»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Lotusweiher mit klarem,

süßem, kühlem Wasser, hell spiegelnd, leicht zugänglich, 284

entzückend gelegen: wenn da von Osten ein Mann herankäme, vom

Sonnenbrande gebraten, vom Sonnenbrande verzehrt, erschöpft,

zitternd, dürstend; der gelangte nun zu dem Lotusweiher und

löschte den Durst, löschte die quälende Gluth; wenn da von

Westen oder von Norden oder von Süden ein Mann herankäme, vom

Sonnenbrande gebraten, vom Sonnenbrande verzehrt, erschöpft,

zitternd, dürstend; der gelangte nun zu dem Lotusweiher und

löschte den Durst, löschte die quälende Gluth: ebenso nun auch,

ihr Mönche, erlangt, wer da aus einem Kriegergeschlechte vom

Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen und zu des Vollendeten

dargelegter Lehre und Ordnung gekommen ist und also die

Liebe, das Erbarmen, die Freude, den Gleichmuth gezeugt hat,

die eigene Ebbung. Weil er die eigene Ebbung erlangt hat,

sage ich, wandelt er den geraden Weg des Asketenthums. Wer

da aus einem Priestergeschlechte oder Bürgergeschlechte oder

Dienergeschlechte oder aus was immer für einem Geschlechte vom

Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen und zu des Vollendeten

dargelegter Lehre und Ordnung gekommen ist und also die Liebe,

das Erbarmen, die Freude, den Gleichmuth gezeugt hat, erlangt

die eigene Ebbung. Weil er die eigene Ebbung erlangt hat, sage

ich, wandelt er den geraden Weg des Asketenthums.

»Wenn da einer aus einem Kriegergeschlechte vom Hause fort in

die Hauslosigkeit gezogen ist und durch die Wahnversiegung

die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei

Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen

hat, so wird er durch die Wahnversiegung Asket. Wenn da einer

aus einem Priestergeschlechte oder Bürgergeschlechte oder

Dienergeschlechte oder aus was immer für einem Geschlechte

vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen ist und durch die

Wahnversiegung die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung

noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und

errungen hat, so wird er durch die Wahnversiegung Asket.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

FÜNFTER THEIL

ZWEITES BUCH DER PAARE

41.

Fünfter Theil Erste Rede

DIE BRĀHMANEN VON SĀLĀ

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene 285

im Lande Kosalo von Ort zu Ort und kam, von vielen Mönchen

begleitet, in die Nähe eines kosalischen Brāhmanendorfes Namens

Sālā. Und es hörten die brāhmanischen Bürger in Sālā reden:

›Der Asket, wahrlich, Herr Gotamo, der Sakyersohn, der dem Erbe

der Sakyer entsagt hat, wandert in unserem Lande von Ort zu Ort

und ist mit vielen Mönchen in Sālā angekommen. Diesen Herrn

Gotamo aber begrüßt man allenthalben mit dem frohen Ruhmesrufe,

so zwar: ‚Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen

Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene,

der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde,

der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der

Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren Göttern, ihren bösen

und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und

Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er sie selbst verstanden

und durchdrungen hat. Er verkündet die Lehre, deren Anfang

begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt, die sinn-

und wortgetreue, er legt das vollkommen geläuterte, geklärte

Asketenthum dar. Glücklich wer da nun solche Heilige sehn

kann!‘‹

Und jene brāhmanischen Bürger von Sālā begaben sich nun dorthin

wo der Erhabene weilte. Dort angelangt verneigten sich einige

vor dem Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite

nieder, andere wechselten höflichen Gruß und freundliche,

denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur Seite

nieder, einige wieder falteten die Hände gegen den Erhabenen

und setzten sich zur Seite nieder, andere wieder gaben beim

Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur

Seite nieder, und andere setzten sich still zur Seite nieder.

Hierauf nun sprachen jene brāhmanischen Bürger von Sālā zum

Erhabenen also:

»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass

da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode,

auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil

gerathen? Und was ist wiederum, o Gotamo, der Anlass, was ist

der Grund, dass da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers,

nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt gelangen?«

»Weil sie falsch und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb

gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach

dem Tode, auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben

und Unheil. Weil sie wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb

gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach

dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt.«

»Den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte des verehrten 286

Gotamo, den verstehn wir nicht; gut wär’ es, wenn uns der

verehrte Gotamo die Satzung dergestalt zeigen wollte, dass wir

den ganzen Sinn dieser kurzgefassten Worte verstehn könnten.«

»Wohlan denn, Bürgen, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Ja, o Herr!« antworteten da die brāhmanischen Bürger von

Sālā dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das falsche,

unrechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das falsche,

unrechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das

falsche, unrechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das falsche,

unrechte Leben in Thaten dreifach verschieden? Da ist einer,

ihr Bürger, ein Mörder, grausam und blutgierig, der Gewalt und

dem Todtschlag ergeben, ohne Erbarmen gegen seine Mitwesen.

Dann nimmt er was man ihm nicht gegeben hat; was ein anderer

in Dorf oder Wald an Hab und Gut besitzt, das macht er sich

ungeschenkt, in diebischer Absicht, zueigen. Und er begeht

Ausschweifung; mit einem Mädchen, das unter der Obhut der

Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von Bruder oder von

Schwester, unter der Obhut von Verwandten steht, mit einer

Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen, bis herab zu der

blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen pflegt er Verkehr.

Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Thaten

dreifach verschieden.

»Wie aber, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten

vierfach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, ein Lügner. Vor

Gericht, oder von den Leuten, oder unter Verwandten, oder in

der Gesellschaft, oder von königlichen Beamten als Augenzeuge

vernommen und befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt,

das sage‹, antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß

es‹, und wenn er es weiß: ›Ich weiß nichts‹, wenn er nichts

gesehn hat: ›Ich hab’ es gesehn‹, und wenn er es gesehn hat:

›Ich habe nichts gesehn‹. So legt er um seinetwillen oder um

eines anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht

bewogen wissentlich falsches Zeugniss ab. Dann liebt er das

Ausrichten. Was er hier gehört hat erzählt er dort wieder, um

jene zu entzweien; oder was er dort gehört hat erzählt er hier

wieder, um diese zu entzweien. So stiftet er Zwietracht unter

Verbundenen und hetzt die Entzweiten auf. Hader erfreut ihn,

Hader macht ihn froh, Hader befriedigt ihn, Hader erregende

Worte spricht er. Dann gebraucht er barsche Worte, Reden, die

spitzig und stechend sind, andere beleidigen, andere verletzen,

Äußerungen des Zornes, die zu keiner Einigung führen: solche 287

Worte spricht er. Und er treibt müßiges Geplauder, spricht zur

Unzeit, ohne Sinn, ohne Zweck, nicht der Lehre und Ordnung

gemäß; seine Rede ist nicht werth, dass man ihrer gedenke, sie

ist ungehörig, ungebildet, unangemessen, unverständlich. Also,

ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten vierfach

verschieden.

»Und wie, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Gedanken

dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, lüstern. Was

ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er: ›Ach

wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er gehässig,

übelgesinnten Herzens: ›Diese Wesen sollen getödtet werden,

sollen umgebracht werden, sollen zerstört werden, sollen

vertilgt werden, sie sollen so nicht bleiben!‹ Und er hegt

verkehrte Ansichten, verfehlte Meinungen: ›Almosengeben,

Verzichtleisten, Spenden -- es ist alles eitel; es giebt keine

Saat und Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits

sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt

sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester,

die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser

und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und

erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte

Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie also falsch

und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche

Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen

Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil.

* * * * *

»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das wahre,

rechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das wahre,

rechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das wahre,

rechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben

in Thaten dreifach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger,

das Morden verworfen, vom Tödten hält er sich fern; Stock

und Schwerdt hat er abgelegt, er ist mild und theilnehmend,

voll Liebe und Mitleid zu allem, was da lebt und athmet.

Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Stehlen hält

er sich fern; was ein anderer in Dorf oder Wald an Hab und

Gut besitzt, das macht er sich ungeschenkt, in diebischer

Absicht, nicht zueigen. Ausschweifung hat er verworfen, von

Ausschweifung halt er sich fern; mit einem Mädchen, das unter

der Obhut der Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von

Bruder oder von Schwester, unter der Obhut von Verwandten

steht, mit einer Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen,

bis herab zu der blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen

pflegt er keinen Verkehr. Also, ihr Bürger, ist das wahre,

rechte Leben in Thaten dreifach verschieden.

»Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten 288

vierfach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Lügen

verworfen, vom Lügen hält er sich fern. Vor Gericht, oder von

den Leuten, oder unter Verwandten, oder in der Gesellschaft,

oder von königlichen Beamten als Augenzeuge vernommen und

befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt, das sage‹,

antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß nichts‹, und

wenn er es weiß: ›Ich weiß es‹, wenn er nichts gesehn hat:

›Ich habe nichts gesehn‹, und wenn er es gesehn hat: ›Ich

hab’ es gesehn.‹ So legt er um seinetwillen oder um eines

anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht bewogen

wissentlich kein falsches Zeugniss ab. Das Ausrichten hat er

verworfen, vom Ausrichten hält er sich fern. Was er hier gehört

hat erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien; oder

was er dort gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese

zu entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Verbundene,

Eintracht erfreut ihn, Eintracht macht ihn froh, Eintracht

befriedigt ihn, Eintracht fördernde Worte spricht er. Barsche

Worte hat er verworfen, von barschen Worten hält er sich fern.

Worte, die lauter sind, dem Ohre wohlthuend, liebevoll, zum

Herzen dringend, höflich, viele ansprechend, vielen angenehm,

solche Worte gebraucht er. Plappern und Plaudern hat er

verworfen, von Plappern und Plaudern hält er sich fern. Zur

rechten Zeit spricht er, den Thatsachen gemäß, gehaltvoll, der

Lehre und Ordnung getreu; seine Rede ist werth, dass man ihrer

gedenke, gelegentlich mit Gleichnissen geschmückt, klar und

bestimmt, dem Gegenstande angemessen. Also, ihr Bürger, ist das

wahre, rechte Leben in Worten vierfach verschieden.

»Und wie, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken

dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, nicht lüstern.

Was ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er nicht:

›Ach wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er frei

von Gehässigkeit, frei von Uebelwollen: ›Mögen diese Wesen

ohne Hass, ohne Schmerz, ohne Quaal glücklich ihr Dasein

bewahren!‹ Und er hat rechte Ansichten, hegt keine verkehrten

Meinungen: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden ist kein

Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser Werke; das

Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden; Eltern

giebt es und geistige Geburt giebt es; die Welt hat Asketen

und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den

Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich

vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das

wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie

also wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da

manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf

gute Fährte, in sälige Welt.

* * * * *

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und 289

Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers,

nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes

wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der

Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines

reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um

seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter:

›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes

wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der

Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines

reichen Priestergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um

seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und

Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers,

nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes

wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der

Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines

reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um

seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter:

›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, unter den Göttern der Vier großen Könige -- unter den

Dreiunddreißig Göttern -- unter den Schattengöttern -- unter

den Säligen Göttern -- unter den Göttern der unbeschränkten

Freude -- unter den Jenseit der unbeschränkten Freude

weilenden Göttern -- unter den Göttern der Brahmawelt --

unter den Glänzenden Göttern -- unter den Hellerglänzenden

Göttern -- unter den Unermesslichglänzenden Göttern --

unter den Leuchtenden Göttern -- unter den Strahlenden

Göttern -- unter den Hellerstrahlenden Göttern -- unter den

Unermesslichstrahlenden Göttern -- unter den Strahlengewordenen

Göttern -- unter den Gewaltigen Göttern -- unter den Wonnigen

Göttern -- unter den Sonnigen Göttern -- unter den Hehren

Göttern -- unter den Herrlichen Göttern -- unter den Erhabenen

Göttern -- unter den Raumunendlichkeit genießenden Göttern

-- unter den Bewusstseinunendlichkeit genießenden Göttern

-- unter den Nichtdasein genießenden Göttern -- unter den

weder Wahrnehmung noch Nichtwahrnehmung genießenden Göttern

wiedererscheinen möchte‹, so mag dies wohl sein. Und warum? Um

seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.

»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und

Gerechter: ›O dass ich doch den Wahn versiegen und die

wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten

mir offenbar machen, verwirklichen und erringen könnte‹, so

mag es wohl sein, dass er den Wahn versiegen und die wahnlose

Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich

offenbar machen, verwirklichen und erringen kann. Und warum

das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.«

* * * * *

Nach diesen Worten sprachen die brāhmanischen Bürger von Sālā 290

zum Erhabenen also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie

etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder

Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder in die

Finsterniss ein Licht hielte, ›Wer Augen hat wird die Dinge

sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre auf manigfaltige

Weise dargelegt. Und so nehmen wir bei Herrn Gotamo Zuflucht,

bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge uns

Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«

42.

Fünfter Theil Zweite Rede

DIE BRĀHMANEN VON VERAÑJAM

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu dieser

Zeit nun befanden sich brāhmanische Bürger aus Verañjam wegen

irgend einer Angelegenheit in Sāvatthī. Und es hörten die

brāhmanischen Bürger von Verañjam reden:

[Das Folgende stimmt wörtlich mit dem 291

Vorhergehenden überein.[33] ]

43.

Fünfter Theil Dritte Rede

DIE ERKLÄRUNGEN

-- I --

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 292

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Als nun

der ehrwürdige Mahākoṭṭhito gegen Abend die Gedenkensruhe

beendet hatte, begab er sich dorthin wo der ehrwürdige

Sāriputto weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche,

denkwürdige Worte mit dem ehrwürdigen Sāriputto und setzte sich

zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige

Mahākoṭṭhito zum ehrwürdigen Sāriputto also:

»‚Unverständig, unverständig‘ heißt es, o Bruder; inwiefern

denn, o Bruder, wird einer unverständig genannt?«

»Er versteht nicht, er versteht nicht, o Bruder: desshalb wird

er unverständig genannt; was versteht er nicht? ›Das ist das

Leiden‹ versteht er nicht, ›Das ist die Leidensentwicklung‹

versteht er nicht, ›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht

er nicht, ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹

versteht er nicht. Er versteht nicht, er versteht nicht, o

Bruder: desshalb wird er unverständig genannt.«

»Wohl, Bruder!« erwiderte der ehrwürdige Mahākoṭṭhito erfreut

und befriedigt dem ehrwürdigen Sāriputto und stellte nun eine

fernere Frage: »‚Verständig, verständig‘ heißt es, o Bruder;

inwiefern denn, o Bruder, wird einer verständig genannt?«

»Er versteht, er versteht, o Bruder: desshalb wird er

verständig genannt; und was versteht er? ›Das ist das Leiden‹

versteht er, ›Das ist die Leidensentwicklung‹ versteht er,

›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht er, ›Das ist der zur

Leidensauflösung führende Pfad‹ versteht er. Er versteht, er

versteht, o Bruder: desshalb wird er verständig genannt.«

»‚Bewusst, bewusst‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o

Bruder, wird einer bewusst genannt?«

»Er ist bewusst, er ist bewusst, o Bruder: desshalb wird

er bewusst genannt; und wessen ist er bewusst? Er ist der

Freude bewusst und er ist des Leides bewusst und er ist der

Abwesenheit beider bewusst. Er ist bewusst, er ist bewusst, o

Bruder: desshalb wird er bewusst genannt.«

»Dieses Verständniss nun, o Bruder, und dieses Bewusstsein:

sind diese beiden verbunden, oder sind sie getrennt, und kann

man sie sondern und ihren Unterschied angeben?«

»Dieses Verständniss, o Bruder, und dieses Bewusstsein: diese

beiden sind verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich

sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben. Denn was einer

versteht, Bruder, dessen ist er bewusst, und wessen er bewusst 293

ist, das versteht er, darum sind diese beiden verbunden,

nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren

Unterschied anzugeben.«

»Was für ein Unterschied besteht dann, o Bruder, zwischen

diesen beiden verbundenen, nicht getrennten, dem Verständniss

und dem Bewusstsein?«

»Zwischen dem Verständniss und dem Bewusstsein, o Bruder,

die verbunden und nicht getrennt erscheinen, besteht der

Unterschied, dass das Verständnis auszubilden, das Bewusstsein

aber zu durchschauen ist.«

»‚Gefühl, Gefühl‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder,

spricht man von Gefühl?«

»Man fühlt, man fühlt, o Bruder: desshalb spricht man von

Gefühl; und was fühlt man? Freude fühlt man und Leid fühlt man

und die Abwesenheit beider fühlt man. Man fühlt, man fühlt, o

Bruder: desshalb spricht man von Gefühl.«

»‚Wahrnehmung, Wahrnehmung‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn,

o Bruder, spricht man von Wahrnehmung?«

»Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder: desshalb spricht man

von Wahrnehmung; und was nimmt man wahr? Blaues nimmt man wahr

und Gelbes nimmt man wahr und Rothes nimmt man wahr und Weißes

nimmt man wahr. Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder:

desshalb spricht man von Wahrnehmung.«

»Dieses Gefühl nun, o Bruder, und diese Wahrnehmung und dieses

Bewusstsein: erscheinen diese verbunden oder getrennt, und ist

es möglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben?«

»Dieses Gefühl, o Bruder, diese Wahrnehmung und dieses

Bewusstsein: diese drei erscheinen verbunden, nicht getrennt,

und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied

anzugeben. Denn was einer fühlt, Bruder, das nimmt er wahr, und

was er wahrnimmt, dessen ist er bewusst; darum erscheinen diese

Dinge verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu

sondern und ihren Unterschied anzugeben.«

»Und wer sich, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, was kann

der mit dem geläuterten Denkbewusstsein erkennen?«

»Wer sich da, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, kann mit

dem geläuterten Denkbewusstsein in dem Gedanken ›Gränzenlos

ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten Raumes erkennen, in

dem Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des

unbegrenzten Bewusstseins erkennen, in dem Gedanken ›Nichts ist

da‹ das Reich des Nichtdaseins erkennen.«

»Und das Erkennbare, Bruder, wie kann man das begreifen?«

»Das Erkennbare, Bruder, kann man durch das Auge der Weisheit

begreifen.«

»Und die Weisheit, Bruder, wozu dient die?«

»Die Weisheit, Bruder, dient zur Durchschauung, dient zur

Durchdringung, dient zur Entsagung.«

»Welche Bedingungen liegen nun, o Bruder, der rechten 294

Erkenntniss zugrunde?«

»Zwei Bedingungen, o Bruder, liegen der rechten Erkenntniss

zugrunde: die Stimme eines anderen und tiefes Nachdenken.

Das sind die zwei Bedingungen, o Bruder, die der rechten

Erkenntniss zugrunde liegen.«

»Was für Eigenschaften muss aber, Bruder, die rechte

Erkenntniss besitzen, um die Frucht der Gemütherlösung zu

bringen und den Gewinn dieser Frucht, um die Frucht der

Weisheiterlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht?«

»Fünf Eigenschaften, Bruder, muss die rechte Erkenntniss

besitzen, um die Frucht der Gemütherlösung zu bringen und den

Gewinn dieser Frucht, um die Frucht der Weisheiterlösung zu

bringen und den Gewinn dieser Frucht: da besitzt, o Bruder, die

rechte Erkenntniss die Eigenschaft der Tugend, die Eigenschaft

der Erfahrung, die Eigenschaft des Mittheilens, die Eigenschaft

der Ruhe und die Eigenschaft der Klarsicht. Diese fünf

Eigenschaften, Bruder, muss die rechte Erkenntniss besitzen,

soll sie die Frucht der Gemütherlösung bringen und den Gewinn

dieser Frucht, soll sie die Frucht der Weisheiterlösung bringen

und den Gewinn dieser Frucht.«

»Wie viele Arten des Daseins, o Bruder, giebt es?«

»Drei Arten des Daseins, Bruder, giebt es: geschlechtliches

Dasein, formhaftes Dasein, formloses Dasein.«

»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass immer wieder ein neuer

Keim entsteht?«

»Weil die Wesen, o Bruder, versunken im Nichtwissen, vom

Lebensdurst geködert, bald da und bald dort sich ergetzen,

desshalb kommt immer wieder ein neuer Keim zustande.«

»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass nie wieder ein neuer

Keim entstehe?«

»Durch den Nichtwissensekel, o Bruder, durch die

Wissensgewinnung, durch die Auflösung des Durstes wird jede

weitere Keimbildung aufgehoben.«

»Was ist nun, Bruder, die erste Schauung?«

»Da weilt, o Bruder, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern

von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener

säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Das nennt

man, Bruder, die erste Schauung.«

»Und was für Eigenschaften, Bruder, besitzt die erste Schauung?«

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band · 第 35 / 43 段