also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat,
habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber
ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat?
Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass
er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten
achtsam, aufmerksam, mit ganzem Gemüthe hingegeben, offenen
Ohres die Lehre hört. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der
Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹
Das ist die sechste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine
heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.
»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich
also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat,
habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber
ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat?
Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass
er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten
zum Verständniss des Sinnes, zum Verständniss der Lehre, zum
verständnissvollen Genusse der Lehre gelangt. Und er erkennt:
›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe
auch ich mir erworben.‹ Das ist die siebente Wissenschaft, die
er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen
Begriffen unvereinbare.
»Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr Mönche, hat
seine Art genugsam geprüft, um das Ziel seiner Hörerschaft
zu erwirken. Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr
Mönche, hat das Ziel seiner Hörerschaft gefunden.«[36]
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.
49.
Fünfter Theil Neunte Rede
BRAHMĀS HEIMSUCHUNG
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 326
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Eines Tages, ihr Mönche, weilte ich da bei Ukkaṭṭhā, im
Lustwalde, am Fuße eines Königsbaumes. Damals aber, ihr Mönche,
war der Brahmā Bako[37] zu der falschen Ansicht gekommen:
›Hier ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende, hier
ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: denn hier herrscht
kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und
Wiedererscheinen; und es giebt keine andere, höhere Freiheit
als diese.‹
»Und ich erkannte, ihr Mönche, des Brahmās Bako Gedanken,
und gleichwie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm
ausstrecken oder den ausgestreckten Arm einziehn mag, ebenso
verschwand ich da von Ukkaṭṭhā, aus dem Lustwalde, vom Fuße
des Königsbaumes, und erschien in jener Brahmawelt. Da sah
mich, ihr Mönche, der Brahmā Bako wie von ferne herankommen,
und nachdem er mich gesehn sprach er also zu mir: ›Heil, o
Würdiger, willkommen, Würdiger! Lange schon hab’ ich die
Hoffnung gehegt, der Würdige werde hierherkommen. Denn hier,
Würdiger, ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende,
hier ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: hier herrscht
kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und
Wiedererscheinen; und eine andere, höhere Freiheit als diese
giebt es nicht.‹
»Hierauf, ihr Mönche, erwiderte ich dem Brahmā Bako:
›Verblendet, wahrlich, ist der liebe Brahmā Bako, verblendet,
wahrlich, ist der liebe Brahmā Bako, da er ja was eben nicht
ewig ist als ewig bezeichnen will, was eben nicht beharrend
ist als beharrend bezeichnen will, was eben dauerlos ist als
immerwährend bezeichnen will, was eben auflösbar ist als
unauflösbar bezeichnen will, was eben vergänglich ist als
unvergänglich bezeichnen will, und nun von dem, was da geboren
wird und altert, stirbt und vergeht und wiedererscheint,
behauptet, dass es nicht geboren werde, nicht altere, nicht
sterbe und vergehe und wiedererscheine, dann aber jene andere,
höhere Freiheit, die es giebt, leugnet.‹
»Da fuhr nun, ihr Mönche, Māro der Böse in einen der Götter
vom Gefolge Brahmās und sprach also aus ihm: ›Mönchlein,
Mönchlein! Hüte dich vor diesem, hüte dich vor diesem: das ist
ja Brahmā, o Mönch, der Große Brahmā, der Uebermächtige, der 327
Unübermächtigte, der Allsehende, der Gebieter, der Herr,
der Schöpfer, der Erschaffer, der Höchste, der Erzeuger, der
Erhalter, der Vater von allem was da war und sein wird. Schon
vor dir, o Mönch, gab es in der Welt Asketen und Priester, die
Erdenfeinde waren, Erdenverächter, die Wasserfeinde waren,
Wasserverächter, die Feuerfeinde waren, Feuerverächter, die
Luftfeinde waren, Luftverächter, die Naturfeinde waren,
Naturverächter, die Götterfeinde waren, Götterverächter, die
Feinde des Herrn der Zeugung waren, Verächter des Herrn der
Zeugung, die Feinde Brahmās waren, Verächter Brahmās: diese
gelangten bei der Auflösung des Körpers, nach verbrauchter
Lebenskraft, zu verstoßenen Daseinsarten. Und es gab
vor dir, o Mönch, Asketen und Priester in der Welt, die
Erdenfreunde waren, Erdenliebhaber, die Wasserfreunde waren,
Wasserliebhaber, die Feuerfreunde waren, Feuerliebhaber, die
Luftfreunde waren, Luftliebhaber, die Naturfreunde waren,
Naturliebhaber, die Götterfreunde waren, Götterliebhaber, die
Freunde des Herrn der Zeugung waren, Liebhaber des Herrn der
Zeugung, die Freunde Brahmās waren, Liebhaber Brahmās: diese
gelangten bei der Auflösung des Körpers, nach verbrauchter
Lebenskraft, zu erlesenen Daseinsarten. Und so rath’ ich dir
denn, o Mönch: hab’ Acht, Würdiger! Was dir Brahmā gesagt
hat, das lass’ dir gesagt sein, auf dass du nicht dem Worte
Brahmās widersprechest! Wenn du, o Mönch, dem Worte Brahmās
widersprechen wolltest, so wär’ es als ob ein Mann an einen
Felsen träte und mit einem Stabe dagegen schlüge, oder als ob,
o Mönch, ein Mann, in einen Höllenabgrund stürzend, mit Händen
und Füßen Boden zu fassen suchte: ganz ebenso, o Mönch, würd’
es dir hier ergehn. Hab’ Acht, Würdiger! Was dir Brahmā gesagt
hat, das lass’ dir gesagt sein, auf dass du nicht dem Worte
Brahmās widersprechest!
Siehst, Mönchlein, du nicht rings umher
Den Götterkreis der Brahmawelt?‹
»Mit diesen Worten, ihr Mönche, führte mich Māro der Böse in
den Kreis der Brahmagötter. Ich aber, ihr Mönche, sprach also
zu Māro dem Bösen: ›Wohl kenn’ ich dich, Böser, lass’ die
Hoffnung fahren: ‚Er kennt mich nicht‘, Māro bist du, der Böse.
Und dieser Brahmā da, Böser, und diese Brahmagötter, und diese
Brahmaschaaren: alle sind sie in deiner Hand, alle sind sie in
deiner Willkür. Du freilich, Böser, denkst nun: ‚Auch der soll
in meiner Hand sein, auch der soll in meiner Willkür sein!‘
Ich aber, Böser, stehe nicht in deiner Hand und stehe nicht in
deiner Willkür.‹
»Auf diese Worte, ihr Mönche, sprach der Brahmā Bako also
zu mir: ›Ich nun, Würdiger, halte für ewig was eben ewig
ist, halte für beharrend was eben beharrend ist, halte für 328
immerwährend was eben immerwährend ist, halte für unauflösbar
was eben unauflösbar ist, halte für unvergänglich was eben
unvergänglich ist; und wo kein Geborenwerden und Altern, kein
Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen ist, da sag’ ich eben:
hier, wahrlich, herrscht kein Geborenwerden und Altern, kein
Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen; und weil es keine
andere, höhere Freiheit giebt, desshalb sag’ ich: es giebt
keine andere, höhere Freiheit. Vor dir, o Mönch, waren schon
Asketen und Priester in der Welt, die sich die ganze Spanne
Zeit eueres Lebens einzig der Kasteiung hingegeben hatten:
die mochten vielleicht wissen, ob es eine andere, höhere
Freiheit giebt oder nicht giebt. Darum lass’ dir, o Mönch,
bedeutet sein: du wirst eine andere, höhere Freiheit gewiss
nicht entdecken, und wenn du dir auch noch so viel Mühe und
Quaal gäbest. Nimmst du, o Mönch, die Erde zum Stützpunkt, so
hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen,
musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch,
das Wasser zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt
genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst
mir weichen; nimmst du, o Mönch, das Feuer zum Stützpunkt,
so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt
genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o
Mönch, die Luft zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt
genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst
mir weichen; nimmst du, o Mönch, die Natur zum Stützpunkt, so
hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen,
musst mir gehorchen, musst mir weichen; nimmst du, o Mönch,
die Götter zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt
genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen,
musst mir weichen; nimmst du, o Mönch, den Herrn der Zeugung
zum Stützpunkt, so hast du mich zum Stützpunkt genommen, zum
Schwerpunkt genommen, musst mir gehorchen, musst mir weichen;
nimmst du, o Mönch, den Brahmā zum Stützpunkt, so hast du mich
zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, musst mir
gehorchen, musst mir weichen.‹
›Wohl weiß auch ich es, Brahmā: nehm’ ich die Erde zum
Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen,
zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir
weichen; nehm’ ich das Wasser zum Stützpunkt, so hab’ ich
dich zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen,
muss dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich das Feuer
zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen,
zum Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir
weichen; nehm’ ich die Luft zum Stützpunkt, so hab’ ich dich
zum Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss
dir gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich die Natur zum
Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum
Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen;
nehm’ ich die Götter zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum
Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir
gehorchen, muss dir weichen; nehm’ ich den Herrn der Zeugung
zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum Stützpunkt genommen, zum
Schwerpunkt genommen, muss dir gehorchen, muss dir weichen;
nehm’ ich den Brahmā zum Stützpunkt, so hab’ ich dich zum
Stützpunkt genommen, zum Schwerpunkt genommen, muss dir
gehorchen, muss dir weichen. Wohl kenn’ ich, Brahmā, deine Art,
kenne deine Herrlichkeit: hochmächtig ist der Brahmā Bako,
hochgewaltig ist der Brahmā Bako, hochangesehn ist der Brahmā
Bako.‹
›Inwiefern denn, Würdiger, kennst du meine Art, kennst meine
Herrlichkeit: hochmächtig ist der Brahmā Bako, hochgewaltig ist
der Brahmā Bako, hochangesehn ist der Brahmā Bako?‹
›Soweit die Sonne strahlt, der Mond
In voller Pracht die Räume durch,
Ist tausendfach die reiche Welt
In deinen Willen eingewiegt.
›Die Höh’n und Tiefen kennest du,
Du kennst den Freien und den Knecht,
So dieses Sein wie jenes Sein,
Der Wesen Kommen, Wesen Gehn.‹
›Also kenn’ ich, Brahmā, deine Art, kenne deine Herrlichkeit:
hochmächtig ist der Brahmā Bako, hochgewaltig ist der Brahmā
Bako, hochangesehn ist der Brahmā Bako. Nun giebt es, Brahmā, 329
drei fernere Daseinsarten, wohin dein Kennen und Sehn nicht
reicht, die ich kenne und sehe. Es giebt, Brahmā, eine
leuchtende Art des Daseins: aus dieser verschieden bist du hier
erschienen, wo dir im Laufe deines ungemein langen Verweilens
die Erinnerung daran entschwunden ist; daher kennst du und
siehst sie nicht, die ich kenne und sehe. Und somit bin ich
dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an Erkenntniss, geschweige
dass ich unter dir stände, sondern bin dir weit überlegen.
Und es giebt, Brahmā, eine strahlende Art des Daseins, und es
giebt, Brahmā, eine gewaltige Art des Daseins: die kennst du
nicht und siehst sie nicht, die ich kenne und sehe. Und somit
bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an Erkenntniss,
geschweige dass ich unter dir stände, sondern bin dir weit
überlegen. -- Die Erde hab’ ich, Brahmā, als Erde erkannt,
wie unbefriedigend der Erde Erdheit ist, das hab’ ich erkannt
und der Erde entsagt, der Erde abgesagt, von der Erde mich
losgesagt, die Erde verleugnet, die Erde verachtet. Und somit
bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an Erkenntniss,
geschweige dass ich unter dir stände, sondern bin dir weit
überlegen. Das Wasser hab’ ich, Brahmā, als Wasser erkannt, wie
unbefriedigend des Wassers Wasserheit ist, das hab’ ich erkannt
und dem Wasser entsagt, dem Wasser abgesagt, vom Wasser mich
losgesagt, das Wasser verleugnet, das Wasser verachtet.
Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht gleich an
Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände, sondern
bin dir weit überlegen. Das Feuer hab’ ich, Brahmā, als Feuer
erkannt, wie unbefriedigend des Feuers Feuerheit ist, das
hab’ ich erkannt und dem Feuer entsagt, dem Feuer abgesagt,
vom Feuer mich losgesagt, das Feuer verleugnet, das Feuer
verachtet. Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht
gleich an Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände,
sondern bin dir weit überlegen. Die Luft hab’ ich, Brahmā,
als Luft erkannt, wie unbefriedigend der Luft Luftheit ist,
das hab’ ich erkannt und der Luft entsagt, der Luft abgesagt,
von der Luft mich losgesagt, die Luft verleugnet, die Luft
verachtet. Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht
gleich an Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände,
sondern bin dir weit überlegen. Die Natur, Brahmā, die Götter,
den Herrn der Zeugung, den Brahmā, die Leuchtenden, die
Strahlenden, die Gewaltigen, den Uebermächtigen -- das All
hab’ ich, Brahmā, als All erkannt, wie unbefriedigend des Alls
Allheit ist, das hab’ ich erkannt und dem All entsagt, dem All
abgesagt, vom All mich losgesagt, das All verleugnet, das All
verachtet. Und somit bin ich dir, Brahmā, nicht nur nicht
gleich an Erkenntniss, geschweige dass ich unter dir stände,
sondern bin dir weit überlegen.‹
›Wenn dir, Würdiger, die Allheit des Alls keine Befriedigung
gewährt hat, so mag eben vielleicht bei dir hohl sein, leer sein
Was Leuchtkraft des Bewusstseins war
Und ganz und gar erloschen ist:[38]
da bleibt man von der Erde Erdheit unbefriedigt, von des
Wassers Wasserheit unbefriedigt, von des Feuers Feuerheit
unbefriedigt, von der Luft Luftheit unbefriedigt, von der
Natur, den Göttern, dem Herrn der Zeugung, dem Brahmā,
von den Leuchtenden, den Strahlenden, den Gewaltigen, vom 330
Uebermächtigen, bleibt von des Alls Allheit unbefriedigt. --
Wohlan denn, Würdiger, ich werde dir jetzt entschwinden.‹
›Wohlan denn, Brahmā, so entschwinde mir, wenn du es vermagst.‹
Und nun, ihr Mönche, sagte der Brahmā Bako: ‚Entschwinden will
ich dem Asketen Gotamo, entschwinden will ich dem Asketen
Gotamo!‘, aber er konnte mir nicht entschwinden. Darauf sagte
ich, ihr Mönche, zum Brahmā Bako:
›Wohlan denn, Brahmā, so werde ich dir entschwinden.‹
›Wohlan denn, Würdiger, so entschwinde mir, wenn du es
vermagst.‹
»Und ich ließ nun, ihr Mönche, eine magische Erscheinung
folgender Art sich fügen: ›Sei es dass der Brahmā und die
Brahmagötter und die Brahmaschaaren meine Stimme hören aber
mich nicht sehn!‹, also unsichtbar geworden sprach ich den
Spruch:
›Das Leben acht’ als Leiden ich:
Und allerhöchstes Leben selbst,
Kein Leben lieb’ ich irgendwo,
Kein Gnügen kann genügen mir.‹
»Da waren nun, ihr Mönche, Brahmā und die Brahmagötter und
die Brahmaschaaren über das Außerordentliche, Wunderbare
dieses Vorgangs erstaunt und bestürzt: ›Außerordentlich,
wahrlich, wunderbar, wahrlich, ist des Asketen Gotamo hohe
Macht, hohe Gewalt! Niemals noch, fürwahr, haben wir einen
Asketen oder Priester gesehn oder von einem gehört, der so
hochmächtig, so hochgewaltig gewesen wäre, wie dieser Asket
Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe der Sakyer entsagt hat.
Dem lebensfrohen Geschlechte, o Wunder, dem lebensfreudigen,
lebenslustigen hat er das Leben mit der Wurzel ausgezogen!‹
»Aber Māro der Böse, ihr Mönche, fuhr nun in einen der Götter
vom Gefolge Brahmās und sprach zu mir: ›Bist du, o Würdiger,
also weise und weck, so ziehe dir keine Jünger heran, keine
Nachfolger, so zeige nicht Jüngern die Wahrheit, nicht
Nachfolgern, so ersehne nicht Jünger und Nachfolger. Schon
vor dir, o Mönch, waren Asketen und Priester in der Welt, die
sich für Heilige, vollkommen Erwachte ausgaben. Und sie zogen
sich Jünger heran, Nachfolger, zeigten Jüngern die Wahrheit,
Nachfolgern, ersehnten Jünger und Nachfolger. Und nachdem
sie sich Jünger herangezogen hatten, Nachfolger, Jüngern die
Wahrheit gezeigt hatten, Nachfolgern, Jünger ersehnt hatten,
Nachfolger, starben sie und gelangten nach der Auflösung des
Körpers zu verstoßenen Daseinsarten. Und schon vor dir, o
Mönch, gab es Asketen und Priester in der Welt, die sich für 331
Heilige, vollkommen Erwachte hielten, aber keine Jünger und
Nachfolger heranzogen, keine Wahrheit zeigten, keine Nachfolge
ersehnten. Ohne Jünger und Nachfolger zu hinterlassen, ohne
die Wahrheit gezeigt und Nachfolge ersehnt zu haben, starben
sie und gelangten nach der Auflösung des Körpers zu erlesenen
Daseinsarten. Darum lass’ dir, o Mönch, gerathen sein: höre, o
Würdiger! Gieb dir keine Mühe, verweile so lange du noch lebst
im ungetrübten Genusse deiner Heiterkeit, behalte das Aechte
nur für dich, Würdiger, belehre keinen anderen!‹
»Auf diese Worte, ihr Mönche, sprach ich also zu Māro dem
Bösen: ›Wohl kenn’ ich dich, Böser, lass’ die Hoffnung fahren:
‚Er kennt mich nicht‘, Māro bist du, der Böse. Und nicht
aus liebevoller Theilnahme redest du, Böser, also zu mir,
sondern aus gehässiger Theilnahme; denn das, Böser, sind
deine Gedanken: ‚Denen der Asket Gotamo die Wahrheit zeigen
wird, die werden sich gegen meine Herrschaft auflehnen.‘ Doch
unvollkommen erwacht, Böser, waren die Asketen und Priester,
die dir erklärt haben: ‚Wir sind vollkommen erwacht.‘ Ich
aber, Böser, der eben vollkommen erwacht bin, erkläre dir: ich
bin vollkommen erwacht. Zeigt aber nun, Böser, der Vollendete
Jüngern die Wahrheit: immer bleibt er der Selbe. Zeigt aber
nun, Böser, der Vollendete Jüngern die Wahrheit nicht: immer
bleibt er der Selbe. Zieht aber nun, Böser, der Vollendete
Jünger heran: immer bleibt er der Selbe. Zieht aber nun, Böser,
der Vollendete Jünger nicht heran: immer bleibt er der Selbe.
Wie ist das möglich? Der Vollendete, Böser, hat den Wahn,
den besudelnden, Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden
ausbrütenden, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden,
verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf
gleichgemacht, so dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich
entwickeln kann. Gleichwie etwa, Böser, eine Palme, der man die
Krone abgeschnitten hat, nicht mehr emporwachsen kann: ebenso
nun auch, Böser, hat der Vollendete den Wahn, den besudelnden,
Wiederdasein säenden, entsetzlichen, Leiden ausbrütenden,
wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugenden, verleugnet, an
der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so
dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann.«
* * * * *
So ist da Māro zum Schweigen gebracht und Brahmā heimgesucht
worden; darum eben hat man diesen Bericht Brahmās Heimsuchung
genannt.
50.
Fünfter Theil Zehnte Rede
MĀROS VERWEISUNG
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige 332
Mahāmoggallāno im Lande der Bhagger, bei der Stadt
Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes. Damals nun
erging sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno in einer Lichtung.
Aber Māro der Böse war dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno in den
Bauch gefahren und hatte sich im Darm festgesetzt. Da kam nun
dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno der Gedanke: ›Was ist denn nur
mein Bauch so schwer, wie etwa ein Sack voll Bohnen?‹ Und der
ehrwürdige Mahāmoggallāno hielt seine Schritte an, ging in das
Wohnhaus und setzte sich auf seinem Sitze nieder. Dort sitzend
beobachtete sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno aufmerksam. Und
der ehrwürdige Mahāmoggallāno sah Māro den Bösen in seinem
Bauche, im Darme sitzen, und nachdem er ihn gesehn sprach er
also zu ihm:
»Weiche von hinnen, Böser, weiche von hinnen, Böser! Nicht den
Vollendeten plage, nicht des Vollendeten Jünger, auf dass es
nicht dir zu langem Leiden und Unheil gereiche.«
Doch Māro der Böse dachte bei sich: ›Ohne mich wirklich zu
kennen oder zu sehn spricht dieser Asket also zu mir; denn
selbst Er, der sein Meister ist, hätte mich nicht so schnell
erkannt: woher sollte mich erst dieser Jünger kennen!‹ Aber der
ehrwürdige Mahāmoggallāno sprach also zu Māro dem Bösen:
»Allerdings kenn’ ich dich, Böser, lass’ die Hoffnung fahren:
›Er kennt mich nicht‹, Māro bist du, der Böse. Du aber, Böser,
denkst bei dir: ›Ohne mich wirklich zu kennen oder zu sehn
spricht dieser Asket also zu mir; denn selbst Er, der sein
Meister ist, hätte mich nicht so schnell erkannt: woher sollte
mich erst dieser Jünger kennen!‹«
Da gedachte nun Māro der Böse: ›Er hat mich wirklich erkannt
und gesehn, dieser Asket, der da also zu mir spricht.‹ Und Māro
der Böse fuhr aus dem Munde des ehrwürdigen Mahāmoggallāno 333
hervor und stellte sich an den Thürbalken hin. Und der
ehrwürdige Mahāmoggallāno sah Māro den Bösen gegenüber stehn,
und bei diesem Anblick sprach er also zu ihm: