Korn, von Saamen und Kernen, von Pflanzenmilch und Baumharz,
von Gräsern, von Kuhmist, fristete mich von Wurzeln und
Früchten des Waldes, lebte von abgefallenen Früchten.
»Und ich trug das hänfene Hemd, trug das härene Hemd, trug
einen Rock, geflickt aus den im Leichenhof und auf der Straße
gefundenen Fetzen, hüllte mich in Lumpen, in Felle, in Häute,
gürtete mich mit Flechten aus Gras, mit Flechten aus Rinde, mit
Flechten aus Laub, barg die Blöße unter pelzigem Schurze, unter
borstigem Schurze, unter einem Eulenflügel.
»Und ich raufte mir Haupt- und Barthaar aus, die Regel der
Haar- und Bartausraufer befolgend; war ein Stetigsteher,
verwarf Sitz und Lager; war ein Fersensitzer, übte die Zucht
der Fersensitzer; war ein Dornenseitiger und legte mich zur
Seite auf ein Dornenlager; stieg allabendlich zum dritten
Mal herab ins Büßerbad. So übte ich mich gar vielfach in des
Körpers inbrünstiger Schmerzensaskese. Und das, Sāriputto,
ist meine Inbrunst gewesen.
»Und ich habe da, Sāriputto, also Rauhsinn gepflegt:
vieljährigen Schmutz und Staub ließ ich am Körper ansammeln,
bis zum herabfallen. Gleichwie etwa, Sāriputto, am Stumpfe
des Ebenholzbaumes die Staubschicht sich von Jahr zu Jahr
verdichtet, bis zum herabfallen: ebenso nun auch, Sāriputto,
hatte sich an meinem Körper vieljähriger Schmutz und Staub
angesammelt, bis zum herabfallen. Und es kam mir da, Sāriputto,
kein solcher Gedanke: ›Ach könnte ich mich doch endlich von
diesem Staub und Schmutze säubern, oder möchten es andere
thun!‹ Ein solcher Gedanke, Sāriputto, kam mir nicht. Und das,
Sāriputto, ist mein Rauhsinn gewesen.
»Und ich habe da, Sāriputto, also Wehmuth gehegt: jeder meiner
Schritte, Sāriputto, war von klarem Bewusstsein geleitet, von
klarem Bewusstsein gelenkt, und selbst ein Tropfen Wassers
erregte in mir das Mitleid: ›O dass ich den kleinen verirrten
Wesen ja nicht Schaden zufüge!‹ Und das, Sāriputto, ist meine
Wehmuth gewesen.
»Und ich habe da, Sāriputto, also Ablösung gelernt: ich ging 79
in irgend einen Wald hinein und verweilte dort; bemerkt’ ich
aber einen Rinderhirten oder Viehtreiber, einen Kräutersucher
oder Reisigsammler oder einen Holzknecht, so floh ich von Forst
zu Forst, von Hain zu Hain, von Thal zu Thal, von Berg zu Berg:
und warum das? Jene sollten mich nicht sehn, und ich mochte sie
nicht sehn. Gleichwie etwa, Sāriputto, ein Wild des Waldes,
wenn es Menschen gesehn hat, von Forst zu Forst, von Hain zu
Hain, von Thal zu Thal, von Berg zu Berg flieht: ebenso nun,
Sāriputto, floh auch ich, wenn ich da einen Rinderhirten
oder Viehtreiber, einen Kräutersucher oder Reisigsammler oder
einen Holzknecht bemerkt hatte, von Forst zu Forst, von Hain
zu Hain, von Thal zu Thal, von Berg zu Berg: und warum das?
Jene sollten mich nicht sehn, und ich mochte sie nicht sehn.
Und das, Sāriputto, ist meine Ablösung gewesen.
»Und ich ging dann, Sāriputto, wenn die Knechte fort waren, zu
den Hürden hinab, zu den angebundenen Kühen, und sammelte in
meinem irdenen Topfe Mist von den jungen, säugenden Kälbern
und lebte davon. Und was da, Sāriputto, als mein eigener Koth
und Harn unverdaut blieb, auch das nahm ich ein. Und das,
Sāriputto, ist mein großer Hefekelch gewesen.
»Und ich habe mich dann, Sāriputto, in einen anderen, in
grauenvollen Wald begeben, dort zu verweilen. In jener
grässlichen Wildniss, Sāriputto, herrschte solches Entsetzen,
dass jedem ungeheiligten Wanderer alsbald die Haare sich
sträubten. Und während der kalten, eisigen Nächte im Winter,
zur Zeit des Frostes, hielt ich mich nachts in einer Lichtung
auf und tags im Dickicht; und im Sommer, zur Zeit der Hitze,
hielt ich mich tags in einer Lichtung auf und nachts im
Dickicht. Und es leuchtete mir, Sāriputto, dieser naturgemäße
Spruch auf, der nie zuvor gehörte:
›Im Sommerbrand, im Wintersturm
Allein im wilden Schreckensforst
Sinnt ohne Feuer, ohne Herd
Ein nackter Dulder selbstvertieft.‹
»Und ich wanderte, Sāriputto, zu einer Leichenstätte hin und
lagerte mich auf einem Haufen fauler Gebeine. Und da kamen,
Sāriputto, Hirtenkinder herbei, spieen auf mich und benässten
mich und bewarfen mich mit Unrath und fuhren mir mit spitzigen
Halmen in die Ohren. Doch erinnere ich mich nicht, Sāriputto,
dass mir ein böser Gedanke gegen sie aufgestiegen wäre. Und
das, Sāriputto, ist mein Gleichmuth gewesen.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren: 80
›Die Nahrung läutert.‹ Und sie ermahnen: ›Lasst uns von
Steinäpfeln leben.‹ Und sie verzehren Steinäpfel, essen
Steinäpfelmus, trinken Steinäpfelsaft, genießen allerlei
Gerichte aus Steinäpfeln. Ich erinnere mich, Sāriputto, nur
einen Steinapfel als tägliche Nahrung genossen zu haben. Nun
möchtest du wohl, Sāriputto, meinen, es habe damals auch
größere Steinäpfel gegeben. Doch wäre eine solche Meinung,
Sāriputto, unrichtig: auch damals wurden Steinäpfel nur
ebenso groß wie heute. Und indem ich, Sāriputto, nur einen
Steinapfel als tägliche Nahrung zu mir nahm wurde mein Körper
außerordentlich mager.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und
lehren: ›Die Nahrung läutert.‹ Und sie ermahnen: ›Lasst uns
von Bohnen leben‹, ›Lasst uns von Sesam leben‹, ›Lasst uns von
Reis leben.‹ Und sie verzehren Reis, essen Reisbrei, trinken 81
Reiswasser, genießen allerlei Gerichte aus Reis. Ich erinnere
mich, Sāriputto, nur ein Reiskorn als tägliche Nahrung
genossen zu haben. Nun möchtest du wohl, Sāriputto, meinen,
es habe damals auch größeren Reis gegeben. Doch wäre eine
solche Meinung, Sāriputto, unrichtig: auch damals wurde der
Reis nur ebenso groß wie heute. Und indem ich, Sāriputto,
nur ein Reiskorn als tägliche Nahrung zu mir nahm wurde mein
Körper außerordentlich mager.
»Wie dürres, welkes Rohr wurden da meine Arme und Beine durch
diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Kameelhuf wurde
da mein Gesäß durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme,
wie eine Kugelkette wurde da mein Rückgrat mit den hervor-
und zurücktretenden Wirbeln durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme, wie sich die Dachsparren eines alten Hauses
queerkantig abheben, hoben sich da meine Rippen queerkantig
ab durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie in einem
tiefen Brunnen die unten liegenden Wasserspiegel verschwindend
klein erscheinen, so erschienen da in meinen Augenhöhlen die
tiefliegenden Augensterne verschwindend klein durch diese
äußerst geringe Nahrungaufnahme, wie ein Bitterkürbiss, frisch
angeschnitten, in heißer Sonne hohl und schrumpf wird, so wurde
da meine Kopfhaut hohl und schrumpf durch diese äußerst geringe
Nahrungaufnahme. Und indem ich, Sāriputto, die Bauchdecke
befühlen wollte traf ich auf das Rückgrat, und indem ich das
Rückgrat befühlen wollte traf ich wieder auf die Bauchdecke. So
nahe war mir, Sāriputto, die Bauchdecke ans Rückgrat gekommen
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Und ich wollte,
Sāriputto, Koth und Harn entleeren, da fiel ich vornüber hin
durch diese äußerst geringe Nahrungaufnahme. Um nun diesen
Körper da zu stärken, Sāriputto, rieb ich mit der Hand die
Glieder. Und indem ich also, Sāriputto, mit der Hand die
Glieder rieb, fielen die wurzelfaulen Körperhaare aus durch
diese äußerst geringe Nahrungaufnahme.
»Und auch dieser Pfad, diese Zucht, diese harte Askese,
Sāriputto, brachte mich dem überirdischen, reichen Heilthum
der Wissensklarheit nicht näher: und warum nicht? Weil ich
eben jene heilige Weisheit nicht errungen hatte, jene heilige
Weisheit, deren Errungenschaft sich als heilige Weihe erweist,
dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung.
* * * * *
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Der Kreislauf läutert.‹ Doch ist der Kreislauf, Sāriputto, 82
durchaus kein leichter, den ich auf dieser langen Fahrt
nirgends gefunden habe als etwa bei den Reinen Göttern. Und
sollt’ ich auch, Sāriputto, nur unter Reinen Göttern kreisen:
ich mag in diese Welt nicht wiederkehren.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Die Geburt läutert.‹ Doch ist die Geburt, Sāriputto, durchaus
keine leichte, die ich auf dieser langen Fahrt nirgends
gefunden habe als etwa bei den Reinen Göttern. Und sollt’ ich
auch, Sāriputto, nur unter Reinen Göttern geboren werden: ich
mag in diese Welt nicht wiederkehren.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Das Leben läutert.‹ Doch ist das Leben, Sāriputto, durchaus
kein leichtes, das ich auf dieser langen Fahrt nirgends
gefunden habe als etwa bei den Reinen Göttern. Und sollt’ ich
auch, Sāriputto, nur unter Reinen Göttern leben: ich mag in
diese Welt nicht wiederkehren.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Die Spende läutert.‹ Doch ist die Spende, Sāriputto, durchaus
keine leichte, die ich auf dieser langen Fahrt nicht geben
konnte, es sei denn als gesalbter Kriegerkönig oder als
mächtiger Brāhmane.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Das Feueropfer läutert.‹ Doch ist das Feueropfer, Sāriputto,
durchaus kein leichtes, das ich auf dieser langen Fahrt nicht
darbringen konnte, es sei denn als gesalbter Kriegerkönig oder
als mächtiger Brāhmane.
»Manche Asketen und Brāhmanen, Sāriputto, sagen und lehren:
›Solange dieser liebe Mann da frisch und kräftig ist,
glänzend dunkelhaarig, im Genusse der glücklichen Jugend,
im ersten Mannesalter, solange besitzt er auch die höchsten
Geisteskräfte. Ist aber dieser liebe Mann alt und greis
geworden, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, ein Achtziger
oder Neunziger oder Hundertjähriger, dann schwinden ihm jene
Geisteskräfte.‹ Doch ist das, Sāriputto, nicht schlechthin
gültig. Ich bin ja, Sāriputto, jetzt alt geworden und greis
und hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, stehe im achtzigsten
Jahre. Gesetzt aber, Sāriputto, ich hätte da vier Jünger, die
hundert Jahre alt würden, hundert Jahre lebten, höchst innig,
tugendhaft und stark, mit den höchsten Geisteskräften begabt.
Gleichwie etwa, Sāriputto, ein sehniger Bogenschütze, wohl
geschult, geübt und erprobt, einen leichten Pfeil mit geringer
Mühe über den Schatten einer Palme hinausschießen könnte:
ebenso wären diese gar sehr innig, tugendhaft und stark und 83
mit den höchsten Geisteskräften begabt. Und sie stellten mir
Frage auf Frage, von den Vier Pfeilern der Einsicht an, und
ich gäbe ihnen Erklärung auf Erklärung, und sie bewahrten was
ich erklärt hätte als erklärt und fragten mich keine Frage zum
zweiten Mal, nur rastend beim Essen und Trinken, Kauen und
Schlürfen, beim Entleeren von Koth und Harn und während der
Pausen des Schlafes und der Müdigkeit. Unausgeführt bliebe
da wohl, Sāriputto, des Vollendeten Zeugniss der Wahrheit,
unausgeführt bliebe da wohl des Vollendeten Zeichnung des
Wahrheitpfades, unausgeführt bliebe da wohl des Vollendeten
Klärung der Fragen: denn jene vier Jünger, die hundert Jahre
alt geworden wären, hundert Jahre gelebt hätten, stürben mir
dann weg. Und wenn ihr mich auf dem Bette herbeitragen werdet,
Sāriputto: die Geisteskraft des Vollendeten wird unverändert
sein.
»Wer nun, Sāriputto, mit Recht von einem Manne sagen kann: ›Ein
wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen zum Wohle,
vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen, Wohle und
Heile für Götter und Menschen‹, der kann eben von mir mit Recht
sagen: ›Ein wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen
zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen,
Wohle und Heile für Götter und Menschen.‹«
Während dieser Zeit nun hatte der ehrwürdige Nāgasamālo hinter
dem Erhabenen gestanden und dem Erhabenen Kühlung gefächelt.
Da wandte sich der ehrwürdige Nāgasamālo an den Erhabenen und
sprach:
»Wunderbar ist es, o Herr, außerordentlich: denn während ich
da, o Herr, dieser Darlegung lauschte, haben sich mir die Haare
gesträubt. Wie soll, o Herr, diese Rede heißen?«
»Wohlan denn, Nāgasamālo, so bewahre sie unter dem Namen der
Rede des Haarsträubens.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Nāgasamālo über das Wort des Erhabenen.
13.
Zweiter Theil Dritte Rede
DIE LEIDENSVERKETTUNG
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Da nun
begaben sich viele Mönche, zeitig gerüstet, mit Mantel und 84
Schaale versehn, auf den Weg zur Stadt, um Almosenspeise.
Aber jene Mönche überlegten alsbald: ›Zu früh ist’s noch, in
die Stadt um Almosenspeise zu gehn; wie, wenn wir jetzt den
Garten der andersfährtigen Pilger aufsuchten?‹ Und jene Mönche
begaben sich zum Garten der andersfährtigen Pilger, wechselten
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihnen
und setzten sich seitwärts hin. Hierauf wandten sich die
andersfährtigen Pilger an die Mönche und sprachen:
»Der Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Begehren von Grund
aus, auch wir untersuchen das Begehren von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Körperliche von Grund
aus, auch wir untersuchen das Körperliche von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Gefühl von Grund aus,
auch wir untersuchen das Gefühl von Grund aus: was für eine
Beschränkung, ihr Brüder, was für Eigenart und Verschiedenheit
besteht da wohl zwischen dem Asketen Gotamo und uns, sei es nun
in Beziehung auf Vortrag oder Gebot?«
Doch die Mönche wurden durch diese Worte der andersfährtigen
Pilger weder befriedigt noch verstimmt; ohne Befriedigung, ohne
Verstimmung erhoben sie sich und gingen fort:
»Beim Erhabenen werden wir den Sinn dieser Worte verstehn.«
Und sie wanderten nach Sāvatthī, traten von Haus zu Haus um
Almosenspeise, kehrten zurück, nahmen ihr Mahl ein und begaben
sich alsdann zum Erhabenen. Dort angelangt begrüßten sie den
Erhabenen ehrerbietig und setzten sich seitwärts hin. Seitwärts
sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also:
»Wir waren da heute früh, o Herr, mit Mantel und Schaale
versehn, nach Sāvatthī aufgebrochen, um Almosenspeise. Da kam
uns, o Herr, der Gedanke: ›Es ist noch zu zeitig, in die Stadt
um Almosenspeise zu gehn; lasst uns einstweilen den Garten
der andersfährtigen Pilger aufsuchen.‹ Und wir begaben uns,
o Herr, in den Garten der andersfährtigen Pilger, wechselten
höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihnen
und setzten uns seitwärts hin. Hierauf wandten sich die
andersfährtigen Pilger, o Herr, mit folgender Rede an uns:
›Der Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Begehren von Grund
aus, auch wir untersuchen das Begehren von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Körperliche von Grund 85
aus, auch wir untersuchen das Körperliche von Grund aus; der
Asket Gotamo, Brüder, untersucht das Gefühl von Grund aus,
auch wir untersuchen das Gefühl von Grund aus: was für eine
Beschränkung, ihr Brüder, was für Eigenart und Verschiedenheit
besteht da wohl zwischen dem Asketen Gotamo und uns, sei es
nun in Beziehung auf Vortrag oder Gebot?‹ Diese Worte der
andersfährtigen Pilger, o Herr, befriedigten uns nicht und
verstimmten uns nicht; ohne Befriedigung, ohne Verstimmung
erhoben wir uns und gingen fort: ›Beim Erhabenen werden wir den
Sinn dieser Worte verstehn.‹«
»Auf diese Worte, ihr Mönche, wäre den andersfährtigen Pilgern
zu erwidern gewesen: ›Was ist also, Brüder, Labsal des
Begehrens, Elend des Begehrens, Ueberwindung des Begehrens?
Was ist Labsal des Körperlichen, Elend des Körperlichen,
Ueberwindung des Körperlichen? Was ist Labsal des Gefühls,
Elend des Gefühls, Ueberwindung des Gefühls?‹ Also gefragt, ihr
Mönche, würden die andersfährtigen Pilger genügende Antwort
nicht gefunden haben, sogar recht in Verlegenheit gerathen
sein: und warum? Weil das, ihr Mönche, fremdes Gebiet für
sie ist. Keinen seh’ ich, ihr Mönche, in der Welt mit ihren
Göttern, ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar
von Büßern und Priestern, Göttern und Menschen, der durch
eine Erklärung dieser Fragen das Herz gewinnen könnte, den
Vollendeten ausgenommen, oder einen Jünger des Vollendeten, und
die es von da gehört haben.
»Was ist nun, ihr Mönche, Labsal des Begehrens? Fünf
Begehrungen giebt es, ihr Mönche, und welche fünf? Die
durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die
ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör
ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden
Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem
Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack
ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten,
entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden,
reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden
Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen,
dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, ihr Mönche,
die fünf Begehrungen. Was da Wohl und Erwünschtes diesen fünf
Begehrungen gemäß geht ist Labsal des Begehrens.
»Was ist nun, ihr Mönche, Elend des Begehrens? Da erwirbt sich,
ihr Mönche, ein Sohn des Hauses seinen Unterhalt durch ein
Amt, sei es als Schreiber oder als Rechner oder Verwalter, als
Landwirt oder als Kaufmann oder als Heerdenzüchter, als Soldat
oder Minister des Königs, oder durch irgend einen anderen
Dienst, ist der Hitze ausgesetzt, ist der Kälte ausgesetzt,
muss Sonne und Wind Trotz bieten, sich mit Mücken, Wespen
und Kriechthieren herumschlagen, wird von Hunger und Durst
aufgerieben. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist
die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.
»Wenn diesem Sohne des Hauses, ihr Mönche, der sich also 86
abmüht, plagt und quält, kein Reichthum erblüht, so wird er
bekümmert und schwermüthig, klagt, schlägt sich stöhnend die
Brust, geräth in Verzweiflung: ›Vergeblich, ach, ist mein
Streben, meine Mühe hat keinen Zweck!‹ Das aber, Mönche, ist
Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch
Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren
erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.
»Wenn diesem Sohne des Hauses, ihr Mönche, der sich also
abmüht, plagt und quält, Reichthum erblüht, so nagt ihn
sorgende Pein um die Erhaltung dieses Reichthums: ›Dass
mir meine Güter nur nicht von Königen eingezogen, oder von
Räubern geplündert, oder vom Feuer verzehrt, oder vom Wasser
weggespült, oder von feindlichen Verwandten entrissen werden!‹
Und indem er seine Güter wahrt und schützt werden sie ihm von
Königen eingezogen, oder von Räubern geplündert, oder vom Feuer
verzehrt, oder vom Wasser weggespült, oder von feindlichen
Verwandten entrissen. Da wird er bekümmert und schwermüthig,
klagt, schlägt sich stöhnend die Brust, geräth in Verzweiflung:
›Meinen Besitz, den haben wir nicht mehr!‹ Das aber, Mönche,
ist Elend des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung,
durch Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch
Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren streiten Könige mit Königen, Fürsten mit Fürsten,
Priester mit Priestern, Bürger mit Bürgern, streitet die
Mutter mit dem Sohne, der Sohn mit der Mutter, der Vater mit
dem Sohne, der Sohn mit dem Vater, streitet Bruder mit Bruder,
Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund.
Also in Zwist, Zank und Streit gerathen gehn sie mit Fäusten
aufeinander los, mit Steinen, Stöcken und Schwerdtern. Und
so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das
aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist die offenbare
Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch Begehren
gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren schlechthin
bedingt.
»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den
Händen, gegürtet mit Köcher und Bogen, von beiden Seiten der
Schlachtordnung in den Kampf, und die Pfeile schwirren und die
Speere sausen und die Schwerdter blitzen. Und sie durchbohren
sich mit Pfeilen, durchbohren sich mit Speeren, spalten sich
mit den Schwerdtern die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode
entgegen oder tödtlichem Schmerze. Das aber, Mönche, ist Elend
des Begehrens, ist die offenbare Leidensverkettung, durch
Begehren entstanden, durch Begehren gefügt, durch Begehren
erhalten, durch Begehren schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren stürzen sie sich, Schild und Schwerdt in den Händen,
gegürtet mit Köcher und Bogen, auf die schlüpfrig getünchten
Wälle, und die Pfeile schwirren und die Speere sausen und die 87
Schwerdter blitzen. Und sie durchbohren sich mit Pfeilen,
durchbohren sich mit Speeren, schütten glühenden Sand herunter,
schleudern zerschmetternde Blöcke herab, spalten sich mit den
Schwerdtern die Köpfe. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder
tödtlichem Schmerze. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens,
ist die offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus
eitel Begehren brechen sie Verträge, rauben fremdes Gut,
stehlen, betrügen, verführen Ehefrauen. Da lassen die
Könige einen solchen ergreifen und verhängen mancherlei
Strafen, als wie Peitschen-, Stock- oder Ruthenhiebe;
Handverstümmlung, Fußverstümmlung oder Verstümmlung der
Hände und Füße; Ohrenverstümmlung, Nasenverstümmlung,
Verstümmlung der Ohren und der Nase; den Breikessel, die
Muschelrasur, das Drachenmaul; den Pechkranz, die Fackelhand;
das Spießruthenlaufen, das Rindenliegen, den Marterbock;
das Angelfleisch, den Münzengriff, die Laugenätze; den
Schraubstock, das Bastgeflecht; die siedende Oelbeträufelung,
das Zerreißen durch Hunde, die lebendige Pfählung, die
Enthauptung. Und so eilen sie dem Tode entgegen oder tödtlichem
Schmerze. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist die
offenbare Leidensverkettung, durch Begehren entstanden, durch
Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.
»Weiter sodann, ihr Mönche: von Begehren getrieben, von
Begehren gereizt, von Begehren bewogen, eben nur aus eitel
Begehren wandeln sie in Thaten den Weg des Unrechts, wandeln
sie in Worten den Weg des Unrechts, wandeln sie in Gedanken
den Weg des Unrechts. Und in Thaten auf dem Wege des Unrechts,
in Worten auf dem Wege des Unrechts, in Gedanken auf dem Wege
des Unrechts gelangen sie bei der Auflösung des Körpers,
nach dem Tode, abwärts, auf schlechte Fährte, in Verderben
und Unheil. Das aber, Mönche, ist Elend des Begehrens, ist
die verborgene Leidensverkettung, durch Begehren entstanden,
durch Begehren gefügt, durch Begehren erhalten, durch Begehren
schlechthin bedingt.
»Und was, ihr Mönche, ist des Begehrens Ueberwindung? Was
beim Begehren, ihr Mönche, Verneinung des Willensreizes ist,
Verleugnung des Willensreizes, ist des Begehrens Ueberwindung.