Sie kann Sonnen leuchten, Sterne verblassen lassen. Alles

Naturerscheinen ist ihr ausdrückbar. Jedem Menschenschicksal, jedem

Ereignis, jeder Stimmung findet sie die entsprechende Symbolik. Sie ist

wie ein allen Fühlenden gemeinsamer, dem Höchsten und dem Geringsten

offener Tempel, in dem ein Glaube verkündet wird, vor dem ohne

Widerspruch sich Herzen und Geister beugen. Sie ist die Sprache unserer

himmlischen Heimat, der Laut des ewigen Vaterlandes ist in ihr. Sie ist

wie eine unbewußte, stille friedliche Einigung über alles Zwiespältige

von Menschenbrust zu Menschenbrust.

Ist so Musik wie ein in jedes empfindsame Herz gesenkter heimlicher

Besitz von etwas Überirdischem, wie ein verstecktes Stückchen

Himmelsblau, wie eine echte Reliquie eines göttlichen Wanderers über

irdische Gefilde, die jeder irgendwo im Schrein der Seele als sein

Köstlichstes bewahrt--wie sollte man nicht bedauern, daß die Art, wie

man heutzutage die Musik zu etwas unerhört Kühnem, künstlich

Hochgeschraubtem, exzentrisch Dionysischem, schreiend Krassem

emporpeitscht, ganz und gar dazu angetan ist, sie der Volksseele zu

entfremden!

Und doch ist nichts so geschaffen, das Herz der Menge tief zu ergreifen,

so sanft zu leiten, so innerlich zu bilden, wie diese abstrakte Sprache

des Gefühls. Es kann nicht zu oft gesagt werden: mag jede andere Kunst

schließlich ein Bildungsvorrecht der Begüterten, einer kleineren

Gemeinde von Kennern und Gelehrten bilden, die Musik darf niemals der

Seele der großen Mehrzahl des naiven Volkes geraubt werden. Aus dem

Volkslied und dem Choral emporgetaucht, wie ein Eiland aus dem Meere

ursprünglichsten, innigsten Empfindens, muß sie auch Eigentum des Volkes

bleiben.

Beispiellos in der Entwicklungsgeschichte der Künste und Wissenschaften

ist die Siegeslaufbahn der Musik. Während alle anderen Zweige geistiger

Kultur, alle anderen Künste Jahrtausende gebrauchten, um bis zum Gipfel

der Klassicität aufzusteigen, durchmaß sie, diese empfindsame

Interpretin einer Logik des schönen Gefühls, den Zeitraum ihres

Erwachens aus dem naiven Volksempfinden und ihres Emporklimmens auf die

erhabensten Menschheitshöhen in wenigen Jahrhunderten. Welch eine

Entwicklung von Palestrina bis Bach und Beethoven, welche Sturmflut von

Bach bis Wagner und welches Überschäumen in unseren Tagen! Und das alles

im schnellsten Tempo überreichen Wachstums, so daß gleichsam im Umsehen

die einfachen Zelte ihrer nomadischen Existenz sich zu prachtvollen

Domen und Palästen emporwölbten. Bei allzu hitziger Treibhauskultur

pflegt auch den edelsten Gewächsen die Entartung zu drohen! War die

Musik der alten Meister eine unpersönliche Anbetung eines

selbstgeschaffenen, nackten, schönen Weibes, so scheint man in der Zeit

der siegenden Technik darangegangen zu sein, den Leib dieser Göttin mit

eitel Schmuck und bunten Gewändern zu überschütten. Den Kultus des

Leibes löste ein Kultus der Trachten ab. Statt des schönen Gemäldes ein

Chaos bunter, gleißender Farben. Nicht mehr der musikalische Gedanke in

vierstimmiger Reinheit ist die Hauptsache, sondern mit allen Mitteln

ingeniöser Instrumentation sucht man das Neue in der Auffindung

frappanter, orchestraler Klangeffekte. Nicht der klare Grundriß ist der

Träger des Stils, sondern eine staunenswerte Phantastik der Arabesken

verdeckt die reinen Linien des innersten Gefüges. Dieses Überwuchern des

Technischen in der Musik hat, so verblüffend die Resultate in bezug auf

die Freiheit aller selbständig geführten Stimmen (Polyphonie und

Kontrapunktik) sein mögen, eine große Gefahr: die des Ausweichens der

Musik auf das Gebiet tonmalerischer Geräusche! Das Exzentrische der

verblüffenden orchestralen Technik entfremdet damit mit Sicherheit die

Musik dem Boden des Volksempfindens. Zum wenigsten ist sie dem stets

langsam nachrückenden Verständnis der breiten Massen vorläufig viele

Epochen hindurch vorangeeilt. Aber es kann mit Fug und Recht die Frage

aufgeworfen werden, ob die moderne Musik überhaupt Anwartschaft hat, bis

zur Seele des gemeinen Volkes vorzudringen. Sie mag verblüffen und

hypnotisieren, fanatische Anhänger und unerbittliche Gegnerschaft

erwecken--erwärmen, vertiefen, rühren, erschüttern und das Heiligste in

uns bewegen wird sie kaum. Dazu appelliert sie zu sehr an den Verstand,

zu wenig an das schlichte Herz. Dieser unmittelbare Appell an das Gemüt

des Hörers, diese Könige und Bauern gleich packende Unmittelbarkeit

unserer klassischen Musik ist es, die allein erziehliche, bildende,

erhebende Kraft für das Volk hat.

Nur so geartete Musik ist im Geisteskampfe der Kulturströmungen unserer

Tage mit aller ihrer Tageshast und Existenzangst ein unentbehrliches

Gegengewicht, gleichsam ein heiliger Hain, in den die müden Verfolgten

jederzeit fliehen können und wo ihnen keine Macht der Erde kraft

himmlischen Gesetzes etwas anhaben kann. So weit ich sehe, haben wir

keine Möglichkeit, den Stürmen des Lebens einen so Ruhe spendenden Hafen

entgegenzusetzen, als die, dem nervösen Impuls unserer Zeit durch

gesunde musikalische Genüsse Ruhe und Zuversicht wiederzugeben. Nicht

nur, daß die Irrenärzte wissen, daß einfache Musik beruhigt und sanft

stimmt, Illusionen zerstört und Wahnvorstellungen verscheucht, jeder hat

an sich schon dies innerliche Aufatmen der geängstigten Seele, dies

Stillewerden der Dämonen vor den heiligen Klängen verspürt. Wahrlich,

gerade in unserer Zeit ist es von Wert, den bildenden, heilsamen,

beruhigenden und vertiefenden Wert der guten musikalischen Darbietungen

auf das Gemüt des Volkes laut und vernehmlich zu betonen. Man schaue

einmal die Andacht gerade unserer einfachen Leute bei den Gratisspenden,

die unsere Musikkapellen dem Publikum um die Mittagszeit darbieten. Es

ist, als gäbe es in unserer Riesenstadt plötzlich Tausende, die der

Daseinskampf gar nichts angeht. Man sehe den Hunderten nach, die die

Militärmusik mit sich zieht, die sie ans offene Fenster bannt, und man

wird erkennen, mit welcher elementaren Macht ein Marsch wie ein

Rattenfängerlied an den Herzen reißt und lockt zur willenlosen Nachfolge

ins Blumenland der Phantasie! Tiefer gefaßt, ist die Musik eine

Kulturmacht ersten Ranges, sie ist fähig, dem Gemütsleben unserer Zeit

eine Religion ohne Dogmen, ein Hort tiefster Seeleneinkehr zu sein! Sie

ist die gefühlvolle, sänftigende Schwester der vorwärtsstürmenden

Technik.

Darum kann unseres Erachtens kein Unternehmen dankbarer begrüßt werden,

als die Absicht, den breitesten Volksmassen die Möglichkeit zu geben,

gute Musikaufführungen zu genießen. Man mag darüber streiten, ob die

Oper z.B. an sich eine ideale Kunstform ist oder nicht, das eine kann

nicht zweifelhaft sein, daß der Erziehungswert gerade der Oper für das

Volk ungemein hoch einzuschätzen ist. Gewiß, es mag dem scharfen Denker

unnatürlich erscheinen, daß die dramatische Handlung durch Gesang, Chöre

und Zwischenspiele widersinnig gehemmt und verzögert wird, aber liegt

nicht in der breiten Schilderung seelischer Motive, in ihrer

eindringlichen Interpretation durch die Musik, wie in dem griechischen

Chor, eine ausgezeichnete Methode, tief innerlichst jedem Zuhörer die

Seelenspannungen der Handelnden einzuprägen? Ist es nicht die beste Art,

auf das tiefste Mitleid und Furcht, Verständnis für alle

Menschlichkeiten, für jede Tragik und Lust in der Seele zu wecken? Und

dann bedenke man vor allem, wie sehr die Volksseele gerade in der Oper

sich eine von keinem anderen Zweig der Dichtung übertroffene

Ausdrucksform geschaffen hat. Sie ist ein naiver, ehrlicher Reflektor

des nationalen Empfindens und der nationalen Eigenart. Welche Fülle von

Volkstümlichkeit sprießt uns allein aus unsern deutschen Opern entgegen!

Wie unmittelbar verständlich aber auch repräsentiert sich der fremde

Volkscharakter in der italienischen und französischen Oper! Für die

breite Masse bietet so gerade die Oper eine kulturell überaus wichtige

Möglichkeit, auf die angenehmste Art ein Stück Völkerpsychologie und

Kulturgeschichte zu treiben, da man aus historischen, nationalen,

phantastischen oder romantischen Opernwerken eine unerschöpfliche Fülle

von fruchtbaren Bildungsanstößen erhält. Mit der ganzen Zauberlockung,

die Dichtung, Gesang, Orchester, Malerei und Ausstattung gemeinsam vor

dem Genießenden auszubreiten vermag, stellt in der Tat die Oper das

universellste Kunstwerk dar. War es doch dies hohe Ziel, welches dem

Genius Richard Wagners vorschwebte, indem er die Oper zu einer Arena

aller Künste emporheben wollte. Wo hat dies Wagner am herrlichsten

erreicht, wenn nicht da, wo er echt volkstümlich blieb: im Lohengrin,

Tannhäuser, Fliegenden Holländer und dem deutsch-nationalsten Werke

neben dem Faust: den Meistersingern?

Gerade die Volksoper hat Meisterwerke in Fülle, um ihr Amt als

Erzieherin des Volkes auf das herrlichste zu erfüllen. Gerade unsere

deutsche Musik ist reich genug, um sich den Ehrenplatz neben allen

Kulturfaktoren unserer großen Zeit zu erringen.

Aber gerade hier bei der Oper sehen wir den das Ziel verrückenden

Einfluß der Technik am allerdeutlichsten. Wie in dem Schauspiel die

Ausstattung mit allen Mitteln einer raffiniertesten, maschinellen

Verblüffungs- und Blendungsmethode sich vor der geistigen Idee eines

Dichterwerkes breit zu machen beginnt, so ist die große Oper noch viel

mehr darauf angewiesen, der Maschinen- und Dekorationstechnik die Rolle

eines unendlich kostspieligen Rivalen gegen den Geist der Töne

zuzuschieben. Auch hier wieder ist die Folge Entfernung des

Besitzstandes der Musik von ihrer Heimstätte, der Volksseele. Wo sind

die guten alten Zeiten geblieben, wo jede neue Oper im Sturm

volkstümlich wurde und ihre Arien, ihre Themen in Werkstatt und Salon

mit gleicher Selbstverständlichkeit gesungen, gepfiffen, gespielt

wurden? Die Technik hat es zuwege gebracht, daß die schwerste

Problemmusik geschmackverwirrend und Halbgebildete in Massen züchtend,

von Phonographen und Pianolas an allen Ecken heruntergeleiert, Markt und

Gassen beherrscht. Hier ist ein Gleichgewicht dringend nötig, eine

heilsame Rückkehr zur erprobten, altväterlichen Klassizität dringend

geboten. Wieviel Heil könnte da dem Volksempfinden aus einer wirklich

trefflichen Volksoper erwachsen! Aber freilich, Vollendetes müßte sie

bieten können, wenn sie den zirzensischen Vergnügungen der Menge, den

Variétés, den Ausstattungsstücken, den Ringkämpfen und anderen

sportlichen Extravaganzen Paroli bieten wollte. Man müßte ein schlechter

Menschenkenner sein, um nicht zu wissen, daß die Volksseele zwar leicht

auf Irrwege zu führen, aber doch niemals auf die Dauer und im letzten

Sinne vom geraden Wege der Aufwärtsentwicklung abzubringen ist. So kann

sie sich lange von verblüffenden Äußerlichkeiten blenden lassen, aber

schon jetzt scheint sie nach Vertiefung und Verinnerlichung zu hungern.

Der Verstand des Menschen hat seine Vorratskammern fast überfüllt, die

Seele, das Gemüt in unserer Zeit ist leer ausgegangen und sucht in

Spiritismus und Okkultismus einen unverdaulichen Ersatz. Wo aber könnte

die Seele des Volkes tiefer und nachhaltiger ergriffen, geläutert,

gerührt und auf menschliche Güte gestimmt werden, als vor dem Altar der

Musik, von dem so viele deutsche Genien das hohe Lied der Schönheit

verkündet haben!

MUTTER ERDE

Wie oft, wenn wir als junge Studenten Handwerksburschen gleich

hinauszogen vor die Tore, über die junggrünende Heide hinweg, am

Wiesenrand entlang, hinein in die schlanken Birken mit dem Schleierlaub,

haben wir es vorausgesagt: es ist eine verflixt materielle Sache um das

Frühlingsgrün! Da ist irgend ein Stoff dahinter, der einem in die Poren

oder die Nase, nicht bloß durch die Augen dringt, und so das Mark mit

jauchzendem Optimismus füllt! Etwas "Betrinkliches" muß

dahinterstecken!--Das war eine Anschauungsweise, die man freilich dem

Bruder Studio als naheliegend nicht allzu hoch anzurechnen braucht, sie

entsprang ja auch weniger tiefen Einblicken in den Zusammenhang der

Natur, als dem täglichen Umgang mit "stofflichen" Dingen. Dennoch war

sie weise. Die Physik, diese Frau Oberkalkulatorin der Natur, hat's mit

ihrer bebrillten Detektivnase herausgetüftelt: es gibt im Chlorophyll

(grünes Pigment) der Pflanzen Bewegungen, die auf uns übergehen und

sonderbar schwellende, prickelnde, süße Unruh schaffende Wellenkreise an

unserem Nervensystem veranlassen: das sind die aufgespeicherten

ultravioletten Sonnenstrahlen. Welch ein sonderbares Paradox! Jenseits

vom Violett und diesseits vom Rot, unsichtbare Strahlen! Und doch! Auf

diesem Paradox ist fast unsere ganze moderne Physik und Chemie

aufgebaut, so daß man von nun an vorsichtig sein muß mit Leutchen, die

es lieben, mit Paradoxen und Aphorismen um sich zu werfen wie die

Automaten mit Schokolade oder Pfefferminzplätzchen. Leuchtendes Dunkel,

dunkler Strahl, Nachleuchten, Fluoreszenz, Lumineszenz,

Reibungsleuchten, Röntgenstrahlen, Radiumlicht, Becquerelstrahlen, und

wie die gleichsam unter der Sehschwelle verborgenen geheimen

Leuchtkäferchen der Natur alle benamst sein mögen. Sie alle kann das

arme menschliche Auge, dieses Sonneninstrument, das der große

_Helmholtz_ einen unvollkommenen Apparat genannt hat, nicht wahrnehmen,

und sie sind nur auf raffiniertem Umwege einzufangen; so in ausgepumpten

Glasröhren, in welchen elektrische Flammengarben sprühen, von denen sich

das unsichtbare Licht abstößt wie Ruß von der Kohlenflamme (im

Röntgenlicht), oder eingefangen durch Silbersalznetze, dessen Maschen

weniger durchlässig sind als die menschliche Netzhaut, und rückwärts

sichtbar gemacht durch die Photographie. Diese Experimente und tausend

andere haben nun gelehrt, daß eigentlich alles, was ist, auf

Wellenbewegung und Strahlung herauskommt, und daß die Reihe der Strahlen

mit den sichtbaren Strömen von Glanz, welche die Sonne über unsern

finstern Planeten ausgießt, lange nicht abgetan ist, sondern daß eben

auch ein Ozean von unsichtbaren, strahlenden Bewegungen im Sonnenlicht

mit auf uns herabprasselt, in dessen millionenfach variierte

Wellenbewegungen des Äthers alles, was ist, auch das Leben, mit

hineingerissen ist. Ja, Leben ist vielleicht nichts anderes als dieser

Weltenrhythmus, zu welchem Sonne und Ultrasonne mit unzähligen

Strahlensystemen die um sich selbst kreisenden Atomkomplexe der Masse

anpeitscht, wie ein Wasserfall des Müllers Rad. Das Leben des Kosmos,

der leuchtende Odem der Welt, überträgt sich auf die Materie in Gestalt

rollender Strahlenwellen. In besonders feinen Krafttransformatoren, in

kleinen Speichermaschinen hat die organische Materie es gelernt, das

Betriebskapital solcher Lichtwellen aufzuhäufen, um auch nachts und im

Dunkel des Wintertags die Maschine nicht stille stehen zu lassen: im

Grün der Pflanzen, im Rot des Blutes.

Der größte medizinisch-biologische Denker der Jetztzeit, _Ottomar

Rosenbach_, hat diese Betriebsmechanik durch feinste Molekularströme bis

ins kleinste ausgedeutet, ja den ganzen Entwicklungskreis, welchen die

Physik und unsere modernen Anschauungen gezeitigt haben, klipp und klar

vorausgesagt. "Die reichlich fließenden, unsichtbaren, feinsten Ströme

der Außenwelt allein sind die Grundlagen der Bildung der spezifisch

somatischen Energieformen!" Da haben wir des Rätsels Lösung: Das Grün

des Frühlings, der Glanz der Blätter und Blüten, das Himmelsblau, das

Spiel des Lichtes, sie alle haben überall gleichsam hinter sich

unsichtbare Schattengeister, die auf goldenen Leitern hineinklettern in

die geheimen Werkstätten der Zellen, Zellstaaten, Pflanze, Tier und

Mensch und hier ihre stille Arbeit verrichten. Es ist eben auch auf der

Erde nicht anders wie beim Beginn des Lebens im Wasser. Als die

Triebkraft die im Meere gelösten Atome von Kohlenstoff, Stickstoff,

Wasserstoff und Sauerstoff zu Betriebskomplexen in rhythmischem Anprall

all ihrer Kräfte zusammengeschweißt hatte, da gab die in erster

Organisation gebildete einfachste Zelle die aufgespeicherte Sonnenkraft

in der gleichen Form zurück. Noch heute sieht der Meerfahrer mit Staunen

die Kiellinie seines Schiffes aufglühen im Fluoreszenzlicht des

leuchtenden Meeres. Hier schafft in Myriaden von leuchtenden Zellen die

Sonne transformiertes Licht. Die Quelle der Kraft die Sonne, die Zelle

der Transformator, die Arbeit das widergestrahlte, gewandelte Licht! So

glüht auch aus den Furchen der von den Naturgewalten oder von

bestellender Hand aufgelockerten Erde im Frühling das Licht der Welt

zurück. Lebensglut in allerverschiedenster Form leuchtet auf aus Keim

und Halm, aus Busch und Wald, aus Mensch und Tier. Heines sentimentales

Gedicht feiert Luna als die trauernde Gattin des grollend einsamen

Sonnengatten. Das erfordert eine kleine biologische Korrektur: nicht

Luna, die kalte, kraterstrotzende Schönheit ist die Gattin der Sonne,

nein, unsere Mutter Erde ist es, die dem gewaltigen (übrigens schwerlich

in Einehe lebenden) Königsgestirn Myriaden Kinder gebiert. Sie, unsere

nach _Fechner_ durchaus lebende, atmende, sich bewegende, Pulse und

Kreislauf der Gewässer zeigende Allmutter ist es, welche in jeder ihrer

Ackerkrumen, auf felsigem und auf sandigem Boden, ja sogar in ihren

atmosphärischen Nebelschleiern überall Wiegen und Brutstätten für

ungezählte Geschöpfe trägt, von denen die kleinsten nicht weniger

Wunderträger sind als die größten. Mutter Erde! Im Bann des feurigen

Gemahls gehst du ewig schaffend, ein ewiges Brautbett und ein ewiges

Grab deiner Geschöpfe, die vorgeschriebenen Kreise, hüllst dich ins

hochzeitliche Grün und schläfst unter dem Linnen des hüllenden Schnees.

Du reckst die Kuppen deiner Berge und die schäumenden Arme der See empor

zu den Feuerströmen deines Gebieters, und in deinen Tiefen und Höhen, in

deinen Schlünden, deinen Hüllen glüht es allüberall von den

Lebensgluten, mit denen dich der Sonnengott täglich aufs neue

überstrahlt.

Uns aber, armen Kindern, Erdgeborenen deiner unentrinnbaren Liebe, die

wir dich niemals ganz in voller Schönheit sehen--denn eine Weltreise

selbst zieht nur eine winzig schmale Spur um deinen Riesenleib--bist du

an jeder Stelle die hüllende, liebende, prägende Mutter! Denn unsere

Heimat ist immer nur ein armselig Fleckchen deines nur der Phantasie

erreichbaren gewaltigen Umfanges. Welche Kraft in der Heimatliebe! Uns

prägt die Scholle, uns fesselt die Scholle und läßt uns nie mehr los mit

tausend und abertausend Fäden, die aus dem Boden stammen. Welch eine

geheimnisvolle Mimikry in der Bildung unseres Gesichts und unseres

Leibes nicht nur, sondern auch in den feinsten Regungen unseres Gemütes.

Hat nicht das Auge des Seemanns den Farbenton der See, wie die Qualle

den farblos durchsichtigen Charakter des Wassers? Ist es ein

Unterschied, wenn das langbeinige Insekt Form und Farbe von Zweig und

Blatt annimmt, und wenn des Menschen innerstes geistiges Bewegen, seine

Lieder, seine Sehnsuchten abhängig sind von dem Boden, der ihn geboren?

Das eben sind jene rhythmisch gestaltenden Bewegungswellen, die Land und

Pflanze, Tier und Mensch eines bestimmten Bezirkes schließlich abstimmt

auf eine biologische oder ästhetische Einheit, die so klar hervortritt

an den autochthonen Poeten der Heimat.

ÜBER GRÜBCHEN UND FALTEN

Wer aufmerksam einem Porträtmaler bei der ersten Skizzierung eines

menschlichen Antlitzes zuschaut, dem wird es nicht entgehen, wie wenig

Linien eine "schauende Hand" nötig hat, um den ganzen lebendigen Gehalt

einer Physiognomie in des Betrachters Seele neu zu erwecken, wie wenig

armselige Kohlenstrichelchen genügen, um die Wunder der Persönlichkeit

auf das schärfste und zwingendste zu umschreiben.

Welcher staunenswerten Vielseitigkeit der Natur an Variationen über

dieses einzige Thema, Gesichtstypus, vermag der Künstler tastend

nachzugehen, und wie schnell kann die geringste, oft nur mit Millimetern

rechnende Ausweichung, Verlängerung oder Verkürzung eine schon

vollendete Ähnlichkeit gänzlich über den Haufen werfen. Sonderbar: es

sind viel mehr die weichen Teile des Gesichts mit ihren Falten, Linien,

Gruben, Schatten, Einsenkungen und Abrundungen über den starren

Wölbungen des Kopfskeletts, die die Persönlichkeit für das Auge

blitzartig erkennbar machen, als die festen, typischen, schwer

individualisierbaren Linien der knöchernen Grundlage des Kopfes. Es ist

ein eigentümlicher, aber doch richtiger Gedanke: man würde ein geliebtes

Haupt eher an einem Ohrzipfelchen wiedererkennen, als man je aus einer

Schar von Totenköpfen den eines verstorbenen Bruders, einer Freundin

herauszufinden imstande wäre. Auch wird zur Rekognoszierung der

Verbrecher immer die bildliche Darstellung mehr leisten als die feinsten

Schädelmaße eines die knöchernen Verhältnisse berücksichtigenden

Systems. Der Grund ist ein sehr einfacher. Die Seele, diese letzte,

mystische Trägerin der Persönlichkeit, hat keine Gewalt über ihr aus

Kalkkristallen gebautes Knochenhaus, sie formt aber um so emsiger mit

feinsten Nervenfingern am plastischen, sich windenden, Wellen bildenden

Material der Muskeln. Denn auch die Haut, dieser wunderbare,

stumpfleuchtende, hüllende Mantel des Körpers, dies schmiegsamste

natürliche Trikot des Leibes, ist ja durchsetzt mit Millionen kleiner

Muskelsträhnen, die auf das feinste und vielfältigste die zarte Decke

der Gesichtsteile zu verschieben imstande sind. So gleicht das Antlitz

des Menschen immer bewegt und den Ausdruck wechselnd der Physiognomie

eines nur scheinbar starren und unbeweglichen Berges, auf dem das Licht

unaufhörlich spielt, oder der Spiegelfläche eines Sees, über den Wind,

Himmel und Wolken dahinziehen. Und doch hat jede Physiognomie bleibende,

nie ganz verstrichene Linien und Vertiefungen, die die seelischen

Affekte zwar steigern oder mildern, aber nicht ganz verwischen können,

die sogar der Tod, der alle Bewegung mit einem Ruck hemmt, nicht ganz

ausgleichen kann. Denn das Friedenvolle, das dann ein eben noch in

Qualen verzerrtes Antlitz erhält, ist wohl nicht der Abglanz einer zum

ersten Mal geschauten besseren Welt des Jenseits--ach! wenn es doch so

wäre!--sondern es ist der Effekt des Nachlassens heftiger

Muskelspannungen, das sanfte Zurückgleiten aufgewühlter Muskelwellen in

die Ruhelage, in das Gleichgewicht der Ewigkeit. Im Leben aber sind es

gerade diese in nimmer ruhendem Muskelspiel hin- und herbewegten

Schatten, diese zueinander strebenden oder ausweichenden, oft parallel

laufenden Bögen, diese Falten, die die darunterliegenden Muskeln

aufwerfen wie kleine Kobolde, die unter Teppichen ihr Spiel

treiben,--die wie lebende Runenzeichen dem Antlitz die Sprache, das

Charakteristische, das Verräterische, das Sänftigende oder das

Aufreizende, das Beherrschende und das Ergebene, das teuflisch

Abstoßende oder den überirdischen Liebreiz, das Dämonische oder das

Göttliche geben.

Von der Seele · 第 16 / 18 段