Brāhmanen, die unsteten, zerstreuten Sinnes tief im Walde
abgelegene Orte aufsuchen, die erfahren, eben weil sie unstet
und zerstreut sind, schuldige Furcht und Angst; ich aber, der
ich nicht unstet, nicht zerstreut tief im Walde abgelegene Orte
aufsuche, bin gefasst: habt ihr Heilige, die gefasst tief im
Walde abgelegene Orte aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹
Als ich, Brāhmane, merkte, diese Fassung eigne mir, nahm mein
Wohlgefallen am Waldleben zu.
»Und ich sagte mir, Brāhmane: ›Alle die lieben Asketen oder
Brāhmanen, die thörig und stumpf tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, die erfahren, eben weil sie thörig und stumpf sind,
schuldige Furcht und Angst; ich aber, der ich nicht thörig,
nicht stumpf tief im Walde abgelegene Orte aufsuche, bin weise:
habt ihr Heilige, die weise tief im Walde abgelegene Orte
aufsuchen, so bin ich einer von ihnen.‹ Als ich, Brāhmane,
merkte, diese Weisheit eigne mir, nahm mein Wohlgefallen am
Waldleben zu.
»Da sagte ich mir, Brāhmane: ›Wie, wenn ich nun in gewissen,
verrufenen Nächten, bei Vollmond und bei Neumond, bei
zunehmendem und bei abnehmendem Viertel Grabhügel in Hainen,
in Wäldern, unter Bäumen aufsuchte, an Stätten des Grauens
und Entsetzens weilte, damit ich doch erführe, was es mit
jener Furcht und Angst sei?‹ Und im Laufe der Zeit, Brāhmane,
suchte ich in gewissen, verrufenen Nächten, bei Vollmond und
bei Neumond, beim ersten und beim letzten Viertel Grabhügel
auf, in Hainen, in Wäldern, unter Bäumen, weilte an Stätten
des Grauens und Entsetzens. Da saß ich nun, Brāhmane, und ein
Reh kam herbei, oder ein Waldhuhn knickte einen Ast, oder Wind 21
schüttelte das Laubwerk. Ich aber dachte: ›Hier wird sich wohl
jene Furcht und Angst einstellen.‹ Und ich sagte mir, Brāhmane:
›Was wart’ ich denn unverwandt auf das Erscheinen der Furcht?
Wie, wenn ich nun, sobald sich jene Furcht und Angst irgend
zeigen sollte, auch schon alsbald jener Furcht und Angst
begegnete?‹ Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, kam über mich,
als ich auf und ab ging. Aber weder stand ich da, Brāhmane,
still, noch setzte ich mich nieder, noch legte ich mich hin,
bis ich auf und ab gehend jener Furcht und Angst begegnet
hatte. Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, fand sich ein als
ich stille stand. Aber weder ging ich da, Brāhmane, auf und
ab, noch setzte ich mich nieder, noch legte ich mich hin, bis
ich stille stehend jener Furcht und Angst begegnet hatte. Und
jene Furcht und Angst, Brāhmane, nahte mir als ich saß. Aber
weder legte ich mich da, Brāhmane, hin, noch stand ich auf,
noch ging ich umher, bis ich sitzend jener Furcht und Angst
begegnet hatte. Und jene Furcht und Angst, Brāhmane, kam heran
als ich lag. Aber weder hob ich mich da, Brāhmane, empor, noch
stand ich auf, noch ging ich hin und her, bis ich liegend jener
Furcht und Angst begegnet hatte.
»Doch giebt es, Brāhmane, manche Asketen und Brāhmanen, die
halten die Nacht für Tag und den Tag für Nacht. Das nenn’ ich,
Brāhmane, einen Wahn jener Asketen und Brāhmanen. Ich aber,
Brāhmane, halte die Nacht für Nacht und den Tag für Tag. Wer
nun, Brāhmane, mit Recht von einem Manne sagen kann: ›Ein
wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen zum Wohle,
vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen, Wohle und
Heile für Götter und Menschen‹, der kann eben von mir mit Recht
sagen: ›Ein wahnloses Wesen ist in der Welt erschienen, vielen
zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur Welt, zum Nutzen,
Wohle und Heile für Götter und Menschen.‹
»Standhaft aber, Brāhmane, hielt ich aus, ohne zu wanken, bei
klarer Vernunft, ohne Verstörung, gestillten Körpers, ohne
Regung, gefassten Gemüthes, einig. Gar fern von Begierden,
fern von unheilsamen Dingen weilte ich da, Brāhmane, in sinnend
gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, erwirkte die
Weihe der ersten Schauung.
»Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewann ich die
innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, 22
von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit,
die Weihe der zweiten Schauung.
»In heiterer Ruhe verweilte ich gleichmüthig, einsichtig,
klar bewusst, ein Glück empfand ich im Körper, von dem die
Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹;
so erwirkte ich die Weihe der dritten Schauung.
»Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des
einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkte ich die Weihe der
leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen
Reine, die vierte Schauung.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer
Daseinsformen. Ich erinnerte mich an manche verschiedene
frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei
Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf
Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann
an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig
Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann
an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen
Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein
Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren,
so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo
wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich,
dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein
Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein
Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So
erinnerte ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform,
mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen
Beziehungen. Dieses Wissen, Brāhmane, hatte ich nun in den
ersten Stunden der Nacht als erstes errungen, das Nichtwissen
zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht
gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich weilte.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss des
Verschwindens-Erscheinens der Wesen. Mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sah
ich die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und
edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich
erkannte wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese
lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan,
in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten
zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes;
bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf
den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere
Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, 23
in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan,
tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der
Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute
Fährte, in sälige Welt.‹ So sah ich mit dem himmlischen Auge,
dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die
Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle,
schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkannte
wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Dieses Wissen,
Brāhmane, hatte ich nun in den mittleren Stunden der Nacht
als zweites errungen, das Nichtwissen zertheilt, das Wissen
gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht gewonnen, wie ich da
ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich weilte.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar,
richtete ich das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung.
›Das ist das Leiden‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das ist
die Leidensentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das
ist die Leidensauflösung‹ verstand ich der Wahrheit gemäß. ›Das
ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ verstand ich der
Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ verstand ich der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ verstand ich der Wahrheit
gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ verstand ich der Wahrheit
gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ verstand
ich der Wahrheit gemäß. Also erkennend, also sehend ward da
mein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn,
erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹,
diese Erkenntniss ging auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet
das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹
verstand ich da. Dieses Wissen, Brāhmane, hatte ich nun in den
letzten Stunden der Nacht als drittes errungen, das Nichtwissen
zertheilt, das Wissen gewonnen, das Dunkel zertheilt, das Licht
gewonnen, wie ich da ernsten Sinnes, eifrig, unermüdlich weilte.
»Aber nun möchtest du, Brāhmane, vielleicht meinen: ›Auch heute
wohl ist der Asket Gotamo noch nicht ganz lauter von Gier,
Hass und Wahn: darum sucht er tief im Walde abgelegene Orte
auf.‹ Doch also, Brāhmane, sollst du es nicht verstehn. Zwei
Gründe sind es, Brāhmane, die mich tief im Walde abgelegene
Orte aufsuchen lassen: mein eigenes Wohlbefinden in dieser
Zeitlichkeit und das Mitleid zu denen, die mir nachfolgen.«
»Mitleid geschenkt hat wahrlich Herr Gotamo denen, die ihm 24
nachfolgen, wie’s eben dem Heiligen, vollkommen Erwachten
geziemt. -- Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo!
Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte,
oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder
Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge
sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar manigfach
dargelegt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der
Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger soll mich Herr
Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«
5.
Erster Theil Fünfte Rede
UNSCHULD
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei
Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort
nun wandte sich der ehrwürdige Sāriputto an die Mönche:
»Brüder Mönche!« -- »Bruder!« antworteten da jene Mönche dem
ehrwürdigen Sāriputto aufmerksam. Der ehrwürdige Sāriputto
sprach also:
»Viererlei Arten von Menschen, Brüder, findet man da in der
Welt: und was für welche? Da ist einer, Brüder, schuldig und
erkennt nicht der Wahrheit gemäß ›In mir ist Schuld‹, und da
ist einer, Brüder, schuldig und erkennt der Wahrheit gemäß ›In
mir ist Schuld‹; da ist einer, Brüder, unschuldig und erkennt
nicht der Wahrheit gemäß ›In mir ist keine Schuld‹, und da ist
einer, Brüder, unschuldig und erkennt der Wahrheit gemäß ›In
mir ist keine Schuld‹. Einen Mann aber, Brüder, der schuldig
ist und nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist Schuld‹,
den bezeichnet man als den Schlechteren von den beiden, die
gleiche Schuld haben. Einen Mann aber, Brüder, der schuldig
ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist Schuld‹, den 25
bezeichnet man als den Besseren von den beiden, die gleiche
Schuld haben. Einen Mann aber, Brüder, der unschuldig ist und
nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine Schuld‹, den
bezeichnet man als den Schlechteren von den beiden, die gleiche
Unschuld haben. Einen Mann aber, Brüder, der unschuldig ist
und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine Schuld‹, den
bezeichnet man als den Besseren von den beiden, die gleiche
Unschuld haben.«
Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an
den ehrwürdigen Sāriputto und sprach:
»Was ist nun der Grund, Bruder Sāriputto, was ist die Ursache,
dass man den einen der beiden gleich Schuldigen als den
Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet? Und
was ist der Grund, Bruder Sāriputto, was ist die Ursache,
dass man den einen der beiden gleich Unschuldigen als den
Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet?«
»Wenn da, Bruder, einer schuldig ist und nicht der Wahrheit
gemäß erkennt ›In mir ist Schuld‹, so darf man von ihm
erwarten, dass er den Willen nicht beugen wird, nicht kämpfen
wird, nicht die Kraft besitzen wird, seiner Schuld zu entsagen,
dass er mit Gier, mit Hass, mit Irre, mit Schuld beladen
unlauteren Herzens sterben wird. Gleichwie etwa, Bruder,
wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte oder beim
Kupferschmidte erstanden, voller Schmutz und Flecken, und die
Eigner würden sie weder brauchen noch säubern, sondern in
einen Winkel werfen: da würde wohl, Bruder, diese messingerne
Schüssel nach einiger Zeit noch schmutziger und noch fleckiger
geworden sein.«
»Allerdings, Bruder.«
»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
schuldig ist und nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
Schuld‹, erwarten, er werde den Willen nicht beugen, werde
nicht kämpfen, nicht die Kraft besitzen, seiner Schuld zu
entsagen, er werde mit Gier, mit Hass, mit Irre, mit Schuld
beladen unlauteren Herzens sterben. -- Wenn da, Bruder, einer
schuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
Schuld‹, so darf man von ihm erwarten, dass er den Willen
beugen wird, kämpfen, die Kraft besitzen wird, seiner Schuld
zu entsagen, dass er ohne Gier, ohne Hass, ohne Irre, ohne
Schuld lauteren Herzens sterben wird. Gleichwie etwa, Bruder,
wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte oder beim
Kupferschmidte erstanden, voller Schmutz und Flecken, aber die
Eigner würden sie brauchen und säubern, nicht in den Winkel
werfen: da würde wohl, Bruder, diese messingerne Schüssel nach 26
einiger Zeit blank und rein geworden sein.«
»Gewiss, Bruder.«
»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
schuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
Schuld‹, erwarten, er werde den Willen beugen, werde kämpfen,
die Kraft besitzen seiner Schuld zu entsagen, er werde ohne
Gier, ohne Hass, ohne Irre, ohne Schuld lauteren Herzens
sterben. -- Wenn da, Bruder, einer unschuldig ist und nicht
der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine Schuld‹, so darf
man von ihm erwarten, dass ihn das Blenden der Erscheinung
bewegen wird, und er vom Blenden der Erscheinung bewogen sein
Herz von der Gier wird aufwühlen lassen, dass er mit Gier, mit
Hass, mit Irre, mit Schuld beladen unlauteren Herzens sterben
wird. Gleichwie etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel
wäre, am Markte oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und
rein, aber die Eigner würden sie weder brauchen noch säubern,
sondern in einen Winkel werfen: da würde wohl, Bruder, diese
messingerne Schüssel nach einiger Zeit schmutzig und fleckig
geworden sein.«
»Freilich, Bruder.«
»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
unschuldig ist und nicht der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist
keine Schuld‹, erwarten, das Blenden der Erscheinung werde ihn
bewegen, vom Blenden der Erscheinung bewogen werde er sein Herz
von der Gier aufwühlen lassen, er werde mit Gier, mit Hass, mit
Irre, mit Schuld beladen unlauteren Herzens sterben. -- Wenn
da, Bruder, einer unschuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt
›In mir ist keine Schuld‹, so darf man von ihm erwarten, dass
ihn das Blenden der Erscheinung nicht bewegen wird, und er vom
Blenden der Erscheinung nicht bewogen sein Herz von der Gier
nicht wird aufwühlen lassen, dass er ohne Gier, ohne Hass, ohne
Irre, ohne Schuld lauteren Herzens sterben wird. Gleichwie
etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte
oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und rein, und die
Eigner würden sie brauchen und säubern, nicht in den Winkel
werfen: da würde wohl, Bruder, diese messingerne Schüssel
späterhin noch blanker und reiner geworden sein.«
»Ohne Zweifel, Bruder.«
»Ebenso nun auch, o Bruder, darf man von einem Manne, der
unschuldig ist und der Wahrheit gemäß erkennt ›In mir ist keine
Schuld‹, erwarten, das Blenden der Erscheinung werde ihn nicht
bewegen, vom Blenden der Erscheinung nicht bewogen werde er
sein Herz von der Gier nicht aufwühlen lassen, er werde ohne
Gier, ohne Hass, ohne Irre, ohne Schuld lauteren Herzens
sterben.
»Das aber, Bruder Moggallāno, ist der Grund, das ist die 27
Ursache, warum man den einen der beiden gleich Schuldigen als
den Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet;
und das, Bruder Moggallāno, ist der Grund, das ist die Ursache,
warum man den einen der beiden gleich Unschuldigen als den
Schlechteren und den anderen als den Besseren bezeichnet.«
* * * * *
»‚Die Schuld, die Schuld‘, so heißt es, Bruder; was versteht
man aber eigentlich, Bruder, unter dem Begriffe der Schuld?«
»Die bösen, verderblichen Sinnesrichtungen, Bruder, die
versteht man unter dem Begriffe der Schuld. -- Möglich,
Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn ich
mich vergangen habe, so brauchen die anderen nicht zu
wissen: ‚Er hat sich vergangen‘‹. Möglich, Bruder, dass sie
erfahren: ›Er hat sich vergangen.‹ Da wird er erbittert und
missvergnügt: ›Sie wissen es, dass ich mich vergangen habe!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn ich mich vergangen habe, so sollen mir’s die
Brüder im Geheimen verweisen, nicht vor den anderen Mönchen‹.
Möglich, Bruder, dass sie ihn öffentlich zurechtweisen,
nicht im Geheimen. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Oeffentlich weisen sie mich zurecht, nicht vertraulich!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn ich mich vergangen habe, so mag mich ein
Freund zurechtweisen, kein anderer Mönch.‹ Möglich, Bruder,
dass ihn ein anderer Mönch zurechtweist, kein Freund. Da wird
er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer Mönch weist mich
zurecht, der mir ferne steht!‹ Diese Erbitterung, Bruder,
und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich,
Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Ach möchte
doch der Meister in Wechselrede mit mir den Mönchen die Lehre
darlegen, nicht in Wechselrede mit einem anderen Mönche!‹
Möglich, Bruder, dass der Meister mit einem anderen Mönch
in Wechselrede die Lehre darlegt, nicht mit diesem Mönche. 28
Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Mit einem anderen
Mönch in Wechselrede legt der Meister den Mönchen die Lehre
dar, nicht mit mir!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da
einem Mönche in den Sinn kommt: ›Die Mönche sollten beim Gang
nach dem Dorfe um Almosenspeise mich an die Spitze stellen,
keinen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass sie einen anderen Mönch
vorangehn lassen, nicht diesen. Da wird er erbittert und
missvergnügt: ›Einen anderen stellen sie voran, nicht mich!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn doch bei der Mahlzeit der beste Sitz, das
beste Wasser, der beste Bissen keinem anderen zufiele als mir!‹
Möglich, Bruder, dass der beste Sitz, das beste Wasser, der
beste Bissen einem anderen Mönche zufällt und nicht diesem. Da
wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer hat den besten
Sitz, das beste Wasser, den besten Bissen erhalten, nicht
ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen:
beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche
in den Sinn kommt: ›Wenn nur ich und kein anderer bei der
Mahlzeit satt werden kann!‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer
und nicht er bei der Mahlzeit satt werde. Da wird er erbittert
und missvergnügt: ›Ein anderer wird satt und ich nicht!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides
ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den
Sinn kommt: ›Wenn die Mönche den Garten besuchen, soll es nur
meine Sache und nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre
darzulegen.‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im
Garten versammelten Mönchen die Lehre vorträgt, nicht dieser
Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer 29
trägt den Mönchen die Lehre vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung,
Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. --
Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn
die Nonnen den Garten besuchen, soll es nur meine Sache und
nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre darzulegen‹.
Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im Garten
versammelten Nonnen die Lehre vorträgt, nicht dieser Mönch.
Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer trägt den
Nonnen die Lehre vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder,
und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich,
Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn Anhänger
und Anhängerinen den Garten besuchen, soll es nur meine Sache
und nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre darzulegen‹.
Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im Garten
versammelten Anhängern und Anhängerinen die Lehre vorträgt,
nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Ein anderer trägt den Anhängern und Anhängerinen die Lehre
vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass
da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten
die Mönche hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht
einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die Mönche einen anderen
Mönch hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht diesen
Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen
schätzen die Mönche hoch, halten ihn werth, achten und ehren
ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass
da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten
die Nonnen hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht
einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die Nonnen einen anderen
Mönch hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht diesen
Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen
schätzen die Nonnen hoch, halten ihn werth, achten und ehren
ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da
einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten die
Anhänger und Anhängerinen hochschätzen, werthhalten, achten
und ehren, nicht einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die
Anhänger und Anhängerinen einen anderen Mönch hochschätzen,
werthhalten, achten und ehren, nicht diesen Mönch. Da wird
er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen schätzen die
Anhänger und Anhängerinen hoch, halten ihn werth, achten und
ehren ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und
dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder,
dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Man sollte doch mir
eine auserlesene Kutte zukommen lassen, nicht einem anderen!‹
Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch eine auserlesene Kutte 30
erhält, nicht dieser. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Einem anderen geben sie auserlesene Kleidung und mir nicht!‹
Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist
Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn
kommt: ›Man sollte doch mir auserlesene Bissen, auserlesene
Lagerstatt, auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit
zukommen lassen, nicht einem anderen!‹ Möglich, Bruder, dass
ein anderer Mönch auserlesene Bissen, auserlesene Lagerstatt,
auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit erhält,
nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt:
›Einem anderen geben sie auserlesene Bissen, auserlesene
Lagerstatt, auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit,
mir aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses
Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Das aber, Bruder, sind
die bösen, verderblichen Sinnesrichtungen, die man unter dem
Begriffe der Schuld versteht.