behaupten: ‚Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‘?« 233
»Gewiss nicht, o Gotamo!«
»Was meinst du nun, Aggivessano: wer da Wehem anhängt, Wehem
nachfolgt, Wehem verbunden ist, Wehes also betrachtet: ›Das
gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹, kann etwa der
das Wehe wirklich begreifen, kann der das Wehe ringsum von sich
abhalten?«
»Wie wär’ es möglich, o Gotamo, das nicht, o Gotamo!«
»Gleichwie etwa, Aggivessano, wenn ein Mann, der Kernholz
begehrt, Kernholz sucht, auf Kernholz ausgeht, mit einem
scharfen Beile versehn in den Wald ginge; dort erblickte er
eine Gruppe zahlreicher Bananenpalmen, gerade, jung, schön
gewachsen; eine derselben fällte er an der Wurzel, schnitte
die Krone ab und rollte hierauf den aus Blattscheiden
gebildeten Stamm auf; indem er da diese Blattscheidenröhre
auseinanderrollte fände er nicht einmal Grünholz, geschweige
Kernholz: ebenso hast du dich nun, Aggivessano, in deinem
Gespräche mit mir hohl, leer, nichtig erwiesen. Denn du hast
ja, Aggivessano, zu den Vesāliern also gesprochen: ›Den Asketen
oder Priester möchte ich kennen, sei er auch ein Meister mit
zahlreichen Jüngern und Anhängern, und hielt’ er sich gleich
für den Heiligen, vollkommen Erwachten, der im Redekampfe mit
mir nicht wankte, bebte, erzitterte, dem nicht der Angstschweiß
aus den Achselhöhlen rieselte! Ja, wenn ich eine leblose
Säule mit meiner Rede anginge, würde selbst diese, von der
Rede getroffen, wanken, beben, erzittern -- geschweige ein
Menschlein!‹ Dir jedoch, Aggivessano, haben sich Schweißtropfen
von der Stirne gelöst, sind über den Mantel herab auf die Erde
gefallen. Mein Körper aber, Aggivessano, ist gegenwärtig frei
von Schweiß.«
So bot der Erhabene in dieser Versammlung einen Anblick dar
rein wie Gold.
Auf diese Worte setzte sich Saccako der junge Nigaṇṭher 234
verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten Hauptes,
das Antlitz von brennender Röthe übergossen, wortlos nieder.
Als nun Dummukho, einer der Licchavī-Prinzen, sah, wie Saccako
der junge Nigaṇṭher verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes,
gesenkten Hauptes, das Antlitz von brennender Röthe übergossen,
wortlos dasaß, sprach er zum Erhabenen also:
»Ein Gleichniss, Erhabener, leuchtet mir auf!«
»Es leuchte dir auf, Dummukho«, sprach der Erhabene.
»Gleichwie, o Herr, wenn da in der Nähe eines Dorfes oder
einer Stadt ein Teich wäre, und darin befände sich eine
Krabbe; aus diesem Dorfe oder dieser Stadt, o Herr, zöge nun
eine Schaar von Knaben oder Mädchen hinaus, zu jenem Teiche
hin. Dort badeten sie, fänden die Krabbe und würfen sie aus
dem Wasser heraus, an das Ufer. So oft nun, o Herr, die
Krabbe eine Scheere ausstreckte, so oft würfen die Knaben
oder Mädchen mit Holz oder mit Kies und Steinen danach. Und
so wäre, o Herr, diese Krabbe an allen Gliedern zertroffen,
zerbrochen, zerstört, außer Stande wieder ins Wasser zu
krabbeln wie früher: ebenso nun auch, o Herr, sind dem Saccako
Nigaṇṭhaputto alle seine Stacheln, Dornen und Zacken vom
Erhabenen zertroffen, zerbrochen, zerstört worden, und nunmehr,
o Herr, ist Saccako Nigaṇṭhaputto außer Stande wiederum an den
Erhabenen heranzutreten, zu einer freislichen Unterredung.«
Auf diese Worte sprach Saccako Nigaṇṭhaputto zum Licchavier
Dummukho also:
»Geh’ du nur, Dummukho, geh’ du nur, Dummukho! Nicht mit
dir reden wir, wir reden hier mit dem verehrten Gotamo. --
Dahingestellt sei, o Gotamo, jene Dialektik, wie sie zwischen
mir und den anderen, gewöhnlichen Asketen und Priestern im
Schwange ist: sie dünkt mich eitles Geschwätz! Inwiefern aber
ist nun ein Jünger des verehrten Gotamo ordensgetreu, der
Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken und
verweilt, in sich selber gewiss, auf keinen anderen gestützt im
Orden des Meisters?«
»Da betrachtet, Aggivessano, ein Jünger von mir was es auch an
Körperlichem giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Körperliche betrachtet er, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Das gehört mir
nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es 235
auch an Gefühl giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Gefühl betrachtet er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch
an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle,
ferne oder nahe: alle Wahrnehmung betrachtet er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Die gehört mir nicht,
die bin ich nicht, die ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Unterscheidungen giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Unterscheidungen betrachtet er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Die gehören mir nicht,
die bin ich nicht, die sind nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Bewusstsein betrachtet er, der
Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also: ›Das gehört mir
nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Insofern,
Aggivessano, ist ein Jünger von mir ordensgetreu, der Belehrung
zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken und verweilt, in
sich selber gewiss, auf keinen anderen gestützt im Orden des
Meisters.«
»Und inwiefern, o Gotamo, ist ein Mönch Heiliger,
Wahnversieger, Endiger, hat er das Werk gewirkt, die Last
abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, ist
er in vollkommener Weisheit erlöst?«
»Da hat, Aggivessano, ein Mönch was es auch an Körperlichem
giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder
fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder
nahes: alles Körperliche hat er, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit also erkannt: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹, und ist
restlos erlöst. Was es auch an Gefühl giebt, vergangenes,
zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes
oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes: alles
Gefühl hat er, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit
also erkannt: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Selbst‹, und ist restlos erlöst. Was es auch
an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Wahrnehmung hat er, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit also erkannt: ›Die gehört mir nicht, die
bin ich nicht, die ist nicht mein Selbst‹, und ist restlos
erlöst. Was es auch an Unterscheidungen giebt, vergangene,
zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine,
gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle Unterscheidungen
hat er, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also
erkannt: ›Die gehören mir nicht, die bin ich nicht, die sind
nicht mein Selbst‹, und ist restlos erlöst. Was es auch an
Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Bewusstsein hat er, der Wahrheit
gemäß, mit vollkommener Weisheit also erkannt: ›Das gehört mir
nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹, und ist
restlos erlöst. Insofern, Aggivessano, ist ein Mönch Heiliger,
Wahnversieger, Endiger, hat er das Werk gewirkt, die Last
abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln vernichtet,
ist er in vollkommener Weisheit erlöst. Der also gemütherlöste
Mönch, Aggivessano, hat drei Unvergleichlichkeiten erlangt:
unvergleichliches Wissen, unvergleichliche Fährte,
unvergleichliche Erlösung. Der also erlöste Mönch, Aggivessano,
hält den Vollendeten werth, schätzt ihn hoch, achtet und ehrt
ihn: ‚Erwacht ist der Erhabene, zur Erwachung zeigt er die
Lehre, beruhigt ist der Erhabene, zur Beruhigung zeigt er die
Lehre, gestillt ist der Erhabene, zur Stillung zeigt er die
Lehre, entronnen ist der Erhabene, zur Entrinnung zeigt er die
Lehre, zur Erlöschung gekommen ist der Erhabene, zur Erlöschung
kommen zu lassen zeigt er die Lehre‘.«
* * * * *
Nach diesen Worten sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum
Erhabenen also:
»Ich war freilich verwegen, o Gotamo, ich war vermessen, 236
der ich glaubte, dem verehrten Gotamo könnte im Redekampf
entgegengetreten werden! Man mag vielleicht, o Gotamo, einem
wüthenden Elephanten entgegentreten ohne Schaden zu nehmen,
aber nicht also dem verehrten Gotamo. Man mag vielleicht, o
Gotamo, einer fauchenden Giftschlange entgegentreten ohne
Schaden zu nehmen, aber nicht also dem verehrten Gotamo. Man
mag vielleicht, o Gotamo, einem flammenden Scheiterhaufen
entgegentreten ohne Schaden zu nehmen, aber nicht also dem
verehrten Gotamo. Ich war freilich verwegen, o Gotamo, ich war
vermessen, der ich glaubte, dem verehrten Gotamo könnte im
Redekampf entgegengetreten werden! -- Gewähre mir der verehrte
Gotamo die Bitte, morgen mit den Mönchen bei mir zu speisen!«
Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.
Als nun Saccako Nigaṇṭhaputto der Zustimmung des Erhabenen
sicher war, wandte er sich an die Licchavier:
»Hört mich, erlauchte Licchavier! Der Asket Gotamo ist für
morgen mit den Mönchen zum Mahle geladen: verseht mich, bitte,
mit dem, was euch hierzu gebührend erscheint.«
Da nun brachten jene Licchavier am nächsten Morgen zu Saccako
Nigaṇṭhaputto ein Mahl von fünfhundert Schüsseln, fertig
angerichtet. Saccako Nigaṇṭhaputto aber ließ ausgewählte feste
und flüssige Speise in seiner Behausung auftragen und sandte
einen Boten an den Erhabenen mit der Meldung: ›Es ist Zeit, o
Gotamo, das Mahl ist bereit.‹ Und der Erhabene rüstete sich
beizeiten, nahm Mantel und Almosenschaale und begab sich zur
Wohnung des Saccako Nigaṇṭhaputto. Dort angekommen nahm der
Erhabene mit den Mönchen auf den dargebotenen Sitzen Platz.
Und Saccako Nigaṇṭhaputto bediente und versorgte eigenhändig
den Erwachten und seine Jünger mit ausgewählter fester und
flüssiger Speise.
Nachdem nun der Erhabene gespeist und das Mahl beendet hatte,
nahm Saccako Nigaṇṭhaputto einen von den niederen Stühlen zur
Hand und setzte sich zur Seite hin. Zur Seite sitzend sprach
nun Saccako Nigaṇṭhaputto zum Erhabenen also:
»Was da, o Gotamo, an dieser Gabe Gutes und Gutgemeintes ist,
das möge den Gebern zum Wohle gereichen!«
»Was da, Aggivessano, dir zur Ehre geschehn, der Gier, dem
Hass, der Irre unterthan, das gilt den Gebern; was da, 237
Aggivessano, mir zur Ehre geschehn, der Gier, dem Hass, der
Irre nicht unterthan, das gilt dir.«
36.
Vierter Theil Sechste Rede
SACCAKO
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Eines
Morgens nun, als der Erhabene wohlgerüstet, mit Mantel und
Schaale versehn, eben im Begriffe war nach der Stadt um
Almosenspeise zu gehn, kam Saccako, der junge Nigaṇṭher, auf
einem Spaziergange lustwandelnd, in den Großen Wald, zur Halle
der Einsiedelei heran. Der ehrwürdige Ānando aber sah den
Nigaṇṭhaputto Saccako von ferne herankommen und nachdem er ihn
gesehn sprach er zum Erhabenen also:
»Da kommt, o Herr, jener Saccako der junge Nigaṇṭher heran, ein
geübter Dialektiker, ein trefflicher Redner, der bei vielen
hoch angesehn ist. Dieser Mann nun, o Herr, sucht Schwächen
des Erwachten, Schwächen der Lehre, Schwächen des Ordens.
Gut wär’ es, o Herr, wenn sich der Erhabene einen Augenblick
niedersetzte, von Mitleid bewogen!«
Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz.
Da nun kam Saccako Nigaṇṭhaputto dorthin wo der Erhabene
weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige
Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder.
Hierauf nun sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum Erhabenen
also:
»Es giebt, o Gotamo, einige Asketen und Priester, die den
Körper in der Gewalt haben, aber nicht das Gemüth. Sie
empfinden ja, o Gotamo, körperliches Wehgefühl. Zuweilen, o
Gotamo, von körperlichem Wehgefühl getroffen, wird da einer vom
Schlage gerührt, oder das Herz zerspringt, oder heißes Blut
quillt aus dem Munde, oder er fällt dem Wahnsinn anheim, der
Geistesverwirrung. Bei einem solchen, o Gotamo, ist also das
Gemüth dem Körper unterworfen, richtet sich nach dem Willen
des Körpers. Und was ist der Grund hierfür? Die Ohnmacht des
Gemüthes. Anderseits wieder, o Gotamo, giebt es einige Asketen 238
und Priester, die das Gemüth in der Gewalt haben, aber nicht
den Körper. Sie empfinden ja, o Gotamo, geistiges Wehgefühl.
Zuweilen, o Gotamo, von geistigem Wehgefühl getroffen, wird
da einer vom Schlage gerührt, oder das Herz zerspringt, oder
heißes Blut quillt aus dem Munde, oder er fällt dem Wahnsinn
anheim, der Geistesverwirrung. Bei einem solchen, o Gotamo,
ist also der Körper dem Gemüthe unterworfen, richtet sich
nach dem Willen des Gemüthes. Und was ist der Grund hierfür?
Die Ohnmacht des Körpers. Da kann ich mich nun, o Gotamo,
des Gedankens nicht erwehren: offenbar haben die Jünger des
verehrten Gotamo das Gemüth in der Gewalt, aber nicht den
Körper.«
»Was hast du denn, Aggivessano, Gewalthaben über den Körper
nennen hören?«
»Da ist zum Beispiel Nando Vaccho, Kiso Saṉkicco, Makkhali
Gossālo[30]: das sind Unbekleidete, o Gotamo, Ungebundene,
Handverköster, keine Ankömmlinge, keine Abwärtlinge, die
gestatten keine Darreichung, keine Vergünstigung, keine
Einladung, spähen beim Empfangen des Almosens nicht nach
dem Topfe, nicht nach der Schüssel, nicht über die Schwelle,
nicht über das Gitter, nicht in den Kessel hinein, nehmen
nicht von zu zweit Speisenden an, nicht von einer Schwangeren,
nicht von einer Säugenden, nicht von einer, die vom Manne
kommt, nicht von Beschmutzten, nicht wo ein Hund dabei steht,
nicht wo Fliegen hin und her schwärmen, essen keinen Fisch,
kein Fleisch, trinken keinen Wein, kein gebranntes Wasser,
keinen gegohrenen Haferschleim. Sie gehn zu einem Hause und
begnügen sich mit einer handvoll Almosenspeise; gehn zu zwei
Häusern und begnügen sich mit zwei handvoll Almosenspeise;
gehn zu sieben Häusern und begnügen sich mit sieben handvoll
Almosenspeise. Sie fristen ihr Leben durch die Mildthätigkeit
von nur einer Spenderin, von nur zwei Spenderinen, von nur
sieben Spenderinen. Sie nehmen nur jeden ersten Tag Nahrung
ein, nur jeden zweiten Tag, nur jeden siebenten Tag. Solcherart
wechselnd beobachten sie streng diese bis auf einen halben
Monat ausgedehnte Fastenübung.«
»Wie nun, Aggivessano: fristen sie ihr Leben einzig auf diese
Weise?«
»Das wohl nicht, o Gotamo! Sondern späterhin, o Gotamo,
verzehren sie reichlich feste Speise, genießen reichlich
flüssige Speise, schmecken vorzügliche Gerichte, schlürfen
vorzügliche Getränke. Dadurch gewinnen sie natürlich wieder
Körperkraft, gehn in die Breite, werden wohlbeleibt, wie
bekannt.«
»Was sie also, Aggivessano, vorher verworfen haben übertreiben
sie nachher, und so entsteht dieses Schwellen und Schwinden des
Leibes. Und was hast du, Aggivessano, Gewalthaben über das
Gemüth nennen hören?«
Auf diese Frage des Erhabenen wusste Saccako Nigaṇṭhaputto 239
keinen Bescheid.
Da sprach nun der Erhabene zu Saccako Nigaṇṭhaputto also:
»Was du da früher, Aggivessano, als Gewalthaben über den
Körper bezeichnet hast, das gilt im Orden des Heiligen nicht
als ächtes Gewalthaben über den Körper. Das Gewalthaben über
den Körper kennst du wahrlich nicht, Aggivessano; wie solltest
du erst das Gewalthaben über das Gemüth kennen! Doch merke,
Aggivessano: wenn man den Körper nicht in der Gewalt hat, so
hat man auch das Gemüth nicht in der Gewalt; hat man aber den
Körper in der Gewalt, so hat man auch das Gemüth in der Gewalt.
Das höre und achte wohl auf meine Rede.«
»Ja, Herr!« erwiderte da aufmerksam Saccako Nigaṇṭhaputto dem
Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Wie also, Aggivessano, hat man keine Gewalt über den Körper,
keine Gewalt über das Gemüth? Da entsteht, Aggivessano,
einem unerfahrenen gewöhnlichen Menschen ein Wohlgefühl. Vom
Wohlgefühl getroffen wird er wohlbegierig, fällt der Wohlbegier
anheim. Dieses Wohlgefühl vergeht ihm. Durch das Vergehn des
Wohlgefühls entsteht Wehgefühl. Vom Wehgefühl getroffen wird
er traurig, gebrochen, er jammert, schlägt sich stöhnend die
Brust, fällt der Verzweiflung anheim. Jenes ihm entstandene
Wohlgefühl nun, Aggivessano, fesselt das Gemüth infolge der
Ohnmacht des Körpers, das entstandene Wehgefühl aber fesselt
das Gemüth infolge der Ohnmacht des Gemüthes. Wenn das Gemüth
solcherart doppelseitig gefesselt wird, Aggivessano, vom
entstandenen Wohlgefühle durch die Ohnmacht des Körpers, vom
entstandenen Wehgefühle durch die Ohnmacht des Gemüthes, hat
man solcherart, Aggivessano, keine Gewalt über den Körper,
keine Gewalt über das Gemüth. Wie aber, Aggivessano, hat man
Gewalt über den Körper, Gewalt über das Gemüth? Da entsteht,
Aggivessano, einem erfahrenen heiligen Jünger ein Wohlgefühl.
Vom Wohlgefühle getroffen wird er nicht wohlbegierig, fällt
nicht der Wohlbegier anheim. Dieses Wohlgefühl vergeht ihm.
Durch das Vergehn des Wohlgefühls entsteht Wehgefühl. Vom
Wehgefühle getroffen wird er nicht traurig, nicht gebrochen,
er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend die Brust,
fällt nicht der Verzweiflung anheim. Jenes ihm entstandene
Wohlgefühl nun, Aggivessano, kann das Gemüth infolge der Gewalt
über den Körper nicht fesseln, und das entstandene Wehgefühl
kann das Gemüth infolge der Gewalt über das Gemüth nicht
fesseln. Wenn das Gemüth solcherart von keiner Seite gefesselt
werden kann, Aggivessano, durch die Gewalt über den Körper 240
nicht vom entstandenen Wohlgefühle, durch die Gewalt über das
Gemüth nicht vom entstandenen Wehgefühle, hat man solcherart,
Aggivessano, Gewalt über den Körper, Gewalt über das Gemüth.«
»So darf ich dem verehrten Gotamo zutrauen: der verehrte Gotamo
hat Gewalt über den Körper und hat Gewalt über das Gemüth?«
»Gewiss hast du mir, Aggivessano, diese Frage nur desshalb
gestellt, um mich weiter zu locken: aber ich will dir Antwort
geben. Seitdem ich, Aggivessano, Haar und Bart geschoren, das
fahle Gewand angelegt habe, vom Hause fort in die Hauslosigkeit
gezogen bin, kann wahrlich kein mir entstandenes Wohlgefühl,
kein mir entstandenes Wehgefühl mein Gemüth fesseln.«
»Dann kennt wohl der verehrte Gotamo kein solches Wohlgefühl,
welches Gegenwart genug besäße das Gemüth zu fesseln? Dann
kennt wohl der verehrte Gotamo kein solches Wehgefühl, welches
Gegenwart genug besäße das Gemüth zu fesseln?«
»Wie denn nicht, Aggivessano! -- Da ist mir, Aggivessano, noch
vor der vollen Erwachung, dem unvollkommen Erwachten, Erwachung
erst Erringenden, dieser Gedanke gekommen: ›Ein Gefängniss ist
die Häuslichkeit, ein Schmutzwinkel; der freie Himmelsraum die
Pilgerschaft. Nicht wohl geht es, wenn man im Hause bleibt,
das völlig geläuterte, völlig geklärte Asketenthum Punkt für
Punkt zu erfüllen. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar
und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die
Hauslosigkeit hinauszöge?‹
»Und ich zog, Aggivessano, nach einiger Zeit, noch in frischer 163
Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend,
im ersten Mannesalter, gegen den Wunsch meiner weinenden und
klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem
Gewande bekleidet, vom Hause fort in die Hauslosigkeit hinaus.
»Also Pilger geworden, das wahre Gut suchend, nach dem
unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, begab ich
mich zu Āḷāro Kālāmo und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder
Kālāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹
Hierauf, Aggivessano, erwiderte mir Āḷāro Kālāmo: ›Bleibt,
Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger
Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft 164
begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen
kann.‹ Und ich begriff, Aggivessano, binnen kurzem, sehr bald
diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Aggivessano, als Lippen
und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das
Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir
kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke:
›Āḷāro Kālāmo verkündet nicht die ganze Lehre nach seinem
Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’
ich in ihrem Besitze‘, sicher kennt Āḷāro Kālāmo diese Lehre
genau.‹ Ich ging nun, Aggivessano, zu Āḷāro Kālāmo hin und
sprach also: ›Inwiefern, Bruder Kālāmo, erklärst du, dass wir
diese Lehre begriffen, uns offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt haben?‹ Hierauf, Aggivessano, stellte Āḷāro Kālāmo
das Reich des Nichtdaseins dar. Da kam mir, Aggivessano, der
Gedanke: ›Nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Zuversicht, ich aber
habe Zuversicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Standhaftigkeit,
ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat
Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo
hat Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht
einmal Āḷāro Kālāmo hat Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie,
wenn ich nun diese Lehre, von welcher Āḷāro Kālāmo sagt ‚Mir
selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem
Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar
würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Aggivessano, hatte ich
diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz
erlangt. Ich ging nun, Aggivessano, wieder zu Āḷāro Kālāmo hin
und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder Kālāmo, insofern
von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ -- ›
Insofern, o Bruder, ist diese Lehre begriffen, offenbar gemacht
und erlangt worden.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder Kālāmo, diese
Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und erlangt.‹
-- › Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die wir
einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So
wie ich die Lehre verkünde, so hast du sie erlangt; so wie
du sie erlangt hast, so verkünde ich die Lehre. So wie ich 165
die Lehre kenne, so kennst du die Lehre; so wie du die Lehre
kennst, so kenne ich die Lehre. So wie ich bin, so bist du; so
wie du bist, so bin ich. Komm’ denn, Bruder: selbander wollen
wir diese Jüngerschaar lenken.‹ So, Aggivessano, erklärte
Āḷāro Kālāmo, mein Lehrer, mich, seinen Schüler, als ihm
selbst ebenbürtig und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir,
Aggivessano, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr,
zur Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung,
zur Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das
Reich des Nichtdaseins.‹ Und ich fand diese Lehre ungenügend,
Aggivessano, und unbefriedigt von ihr zog ich fort.