Vor die starrenden Höhlen des grinsenden Schädels breitete uns Natur

eine weiche, zart getönte Maske aus Haut und Muskeln, Fett und

Fasergewebe, die bald straff gespannt, bald faltig und hängend ihr

Kolorit aus dem Rot des Blutes, dem Gelb des Fettes, dem Weiß des

sehnigen Gewebes erhält. Wohl gibt das feste Stativ der Knochen auch

dieser Maske die entscheidende grobe Modellierung, aber der eigentliche

Modelleur ist das Fett, die Füllsubstanz, die Abrundung gebende Masse,

die erst die weichen, schwellenden, welligen Linien schafft. Dieses aus

feinen, gelben Träubchen gebildete Gewebe ist die eigentlich plastische

Substanz in der Hand der größten Bildnerin Natur. Die unendlich

wandlungsfähige Struktur dieser in der Anatomie etwas grob als

Fettpolster bezeichneten Substanz bringt es mit sich, daß das Gesicht

oft momentane Ausdrucksvarianten durchmacht, ganz ohne Muskelaktion,

allein nach dem Gehalt an Blut und Zellsaft in diesem aufsaugungs- und

entleerungsfähigsten Gewebe. Welch ein Zusammenfallen der gespannten

Züge der Wangen und der Gesamthaut beim plötzlichen Absinken der Kräfte

im Schreck, in der Ohnmacht, im Chok, im höchsten Schmerz! Ohne daß ein

Muskel zuckt, fällt der Tonus der Haut, das mittlere Maß gesunder

Spannkräfte zusammen wie die Segel bei sterbendem Winde. Der im

psychischen Affekt der Hilflosigkeit absinkende Blutdruck entleert die

strotzende Füllung der Fett-Träubchen, und das hohle Polster entzieht

der gespannten Haut die rundende Unterlage. Nirgends ist das so deutlich

sichtbar wie am Auge. Man hat sich vielfach den Kopf zerbrochen über die

physiologische Bedeutung der Schatten unter den Augen, dieser "blauen

Ringe der Venus". Die Lagerung der Augäpfel ist vom Gehalt der

Augenhöhlen an Fett abhängig, weshalb bei Leidenden, Hungernden, bei

Gram und Grübeln die hohlen Augen entstehen, d.h. bei mangelndem Fett

die beiden Augäpfel abwärts und nach hinten sinken. Dadurch bilden sich

Falten zwischen Haut und unterem Knochenrand der Augenhöhle, die das

dunkle Venenblut hindurchschimmern lassen. Dieser Mechanismus des

Zurücksinkens der Augäpfel kann so momentan vor sich gehen, daß eine

schwere Anstrengung, ein vorübergehendes Ermatten des Herzens, ein

Sinken des Blutdrucks, ein Schreck, eine Depression, die höchste Wonne

der Liebe und das tiefste Weh mit dunklen Schatten das Auge oft ganz

plötzlich umkreisen. In diesem Sinne ist das Auge ganz sicher ein

Spiegel der Seele, wie auch das Aufleuchten der Freude, das Blitzen der

Lust im entgegengesetzten Fall den Anstieg des Blutdrucks am Auge

erkennbar machen. Wir verstehen also, daß ein Schwinden des Fettes z.B.

im Alter die Haut runzlig und faltig, wegen Nachlassens der feinen

Unterpolsterung der elastischen Gesichtsmuskeln machen kann. Der

nutzlose Kampf gegen Runzeln und Krähenfüße würde nicht so verbreitet

sein, wenn eben nicht dieses Nachlassen einer gewissen Spannung des

Fettgewebes unter der Haut, seine Schwellbarkeit und Erektilität, nicht

so verräterisch für die Zahl der Jahre wäre, die über ein Antlitz ihre

Ringe und Furchen gezogen haben nicht viel anders wie am Durchschnitt

des Baumes. Auch Menschenstirnen tragen Jahresringe mit ihren

Sorgenfalten, Kummerlinien und Schmerzensrunen! Daß hier ein feinerer

seelischer Mechanismus im Gesicht im ganzen wie am Auge im Spezialfall

besteht, beweist, daß es nicht allein die Anwesenheit von Fettgewebe

ist, die Faltung und Runzelung verhütet, weil das Alter ja im

allgemeinen fett macht, sondern daß es eine gewisse Schwellbarkeit des

Fettgewebes ist, die mit psychischen Affekten Hand in Hand geht, die

jung erhält, und deren mit dem Herzdruck und der Atmungsenergie sinkende

Intensität den alternden Gesichtern die strotzende Kraft, die psychische

Potenz nimmt.

Und nun zu den Grübchen: diesen launigen kleinen Schaukelwiegen der

Grazien, der Kobolde und Neckerpeter, diesen kleinen Nischen der

kichernden Heiterkeit, die so zart und liebreizend sein können, so weich

wie die von dem Flaum einer Möwen- oder Schwalbenbrust im Seesand

eingebuddelten Mulden. Auch sie haben mit den Fett-Träubchen zu tun; sie

sind nicht, wie ein Poet sagt, "die frohen Tippstellen einer mit ihrem

Werk zufriedenen Gotteshand", sondern sie sind an sich prosaisch genug

Hauteinziehungen über Schmelzlücken des inneren Fettgusses. Wo

Muskelgruppen gegenseitig Lücken lassen, die nicht wie sonst durch die

plastische Füllmasse von innen her verdeckt werden, entstehen diese

kleinen Zentren der lachenden Lebensfreude, deren Beziehung zum

seelischen Innenleben eine so feine und schnell reagierende ist, weil

diese Polsterlücken rings von Muskelkulissen umgeben sind, deren

unaufhörliches seelisches Spiel wir schon mehrfach betont haben.

Gestehen wir es nur ruhig ein, die Wissenschaft kann nichts Erhebliches

mehr dagegen einwenden: das Gesicht mit seinen komplizierten

Einrichtungen symmetrischer Faltungen, Linien- und Furchenbildungen ist

ein Apparat der Seele, der von den groben und typischen Rhythmen des

mimischen Ausdrucks der Affekte bis zu den leise widergespiegelten,

huschenden Beschattungen des Gemüts dem Seelenforscher verräterische

Kunde gibt. Der allein durch Faltung, Verziehung, Schwellung und

Abschwellung, Runzelung, Zuckung des Fettes und der Muskelbündel

erzeugte Wellentanz der enorm elastischen Gesichtshaut hat so

komplizierte Mechanismen, daß es denkbar ist, daß zwei Menschen der

Sprache entraten könnten, um sich über alles Wesentliche zu

verständigen, und daß die Möglichkeit besteht, daß viele Tiere nur durch

eine komplizierte Mimik gegenseitigen, die Sprache ersetzenden

Meinungsaustausch und Verständigung erzielen. Man denke an die mimische

Nachahmbarkeit der Gesichtszüge bei Schauspielern, um sich ein Bild von

der Feinheit des Muskelspiels im Kommando der Phantasie zu machen. Wird

es doch immer wahrscheinlicher, daß die oft zu beobachtende Ähnlichkeit

miteinander alt gewordener Ehepaare auf einer Nachahmung der Bewegungen

des Gesichts beim Essen, Sprechen, Trinken, Lachen und Weinen beruht.

Und auch die Ähnlichkeit der Kinder mit ihren Eltern mag häufig mehr

funktioneil als formal sein, d.h., die nachgeahmten mimischen Eigenarten

der Eltern lassen die Kinder ähnlicher erscheinen, als sie es in

meßbaren Formverhältnissen, etwa der Nase, der Augen usw., wirklich

sind.

Da alle Faltungen der Gesichtshaut also Muskelbewegungen ihren Ursprung

verdanken, so sind sie, wie alles Rhythmische, in gewissem Sinne

übertragbar. Nicht nur Kinder ahmen exzentrische Gesichtsausdrücke nach,

auch Erwachsene eignen sich posenartige Grimassen anderer an. So

schreibt die Seele mit flüchtigem Griffel ihre Neigungen, Wünsche und

geheimsten Sehnsuchten ins Tagebuch unseres Antlitzes, adelt unschöne

Züge durch heißen Trieb zum Edlen und verzerrt die edelsten Linien aus

der Hand des Göttlichen bis zur Abscheulichkeit. Wir alle sollten mehr

in Gesichtern als in Büchern lesen lernen!

DAS WUNDER DER WUNDHEILUNG

Eine der gewandtesten, nur selten entlarvten Gauklerinnen ist die

Gewohnheit. Sie versteht es, Rätsel, Merkwürdigkeiten und Probleme des

Lebens langsam und ganz unkontrollierbar hinwegzueskamotieren, so daß

nur wenige von uns hinter ihren Kunststückchen die Möglichkeit eines

noch anderen Sachverhalts wittern. Dem Realisten ersetzt die Erfahrung

vollkommen die Erklärung. Was man recht oft erlebt, das glaubt man zu

begreifen, und Phänomene, die wir angestaunt haben, werden, wie Telephon

und Biograph, den Enkeln als die selbstverständlichsten Dinge von der

Welt erscheinen. Dem großen Kind, dem Erwachsenen, ergeht es nicht

anders: Gewohnheit und Routine nötigen uns eine Brille auf, die in dem

Walten der Natur an allen Fragezeichen, an allen noch unbekannten

Mächten, allen Märchengestalten, Symbolen und Mystizismen uns

vorbeisehen läßt. Es war immer so, ist nun einmal so und wird gewiß so

sein: das ist die Suggestionsformel der Erfahrungsweisheit, mit der das

träumerisch betrachtende, nachdenkliche, nach Ergründung sehnsüchtige

Gemüt in den Bann der "Bedürfnisse des praktischen Lebens"

zurückbeschworen wird. Und doch hat jeder in seinem Beruf Kenntnisse von

merkwürdigen Dingen, über die er anders zu denken, als es die Tyrannei

"allgemeine Ansicht" mit den Fesseln der Gewohnheit erheischt, wohl

einen tief verborgenen Trieb verspürt.

So ist für die meisten die Tatsache, daß Wunden heilen, eine

naturgegebene und selbstverständliche Eigenschaft des Lebendigen, über

die es für die Praxis nur so weit Betrachtungen anzustellen lohnt, als

die Forschung Mittel und Wege verheißt, den Ausgleich einer

Gewebsdurchtrennung sich möglichst schnell und gründlich vollziehen zu

lassen. Die Wundbehandlung interessiert naturgemäß viel mehr, als das

Problem der dabei ausgelösten Kräfte: die geheime Spinnstube des

Zellstaates. Und doch: jeder, der eine Wunde behandelt, der ihren

Zustand prüfend abwägt, sieht unmittelbar dem Wunder aller Wunder ins

Auge: dem Entstehen und Vergehen des Lebendigen, der Neugeburt, dem

Ersatz des Verlorenen, _einem Versuch zur Unsterblichkeit_. Wenn er ein

bißchen Künstler ist in seinem Anschaun der Natur, wird ihn etwas von

der Ehrfurcht berühren, die jeden umweht, der sich den verschlossenen

Türen naht, hinter denen ein Geheimnis schlummert. Die Wundheilung ist

doch der Vorgang einer ausgleichenden Neugeburt an der Stelle

vernichteten Zellebens. Regeneration, Wiedererzeugung lautet das

allgemeine Gesetz, von dem die Wundheilung nur eine Teilerscheinung,

einen Spezialfall darstellt. Vieles ersetzt sich an unserm Leib immer

aufs neue, auch ohne daß es äußerer Gewalt zum Opfer fällt: unsere

Fingernägel sind in 4-5, jene der Zehen in 12 Monaten vollständig neu

erzeugt, unsere Augenwimpern wechseln in 100-150 Tagen, und nach 4

Wochen wird keine Hautschuppe mehr an meiner Körperoberfläche sein, die

heute hier geboren und ans Licht gehoben wurde. Unsere Hornhaut, dieses

klare Fensterchen, durch das alles Licht und jeder Schatten in unsere

Seele fällt, wird immer neu gefügt vom Rand her und immer neu geputzt

vom sanften Schlag der Lider. Den ganzen Körper durchstreifen Millionen

wandernder Säemänner, die die weiten Felder und die tiefen Schachte

aller organischen Gebilde mit neuen Keimen überschütten. So ist das

Wunder des Säens und des Erntens, der Akt des Fruchtens und des

Neubildens, des Sterbens und der Wiedergeburt in uns allen immer am

Werk. Die winzigen Handlanger dieser ständigen Arbeit bei Tag und bei

Nacht am Webstuhl des Organischen sind direkte Abkömmlinge jener

Wunderzellen, die eine rätselhafte Kugel formten, aus deren Kapsel das

Dasein eines jeden von uns sprang: die Träger der erhabenen Idee der

Menschheit. Denn was ist ein befruchteter Keim anders, als die sichtbare

Form der Unsterblichkeit, eine Hoffnung, ein Beweis für die

Unvernichtbarkeit des Lebendigen, für die kontinuierliche Erhaltung auch

der kompliziertesten Kräfte! Diese Keimlinge, die kein Geringerer als

der Nestor der Anatomen, der greise _Kölliker_ in Würzburg, als direkte

Überbleibsel des befruchteten Eies auffaßte, die sich zu Millionen

Individuen, zu weißen Urtierchen, Leukozyten genannt, in unserm Körper

vermehrt haben, springen nun überall ein, wo es eine Neuarbeit, eine

Reparatur, ja auch nur einen Widerstand, eine Gefahr gibt. Sie kämpfen

mit Bakterien, produzieren Heilkörper, sie stillen die Blutungen durch

Abscheidung von Gerinnungssaft, sie tragen die Nahrung den fernsten

Geweben aus den großen Drüsenarsenalen der Verdauungshäfen zu, sie sind

die Lastträger und Transporteure abgeschiedener, unbrauchbarer und

fremdartiger Gewebsbestandteile, Arbeiter, die Gerüste aufbauen und

Ruinen abtragen, überall gegenwärtig und immer bereit, aus den tausend

Millionen Spalten, die das Blutadersystem ihnen offen läßt,

hinauszuschlüpfen und nach dem Rechten zu sehen: eine Armee kleiner

Hygieniker, Krieger und Friedensförderer zugleich. Wo organisches Leben

sich erhält und ersetzt, besteht es und formt es sich neu durch diese

direkt von der Zeugung dem neuen Individuum erhaltenen Kraft der

Ergänzung des Verbrauchten. Diese Fähigkeit ist merkwürdigerweise für

die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten eine höchst wechselnde, d.h.

der Grad, bis zu dem ein verlorener Teil wieder ersetzt werden kann,

scheint in umgekehrtem Verhältnis zur Ausprägung eines erhöhten,

individuellen Lebens zu stehen, und je weniger ein Tier- oder

Pflanzenexemplar in jedem einzelnen seiner Teile individuelle

Variationen und Differenzierungen aufweist, je mehr es nur

Artrepräsentant ist, desto weiter geht die Ersatzfähigkeit des

Verlorengegangenen. Spinnen und Krebse ersetzen sich mit allen

zugehörigen Teilen abgeschnittene Fühler, Beine und Scheren; Schnecken

erhalten ganze Teile des Kopfes mit Fühlern und Augen wieder; Fische

vermögen die verlorene Schwanzflosse völlig wieder auszubilden. Bei

Salamandern und Eidechsen zeigt sich ein Wiederwachsen des ganzen

verlorenen Endleibes mit Knochen, Muskeln und selbst einem Teil des

Rückenmarks, ja bei jungen Eidechsen führt seitliches Einkerben des

Schwanzes zum Hervorwachsen eines zweiten aus der Wunde. Von solchen

Vollkommenheiten des Wiederersatzes und einer luxuriierenden Wundheilung

über den Bedarf hinaus ist freilich der Mensch leider weit entfernt.

Es ist beinahe, als hätte die Natur es seiner Launenhaftigkeit und

Eitelkeit, niemals sich mit dem Gegebenen zu bescheiden, versagt, mehr

als einmal die Nase zu wechseln und sich mehrfach schönere Augen

einsetzen zu lassen.

Das Tier freilich, frei von Eitelkeit und selbstquälerischem Grübeln

über die eigene unzulängliche Schönheit, kann mit diesen hohen Gaben der

Wiederbildung abgeschnittener Glieder keinen Mißbrauch treiben.

Ist es aber nicht geradezu das Ideal einer Regenerationskraft, wenn wir

erfahren, daß man den Schirm der gelatinösen Meerqualle (Meduse) in

beliebig viele Stückchen zerschneiden kann und aus jedem ein ganzes,

neues Quallenindividuum hervorwächst, sofern nur an dem Torso ein Stück

des Randes erhalten blieb; wenn Plenarien, Infusorien, Süßwasserpolypen,

Ringelwürmer die Fähigkeit zeigen, aus zerstückelten Trümmern eines

Individuums ebenso viele Söhne und Töchter zu bilden? Man denke an das

in diesem Fall glückliche Opfer des berühmten Schwert- und

Schwabenstreichs--die zur rechten und zur linken herabgesunkene

Türkenhälfte hätte sich nach einiger Zeit als ein Bruderpaar

erhoben--wenn auch der menschlichen Neuerzeugung ohne das Zwischenglied

einer neuen Mutter so weite Grenzen gesteckt wären! Für uns Warmblüter

ist es nun einmal anders angeordnet, jene Kaltblüter können sich also im

Notfall auch ohne Liebe fortpflanzen, jeder ihrer Teile enthält in

sich alle Keime zum Neuersatz des Ganzen. Da ist der hochorganisierte

Mensch so arm: die Narbe, diese rötliche, später grauweiße Marke,

dieses Kainszeichen eines Unglücks, einer von außen wirkenden

Gewalt, bei Studenten das stolz getragene Merkmal besonderer

Heldenhaftigkeit--dieses indifferente Gewebsmaterial ist das einzige,

womit im günstigsten Falle die Krone der Schöpfung zum Ausgleich

beschädigter oder entfernter Teile dienen kann. Und doch: in dieser

Narbe, dieser bindegewebigen Substitution des Zerstörten, in diesem

scheinbar so unvollkommenen Surrogat höher organisierten Gewebes stecken

so viele merkwürdige, abgelaufene Prozesse, eine solche Fülle

bildnerischer und zum Teil problematischer Vorgänge, daß es sich wohl

auch für den Nichtfachmann lohnt, einmal einige Blicke auf ihre

Entstehung zu werfen. Wohl jeder trägt irgendeine Narbe an sich, deren

Geschichte auf einiges Interesse rechnen darf.

Was geschieht, wenn ein scharfer, spitzer, schneidender oder reißender

Gegenstand in unsere Körpergewebe dringt? Ob die Stelle der Verletzung

oder Durchtrennung die Oberfläche oder die Tiefe betrifft, ob sogenannte

edle oder unedle Teile getroffen werden, sofern das Organ kein direkt

lebenbeherrschendes ist, wie z.B. einige Teile des oberen Rückenmarks,

durch deren Läsion das Leben wie an einem geöffneten Ventil ausströmt,

stets werden dabei neben den spezifischen Gebilden des betreffenden

Organs diejenigen Netze mitzerrissen, die überall sind: Lymph-,

Blutgefäße und das stützende Gerüst, die Bindesubstanz, in die sämtliche

höheren Organe, Drüsen, Muskeln, Nerven, Knochen, eingelassen sind. Denn

neben dem knöchernen Skelett durchsetzt, hält und stützt unsern Körper

ein bindegewebiges Gespinst, in dessen Maschen die eigentlich

funktionierenden Substanzen aufgehängt sind. Dieses Maschennetz stellt

zugleich die Bahnen dar, auf denen Blutgefäße und Nerven ihre Ströme zu

den Zentralorganen hin- und zurückleiten. Diese drei Faktoren werden

also überall getroffen, wo die Kontinuität des Gewebes gewaltsam

durchbrochen wird, d.h. wo eine Wunde entsteht. Daher blutet sie, daher

schmerzt sie, daher klafft sie. Meldet der Schmerz, dieser bissige und

sprungbereite Wächter der Gefahr, den Vorgang zum Gehirn, so sucht

seinerseits das herausströmende Blut die eingedrungenen Schädlichkeiten

abzuschwemmen: Staub, Bakterien, Gifte, zerrissene und gelöste

Gewebsfetzen, die der Zersetzung anheimfallen und Kadavergifte

produzieren würden, werden so fortgerieselt, und beim Kontakt des Blutes

mit der Luft, beim Aufhören der gewohnten Berührung mit der inneren

Glasur der Gefäßröhren (dem Endothelium), gerinnt ein Teil und liefert

den organischen Kittleim, dessen weiche Masse die Grundlage für die

Organisation der späteren Narbe abgibt. Zugleich wandern aus den

vielfachen Spalten des Bindegewebes, durch dessen Entspannung die Wunde

klafft, jene Keimlinge der Regeneration, die weißen Blutkörperchen aus,

die dem zerrissenen und aufgewühlten Mutterboden die neuen Saatkörnchen

zutragen. Nun zeugt und keimt es unaufhörlich, Zelle um Zelle des

Mutterbodens, die Gefäßhäutchen, die Saftlückenauskleidungen, die

Nerven, die Bindegewebszellen, sie produzieren von beiden Seiten des

Wundspaltes her ein Chaos sich umschlingender, durchwachsender, mit den

Fühlern verschmelzender, junger Brut, die scheinbar regel- und ziellos

vorwärtsstrebt gegen das jenseitige Ufer. Die Vorposten beider Seiten

berühren sich im Innern des trennenden Gerinnsels. Nirgendwo aber gilt

trotz des Durcheinanders aller dieser Zellarten so sehr der Satz omnis

cellula e cellula, auf deutsch: Art schlägt sich zu Art, wie hier bei

der Wundheilung. Allmählich entwirrt sich das Chaos; was zu Gefäßen

gehört, bildet mit Geschwisterzellen einen Hohlraum, der schon

angeschlossen an das alte Kanalsystem und schon gefüllt ist mit den

roten und weißen Ernährungszwischenhändlern, den Blutkörperchen; das

Bindegewebsnetz beider Seiten findet sich zu einem spannkräftigen

Spinngewebe zusammen, dessen Elastizität gleichsam wie mit eingelassenen

Stricken die Wundränder ständig zur Mitte zusammenzieht, d.h. sie

einander nähert; die Nerven senden ihre Fühler kontinuierlich aus und

finden sich sicher in dem Wirrwarr übereinandergehäufter Mauersteine

zurecht.

Dann reichen sich die Werkmeister beider Seiten endlich die Hände und

bilden die Strebepfeiler des neugefügten Lebens. Es legt sich

Gefäßkolben an Gefäßkolben, Nervenbündel gegen Nervenbündel, und das

immer enger sich maschende Bindegewebsnetz bildet offene Lücken und

Kanäle, so daß schon in weniger als zehn Tagen, bei ungestörter Heilung,

Blut-, Saftstrom und Nervenleitung und mit ihm Leben und Nahrung

ungehindert von einer Seite zur andern durch die Mauerwand des

provisorischen Gerinnsels herüber und hinüber rollen. Darüber deckt

sich schließlich der Teppich der Hautschuppen, der von seinem

Muttergewebe aus im Moment der Vollendung dieses Kabel- und

Kanalisierungssystems--wunderbar genug--nicht früher und nicht später,

wie auf ein bewußtes Kommando, neugeborene Deckzellen abschiebt und über

die noch etwas erhaben rötliche Narbe ausbreitet. Was gibt den Anstoß zu

all diesen mit dem Mikroskop mühsam durch die Arbeiten eines _Virchow_,

eines _Thiersch_, eines _Billroth_ erforschten Keimungs-, Sprossungs- und

Reparaturvorgängen? Ist es nicht merkwürdig, zu denken, daß der

plötzliche seitliche Hemmungsfortfall, den der Schnitt oder der Riß

bedingt, gleichsam ungezählte Spaltlücken hervorquellenden Lebens öffnet

und daß von den reich ausströmenden Saatkörnern auch dem winzigsten

etwas anhaftet, das wie ein Bewußtsein einer Pflicht, einer Berufstreue,

einer bestimmten Rolle im ganzen Staat anmutet? Woher kommt dieser

unmittelbar sich äußernde, regulierende, maßhaltende, sich in Reih und

Glied stellende, einem idealen Typus, einem vorangegangenen Plan

nachbildende Gesamtwille, der aus dem Chaos des Formlosen, aus dem Nebel

des scheinbar Wahllosen und Zufälligen höchste Organisationen,

wundersamste Funktionen herausbildet? Da drängt sich dem dazu

disponierten, sinnenden Betrachter jene Ehrfurcht auf, die im Kleinen

wie im Großen Unbegreifbares als einen Teil des Erhabenen nie ohne

innere Bewegung anschaut und die dem Naturforscher so leicht verloren

geht, obwohl gerade er so vielen Anlässen zu ihr begegnet. So ist auch

dem Praktiker der Wundpflege ein immer reges, naives Sichwundern

dienlicher, als ein gleichgültiges "Das muß so sein!" Beim allzu kühnen

Eindringen in das Allerheiligste menschlicher Gewebe und bei den

gewohnten Erfolgen der Chirurgie erstirbt zu leicht das so natürliche

Dankgefühl gegen die wunderbaren Hilfsmittel, die uns das ewig um

Erhaltung ringende Leben in die Hand gibt; nicht wir sind die Meister,

es sind alles Seine hohen Werke!

Daß unsere Kunst es verstanden hat, gerade gegen Ende des vergangenen

Jahrhunderts sich zum Diener dieser Naturkräfte zu machen, ist der

Schlüssel zum Verständnis ihrer staunenswerten Erfolge; nicht allein hat

sie es gelernt, die Hemmungen eines ungestörten, natürlichen

Wundverlaufs (prima intentio naturae) auszuschalten (Antisepsis,

Asepsis), indem sie die überall drohende Wundsaftzersetzung verhüten

lehrte, die Gesamtheit namentlich der deutschen Chirurgen, allen voran

ein _v. Langenbeck_, _Billroth_, _Thiersch_, _Mikulicz_, _Czerny_, _v.

Bergmann_, haben die Technik der Benutzung der natürlichen Hilfsquellen

wahrhaft erstaunlich gefördert. Hier hat sich der Fleiß und das Genie

des Menschen wetteifernd den Wundern der Natur an die Seite gestellt.

Gleichsam als hätte eine bewußte Arbeitsteilung Talent und Energie je

nach der Individualität vor eine besondere Aufgabe gestellt, so hat

jeder der Genannten und viele neben ihnen bestimmte Gebiete der Kunst

mit besonderem Glück auszubauen verstanden, v. Bergmann lehrte

zahlreiche Vorbedingungen zu erfolgreichen Eingriffen am edelsten Organ,

am Gehirn, v. Langenbeck war ein Reformator der plastischen Chirurgie,

Mikulicz und Czerny haben mit Billroth gewetteifert, die Chirurgie des

Unterleibs technisch zu erschließen, Thiersch, Reverdin und Gluck waren

Begründer der künstlichen Gewebsüberpflanzung, und noch neuerdings haben

Rehn in Frankfurt und Kümmel in Hamburg gelehrt, daß man selbst Wunden

des Herzens und der größten Gefäße zur Heilung zu bringen vermag. So ist

denn der plastische Ersatz und die Vereinigung getrennter Gebiete durch

die Naht und durch die verklebende und substituierende Narbe fast für

jedes Organsystem fruchtbar gewesen, und die glückliche operative

Entfernung verlorengegangener Gehirnteile, die Ausschneidung auch

größerer Teile von Darm- und Magenstücken, die zweckmäßige

Wiedervereinigung und Umschaltung der röhren- und sackförmigen Gebilde

des Verdauungskanals sind dem oft rettenden Walten geschulter Chirurgen

ebenso zugänglich, wie das Herz, die Lunge, die größten Gefäße, in denen

das Leben an seiner Wurzel strömt und atmet. Das alles wäre nicht

möglich gewesen ohne ein immer eingehenderes Betrachten der Wunder der

Wundheilung, zu denen das bloße Auge nicht ausreichte, sondern sich mit

den schärferen Linsen des Mikroskops bewaffnen mußte. So wurden denn von

den Meistern der reinen Naturbetrachtung in stillen Werkstätten die

Geheimnisse enthüllt, die der Chirurgie in ihrer praktischen Anwendung

so ungeheure Erfolge brachten.

DAS MYSTERIUM DER ERNÄHRUNG

Von der Seele · 第 17 / 18 段