»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den

Erscheinungen über das Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten.

Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen

über das Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten? Da versteht,

ihr Mönche, der Mönch der Wahrheit gemäß ›Das ist das Leiden‹,

versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist die Leidensentwicklung‹,

versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist die Leidensauflösung‹,

versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist der zur Leidensauflösung

führende Pfad‹.

»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die

Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen

über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei

den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie

die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen

vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn.

›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun

gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung

taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der

Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch

bei den Erscheinungen über das Erscheinen der vier heiligen

Wahrheiten.

* * * * *

»Wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht

sieben Jahre also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur

Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest

Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um die sieben

Jahre: wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der 63

Einsicht sechs Jahre, fünf Jahre, vier Jahre, drei Jahre, zwei

Jahre, ein Jahr also behaupten kann, dem mag eins von beiden

zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein

Rest Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um das

eine Jahr: wer da, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht

sieben Monate also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur

Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest

Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um die sieben

Monate: wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der

Einsicht sechs Monate, fünf Monate, vier Monate, drei Monate,

zwei Monate, einen Monat, einen halben Monat also behaupten

kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit

bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr.

Sei es, ihr Mönche, um den halben Monat: wer auch immer, ihr

Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht sieben Tage also

behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen:

Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da,

Nichtwiederkehr.

* * * * *

»‚Der gerade Weg, ihr Mönche, der zur Läuterung der Wesen,

zur Ueberwältigung des Schmerzes und Jammers, zur Zerstörung

des Leidens und der Trübsal, zur Gewinnung des Rechten, zur

Verwirklichung der Erlöschung führt, das sind die vier Pfeiler

der Einsicht‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

ZWEITER THEIL

BUCH DES LÖWENRUFS

11.

Zweiter Theil Erste Rede

DER LÖWENRUF

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort

nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«

-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen

aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»‚Hier endlich, Mönche, findet man den Asketen, findet man den

zweiten Asketen, den dritten Asketen und den vierten Asketen,

ohne Verlangen nach Zank und Streit mit anderen Asketen‘: 64

diesen ächtesten Löwenruf, Mönche, lasset erschallen. Aber es

könnte wohl sein, ihr Mönche, dass da andersfährtige Pilger

also sprächen: ›Mit welchem Fug und Recht, ihr Ehrwürdigen,

sprechet ihr also: ‚Hier endlich findet man den Asketen,

findet man den zweiten Asketen, den dritten Asketen und den

vierten Asketen, ohne Verlangen nach Zank und Streit mit

anderen Asketen‘?‹ Auf solche Rede andersfährtiger Pilger,

ihr Mönche, wäre dies die Antwort: ›Es hat uns, Brüder, der

Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen

Erwachte vier Dinge erklärt, die wir nun innig verstehn, und

darum sprechen wir also. Welche vier Dinge? Wir lieben, o

Brüder, den Meister, wir lieben die Lehre, wir erfüllen die

Regel des Ordens, und Rechtschaffene sind uns werth und genehm,

sowohl weltliche als geistliche. Das, ihr Brüder, sind die

vier Dinge, die uns der Erhabene, der Kenner, der Seher, der

Heilige, vollkommen Erwachte erklärt hat und die wir nun innig

verstehn, und darum sprechen wir also: ‚Hier endlich findet

man den Asketen, findet man den zweiten Asketen, den dritten

Asketen und den vierten Asketen, ohne Verlangen nach Zank und

Streit mit anderen Asketen‘.‹ Aber es könnte wohl sein, ihr

Mönche, dass da andersfährtige Pilger also sprächen: ›Auch

wir, o Brüder, lieben den Meister, und der ist unser Meister,

auch wir lieben die Lehre, und das ist unsere Lehre, auch wir

erfüllen die Regel des Ordens, und das ist unsere Regel, auch

uns sind Rechtschaffene werth und genehm, sowohl weltliche

als geistliche; was für eine Beschränkung, ihr Brüder, was

für Eigenart und Verschiedenheit besteht da wohl zwischen

euch und uns?‹ Auf solche Rede andersfährtiger Pilger, ihr

Mönche, wäre dies zu erwidern: ›Was meint ihr, Brüder: ist

die Vollkommenheit einzeln oder ist sie allgemein?‹ Und die

rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre:

›Einzeln, ihr Brüder, ist die Vollkommenheit, nicht ist die

Vollkommenheit allgemein.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder:

hat die der Gierige oder der Gierlose?‹ Und die rechte Antwort

andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der Gierlose,

Brüder, nicht der Gierige.‹ ›Und diese Vollkommenheit,

Brüder: hat die der Hassende oder der Hasslose?‹ Und die

rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre:

›Der Hasslose, Brüder, nicht der Hassende.‹ ›Und diese

Vollkommenheit, Brüder: hat die der Irrende oder der Irrlose?‹

Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche,

wäre: ›Der Irrlose, Brüder, nicht der Irrende.‹ ›Und diese

Vollkommenheit, Brüder: hat die der noch Durstige oder der

nicht mehr Durstige?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger

Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der nicht mehr Durstige, Brüder, 65

nicht der Durstige.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat

die der noch Anhangende oder der nicht mehr Anhangende?‹ Und

die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre:

›Der nicht mehr Anhangende, Brüder, nicht der noch Anhangende.‹

›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der Wissende oder

der Unwissende?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger,

ihr Mönche, wäre: ›Der Wissende, Brüder, nicht der Unwissende.‹

›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die ein bald Verzückter

bald Verstimmter oder ein weder Verzückter noch Verstimmter?‹

Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche,

wäre: ›Der weder Verzückte noch Verstimmte, Brüder, kein bald

Verzückter bald Verstimmter.‹ ›Und ist einer vollkommen,

Brüder, dem Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt, oder

ist es der, dem keine Sonderheit behagt, keine Sonderheit

gefällt?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr

Mönche, wäre: ›Dem keine Sonderheit behagt; ihr Brüder, keine

Sonderheit gefällt, der ist vollkommen, und nicht ist es der,

dem Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt.‹

»Zweierlei Ansichten sind das, ihr Mönche: die Ansicht vom

Dasein und die Ansicht vom Nichtsein. Alle die Asketen oder

Priester, ihr Mönche, die der Ansicht vom Dasein zugethan

sind, der Ansicht vom Dasein huldigen, der Ansicht vom

Dasein anhängen, die werden durch die Ansicht des Nichtseins

verstimmt. Alle die Asketen oder Priester, ihr Mönche, die der

Ansicht vom Nichtsein zugethan sind, der Ansicht vom Nichtsein

huldigen, der Ansicht vom Nichtsein anhängen, die werden durch

die Ansicht des Daseins verstimmt. Alle die Asketen oder

Priester, ihr Mönche, die dieser zwei Ansichten Anfang und

Ende, Lust und Leid und Ueberwindung nicht der Wahrheit gemäß

verstanden haben, die gierigen, hassenden, irrenden, noch

durstigen, noch anhangenden, unwissenden, bald verzückten bald

verstimmten, denen Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt:

die werden nicht erlöst von Geburt, Altern und Sterben, von

Sorge, Kummer und Schmerz, Gram und Verzweiflung, werden

nicht erlöst, sag’ ich, vom Leiden. Aber alle die Asketen

oder Priester, ihr Mönche, die dieser zwei Ansichten Anfang

und Ende, Lust und Leid und Ueberwindung der Wahrheit gemäß

verstanden haben, die gierlosen, hasslosen, irrlosen, die

nicht mehr durstigen, nicht mehr anhangenden, wissenden, weder

verzückten noch verstimmten, denen keine Sonderheit behagt,

keine Sonderheit gefällt: die werden erlöst von Geburt,

Altern und Sterben, von Sorge, Kummer und Schmerz, Gram und

Verzweiflung, werden erlöst, sag’ ich, vom Leiden.

»Vier Arten des Anhangens sind das, ihr Mönche: der Hang zur 66

Lust, der Hang zur Ansicht, der Hang zu Tugendwerk, der Hang

zur Selbstbehauptung. Es giebt manche Asketen und Priester,

ihr Mönche, die sich fähig erklären, alles Anhangen von Grund

aus darzulegen; doch eine solche Darlegung liefern sie nicht:

sie untersuchen den Hang zur Lust, aber nicht den Hang zur

Ansicht, aber nicht den Hang zu Tugendwerk, aber nicht den Hang

zur Selbstbehauptung, und warum nicht? Jene lieben Asketen und

Priester haben eben diese drei Fälle nicht gebührend bedacht

und können daher, wenn sie auch meinen, alles Anhangen von

Grund aus zu verstehn, eine solche Untersuchung nicht führen.

Es giebt manche Asketen und Priester, ihr Mönche, die sich

fähig erklären, alles Anhangen von Grund aus darzulegen; doch

eine solche Darlegung liefern sie nicht: sie untersuchen den

Hang zur Lust, untersuchen den Hang zur Ansicht, aber nicht den

Hang zu Tugendwerk, aber nicht den Hang zur Selbstbehauptung,

und warum nicht? Jene lieben Asketen und Priester haben eben

diese zwei Fälle nicht gebührend bedacht und können daher, wenn

sie auch meinen, alles Anhangen von Grund aus zu verstehn, eine

solche Untersuchung nicht führen. Es giebt manche Asketen und

Priester, ihr Mönche, die sich fähig erklären, alles Anhangen

von Grund aus darzulegen; doch eine solche Darlegung liefern

sie nicht: sie untersuchen den Hang zur Lust, untersuchen den

Hang zur Ansicht, untersuchen den Hang zu Tugendwerk, aber

nicht den Hang zur Selbstbehauptung, und warum nicht? Jene

lieben Asketen und Priester haben eben diesen einen Fall nicht

gebührend bedacht und können daher, wenn sie auch meinen, alles

Anhangen von Grund aus zu verstehn, eine solche Untersuchung

nicht führen.

»In einer solchen Heilsordnung, ihr Mönche, kann die Liebe

zum Meister nicht vollkommen sein, kann die Liebe zur

Lehre nicht vollkommen sein, kann die Erfüllung der Regel

nicht vollkommen sein, kann die Werth- und Genehmhaltung

Rechtschaffener nicht vollkommen sein, und warum nicht? Die

Sache, ihr Mönche, verhält sich eben so, wie’s zu erwarten 67

ist bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer

schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein

vollkommen Erwachter kundgethan hat.

»Doch der Vollendete, Mönche, der Heilige, vollkommen Erwachte

erklärt sich fähig, alles Anhangen von Grund aus darzulegen,

und er giebt eine solche Darlegung: er untersucht den Hang zur

Lust, er untersucht den Hang zur Ansicht, er untersucht den

Hang zu Tugendwerk, er untersucht den Hang zur Selbstbehauptung.

»In einer solchen Heilsordnung, ihr Mönche, kann die Liebe zum

Meister vollkommen sein, kann die Liebe zur Lehre vollkommen

sein, kann die Erfüllung der Regel vollkommen sein, kann die

Werth- und Genehmhaltung Rechtschaffener vollkommen sein, und

warum das? Die Sache, ihr Mönche, verhält sich eben so, wie’s

zu erwarten ist bei einer wohlverkündeten Heilsordnung, bei

einer wohldargelegten, anziehenden, Ruhe schaffenden, die ein

vollkommen Erwachter kundgethan hat.

»Aber dieses vierfache Anhangen, ihr Mönche, wo wurzelt das,

woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es?

Dieses vierfache Anhangen wurzelt im Durst, entspringt aus dem

Durst, entsteht aus dem Durst, erwächst aus dem Durst. Und

dieser Durst, ihr Mönche, wo wurzelt der, woraus entspringt er,

woraus entsteht er, woraus erwächst er? Der Durst wurzelt im

Gefühl, entspringt aus dem Gefühl, entsteht aus dem Gefühl,

erwächst aus dem Gefühl. Und dieses Gefühl, ihr Mönche, wo

wurzelt das, woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus

erwächst es? Das Gefühl wurzelt in der Berührung, entspringt

aus der Berührung, entsteht aus der Berührung, erwächst aus der

Berührung. Und diese Berührung, ihr Mönche, wo wurzelt die,

woraus entspringt sie, woraus entsteht sie, woraus erwächst

sie? Die Berührung wurzelt im sechsfachen Reich, entspringt

aus dem sechsfachen Reich, entsteht aus dem sechsfachen Reich,

erwächst aus dem sechsfachen Reich. Und dieses sechsfache

Reich, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus entspringt es,

woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das sechsfache Reich

wurzelt im Bild und Begriff, entspringt aus Bild und Begriff,

entsteht aus Bild und Begriff, erwächst aus Bild und Begriff.

Und dieses Bild und Begriff, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus

entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Bild und

Begriff wurzelt im Bewusstsein, entspringt aus dem Bewusstsein,

entsteht aus dem Bewusstsein, erwächst aus dem Bewusstsein.

Und dieses Bewusstsein, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus

entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das

Bewusstsein wurzelt in den Unterscheidungen, entspringt aus den

Unterscheidungen, entsteht aus den Unterscheidungen, erwächst

aus den Unterscheidungen. Und diese Unterscheidungen, ihr

Mönche, wo wurzeln die, woraus entspringen sie, woraus entstehn

sie, woraus erwachsen sie? Die Unterscheidungen wurzeln im

Nichtwissen, entspringen aus dem Nichtwissen, entstehn aus dem

Nichtwissen, erwachsen aus dem Nichtwissen.

»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch das Nichtwissen verleugnet

und das Wissen erworben: nichtwissensentfremdet und

wissensvertraut haftet er nicht mehr am Hang zur Lust, nicht

am Hang zur Ansicht, nicht am Hang zu Tugendwerk, nicht am

Hang zur Selbstbehauptung. Ohne anzuhangen wird er nicht

erschüttert. Unerschütterlich gelangt er eben bei sich selbst

zur Erlöschung; ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das

Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹

versteht er da.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche 68

über das Wort des Erhabenen.

12.

Zweiter Theil Zweite Rede

DAS HAARSTRÄUBEN

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Vesālī, außerhalb der Stadt, in der Umgebung, am Saume des

Waldes. Eben damals nun war Sunakkhatto, ein Licchavier-Prinz,

erst vor kurzem aus dieser Heilsordnung ausgetreten. Der

ließ sich überall in Vesālī also vernehmen: »Der Asket

Gotamo besitzt nicht das überirdische reiche Heilthum der

Wissensklarheit: eine grüblerisch vernagelte Lehre trägt der

Asket Gotamo vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht hat;

und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach

der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung

ausreicht.«

Da nun begab sich der ehrwürdige Sāriputto, zeitig gerüstet,

mit Mantel und Schaale versehn, auf den Almosengang nach

Vesālī. Und es hörte der ehrwürdige Sāriputto, wie der

Licchavier-Prinz Sunakkhatto in ganz Vesālī erzählte: »Der

Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische reiche Heilthum

der Wissensklarheit: eine grüblerisch vernagelte Lehre trägt

der Asket Gotamo vor, die er selbst ersonnen und ausgedacht

hat; und der Zweck, warum er seine Lehre darlegt, ist einfach

der, dass sie dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung

ausreicht.«

Nachdem nun der ehrwürdige Sāriputto in Vesālī von Haus zu Haus

getreten war, kehrte er zurück, verzehrte sein Almosenmahl

und ging hierauf zu der Stätte, wo der Erhabene weilte. Dort

angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich

zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige

Sāriputto zum Erhabenen also:

»Der Licchavier-Prinz Sunakkhatto, o Herr, der vor kurzem aus

dieser Heilsordnung ausgetreten ist, der führt in ganz Vesālī

solche Rede: ‚Der Asket Gotamo besitzt nicht das überirdische

reiche Heilthum der Wissensklarheit: eine grüblerisch

vernagelte Lehre trägt der Asket Gotamo vor, die er selbst

ersonnen und ausgedacht hat; und der Zweck, warum er seine

Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur

gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.‘«

»Zornig, Sāriputto, ist Sunakkhatto, der eitle Mann: und nur

im Zorn hat er diese Worte gesprochen. ›Tadeln will ich‹

meint, Sāriputto, jener Sunakkhatto, der eitle Mann, und lobt

gerade damit den Vollendeten. Ein Lob ja ist es, Sāriputto, 69

des Vollendeten, wenn einer sagt: ›Und der Zweck, warum er

seine Lehre darlegt, ist einfach der, dass sie dem Grübler zur

gänzlichen Leidensversiegung ausreicht.‹

»Aber freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen

Mann, jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn, derart

zwar: ›Das ist der Erhabene, Heilige, vollkommen Erwachte,

der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt

Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der

Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹

Und freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen

Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn,

derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der auf manigfaltige

Weise Machtentfaltung an sich erfahren mag: als nur einer

etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer

zu sein; oder sichtbar und unsichtbar zu werden; auch durch

Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie durch die Luft;

oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie im Wasser; auch

auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken wie auf der Erde;

oder auch durch die Luft sitzend dahinzufahren wie der Vogel

mit seinen Fittichen; auch etwa diesen Mond und diese Sonne,

die so mächtigen, so gewaltigen, mit der Hand zu befühlen und

zu berühren; etwa gar bis zu den Brahmawelten den Körper in

seiner Gewalt zu haben.‹ Und freilich wird da, Sāriputto,

Sunakkhatto, dem eitlen Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit

bei mir nicht aufgehn, derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der

mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche

Gränzen hinausreichenden, beide Arten der Töne hört, die

himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen.‹

Und freilich wird da, Sāriputto, Sunakkhatto, dem eitlen

Mann, auch jene Ahnung der Wahrheit bei mir nicht aufgehn,

derart zwar: ›Das ist der Erhabene, der der anderen Wesen, der

anderen Personen Herz und Gemüth durchschaut und erkennt: das

begehrliche Herz erkennt er als begehrlich und das begehrlose

Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das

hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das

irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und

das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als

hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt,

das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das

beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos,

das erlöste Herz erkennt er als erlöst und das gefesselte Herz

als gefesselt.‹

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band · 第 9 / 43 段