Einer die Weisheit, Allmacht und Harmonie des Weltgeistes preisenden

Weltanschauung muß es ein unbequemer Gedanke sein, sich ganz nüchtern

klar zu machen, daß das Leben nur bestehen kann, indem es Leben

vernichtet. Erhaltung und Erzeugung auf dem Umwege von Tier- und

Pflanzenvernichtung! Dieses mörderische Gesetz vom Werden durch Sterben

ist vom Standpunkte menschlichen Erkennens ebenso grausam und fühllos

von Mutter Natur gedacht, wie es unästhetisch ist. Eine Art Lebewesen

scheint immer nur geschaffen, um von der anderen vernichtet und

gefressen zu werden: das wäre so eigentlich die Quintessenz des Kampfes

ums Dasein, bei welchem dem zeitweisen Sieger am Ende dieselbe

Vernichtung durch Verwesung droht, wie den Wesen, auf deren Kosten es

sein mehr oder weniger kurzes Dasein gefristet hat. Sollte diesem

unableugbaren, schrecklichen Grundgesetze des Lebens nicht doch eine

versöhnlichere, dem menschlichen Fühlen weniger schmerzliche und

peinliche Betrachtungsweise abgewonnen werden können?

Ja, hat nicht vielleicht die Chemie, die Beherrscherin der Kultur,

aufgestiegen aus dem Schlamm der Alchymie wie eine schönheitleuchtende,

schöpferische Göttin, die Möglichkeit, uns Menschen von diesem

Bannfluche alles Lebendigen--der übrigens schon im Paradiese am Werke

gewesen sein muß--zu befreien durch künstlich hergestellte

Nahrungsmittel? durch Laboratoriumsbrot und Fabrikeiweiß? durch Synthese

von Stickstoff, Kohlenstoff, Wasser, Kalk, Phosphor usw., kurz alles

dessen, was in der Nahrung chemisch und theoretisch vorhanden sein muß,

um den Stoffwechselbetrieb zu erhalten? Das ist durchaus keine Utopie

vom Standpunkte der Eiweißchemie aus. Ist es doch gelungen, eine dem

Eiweiß sehr ähnliche Verbindungsreihe von Körpern, nämlich die

Peptonoide, eigentlich Eiweiße, wie sie im Magen zur Verdauung

umgearbeitet werden, tatsächlich herzustellen und damit Tiere zu

füttern.

Mit welchem Effekt? _Mit dem des langsamen Verhungerns!_ Ich habe mich

vor dieser Tatsache erschüttert gefühlt wie vor einem gedanklichen

Elementarereignis! Es müßte etwas wie eine Weltanschauungskatastrophe,

wie ein Erdbeben der Erkenntnis durch die wissenschaftliche Welt gehen,

wenn diese Tatsachen wirklich bestätigt würden. Die Mehrzahl der

Naturwissenschaftler steht selbstverständlich auf dem Standpunkte, daß,

wenn es gelänge, das Eiweiß chemisch rein aus seinen Elementen

aufzubauen, das Problem der Nahrungsmittelsynthese gelöst wäre. Dann

reißt man Schlachthäuser nieder und baut den küchen-chemischen

Großbetrieb!

Hier hat nun die Rechnung ein Loch! Man wird mit künstlichem Eiweiß nach

meiner Ansicht weder Tier noch Mensch erhalten können, was schon die

scheinbar gänzlich mißlungenen Versuche der Hundefütterung mit

peptonähnlichen Körpern beweisen dürften; was aber erst würde für eine

Verblüffung entstehen, wenn wirklich chemisch reines Eiweiß künstlich

durch Aufbau im Laboratorium gewonnen--kein Nahrungsmittel wäre? Hier

ist ein Rhodus für unser naturwissenschaftliches Denken, das wir

überspringen oder überwinden müssen. Hier ist eine Probe auf die

Stichhaltigkeit unserer gesamten naturwissenschaftlichen Überzeugung!

Man hat eben, befangen in der Lehre von Kraft und Stoff, _das Mysterium

in der Ernährung_ vergessen! So muß eines Tages die Lehre von den

Wärmeeinheiten (Kalorien), die der Körper zu seinem Betriebe aus der

Nahrung nimmt, erstaunlichen Schiffbruch leiden, weil der

Ernährungsvorgang keine Maschinenheizung allein ist, sondern weil über

seinem chemischen Mechanismus noch ein Rätsel, ein Wunder, ein

Sonderbares schwebt, das erst erklärt, warum Leben nur durch Leben sich

erhalten kann.

Ich stehe nicht an, hier meine eigenen Gedanken darüber auszusprechen,

nicht allein weil ich sie für interessant genug auch für ein breites

Publikum erachte, sondern weil ich die hier angeregte Fragestellung für

durchaus neu und wichtig halte.

Meine Ansicht ist, daß die Ernährung eigentlich eine stetige

Neuerzeugung ist, nicht nur eine Erhaltung des Bestandes. Wir erzeugen

uns ständig in uns selbst von neuem, alle unsere Zellen erzeugen sich

neu, nachdem sie abgestoßen und verbraucht sind. Wir werden immer von

neuem geboren, täglich, stündlich. Wir sind nach Jahren nicht mehr

dieselben, welche wir waren. (Welch Trost für veredlungs- und

besserungsbedürftige Seelen!) Wir wechseln in dieser ununterbrochenen

Selbsterzeugungskette nicht nur Haare und Haut, wie die Schlangen,

sondern den ganzen Zellstaat, der uns in seinem Betriebsschwirren und

Schöpfungsweben das Bewußtsein unseres Ichs zuflüstert, dieser ganze

Zellstaat des Individuums stirbt fortwährend ein bißchen und wird

fortwährend ein wenig geboren. Das ist bekannt und wird von niemand

geleugnet. Was aber bisher nicht beantwortet ist, das ist die Frage nach

der Herkunft aller der Saatkörner, die nun einmal für eine Zeugung

unerläßlich sind. Sind sie gleich mit der Geburt uns schon mitgegeben,

so daß der Zeugungsakt das ganze Leben hindurch abliefe wie eine Spule

vom himmlischen Webstuhl der Liebe, oder erhalten wir von außen

irgendwie neue in uns hineingetragene, an jeder Stelle unseres Leibes

wirksame Saat?

Das letztere ist der Fall! Zu allem Leben ist die Zelle nötig. Aber sie

selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle

scheint ihr Wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine

merkwürdige chemisch-physiologische Zähigkeit. Er besteht aus

Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch oder physikalisch schier

unzerstörbar. Keine Säure, keine Lauge, keine Verdauung kann es

vernichten. Nur dem Feuer widersteht es nicht. _Hier im Nuklein der

Kerne steckt das Mysterium der Ernährung._ Dieses ist in jeder

Pflanze--in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten. Ohne

Nuklein ist keine Nahrung denkbar, es kommt aber nur im Zellkern vor. Es

ist aber auch der Träger aller Befruchtungsvorgänge.

Durch einen Zufall sah ich einst ein Stückchen Schleimhaut von einem

Menschenmagen unter dem Mikroskop, von einem Magen, der eben im Begriff

war, zu verdauen. Ich war aufs höchste erstaunt. Die ganze Schleimhaut

nicht nur, auch die gesamte Magenwand war durchsetzt mit weißen

Blutkörperchen, dieser Armee von Heinzelmännchen und Liliputanerpolizei

in unserem Leibe, in so auffallender Weise, daß ich das für eine

Entzündung oder Eiterung hielt. Aber eine Eiterung der Magenwand bei

einem völlig gesunden Menschen! Damals lebte noch mein alter Lehrer

Virchow, dieser Meister der Deutungskunst des Kleinen. Er schüttelte den

Kopf und meinte, das müßte ein Leukom (eine Geschwulst) sein. Ich weiß

jetzt, belehrt durch weitere Erfahrungen, daß jede Magenwand im Zustand

der Verdauung prall gefüllt mit diesen weißen Ameisen des Lebens ist und

daß sie dort lauern auf die freigewordenen chemisch unverdaulichen

Nukleinkerne der Nahrung. Diese nehmen sie in sich auf, tragen sie

überall mit dem Blutstrom und treten durch die Gefäßlücken ins Gewebe

und streuen, die echten Säemänner des Geheimen, die Samen aus, die sie

aus der Nahrung nahmen, überall wo es nottut, wo der wallende, wogende,

rollende Teppich des kleinsten Lebens eine Lücke, einen Defekt erhalten

hat. Mag Darm und Magen seinen Chemismus treiben nach dem Gesetz der

Maschinenheizung und nach dem Äquivalent von Wärme und Arbeit, die

Millionen Nukleinkörnchen, kleine Wundersterne ewiger Erzeugung

und ewigen Gebarens, würden ganz verloren sein und nur die Äcker

düngen, wenn diese kleinen Wächter des Zellbestandes sie, die sonst

Unverdaulichen, nicht abfangen würden, als die eigentlichen Träger des

Wunders der Ernährung, und sie verteilten auf alle die mikroskopischen

Wiesen und Zellrasenflächen, denen im kleinen Maßstabe das menschliche

und tierische Gewebe gleicht. Das eigentliche Charakteristikum des Lebens

sind die Nukleinsterne der Zelle, sie sind die Himmelsschlüsselein,

die, eindringend in das Herz anderer Zellen, das ganze Wunderwerk der

Zeugung aufschließen, die die Wunderfedern und Zaubermotoren anspringen

lassen zum Ablauf alles kleinen und riesengroßen Lebens. Nuklein

ist sogar der Träger der Persönlichkeit, der Artcharaktere, der

Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es

auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Gepräge,

von einer beispiellosen, durch alle Generationen, alle Wandlungen

fortwirkenden Konstanz.

Es ist meine aus dieser Betrachtung gewonnene Überzeugung, daß die

Ernährung nicht erschöpft ist durch die Bilanz von Aufnahme von Wärme

und Umsatz in Arbeit, sondern daß neben diesen betriebstechnischen

Vorgängen noch ein Prozeß einherläuft, welcher das Rätsel des Lebens in

sich schließt und darum mysteriös und wundervoll ist. So aufgefaßt ist

die Wandlung, die die Nukleinsubstanzen des Lebendigen im Kreislauf

aller Lebewesen durchmachen, gleich dem ewigen Kartenmischen eines

allmächtigen Wesens, dessen gigantische Phantasie niemals Genüge finden

konnte an dem schon Erreichten, sondern das unablässig am Werke ist zu

variieren, zu kombinieren, zu hemmen und zu treiben und geruhig sich des

bunten Spieles zu freuen an den wandelnden Erscheinungen des Alls; ein

Wesen, für das Sonnen- und Kometenbahnen nicht wichtiger sind als die

Staubflüge des Sonnenstäubchens und das Lieben und Zeugen der

allerkleinsten Lebenseinheiten, der Nukleinsternchen in den Zellen von

Mensch, Tier und Pflanze.

DIE HAUT ALS EIN ORGAN DER SEELE

Um alle ihre Lebewesen hat Mutter Natur einen Mantel geschlagen. Sie

läßt nichts hüllenlos und wahrhaft nackt. Pflanze und Tier, vom

niedrigsten einzelligen belebten Organismus bis zu den kompliziertesten

Prachtexemplaren: an Körperlichkeit dem Mammuttier, an Geistigkeit dem

Herrn dieses Planeten, dem Menschen, sie alle tragen ein natürliches

Kleid, gewebt aus elastischen Fasern, über die schillernde Schuppen,

leuchtende Farbenglut, Blütenschmelz und schmückende Zier

verschwenderisch und in staunenswerter Vielgestaltigkeit nicht minder

ausgebreitet sind, als ein rauher und den Feinden aller Art trotzender

Abwehrpanzer, ein schützender Wall von Höckern, Stacheln, Borken und

Horngerüsten. Diese Enveloppe ist eng angeschmiegt an die Struktur des

eigentlichen Leibes in wunderbarer Anpassung an das Milieu der

Milliarden von Variationen zulassenden Lebensformen und schließt die

Organe ein enger und dichter, als es je ein Kleiderstoff tun könnte. Wir

sprechen von einem Federkleid, vom Pelz, vom Mantel, von Hautdecken und

Körperhüllen bei allen Tieren; und nur der Mensch, dieser einzige

Vollstrecker und Vervollkommner der Naturidee, hat sein Corriger la

nature der eingeborenen Hülle hinzugefügt, wiederum in analoger

Verquickung von Schutz und Schmuck--nämlich unsere Kleidung, bei welcher

die Variationslust unter dem Direktorium der Mode nicht weniger lebhaft

am Werke ist, als bei der Meisterin der Vielgestaltigkeit, Mutter Natur

selber. Welches Wunderwerk aber ist diese unsere Haut, ein feinmaschiges

Trikot, in dem wir immer herum gehen müssen und das wir niemals ablegen

können! Es ist ein Zaubergewebe von eigenartiger Pracht, Leuchtkraft und

reichem Glanz, das hinreißend schön sein kann, solange der Jugend

Blütenschmuck über ihm gebreitet liegt, und das im Alter die

Runenschrift alles Menschenleides aufweist. Welch eine Rolle spielt die

Haut im Haushalt unseres Leibes! Sie atmet, sie reguliert die

Körperwärme, sie sondert Verbrauchtes ab, sie nimmt Luft, Licht,

Feuchtigkeit ein und gibt sie aus, sie resorbiert Heilstoffe und Gifte

und sondert schützende Öle ab, sie zieht sich zusammen und dehnt sich

aus, sie hat einen eigenen Duft, der nicht nur die Rassen voneinander

unterscheiden läßt, sondern auch viel mehr, als man gemeinhin weiß, der

Träger eines gut Teils unserer Persönlichkeit ist, sie hat eine

Farbenskala von großem Reichtum und trägt ein mikroskopisches,

Wiesendecken gleiches Feld feinster Härchen, das sich zu Busch und Wald

verdichtet, in denen Mysterien wohnen und Lebensrätsel sich verbergen,

das unser Göttlichstes, Auge, Mund und Stirn, umrahmt und unser

Menschlichstes versteckt! Sie ist aber ferner unser nervösestes Organ!

Nicht allein, daß sie ein Teppich ist, in den die Wundersternchen des

Gefühls und des Empfindens eingewebt sind, zahllos wie die Sterne am

Himmel, sie hat ein hochkompliziertes seelisches Leben, auf das sich

einmal ernstlich hinzuweisen durchaus der Mühe lohnen dürfte. Die Haut

erschrickt, schaudert, ist durchrieselt von Gefühlen der Lust und des

Abscheus, es kann ihr weh und wohlig sein, sie kann erglühen vor

Erregung, Zorn oder Scham und kann erblassen im Affekt des Schreckens,

der Ohnmacht, der Wut. Sie ist der feinste Barometer unseres Krankseins,

und der Rückschlüsse, welche der Kundige allein aus ihrem Befühlen auf

unsern Gesundheitszustand, auf Gefahr oder kommende Genesung machen

kann, sind unzählige. Und nun dies Befühlen selbst. Welche Fülle

seelischen Geschehens birgt es in sich! Welche Wonnen, welche Beruhigung

einerseits, welche Beleidigung und welchen Abscheu auf der andern Seite

übermitteln diese Milliarden kleiner Empfindungsknäuel, die als

sogenannte Nervensprossen in der Haut und als Tastkörperchen ausgesät

sind und von Mensch zu Mensch ihre Ströme senden! Welche Wunder der

Seele im Streicheln, im Liebkosen, im einfachen Handauflegen! Alles das

wirkt von Seele zu Seele durch das Medium der Haut, die ja buchstäblich

nichts anders ist als ein Schilfwald von Polypenarmen, den das

Nervensystem nach außen in die Welt ausgestülpt hat. In der Haut schuf

sich Natur die Wunderharfe, auf der des Lebens Zauberfinger spielen,

hier wogen und wallen die feinsten Nervenströme hin und her, die uns

orientieren, uns mit sichtbaren und unsichtbaren Strahlen laden, von

hier aus spielt die Sonne und das Licht, das Dunkel und die Finsternis

ihre Funken- und Schattenlieder. Hier sind der Seele durstige, saugende

Kelche, mit welchen sie, lechzend nach Erregung, Kraft und Bewegung, den

ganzen Funkenkranz der Sonnenwellen jenseits und diesseits vom Spektrum

einschlürft. Ein Sonnenbad, ein Meeresbad, ein Freiluftbad, eine

Dusche,--welche Quellen von Schwungrad treibender Lebensenergie

übermitteln sie allein und direkt durch diesen Zaubermantel übersät

mit Nervenflitter und Glühlämpchen von ebenso geheimnisvoller wie

schönheitdurchleuchteter Zweckmäßigkeit. Es ist meines Wissens

noch niemals genügend betont, daß die Haut, diese Hülle und diese

Offenbarung unserer Persönlichkeit, nachweisbar anatomisch und

entwicklungsgeschichtlich ein echtes _Seelenorgan_ ist.

Wenn das Wunder aller Wunder geschehen ist, wenn die mütterliche Eizelle

befruchtet ist, wenn mit goldenem Schlüssel des werdenden Menschen erste

Blüte aufgeschlossen wird, lagert sich die wachsende Keimsubstanz in

drei mikroskopisch deutlich erkennbaren Teppichen übereinander: den

sogenannten Keimschichten. Aus einer wird das Baugerüst des Leibes, das

Skelett mit seinen Säulen, Röhren und Kapseln, Schädel und Rückgrat, aus

dem anderen Herz, Gefäße, große Drüsen und der Ernährungsweg, und aus

dem dritten, dem Horn-Sinnesblatt: Gehirn, Nervensubstanz und--Haut! Da

haben wir des Rätsels Lösung: Gehirn und Haut sind als ein einheitliches

Organ angelegt und gedacht. Sie entstammen denselben Adern aus dem

tiefsten Schacht des Lebens, sie sind eine anatomische und

physiologische Einheit. Da dem so ist, wage ich kühn den Satz: unsere

Haut ist ein Teil unserer Seele! Jetzt wird es uns klar, warum sie von

unserer Seele ebensoviel zu künden, wie von der des anderen zu empfangen

vermag; sie ist ja ein Teil, ein Substrat des Seelenorgans selbst, sie

ist nach außen gestülptes Gehirn, sie enthält, entladet und empfängt

einen beträchtlichen Teil des seelischen Geschehens überhaupt. Jetzt

erkennen wir deutlich--und das ist das Wichtigste dieser ganzen

Betrachtung--warum von hier aus, von der Haut her, so gewaltige

Eingriffe in den Gesundheitsbestand unseres gesamten Organismus möglich

sind. Die ganze Hygiene der Haut ist oder sollte es wenigstens

sein--eine psychologische Angelegenheit. Jetzt erhellt, warum die

Reinlichkeit ein Teil, eine Funktion seelischer Schönheit ist, warum

Sauberkeit eine kardinale Tugend, ein soziales Erfordernis, eine

sittliche Pflicht ist. Die Kultur eines Volkes wie des einzelnen kann

gemessen werden an dem Maß von Sorgfalt, das beide auf die Kultur der

Haut verwenden. Zur Kultur der Seele gehört untrennbar die Kultur der

Haut. Die Zeiten sind für immer vorüber, in denen struppiger Bart,

ungepflegte Hände, Wasserscheu und Nonchalance der Tracht für das

Erkennungszeichen genialischer Kraftnaturen galten: "er gibt nichts aufs

Äußere", pflegte man früher von einem solchen teutonischen Kraftmeyer

entschuldigend im Hinblick auf die Gewalt seines Innenlebens zu sagen,

wobei man eben vergaß, daß das "Äußere" unseres Leibes, die Haut,

durchaus ein Teil des Innerlichsten ist. Gewiß können wir es durch keine

Kultur erzwingen, unserer Haut wieder jenen weichsamtenen Blütenschmelz

zu geben oder zu erhalten, wie ihn beispielsweise die Halspartie oder

der Nacken eines Kindes aufweist, man kann die Haut nicht schöner

gestalten, als sie von Natur angelegt ist, aber jeder kann ihr den

Höhepunkt ihrer Elastizität, Leuchtkraft, Frische und dynamischen

Strahlenwirkung--denn an diese glaube ich in irgendeiner Form von X-,

Y-oder Z-Strahlen--abzwingen.

Ein Blick auf eines Menschen Haut--übrigens instinktiv zur Abschätzung

der Persönlichkeit ebensooft geübt wie der forschende Blick in die viel

weniger durchschaubaren Augen--kann uns von der Seele mehr verraten, als

viele, viele Worte und andere Lockmittel zum Fallenlassen der seelischen

Maske, die den meisten nun doch einmal das Leben, die Gesellschaft, der

Kampf ums Dasein aufnötigt. Das Gehirn kann sich mit Hilfe seiner

Sklaven, der Muskeln des Gesichts, leicht "verstellen", die Haut

verstellt sich nicht, sie kann nicht posieren, die sagt wie eine

schlecht gepflegte Pflanze: man kultiviert mich nicht, meines Trägers

Seele ist matt, wie meine welken Fasern, oder sie blitzt uns entgegen:

seht! wie mein Herr mich hält, so ist sein ganzes Wesen! Welch

armseliger Versuch, dieses Seelenorgan zur Lüge zu zwingen, durch Puder,

Schminke, Tinten und Creme! Wahrlich, die Frauenwelt muß uns Männer für

lauter kurzsichtige Troddel halten, wenn sie immer wieder glauben kann,

es gäbe jemand, der diese Maskerade der Haut nicht durchschaute. Hier

kann die Kunst nichts tun, aber desto mehr hat die Natur uns Mittel

gegeben, diesem unserem Seelenorgan auf das wirksamste beizukommen. Wer

nicht täglich eine halbe Stunde Zeit hat, mit Seifung, Dusche, Luftbad,

Abreibung usw. seiner Haut und seiner Seele zu dienen, versäumt ja nicht

nur, den natürlichsten Schmuck, den wir haben, zu putzen und sauber zu

halten, sondern er verzichtet auch darauf, seiner Energie die

unerläßlichsten Kraftquellen zu erschließen. Es ist wissenschaftlich

noch nicht völlig geklärt, warum die täglichen kalten und wechselnden

Vollduschen die Nervenspannkraft so offensichtlich steigern--ich glaube

an eine Art Turnübung der kleinsten Gefäßmuskeln der Haut und sekundär

des Gehirns, welche unsere Willenskräfte zu beeinflussen imstande

sind--aber die Tatsache ist unbestreitbar, das kalte Wasser hat

Mühlenwind für die Flügel unserer Seele, es hat die Fähigkeit,

Spannungen in uns zu akkumulieren, wie die Sammler der elektrischen

Ladung. Denn abgesehen von dem Segen der Disziplinierung, morgens

zunächst durch eine Dusche den Gesamtbetrieb anzudrehen, wie eine Kurbel

am Automobil, es sind direkte physische Kräftespannungen, welche von der

Frottierung der Haut, der rhythmischen Zusammenziehung aller ihrer

Millionen mikroskopischer Muskeln beim Duschen, Luftbad und beim

Abreiben ausgelöst werden und die direkt von der Haut in die Seele

einströmen wie unzählige Bäche in den brausenden Strom, der unsere

Persönlichkeit in den Ozean des Lebens trägt.

Wie hübsch symbolisiert alles das, was wir von der seelischen Natur der

Haut gesagt haben, die durch alle Natur- und Kulturvölker

hindurchgehende Sitte, die Haut zu schmücken mit Farben, Perlen,

Edelgestein und Flimmerwerk. Es ist, als wenn dieser Ziertrieb des

Menschen uns all die herrlichen Eigenschaften der Haut in

konzentriertestem Maße zum Bewußtsein bringen wollte: da ist die Perle

obenan ein Symbol für den matten Glanz ihrer schmiegenden, schimmernden

Weichheit, da ist der Diamant ein Symbol für die funkelnde schillernde

Pracht ihrer seitlichen Durchleuchtung, da ist der Rubin als Symbol

ihrer Durchströmung mit der flüssigen Glut des Lebenssaftes. Das ist

vielleicht auch der geheime Sinn, warum die Menschen und namentlich die

Frauen, die ja durchschnittlich eine so unendlich viel schönere Haut

besitzen als der Mann, sich so gern mit Naturgebilden schmücken, die,

was Schönheit der Hülle betrifft, im ganzen Reich der Erde beispiellos

dastehen, mit den Pflanzen und Blüten! Auch hier symbolisiert die

Weichheit des Flaums im Blütenkelch und Blütenblatt einen Reiz, der der

menschlichen Haut keineswegs versagt ist! Blütenschmuck ist ja eine Art

Huldigung, die der Mensch dem Naturgedanken schöner Umhüllung darbringt;

denn, wenn Großvater Goethe und Vater Darwin recht haben, diese Träger

aller unserer modernen Naturgedanken, so ist die Blütenhaut in ihrem

Farbensamt und ihrer schneeigen Decke die Stammutter und das Urgebild

auch der menschlichen Haut! Was wir auch mit unserer Haut anfangen,

denken wir daran, daß sie von Blüten stammt und ihr Ebenbild ist, daß

sie Zartheit und Innigkeit verlangt in ihrer Pflege, wie ihre duftenden,

das ganze Leben verschönenden Ahnen aus dem Reich der Blumen.

Von der Seele · 第 18 / 18 段