»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,
»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so verfolgt er
die angenehmen Dinge und verabscheut die unangenehmen,
ohne Einsicht in das Wesen der Körperlichkeit verweilt er
beschränkten Gemüthes, und nicht gedenkt er, der Wahrheit
gemäß, jener Gemütherlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen,
schlechten Eigenschaften sich restlos auflösen. So fällt er
der Befriedigung und Unbefriedigung anheim, und was für ein
Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, dieses Gefühl hegt er und pflegt er und
klammert sich daran. Während er das Gefühl hegt und pflegt
und sich daran klammert erhebt sich in ihm Genügen: dieses
Genügehaben bei den Gefühlen, das ist Anhangen. Durch dieses
Anhangen bedingt ist Werden, durch Werden bedingt Geburt, durch
Geburt bedingt gehn Alter und Tod, Schmerz und Jammer, Leiden,
Trübsal, Verzweiflung hervor: also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Entwicklung zustande.
* * * * *
»Da erscheint, ihr Mönche, der Vollendete in der Welt, der
Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,
der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter
der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen,
der Erwachte, der Erhabene. Er zeigt diese Welt mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, nachdem er
sie selbst verstanden und durchdrungen hat. Er verkündet die
Lehre, deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende
begütigt, die sinn- und wortgetreue, er legt das vollkommen
geläuterte, geklärte Asketenthum dar.
»Diese Lehre hört ein Hausvater, oder der Sohn eines
Hausvaters, oder einer, der in anderem Stande neugeboren ward.
Nachdem er diese Lehre gehört hat, fasst er Vertrauen zum
Vollendeten. Von diesem Vertrauen erfüllt denkt und überlegt er
also: ›Ein Gefängniss ist die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel;
der freie Himmelsraum die Pilgerschaft. Nicht wohl geht es,
wenn man im Hause bleibt, das völlig geläuterte, völlig
geklärte Asketenthum Punkt für Punkt zu erfüllen. Wie, wenn
ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande
bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ So
giebt er denn später einen kleinen Besitz oder einen großen
Besitz auf, hat einen kleinen Verwandtenkreis oder einen großen
Verwandtenkreis verlassen, und ist mit geschorenem Haar und
Barte, im fahlen Gewande von Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen.
»Er ist nun Pilger geworden und hat die Ordenspflichten der
Mönche auf sich genommen. Lebendiges umzubringen hat er
verworfen, Lebendiges umzubringen liegt ihm fern: ohne Stock,
ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme, hegt er zu allen
lebenden Wesen Liebe und Mitleid. Nichtgegebenes zu nehmen hat
er verworfen, vom Nehmen des Nichtgegebenen hält er sich fern:
Gegebenes nimmt er, Gegebenes wartet er ab, nicht diebisch 268
gesinnt, rein gewordenen Herzens. Die Unkeuschheit hat er
verworfen, keusch lebt er: fern zieht er hin, entrathen der
Paarung, dem gemeinen Gesetze. Lüge hat er verworfen, von Lüge
hält er sich fern: die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist
er ergeben, standhaft, vertrauenswürdig, kein Häuchler und
Schmeichler der Welt. Das Ausrichten hat er verworfen, vom
Ausrichten hält er sich fern: was er hier gehört hat erzählt
er dort nicht wieder, um jene zu entzweien, und was er dort
gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien:
so einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht macht ihn
froh, Eintracht freut ihn, Eintracht beglückt ihn, Eintracht
fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von
barschen Worten hält er sich fern: Worte, die frei von Schimpf
sind, dem Ohre wohlthuend, liebreich, zum Herzen dringend,
höflich, viele erfreuend, viele erhebend, solche Worte spricht
er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, vom Plappern und
Plaudern hält er sich fern: zur rechten Zeit spricht er, den
Thatsachen gemäß, auf den Sinn bedacht, der Lehre und Ordnung
getreu, seine Rede ist reich an Inhalt, gelegentlich mit
Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, ihrem Gegenstande
angemessen.
»Sämereien und Pflanzungen anzulegen hat er verschmäht. Einmal
des Tags nimmt er Nahrung zu sich, nachts ist er nüchtern,
fern liegt es ihm zur Unzeit zu essen. Von Tanz, Gesang,
Spiel, Schaustellungen hält er sich fern. Kränze, Wohlgerüche,
Salben, Schmuck, Zierrath, Putz weist er ab. Hohe, prächtige
Lagerstätten verschmäht er. Gold und Silber nimmt er nicht
an. Rohes Getreide nimmt er nicht an. Rohes Fleisch nimmt er
nicht an. Frauen und Mädchen nimmt er nicht an. Diener und
Dienerinen nimmt er nicht an. Ziegen und Schaafe nimmt er nicht
an. Hühner und Schweine nimmt er nicht an. Elephanten, Rinder
und Rosse nimmt er nicht an. Haus und Feld nimmt er nicht an.
Botschaften, Sendungen, Aufträge übernimmt er nicht. Von Kauf
und Verkauf hält er sich fern. Von falschem Maaß und Gewicht
hält er sich fern. Von den schiefen Wegen der Bestechung,
Täuschung, Niedertracht hält er sich fern. Von Raufereien,
Schlägereien, Händeln, vom Rauben, Plündern und Zwingen hält er
sich fern.
»Er ist zufrieden mit dem Gewande, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
pilgert, nur mit dem Gewande und der Almosenschaale versehn
pilgert er. Gleichwie da etwa ein beschwingter Vogel, wohin er
auch fliegt, nur mit der Last seiner Federn fliegt, ebenso auch
ist der Mönch mit dem Gewande zufrieden, das seinen Leib deckt,
mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch
wandert, nur damit versehn wandert er.
»Durch die Erfüllung dieser heiligen Tugendsatzung empfindet er 269
ein inneres fleckenloses Glück.
»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so fasst er
keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gesicht, er wacht eifrig über das
Gesicht.
»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,
»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,
»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,
»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,
»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so fasst er keine
Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth,
böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der
unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser
Bewachung, er hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das
Gedenken.
»Durch die Erfüllung dieser heiligen Sinnenzügelung empfindet
er ein inneres ungetrübtes Glück.
»Klar bewusst kommt er und geht er, klar bewusst blickt er
hin, blickt er weg, klar bewusst regt und bewegt er sich, klar
bewusst trägt er des Ordens Gewand und Almosenschaale, klar
bewusst isst und trinkt, kaut und schmeckt er, klar bewusst
entleert er Koth und Harn, klar bewusst geht und steht und
sitzt er, schläft er ein, wacht er auf, spricht er und schweigt
er.
»Treu dieser heiligen Tugendsatzung, treu dieser heiligen
Sinnenzügelung, treu dieser heiligen klaren Einsicht sucht er
einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines
Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof,
die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach
dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt
er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade
aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche
Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von
Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen,
hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu
allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit.
Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei;
das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein
Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist
frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein
Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der
Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom
Schwanken läutert er sein Herz.
»Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die 270
Schlacken des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern
von Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der
ersten Schauung.
»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erwirkt der Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung.
»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung.
»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung.
»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so verfolgt
er nicht die angenehmen Formen und verabscheut nicht die
unangenehmen, gewärtig des Wesens der Körperlichkeit verweilt
er unbeschränkten Gemüthes und gedenkt, der Wahrheit gemäß,
jener Gemütherlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen,
schlechten Eigenschaften sich restlos auflösen. So hat er sich
von Befriedigung und Unbefriedigung losgelöst, und was für ein
Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, dieses Gefühl hegt er nicht und pflegt
er nicht und klammert sich nicht daran. Während er das Gefühl
nicht hegt und nicht pflegt und sich nicht daran klammert löst
jenes Genügehaben bei den Gefühlen sich auf. Durch Auflösung
jenes Genügens wird Anhangen aufgelöst, durch Auflösung des
Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösung des Werdens
wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter
und Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal,
Verzweiflung gehn zugrunde: also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Auflösung zustande.
»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,
»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,
»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,
»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,
»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so verfolgt
er nicht die angenehmen Dinge und verabscheut nicht die
unangenehmen, gewärtig des Wesens der Körperlichkeit verweilt
er unbeschränkten Gemüthes und gedenkt, der Wahrheit gemäß,
jener Gemütherlösung, Weisheiterlösung, wo seine bösen,
schlechten Eigenschaften sich restlos auflösen. So hat er sich
von Befriedigung und Unbefriedigung losgelöst, und was für ein
Gefühl er auch fühlt, ein freudiges oder leidiges oder weder
freudig noch leidiges, dieses Gefühl hegt er nicht und pflegt
er nicht und klammert sich nicht daran. Während er das Gefühl
nicht hegt und nicht pflegt und sich nicht daran klammert löst
jenes Genügehaben bei den Gefühlen sich auf. Durch Auflösung
jenes Genügens wird Anhangen aufgelöst, durch Auflösung des
Anhangens wird Werden aufgelöst, durch Auflösung des Werdens
wird Geburt aufgelöst, durch Auflösung der Geburt wird Alter
und Tod aufgelöst, Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal,
Verzweiflung gehn zugrunde: also kommt dieses gesammten
Leidensstückes Auflösung zustande.
* * * * *
»Dies, meine Mönche, bewahret, kurzgefasst, unter dem Namen
Erlösung durch Versiegung des Durstes. Den Mönch Sāti aber, den 271
Fischersohn, betrachtet als in des Durstes gewaltiges Netz, in
des Durstes Koppel verstrickt.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.
39.
Vierter Theil Neunte Rede
VOR ASSAPURAM
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene in
Bengalen, bei einer Stadt der Bengalier Namens Assapuram. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»‚Büßer, Büßer sind’s‘: so denken, ihr Mönche, von euch die
Leute. Ihr aber, wenn ihr gefragt werdet: ›Was seid ihr?‹,
bekennet: ›Wir sind Büßer.‹ Die ihr also bekannt seid, ihr
Mönche, die ihr euch also bekennet, ihr habt auch die
Pflichten zu üben: ›Was den Büßern, was den Heiligen obliegt,
das haben wir auf uns genommen und werden es erfüllen. Und so
soll dieser Name, den man uns giebt, wahr und unser Bekenntniss
wirklich sein. Und für das Almosen von Kleidung, Speise,
Obdach und Arzenei, dafür sollen die Geber bei uns hohen Lohn
erlangen, hohe Förderung. Unsere Pilgerschaft aber soll nicht
unfruchtbar bleiben, sondern Zweck und Ziel erwirken.‹
»Was aber, ihr Mönche, obliegt den Büßern, obliegt den
Heiligen? ›Schaamhaft und dehmüthig wollen wir sein‹: also habt
ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig: genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben wir das
Ziel des Asketenthums, nichts weiter haben wir zu thun‹, und
ihr möchtet euch damit schon zufrieden geben. Ich mache euch
kund, ihr Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge euch, die
ihr nach dem Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel nicht
entgehn, da noch mehr zu thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei 272
unser Wandel, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieses geläuterten Wandels halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel: genug ist’s, gethan
ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums, nichts
weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei
unsere Rede, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieser geläuterten Rede halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede:
genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben wir das Ziel des
Asketenthums, nichts weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet
euch damit schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr
Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem
Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch
mehr zu thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei
unser Sinn, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieses geläuterten Sinnes halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede,
geläutert der Sinn: genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben
wir das Ziel des Asketenthums, nichts weiter haben wir zu
thun‹, und ihr möchtet euch damit schon zufrieden geben. Ich
mache euch kund, ihr Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge
euch, die ihr nach dem Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel
nicht entgehn, da noch mehr zu thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Geläutert sei
unser Leben, offen und ehrlich, nicht heimlich und verhohlen;
und dieses geläuterten Lebens halber werden wir uns nicht
überheben, noch die anderen geringschätzen‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede,
geläutert der Sinn, geläutert das Leben: genug ist’s, gethan 273
ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums, nichts
weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit schon
zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich mache
euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Die Thore der
Sinne lasset uns hüten. Erblicken wir mit dem Gesichte eine
Form, so fassen wir keine Neigung, keine Absicht. Da Begierde
und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den
überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigen
wir uns dieser Bewachung, hüten wir das Gesicht, wachen wir
eifrig über das Gesicht. Hören wir mit dem Gehöre einen Ton
-- riechen wir mit dem Geruche einen Duft -- schmecken wir
mit dem Geschmacke einen Saft -- tasten wir mit dem Getaste
eine Tastung -- erkennen wir mit dem Gedenken ein Ding, so
fassen wir keine Neigung, fassen keine Absicht. Da Begierde
und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den
überwältigen, der unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigen
wir uns dieser Bewachung, hüten wir das Gedenken, wachen wir
eifrig über das Gedenken‹: also habt ihr euch, meine Mönche,
wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht, ihr Mönche, der Gedanke
kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind dehmüthig, geläutert ist
unser Wandel, geläutert die Rede, geläutert der Sinn, geläutert
das Leben, die Thore der Sinne hüten wir: genug ist’s,
gethan ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums,
nichts weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Beim Essen
lasset uns Maaß halten, jeden Bissen gründlich betrachten,
nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und
Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um
Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben führen zu können:
‚So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten und ein neues Gefühl
nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben,
ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden‘‹: also habt ihr
euch, meine Mönche, wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht,
ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind
dehmüthig, geläutert ist unser Wandel, geläutert die Rede,
geläutert der Sinn, geläutert das Leben, die Thore der Sinne
hüten wir, beim Essen halten wir Maaß: genug ist’s, gethan
ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums, nichts
weiter haben wir zu thun‹, und ihr mochtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Der Wachsamkeit
wollen wir uns weihen. Bei Tage werden wir, gehend und sitzend,
das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den ersten Stunden
der Nacht werden wir, gehend und sitzend, das Gemüth von 274
trübenden Dingen läutern; in den mittleren Stunden der Nacht
werden wir uns dann wie der Löwe auf die rechte Seite hinlegen,
einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit des
Aufstehns gedenkend; in den letzten Stunden der Nacht werden
wir uns wieder erheben und, gehend und sitzend, das Gemüth von
trübenden Dingen läutern‹: also habt ihr euch, meine Mönche,
wohl zu üben. Nun mag euch vielleicht, ihr Mönche, der Gedanke
kommen: ›Wir sind schaamhaft, sind dehmüthig, geläutert ist
unser Wandel, geläutert die Rede, geläutert der Sinn, geläutert
das Leben, die Thore der Sinne hüten wir, beim Essen halten
wir Maaß, haben uns der Wachsamkeit geweiht: genug ist’s,
gethan ist’s, erreicht haben wir das Ziel des Asketenthums,
nichts weiter haben wir zu thun‹, und ihr möchtet euch damit
schon zufrieden geben. Ich mache euch kund, ihr Mönche, ich
mache euch aufmerksam: möge euch, die ihr nach dem Ziel des
Asketenthums trachtet, das Ziel nicht entgehn, da noch mehr zu
thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? ›Mit klarem
Bewusstsein wollen wir uns wappnen. Klar bewusst beim Kommen
und Gehn, klar bewusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar
bewusst beim Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen des
Gewandes und der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst beim
Essen und Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim
Entleeren von Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn
und Sitzen, beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und
Schweigen‹: also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben.
Nun mag euch vielleicht, ihr Mönche, der Gedanke kommen: ›Wir
sind schaamhaft, sind dehmüthig, geläutert ist unser Wandel,
geläutert die Rede, geläutert der Sinn, geläutert das Leben,
die Thore der Sinne hüten wir, beim Essen halten wir Maaß,
haben uns der Wachsamkeit geweiht, sind mit klarem Bewusstsein
gewappnet: genug ist’s, gethan ist’s, erreicht haben wir das
Ziel des Asketenthums, nichts weiter haben wir zu thun‹, und
ihr möchtet euch damit schon zufrieden geben. Ich mache euch
kund, ihr Mönche, ich mache euch aufmerksam: möge euch, die
ihr nach dem Ziel des Asketenthums trachtet, das Ziel nicht
entgehn, da noch mehr zu thun ist.
»Was ist aber, ihr Mönche, noch mehr zu thun? Da sucht, ihr
Mönche, der Mönch einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain,
den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft,
einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen
Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt
ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper
gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche
Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von
Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen,
hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu 275
allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit.
Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei;
das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein
Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist
frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein
Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der
Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom
Schwanken läutert er sein Herz.
»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann, von Schulden
bedrückt, sich in Geschäfte einließe; diese Geschäfte aber
nähmen einen gedeihlichen Ausgang für ihn, sodass er seine alte
Schuldenlast tilgen könnte und ihm sogar noch ein Uebriges
bliebe um ein Weib auszuhalten; der sagte sich nun: ›Ich habe
mich früher, von Schulden bedrückt, in Geschäfte eingelassen,
und diese sind mir nun gediehen; jetzt hab’ ich meine alte
Schuldenlast getilgt und besitze sogar noch ein Uebriges um
ein Weib aushalten zu können‹: darüber freute er sich, wäre
fröhlich gestimmt;
gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn ein Mann siech wäre, leidend,
von schwerer Krankheit betroffen, keine Nahrung vertrüge,
keine Kraft mehr im Leibe hätte; später dann wiche aber das
Gebresten von ihm, die Nahrung bekäme ihm wohl, er fühlte sich
wieder kräftig im Leibe; der sagte sich nun: ›Ich war früher
siech, leidend, schwerkrank, die Nahrung bekam mir nicht, mein
Leib war kraftlos; jetzt aber bin ich von dieser Krankheit
genesen, die Nahrung schlägt mir an, ich fühle mich wieder
leibeskräftig‹: darüber freute er sich, wäre fröhlich gestimmt;