Da betrachtet, ihr Mönche, ein Mönch alles Körperliche, die
gesammte Körperlichkeit, die vier Hauptstoffe und was durch die 223
vier Hauptstoffe besteht, der Wahrheit gemäß als körperlich.
Also, ihr Mönche, ist ein Mönch der Leibesart kundig. Und
wie, ihr Mönche, versteht ein Mönch die Lebensweise? Da
erkennt, ihr Mönche, ein Mönch der Wahrheit gemäß: die That
zeigt mir den Thoren, die That zeigt mir den Weisen. Also,
ihr Mönche, versteht ein Mönch die Lebensweise. Und wie, ihr
Mönche, verscheucht ein Mönch das Schädliche? Da giebt, ihr
Mönche, ein Mönch einem aufgestiegenen Wunschgedanken nicht
Raum, verwirft ihn, vertreibt ihn, vertilgt ihn, vernichtet
ihn; einem aufgestiegenen Hassgedanken, einem aufgestiegenen
Wuthgedanken und anderen aufgestiegenen bösen, schlechten
Gedanken giebt er nicht Raum, verwirft sie, vertreibt sie,
vertilgt sie, vernichtet sie. Also, ihr Mönche, verscheucht
ein Mönch das Schädliche. Und wie, ihr Mönche, verbindet ein
Mönch Wunden? Wenn da, ihr Mönche, ein Mönch mit dem Gesicht
eine Form erblickt hat, fasst er keine Neigung, fasst keine
Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken
gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt,
befleißigt er sich dieser Bewachung, er hütet das Gesicht, er
wacht eifrig über das Gesicht. Wenn er mit dem Gehör einen Ton
gehört, mit dem Geruch einen Duft gerochen, mit dem Geschmack
einen Saft geschmeckt, mit dem Getast eine Tastung getastet,
mit dem Gedenken ein Ding gedacht hat, fasst er keine Neigung,
fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und
schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten
Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser Bewachung, er
hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das Gedenken. Also,
ihr Mönche, verbindet ein Mönch Wunden. Und wie, ihr Mönche,
macht ein Mönch Feuer an? Da zeigt, ihr Mönche, ein Mönch den
anderen die Lehre, weithin sichtbar, wie er sie gehört und
aufgefasst hat. Also, ihr Mönche, macht ein Mönch Feuer an.
Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch die Furth? Da sucht, ihr
Mönche, ein Mönch von Zeit zu Zeit jene Mönche auf, die viel
gehört haben und wissen, die Hüter der Lehre, die Hüter der
Ordnung, die Hüter der Regel, fragt und erkundigt sich: ›Wie
ist das, o Herr, was ist der Sinn davon?‹ Und so eröffnen ihm
jene Ehrwürdigen das Uneröffnete, klären das Unaufgeklärte
auf, lösen den Zweifel über Dinge, die vielfach bezweifelbar
sind. Also, ihr Mönche, kennt ein Mönch die Furth. Und wie,
ihr Mönche, kennt ein Mönch die Quelle? Da gelangt, ihr 224
Mönche, ein Mönch bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des
Vollendeten zum Verständniss des Sinnes, zum Verständniss
der Lehre, zum Genusse der Lehre. Also, ihr Mönche, kennt
ein Mönch die Quelle. Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch
den Steig? Da erkennt, ihr Mönche, ein Mönch den heiligen
achtfältigen Weg der Wahrheit gemäß. Also, ihr Mönche, kennt
ein Mönch den Steig. Und wie, ihr Mönche, kennt ein Mönch
die Weide? Da kennt, ihr Mönche, ein Mönch die Vier Pfeiler
der Einsicht der Wahrheit gemäß. Also, ihr Mönche, kennt ein
Mönch die Weide. Und wie, ihr Mönche, lässt ein Mönch noch
Milch im Euter? Da laden, ihr Mönche, gläubige Hausväter
einen Mönch ein, sich Kleidung, Almosenspeise, Lagerstatt und
Arzeneien für den Fall einer Krankheit auszuwählen, und der
Mönch kennt Maaß im Annehmen. Also, ihr Mönche, lässt ein Mönch
noch Milch im Euter. Und wie, ihr Mönche, schenkt ein Mönch
jenen Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im Asketenthume
Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des Ordens,
besondere Aufmerksamkeit? Da dient, ihr Mönche, ein Mönch
jenen Mönchen, den Oberen, den Bejahrten, den im Asketenthume
Ergrauten, den Vätern des Ordens, den Führern des Ordens,
diesen dient er mit liebevoller That, so offen als verborgen,
dient er mit liebevollem Wort, so offen als verborgen, dient
er mit liebevoller Gesinnung, so offen als verborgen. Also,
ihr Mönche, schenkt ein Mönch jenen Mönchen, den Oberen, den
Bejahrten, den im Asketenthume Ergrauten, den Vätern des
Ordens, den Führern des Ordens, besondere Aufmerksamkeit.
»Diese elf Eigenschaften, ihr Mönche, machen es einem Mönch
möglich in diesem Orden der Wahrheit zum Gedeihen, zur Reife
und Entfaltung zu gelangen.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.
34.
Vierter Theil Vierte Rede
DER RINDERHIRT
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im 225
Vajjī-Lande, bei Ukkācelā, am Gestade des Ganges. Dort
nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«
-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Es war einmal, ihr Mönche, in Magadhā ein Rinderhirt von
trübem Verstande, der im letzten Monat der Regenzeit, im
Herbste, ohne Untersuchung des diesseitigen Ufers, ohne
Untersuchung des jenseitigen Ufers des Ganges seine Heerde aufs
geradewohl in den Strom trieb, hinüber zum Ufer von Suvidehā.
Als nun, ihr Mönche, die Rinder in die Mitte des Ganges, in
die Strömung gelangt waren, da überschlugen sie sich und
gingen elend zugrunde. Und warum das? Weil ja, ihr Mönche,
jener unverständige Rinderhirt aus Magadhā im letzten Monat
der Regenzeit, im Herbste, ohne Untersuchung des diesseitigen
Ufers, ohne Untersuchung des jenseitigen Ufers des Ganges seine
Heerde aufs geradewohl in den Strom trieb, hinüber zum Ufer von
Suvidehā.
»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es mit jenen Asketen oder
Priestern, die diese Welt nicht verstehn und jene Welt nicht
verstehn, das Reich der Natur nicht verstehn und das Reich der
Freiheit nicht verstehn, die Zeitlichkeit nicht verstehn und
die Ewigkeit nicht verstehn[28]: wer der Schwimmkunst jener
trauen will, dem wird es zu langem Unheil und Leiden gereichen.
»Es war einmal, ihr Mönche, in Magadhā ein Rinderhirt von
hellem Verstande, der im letzten Monat der Regenzeit, im
Herbste, nach genauer Untersuchung des diesseitigen Ufers,
nach genauer Untersuchung des jenseitigen Ufers des Ganges
seine Heerde in eine richtige Furth trieb, hinüber zum Ufer
von Suvidehā. Zuerst trieb er die Stiere hinein, die Väter
der Heerde, die Führer der Heerde; diese durchkreuzten die
Strömung des Ganges und gelangten heil an das andere Ufer.
Hierauf trieb er die starken Kühe und Ochsen hinein, und auch
diese durchkreuzten die Strömung des Ganges und gelangten heil
an das andere Ufer. Hierauf trieb er die Farren und Färsen
hinein, und auch diese durchkreuzten die Strömung des Ganges
und gelangten heil an das andere Ufer. Hierauf trieb er die
schwächlichen Kälbchen hinein, und auch diese durchkreuzten
die Strömung des Ganges und gelangten heil an das andere
Ufer. Zuletzt, ihr Mönche, war noch ein zartes Kälblein da,
eben erst geboren, der Mutter mit Wehegebrüll entrissen, und
auch dieses durchkreuzte die Strömung des Ganges und gelangte
heil an das andere Ufer. Und warum das? Weil ja, ihr Mönche,
jener verständige Rinderhirt aus Magadhā im letzten Monat 226
der Regenzeit, im Herbste, nach genauer Untersuchung des
diesseitigen Ufers, nach genauer Untersuchung des jenseitigen
Ufers des Ganges seine Heerde in eine richtige Furth trieb,
hinüber zum Ufer von Suvidehā.
»Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es mit jenen Asketen oder
Priestern, die diese Welt verstehn und jene Welt verstehn, das
Reich der Natur verstehn und das Reich der Freiheit verstehn,
die Zeitlichkeit verstehn und die Ewigkeit verstehn: wer der
Schwimmkunst jener trauen will, dem wird es zu langem Wohle und
Heile gereichen.
»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene Stiere, die Väter der Heerde,
die Führer der Heerde, die Strömung des Ganges durchkreuzten
und heil an das andere Ufer gelangten: ebenso nun auch,
ihr Mönche, haben jene Mönche, die Heilige, Wahnversieger,
Endiger sind, die das Werk gewirkt, die Bürde abgelegt, das
Heil errungen, die Daseinsfesseln vernichtet haben, die in
vollkommener Weisheit Erlösten, haben diese die Strömung der
Natur durchkreuzt und sind heil an das andere Ufer gelangt.
»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene starken Kühe und Ochsen die
Strömung des Ganges durchkreuzten und heil an das andere Ufer
gelangten: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln
emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, die nicht mehr
zurückkehren nach jener Welt, werden auch sie die Strömung der
Natur durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen.
»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene Farren und Färsen die
Strömung des Ganges durchkreuzten und heil an das andere Ufer
gelangten: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche die drei Fesseln vernichtet haben, die von Gier, Hass
und Irre Erleichterten, fast schon Geläuterten, die nur einmal
wiederkehren, nur einmal noch zu dieser Welt gekommen dem
Leiden ein Ende machen, werden auch sie die Strömung der Natur
durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen.
»Gleichwie nun, ihr Mönche, jene schwächlichen Kälbchen die
Strömung des Ganges durchkreuzten und heil an das andere Ufer
gelangten: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche nach Vernichtung der drei Fesseln Hörer der Botschaft
geworden, dem Verderben entronnen sind, zielbewusst der vollen
Erwachung entgegeneilen, werden auch diese die Strömung der
Natur durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen.
»Gleichwie nun, ihr Mönche, jenes zarte Kälblein, das eben
erst geboren, der Mutter mit Wehegebrüll entrissen ward, die
Strömung des Ganges durchkreuzte und heil an das andere Ufer
gelangte: ebenso nun auch, ihr Mönche, werden jene Mönche,
welche der Wahrheit ergeben, der Lehre ergeben sind, werden
auch diese die Strömung der Natur durchkreuzen und heil an das
andere Ufer gelangen.
»Ich aber, ihr Mönche, verstehe diese Welt und verstehe jene 227
Welt, verstehe das Reich der Natur und verstehe das Reich der
Freiheit, verstehe die Zeitlichkeit und verstehe die Ewigkeit.
Und die meiner Schwimmkunst trauen wollen, ihr Mönche, denen
wird es zu langem Wohle und Heile gereichen.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Als der Willkommene das gesagt hatte,
sprach fernerhin also der Meister:
»So diese Welt wie jene Welt
Hat klar der Kenner aufgehellt:
Naturgebiet, Naturgebot,
Und Freiheit, Ende aller Noth.
»Verstanden hat der wache Mann
Das ganze Dasein, weit und breit,
Und sichres Thor zur Ewigkeit,
Zur Wahnesruhe aufgethan.
»Des Bösen Strömung ist zerkriegt,
Zerstört, zerstoben und versiegt.
Seid heiter, Jünger, euer Theil
Ist sichrer Toderlösung Heil.«
35.
Vierter Theil Fünfte Rede
SACCAKO
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Zur
selben Zeit nun lebte der junge Nigaṇṭher Saccako in Vesālī,
ein geübter Dialektiker, ein trefflicher Redner, hoch angesehn
bei vielen. Der kündigte nun in ganz Vesālī an: »Den Asketen
oder Priester möchte ich kennen, sei er auch ein Meister mit
zahlreichen Jüngern und Anhängern, und hielt’ er sich gleich
für den Heiligen, vollkommen Erwachten, der im Redekampfe mit
mir nicht wankte, bebte, erzitterte, dem nicht der Angstschweiß
aus den Achselhöhlen rieselte! Ja, wenn ich eine leblose
Säule mit meiner Rede anginge, würde selbst diese, von der
Rede getroffen, wanken, beben, erzittern -- geschweige ein
Menschlein!«
Da nun begab sich der ehrwürdige Assaji, zeitig gerüstet,
mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach
Vesālī. Saccako aber, der junge Nigaṇṭher, spazierte gerade
in den Straßen Vesālīs auf und ab, hin und her, und sah 228
den ehrwürdigen Assaji von ferne herankommen. Als er den
ehrwürdigen Assaji gesehn ging er auf ihn zu, wechselte
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und
trat an seine Seite. Hierauf nun sprach Saccako der junge
Nigaṇṭher zum ehrwürdigen Assaji also:
»Wie unterweist denn, verehrter Assaji, der Asket Gotamo seine
Jünger, und welcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern
des Asketen Gotamo am meisten gilt?«
»So, Aggivessano, unterweist der Erhabene seine Jünger, und
solcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern des Erhabenen
am meisten gilt. ›Der Körper, ihr Mönche, ist vergänglich,
das Gefühl ist vergänglich, die Wahrnehmung ist vergänglich,
die Unterscheidungen sind vergänglich, das Bewusstsein ist
vergänglich. Der Körper, ihr Mönche, ist wesenlos, das
Gefühl ist wesenlos, die Wahrnehmung ist wesenlos, die
Unterscheidungen sind wesenlos, das Bewusstsein ist wesenlos.
Alle Unterscheidungen sind vergänglich, alle Dinge sind
wesenlos.‹ So, Aggivessano, unterweist der Erhabene seine
Jünger, und solcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern
des Erhabenen am meisten gilt.«
»Schlechtes, wahrlich, haben wir gehört, Assaji, die wir
solche Rede des Asketen Gotamo gehört haben! O dass wir doch
gelegentlich einmal mit jenem verehrten Gotamo zusammenträfen,
dass doch irgend eine Unterredung stattfände, damit wir diese
verderbliche Ansicht erledigten!«
Zu jener Zeit nun waren die Licchavī-Fürsten mit ihrem
Gefolge, fünfhundert Mann stark, im städtischen Herrenhause
zusammengekommen, irgend eine Angelegenheit zu berathschlagen.
Da nun begab sich Saccako der junge Nigaṇṭher dorthin wo die
Licchavier weilten, und sprach hierauf also zu ihnen:
»Mögen die erlauchten Licchavier zugegen sein, mögen die
erlauchten Licchavier zugegen sein! Heute wird zwischen mir
und dem Asketen Gotamo eine Disputation stattfinden. Wenn mir
da der Asket Gotamo ebenso entgegentritt, wie einer seiner
bekannten Jünger, der Mönch Assaji, mir entgegengetreten ist,
so werde ich den Asketen Gotamo, gleichwie etwa ein starker
Mann einen langhaarigen Widder bei den Haaren ergreifen,
heranziehn, herumziehn, rings herumziehn mag, mit der Rede
heranziehn, herumziehn, rings herumziehn; oder gleichwie
etwa der starke Knecht eines Branntweinbrenners das große
Filtriergeflecht in einen tiefen Wasserpfuhl werfen, am einen
Ende festhalten, heranziehn, herumziehn, rings herumziehn mag,
so werde auch ich den Asketen Gotamo mit der Rede heranziehn,
herumziehn, rings herumziehn; oder gleichwie etwa ein rüstiger
Branntweinsäuberer das Destilliersieb am Henkel packen, 229
hinschwenken, herschwenken, ausseihen mag, so werde auch ich
den Asketen Gotamo mit der Rede hinschwenken, herschwenken,
ausseihen; oder gleichwie etwa ein sechzigjähriger Elephant in
einen tiefen Lotusweiher steigt und ein sogenanntes Spritzbad
zur Erholung vornimmt, so gedenke auch ich mit dem Asketen
Gotamo eine Art Spritzbad zur Erholung vorzunehmen. Mögen
die erlauchten Licchavier zugegen sein, mögen die erlauchten
Licchavier zugegen sein! Heute wird zwischen mir und dem
Asketen Gotamo eine Disputation stattfinden.«
Da sagten einige der Licchavier: »Wie nun? Wird der Asket
Gotamo das Wort Saccakos, des Nigaṇṭhersohns, aufheben, oder
wird Saccako, der Nigaṇṭhersohn, das Wort des Asketen Gotamo
aufheben?« Andere der Licchavier sagten: »Wie nun? Wird dieser
Prahler Saccako, der Nigaṇṭhersohn, das Wort des Erhabenen
aufheben, oder wird der Erhabene das Wort Saccakos, des
Nigaṇṭhersohns, aufheben?« Und Saccako Nigaṇṭhaputto begab sich
nun, von den fünfhundert Licchaviern begleitet, zum Großen
Walde, zur Halle der Einsiedelei.
Um diese Zeit nun erging sich eine Schaar Mönche im Freien.
Da trat Saccako der junge Nigaṇṭher zu den Mönchen heran und
sprach also zu ihnen:
»Wo weilt denn, Liebe, der verehrte Gotamo jetzt? Wir möchten
gern jenen verehrten Gotamo sehn!«
»Der Erhabene, Aggivessano, hat sich in den Großen Wald
begeben und weilt bis gegen Abend unter einem Baume sitzend.«
Da nun wandte sich Saccako der junge Nigaṇṭher mit der
zahlreichen Schaar der Licchavier in das Innere des Großen
Waldes, suchte den Erhabenen auf, wechselte höflichen Gruß und
freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte
sich zur Seite nieder. Von jenen Licchaviern aber verneigten
sich einige ehrerbietig vor dem Erhabenen und setzten sich zur
Seite nieder; andere wechselten höflichen Gruß und freundliche,
denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzten sich zur
Seite nieder; einige wieder falteten die Hände zum Erhabenen
und setzten sich zur Seite nieder; andere wieder gaben beim
Erhabenen Namen und Stand zu erkennen und setzten sich zur
Seite nieder; und andere setzten sich still zur Seite nieder.
Hierauf nun sprach Saccako der junge Nigaṇṭher zum Erhabenen
also:
»Darf ich den verehrten Gotamo über irgend etwas befragen, wenn
mir der verehrte Gotamo der Frage Beantwortung gewähren will?«
»Frag’, Aggivessano, nach Belieben.«
»Wie unterweist denn der verehrte Gotamo seine Jünger, und 230
welcherart ist die Belehrung, die bei den Jüngern des verehrten
Gotamo am meisten gilt?«
»So, Aggivessano, unterweise ich die Jünger, und solcherart
ist die Belehrung, die bei meinen Jüngern am meisten gilt:
›Der Körper, ihr Mönche, ist vergänglich, das Gefühl
ist vergänglich, die Wahrnehmung ist vergänglich, die
Unterscheidungen sind vergänglich, das Bewusstsein ist
vergänglich. Der Körper, ihr Mönche, ist wesenlos, das
Gefühl ist wesenlos, die Wahrnehmung ist wesenlos, die
Unterscheidungen sind wesenlos, das Bewusstsein ist wesenlos.
Alle Unterscheidungen sind vergänglich, alle Dinge sind
wesenlos.‹ So, Aggivessano, unterweise ich die Jünger, und
solcherart ist die Belehrung, die bei meinen Jüngern am meisten
gilt.«
»Ein Gleichniss, o Gotamo, leuchtet mir auf!«
»Es leuchte dir auf, Aggivessano«, sprach der Erhabene.
»Gleichwie etwa, o Gotamo, alle die Saamen und Pflanzen, die
zum Gedeihen, zur Reife und Entfaltung gelangen, durch die Erde
bedingt sind, auf die Erde sich stützen und also zum Gedeihen,
zur Reife und Entfaltung gelangen; oder gleichwie etwa ferner,
o Gotamo, alle die Kraft erfordernden Werke durch die Erde
bedingt sind, auf die Erde sich stützen und also ausgeführt
werden: ebenso nun auch, o Gotamo, lebt und webt der Mensch in
der Körperlichkeit[29], auf den Körper sich stützend erzeugt er
Gutes oder Böses; lebt und webt der Mensch in der Fühlbarkeit,
auf das Gefühl sich stützend erzeugt er Gutes oder Böses; lebt
und webt der Mensch in der Wahrnehmbarkeit, auf die Wahrnehmung
sich stützend erzeugt er Gutes oder Böses; lebt und webt der
Mensch in der Unterscheidbarkeit, auf die Unterscheidungen
sich stützend erzeugt er Gutes oder Böses; lebt und webt der
Mensch in der Bewusstbarkeit, auf das Bewusstsein sich stützend
erzeugt er Gutes oder Böses.«
»So ist wohl das, Aggivessano, deine Meinung: ‚Der Körper
ist mein Selbst, das Gefühl ist mein Selbst, die Wahrnehmung
ist mein Selbst, die Unterscheidungen sind mein Selbst, das
Bewusstsein ist mein Selbst‘?«
»Gewiss, o Gotamo! Ich sage: ›Der Körper ist mein Selbst, das
Gefühl ist mein Selbst, die Wahrnehmung ist mein Selbst, die
Unterscheidungen sind mein Selbst, das Bewusstsein ist mein
Selbst‹, und diese große Menge sagt es auch!«
»Was geht dich denn, Aggivessano, die große Menge an? Lass’ es
nur, Aggivessano, bei deinem eigenen Worte bewenden.«
»Wohlan denn, o Gotamo, ich sage: ›Der Körper ist mein Selbst,
das Gefühl ist mein Selbst, die Wahrnehmung ist mein Selbst,
die Unterscheidungen sind mein Selbst, das Bewusstsein ist mein
Selbst!‹«
»So will ich dir nun, Aggivessano, hierüber Fragen stellen:
wie’s dir gutdünkt, magst du sie beantworten. Was meinst du 231
wohl, Aggivessano: erfüllte sich einem gesalbten Kriegerkönige,
wie zum Beispiel dem König Pasenadi von Kosalo oder dem König
Ajātasattu Vedehiputto von Magadhā, der Wunsch, in seinem
Reiche einen zum Tode Verurtheilten hinrichten, oder einen in
die Acht zu Erklärenden ächten, oder einen Bannwürdigen bannen
zu lassen?«
»Gewiss, o Gotamo, erfüllte sich dieser Wunsch einem gesalbten
Kriegerkönige, wie etwa dem König Pasenadi von Kosalo oder dem
König von Magadhā Ajātasattu, dem Sohne der Videherin. Ja sogar
diesen zahlreich versammelten Fürsten hier, o Gotamo, wie zum
Beispiel den Vajjīnern, den Mallern, erfüllt sich der Wunsch,
im eigenen Gebiete hinrichten, ächten und bannen zu lassen --
wie also erst einem gesalbten Kriegerkönige, als wie dem König
Pasenadi von Kosalo oder dem König Ajātasattu Vedehiputto von
Magadhā! Er mag sich erfüllen, o Gotamo, und es ist Recht so!«
»Was meinst du nun, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Der
Körper ist mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Körper der
Wunsch: ‚So soll mein Körper sein, so soll mein Körper nicht
sein‘?«
Auf diese Worte blieb Saccako Nigaṇṭhaputto stumm. Und zum
zweiten Mal sprach der Erhabene zu Saccako Nigaṇṭhaputto also:
»Was meinst du wohl, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Der
Körper ist mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Körper der
Wunsch: ‚So soll mein Körper sein, so soll mein Körper nicht
sein‘?«
Und zum zweiten Mal blieb Saccako Nigaṇṭhaputto stumm. Da nun
sprach der Erhabene zu Saccako Nigaṇṭhaputto also:
»Antworte jetzt, Aggivessano, jetzt geziemt es dir nicht zu
schweigen. Wer da zum dritten Mal, Aggivessano, nach Rechtens
vom Vollendeten gefragt keine Antwort giebt, dessen Haupt wird
alsbald in sieben Theile zerspringen.«
Zu jener Zeit nun stand ein blitzhändiger Geist mit blitzendem
glühendem sprühendem flammendem Strahle oberhalb des Saccako
Nigaṇṭhaputto in der Luft: »Wenn dieser Saccako Nigaṇṭhaputto,
vom Erhabenen zum dritten Mal nach Rechtens gefragt, keine
Antwort geben will, so werde ich ihm alsbald das Haupt in
sieben Theile zersprengen.« Dieser blitzhändige Geist war aber
nur dem Erhabenen sichtbar und dem Saccako Nigaṇṭhaputto. Da
suchte nun Saccako der junge Nigaṇṭher entsetzt, erschüttert,
gesträubten Haares, beim Erhabenen Rettung, beim Erhabenen 232
Schutz, beim Erhabenen Zuflucht und sprach zum Erhabenen also:
»Möge mich der verehrte Gotamo befragen, ich werde antworten!«
»Was meinst du wohl, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Der
Körper ist mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Körper der
Wunsch: ‚So soll mein Körper sein, so soll mein Körper nicht
sein‘?«
»Das nicht, o Gotamo!«
»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte
mit dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du
wohl, Aggivessano, der du also sprichst, ‚Das Gefühl ist mein
Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Gefühle der Wunsch: ‚So
soll mein Gefühl sein, so soll mein Gefühl nicht sein‘?«
»Das nicht, o Gotamo!«
»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano, der du also sprichst, ‚Die Wahrnehmung ist mein
Selbst‘, erfüllt sich dir bei dieser Wahrnehmung der Wunsch:
‚So soll meine Wahrnehmung sein, so soll meine Wahrnehmung
nicht sein‘?«
»Das nicht, o Gotamo!«
»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano, der du also sprichst, ‚Die Unterscheidungen sind
mein Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesen Unterscheidungen der
Wunsch: ‚So sollen meine Unterscheidungen sein, so sollen meine
Unterscheidungen nicht sein‘?«
»Das nicht, o Gotamo!«
»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano, der du also sprichst, ‚Das Bewusstsein ist mein
Selbst‘, erfüllt sich dir bei diesem Bewusstsein der Wunsch:
‚So soll mein Bewusstsein sein, so soll mein Bewusstsein nicht
sein‘?» »Das nicht, o Gotamo!«
»Merk’ es dir, Aggivessano, und wenn du es dir gemerkt hast,
Aggivessano, antworte; denn du verbindest nicht das Letzte mit
dem Ersten, oder das Erste mit dem Letzten. Was meinst du wohl,
Aggivessano: ist der Körper unvergänglich oder vergänglich?«
»Vergänglich, o Gotamo!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Gotamo!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ‚Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‘?«
»Freilich nicht, o Gotamo!«
»Was meinst du wohl, Aggivessano: sind Gefühl, Wahrnehmung,
Unterscheidungen, Bewusstsein unvergänglich oder vergänglich?«
»Vergänglich, o Gotamo!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Gotamo!«