der Wahrheit gemäß des Begehrens Labsal als Labsal, Elend als
Elend, Ueberwindung als Ueberwindung erkennen, vielleicht
selbst das Begehren verstehn oder einen anderen dazu bringen
werden, durch ihre Belehrung zum Verständnisse des Begehrens
zu gelangen: das ist unmöglich. Dass nun aber Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die also der Wahrheit gemäß des
Begehrens Labsal als Labsal, Elend als Elend, Ueberwindung als 88
Ueberwindung erkennen, vielleicht selbst das Begehren verstehn
oder einen anderen dazu bringen werden, durch ihre Belehrung
zum Verständnisse des Begehrens zu gelangen: das ist möglich.
»Was ist nun, ihr Mönche, Labsal des Körperlichen? Zum
Beispiel, ihr Mönche, eine Königstochter, oder eine
priesterliche Jungfrau, oder ein Bürgermädchen, in der Blüthe
des fünfzehnten oder sechzehnten Jahres, nicht zu groß nicht
zu klein, nicht zu schlank nicht zu voll, nicht zu dunkel nicht
zu hell: erscheint nicht eine solche schimmernde Schönheit, ihr
Mönche, zu dieser Zeit am prächtigsten?«
»Freilich, o Herr!«
»Was da Wohl und Erwünschtes schimmernder Schönheit gemäß geht
ist Labsal des Körperlichen.
»Was ist nun, ihr Mönche, Elend des Körperlichen? Da sehe
man nur diese Schwester, ihr Mönche, zu anderer Zeit, im
achtzigsten oder neunzigsten oder hundertsten Lebensjahre,
gebrochen, giebelförmig geknickt, abgezehrt, auf Krücken
gestützt schlotternd dahinschleichen, siech, welk, zahnlos, mit
gebleichten Strähnen, kahlem, wackelndem Kopfe, verrunzelt,
die Haut voller Flecken: was meint ihr wohl, Mönche? Ist, was
einst schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend ruchbar
geworden?«
»Freilich, o Herr!«
»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester unwohl, leidend,
schwerkrank, mit Koth und Harn beschmutzt daliegen, von anderen
gehoben, von anderen bedient: was meint ihr wohl, Mönche? Ist,
was einst schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend
ruchbar geworden?«
»Freilich, o Herr!«
»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib auf der
Leichenstätte, einen Tag oder zwei Tage oder drei Tage nach
dem Verscheiden, aufgedunsen, blauschwarz gefärbt, in Fäulniss
übergegangen: was meint ihr wohl, Mönche? Ist, was einst
schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend ruchbar
geworden?«
»Freilich, o Herr!«
»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib auf der
Leichenstätte, von Krähen oder Raben oder Geiern zerfressen,
von Hunden oder Schackalen zerfleischt, oder von vielerlei
Würmern zernagt: was meint ihr wohl, Mönche? Ist, was einst 89
schimmernde Schönheit war, verschwunden und Elend ruchbar
geworden?«
»Freilich, o Herr!«
»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter
sodann, ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib
auf der Leichenstätte, das Knochengerippe, fleischbehangen,
blutbesudelt, von den Sehnen zusammengehalten; das
Knochengerippe, fleischentblößt, blutbefleckt, von den Sehnen
zusammengehalten; das Knochengerippe, ohne Fleisch, ohne
Blut, von den Sehnen zusammengehalten; die Gebeine, ohne die
Sehnen, hierher und dorthin verstreut, da ein Handknochen,
dort ein Fußknochen, da ein Schienbein, dort ein Schenkel, da
das Becken, dort Wirbel, da der Schädel: was meint ihr wohl,
Mönche? Ist, was einst schimmernde Schönheit war, verschwunden
und Elend ruchbar geworden?«
»Freilich, o Herr!«
»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen. Weiter sodann,
ihr Mönche: man sehe nur diese Schwester, den Leib auf der
Leichenstätte, die Gebeine, bleich, muschelfarben anzusehn;
die Gebeine, zuhauf geschichtet, nach Verlauf eines Jahres;
die Gebeine, verwest, in Staub zerfallen: was meint ihr wohl,
Mönche? Ist, was einst schimmernde Schönheit war, verschwunden
und Elend ruchbar geworden?«
»Freilich, o Herr!«
»Das aber, Mönche, ist Elend des Körperlichen.
»Und was, ihr Mönche, ist des Körperlichen Ueberwindung? Was
beim Körperlichen, ihr Mönche, Verneinung des Willensreizes
ist, Verleugnung des Willensreizes, ist des Körperlichen
Ueberwindung.
»Dass aber Asketen oder Priester, ihr Mönche, die nicht also
der Wahrheit gemäß des Körperlichen Labsal als Labsal, Elend
als Elend, Ueberwindung als Ueberwindung erkennen, vielleicht
selbst das Körperliche verstehn oder einen anderen dazu bringen
werden, durch ihre Belehrung zum Verständnisse des Körperlichen
zu gelangen: das ist unmöglich. Dass nun aber Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die also der Wahrheit gemäß des
Körperlichen Labsal als Labsal, Elend als Elend, Ueberwindung
als Ueberwindung erkennen, vielleicht selbst das Körperliche
verstehn oder einen anderen dazu bringen werden, durch ihre
Belehrung zum Verständnisse des Körperlichen zu gelangen: das
ist möglich.
»Was ist nun, ihr Mönche, Labsal der Gefühle? Da erwirkt, ihr
Mönche, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen
Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit
die Weihe der ersten Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo
der Mönch die Weihe der ersten Schauung erwirkt hat, zu einer
solchen Zeit ist er weder von sich abhängig noch von anderen,
weder von sich noch von anderen abhängig empfindet er zu 90
dieser Zeit nur ein Gefühl der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit,
sag’ ich, ihr Mönche, ist höchstes Labsal der Gefühle.
»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Vollendung des Sinnens und
Gedenkens erwirkt ein Mönch die innere Meeresstille, die
Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in
der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo der Mönch die Weihe
der zweiten Schauung erwirkt hat, zu einer solchen Zeit ist er
weder von sich abhängig noch von anderen, weder von sich noch
von anderen abhängig empfindet er zu dieser Zeit nur ein Gefühl
der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist
höchstes Labsal der Gefühle.
»Weiter sodann, ihr Mönche: in heiterer Ruhe verweilt ein Mönch
gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet
er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig
Einsichtige lebt beglückt‹: so erwirkt er die Weihe der dritten
Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo der Mönch die Weihe
der dritten Schauung erwirkt hat, zu einer solchen Zeit ist er
weder von sich abhängig noch von anderen, weder von sich noch
von anderen abhängig empfindet er zu dieser Zeit nur ein Gefühl
der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist
höchstes Labsal der Gefühle.
»Weiter sodann, ihr Mönche: nach Verwerfung der Freuden und
Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns
erwirkt ein Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte
Schauung. Zu einer Zeit, ihr Mönche, wo der Mönch die Weihe der
vierten Schauung erwirkt hat, zu einer solchen Zeit ist er
weder von sich abhängig noch von anderen, weder von sich noch
von anderen abhängig empfindet er zu dieser Zeit nur ein Gefühl
der Unabhängigkeit. Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist
höchstes Labsal der Gefühle.
»Was ist nun, ihr Mönche, Elend der Gefühle? Was vergängliches,
schmerzliches, wechselndes Gefühl ist, ihr Mönche, das ist
Elend der Gefühle.
»Und was, ihr Mönche, ist der Gefühle Ueberwindung? Was bei
den Gefühlen, ihr Mönche, Verneinung des Willensreizes ist,
Verleugnung des Willensreizes, ist der Gefühle Ueberwindung.
»Dass aber Asketen oder Priester, ihr Mönche, die nicht also
der Wahrheit gemäß der Gefühle Labsal als Labsal, Elend als
Elend, Ueberwindung als Ueberwindung erkennen, vielleicht
selbst die Gefühle verstehn oder einen anderen dazu bringen
werden, durch ihre Belehrung zum Verständnisse der Gefühle
zu gelangen: das ist unmöglich. Dass nun aber Asketen oder
Priester, ihr Mönche, die also der Wahrheit gemäß der
Gefühle Labsal als Labsal, Elend als Elend, Ueberwindung als
Ueberwindung erkennen, vielleicht selbst die Gefühle verstehn
oder einen anderen dazu bringen werden, durch ihre Belehrung
zum Verständnisse der Gefühle zu gelangen: das ist möglich.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche
über das Wort des Erhabenen.
14.
Zweiter Theil Vierte Rede
DIE LEIDENSVERKETTUNG
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im 91
Lande der Sakker, bei Kapilavatthu, im Park der Feigenbäume.
Da nun begab sich ein Sakkerfürst, Mahānāmo, dorthin wo
der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und
setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun
Mahānāmo, der Sakker, zum Erhabenen also:
»Lange Zeit schon, o Herr, scheint mir die Lehre des Erhabenen
folgende zu sein: ›Gier ist Herzenstrübung, Hass ist
Herzenstrübung, Irre ist Herzenstrübung.‹ So kenne ich zwar, o
Herr, die Lehre des Erhabenen von der Gier als Herzenstrübung,
vom Hasse als Herzenstrübung, von der Irre als Herzenstrübung,
trotzdem aber lässt sich mein Herz zuweilen von Regungen der
Gier beeinflussen, von Regungen des Hasses beeinflussen, von
Regungen der Irre beeinflussen. Da frag’ ich mich nun, o Herr:
was für ein Ding haust wohl noch in mir, dass sich mein Herz
zuweilen von Regungen der Gier, von Regungen des Hasses, von
Regungen der Irre beeinflussen lässt?«
»Eben das Ding, Mahānāmo, haust noch in dir, dass sich dein
Herz zuweilen von Regungen der Gier, von Regungen des Hasses,
von Regungen der Irre beeinflussen lässt. Denn würde, Mahānāmo,
dieses Ding nicht mehr in dir hausen, so wolltest du nicht in
der Familie bleiben, keine Begierden genießen. Weil nun aber,
Mahānāmo, eben dieses Ding noch in dir haust, desshalb bleibst
du in der Familie, genießest Begierden.
»‚Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden, voller
Quaalen, das Elend überwiegt‘: wenn der heilige Jünger,
Mahānāmo, diesen Satz der Wahrheit gemäß mit vollkommener
Weisheit erkannt hat, aber er findet außer den Begierden,
außer dem Schlechten keine Glücksäligkeit und nichts Besseres,
so tanzt er eben immer noch um die Begierden herum. Sobald
aber, Mahānāmo, der heilige Jünger den Satz ›Unbefriedigend
sind die Begierden, voller Leiden, voller Quaalen, das Elend
überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit vollkommener Weisheit erkannt
hat, und er findet außer den Begierden, außer dem Schlechten
Glücksäligkeit und Besseres, so tanzt er nicht mehr um die
Begierden herum.
»Auch ich, Mahānāmo, hatte schon vor der vollen Erwachung, 92
als unvollkommen Erwachter, Erwachung erst Erringender den
Satz ›Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden,
voller Quaalen, das Elend überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit
vollkommener Weisheit erkannt, doch außer den Begierden,
außer dem Schlechten fand ich keine Glücksäligkeit und nichts
Besseres, und so gewahrte ich denn, dass ich eben immer noch
um die Begierden herumtanzte. Sobald ich aber, Mahānāmo,
den Satz ›Unbefriedigend sind die Begierden, voller Leiden,
voller Quaalen, das Elend überwiegt‹ der Wahrheit gemäß mit
vollkommener Weisheit erkannt und außer den Begierden, außer
dem Schlechten Glücksäligkeit gefunden hatte und Besseres, da
gewahrte ich, dass ich nicht mehr um die Begierden herumtanzte.
»Was ist nun, Mahānāmo, Befriedigung des Begehrens?
Fünf Begehrungen giebt es, Mahānāmo, und welche fünf?
Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen,
die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Mahānāmo,
die fünf Begehrungen. Was da Wohl und Erwünschtes diesen fünf
Begehrungen gemäß geht ist Befriedigung des Begehrens.
»Was ist nun, Mahānāmo, Elend des Begehrens? Da erwirbt sich,
Mahānāmo, ein Sohn des Hauses seinen Unterhalt durch ein Amt,
sei es als Schreiber oder als Rechner oder Verwalter, als
Landwirt oder als Kaufmann oder als Heerdenzüchter, als Soldat
oder Minister des Königs, oder durch irgend einen anderen
Dienst, ist der Hitze ausgesetzt, ist der Kälte ausgesetzt,
muss Sonne und Wind Trotz bieten, sich mit Mücken, Wespen
und Kriechthieren herumschlagen, wird von Hunger und Durst
aufgerieben. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.
»Wenn diesem Sohne des Hauses, Mahānāmo, der sich also abmüht, 86
plagt und quält, kein Reichthum erblüht, so wird er bekümmert
und schwermüthig, klagt, schlägt sich stöhnend die Brust,
geräth in Verzweiflung: ›Vergeblich, ach, ist mein Streben,
meine Mühe hat keinen Zweck!‹ Das aber, Mahānāmo, ist Elend des
Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren
entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten,
durch Begehren schlechthin bedingt.
»Wenn diesem Sohne des Hauses, Mahānāmo, der sich also abmüht,
plagt und quält, Reichthum erblüht, so nagt ihn sorgende Pein
um die Erhaltung dieses Reichthums: ›Dass mir meine Güter nur
nicht von Königen eingezogen, oder von Räubern geplündert,
oder vom Feuer verzehrt, oder vom Wasser weggespült, oder von
feindlichen Verwandten entrissen werden!‹ Und indem er seine
Güter wahrt und schützt werden sie ihm von Königen eingezogen,
oder von Räubern geplündert, oder vom Feuer verzehrt, oder vom
Wasser weggespült, oder von feindlichen Verwandten entrissen.
Da wird er bekümmert und schwermüthig, klagt, schlägt sich
stöhnend die Brust, geräth in Verzweiflung: ›Meinen Besitz,
den haben wir nicht mehr!‹ Das aber, Mahānāmo, ist Elend des
Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren
entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten,
durch Begehren schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
streiten Könige mit Königen, Fürsten mit Fürsten, Priester
mit Priestern, Bürger mit Bürgern, streitet die Mutter mit
dem Sohne, der Sohn mit der Mutter, der Vater mit dem Sohne,
der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit Bruder, Bruder
mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Also
in Zwist, Zank und Streit gerathen gehn sie mit Fäusten
aufeinander los, mit Steinen, Stöcken und Schwerdtern. Und
so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das
aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare
Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren
gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin
bedingt.
»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den Händen, gegürtet
mit Köcher und Bogen, von beiden Seiten der Schlachtordnung in
den Kampf, und die Pfeile schwirren und die Speere sausen und
die Schwerdter blitzen. Und sie durchbohren sich mit Pfeilen,
durchbohren sich mit Speeren, spalten sich mit den Schwerdtern
die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem
Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den Händen, gegürtet
mit Köcher und Bogen, auf die schlüpfrig getünchten Wälle, und
die Pfeile schwirren und die Speere sausen und die Schwerdter 87
blitzen. Und sie durchbohren sich mit Pfeilen, durchbohren
sich mit Speeren, schütten glühenden Sand herunter, schleudern
zerschmetternde Blöcke herab, spalten sich mit den Schwerdtern
die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem
Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
brechen sie Verträge, rauben fremdes Gut, stehlen, betrügen,
verführen Ehefrauen. Da lassen die Könige einen solchen
ergreifen und verhängen mancherlei Strafen, als wie Peitschen-,
Stock- oder Ruthenhiebe; Handverstümmlung, Fußverstümmlung
oder Verstümmlung der Hände und Füße; Ohrenverstümmlung,
Nasenverstümmlung, Verstümmlung der Ohren und der Nase; den
Breikessel, die Muschelrasur, das Drachenmaul; den Pechkranz,
die Fackelhand; das Spießruthenlaufen, das Rindenliegen,
den Marterbock; das Angelfleisch, den Münzengriff, die
Laugenätze; den Schraubstock, das Bastgeflecht; die siedende
Oelbeträufelung, das Zerreißen durch Hunde, die lebendige
Pfählung, die Enthauptung. Und so eilen sie dem Tode entgegen
oder tödtlichem Schmerze. Das aber, Mahānāmo, ist Elend des
Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren
entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten,
durch Begehren schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, Mahānāmo: von Begehren getrieben, von Begehren
gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel Begehren
wandeln sie in Thaten den Weg des Unrechts, wandeln sie in
Worten den Weg des Unrechts, wandeln sie in Gedanken den Weg
des Unrechts. Und in Thaten auf dem Wege des Unrechts, in
Worten auf dem Wege des Unrechts, in Gedanken auf dem Wege des
Unrechts gelangen sie bei der Auflösung des Körpers, nach dem
Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil.
Das aber, Mahānāmo, ist Elend des Begehrens, ist die verborgene
Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren
gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin
bedingt.
* * * * *
»Einstmals weilte ich da, Mahānāmo, zu Rājagaham, am Geierkulm,
im Gebirge. Zu jener Zeit nun lebten viele Freie Brüder[9]
am Abhange des Sehergipfels, am Schwarzenfels, und übten
Askese als Stetigsteher, verwarfen Sitz und Lager, und
schmerzliche, stechende, brennende Gefühle bemächtigten sich
ihrer. Da begab ich mich eines Abends, Mahānāmo, nach Aufhebung
der Gedenkensruhe an den Abhang des Sehergipfels, auf den
Schwarzenfels, zu den Freien Brüdern und sprach also zu ihnen:
›Warum, liebe Freie Brüder, übt ihr denn die Askese als
Stetigsteher, verwerft Sitz und Lager, erduldet überwältigenden
Schmerz, stechende, brennende Gefühle?‹
»Auf diese Frage, Mahānāmo, erwiderten mir die Freien Brüder
Folgendes:
›Der Freie Bruder Nāthaputto, Lieber, weiß alles, versteht
alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ‚Ob ich geh’
oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die 93
gesammte Wissensklarheit gegenwärtig.‘ Und er sagt: ‚Ihr habt
da, Freie Brüder, ehedem Böses gethan; das büßt ihr durch
diese bittere Schmerzensaskese ab. Denn weil ihr jetzt in
dieser Zeit Thaten, Worte und Gedanken bezwinget, lasset ihr
Böses ferner nicht mehr aufkommen. So findet durch Büßung
und Tilgung alter und Vermeidung neuer Thaten ferner kein
Zufluss mehr statt. Weil ferner kein Zufluss mehr stattfindet,
kommt er zur Thatenversiegung, durch die Thatenversiegung
zur Leidenversiegung, durch die Leidenversiegung zur
Gefühlversiegung, und mit der Gefühlversiegung wird alles Leid
überstanden sein.‘ Das aber leuchtet uns ein, und wir billigen
es und geben uns damit zufrieden.‹
»Auf diese Worte, Mahānāmo, sagte ich zu den Freien Brüdern:
›So wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir sind schon ehedem
gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Wir haben schon
ehedem Böses gethan, wir sind nicht schuldlos geblieben‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr wohl, liebe Freie Brüder: ‚Diese und jene böse
That haben wir begangen‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr etwa, liebe Freie Brüder: ‚Ein Stück Leiden
ist überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein
Stück Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden
werden‘?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›Oder wisset ihr vielleicht, liebe Freie Brüder, wie man noch
bei Lebzeiten das Falsche verleugnen und das Rechte gewinnen
kann?‹
›Wir wissen’s nicht, Bruder.‹
›So gesteht ihr, liebe Freie Brüder, ihr wisst nicht ‚Wir sind
schon ehedem gewesen, nicht sind wir nicht gewesen‘, ihr wisst
nicht ‚Wir haben schon ehedem Böses gethan, wir sind nicht
schuldlos geblieben‘, ihr wisst nicht ‚Diese und jene böse That
haben wir begangen‘, ihr wisst nicht ‚Ein Stück Leiden ist
überstanden, ein anderes noch zu überstehn; ist aber ein Stück
Leiden überstanden, so wird alles Leid überstanden werden‘,
wisst nicht, wie man noch bei Lebzeiten das Falsche verleugnen
und das Rechte gewinnen kann. Dann also, liebe Freie Brüder,
gehn Weltverfluchte, Blutbefleckte, als Verbrecher geborene
Menschen unter die Freien Brüder.‹
›Man kann eben nicht, Bruder Gotamo, Wohl um Wohl gewinnen: um
Wehe lässt sich Wohl gewinnen. Wär’ es möglich, Bruder Gotamo, 94
Wohl um Wohl zu gewinnen, so könnte der König von Magadhā,
Seniyo Bimbisāro das Wohl gewinnen; dem König von Magadhā
Seniyo Bimbisāro ist wohler als dem Mönche Gotamo.‹
›Ohne Zweifel haben jetzt die ehrwürdigen Freien Brüder
voreilig und unüberlegt gesprochen. Denn nun muss ich eben
fragen: welchem der beiden Ehrwürdigen ist wohler, dem König
von Magadhā oder dem Mönche Gotamo?‹
›Vielleicht haben wir, Bruder Gotamo, voreilig und unüberlegt
gesprochen. Aber sei es drum, jetzt bitten wir den ehrwürdigen
Gotamo um Antwort: welchem von beiden Ehrwürdigen ist wohler,
dem König von Magadhā oder dem Mönche Gotamo?‹
›Da will ich nun an euch, liebe Freie Brüder, eine Frage
richten, die ihr nach euerem Ermessen beantworten sollt. Was
meinet ihr, liebe Freie Brüder: kann der König von Magadhā ohne
körperliche Bewegung, ohne ein Wort zu reden sieben Tage und
Nächte sich vollkommen wohl fühlen?‹
›Das kann er nicht, Bruder.‹
›Was meinet ihr, liebe Freie Brüder: kann der König von Magadhā
ohne körperliche Bewegung, ohne ein Wort zu reden sechs Tage
und Nächte, fünf Tage und Nächte, vier Tage und Nächte, drei
Tage und Nächte, zwei Tage und Nächte, einen Tag und Nacht sich
vollkommen wohl fühlen?‹
›Er kann es nicht, Bruder.‹
›Ich aber, liebe Freie Brüder, kann ohne körperliche Bewegung,
ohne ein Wort zu reden einen Tag und Nacht mich vollkommen wohl
fühlen. Ich aber, liebe Freie Brüder, kann ohne körperliche
Bewegung, ohne ein Wort zu reden zwei Tage und Nächte, drei
Tage und Nächte, vier Tage und Nächte, fünf Tage und Nächte,
sechs Tage und Nächte, sieben Tage und Nächte mich vollkommen
wohl fühlen. Was meinet ihr, liebe Freie Brüder: wem ist da
wohler, dem König von Magadhā oder mir?‹
›Da ist freilich dem ehrwürdigen Gotamo wohler als dem König 95
von Magadhā.‹«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Mahanāmo der
Sakker über das Wort des Erhabenen.
15.
Zweiter Theil Fünfte Rede
DAS MAASS
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige
Mahāmoggallāno im Lande der Bhagger, bei der Stadt
Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes. Dort nun wandte
sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an die Mönche: »Brüder
Mönche!« -- »Bruder!« erwiderten da aufmerksam jene Mönche
dem ehrwürdigen Mahāmoggallāno. Der ehrwürdige Mahāmoggallāno
sprach also:
»Fordert, ihr Brüder, ein Mönch auf: ›Warnen mögen mich die
Ehrwürdigen, ich bedarf ihrer Verwarnung‹, und es steht
misslich um ihn, missliche Dinge machen sich geltend, er ist
ungeduldig und nimmt eine Belehrung ungeziemend auf, so können
ihn eben die Ordensbrüder kaum einer Warnung oder Belehrung
werth halten, können eine solche Person vertrauten Umgangs
nicht würdig erachten.