hat folgende verkehrte Meinung geäußert: ›Also verstehe ich die
vom Erhabenen verkündete Lehre, dass jene vom Erhabenen als
verderblich bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig
zum Verderben gereichen.‹ Hiervon erhielten wir Kunde, o Herr,
begaben uns zu Ariṭṭho und fragten ihn, ob das Gerücht wahr
sei. Auf unsere Frage, o Herr, erwiderte uns Ariṭṭho der Mönch,
der frühere Geierjäger: ›So ist es, ihr Brüder, allerdings
fasse ich die vom Erhabenen verkündete Lehre also auf, dass
jene vom Erhabenen als verderblich bezeichneten Handlungen
dem Thäter nicht nothwendig zum Verderben gereichen.‹ Da
nun wollten wir, o Herr, Ariṭṭho den Mönch, den früheren
Geierjäger, von seiner verkehrten Meinung abbringen, wandten
uns zu ihm, sprachen zu ihm, belehrten ihn: Nicht also rede,
Bruder Ariṭṭho, den Erhabenen verbessere nicht, nicht ist es
gut den Erhabenen verbessern, nicht kann der Erhabene solches
gesagt haben. Auf manigfaltige Weise, Bruder Ariṭṭho, wurden
die verderblichen Handlungen vom Erhabenen erklärt, und sie
gereichen dem Thäter nothwendig zum Verderben. Unbefriedigend
sind die Begierden, hat der Erhabene gesagt, voller Leiden,
voller Quaalen, das Elend überwiegt. Kahlen Knochen verglichen
hat der Erhabene die Begierden, Fleischfetzen verglichen hat
der Erhabene die Begierden, flammendem Stroh verglichen hat
der Erhabene die Begierden, glühenden Kohlen verglichen hat
der Erhabene die Begierden, Träumereien verglichen hat der
Erhabene die Begierden, Betteleien verglichen hat der Erhabene
die Begierden, Baumfrüchten verglichen hat der Erhabene die
Begierden, Schwerdterschneiden verglichen hat der Erhabene
die Begierden, Lanzenspitzen verglichen hat der Erhabene die
Begierden, Schlangenrachen gleich sind die Begierden, hat der
Erhabene gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt. Obzwar nun, o Herr, solcherart von uns angegangen,
angesprochen und belehrt, hielt Ariṭṭho der Mönch, der frühere
Geierjäger, an dieser seiner verkehrten Meinung zähe fest:
›Ich, fürwahr, ihr Brüder, fasse die vom Erhabenen verkündete
Lehre also auf, dass jene vom Erhabenen als verderblich
bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig zum
Verderben gereichen.‹ Da wir nun, o Herr, Ariṭṭho den Mönch,
den früheren Geierjäger, von dieser verkehrten Meinung nicht
abbringen konnten, beschlossen wir, die Sache dem Erhabenen zu
berichten.«
Da nun wandte sich der Erhabene an einen der Mönche:
»Gehe, o Mönch, und sage in meinem Namen Ariṭṭho dem Mönche,
dem früheren Geierjäger: der Meister ruft dich, Bruder Ariṭṭho.«
»Wohl, o Herr!« erwiderte jener Mönch, dem Erhabenen 132
gehorchend, begab sich dorthin wo Ariṭṭho der Mönch, der
frühere Geierjäger, weilte, und sprach hierauf also zu ihm:
»Der Meister ruft dich, Bruder Ariṭṭho.«
»Gut, o Bruder, ich komme!« erwiderte Ariṭṭho der Mönch, der
frühere Geierjäger, jenem Mönche, begab sich dorthin wo der
Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte
sich zur Seite nieder. Hierauf nun sprach zu Ariṭṭho dem
Mönche, dem früheren Geierjäger, der Erhabene also:
»Ist es wahr, wie man sagt, Ariṭṭho, du habest diese verkehrte
Meinung gefasst: ›Also verstehe ich die vom Erhobenen
verkündete Lehre, dass jene vom Erhabenen als verderblich
bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig zum
Verderben gereichen‹?«
»So ist es allerdings: ich, o Herr, fasse die vom Erhabenen
verkündete Lehre dahin auf, dass jene vom Erhabenen als
verderblich bezeichneten Handlungen dem Thäter nicht nothwendig
zum Verderben gereichen.«
»Von wem hast du denn, du bethörter Mann, gehört, dass ich
eine solche Lehre verkündet hätte? Habe ich nicht, o Thor,
auf manigfaltige Weise die verderblichen Handlungen erklärt
und dargelegt, dass sie dem Thäter nothwendig zum Verderben
gereichen? Unbefriedigend sind die Begierden, hab’ ich gesagt,
voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt. Kahlen
Knochen verglichen habe ich die Begierden, Fleischfetzen
verglichen habe ich die Begierden, flammendem Stroh verglichen
habe ich die Begierden, glühenden Kohlen verglichen habe ich
die Begierden, Träumereien verglichen habe ich die Begierden,
Betteleien verglichen habe ich die Begierden, Baumfrüchten
verglichen habe ich die Begierden, Schwerdterschneiden
verglichen habe ich die Begierden, Lanzenspitzen verglichen
habe ich die Begierden, Schlangenrachen gleich, habe ich
gesagt, sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das
Elend überwiegt. Aber missverständigen Sinnes, o Thor, willst
du uns verbessern und gräbst dir selbst das Grab und schaffst
dir schwere Schuld. Das wird dir, o Thor, lange zum Unheil,
zum Leiden gereichen.«
Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:
»Was meint ihr wohl, Mönche? Hat dieser Mönch Ariṭṭho, der
frühere Geierjäger, in unserer Heilsordnung nicht etwa Brand
gestiftet?«
»Wie wäre das möglich, o Herr, nein, wahrlich nicht, o Herr!«
Auf diese Worte setzte sich Ariṭṭho der Mönch, der frühere
Geierjäger, verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes,
gesenkten Hauptes, das Antlitz von brennender Röthe übergossen,
wortlos nieder. Als nun der Erhabene sah, wie Ariṭṭho der
Mönch, der frühere Geierjäger, verstummt und verstört dasaß,
gebeugten Rumpfes, gesenkten Hauptes, das Antlitz von
brennender Röthe übergossen, wortlos, sprach er also zu ihm:
»Dies wird sich als deine eigene verkehrte Meinung erweisen, o
du Bethörter; ich werde nun die Mönche befragen.«
Und der Erhabene wandte sich an die Mönche:
»Versteht auch ihr, meine Mönche, die verkündete Lehre also, 133
wie dieser Mönch Ariṭṭho, der frühere Geierjäger, der
missverständigen Sinnes uns verbessert und sich selbst das Grab
gräbt und schwere Schuld schafft?«
»Nicht so, o Herr! Auf manigfaltige Weise hat uns ja, o
Herr, der Erhabene die verderblichen Handlungen erklärt und
dargelegt, dass sie dem Thäter nothwendig zum Verderben
gereichen. Unbefriedigend sind die Begierden, hat der Erhabene
gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt.
Kahlen Knochen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Fleischfetzen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
flammendem Stroh verglichen hat der Erhabene die Begierden,
glühenden Kohlen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Träumereien verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Betteleien verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Baumfrüchten verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Schwerdterschneiden verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Lanzenspitzen verglichen hat der Erhabene die Begierden,
Schlangenrachen gleich sind die Begierden, hat der Erhabene
gesagt, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt.«
»Wohl, ihr Mönche, wohl, dass ihr, meine Mönche, die verkündete
Lehre also versteht. Freilich habe ich euch, ihr Mönche,
auf manigfaltige Weise die verderblichen Handlungen erklärt
und dargelegt, dass sie dem Thäter nothwendig zum Verderben
gereichen. Unbefriedigend sind die Begierden, habe ich gesagt,
voller Leiden, voller Quaalen, das Elend überwiegt. Kahlen
Knochen verglichen habe ich die Begierden, Fleischfetzen
verglichen habe ich die Begierden, flammendem Stroh verglichen
habe ich die Begierden, glühenden Kohlen verglichen habe ich
die Begierden, Träumereien verglichen habe ich die Begierden,
Betteleien verglichen habe ich die Begierden, Baumfrüchten
verglichen habe ich die Begierden, Schwerdterschneiden
verglichen habe ich die Begierden, Lanzenspitzen verglichen
habe ich die Begierden, Schlangenrachen gleich, habe ich
gesagt, sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das
Elend überwiegt. Aber dieser Mönch Ariṭṭho, der frühere
Geierjäger, will uns missverständigen Sinnes verbessern und
gräbt sich selbst das Grab und schafft sich schwere Schuld.
Das wird diesem bethörten Manne lange zum Unheil, zum Leiden
gereichen. Dass er aber, ihr Mönche, außer diesen Begierden
da, außer den wahrgenommenen Begierden, außer dem, was unter
Begierden gedacht wird, etwa andere Begierden finden könnte,
ist schlechterdings unmöglich.
»Wohl giebt es, ihr Mönche, Thoren, die sich die Lehre[15]
aneignen. Obzwar sie diese Lehre sich angeeignet haben,
untersuchen sie nicht mit Weisheit den Sinn der Lehren. Da
sie den Sinn nicht mit Weisheit untersuchen, gewähren ihnen
die Lehren keine Einsicht. Sie lernen die Lehre nur, um Reden
und Meinungen über sie äußern zu können. Den Zweck, um dessen
willen sie die Lehre lernen, den merken sie nicht. Ihnen
gereichen die unrecht angefassten Lehren lange zum Unheil und
Leiden. Und warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, unrecht
angefasst haben. Es ist, ihr Mönche, als wie wenn ein Mann,
der Schlangen begehrt, Schlangen sucht, auf Schlangen ausgeht,
eine gewaltige Schlange fände und sie am Leibe oder am Schwanze
anfasste: da schösse die Schlange auf ihn zu und bisse ihn in
die Hand, in den Arm oder in andere Glieder, so dass er in der 134
Folge den Tod oder tödtlichen Schmerz erlitte. Und warum das?
Weil er die Schlange, ihr Mönche, unrecht angefasst hätte.
Ebenso nun auch, ihr Mönche, giebt es Thoren, denen die unrecht
angefassten Lehren lange zum Unheil und Leiden gereichen. Und
warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, unrecht angefasst
haben.
»Wohl giebt es aber, ihr Mönche, auch edle Söhne, die sich
die Lehre aneignen. Nachdem sie diese Lehre sich angeeignet
haben, untersuchen sie mit Weisheit den Sinn der Lehren. Da
sie den Sinn mit Weisheit untersuchen, gewähren ihnen die
Lehren Einsicht. Sie lernen die Lehre nicht etwa nur, um
Reden und Meinungen über sie äußern zu können. Den Zweck, um
dessen willen sie die Lehre lernen, den merken sie. Ihnen
gereichen die recht angefassten Lehren lange zum Wohle, zum
Heile. Und warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, recht
angefasst haben. Es ist, ihr Mönche, als wie wenn ein Mann,
der Schlangen begehrt, Schlangen sucht, auf Schlangen ausgeht,
eine gewaltige Schlange fände und sie mit einem gabelförmigen
Stocke, recht angefasst, niederzwänge und, nachdem er sie mit
dem gabelförmigen Stocke, recht angefasst, niedergezwungen
hätte, am Halse wohl gepackt hielte: wenn nun auch, ihr Mönche,
die Schlange Hand oder Arm oder andere Glieder jenes Mannes
mit ihrem Leibe umringelte, so brauchte er darum weder Tod zu
befürchten noch tödtlichen Schmerz. Und warum nicht? Weil er
die Schlange, ihr Mönche, recht angefasst hätte. Ebenso nun
auch, ihr Mönche, giebt es auch edle Söhne, denen die recht
angefassten Lehren lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Und
warum das? Weil sie die Lehren, ihr Mönche, recht angefasst
haben.
»Darum also, ihr Mönche: was ihr vom Sinn meiner Rede
verstehet, das bewahret getreu; was ihr aber vom Sinn meiner
Rede nicht verstehet, das muss ich mit euch besprechen, auf
dass es wohlbelehrte Mönche gebe.
* * * * *
»Als Floss, ihr Mönche, will ich euch die Lehre weisen, zum
Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten. Das höret und achtet
wohl auf meine Rede.«
»Ja, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen
aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Gleichwie, ihr Mönche, wenn ein Mann, auf der Reise, an
ein ungeheueres Wasser käme, das diesseitige Ufer voller
Gefahren und Schrecken, das jenseitige Ufer sicher, frei von
Schrecken, und es wäre kein Schiff da zur Ueberfuhr, keine
Brücke diesseits um das jenseitige Ufer zu erreichen. Da
würde dieser Mann denken: ›Das ist ja ein ungeheueres Wasser,
das diesseitige Ufer voller Gefahren und Schrecken, das 135
jenseitige Ufer sicher, frei von Schrecken, und kein Schiff
ist da zur Ueberfuhr, keine Brücke diesseits um jenseits
hinüberzugelangen. Wie, wenn ich nun Röhricht und Stämme,
Reisig und Blätter sammelte, ein Floss zusammenfügte und
mittelst dieses Flosses, mit Händen und Füßen arbeitend, heil
zum jenseitigen Ufer hinübersetzte?!‹ Und der Mann, ihr Mönche,
sammelte nun Röhricht und Stämme, Reisig und Blätter, fügte ein
Floss zusammen und setzte mittelst dieses Flosses, mit Händen
und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer hinüber. Und,
gerettet, hinübergelangt, würde er also denken: ›Hochtheuer ist
mir wahrlich dieses Floss, mittelst dieses Flosses bin ich, mit
Händen und Füßen arbeitend, heil ans jenseitige Ufer gelangt.
Wie, wenn ich nun dieses Floss auf den Kopf heben oder auf die
Schultern laden würde und hinginge, wohin ich will?‹ Was haltet
ihr davon, Mönche? Würde wohl dieser Mann durch solches Thun
das Floss richtig behandeln?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Was hätte also, ihr Mönche, der Mann zu thun, damit er das
Floss richtig behandelte? Da würde, ihr Mönche, dieser Mann,
gerettet, hinübergelangt, also erwägen: ›Hochtheuer ist mir
wahrlich dieses Floss, mittelst dieses Flosses bin ich, mit
Händen und Füßen arbeitend, heil an das jenseitige Ufer
hinübergelangt. Wie, wenn ich nun dieses Floss ans Ufer legte
oder in die Fluth senkte und hinginge, wohin ich will?‹ Durch
solches Thun, wahrlich, ihr Mönche, würde dieser Mann das Floss
richtig behandeln. Ebenso nun auch, ihr Mönche, habe ich die
Lehre als Floss dargestellt, zum Entrinnen tauglich, nicht zum
Festhalten.
Die ihr das Gleichniss vom Flosse, ihr Mönche, verstehet,
Ihr habt auch das Rechte zu lassen, geschweige das Unrecht.
* * * * *
»Sechs verkehrte Lehren, ihr Mönche, sind das; welche sechs?
Da betrachtet, ihr Mönche, der unerfahrene gewöhnliche Mensch,
der Heiligen ungewärtig, der heiligen Lehre unkundig, der
heiligen Lehre fremd -- der Edlen ungewärtig, der Lehre der
Edlen unkundig, der Lehre der Edlen fremd, den Körper: ›Der
gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; er betrachtet
das Gefühl: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹;
er betrachtet die Wahrnehmung: ›Die gehört mir, das bin ich,
das ist mein Selbst‹; er betrachtet die Unterscheidungen:
›Die gehören mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹; und was
da gesehn, gehört, gedacht, erkannt, erreicht, erforscht, im
Geiste untersucht wird, auch davon hält er: ›Das gehört mir,
das bin ich, das ist mein Selbst‹; und auch den Glaubenssatz,
welcher da lehrt: ›Das ist die Welt, das ist die Seele, das
werde ich nach meinem Tode werden, unvergänglich, beharrend,
ewig, unwandelbar, ewig gleich, ja, werde ich so verbleiben‹, 136
auch davon hält er: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein
Selbst.‹
»Der erfahrene heilige Jünger aber, ihr Mönche, der Heiligen
gewärtig, der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre
vertraut -- der Edlen gewärtig, der Lehre der Edlen kundig,
der Lehre der Edlen vertraut, betrachtet den Körper: ›Der
gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹; er betrachtet das Gefühl: ›Das gehört mir nicht, das
bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹; er betrachtet die
Wahrnehmung: ›Die gehört mir nicht, das bin ich nicht, das
ist nicht mein Selbst‹; er betrachtet die Unterscheidungen:
›Die gehören mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹; und was da gesehn, gehört, gedacht, erkannt, erreicht,
erforscht, im Geiste untersucht wird, auch davon hält er:
›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst‹; und auch den Glaubenssatz, welcher da lehrt: ›Das
ist die Welt, das ist die Seele, das werde ich nach meinem
Tode werden, unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar,
ewig gleich, ja, werde ich so verbleiben‹, auch davon hält
er: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht
mein Selbst.‹ Also die Dinge betrachtend kennt er kein
unverständiges Zittern.«
Auf diese Worte wandte sich einer der Mönche an den Erhabenen:
»Kann wohl, o Herr, unverständiges Zittern aus äußeren Gründen
eintreten?«
»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Es wird, zum
Beispiel, o Mönch, einem Menschen also zumuthe: ›Verloren
hab’ ich’s, ach, ich besitze es nimmer! O, hätt’ ich’s doch
wieder! Ach, nimmermehr werd’ ich’s erlangen!‹ Er ist traurig,
gebrochen, er jammert, schlägt sich stöhnend die Brust und
geräth in Verzweiflung. Also, o Mönch, tritt unverständiges
Zittern aus äußeren Gründen ein.«
»Und kann wohl, o Herr, unverständiges Zittern aus äußeren
Gründen unterbleiben?«
»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Da wird, o Mönch,
einem Menschen nicht also zumuthe: ›Verloren hab’ ich’s,
ach, ich besitze es nimmer! O, hätt’ ich’s doch wieder! Ach,
nimmermehr werd’ ich’s erlangen!‹ Er ist nicht traurig, nicht
gebrochen, er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend
die Brust und geräth nicht in Verzweiflung. Also, o Mönch,
unterbleibt unverständiges Zittern aus äußeren Gründen.«
»Kann aber, o Herr, unverständiges Zittern ans inneren Gründen
eintreten?«
»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Es hat, zum
Beispiel, o Mönch, einer den Glauben: ›Das ist die Welt,
das ist die Seele, das werde ich nach meinem Tode werden,
unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich,
ja, werde ich so verbleiben.‹ Der hört vom Vollendeten
oder von einem Jünger des Vollendeten die Verkündung der
Wahrheit, die alles Anhängen und Genügen an falschen Lehren,
Dogmen und Systemen von Grund aus zerstört, die zum Aufgehn
aller Unterscheidung führt[16], zur Abwehr aller Anhaftung,
zum Versiegen des Durstes, zur Wendung, zur Auflösung, zur
Erlöschung. Da wird ihm also zumuthe: ›Vernichtet werde ich 137
sein, o, zugrunde gegangen, ach! Nicht mehr werde ich sein!‹
Er ist traurig, gebrochen, er jammert, schlägt sich stöhnend
die Brust und geräth in Verzweiflung. Also, o Mönch, tritt
unverständiges Zittern aus inneren Gründen ein.«
»Und kann wohl, o Herr, unverständiges Zittern aus inneren
Gründen unterbleiben?«
»Kann sein, o Mönch«, sprach der Erhabene. »Da hat, o Mönch,
einer nicht den Glauben: ›Das ist die Welt, das ist die
Seele, das werde ich nach meinem Tode werden, unvergänglich,
beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich, ja, werde ich so
verbleiben.‹ Der hört vom Vollendeten oder von einem Jünger des
Vollendeten die Verkündung der Wahrheit, die alles Anhängen
und Genügen an falschen Lehren, Dogmen und Systemen von Grund
aus zerstört, die zum Aufgehn aller Unterscheidung führt,
zur Abwehr aller Anhaftung, zum Versiegen des Durstes, zur
Wendung, zur Auflösung, zur Erlöschung. Da wird ihm nicht also
zumuthe: ›Vernichtet werde ich sein, o, zugrunde gegangen,
ach! Nicht mehr werde ich sein!‹ Er ist nicht traurig, nicht
gebrochen, er jammert nicht, schlägt sich nicht stöhnend die
Brust, geräth nicht in Verzweiflung, Also, o Mönch, unterbleibt
unverständiges Zittern aus inneren Gründen.
* * * * *
»Könntet ihr wohl, Mönche, ein Gut erlangen, dessen Besitz
unvergänglich, beharrend, ewig, unwandelbar, ewig gleich
derselbe nur bliebe? Kennt ihr, Mönche, ein solches Gut?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Wohl, ihr Mönche: auch ich, ihr Mönche, kenne ein solches
Gut nicht, dessen Besitz unvergänglich, beharrend, ewig,
unwandelbar, ewig gleich derselbe nur bliebe.
»Seid ihr wohl, Mönche, einem Glauben an Unsterblichkeit
ergeben, nach welchem der Gläubige von Wehe, Jammer, Leiden,
Gram und Verzweiflung erlöst würde? Kennt ihr, Mönche, einen
Glauben an Unsterblichkeit, der dem Gläubigen Erlösung brächte
von Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Wohl, ihr Mönche: auch ich, ihr Mönche, kenne keinen Glauben
an Unsterblichkeit, der dem Gläubigen Erlösung brächte von
Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung.
»Hängt ihr wohl, Mönche, einer Schule an, durch welche der
Anhänger vor Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung
bewahrt bliebe? Kennt ihr, Mönche, eine Schule, die den
Anhänger vor Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung
schützen könnte?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Wohl, ihr Mönche: auch ich, ihr Mönche, kenne eine solche 138
Schule nicht, die den Anhänger schützen könnte vor Wehe,
Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung.
* * * * *
»Wenn das Ichselbst, ihr Mönche, vorhanden wäre, könnt’ es dann
auch ein ›Mir eigen‹ geben?«
»Ja, o Herr!«
»Wenn das Eigen, ihr Mönche, vorhanden wäre, könnt’ es dann
auch ein ›Mir selbst‹ geben?«
»Freilich, o Herr!«.
»Da nun weder das Ich noch das Eigen, ihr Mönche, wahrhaft und
wirklich erlangt werden kann, wie steht’s um das Dogma, welches
da lehrt: ›Das ist die Welt, das ist die Seele, das werd’
ich nach meinem Tode werden, unvergänglich, beharrend, ewig,
unwandelbar, ewig gleich, ja, werde ich so verbleiben‹? ist das
nicht, ihr Mönche, eine völlig ausgereifte Narrenlehre?«
»Was wär’ es denn anderes, o Herr, als eine völlig ausgereifte
Narrenlehre!«
»Was meint ihr wohl, Mönche: ist der Körper unvergänglich oder
vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Was meint ihr wohl, Mönche: ist das Gefühl unvergänglich oder
vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Was meint ihr wohl, Mönche: ist die Wahrnehmung unvergänglich
oder vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Was meint ihr wohl, Mönche: sind die Unterscheidungen
unvergänglich oder vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Was meint ihr wohl, Mönche: ist das Bewusstsein unvergänglich
oder vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon
behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Darum also, ihr Mönche: was es auch an Körperlichem giebt, 139
vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes,
grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes:
alles Körperliche ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener
Weisheit, also anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich
nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch an Gefühl
giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder
fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes
oder nahes: alles Gefühl ist, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit, also anzusehn: ›Das gehört mir nicht,
das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch
an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Wahrnehmung ist, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit, also anzusehn: ›Die gehört mir nicht,
die bin ich nicht, die ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Unterscheidungen giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige,
eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne
oder nahe: alle Unterscheidungen sind, der Wahrheit gemäß, mit
vollkommener Weisheit, also anzusehn: ›Die gehören mir nicht,
die bin ich nicht, die sind nicht mein Selbst.‹ Was es auch an
Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges,
eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles,
fernes oder nahes: alles Bewusstsein ist, der Wahrheit gemäß,
mit vollkommener Weisheit, anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das
bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹
»In solchem Anblick, ihr Mönche, wird der erfahrene heilige
Jünger des Körpers überdrüssig und wird des Gefühles
überdrüssig und wird der Wahrnehmung überdrüssig und wird
der Unterscheidungen überdrüssig und wird des Bewusstseins
überdrüssig. Ueberdrüssig wendet er sich ab. Abgewandt löst er
sich los. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss
geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum,
gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.
»Ein solcher Mönch, ihr Mönche, wird ›Riegelheber‹ genannt,
wird ›Grabenfüller‹ genannt, wird ›Pfeilentledigter‹ genannt,
wird ›Hakenloser‹ genannt, wird ›Heiliger, Fahnenloser,
Bürdeloser, Abgeschiedener‹ genannt.
»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Riegelheber? Da wird,
ihr Mönche, von dem Mönch das Nichtwissen verneint, an der
Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass
es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann. Also,
ihr Mönche, wird der Mönch zum Riegelheber.
»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Grabenfüller?
Da wird, ihr Mönche, von dem Mönch die daseinsschwangere
Wandelwelt der Geburten verneint, an der Wurzel abgeschnitten,
einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen,
nicht mehr sich entwickeln kann. Also, ihr Mönche, wird der
Mönch zum Grabenfüller.
»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Pfeilentledigten? Da
wird, ihr Mönche, von dem Mönch der Lebensdurst verneint, an
der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so
dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann.
Also, ihr Mönche, wird der Mönch zum Pfeilentledigten.
»Wie aber, ihr Mönche, wird der Mönch zum Hakenlosen? Da
werden, ihr Mönche, von dem Mönch die fünf niederzerrenden
Fesseln verneint, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf
gleichgemacht, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr
sich entwickeln können. Also, ihr Mönche, wird der Mönch zum
Hakenlosen.