dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.
»Erbarmenden Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.
»Freudevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit freudevollem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.
»Unbewegten Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der
vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich
wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit unbewegtem
Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und
Groll geklärtem.
»‚So ist es‘, versteht er, ‚Gemeines ist da und Edles ist
da, und es giebt eine Freiheit, höher als diese sinnliche
Wahrnehmung‘. Und in solchem Schauen, in solchem Anblicke wird
sein Herz erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
versteht er da. Den nennt man, ihr Mönche, einen Mönch, gebadet 39
im inneren Bade.«
Zu jener Zeit aber hatte der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo in
der Nähe des Erhabenen Platz genommen. Da wandte sich nun der
Brāhmane Sundariko Bhāradvājo an den Erhabenen und sprach:
»Geht wohl Herr Gotamo in die Bāhukā baden?«
»Was ist’s mit der Bāhukā, Brāhmane, was soll die Bāhukā?«
»Läuterung glaubt man, o Gotamo, wirke die Bāhukā, Heiligung
glaubt man, o Gotamo, wirke die Bāhukā, in den Wellen der
Bāhukā wasche man seine Schuld ab.«
Da wandte sich nun der Erhabene an den Brāhmanen Sundariko
Bhāradvājo und sagte in Sprüchen:
»Die Bāhukā, die Adhikā,
Die Gayā, selbst die Sundarī,
Sarasvatī, Payāgos Strom
Und Bāhumatīs rasche Fluth
Spült nimmer weg gewirkte Schuld,
Und wüsch’ auch einer ewig sich.
»Was frommte da wohl die Sundarī,
Des Payāgos Woge, die Bāhukā?
Den argen, verruchten Frevelmann
Wäscht die Welle nicht rein von der Sündenthat.
»Dem Reinen lächelt steter Mai,
Dem Reinen steter Feiertag,
Dem Reinen, der nur Reines wirkt,
Ist allezeit der Wunsch gewährt.
»So bade nur hier dich, Geistlicher:
Alles Lebendige lass’ dir behütet sein.
»Hast abgesagt dem Lügenwort,
Verletzest keine Wesenheit
Und nimmst nichts Ungeschenktes du,
Der Selbstverleugnung standhaft treu,
Was willst du dann zur Gayā gehn?
Nur Wasser gilt die Gayā dir.«
Nach diesen Worten sprach der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo zum
Erhabenen also:
»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie
etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder
Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht
in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre von vielen Seiten
beleuchtet. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der
Lehre und bei der Jüngerschaft: möge mir Herr Gotamo Aufnahme
gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«
Es wurde der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo vom Erhabenen
aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.
Nicht lange aber war der ehrwürdige Bhāradvājo in den Orden 40
aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich,
in heißem, innigem Ernste gar bald was edle Söhne gänzlich
vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel
des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht,
verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Bhāradvājo
der Heiligen geworden.
8.
Erster Theil Achte Rede
LEDIGUNG
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Als nun der ehrwürdige Mahācundo gegen Abend die Gedenkensruhe
beendet hatte, begab er sich zum Erhabenen, begrüßte den
Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur
Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Mahācundo zum Erhabenen
also:
»Von den vielen verschiedenen Lehren, o Herr, die da in der
Welt auftauchen und sich bald mit der Betrachtung des Selbst,
bald mit der Betrachtung der Welt befassen, braucht ein Mönch
wohl nur den Anfang, o Herr, zu kennen, um sie zu verwerfen,
um sie zu verleugnen?«
»Von den vielen verschiedenen Lehren, Cundo, die da in der
Welt auftauchen und sich bald mit der Betrachtung des Selbst,
bald mit der Betrachtung der Welt befassen, gilt überall wo
sie auftauchen, aufsteigen, auftreten das wahrheitgemäße,
vollkommen weise Urtheil: ›Das gehört mir nicht, das bin ich
nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so werden sie verworfen, so
werden sie verleugnet.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch, gar fern von
Begierden, fern von unheilsamen Dingen, die sinnend gedenkende
ruhegeborene sälige Heiterkeit, die Weihe der ersten Schauung
erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das
wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach Vollendung 41
des Sinnens und Gedenkens die innere Meeresstille, die Einheit
des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der
Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten
Schauung erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch
das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch in heiterer
Ruhe verweile, gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, und
ein Glück im Körper empfinde, von dem die Heiligen sagen:
›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so habe er die
Weihe der dritten Schauung erwirkt und denke nun: ›Ledigung
wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht
Ledigung genannt, sichtbares Wohl wird das im Orden des
Heiligen genannt.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach Verwerfung
der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen
Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen,
gleichmüthig einsichtigen vollkommen reinen vierten Schauung
erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das
wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der
Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen in dem
Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten
Raumes gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch
das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt,
sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der unbegränzten Raumsphäre in dem Gedanken
›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten
Bewusstseins gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹
Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung
genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre in dem Gedanken
›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins gewonnen habe und
nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden
des Heiligen nicht Ledigung genannt, sälige Ruhe wird das im
Orden des Heiligen genannt.
»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger
Ueberwindung der Nichtdaseinsphäre die Gränzscheide möglicher
Wahrnehmung gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ 42
Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung
genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.
»Aber hier, Cundo, sollt ihr Ledigung üben: ›Die anderen werden
in Wuth gerathen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die
anderen werden das Leben rauben, wir nicht‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden Nichtgegebenes nehmen, wir nicht‹,
so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden unkeusch leben,
wir keusch‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
lügen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
heimliche Rede führen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben.
›Die anderen werden rohe Rede gebrauchen, wir nicht‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden Geschwätze pflegen,
wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
selbstsüchtig sein, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die
anderen werden gehässig sein, wir nicht‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden falsche Erkenntniss pflegen, wir
rechte Erkenntnis‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden falsche Gesinnung pflegen, wir rechte Gesinnung‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Rede pflegen,
wir rechte Rede‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
falschen Handel pflegen, wir rechten Handel‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden falschen Wandel pflegen, wir
rechten Wandel‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
falsches Mühn pflegen, wir rechtes Mühn‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden falsche Einsicht pflegen, wir
rechte Einsicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
falsche Vertiefung pflegen, wir rechte Vertiefung‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsches Wissen pflegen,
wir rechtes Wissen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden falsche Erlösung pflegen, wir rechte Erlösung‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich von matter Müde
beschleichen lassen, wir aber werden matte Müde verscheuchen‹,
so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich brüsten,
wir aber werden dehmüthig bleiben‹, so ist Ledigung zu üben.
›Die anderen werden hin und her schwanken, wir aber werden
unserer Sache gewiss sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die
anderen werden zürnen, wir aber werden nicht zürnen‹, so ist
Ledigung zu üben. ›Die anderen werden zwieträchtig sein, wir
aber werden einträchtig sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die 43
anderen werden häucheln, wir aber werden nicht häucheln‹, so
ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden neiden, wir aber
werden nicht neiden‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden eifern, wir aber werden nicht eifern‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden eigennützig sein, wir aber werden
nicht eigennützig sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden listig sein, wir aber werden nicht listig sein‹, so
ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden gleißnerisch sein,
wir aber werden nicht gleißnerisch sein‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden störrisch sein, wir aber werden nicht
störrisch sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
eitel sein, wir aber werden nicht eitel sein‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden ungestüm sein, wir aber werden
sanft bleiben‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
Freunde des Schlechten sein, wir aber werden Freunde des Guten
sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich gehn
lassen, wir aber werden unermüdlich sein‹, so ist Ledigung zu
üben. ›Die anderen werden Misstrauen hegen, wir aber werden
Vertrauen hegen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden
unverschämt sein, wir aber werden uns schämen‹, so ist Ledigung
zu üben. ›Die anderen werden gewissenlos sein, wir aber werden
gewissenhaft sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden unerfahren sein, wir aber werden vielerfahren sein‹,
so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden nachgeben, wir
aber werden ausharren‹, so ist Ledigung zu üben. ›Den anderen
wird sich die Einsicht trüben, uns aber wird die Einsicht klar
bleiben‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden thöricht
sein, wir aber weise‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen
werden nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, mit beiden
Händen zugreifen, sich schwer abweisen lassen, wir aber werden
nicht nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, nicht mit
beiden Händen zugreifen, uns leicht abweisen lassen‹, so ist
Ledigung zu üben.
»Die Herzensentschließung zum Guten nenn’ ich ja, Cundo,
wichtig: was soll da erst von Geboten des Thuns und Redens
gesagt werden! Darum also, Cundo: ›Die anderen werden in Wuth
gerathen, wir aber wollen nicht in Wuth gerathen‹: dieser
Herzensentschluss ist zu erzeugen. ›Die anderen werden übel
fahren, wir aber wollen wohl fahren‹: dieser Herzensentschluss
ist zu erzeugen. ›Die anderen werden nur für das vor Augen
Liegende Sinn haben, mit beiden Händen zugreifen, sich schwer
abweisen lassen, wir aber wollen nicht nur für das vor Augen
Liegende Sinn haben, nicht mit beiden Händen zugreifen, uns
leicht abweisen lassen‹: dieser Herzensentschluss ist zu
erzeugen.
»Gleichwie etwa, Cundo, wenn da ein ungangbarer Weg wäre und
ein gangbarer Weg führte um ihn herum; oder gleichwie etwa,
Cundo, wenn da eine ungangbare Furth wäre und eine gangbare
Furth führte um sie herum: ebenso nun auch, Cundo, kann wer zur 44
Heftigkeit neigt auf dem Pfade der Milde herumkommen, wer zur
Uebelfahrt neigt auf dem Pfade der Wohlfahrt herumkommen, wer
niederen Sinn hegt, mit beiden Händen zugreift, sich schwer
abweisen lässt, auf dem Pfade des höheren Sinnes, des Anstandes
und der Gelassenheit herumkommen.
»Gleichwie da, Cundo, jedwedes Schlechte wieder zu niederer
Wesenheit führt, jedwedes Gute wieder zu höherer Wesenheit
führt: ebenso nun auch, Cundo, kann wer zur Heftigkeit neigt
durch Milde höhere Wesenheit gewinnen, wer zur Uebelfahrt neigt
durch Wohlfahrt höhere Wesenheit gewinnen, wer niederen Sinn
hegt, mit beiden Händen zugreift, sich schwer abweisen lässt, 45
durch höheren Sinn, Anstand und Gelassenheit höhere Wesenheit
gewinnen.
»Dass aber, Cundo, einer, der selber sumpfversunken ist, einen
anderen Sumpfversunkenen herausziehn kann, ein solcher Fall
findet sich nicht. Dass aber, Cundo, einer, der selber nicht
sumpfversunken ist, einen anderen Sumpfversunkenen herausziehn
kann, ein solcher Fall findet sich. Und dass, Cundo, einer, der
selber nicht bezwungen, nicht verneint, nicht wahnerloschen
ist, einen anderen zur Bezwingung, zur Verneinung, zur
Wahnerlöschung bringen kann, ein solcher Fall findet sich
nicht. Und dass, Cundo, einer, der selber bezwungen, verneint,
wahnerloschen ist, einen anderen zur Bezwingung, zur
Verneinung, zur Wahnerlöschung bringen kann, ein solcher Fall
findet sich:
»Ebenso nun auch, Cundo, kann der Heftige durch Milde
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Blutdürstige durch
Ueberwindung des Blutdurstes zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Diebische durch Ueberwindung des Diebstahls zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der Unkeusche durch Keuschheit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Lügner durch Ueberwindung
der Lüge zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Tückische durch
Ueberwindung der Tücke zur Wahnerlöschung gelangen, kann der
Rohe durch Ueberwindung der Roheit zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Geschwätzige durch Ueberwindung der Schwatzhaftigkeit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Selbstsüchtige durch
Ueberwindung der Selbstsucht zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Gehässige durch Ueberwindung des Hasses zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der falsch Erkennende durch rechte Erkenntniss
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch Gesonnene durch
rechte Gesinnung zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch
Redende durch rechte Rede zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der falsch Handelnde durch rechten Handel zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der falsch Wandelnde durch rechten Wandel zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch sich Mühende durch
rechtes Mühn zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch sich
Bedenkende durch rechtes Bedenken zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der falsch sich Vertiefende durch rechte Vertiefung
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch Wissende durch
rechtes Wissen zur Wahnerlöschung gelangen, kann der falsch
Erlöste durch rechte Erlösung zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der von matter Müde Gefesselte durch Ueberwindung der
matten Müde zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Stolze durch
Dehmuth zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Schwankende
durch Festigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Zornige
durch Zornlosigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der
Zwieträchtige durch Eintracht zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Häuchler durch Offenheit zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Neidige durch Neidlosigkeit zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Eifernde durch Begehrlosigkeit zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der Eigennützige durch Eigenentsagung zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der Listige durch Geradheit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Gleißner durch
Ehrlichkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Störrische
durch Willigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann der
Eitle durch Schlichtheit zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Ungestüme durch Lindheit zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der Uebelgeneigte durch Wohlgeneigtheit zur
Wahnerlöschung gelangen, kann der Laue durch Unermüdlichkeit
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Misstrauische durch
Vertrauen zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Unverschämte
durch Schaam zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Gewissenlose
durch Gewissenhaftigkeit zur Wahnerlöschung gelangen, kann
der Unerfahrene durch Erfahrung zur Wahnerlöschung gelangen,
kann der Nachgiebige durch Beharrlichkeit zur Wahnerlöschung
gelangen, kann der Einsichtgetrübte durch Klärung der Einsicht
zur Wahnerlöschung gelangen, kann der Thor durch Weisheit zur
Wahnerlöschung gelangen, kann wer niederen Sinn hegt, mit 46
beiden Händen zugreift, sich schwer abweisen lässt, durch
höheren Sinn, Anstand und Gelassenheit zur Wahnerlöschung
gelangen.
»Und so habe ich, Cundo, die Art der Ledigung gezeigt, die Art
der Herzensentschließung gezeigt, die Art des Herumkommens
gezeigt, die Art höherer Wesenheit gezeigt, die Art der
Wahnerlöschung gezeigt. Was ein Meister, Cundo, den Jüngern
aus Liebe und Theilnahme, von Mitleid bewogen, schuldet, das
habt ihr von mir empfangen. Da laden, Cundo, Bäume ein, und
dort leere Klausen. Wirket Schauung, Cundo, auf dass ihr nicht
lässig werdet, später nicht Reue empfindet: das haltet als
unser Gebot.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige
Mahācundo über das Wort des Erhabenen.
9.
Erster Theil Neunte Rede
DIE RECHTE ERKENNTNISS
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an die Mönche:
»Ihr Mönche!« -- »Bruder!« antworteten da jene Mönche dem
ehrwürdigen Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto
sprach also:
»‚Die rechte Erkenntniss, die rechte Erkenntniss‘, so sagt man,
ihr Brüder. Inwiefern nun aber, ihr Brüder, hat ein heiliger
Jünger die rechte Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine
ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen
Lehre an?«
»Selbst von weit her, o Bruder, würden wir zum ehrwürdigen
Sāriputto kommen, um Aufklärung hierüber zu erhalten; wohl wär’
es gut, wenn eben der ehrwürdige Sāriputto diesen Gegenstand
erläutern möchte: die Worte des ehrwürdigen Sāriputto werden
die Mönche bewahren.«
»So höret denn, Brüder, und achtet wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, Bruder!« antworteten da jene Mönche dem ehrwürdigen
Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto sprach also:
»Wenn, ihr Brüder, der heilige Jünger das Böse erkennt und
die Wurzel des Bösen erkennt, das Gute erkennt und die Wurzel 47
des Guten erkennt, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte
Erkenntniss, ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe
zur Lehre erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist
nun, Brüder, das Böse, was ist die Wurzel des Bösen, was ist
das Gute, was ist die Wurzel des Guten? Tödten, ihr Brüder,
ist das Böse, stehlen ist das Böse, den Wünschen fröhnen ist
das Böse, Lüge ist das Böse, Verleumdung ist das Böse, barsche
Rede ist das Böse, geschwätzige Rede ist das Böse, Gier ist
das Böse, Wuth ist das Böse, falsche Erkenntniss ist das
Böse. Das nennt man, Brüder, das Böse. Und was, Brüder, ist
die Wurzel des Bösen? Sucht ist die Wurzel des Bösen, Hass
ist die Wurzel des Bösen, Irre ist die Wurzel des Bösen. Das
nennt man, Brüder, die Wurzel des Bösen. Und was, Brüder, ist
das Gute? Ueberwindung des Tödtens ist das Gute, Ueberwindung
des Stehlens ist das Gute, Ueberwindung der Wünsche ist das
Gute, Ueberwindung der Lüge ist das Gute, Ueberwindung der
Verleumdung ist das Gute, Ueberwindung barscher Rede ist
das Gute, Ueberwindung geschwätziger Rede ist das Gute,
Gierlosigkeit ist das Gute, Wuthlosigkeit ist das Gute, rechte
Erkenntniss ist das Gute. Das nennt man, Brüder, das Gute.
Und was, Brüder, ist die Wurzel des Guten? Suchtlosigkeit ist
die Wurzel des Guten, Hasslosigkeit ist die Wurzel des Guten,
Irrlosigkeit ist die Wurzel des Guten. Das nennt man, Brüder,
die Wurzel des Guten.
»Erkennt nun, ihr Brüder, der heilige Jünger also das Böse,
also die Wurzel des Bösen, also das Gute, also die Wurzel des
Guten, und er hat die Regung des Wollens völlig verleugnet,
die Regung des Scheuens verscheucht, die Regung der Ichheit
vertilgt, das Nichtwissen verloren, das Wissen erworben, so
macht er dem Leiden noch in diesem Leben ein Ende. Insofern,
ihr Brüder, hat da ein heiliger Jünger die rechte Erkenntniss,
ist seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre
erprobt, gehört er dieser edlen Lehre an.«
»Wohl, Bruder!« sagten da jene Mönche, erfreut und befriedigt
durch des ehrwürdigen Sāriputto Rede, und stellten nun eine
fernere Frage: »Giebt es vielleicht, o Bruder, noch eine andere
Art, wie der heilige Jünger die rechte Erkenntniss besitzt,
seine Erkenntniss ehrlich, seine Liebe zur Lehre erprobt ist,
er dieser edlen Lehre angehört?«
»Freilich, Brüder. Wenn, ihr Brüder, der heilige Jünger die
Nahrung erkennt und der Nahrung Entwicklung, der Nahrung
Auflösung erkennt und den zu der Nahrung Auflösung führenden
Pfad, hat er insofern, ihr Brüder, die rechte Erkenntniss, ist
seine Erkenntniss eine ehrliche, seine Liebe zur Lehre erprobt,
gehört er dieser edlen Lehre an. Was ist nun, Brüder, die 48
Nahrung, was ist der Nahrung Entwicklung, was ist der Nahrung
Auflösung, was ist der zu der Nahrung Auflösung führende
Pfad? Vier Arten der Nahrung, ihr Brüder, sind für die Wesen
vorhanden, den entstandenen zur Erhaltung, den entstehenden
zur Entwicklung[7]; welche vier? Körperbildende Nahrung, grob
oder fein, zweitens Berührung, drittens geistiges Innewerden,
viertens Bewusstsein. Die Entwicklung des Durstes bedingt die
Entwicklung der Nahrung, die Auflösung des Durstes bedingt die
Auflösung der Nahrung. Das aber ist der heilige achtfältige
Weg, der zu der Nahrung Auflösung führende Pfad, nämlich:
rechte Erkenntniss, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes
Handeln, rechtes Wandeln, rechtes Mühn, rechte Einsicht, rechte
Einigung.