»Ich begab mich nun, Aggivessano, das wahre Gut suchend, nach

dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, zu

Uddako, dem Sohne des Rāmo, und sprach zu ihm: ›Ich möchte,

Bruder Rāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben

führen.‹ Hierauf, Aggivessano, erwiderte mir Uddako Rāmaputto:

›Bleibt, Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein

verständiger Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene

Meisterschaft begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz

erlangen kann.‹ Und ich begriff, Aggivessano, binnen kurzem,

sehr bald diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Aggivessano, als

Lippen und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens

und das Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen

wussten: ›Wir kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Aggivessano,

der Gedanke: ›Rāmo hat nicht die ganze Lehre nach seinem

Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’

ich in ihrem Besitze‘ verkündet, sicher hat Rāmo diese Lehre

genau gekannt.‹ Ich ging nun, Aggivessano, zu Uddako, dem Sohne

Rāmos, hin und sprach also: ›Inwiefern, Bruder, hat Rāmo diese

Lehre als von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt

erklärt?‹ Hierauf, Aggivessano, stellte Uddako, der Sohn

Rāmos, die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung dar. Da kam mir,

Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht einmal Rāmo hatte Zuversicht,

ich aber habe Zuversicht; nicht einmal Rāmo hatte 166

Standhaftigkeit, ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal

Rāmo hatte Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal

Rāmo hatte Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung;

nicht einmal Rāmo hatte Weisheit, ich aber habe Weisheit.

Wie, wenn ich nun diese Lehre, von welcher Rāmo sagte ‚Mir

selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem

Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar

würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Aggivessano, hatte ich

diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz

erlangt. Ich ging nun, Aggivessano, wieder zu Uddako, dem Sohn

Rāmos, und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder, der Darlegung

Rāmos gemäß insofern von uns begriffen, offenbar gemacht und

erlangt worden?‹ -- ›Insofern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre

als begriffen, offenbar gemacht und erlangt dargestellt.‹ --

›Ich habe nun, Bruder, diese Lehre insofern begriffen, mir

offenbar gemacht und erlangt.‹ -- ›Beglückt sind wir, o Bruder,

hoch begünstigt, die wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten

Asketen erblicken! So wie Rāmo die Lehre verkündet hat, so hast

du die Lehre erlangt; so wie du sie erlangt hast, so hat Rāmo

die Lehre verkündet. So wie Rāmo die Lehre gekannt hat, so

kennst du die Lehre; so wie du die Lehre kennst, so hat Rāmo

die Lehre gekannt. So wie Rāmo war, so bist du; so wie du bist,

so war Rāmo. Komm’ denn, o Bruder: sei du das Haupt dieser

Jüngerschaar.‹ So, Aggivessano, belehnte Uddako Rāmaputto,

mein Ordensbruder, mich mit der Meisterschaft und ehrte mich

mit hoher Ehre. Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht

diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur Auflösung, zur

Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung,

sondern nur zur Einkehr in das Reich der Gränze möglicher

Wahrnehmung.‹ Und ich fand diese Lehre ungenügend, Aggivessano,

und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich wanderte nun, Aggivessano, das wahre Gut suchend, nach

dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, im

Magadhā-Lande von Ort zu Ort und kam in die Nähe der Burg

Uruvelā. Dort sah ich einen entzückenden Fleck Erde: einen 167

heiteren Waldesgrund, einen hell strömenden Fluss, zum Baden

geeignet, erfreulich, und rings umher Wiesen und Felder. Da

kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Entzückend, wahrlich, ist

dieser Fleck Erde!‹ Heiter ist der Waldesgrund, der Fluss

strömt hell dahin, zum Baden geeignet, erfreulich, und rings

umher liegen Wiesen und Felder. Das genügt wohl einem Askese

begehrenden edlen Sohne zur Askese.‹ Und ich setzte mich nun,

Aggivessano, dort nieder: ›Das genügt zur Askese.‹

»Da leuchteten mir, Aggivessano, drei Gleichnisse auf, 240

naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Gleichwie, Aggivessano, wenn ein feuchtes, leimiges Holzscheit

ins Wasser geworfen würde; da träte ein Mann hinzu, mit

einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken, Licht

hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Aggivessano: könnte wohl

dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige, ins

Wasser geworfene Holzscheit reibend, Feuer erwecken, Licht

hervorbringen?«

»Gewiss nicht, o Gotamo!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Holzscheit, o Gotamo, ist ja feucht, leimig und überdies 241

noch ins Wasser geworfen! Alle Plage und Mühe des Mannes wäre

vergeblich.«

»Ebenso nun auch, Aggivessano, steht es mit jenen Asketen oder

Priestern, die des Körpers nicht, nicht der Wünsche entwöhnt

sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,

Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das

nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene

lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche,

brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum

Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und

auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden

schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so

sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht,

zur unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun,

Aggivessano, war das erste mir aufleuchtende, das naturgemäße,

nie zuvor gehörte.

»Und hierauf, Aggivessano, leuchtete mir nun ein zweites

Gleichniss auf, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes.

Gleichwie, Aggivessano, wenn ein feuchtes, leimiges Holzscheit

fern vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte ein Mann

hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken,

Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Aggivessano: könnte

wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige,

fern vom Wasser ans Land geworfene Holzscheit reibend, Feuer

erwecken, Licht hervorbringen?«

»Gewiss nicht, o Gotamo!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Holzscheit, o Gotamo, ist ja feucht, leimig, und wenn es

auch außerhalb des Wassers am Lande liegt, alle Plage und Mühe

des Mannes wäre vergeblich.«

»Ebenso nun auch, Aggivessano, steht es mit jenen Asketen oder

Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt sind,

die aber was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,

Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das

nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene

lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche,

brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum

Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und

auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden

schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so

sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht,

zur unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun,

Aggivessano, war das zweite mir aufleuchtende, das naturgemäße,

nie zuvor gehörte.

»Und hierauf, Aggivessano, leuchtete mir nun ein drittes 242

Gleichniss auf, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes.

Gleichwie, Aggivessano, wenn ein trockenes, ausgedörrtes

Holzscheit fern vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte

ein Mann hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer

erwecken, Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Aggivessano:

könnte wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das trockene,

ausgedörrte, fern vom Wasser ans Land geworfene Holzscheit

reibend, Feuer erwecken, Licht hervorbringen?«

»Freilich, o Gotamo!«

»Und warum das?«

»Jenes Holzscheit, o Gotamo, ist ja trocken und ausgedörrt und

liegt fern vom Wasser am Lande.«

»Ebenso nun auch, Aggivessano, steht es mit jenen Asketen oder

Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt

sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim,

Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das

innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene lieben

Asketen und Priester herantretende schmerzliche, brennende,

bittere Gefühle erfahren, so sind sie fähig zum Wissen, zur

Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und auch wenn jene

lieben Asketen und Priester keine herantretenden schmerzlichen,

brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so sind sie auch

dann fähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen

Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Aggivessano, war das dritte

mir aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Diese drei Gleichnisse, Aggivessano, leuchteten mir auf,

naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich

nun mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen

gehefteter Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwänge,

niederdrückte, niederquälte?‹ Und ich zwang nun, Aggivessano,

mit aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter

Zunge durch den Willen das Gemüth nieder, drückte es nieder,

quälte es nieder. Und indem ich also, Aggivessano, mit

aufeinandergepressten Zähnen und an den Gaumen gehefteter

Zunge durch den Willen das Gemüth niederzwang, niederdrückte,

niederquälte, rieselte mir der Schweiß aus den Achselhöhlen.

Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein starker Mann einen

schwächeren, beim Kopf oder bei der Schulter ergreifend,

niederzwingt, niederdrückt, niederquält, ebenso rieselte mir

da, Aggivessano, indem ich also mit aufeinandergepressten

Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge durch den Willen das

Gemüth niederzwang, niederdrückte, niederquälte, der Schweiß

aus den Achselhöhlen. Gestählt war zwar, Aggivessano, meine

Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber

regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so 243

schmerzliche Askese, die mich antrieb. Und das solcherart mir

entstandene Wehgefühl, Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht

fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun

in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich hielt nun,

Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase an.

Und indem ich also, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von

Mund und Nase anhielt, wurde mir das überlaute Geräusch der

Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gleichwie etwa, Aggivessano,

der geblähte Blasebalg einer Schmiede überlautes Geräusch

erzeugt, ebenso wurde mir da, Aggivessano, indem ich also die

Ein- und Ausathmungen von Mund und Nase anhielt, das überlaute

Geräusch der Blutströmungen im Ohre vernehmbar. Gestählt

war zwar, Aggivessano, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die

Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper,

nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die

mich antrieb. Und das solcherart mir entstandene Wehgefühl,

Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich

nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und

ich hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von

Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano,

die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,

schlugen mir überheftige Strömungen auf die Schädeldecke auf.

Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein starker Mann mit scharfer

Dolchspitze die Schädeldecke zerhämmerte, ebenso schlugen

mir da, Aggivessano, indem ich also die Ein- und Ausathmungen

von Mund, Nase und Ohr anhielt, überheftige Strömungen auf

die Schädeldecke auf. Gestählt war zwar, Aggivessano, meine

Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar, aber

regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch diese so

schmerzliche Askese, die mich antrieb. Und das solcherart mir

entstandene Wehgefühl, Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht

fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich nun

noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und ich

hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von Mund,

Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano, die Ein-

und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte ich im

Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn

ein starker Mann feste Riemenstränge auf dem Kopfe peitschend 244

tanzen ließe, ebenso hatte ich da, Aggivessano, indem ich also

die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, im

Kopfe betäubende Kopfgefühle. Gestählt war zwar, Aggivessano,

meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht, unverrückbar,

aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig geworden durch

diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb. Und das

solcherart mir entstandene Wehgefühl, Aggivessano, konnte mein

Gemüth nicht fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich

nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und

ich hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von

Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano,

die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,

schnitten mir überheftige Strömungen durch den Bauch.

Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein geschickter Schlächter

oder Schlächtergeselle mit scharfem Schlachtmesser den Bauch

durchschlitzte, ebenso schnitten mir da, Aggivessano, indem ich

also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt,

überheftige Strömungen durch den Bauch. Gestählt war zwar,

Aggivessano, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die Einsicht,

unverrückbar, aber regsam war da mein Körper, nicht ruhig

geworden durch diese so schmerzliche Askese, die mich antrieb.

Und das solcherart mir entstandene Wehgefühl, Aggivessano,

konnte mein Gemüth nicht fesseln.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich

nun noch weiter in athemlose Selbstverlierung verlöre?‹ Und

ich hielt nun, Aggivessano, die Ein- und Ausathmungen von

Mund, Nase und Ohr an. Und indem ich also, Aggivessano, die

Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und Ohr anhielt, hatte

ich im Körper überheftig glühende Quaal. Gleichwie etwa,

Aggivessano, wenn zwei starke Männer einen schwächeren Mann an

beiden Armen ergriffen und in eine Grube voll glühender Kohlen

hineinquälten, hineinrollten, ebenso hatte ich da, Aggivessano,

indem ich also die Ein- und Ausathmungen von Mund, Nase und

Ohr anhielt, im Körper überheftig glühende Quaal. Gestählt

war zwar, Aggivessano, meine Kraft, unbeugsam, gewärtig die

Einsicht, unverrückbar, aber regsam war da mein Körper,

nicht ruhig geworden durch diese so schmerzliche Askese, die

mich antrieb. Und das solcherart mir entstandene Wehgefühl,

Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht fesseln.

»Da sahn mich nun, Aggivessano, Gottheiten und sagten: 245

›Gestorben ist der Asket Gotamo.‹ Andere Gottheiten sagten:

›Nicht gestorben ist der Asket Gotamo, aber er stirbt.‹ Und

andere Gottheiten sagten: ›Nicht gestorben ist der Asket Gotamo

und nicht stirbt er, heilig ist der Asket Gotamo, ein Zustand

ist es nur des Heiligen, von solcher Art.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich mich

nun gänzlich der Nahrung enthielte?‹ Da traten, Aggivessano,

Gottheiten zu mir heran und sprachen: ›Wolle nicht, Würdiger,

dich gänzlich der Nahrung enthalten! Wenn du dich, Würdiger,

gänzlich der Nahrung enthalten willst, so werden wir dir

himmlischen Thau durch die Poren einflößen: dadurch wirst du

am Leben bleiben.‹ Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wenn

ich nun auch gänzliches Fasten hielte, diese Gottheiten mir

aber himmlischen Thau durch die Poren einflößten und ich also

gefristet würde, so wär’ es bloßer Schein.‹ Und ich wies,

Aggivessano, die Gottheiten zurück und sagte: ›Schon gut!‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, wenn ich nun

wenig, wenig Nahrung zu mir nähme, eine hohle Hand voll

und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe oder

Linsenbrühe?‹ Und ich nahm, Aggivessano, wenig, wenig Nahrung

zu mir, eine hohle Hand voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe

oder Erbsenbrühe oder Linsenbrühe. Und indem ich also,

Aggivessano, wenig, wenig Nahrung zu mir nahm, eine hohle Hand

voll und noch eine, als wie Bohnenbrühe oder Erbsenbrühe

oder Linsenbrühe, wurde mein Körper außerordentlich mager.

Wie dürres, welkes Rohr wurden da meine Arme und Beine durch

diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Kameelhuf wurde

da mein Gesäß durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme,

wie eine Kugelkette wurde da mein Rückgrat mit den hervor-

und zurücktretenden Wirbeln durch diese äußerst geringe

Nahrungaufnahme, wie sich die Dachsparren eines alten Hauses

queerkantig abheben, hoben sich da meine Rippen queerkantig

ab durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie in einem

tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend

klein erscheinen, so erschienen da in meinen Augenhöhlen die

tiefliegenden Augensterne verschwindend klein durch diese

äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Bitterkürbiss, frisch 246

angeschnitten, in heißer Sonne hohl und schrumpf wird, so wurde

da meine Kopfhaut hohl und schrumpf durch diese äußerst geringe

Nahrungaufnahme. Und indem ich, Aggivessano, die Bauchdecke

befühlen wollte traf ich auf das Rückgrat, und indem ich das

Rückgrat befühlen wollte traf ich wieder auf die Bauchdecke. So

nahe war mir, Aggivessano, die Bauchdecke ans Rückgrat gekommen

durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und ich wollte,

Aggivessano, Koth und Harn entleeren, da fiel ich vornüber hin

durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahm. Um nun diesen

Körper da zu stärken, Aggivessano, rieb ich mit der Hand die

Glieder. Und indem ich also, Aggivessano, mit der Hand die

Glieder rieb, fielen die wurzelfaulen Körperhaare aus durch

diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.

»Da sahn mich nun, Aggivessano, Menschen und sagten: ›Blau ist

der Asket Gotamo!‹ Andere Menschen sagten: ›Nicht blau ist der

Asket Gotamo, braun ist der Asket Gotamo!‹ Und andere Menschen

sagten: ›Nicht blau ist der Asket Gotamo und nicht braun ist

der Asket Gotamo, gelbhäutig ist der Asket Gotamo!‹ So sehr

war nun, Aggivessano, meine helle, reine Hautfarbe angegriffen

worden durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Was für Asketen

oder Priester auch je in der Vergangenheit herangetretene

schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren haben: das

ist das höchste, weiter geht es nicht. Was für Asketen oder

Priester auch je in der Zukunft herantretende schmerzliche,

brennende, bittere Gefühle erfahren werden: das ist das

höchste, weiter geht es nicht. Was für Asketen oder Priester

auch jetzt in der Gegenwart herantretende schmerzliche,

brennende, bittere Gefühle erfahren: das ist das höchste,

weiter geht es nicht. Und doch erreiche ich durch diese bittere

Schmerzensaskese kein überirdisches, reiches Heilthum der

Wissensklarheit! Es giebt wohl einen anderen Weg zur Erwachung.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Ich erinnere mich,

einst, während der Feldarbeiten bei meinem Vater Sakko, im

kühlen Schatten eines Rosenapfelbaumes sitzend, den Wünschen

erstorben, dem Unheil entronnen, in sinnend gedenkender

ruhegeborener säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung

errungen zu haben: das mag wohl der Weg sein zur Erwachung.‹

»Da kam mir, Aggivessano, das einsichtgemäße Bewusstsein: ›Das

ist der Weg zur Erwachung.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Wie, sollt’ ich etwa 247

jenes Glück fürchten, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit

des Schlechten?‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nein, ich fürchte jenes

Glück nicht, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des

Schlechten.‹

»Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht leicht kann wohl

jenes Glück erreicht werden mit so außerordentlich entkräftetem

Körper; wie, wenn ich nun feste Nahrung zu mir nähme, gekochten

Reisbrei?‹ Und ich nahm, Aggivessano, feste Nahrung zu mir,

gekochten Reisbrei.

»Zu jener Zeit aber, Aggivessano, lebten fünf Mönche um mich

herum: ›Wenn uns der Asket Gotamo die Wahrheit erkämpft haben

wird, wird er sie uns mittheilen!‹ Als ich nun, Aggivessano,

feste Nahrung zu mir nahm, gekochten Reisbrei, da wandten sich

jene Mönche von mir ab und gingen fort: ›Ueppig wird der Asket

Gotamo, der Askese untreu, geneigt der Ueppigkeit.‹

»Und ich nahm nun, Aggivessano, feste Nahrung zu mir,

gewann Kraft und erwirkte, gar fern von Begierden, fern von

unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener

säliger Heiterkeit die Weihe der ersten Schauung. Und das

solcherart mir entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte mein

Gemüth nicht fesseln.

»Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens, Aggivessano,

erwirkte ich die innere Meeresstille, die Einheit des

Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung

geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. Und

das solcherart mir entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte

mein Gemüth nicht fesseln.

»In heiterer Ruhe, Aggivessano, weilte ich gleichmüthig,

einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfand ich im Körper, von

dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt

beglückt‹; so erwirkte ich die Weihe der dritten Schauung. Und

das solcherart mir entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte

mein Gemüth nicht fesseln.

»Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, Aggivessano, nach

Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkte ich

die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen

vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Und das solcherart mir

entstandene Wohlgefühl, Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht

fesseln.

»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,

schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,

richtete ich das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer 248

Daseinsformen. Ich erinnerte mich an manche verschiedene

frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei

Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf

Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann

an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig

Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann

an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher

Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher

Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher

Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen

Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein

Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,

so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo

wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,

dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein

Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein

Lebensende; da verschieden trat ich hier wie -- ins Dasein.‹ So

erinnerte ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,

mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen

Beziehungen. Dieses Wissen, Aggivessano, hatte ich nun in den

ersten Stunden der Nacht als erstes errungen, das Nichtwissen

zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das

Licht gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich

verweilte. Und das solcherart mir entstandene Wohlgefühl,

Aggivessano, konnte mein Gemüth nicht fesseln.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band · 第 30 / 43 段