»Wie ist aber, Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges

Wehe und künftiges Wohl bringt? Da hält sich einer, ihr

Mönche, unter Schmerzen und Quaalen vom Morde zurück und seine

Verwerfung des Mordes kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält

sich unter Schmerzen und Quaalen vom Diebstahl zurück und seine

Verwerfung des Diebstahls kostet ihn Schmerzen und Quaalen,

hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Wüsten zurück und

seine Verwerfung des Wüstens kostet ihn Schmerzen und Quaalen,

hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Lügen zurück und

seine Verwerfung des Lügens kostet ihn Schmerzen und Quaalen,

hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Verleumden zurück

und seine Verwerfung des Verleumdens kostet ihn Schmerzen und

Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom Barschsein

zurück und seine Verwerfung der Barschheit kostet ihn Schmerzen

und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen vom

Schwatzen zurück und seine Verwerfung des Schwatzens kostet ihn

Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen und Quaalen

von der Selbstsucht zurück und seine Verwerfung der Selbstsucht

kostet ihn Schmerzen und Quaalen, hält sich unter Schmerzen

und Quaalen von der Bosheit zurück und seine Verwerfung der 315

Bosheit kostet ihn Schmerzen und Quaalen, ist unter Schmerzen

und Quaalen wahrhaft und seine Wahrhaftigkeit kostet ihn

Schmerzen und Quaalen. Der gelangt bei der Auflösung des

Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt. Das

nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die gegenwärtiges

Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Und wie ist, ihr Mönche, die Lebensführung, die gegenwärtiges

Wohl sowie künftiges Wohl bringt? Da hält sich einer, ihr

Mönche, mit Lust und Genügen vom Morde zurück und seine

Verwerfung des Mordes gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich

mit Lust und Genügen vom Diebstahl zurück und seine Verwerfung

des Diebstahls gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust

und Genügen vom Wüsten zurück und seine Verwerfung des Wüstens

gewährt ihm Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen

von der Lüge zurück und seine Verwerfung der Lüge gewährt ihm

Lust und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Verleumden

zurück und seine Verwerfung des Verleumdens gewährt ihm Lust

und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Barschsein

zurück und seine Verwerfung der Barschheit gewährt ihm Lust

und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen vom Schwatzen

zurück und seine Verwerfung des Schwatzens gewährt ihm Lust und

Genügen, hält sich mit Lust und Genügen von der Selbstsucht

zurück und seine Verwerfung der Selbstsucht gewährt ihm Lust

und Genügen, hält sich mit Lust und Genügen von der Bosheit

zurück und seine Verwerfung der Bosheit gewährt ihm Lust

und Genügen, ist mit Lust und Genügen wahrhaft und seine

Wahrhaftigkeit gewährt ihm Lust und Genügen. Der gelangt bei

der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in

sälige Welt. Das nennt man, ihr Mönche, eine Lebensführung, die

gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt. Das sind, ihr

Mönche, die vier Arten der Lebensführung.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man eine Kürbissflasche

da hätte, mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei,

der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe

verabscheut, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, diese

Kürbissflasche ist mit Gift versetzt: wenn du willst, so 316

trinke. Aber dieser Trank wird dir nicht behagen, weder an

Farbe, noch an Geruch und Geschmack, und nach dem Genusse

wirst du sterben oder tödtliche Schmerzen erleiden.‹ Doch

unbesonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank

behagte ihm weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack, und

nachdem er ihn getrunken, stürbe er oder erlitte tödtliche

Schmerzen: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist

eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe sowie künftiges Wehe

bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man eine Trinkschaale da

hätte, mit schönem, duftendem, wohlschmeckendem Inhalte, aber

mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der leben,

nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut,

und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, diese Trinkschaale

birgt schönes, duftendes, wohlschmeckendes Nass, ist aber mit

Gift versetzt: wenn du willst, so trinke. Zwar wird dir der

Trank behagen, an Farbe, Duft und Wohlgeschmack, aber nach dem

Genusse wirst du sterben oder tödtliche Schmerzen erleiden.‹

Doch unbesonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und

der Trank behagte ihm zwar an Farbe, Duft und Wohlgeschmack,

nachdem er ihn aber getrunken, stürbe er oder erlitte tödtliche

Schmerzen: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist

eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe

bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man faulen Urin da hätte,

mit mancherlei Heilkräutern versetzt, und es käme ein Mann

herbei, der die Gelbsucht hat, und man spräche also zu ihm:

›Lieber Mann, dieser faule Urin ist mit mancherlei Heilkräutern

versetzt: wenn du willst, so trinke. Der Trank wird dir

freilich nicht behagen, weder an Farbe noch an Geruch und

Geschmack, aber der Genuss wird dir wohlbekommen.‹ Und besonnen

tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank behagte

ihm freilich weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack,

nachdem er ihn aber getrunken, würde ihm wohl: -- Dem zu

vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die

gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man Rahm und Honig, Butteröl

und Zucker da hätte, innig vermischt, und es käme ein Mann

herbei, der an Blutbrechen litte, und man spräche also zu ihm:

›Lieber Mann, hier ist Rahm und Honig, Butteröl und Zucker, 317

innig vermischt: wenn du willst, so trinke. Dieser Trank wird

dir an Farbe, Duft und Geschmack eben recht sein, und der

Genuss wird dir wohlthun.‹ Und besonnen tränke er ihn, wiese

ihn nicht zurück. Und der Trank wär’ ihm eben recht an Farbe,

Duft und Geschmack, und nachdem er ihn getrunken, würde ihm

wohl: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine

Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl

bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn im letzten Monat der

Regenzeit, im Herbste, nach Zerstreuung und Vertreibung der

wasserschwangeren Wolken die Sonne am Himmel aufgeht und alle

Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt und leuchtet:

ebenso nun auch, ihr Mönche, erscheint da diese Lebensführung,

die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und

verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und

Priester und flammt und leuchtet.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

47.

Fünfter Theil Siebente Rede

DER FORSCHER

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort

nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«

-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen

aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Ein forschender Mönch, ihr Mönche, der seines Nächsten

Gemüthsart versteht, soll beim Vollendeten die Prüfung

anstellen: ›Ist er der vollkommen Erwachte, oder ist er es

nicht?‹ Darüber muss er sich klar werden.«

»Vom Erhabenen stammt unser Wissen, o Herr, vom Erhabenen geht

es aus, auf den Erhabenen geht es zurück. Gut wär’ es, o Herr,

wenn doch der Erhabene den Sinn dieser Rede erläutern wollte!

Das Wort des Erhabenen werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, ihr Mönche, so höret und achtet wohl auf meine

Rede.«

»Gern, o Herr!« erwiderten da aufmerksam jene Mönche dem 318

Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Ein forschender Mönch, ihr Mönche, der seines Nächsten

Gemüthsart versteht, soll bei zwei Dingen den Vollendeten

prüfen, bei den sichtbaren und bei den hörbaren Dingen: ›Die

unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die

beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und indem er

ihn prüft erkennt er: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und

hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ Und wenn

er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Die

wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich

die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und indem er

ihn prüft erkennt er: ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar

und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ Und

wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter:

›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden

sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und

indem er ihn prüft erkennt er: ›Die abgeklärten Dinge, die

sichtbar und hörbar sind, die finden sich beim Vollendeten‹:

Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn

weiter: ›Ist es schon lange her, dass der Ehrwürdige diese

treffliche Satzung entdeckt hat, oder ist es eben erst

geschehn?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Lang’ ist es

her, dass der Ehrwürdige diese treffliche Satzung entdeckt hat,

nicht ist der Ehrwürdige eben erst dazu gekommen.‹ Und wenn er

ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Zu

Ansehn ist der Ehrwürdige gelangt, ist ein berühmter Mönch

geworden: da wird sich manches Elend bei ihm finden.‹ Denn

desshalb kann man nicht bei einem Mönch, ihr Mönche, Elend

finden, weil er kein Ansehn, keinen Ruhm gewonnen hat: ist aber

erst ein Mönch, ihr Mönche, angesehn, berühmt geworden, dann

stellt sich manches Elend bei ihm ein. Und indem er ihn prüft

erkennt er: ›Zu Ansehn ist der Ehrwürdige gelangt, ist ein 319

berühmter Mönch geworden, doch lässt sich da kein Elend bei ihm

finden.‹ Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft

er ihn weiter: ›Ist der Ehrwürdige ohne Fürchten beschwichtigt,

ist der Ehrwürdige nicht aus Fürchten beschwichtigt? Pflegt

der Ehrwürdige, verlangensledig, keiner Lust, versiegten

Verlangens?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Ohne Fürchten

beschwichtigt ist der Ehrwürdige, nicht ist der Ehrwürdige

aus Fürchten beschwichtigt: verlangensledig pflegt er keiner

Lust, versiegten Verlangens.‹ Wenn man nun diesen Mönch,

ihr Mönche, fragte: ›Was für Anhalt, was für Anlass hat

wohl der ehrwürdige Bruder, also zu sprechen ‚Ohne Fürchten

beschwichtigt ist jener Ehrwürdige, nicht ist jener Ehrwürdige

aus Fürchten beschwichtigt: verlangensledig pflegt er keiner

Lust, versiegten Verlangens‘‹, so würde der Mönch, ihr Mönche,

rechten Bescheid also geben: ›Der Gleiche ist jener Ehrwürdige,

ob er unter den Jüngern weilt oder allein, und sanfte Gesellen

und rauhe Gesellen, wie sie da sind, die Häupter des Ordens,

Erdensöhne und Erdenüberwinder: keinen schätzt jener Ehrwürdige

darum gering. Und vom Munde des Erhabenen hab’ ich es gehört,

von seinem Munde vernommen:

‚Beschwichtigt bin ich ohne Fürchten,

Nicht bin aus Fürchten ich beschwichtigt:

Verlangensledig lustentpflegt

Ist was Verlangen war versiegt.‘‹

»Und nun, ihr Mönche, ist noch der Vollendete selbst zu

befragen: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind,

finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹

Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser:

›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden

sich nicht beim Vollendeten.‹ ›Die wechselvollen Dinge, die

sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten,

oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den

der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die wechselvollen Dinge,

die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim

Vollendeten.‹ ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar

sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich

nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre

dieser: ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind,

die finden sich beim Vollendeten,

Meine Spuren sind es nur,

Meine Bahnen nur,

Aber ich bin andrer Art.‹

»Einen Meister, ihr Mönche, der also spricht, mag der Jünger

wohl aufsuchen, seine Satzung zu hören. Und der Meister legt

ihm die Satzung dar, weit und weiter, innig und inniger,

mit ihren Theilen von dunkel und licht. Wie nun der Meister

die Satzung darlegt, weit und weiter, innig und inniger,

mit ihren Theilen von dunkel und licht, wird sie dem Jünger 320

klarer und klarer, und Satz um Satz erschließt sich ihm, und

er erkennt den Meister: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene,

wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die

Jüngerschaft.‹ Wenn man nun diesen Mönch, ihr Mönche, fragte:

›Was für Anhalt, was für Anlass hat aber der Ehrwürdige, zu

sagen ‚Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom

Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft‘‹, so

würde der Mönch, ihr Mönche, rechten Bescheid also geben: ›Ich

war da, Brüder, zum Erhabenen gegangen, seine Satzung zu hören.

Und der Erhabene legte mir die Satzung dar, weit und weiter,

innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht. Wie

mir nun da der Erhabene die Satzung darlegte, weit und weiter,

innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht,

ward sie mir klarer und klarer, und Satz um Satz erschloss

sich mir, und ich erkannte den Meister: Vollkommen erwacht

ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung,

wohlvertraut die Jüngerschaft.‹

»Bei wem da, ihr Mönche, Zuversicht zum Vollendeten mit

solchem Anhalt, auf solche Weise, unter solchen Umständen Boden

gefunden, Wurzel geschlagen, standgehalten hat: die wird, ihr

Mönche, Zuversicht des Anhalts genannt, in der Anschauung

wurzelnd, stark, und kein Büßer oder Priester, kein Gott und

kein Teufel, kein Brahmā noch irgendeiner in der Welt kann sie

ausroden.

»Das ist die Art, ihr Mönche, wie man beim Vollendeten die

Satzung prüft, und das ist die Art, wie der Vollendete der

Satzung gemäß wohl geprüft wird.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

48.

Fünfter Theil Achte Rede

VOR KOSAMBĪ

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Kosambī, in der Gartenstiftung. Zu jener Zeit nun war unter den

Mönchen von Kosambī Zank und Streit ausgebrochen, sie haderten

mit einander und scharfe Wortgefechte fanden statt. Sie konnten

sich nicht versöhnen und wiesen eine Versöhnung ab, sie

konnten sich nicht verständigen und blieben der Verständigung

unzugänglich.

Da begab sich nun einer der Mönche zum Erhabenen, begrüßte den 321

Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur

Seite sitzend sprach jener Mönch zum Erhabenen also:

»Es ist da, o Herr, unter den Kosambiyer Mönchen Zank und

Streit ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe

Wortgefechte finden statt. Sie können sich nicht versöhnen und

weisen eine Versöhnung ab, sie können sich nicht verständigen

und bleiben der Verständigung unzugänglich.«

Da gab nun der Erhabene einem Mönche den Auftrag:

»Geh’, lieber Mönch, und sag’ in meinem Namen jenen Mönchen:

Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«

»Gut, o Herr!« erwiderte der Mönch dem Erhabenen und begab sich

zu jenen Mönchen. Dort angelangt sprach er also zu ihnen:

»Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«

»Wohl, Bruder, wir kommen!« sagten jene Mönche und begaben

sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten den Erhabenen

ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. Zu den dort

Sitzenden sprach nun der Erhabene also:

»Ist es wahr, wie man sagt, dass unter euch Mönchen Zank und

Streit ausgebrochen sei, dass ihr mit einander hadert und

scharfe Wortgefechte führt? Dass ihr euch nicht versöhnen

könnt und eine Versöhnung zurückweist, dass ihr euch nicht

verständigen könnt und der Verständigung unzugänglich bleibt?«

»Allerdings, o Herr!«

»Was meint ihr nun, Mönche: zu einer Zeit wo ihr unter einander

in Zank, Streit und Hader liegt und euch mit scharfer

Rede angreift, dient ihr wohl zu einer solchen Zeit eueren

Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen,

mit liebevollem Wort, so offen als verborgen, mit liebevollem

Herzen, so offen als verborgen?«

»Freilich nicht, o Herr!«

»So ist es klar, Mönche, dass ihr zu einer solchen Zeit eueren

Ordensbrüdern weder mit liebevoller That dienet, so offen als

verborgen, noch mit liebevollem Worte, so offen als verborgen,

noch mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Was wollt

ihr also, Bethörte, was bezweckt ihr, was beabsichtigt ihr mit

euerem Zanken, Streiten und Hadern, mit eurer scharfen Rede, 322

mit eurer Unversöhnlichkeit und Unverständigkeit? Das wird euch

Bethörten lange zum Unheil, zum Leiden gereichen.«

Und der Erhabene wandte sich nun an die Mönche:

»Sechs Dinge giebt es, ihr Mönche, nicht zu vergessende,

hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss,

zum Frieden, zur Eintracht führen: und welche sind das?

Da dient, ihr Mönche, ein Mönch seinen Ordensbrüdern mit

liebevoller That, so offen als verborgen. Das ist eines der

nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum

allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt.

Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern

mit liebevollem Worte, so offen als verborgen. Auch das ist

eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen

Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur

Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient

seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Herzen, so offen als

verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch

und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss,

zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche:

wenn der Mönch Gaben empfängt, Ordenspenden, so theilt er

sie nicht nach Belieben, sondern bis auf die Brocken in

seiner Almosenschaale nach dem Maaße der bewährten Brüder des

Ordens. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und

hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum

Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der

Mönch bewahrt die Ordenspflichten, ungebrochen, unverletzt,

ungemustert, ungesprenkelt, aus freiem Entschlusse, als von

Verständigen gepriesen, nicht angetastet, zur Vertiefung

tauglich, er übt diese Pflichten gleich seinen Ordensbrüdern,

so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu

vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum

allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt.

Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch hat jene Ansicht,

die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen

Leidensversiegung ausreicht, jene Ansicht hat er mit seinen

Ordensbrüdern gemeinsam bewahrt, so offen als verborgen.

Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr

gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden,

zur Eintracht führt.

»Das aber, Mönche, sind die sechs Dinge, nicht zu vergessende,

hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss,

zum Frieden, zur Eintracht führen. Und von diesen sechs

Dingen, ihr Mönche, die nicht zu vergessen sind, ist eines

das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: es ist

jene Ansicht, die heilige ausreichende, die dem Grübler zur

völligen Leidensversiegung ausreicht. Gleichwie etwa, Mönche,

bei einem Thurme eines das beste, eines der Inbegriff, eines

alles zusammen ist, nämlich die Zinne: ebenso nun auch, ihr 323

Mönche, ist bei diesen sechs Dingen, den nicht zu vergessenden,

eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen:

jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur

völligen Leidensversiegung ausreicht.

»Wie reicht nun, ihr Mönche, jene Ansicht, die heilige,

ausreichende, dem Grübler zur völligen Leidensversiegung aus?

Da geht, ihr Mönche, der Mönch in den Wald, oder an einen Baum,

oder in leere Klause, und erforscht sich also: ›Ist wohl in

mir noch eine Umspinnung, die mein Herz derart umsponnen hat,

dass ich nicht klar und richtig denken und sehn kann?‹ Wenn

ein Mönch, ihr Mönche, gierumsponnen ist, so ist sein Herz

eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, hassumsponnen ist,

so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche,

trägheitumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn

ein Mönch, ihr Mönche, stolzumsponnen ist, so ist sein Herz

eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, zweifelumsponnen

ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr

Mönche, dieser Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen.

Wenn ein Mönch, ihr Mönche, jener Welt nachhängt, so ist

sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, Zank

und Streit liebt, hadert, sich in scharfe Reden einlässt, so

ist sein Herz eben umsponnen. Er aber erkennt: ›Es ist keine

Umspinnung in mir, die mein Herz derart umsponnen hätte, dass

ich nicht klar und richtig denken und sehn könnte. Wohl

empfänglich ist mein Sinn, die Wahrheiten zu fassen.‹ Das ist

die erste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige,

überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich

also: ›Weil ich nun jene Ansicht hege und pflege und ausbilde,

gelang’ ich da zur eigenen Ebbung, gelang’ ich da zur eigenen

Erlöschung?‹ Und er erkennt: ›Weil ich jene Ansicht hege und

pflege und ausbilde gelang’ ich zur eigenen Ebbung, gelang’ ich

zur eigenen Erlöschung.‹ Das ist die zweite Wissenschaft, die

er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen

Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich

also: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, kann die wohl

auch außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder

Priester ganz ebenso gefunden werden?‹ Und er erkennt: ›Jene

Ansicht, die ich mir angeeignet habe, die kann nicht außerhalb

dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz

ebenso gefunden werden.‹ Das ist die dritte Wissenschaft, die 324

er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen

Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich

also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe

auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist es, ihr

Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die Art des

Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: hat er irgendwie

eine Uebertretung begangen, die gesühnt werden muss, so geht

er alsbald zum Meister oder zu erfahrenen Ordensbrüdern,

bekennt seine Schuld, deckt sie auf, legt sie dar, und hat er

sie bekannt gemacht, aufgedeckt, dargelegt, so hütet er sich

künftighin. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein zarter Knabe, ein

unvernünftiger Säugling, mit der Hand oder mit dem Fuße von

ungefähr auf glühende Kohlen stoßend rasch zurückfährt: ebenso

nun auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten,

dass er eine irgendwie begangene Uebertretung, die er sühnen

muss, alsbald dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern bekannt

giebt, aufdeckt, darlegt und sich künftighin hütet. Und er

erkennt: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, die

habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die vierte Wissenschaft,

die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit

gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht

sich also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat,

habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist

es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die

Art des Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: haben die

Ordensbrüder irgendwie da oder dort Obliegenheiten auf sich

zu nehmen, so ist er mit Eifer dabei, und innig ist er bemüht

hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit

zu pflegen. Gleichwie etwa, ihr Mönche, eine junge Mutterkuh

die Hürde durchbricht und ihr Kälblein aufsucht: ebenso nun

auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten, dass er

mit Eifer an allen Obliegenheiten der Ordensbrüder theilnimmt

und innig bemüht ist hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu

pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Und er erkennt: ›Jene Art,

die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir

erworben.‹ Das ist die fünfte Wissenschaft, die er gewonnen

hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen

unvereinbare.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band · 第 38 / 43 段