Tadel nicht frei sprechen, eine wenigstens zweideutige
Entscheidung geliefert zu haben.
Indeß dies würde zu weit führen. Genug =Leibnitz= bestand auf der
prästabilirten Harmonie und setzte damit, wie Jemand seiner Zeit sagte,
einem marmornen Rumpf einen Kopfe von Sandstein auf. Während die
Monadenlehre kräftig fortbestand, in =Herbart= einen neuen Entdecker
fand und für künftige Zeiten vielleicht eine neue Epoche der Metaphysik
zu beginnen verspricht, besteht die prästabilirte Harmonie, wie die von
=Leibnitz= so emsig gesuchte, so hochgepriesene und niemals vollendete
Universalwissenschaft(66), nur mehr als literarische Curiosität und
beide gingen mit ihrem großen Erfinder zu Grabe. Die prästabilirte
Harmonie hat, sagt =Feuerbach=, nicht die Bedeutung der Begründung einer
Realität, sondern nur die der Erklärung eines Phänomens. Ja sie drückt
eigentlich nur aus und bezweckt nur eine Harmonie zwischen der
=Leibnitz='schen Metaphysik und den gewöhnlichen populären Vorstellungen
vom Körper und seiner Verbindung mit der Seele. Auch fielen selbst seine
frühesten Schüler zum Theil schon in diesem Punkte von ihm ab und
wandten sich theils zum Occasionalismus, theils, wie der früher genannte
=Canz=, zu einer Art physischen Einflusses. Das Letztere beweist
wenigstens, daß schon frühzeitig jene materiell-transitorische
Vorstellungsweise desselben nicht für die einzig denkbare angesehen zu
werden begann. Wie aber auf =Leibnitz=' Grundlagen fußend und seinen
eigenen Principien getreu die prästabilirte Harmonie vermieden, und eine
allen bisher erhobenen Schwierigkeiten ausweichende Ansicht vom
physischen Einflusse erreicht werden könne, wollen wir am Schlusse
dieser historischen Uebersicht in Kürze anzudeuten versuchen.
(66) Daß der kühne Gedanke einer Universalwissenschaft in seinem Sinne
unausführbar sei, fühlte =Leibnitz= gegen das Ende seiner
vielgeschäftigen Laufbahn wohl selbst, nachdem er so oft die nie
gelungene Erfindung verkündigt hatte. Scharfsinnig ahnte er, wo es
zusammengesetzte Begriffe gebe, müsse es einfache geben, und es müsse
möglich sein, habe man diese einmal sämmtlich gefunden, durch sehr
einfache Combinationen zu allen zusammengesetzten zu gelangen. Die
Universalzeichensprache, die nach Art der Chinesen zusammengesetzte
Zeichen für zusammengesetzte Begriffe, aus den einfachen Zeichen der
einfachen Begriffe construirt, war dann ein natürliches Corollar.
Allein abgesehen von der Schwierigkeit, vielleicht Unmöglichkeit,
jemals zu =allen= einfachen Begriffen durch Analyse zu gelangen, sind
ja doch auch nicht alle, sondern nur ein verhältnißmäßig sehr geringer
Theil unsrer zusammengesetzten Vorstellungen hiezu geeignet, nämlich
nur jene, deren Bestandtheile selbst durchgehends wieder Begriffe
sind. Bei weitem die meisten aber, z. B. alle sogenannten sinnlichen,
haben Anschauungen unter ihren Bestandtheilen. Der Anschauungen aber
gibt es unendlich viele, deren jede von der andern verschieden ist,
deren jede auch durch ein eigenes Zeichen bezeichnet werden müßte, mit
deren Zusammentragung man daher niemals fertig würde. Der Umfang der
Zeichensprache müßte sich daher auf bloße reine Begriffe beschränken,
von denen wir niemals mit Sicherheit wissen würden, ob wir auch alle
einfachen, auf welche sie sich zurückführen lassen, wirklich besitzen,
und ein höchst bedeutender, ja gerade derjenige Theil unsrer
Vorstellungen, der für uns die größte Anschaulichkeit, Lebhaftigkeit
und das nächste Interesse hat, würde aus dieser Zeichensprache ganz
ausgeschlossen werden. Vgl. auch über diesen Gegenstand =Exner=:
=Leibnitz=, Universalwissenschaft. Prag, 1844.