Weltanschauung muß es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz nüchtern
klar zu machen, daß das Leben nur bestehen kann, indem es Leben
vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und
Pflanzenvernichtung! Dieses mörderische Gesetz vom Werden durch Sterben
ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und fühllos
von Mutter Natur gedacht, wie es unästhetisch ist. Eine Art Lebewesen
scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und
gefressen zu werden: das wäre so eigentlich die Quintessenz des Kampfes
ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe
Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es
sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem
unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine
versöhnlichere, dem menschlichen Fühlen weniger schmerzliche und
peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden können?
Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur,
aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine schönheitleuchtende,
schöpferische Göttin, die Möglichkeit, uns Menschen von diesem
Bannfluche alles Lebendigen--der übrigens schon im Paradiese am Werke
gewesen sein muß--zu befreien durch künstlich hergestellte
Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiweiß? durch Synthese
von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles
dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein muß,
um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie
vom Standpunkte der Eiweißchemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem
Eiweiß sehr ähnliche Verbindungsreihe von Körpern, nämlich die
Peptonoide, eigentlich Eiweiße, wie sie im Magen zur Verdauung
umgearbeitet werden, tatsächlich herzustellen und damit Tiere zu
füttern.
Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich
vor dieser Tatsache erschüttert gefühlt wie vor einem gedanklichen
Elementarereignis! Es müßte etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe,
wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen,
wenn diese Tatsachen wirklich bestätigt würden. Die Mehrzahl der
Naturwissenschaftler steht selbstverständlich auf dem Standpunkte, daß,
wenn es gelänge, das Eiweiß chemisch rein aus seinen Elementen
aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gelöst wäre. Dann
reißt man Schlachthäuser nieder und baut den küchen-chemischen
Großbetrieb!
Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit künstlichem Eiweiß nach
meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten können, was schon die
scheinbar gänzlich mißlungenen Versuche der Hundefütterung mit
peptonähnlichen Körpern beweisen dürften; was aber erst würde für eine
Verblüffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiweiß künstlich
durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel wäre? Hier
ist ein Rhodus für unser naturwissenschaftliches Denken, das wir
überspringen oder überwinden müssen. Hier ist eine Probe auf die
Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen Überzeugung!
Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium
in der Ernährung_ vergessen! So muß eines Tages die Lehre von den
Wärmeeinheiten (Kalorien), die der Körper zu seinem Betriebe aus der
Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der
Ernährungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil über
seinem chemischen Mechanismus noch ein Rätsel, ein Wunder, ein
Sonderbares schwebt, das erst erklärt, warum Leben nur durch Leben sich
erhalten kann.
Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken darüber auszusprechen,
nicht allein weil ich sie für interessant genug auch für ein breites
Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung für
durchaus neu und wichtig halte.
Meine Ansicht ist, daß die Ernährung eigentlich eine stetige
Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen
uns ständig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich
neu, nachdem sie abgestoßen und verbraucht sind. Wir werden immer von
neuem geboren, täglich, stündlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr
dieselben, welche wir waren. (Welch Trost für veredlungs- und
besserungsbedürftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen
Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen,
sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und
Schöpfungsweben das Bewußtsein unseres Ichs zuflüstert, dieser ganze
Zellstaat des Individuums stirbt fortwährend ein bißchen und wird
fortwährend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand
geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach
der Herkunft aller der Saatkörner, die nun einmal für eine Zeugung
unerläßlich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben,
so daß der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule
vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von außen
irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes
wirksame Saat?
Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle nötig. Aber sie
selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle
scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine
merkwürdige chemisch-physiologische Zähigkeit. Er besteht aus
Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier
unzerstörbar. Keine Säure, keine Lauge, keine Verdauung kann es
vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der
Kerne steckt das Mysterium der Ernährung._ Dieses ist in jeder
Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne
Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es
ist aber auch der Träger aller Befruchtungsvorgänge.
Durch einen Zufall sah ich einst ein Stückchen Schleimhaut von einem
Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff
war, zu verdauen. Ich war aufs höchste erstaunt. Die ganze Schleimhaut
nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit weißen
Blutkörperchen, dieser Armee von Heinzelmännchen und Liliputanerpolizei
in unserem Leibe, in so auffallender Weise, daß ich das für eine
Entzündung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei
einem völlig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer
Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er schüttelte den
Kopf und meinte, das müßte ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich weiß
jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, daß jede Magenwand im Zustand
der Verdauung prall gefüllt mit diesen weißen Ameisen des Lebens ist und
daß sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen
Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie
überall mit dem Blutstrom und treten durch die Gefäßlücken ins Gewebe
und streuen, die echten Säemänner des Geheimen, die Samen aus, die sie
aus der Nahrung nahmen, überall wo es nottut, wo der wallende, wogende,
rollende Teppich des kleinsten Lebens eine Lücke, einen Defekt erhalten
hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der
Maschinenheizung und nach dem Äquivalent von Wärme und Arbeit, die
Millionen Nukleinkörnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung
und ewigen Gebarens, würden ganz verloren sein und nur die Äcker
düngen, wenn diese kleinen Wächter des Zellbestandes sie, die sonst
Unverdaulichen, nicht abfangen würden, als die eigentlichen Träger des
Wunders der Ernährung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen
Wiesen und Zellrasenflächen, denen im kleinen Maßstabe das menschliche
und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens
sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschlüsselein,
die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der
Zeugung aufschließen, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen
lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengroßen Lebens. Nuklein
ist sogar der Träger der Persönlichkeit, der Artcharaktere, der
Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es
auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Gepräge,
von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen
fortwirkenden Konstanz.
Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene Überzeugung, daß die
Ernährung nicht erschöpft ist durch die Bilanz von Aufnahme von Wärme
und Umsatz in Arbeit, sondern daß neben diesen betriebstechnischen
Vorgängen noch ein Prozeß einherläuft, welcher das Rätsel des Lebens in
sich schließt und darum mysteriös und wundervoll ist. So aufgefaßt ist
die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf
aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines
allmächtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Genüge finden
konnte an dem schon Erreichten, sondern das unablässig am Werke ist zu
variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des
bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein
Wesen, für das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die
Staubflüge des Sonnenstäubchens und das Lieben und Zeugen der
allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von
Mensch, Tier und Pflanze.
DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE
Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie
läßt nichts hüllenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom
niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten
Prachtexemplaren: an Körperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem
Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein natürliches
Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, über die schillernde Schuppen,
leuchtende Farbenglut, Blütenschmelz und schmückende Zier
verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder
ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender
Abwehrpanzer, ein schützender Wall von Höckern, Stacheln, Borken und
Horngerüsten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des
eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der
Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schließt die
Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun könnte. Wir
sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und
Körperhüllen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige
Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la
nature der eingeborenen Hülle hinzugefügt, wiederum in analoger
Verquickung von Schutz und Schmuck--nämlich unsere Kleidung, bei welcher
die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft
am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur
selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges
Trikot, in dem wir immer herum gehen müssen und das wir niemals ablegen
können! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und
reichem Glanz, das hinreißend schön sein kann, solange der Jugend
Blütenschmuck über ihm gebreitet liegt, und das im Alter die
Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die
Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die
Körperwärme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht,
Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte
und sondert schützende Öle ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich
aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander
unterscheiden läßt, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin weiß, der
Träger eines gut Teils unserer Persönlichkeit ist, sie hat eine
Farbenskala von großem Reichtum und trägt ein mikroskopisches,
Wiesendecken gleiches Feld feinster Härchen, das sich zu Busch und Wald
verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensrätsel sich verbergen,
das unser Göttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser
Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nervösestes Organ!
Nicht allein, daß sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des
Gefühls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am
Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich
einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der Mühe lohnen dürfte. Die Haut
erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gefühlen der Lust und des
Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann erglühen vor
Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens,
der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins,
und der Rückschlüsse, welche der Kundige allein aus ihrem Befühlen auf
unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen
kann, sind unzählige. Und nun dies Befühlen selbst. Welche Fülle
seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung
einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite
übermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungsknäuel, die als
sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastkörperchen ausgesät
sind und von Mensch zu Mensch ihre Ströme senden! Welche Wunder der
Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das
wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchstäblich
nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das
Nervensystem nach außen in die Welt ausgestülpt hat. In der Haut schuf
sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen,
hier wogen und wallen die feinsten Nervenströme hin und her, die uns
orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von
hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis
ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende
Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den
ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum
einschlürft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine
Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie
übermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel übersät
mit Nervenflitter und Glühlämpchen von ebenso geheimnisvoller wie
schönheitdurchleuchteter Zweckmäßigkeit. Es ist meines Wissens
noch niemals genügend betont, daß die Haut, diese Hülle und diese
Offenbarung unserer Persönlichkeit, nachweisbar anatomisch und
entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist.
Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die mütterliche Eizelle
befruchtet ist, wenn mit goldenem Schlüssel des werdenden Menschen erste
Blüte aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in
drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen übereinander: den
sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Baugerüst des Leibes, das
Skelett mit seinen Säulen, Röhren und Kapseln, Schädel und Rückgrat, aus
dem anderen Herz, Gefäße, große Drüsen und der Ernährungsweg, und aus
dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da
haben wir des Rätsels Lösung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches
Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem
tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und
physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich kühn den Satz: unsere
Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von
unserer Seele ebensoviel zu künden, wie von der des anderen zu empfangen
vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie
ist nach außen gestülptes Gehirn, sie enthält, entladet und empfängt
einen beträchtlichen Teil des seelischen Geschehens überhaupt. Jetzt
erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen
Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige
Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus möglich
sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens
sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die
Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Schönheit ist, warum
Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine
sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann
gemessen werden an dem Maß von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der
Haut verwenden. Zur Kultur der Seele gehört untrennbar die Kultur der
Haut. Die Zeiten sind für immer vorüber, in denen struppiger Bart,
ungepflegte Hände, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht für das
Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs
Äußere", pflegte man früher von einem solchen teutonischen Kraftmeyer
entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen,
wobei man eben vergaß, daß das "Äußere" unseres Leibes, die Haut,
durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewiß können wir es durch keine
Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Blütenschmelz
zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder
der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht schöner
gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den
Höhepunkt ihrer Elastizität, Leuchtkraft, Frische und dynamischen
Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-,
Y-oder Z-Strahlen--abzwingen.
Ein Blick auf eines Menschen Haut--übrigens instinktiv zur Abschätzung
der Persönlichkeit ebensooft geübt wie der forschende Blick in die viel
weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als
viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen
Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der
Kampf ums Dasein aufnötigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner
Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut
verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine
schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Trägers
Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen:
seht! wie mein Herr mich hält, so ist sein ganzes Wesen! Welch
armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur Lüge zu zwingen, durch Puder,
Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt muß uns Männer für
lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann,
es gäbe jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier
kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel
gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer
nicht täglich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad,
Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, versäumt ja nicht
nur, den natürlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu
halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die
unerläßlichsten Kraftquellen zu erschließen. Es ist wissenschaftlich
noch nicht völlig geklärt, warum die täglichen kalten und wechselnden
Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube
an eine Art Turnübung der kleinsten Gefäßmuskeln der Haut und sekundär
des Gehirns, welche unsere Willenskräfte zu beeinflussen imstande
sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat
Mühlenwind für die Flügel unserer Seele, es hat die Fähigkeit,
Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen
Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens
zunächst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel
am Automobil, es sind direkte physische Kräftespannungen, welche von der
Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer
Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim
Abreiben ausgelöst werden und die direkt von der Haut in die Seele
einströmen wie unzählige Bäche in den brausenden Strom, der unsere
Persönlichkeit in den Ozean des Lebens trägt.
Wie hübsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der
Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturvölker
hindurchgehende Sitte, die Haut zu schmücken mit Farben, Perlen,
Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des
Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in
konzentriertestem Maße zum Bewußtsein bringen wollte: da ist die Perle
obenan ein Symbol für den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden
Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol für die funkelnde schillernde
Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol
ihrer Durchströmung mit der flüssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist
vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die
Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel schönere Haut
besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schmücken, die,
was Schönheit der Hülle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos
dastehen, mit den Pflanzen und Blüten! Auch hier symbolisiert die
Weichheit des Flaums im Blütenkelch und Blütenblatt einen Reiz, der der
menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Blütenschmuck ist ja eine Art
Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken schöner Umhüllung darbringt;
denn, wenn Großvater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Träger
aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Blütenhaut in ihrem
Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild
auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen,
denken wir daran, daß sie von Blüten stammt und ihr Ebenbild ist, daß
sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden,
das ganze Leben verschönenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.