»Ein Mönch, Bruder, bei dem sich diese bösen, verderblichen

Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern, und wäre

er auch ein abgeschiedener Waldeinsiedler, ein stummer

Brockenbettler, bekleidet mit der selbstgeflickten Fetzenkutte,

der wird von seinen Ordensbrüdern nicht hochgeschätzt, nicht

werthgehalten, nicht geachtet, nicht geehrt: und warum nicht?

Weil sich ja bei dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen

Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern. Gleichwie

etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am

Markte oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und rein,

und die Eigner füllten sie mit Schlangenaas oder mit Hundeaas

oder mit Menschenaas, deckten eine andere Schüssel darüber

und gingen damit auf den Markt. Diese Schüssel sähe einer

und sagte: ›Freund, was birgst du darin und entziehst es dem

Auge?‹ Und er höbe den Deckel ab, legte die Schüssel bloß,

spähte hinein: und bei dem Anblicke stiege ihm Widerwille, Ekel

und Abscheu auf, und selbst Hungrigen verginge die Esslust,

geschweige Gesättigten: ebenso nun auch, Bruder, wird da ein

Mönch, bei dem sich jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen

ungeschwächt zeigen und äußern, und wäre er auch ein

abgeschiedener Waldeinsiedler, ein stummer Brockenbettler,

bekleidet mit der selbstgeflickten Fetzenkutte, von seinen

Ordensbrüdern nicht hochgeschätzt, nicht werthgehalten, nicht 31

geachtet, nicht geehrt: und warum nicht? Weil sich eben bei

dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen

ungeschwächt zeigen und äußern.

»Ein Mönch, Bruder, bei dem sich jene bösen, verderblichen

Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr äußern, und

wäre er auch ein Landpilger, ein Ausgespeister, bekleidet mit

einer geschenkten Kutte, der wird von seinen Ordensbrüdern

hochgeschätzt, werthgehalten, geachtet und geehrt: und

warum das? Weil sich ja bei dem Ehrwürdigen jene bösen,

verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr

äußern. Gleichwie etwa, Bruder, wenn da eine messingerne

Schüssel wäre, am Markte oder beim Kupferschmidte erstanden,

blank und rein, und die Eigner füllten sie mit einem saftigen,

würzigen Gerichte aus gekochtem gesichteten Reis, deckten

eine andere Schüssel darüber und gingen damit auf den Markt.

Diese Schüssel sähe einer und sagte: ›Freund, was birgst du

darin und entziehst es dem Auge?‹ Und er höbe den Deckel ab,

legte die Schüssel bloß, spähte hinein: und bei dem Anblicke

stiege ihm Behagen auf, kein Ekel, kein Abscheu, und selbst

bei Gesättigten regte sich Esslust, geschweige bei Hungrigen:

ebenso nun auch, Bruder, wird da ein Mönch, bei dem sich jene

bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen,

nicht mehr äußern, und wäre er auch ein Landpilger, ein

Ausgespeister, bekleidet mit einer geschenkten Kutte, von

seinen Ordensbrüdern hochgeschätzt, werthgehalten, geachtet und

geehrt: und warum das? Weil sich eben bei dem Ehrwürdigen jene

bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht

mehr äußern.«

Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an

den ehrwürdigen Sāriputto und sprach:

»Ein Gleichniss, Bruder Sāriputto, leuchtet mir auf.«

»Es leuchte dir auf, Bruder Moggallāno.«

»Einst weilte ich, Bruder, auf der Bergeshalde bei Rājagaham.

Und ich erhob mich frühmorgens, nahm Mantel und Schaale und

ging zur Stadt um Almosenspeise. Zu jener Zeit aber war Samiti,

der Sohn eines Wagenbauers, damit beschäftigt eine Radscheibe

abzuhobeln, und Paṇḍuputto, ein Nackter Büßer, der vorher

Wagner gewesen, stand dabei. Da kam nun der ehemalige Wagner,

der Nackte Büßer Paṇḍuputto auf folgende Gedanken: ›O dass doch

der Wagnersohn Samiti seinem Rade diese Rille und diesen Bug

und diesen Knoten abhobeln möchte: dann würde das Rad, befreit

von Rillen, Bügen und Knoten, aus reinem Kernholz bestehn‹. Und

während, Bruder, dem Nackten Büßer Paṇḍuputto, dem früheren 32

Wagner, Gedanke um Gedanke erschien, hobelte der Wagnersohn

Samiti seinem Rade Rille um Rille, Bug um Bug, Knoten um Knoten

ab. Da ließ der Nackte Büßer Paṇḍuputto, der frühere Wagner,

freudig bewegt den frohen Ruf ertönen: ›Wie aus dem Herzen

heraus hobelt er mir!‹ --: Ebenso nun auch, Bruder, giebt es

da Leute, die unwillig, aus Nothdurft, nicht aus Zuversicht

vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, Häuchler,

Gleißner, Scheinheilige, aufgeblasene Windbeutel, geschäftige

Schwätzer und Plauderer, schlechte Hüter der Sinnesthore, ohne

Rückhalt beim Mahle, der Wachsamkeit abgeneigt, gleichgültig

gegen das Asketenthum, lässig in der Ordenspflicht,

anspruchsvoll, aufdringlich, vor allem Gesellschaft suchend,

Einsamkeit als lästige Last fliehend, matte, schwache Herzen,

verworrene, unklare Köpfe, unbeständige, zerstreute Geister,

Beschränkte und Stumpfe: diesen hat der ehrwürdige Sāriputto

mit seiner Darstellung wie aus dem Herzen heraus gehobelt.

Es giebt aber auch edle Söhne, die aus Zuversicht vom Hause

fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, keine Häuchler, keine

Gleißner, keine Scheinheiligen, keine aufgeblasenen Windbeutel,

keine geschäftigen Schwätzer und Plauderer, strenge Hüter

der Sinnesthore, mäßig beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben,

dem Asketenthum zugethan, eifrig in der Ordenspflicht,

anspruchslos, nicht aufdringlich, vor allem Einsamkeit suchend,

Gesellschaft als lästige Last fliehend, muthige, starke Herzen,

einsichtige, klare Köpfe, beständige, einige Geister, Weise

und Witzige: diesen war des ehrwürdigen Sāriputto Darstellung

gleichsam Speise und Trank für Herz und Ohr. Trefflich,

fürwahr, hast du die Ordensbrüder vor dem Unrecht gewarnt und

im Recht bestärkt. Gleichwie etwa, Bruder, ein Weib oder ein

Mann, jung, blühend, gefallsam, sich den Kopf wäscht, Lilien,

Gelsaminen oder Windlinge pflückt, zum Kranze bindet und damit

den Scheitel schmückt: ebenso nun auch, Bruder, giebt es da

edle Söhne, Asketen der Zuversicht, die du trefflich, fürwahr,

vor dem Unrecht gewarnt und im Recht bestärkt hast.«

* * * * *

So, wahrlich, ergetzten sich jene beiden Großen an

gegenseitiger trefflicher Rede.

6.

Erster Theil Sechste Rede

WUNSCH UM WÜNSCHE

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 33

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort

nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«

-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen

aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Bewahret Tugend, Mönche, bewahret Reinheit: Reinheit hegend

und pflegend bewahret im Handel und Wandel; vor geringstem Fehl

auf der Hut schreitet beharrlich weiter Schritt um Schritt.

»Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ ich doch den

Ordensbrüdern lieb und genehm, werth und gewichtig‹, dann soll

er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen,

der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick

gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr

Mönche, ein Mönch: ›Hätt’ ich nur Kleidung, Nahrung, Lagerstatt

und Arzeneien für den Fall einer Krankheit‹, dann soll er nur

vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der

Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,

ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche,

ein Mönch: ›Denen, die mir da Kleidung, Nahrung, Lagerstatt

und Arzeneien für den Fall einer Krankheit spenden, sollen

diese Gaben hohes Verdienst bringen, hohe Förderung‹, dann

soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe

erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden

Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht

sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Die dahingegangenen, verstorbenen

Blutsverwandten, die meiner in Liebe gedachten[6], sollen

hohes Verdienst darum haben, hohe Förderung‹, dann soll er

nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen,

der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick

gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich,

ihr Mönche, ein Mönch: ›Der Unmuthslust will ich Herr sein,

mich soll Unmuth nicht beherrschen, aufgestiegenen Unmuth

werd’ ich siegreich überwinden‹, dann soll er nur vollkommene

Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht

widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund

leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:

›Der Furcht und Angst will ich Herr sein, mich soll Angst

und Furcht nicht beherrschen, aufgestiegene Furcht und Angst

werd’ ich siegreich überwinden‹, dann soll er nur vollkommene

Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht

widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund

leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:

›Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben

besäligen, könnt’ ich doch diese sehnend erlangen, in ihrer

Fülle und Weite‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben,

innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,

durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen

sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Jene heiligen

Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten,

die will ich leibhaftig erfahren und finden‹, dann soll er nur

vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der

Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,

ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, 34

ein Mönch: ›Könnt’ ich doch nach Vernichtung der drei Fesseln

zur Hörerschaft gelangen, dem Verderben entronnen zielbewusst

der vollen Erwachung entgegeneilen‹, dann soll er nur

vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der

Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,

ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche,

ein Mönch: ›Möcht’ ich doch nach Vernichtung der drei Fesseln,

von Gier, Hass und Irre erleichtert, fast schon geläutert, nur

einmal wiederkehren, nur einmal noch zu dieser Welt gekommen

dem Leiden ein Ende machen‹, dann soll er nur vollkommene

Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht

widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund

leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:

›Würd’ ich doch nach Vernichtung der fünf niederzerrenden

Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr

zurückkehren nach jener Welt‹, dann soll er nur vollkommene

Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht

widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund

leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:

›Geläng’ es mir doch, auf manigfaltige Weise Machtentfaltung zu

erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach

geworden wieder einer zu sein, oder sichtbar und unsichtbar zu

werden; auch durch Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie

durch die Luft; oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie

im Wasser; auch auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken

wie auf der Erde; oder auch durch die Luft sitzend

dahinzufahren wie der Vogel mit seinen Fittichen; auch etwa

diesen Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen,

mit der Hand zu befühlen und zu berühren, etwa gar bis zu

den Brahmawelten den Körper in meiner Gewalt zu haben‹,

wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene

Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht

widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund

leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch:

›Wenn ich doch mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten,

über menschliche Gränzen hinausreichenden, beide Arten der

Töne hörte, die himmlischen und die irdischen, die fernen

und die nahen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben,

innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,

durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen

sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ es mir

doch gegeben, der anderen Wesen, der anderen Personen Herz

und Gemüth zu durchschauen und zu erkennen, das begehrliche

Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das

gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos,

das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos,

das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als

zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das

niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als

edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als

beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz 35

als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt‹, wünscht er

sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene Tugend üben,

innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,

durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen

sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ ich doch

imstande, mich an manche verschiedene frühere Daseinsform

zu erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann

an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann

an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben,

dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert

Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben,

dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann

an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die

Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen,

‚Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte

ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl

und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende, dort

verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein, da war ich

nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an,

dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe

habe ich erfahren, so war mein Lebensende, da verschieden trat

ich hier wieder ins Dasein‘, wär’ ich doch also imstande,

mich an manche verschiedene frühere Daseinsform zu erinnern,

mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen

Beziehungen‹, wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er

nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der

Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen,

ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche,

ein Mönch: ›Hätt’ ich doch das himmlische Auge, das geläuterte,

über menschliche Gränzen hinausreichende, die Wesen zu sehn,

wie sie dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,

schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, säh’ ich

doch wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren, ‚Diese

lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,

in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten

zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes,

bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie

auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in

untere Welt, jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten

zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten

zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes,

bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf

gute Fährte, in sälige Welt‘, könnt’ ich doch also mit dem

himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen

hinausreichenden, die Wesen erkennen, wie sie dahinschwinden

und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und hässliche,

glückliche und unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je

nach den Thaten wiederkehren‹, wünscht er sich das, ihr Mönche,

dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe

erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden

Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht

sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Könnt’ ich doch den Wahn

versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung

noch bei Lebzeiten mir offenbar machen, verwirklichen und 36

erringen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige

Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben,

durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein.

»›Bewahret Tugend, Mönche, bewahret Reinheit: Reinheit hegend

und pflegend bewahret im Handel und Wandel; vor geringstem Fehl

auf der Hut schreitet beharrlich weiter Schritt um Schritt‹:

wurde das gesagt, so war es darum gesagt.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche

über das Wort des Erhabenen.

7.

Erster Theil Siebente Rede

DAS GLEICHNISS VOM KLEIDE

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei

Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort

nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!«

-- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen

aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Gleichwie etwa, Mönche, wenn der Färber ein Kleid nähme,

das besudelt und voller Flecken ist, und tauchte es in eine

Farbenlösung, in diese oder in jene, in eine blaue oder in

eine gelbe, in eine rothe oder in eine violette, da könnt’ es

nur schlechte, nur unreine Färbung gewinnen, und warum? Weil

das Kleid, ihr Mönche, nicht rein ist: -- Ebenso nun auch, ihr

Mönche, ist bei besudeltem Herzen ein schlechter Ausgang zu

erwarten.

»Gleichwie etwa, Mönche, wenn der Färber ein Kleid nähme, das

sauber und rein ist, und tauchte es in eine Farbenlösung, in

diese oder in jene, in eine blaue oder in eine gelbe, in eine

rothe oder in eine violette, da könnt’ es nur gute, nur reine

Färbung gewinnen, und warum? Weil das Kleid, ihr Mönche, rein

ist: -- Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist bei unbesudeltem

Herzen ein guter Ausgang zu erwarten.

»Was ist nun, ihr Mönche, Trübung des Herzens? Verderbte

Selbstsucht ist Trübung des Herzens, Bosheit ist Trübung

des Herzens, Zorn ist Trübung des Herzens, Niedertracht ist

Trübung des Herzens, Häuchelei ist Trübung des Herzens, Neid

ist Trübung des Herzens, Eiferung ist Trübung des Herzens,

Eigensucht ist Trübung des Herzens, Trug ist Trübung des

Herzens, Tücke ist Trübung des Herzens, Starrsinn ist Trübung

des Herzens, Ungestüm ist Trübung des Herzens, Dünkel ist

Trübung des Herzens, Uebermuth ist Trübung des Herzens, 37

Lässigkeit ist Trübung des Herzens, Leichtsinn ist Trübung des

Herzens.

»Ein Mönch nun, ihr Mönche, der eingesehn hat, dass verderbte

Selbstsucht Trübung des Herzens sei, der verleugnet die

verderbte Selbstsucht, die Trübung des Herzens; der eingesehn

hat, dass Bosheit Trübung des Herzens sei, der verleugnet die

Bosheit, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Zorn

Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Zorn, die Trübung

des Herzens; der eingesehn hat, dass Niedertracht Trübung des

Herzens sei, der verleugnet die Niedertracht, die Trübung des

Herzens; der eingesehn hat, dass Häuchelei Trübung des Herzens

sei, der verleugnet die Häuchelei, die Trübung des Herzens;

der eingesehn hat, dass Neid Trübung des Herzens sei, der

verleugnet den Neid, die Trübung des Herzens; der eingesehn

hat, dass Eiferung Trübung des Herzens sei, der verleugnet

die Eiferung, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat,

dass Eigensucht Trübung des Herzens sei, der verleugnet die

Eigensucht, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass

Trug Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Trug, die

Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Tücke Trübung

des Herzens sei, der verleugnet die Tücke, die Trübung des

Herzens; der eingesehn hat, dass Starrsinn Trübung des

Herzens sei, der verleugnet den Starrsinn, die Trübung des

Herzens; der eingesehn hat, dass Ungestüm Trübung des Herzens

sei, der verleugnet den Ungestüm, die Trübung des Herzens;

der eingesehn hat, dass Dünkel Trübung des Herzens sei, der

verleugnet den Dünkel, die Trübung des Herzens; der eingesehn

hat, dass Uebermuth Trübung des Herzens sei, der verleugnet

den Uebermuth, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat,

dass Lässigkeit Trübung des Herzens sei, der verleugnet die

Lässigkeit, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat,

dass Leichtsinn Trübung des Herzens sei, der verleugnet den

Leichtsinn, die Trübung des Herzens.

»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch die verderbte Selbstsucht

als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Bosheit

als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Zorn als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Niedertracht

als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Häuchelei

als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Neid als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Eiferung als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Eigensucht

als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Trug als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Tücke als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Starrsinn als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Ungestüm als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Dünkel als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Uebermuth als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Lässigkeit als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Leichtsinn als

Trübung des Herzens erkannt und verleugnet; so ist seine Liebe

zum Erwachten erprobt, derart zwar: ›Das ist der Erhabene,

Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte,

der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter

der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen,

der Erwachte, der Erhabene‹; ist seine Liebe zur Wahrheit

erprobt: ›Wohl kundgethan ist vom Erhabenen die Wahrheit, die

ersichtliche, zeitlose, anregende, einladende, den Verständigen

von selbst verständlich‹; ist seine Liebe zu den Jüngern

erprobt: ›Wohl vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar,

ehrlich vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, recht

vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, geziemend

vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, und zwar vier

Paare der Menschen, nach acht Arten von Menschen: das ist des

Erhabenen Jüngerschaar, die Opfer und Spende, Gabe und Gruß

verdient, heiligste Stätte der Welt ist‹. Die Rücksicht aber

hat er abgethan, abgelegt, abgelöst, verleugnet, verworfen.

»‚Meine Liebe zum Erwachten ist erprobt‘: also gewinnt

er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit,

verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn.

Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt

Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Meine Liebe zur Wahrheit ist erprobt‘: also gewinnt

er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit,

verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn.

Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt

Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Meine Liebe zu den Jüngern ist erprobt‘: also gewinnt 38

er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit,

verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn.

Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt

Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Und die Rücksicht, die hab’ ich abgethan, abgelegt,

abgelöst, verleugnet, verworfen‘: also gewinnt er Verständniss

des Sinnes, Verständniss der Wahrheit, verständnissreife

Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn. Des Besäligten Körper

wird still. Der Körpergestillte fühlt Heiterkeit. Des Heiteren

Herz wird einig.

»Ein Mönch nun, ihr Mönche, dem solche Tugend, solche Wahrheit,

solche Weisheit eignet, mag auch Almosenspeise genießen, die

aus gesichtetem Reis schmackhaft und würzig bereitet ist, und

es schadet ihm nicht. Gleichwie etwa, Mönche, ein Kleid, das

besudelt und voller Flecken ist, in klarem Wasser gewaschen

sauber und rein wird, oder im Schmelztiegel gesottenes Gold

gediegen und lauter wird: ebenso nun auch, ihr Mönche, mag ein

Mönch, dem solche Tugend, solche Wahrheit, solche Weisheit

eignet, auch Almosenspeise genießen, die aus gesichtetem Reis

schmackhaft und würzig bereitet ist, und es schadet ihm nicht.

Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band · 第 5 / 43 段