ist, o Bruder, ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat,
dem Sinnen und Gedenken hingegeben, der Heiterkeit, Säligkeit
und Einheit des Gemüthes. Solcher Art, Bruder, sind die fünf
Eigenschaften der ersten Schauung.«
»Und von welchen Eigenschaften, Bruder, muss die erste Schauung
frei sein, und von welchen erfüllt?«
»Die erste Schauung, Bruder, muss von fünf Eigenschaften frei
und von fünf Eigenschaften erfüllt sein: da ist, o Bruder,
ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat, lauter von
Wunscheswillen, lauter von Gehässigkeit, lauter von matter 295
Müde, lauter von stolzem Unmuth, lauter von schwankender
Ungewissheit; und er ist dem Sinnen und Gedenken hingegeben,
der Heiterkeit, Säligkeit und Einheit des Gemüthes. Solcher
Art, Bruder, ist die erste Schauung von fünf Eigenschaften frei
und von fünf Eigenschaften erfüllt.«
»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet,
verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und
Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör,
der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne,
Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis
eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen
theilhat, haben die nicht einen Hort, nimmt nicht etwas an
ihrem Gebiet und Wirkungskreis theil?«
»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet,
verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und
Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör,
der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne,
Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis
eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen
theilhat, die haben das Herz zum Hort, das Herz hat an ihrem
Gebiet und Wirkungskreis theil.«
»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch,
Geschmack, Getast. Wodurch bestehn nun, o Bruder, diese fünf
Sinne?«
»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch,
Geschmack, Getast. Diese fünf Sinne, o Bruder, bestehn durch
die Lebenskraft.«
»Wodurch besteht aber die Lebenskraft, o Bruder?«
»Die Lebenskraft besteht durch die Wärme.«
»Und wodurch, o Bruder, besteht die Wärme?«
»Die Wärme besteht durch die Lebenskraft.«
»So verstehn wir nun jetzt die Rede des ehrwürdigen Sāriputto
also: ›Die Lebenskraft besteht durch die Wärme‹, und: ›Die
Wärme besteht durch die Lebenskraft‹; wie soll man, o Bruder,
den Sinn solcher Rede deuten?«
»So will ich dir denn, o Bruder, ein Gleichniss geben: auch
durch Gleichnisse wird da manchem verständigen Manne der Sinn
einer Rede klar. Gleichwie etwa, Bruder, bei einer brennenden
Oellampe durch die Flamme das Licht erscheint und durch
das Licht die Flamme: ebenso nun auch, o Bruder, besteht
die Lebenskraft durch die Wärme und die Wärme durch die
Lebenskraft.«
»Sind wohl, o Bruder, die Elemente der Lebenskraft mit den
intelligiblen Dingen identisch, oder sind sie von ihnen
verschieden?«
»Nicht sind die Elemente der Lebenskraft, o Bruder, mit den 296
intelligiblen Dingen identisch. Sind aber, Bruder, die Elemente
der Lebenskraft intelligibel geworden, so ist das nicht als
das letzte Ziel eines Mönchs zu betrachten, der die Auflösung
der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat. Wenn aber, Bruder, die
Elemente der Lebenskraft eines, und die intelligiblen Dinge
etwas anderes sind, so betrachtet man dies als das letzte Ziel
eines Mönchs, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt
hat.«
»Welche Eigenschaften haben nun, o Bruder, diesen Körper
verlassen, wenn er niedergestürzt, hingefallen daliegt, wie ein
todtes Stück Holz?«
»Wenn drei Eigenschaften, Bruder, diesen Körper verlassen
haben: die Lebenskraft, die Wärme und das Bewusstsein, dann
liegt dieser Körper niedergestürzt, hingefallen da, wie ein
todtes Stück Holz.«
»Welcher Unterschied besteht nun, Bruder, zwischen einem
Todten, Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit erwirkt hat?«
»Wer da todt und abgestorben ist, o Bruder, dessen körperliche
Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen sprachliche
Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen geistige
Elemente sind aufgelöst und erloschen, die Lebenskraft ist
aufgezehrt, die Wärme verflogen, die Sinne zerstoben; der
Mönch aber, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt
hat, dessen körperliche, sprachliche und geistige Elemente
sind zwar aufgelöst und erloschen, doch die Lebenskraft ist
nicht aufgezehrt, die Wärme nicht verflogen, und die Sinne
sind gestillt. Das ist der Unterschied, Bruder, zwischen einem
Todten und Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung
der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat.«
»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose,
freudlose Gemütherlösung?«
»Vier Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose,
freudlose Gemütherlösung: da erwirkt, o Bruder, ein Mönch,
nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des
einstigen Frohsinns und Trübsinns, die Weihe der leidlosen,
freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die
vierte Schauung. Das sind die vier Bedingungen, Bruder, um der
leidlosen, freudlosen Gemütherlösung theilhaftig zu werden.«
»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen den Eintritt der
vorstellungslosen Gemütherlösung?«
»Zwei Bedingungen, Bruder, ermöglichen den Eintritt der
vorstellungslosen Gemütherlösung: keiner Vorstellung Raum
gewähren und sich in die Vorstellungslosigkeit verlieren. Das,
o Bruder, sind die zwei Bedingungen, welche den Eintritt der
vorstellungslosen Gemütherlösung ermöglichen.«
»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen die Dauer der
vorstellungslosen Gemütherlösung?«
»Drei Bedingungen, Bruder, ermöglichen die Dauer der 297
vorstellungslosen Gemütherlösung: keiner Vorstellung Raum
gewähren, sich in die Vorstellungslosigkeit verlieren und
vorhergegangener Willensentschluss. Das, o Bruder, sind die
drei Bedingungen, welche die Dauer der vorstellungslosen
Gemütherlösung ermöglichen.«
»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen das Ende der
vorstellungslosen Gemütherlösung?«
»Zwei Bedingungen, Bruder, ermöglichen das Ende der
vorstellungslosen Gemütherlösung: sich in die Vorstellungen
verlieren, der Vorstellungslosigkeit keinen Raum gewähren.
Das, o Bruder, sind die zwei Bedingungen, welche das Ende der
vorstellungslosen Gemütherlösung ermöglichen.«
»Und nun, o Bruder: die unbeschränkte Gemütherlösung, die
unbeschwerte Gemütherlösung, die ledige Gemütherlösung,
die vorstellungslose Gemütherlösung, sind das von einander
verschiedene Begriffe, die auch eine verschiedene Bezeichnung
haben? Oder sind sie einander gleich und ist nur die
Bezeichnung verschieden?«
»Die unbeschränkte Gemütherlösung, die unbeschwerte
Gemütherlösung, die ledige Gemütherlösung, die vorstellungslose
Gemütherlösung: das sind Begriffe, o Bruder, die nach der einen
Betrachtungsart verschieden sind und verschiedene Bezeichnung
haben, nach der anderen Betrachtungsart aber gleich sind, doch
verschieden bezeichnet. Nach welcher Betrachtungsart nun, o
Bruder, sind diese Begriffe verschieden und haben verschiedene
Bezeichnung? Da strahlt, o Bruder, ein Mönch liebevollen
Gemüthes weilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten,
dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach
oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend
durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit
weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem.
Erbarmenden Gemüthes -- freudevollen Gemüthes -- unbewegten
Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach
einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten,
ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem
Gemüthe, mit erbarmendem Gemüthe, mit freudevollem Gemüthe,
mit unbewegtem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem,
von Grimm und Groll geklärtem. Das nennt man, o Bruder,
die unbeschränkte Gemütherlösung. Und was, Bruder, ist die
unbeschwerte Gemütherlösung? Da erwirkt, o Bruder, der Mönch
nach völliger Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre
in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins.
Das nennt man, o Bruder, die unbeschwerte Gemütherlösung. Und
was, Bruder, ist die ledige Gemütherlösung? Da weilt, o Bruder,
der Mönch im Walde, oder am Fuß eines Baumes, oder in leerer
Klause und überlegt also: ›Leer ist das von Mir und Mein.‹ 298
Das nennt man, o Bruder, die ledige Gemütherlösung. Und was,
Bruder, ist die vorstellungslose Gemütherlösung? Da erwirkt, o
Bruder, der Mönch, indem er keiner Vorstellung Raum giebt, die
vorstellungslose Gemüthvertiefung. Das nennt man, Bruder, die
vorstellungslose Gemütherlösung. Das ist die Betrachtungsart,
Bruder, nach welcher diese Begriffe verschieden sind und
verschiedene Bezeichnung haben. Nach welcher Betrachtungsart
nun, o Bruder, sind diese Begriffe einander gleich und haben
nur eine verschiedene Bezeichnung? Die Gier, o Bruder,
beschränkt, der Hass beschränkt, die Irre beschränkt: die
hat der wahnversiegte Mönch verleugnet, an der Wurzel
abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie
nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können. Sind nun,
o Bruder, die unbeschränkten Gemütherlösungen unerschütterlich
geworden, so gilt die Gemütherlösung von ihnen als das Letzte;
und diese unerschütterliche Gemütherlösung ist dann ledig der
Gier, ledig des Hasses, ledig der Irre. Die Gier, o Bruder,
beschwert, der Hass beschwert, die Irre beschwert: die hat der
wahnversiegte Mönch verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten,
einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen,
nicht mehr sich entwickeln können. Sind nun, o Bruder, die
unbeschwerten Gemütherlösungen unerschütterlich geworden, so
gilt die Gemütherlösung von ihnen als das Letzte; und diese
unerschütterliche Gemütherlösung ist dann ledig der Gier,
ledig des Hasses, ledig der Irre. Die Gier, o Bruder, schafft
Vorstellungen, der Hass schafft Vorstellungen, die Irre schafft
Vorstellungen: die hat der wahnversiegte Mönch verleugnet, an
der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so
dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln können.
Sind nun, o Bruder, die vorstellungslosen Gemütherlösungen
unerschütterlich geworden, so gilt die Gemütherlösung von ihnen
als das Letzte; und diese unerschütterliche Gemütherlösung ist
dann ledig der Gier, ledig des Hasses, ledig der Irre. Das, o
Bruder, ist die Betrachtungsart, nach welcher diese Begriffe
einander gleich sind und nur die Bezeichnung eine verschiedene
ist.«
* * * * *
Also sprach der ehrwürdige Sāriputto. Zufrieden freute sich der
ehrwürdige Mahākoṭṭhito über das Wort des ehrwürdigen Sāriputto.
44.
Fünfter Theil Vierte Rede
DIE ERKLÄRUNGEN
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 299
Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Da nun
begab sich Visākho, ein Anhänger, zur Nonne Dhammadinnā,
begrüßte sie höflich und setzte sich seitwärts nieder.
Seitwärts sitzend sprach nun der Anhänger Visākho zur Nonne
Dhammadinnā also:
»‚Die Persönlichkeit, die Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige;
was hat denn wohl der Erhabene gesagt, Ehrwürdige, dass die
Persönlichkeit sei?«
»Die fünf Stücke des Anhangens sind die Persönlichkeit, hat der
Erhabene gesagt, Bruder Visākho, als da ist ein Stück Anhangen
an der Form, ein Stück Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen
an der Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an der Unterscheidung,
ein Stück Anhangen am Bewusstsein. Diese fünf Stücke des
Anhangens, Bruder Visākho, sind die Persönlichkeit, hat der
Erhabene gesagt.«
»Wohl, Ehrwürdige!« erwiderte Visākho der Nonne Dhammadinnā
erfreut und befriedigt und stellte nun eine fernere Frage:
»‚Die Entstehung der Persönlichkeit, die Entstehung der
Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat denn nun,
Ehrwürdige, der Erhabene über die Entstehung der Persönlichkeit
gesagt?«
»Dieser Durst da, Bruder Visākho, der Wiederdasein säende,
gnügensgierverbundene, bald da bald dort sich ergetzende,
als da ist der Geschlechtsdurst, der Daseinsdurst, der
Wohlseinsdurst[34], das, Bruder Visākho, hat der Erhabene
gesagt, ist die Entstehung der Persönlichkeit.«
»‚Die Auflösung der Persönlichkeit, die Auflösung der
Persönlichkeit‘ heißt es, Ehrwürdige; was hat nun wohl,
Ehrwürdige, der Erhabene über die Auflösung der Persönlichkeit
gesagt?«
»Ebendieses Durstes vollkommen restlose Auflösung, Abstoßung,
Austreibung, Aufhebung, Vertilgung, Bruder Visākho, das ist die
Auflösung der Persönlichkeit, hat der Erhabene gesagt.«
»‚Der zur Auflösung der Persönlichkeit führende Pfad, der
zur Auflösung der Persönlichkeit führende Pfad‘ heißt es,
Ehrwürdige; was hat da wohl, Ehrwürdige, der Erhabene über
diesen Pfad gesagt?«
»Es ist dieser heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho,
von dem der Erhabene gesagt hat, dass er zur Auflösung der
Persönlichkeit führe, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte
Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln,
rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte Vertiefung.«
»Ist nun, Ehrwürdige, Anhangen und die fünf Stücke des
Anhangens ein und dasselbe, oder giebt es ein Anhangen außer
den fünf Stücken des Anhangens?«
»Nicht ist, Bruder Visākho, Anhangen und die fünf Stücke des 300
Anhangens ein und dasselbe, doch giebt es kein Anhangen außer
den fünf Stücken des Anhangens: was da, Bruder Visākho, bei
den fünf Stücken des Anhangens Willensreiz ist, das ist dabei
Anhangen.«
»Wie aber kann, Ehrwürdige, der Glaube an Persönlichkeit
aufkommen?«
»Da hat einer, Bruder Visākho, nichts erfahren, ist ein
gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen
Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für
das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen
unzugänglich und betrachtet die Form als sich selbst, oder
sich selbst als formähnlich, oder in sich selbst die Form,
oder in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die
Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein als sich
selbst, oder sich selbst als diesen ähnlich, oder in sich
selbst diese, oder in diesen sich selbst. So kann, Bruder
Visākho, der Glaube an Persönlichkeit aufkommen.«
»Und wie, Ehrwürdige, kann der Glaube an Persönlichkeit nicht
aufkommen?«
»Da hat einer, Bruder Visākho, als erfahrener heiliger Jünger
das Heilige gemerkt, ist der heiligen Lehre kundig, der
heiligen Lehre wohlzugänglich, hat das Edle gemerkt, ist der
Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und
betrachtet die Form nicht als sich selbst, noch sich selbst als
formähnlich, noch in sich selbst die Form, noch in der Form
sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die
Unterscheidungen, das Bewusstsein nicht als sich selbst, noch
sich selbst als diesen ähnlich, noch in sich selbst diese, noch
in diesen sich selbst. So kann, Bruder Visākho, der Glaube an
Persönlichkeit nicht aufkommen.«
»Welcher Art ist nun, Ehrwürdige, der heilige achtfältige Weg?«
»Solcher Art, Bruder Visākho, ist der heilige achtfältige
Weg, nämlich: rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte
Rede, rechtes Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte
Einsicht, rechte Vertiefung.«
»Ist nun der heilige achtfältige Weg, Ehrwürdige, ein
Zusammengefügtes oder ein Einiges?«
»Der heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho, ist ein
Zusammengefügtes.«
»Hat sich nun etwa, Ehrwürdige, der heilige achtfältige Weg aus 301
drei Theilen zusammengestellt, oder ist er aus drei Theilen
zusammengestellt worden?«
»Der heilige achtfältige Weg, Bruder Visākho, hat sich nicht
aus drei Theilen zusammengestellt, sondern ist aus drei Theilen
zusammengestellt worden. Rechte Rede, rechtes Handeln, rechtes
Wandeln bilden den Theil der Tugend; rechtes Mühn, rechte
Einsicht, rechte Vertiefung bilden den Theil der Vertiefung;
rechte Erkenntniss und rechte Gesinnung bilden den Theil der
Weisheit.«
»Und wie erklärt man, Ehrwürdige, die Vertiefung, die
Vorstellungen in der Vertiefung, das Rüstzeug bei der
Vertiefung und die Pflege der Vertiefung?«
»Die Einheit des Gemüthes, Bruder Visākho, das ist die
Vertiefung, die vier Pfeiler der Einsicht sind die
Vorstellungen in der Vertiefung, die vier gewaltigen Kämpfe
sind das Rüstzeug bei der Vertiefung, und die Uebung, Pflege
und Ausbildung in ebendiesen Dingen, das ist die Pflege der
Vertiefung.«
»Wieviel Unterscheidungen giebt es, Ehrwürdige?«
»Drei Unterscheidungen giebt es, Bruder Visākho: körperliche
Unterscheidung, sprachliche Unterscheidung und geistige
Unterscheidung.«
»Und was ist, Ehrwürdige, körperliche Unterscheidung,
sprachliche Unterscheidung und geistige Unterscheidung?«
»Einathmung und Ausathmung, Bruder Visākho, ist körperliche
Unterscheidung, Erwägung und Ueberlegung sprachliche
Unterscheidung, Wahrnehmung und Gefühl geistige Unterscheidung.«
»Und warum, Ehrwürdige, ist Einathmung und Ausathmung
körperliche Unterscheidung, Erwägung und Ueberlegung
sprachliche Unterscheidung, und Wahrnehmung und Gefühl geistige
Unterscheidung?«
»Einathmung und Ausathmung, Bruder Visākho, sind körperliche
Eigenschaften, sind an den Körper gebunden: darum ist
Einathmung und Ausathmung die körperliche Unterscheidung. Was
man vorher in Erwägung und Ueberlegung gezogen hat, Bruder
Visākho, spricht man nachher aus: darum ist Erwägung und
Ueberlegung die sprachliche Unterscheidung. Wahrnehmung und
Gefühl sind geistige Eigenschaften, sind an den Geist gebunden:
darum ist Wahrnehmung und Gefühl die geistige Unterscheidung.«
»Und wie kann man, Ehrwürdige, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit erlangen?«
»Das ist nicht so, Bruder Visākho, als ob ein Mönch, dem die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit zutheil wird, sagen könnte: ›Ich
werde die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erlangen‹, oder: ›Ich
erlange die Auflösung der Wahrnehmbarkeit‹, oder: ›Ich habe die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit erlangt‹; sondern er hat sein
Gemüth vorher soweit ausgebildet, dass es dafür empfänglich
wird.«
»Und wenn einem Mönche, Ehrwürdige, die Auflösung der 302
Wahrnehmbarkeit zutheil wird, was löst sich da zuerst
auf, die körperliche Unterscheidung, oder die sprachliche
Unterscheidung, oder die geistige Unterscheidung?«
»Wenn einem Mönche, Bruder Visākho, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit zutheil wird, löst sich zuerst die sprachliche
Unterscheidung auf, dann die körperliche und dann die geistige.«
»Und wie kann man, Ehrwürdige, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit aufheben?«
»Das ist nicht so, Bruder Visākho, als ob ein Mönch, der die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufhebt, sagen könnte: ›Ich werde
die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufheben‹, oder ›Ich hebe
die Auflösung der Wahrnehmbarkeit auf‹, oder: ›Ich habe die
Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben‹; sondern er hat sein
Gemüth vorher soweit ausgebildet, dass es dafür empfänglich
wird.«
»Und wenn ein Mönch die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufhebt,
Ehrwürdige, was erscheint da zuerst wieder, die körperliche
Unterscheidung, oder die sprachliche Unterscheidung, oder die
geistige Unterscheidung?«
»Wenn ein Mönch, Bruder Visākho, die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit aufhebt, erscheint zuerst die geistige
Unterscheidung wieder, dann die körperliche und dann die
sprachliche.«
»Und was für Empfindungen, Ehrwürdige, kommen den Mönch an,
wenn er die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat?«
»Drei Empfindungen, Bruder Visākho, kommen den Mönch
an, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit aufgehoben
hat: die Empfindung der Leerheit, die Empfindung der
Vorstellungslosigkeit, die Empfindung der Reglosigkeit.«
»Und wohin neigt sich, wohin beugt sich, wohin senkt sich,
Ehrwürdige, das Gemüth eines Mönchs, der die Auflösung der
Wahrnehmbarkeit aufgehoben hat?«
»Das Gemüth eines Mönchs, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit
aufgehoben hat, Bruder Visākho, neigt sich zur Einsamkeit,
beugt sich zur Einsamkeit, senkt sich zur Einsamkeit.«
»Was für Gefühle giebt es, Ehrwürdige?«
»Es giebt drei Arten von Gefühlen, Bruder Visākho: das freudige
Gefühl, das leidige Gefühl und das weder freudig noch leidige
Gefühl.«
»Und wie erklärt man, Ehrwürdige, das freudige Gefühl, wie das
leidige Gefühl und wie das weder freudig noch leidige Gefühl?«
»Körperliche oder geistige Freude, Bruder Visākho, die sich
angenehm fühlbar macht, ist das freudige Gefühl; körperliches
oder geistiges Leid, Bruder Visākho, das sich unangenehm
fühlbar macht, ist das leidige Gefühl; und körperliche oder
geistige Empfindung, Bruder Visākho, die sich weder angenehm
noch unangenehm fühlbar macht, ist das weder freudig noch 303
leidige Gefühl.«
»Und was ist beim freudigen Gefühl, Ehrwürdige, Freude und was
ist Leid, was ist beim leidigen Gefühl Leid und was ist Freude,
und was ist beim weder freudig noch leidigen Gefühl Freude und
was ist Leid?«
»Beim freudigen Gefühl, Bruder Visākho, ist die Dauer Freude
und der Wechsel Leid, beim leidigen Gefühl ist die Dauer Leid
und der Wechsel Freude, und beim weder freudig noch leidigen
Gefühl ist das Verstehn Freude und das Nichtverstehn Leid.«
»Und was für ein Trieb, Ehrwürdige, haftet dem freudigen
Gefühle an, was für ein Trieb haftet dem leidigen Gefühle
an, was für ein Trieb haftet dem weder freudig noch leidigen
Gefühle an?«
»Dem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, haftet der Trieb der
Gier an, dem leidigen Gefühle haftet der Trieb des Hassens an,
dem weder freudig noch leidigen Gefühle haftet der Trieb des
Nichtwissens an.«
»Und haftet der Trieb der Gier, Ehrwürdige, jedem freudigen
Gefühle an, haftet der Trieb des Hassens jedem leidigen Gefühle
an, haftet der Trieb des Nichtwissens jedem weder freudig noch
leidigen Gefühle an?«
»Nicht jedem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, haftet der
Trieb der Gier an, nicht jedem leidigen Gefühle haftet der
Trieb des Hassens an, nicht jedem weder freudig noch leidigen
Gefühle haftet der Trieb des Nichtwissens an.«
»Was ist nun, Ehrwürdige, beim freudigen Gefühle verwerflich,
was ist beim leidigen Gefühle verwerflich, was ist beim weder
freudig noch leidigen Gefühle verwerflich?«
»Beim freudigen Gefühl, Bruder Visākho, ist der Trieb der Gier
verwerflich, beim leidigen Gefühl ist der Trieb des Hassens
verwerflich, beim weder freudig noch leidigen Gefühl ist der
Trieb des Nichtwissens verwerflich.«
»Ist nun, Ehrwürdige, der Trieb der Gier bei jedem freudigen
Gefühl zu verwerfen, ist der Trieb des Hassens bei jedem
leidigen Gefühl zu verwerfen, ist der Trieb des Nichtwissens
bei jedem weder freudig noch leidigen Gefühl zu verwerfen?«
»Nicht bei jedem freudigen Gefühle, Bruder Visākho, ist der
Trieb der Gier zu verwerfen, nicht bei jedem leidigen Gefühle
ist der Trieb des Hassens zu verwerfen, nicht bei jedem weder
freudig noch leidigen Gefühle ist der Trieb des Nichtwissens zu
verwerfen. Da weilt, Bruder Visākho, ein Mönch, gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender
ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten
Schauung; und so verwirft er die Gier, und kein Giertrieb
haftet ihm an. Und ein Mönch, Bruder Visākho, sagt zu sich
selbst: ›Wann doch nur werde ich das Gebiet erobert haben, das
die Heiligen schon besitzen?‹ Und indem er also voll Sehnsucht
der höchsten Erlösungen gedenkt, fühlt er sich schmerzlich
bewegt; und so verwirft er das Hassen, und kein Hassenstrieb 304
haftet ihm an. Und ein Mönch, Bruder Visākho, erwirkt nach
Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des
einstigen Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen,
freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die
vierte Schauung; und so verwirft er das Nichtwissen, und kein
Nichtwissenstrieb haftet ihm an.«