Nachweis versucht, daß diese beiden Tätigkeiten tief im Wesen verwandt
und verkettet sind, nicht nur durch die gemeinsame Fürsorge um den
Einzelnen, dort in seelischer, hier in körperlicher Beziehung; ein
Vergleich, der sich geradezu aufdrängt und nicht nur in der Forderung
wurzelt, daß in jedem Arzt etwas Priesterliches sein müsse, sondern viel
mehr noch in der Methode der Einwirkung auf den seelisch und körperlich
Notleidenden bei näherem Zuschauen offenbar wird. Die Gleichheit liegt
in dem Angriffspunkt des menschlichen Elends, des Leids, des Kummers,
der Not, des Schmerzes bei beiden. Der Priester tröstet die Seele und
hypnotisiert sie, reißt sie hinweg mit den befreienden Ideen des
Hinweises auf ein Jenseits, auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im
Reiche höherer als irdischer Mächte, psychologisch gesprochen, er erhebt
die Seele über die Gegenwart mit der Suggestion einer großen Hoffnung,
gegen welche das Irdische in ein Nichts versinkt, und der Arzt erreicht
mit dem Schlaf, direkten chemischen Alterationen des Gehirns, mit
Morphium, Narkose und Anästheticis eine funktionell der Hypnose ganz
nahe stehende Bewußtseinstäuschung über den Zustand der Gegenwart. In
dem einen Falle Hypnose auf dem reflektorischen Wege durch
Gedankenübertragung, in dem andern auf dem Wege der chemischen
Alteration der Hirnfunktion. Dinge, die in ihrem Mechanismus vielleicht
verwandter sind, als man heute noch allgemein zugeben möchte. Verfasser
hat den Versuch unternommen, für die Narkose, für die Schmerzlosigkeit
Prinzipien aufzustellen, welche auch für die Giftwirkungen die Auslösung
physikalischer Vorgänge bedeuten, und glaubt damit alle Formen der
Bewußtseinseinschläferung auf einen einheitlichen Mechanismus, den der
physikalischen Hirnhemmung zurückgeführt zu haben, so daß einem Menschen
auf dem Wege der Verbalsuggestion Trost zu bringen, für den
Seelenmechanismus nichts anderes bedeutet als die Einverleibung gewisser
beruhigender Medikamente: in beiden Fällen geschieht ein Appell an
denselben Mechanismus: Eindämmung, Einengung, Blendung, Hemmung des
Bewußtseins. Was Priester und Arzt groß und mächtig macht, ist dasselbe:
die starke, suggestive Kraft ihrer Persönlichkeit, welche in beiden
Fällen trotz aller zwingenden Gewalt der Heilmittel im letzten Grunde
nicht entbehrt werden kann. Der eine hat sein Trostmittel, die Religion,
der andere sein Heilmittel in der Hand; wie sie aber wirken, ist nicht
allein im religiösen Gedanken an sich, nicht allein im Heilstoff an sich
begründet, sondern bedarf in beiden Fällen der Zutat tiefgreifender
Glaubensstimmung, welche erst recht die Pforten der Seele öffnet für den
Eingang der Heilswahrheiten und -Wirkungen. Die Sonne der Hoffnung muß
von beiden gleichermaßen belebend in das Dunkel der verzagten Seele
ausstrahlen. Wie oft ist die fromme Lüge, die Heiligung der Mittel durch
den idealen Zweck den Priestern gerade von den freidenkerischen Ärzten
vorgeworfen worden, und welchen Arzt gäbe es, der um ein Stück "frommer"
Lüge, um eine gute Dosis bestgemeinten Jesuitismus herumkäme? Nein, ganz
gewiß ist der Arzt berufen, das Erbe des Priesterstandes auf sich zu
nehmen, und wird dieser Funktion nicht eher gerecht, als bis er bewußt
und ohne Verschleierung den Methoden der Glaubensmänner in gerechter
Würdigung mehr Ehrfurcht als bisher zu zollen bereit ist. Ist wirklich
die Wirkung aller der herrlichen Heilquellen so wesensverschieden von
dem "Lourdes" der Gläubigen? Ist nicht mancher Kurort wie ein
Wallfahrtsort, ja spielt nicht das Rezept bisweilen die Rolle eines
Ablaßzettels für Sünden des Genußes, hat nicht die Medizin immer noch
den alten, psychologisch auch tief begründeten Brauch, hier und da
Rezepte zu verschreiben, ut aliquid fieri videatur? Wie viele Gläubige
pilgern im Sommer nach Karlsbad oder Marienbad mit der stillen Hoffnung,
die hier vergebene Sünde im folgenden Winter reichlich nachholen zu
können!
Die Medizin kennt Päpste und Episkopate; der Glaube an die Chemie ist so
stark und dogmatisch, wie nur irgend eine Heilswahrheit, und die Zeiten
sind dagewesen, wo wissenschaftliche Überzeugungen die Herrschergewalt
von Staatsreligionen besessen haben, in denen Ketzern und
Andersgläubigen der wissenschaftliche und materielle Ruin sicher war. An
die Stelle des Totmachens durch die Inquisition und des Ketzergerichts
ist oft genug das noch wirksamere Totschweigen getreten, der Boykott,
das Abrücken, das Verfehmen, das in modernen Zeitläufen, nur scheinbar
schonender, dem "Protestanten" den Strick oft genug gedreht hat. Die
Geschichte aller Wissenschaften kennt Beispiele von krassester Dogmatik,
Ketzerhinrichtung und Bannbullen, und die Szene des zum Widerruf
gezwungenen Galilei wiederholt sich alle Jahrhundert mehrmals.--
Ist hier an einem Beispiel gezeigt, wie nahe sich in praktischer
Anwendung Wissenschaft und Glaube berühren, so ist ihre Verkettung in
ideeller Hinsicht eine noch viel weiter und tiefer gehende. Die
Vertreter echter Wissenschaft sind von jeher dem Felde ihrer Probleme
genaht mit einer tiefen und heiligen Ehrfurcht, die sich in
psychologischer Hinsicht nur wenig unterscheiden dürfte von dem Gefühl
der Demut, mit welchem der echte Priester vor den Altar tritt. Ja noch
mehr, dem ehrlichen Forscher wird mit dem Zuwachs seines Wissens stets
ein Staunen über den unbegreiflichen Reichtum der Natur Hand in Hand
gehen, und eine Kette von Offenbarung und Wundern wird ihm die
durchforschte Außenwelt aufweisen, genau wie dem Religionsmann die
tiefdurchsonnene Innenwelt. So weit der spürende Spaten auch reicht,
überall wird er auf Granit des Unergründlichen im letzten Sinne stoßen
und wird, falls er gerecht ist und fähig, die Probleme psychologisch zu
begreifen, in höchster Toleranz Jedem sein Recht lassen, sich über
undefinierbare Dinge eine Meinung nach seiner Fasson zu machen. Denn er
weiß, daß Dinge des Gemütes und der Phantasie weder zu stützen noch zu
widerlegen sind mit den Waffen des Intellektes. Es gibt eine Einheit des
wissenschaftlichen und des religiösen Denkens, die sie beide der Kunst
nähert: die Phantasie. Ohne sie gäbe es keinen neuen, fruchtbaren
Gedanken, ohne sie wäre aber auch kein Glaube möglich. Dieser schöpft
aus den Tiefen des Gemütes, jener aus denen des Verstandes. Nie wird
eine Wissenschaft das religiöse Empfinden auslöschen können, nie aber
auch kann ein Glaube den Resultaten der Wissenschaft sich
entgegenstellen. Ein Mann des Gottesglaubens, wie Goethe, konnte ein
fruchtbarer Forscher sein, und ein Mann der kühnsten Gedanken der
Wissenschaft, ein Newton, konnte ein strenggläubiger Kirchengänger sein.
RAUSCH
Rausch--welch ein wunderbares, eine Fülle tonmalerischer Anklänge in
sich bergendes und weckendes Wort! Ein Lautsymbol merkwürdigster und
tiefgreifendster Art. Tauchen aus ihm doch Laute empor und klingen ans
Ohr, die an ein schäumendes Wehr, an ein gurgelndes Wellenspiel, an ein
im Sturme zitterndes Blättermeer gemahnen, ähnlich wie ein diskretes
Parfüm von Veilchen die dazu gehörige Wiese und den Wald, Himmelsblau
und Freiheitsgefühl der Seele aufzunötigen vermag. Wie treffend, ja
erschöpfend wird in diesem Sprachgebrauch der eigentliche Seelenzustand,
der den "Rausch" bedingt, und den wir gleich kennen lernen werden,
direkt beschrieben, einfach und fast sicherer, als es die
kompliziertesten Hilfsbegriffe der Wissenschaft zu tun vermöchten. Woher
stammt der ahnenden Seele der Volkssprache diese tiefgründige Weisheit,
daß sie oft schon alle Geheimnisse vorgeahnt zu haben scheint, welche
die grübelnde Wissenschaft auf mühsamen Umwegen oft auch nicht tiefer zu
entschleiern vermag? Eine Frage, die uns zwingt, anzunehmen, daß unsere
Sprachbegriffe vielfach nichts anderes sind als eine symbolische
Projektion psychologischer Vorgänge im inneren Räderwerk der Seele nach
außen. Fürwahr, die Sprache ist eine der reichsten Fundgruben unserer
Seelenkunde, wenn auch bisher noch eines Bergmannes harrend, all ihre
Schätze zu heben. Das mag einmal beleuchtet werden an diesem Beispiel
der Beziehungen der berauschten Seele zum Rauschen und Brausen bewegter
kleinster Teilchen, mögen es nun Tropfen der Regenflut, Halme des
Grases, schwingende Saiten der Äolsharfe oder die zitternden
Phosphorsternchen im Filigran unserer Seele, die Ganglien des Gehirns,
sein.
Wer doch einen Blick hinein tun könnte in den feinmaschinellen
Präzisionsbetrieb der fünfzehn Millionen schwingender, webender,
gleitender, aufzuckender und aufleuchtender kleinster Ganglienkugeln da
hinter dem steilen Altar unserer Gedanken; etwa hinter die Stirn eines
vollendet arbeitenden Gehirnes, das dem eines _Goethe_, eines
_Helmholtz_, eines _Beethoven_ ebenbürtig wäre! Wer nur, wie der
denkendste aller Dichter, Hebbel, zum schlafenden Kinde sagt, einmal in
seine Träume sehen könnte--dem wäre alles, alles klar! Denn, was nutzt
es uns, das Gehirn der Abgeschiedenen hin und her zu wenden, es in
feinste Scheibchen zu zerschneiden--im lebendigen Spiel, in jauchzender
Arbeit, im Rausch des Lebens müßten wir es schauen, wollten wir den
ganzen Gespensterreigen in dem geheimnisvollen Gefäß erhabenster
Gedanken überblicken! Und doch: die Technik unserer Tage, emporgereift
zu einer Werkstatt gar für Menschenflügel durch das Reich der Luft, an
ihrer Spitze die Elektrizität, gibt uns vielleicht doch Bildermaterial
und Zeichenstifte genug, um freilich in den Kinderschuhen der naivsten
Erkenntnis einmal den Versuch zu wagen, so etwas wie einen Rundgang
durch den Bildersaal des seelischen Betriebes zu unternehmen.--Da hängen
die Millionen feinster kleiner Sternchen (Ganglienkugeln) in einem
Maschennetz, so zart, daß Spinngewebe dagegen Schiffstaue oder
Ankerketten sind; wie feinste Träubchen im Spalier, wie Windenblüten am
Drahtgitter sind sie ausgesät und senden aufleuchtend ihre
Feuerstrählchen aufeinander zu. Denn wenn der millionenfach gespaltene
Fingerstrahl der Sonne, umgeformt in Millionen Arten von Außenweltreizen
oder Innenweltgeschehnissen, an ihre Aufhängeschnürchen rührt, dann
blitzen sie vielleicht auf mit hellen oder dunklen Lichtwellen (die
gibt's jetzt nämlich auch), zittern und machen es wie die Sender und
Empfänger der Marconi-Platten: sie haben sich etwas mitzuteilen,
irgendeine Form der Milliarden Möglichkeiten von Bewegungswellen, von
Rhythmen, von Interferenzen und harmonischen oder disharmonischen
Vorgängen außerhalb dieser mikroskopisch kleinen Telephonzentrale der
Seele. Da klingen an oder leuchten auf vielleicht allein 4000 solcher
Sandkörnchen der Weisheit gleichzeitig, und dann weiß es die Seele: der
Menschenfinger hat eben etwas glühend Heißes gefaßt, 5000
Muskelumschalter kurbeln schnell die Scheinwerfer der Erkenntnis, die
Augen, auf den Fingerpunkt, und indem andere Tausend für blitzschnelles
Rückwärtssteuern der Handbewegung sich zitternd ins Zeug legen, meldet
der reflektierte Strahl an die Netzhaut im Auge und an die dahinter
liegenden anderen 10 Tausend, 100 Tausend, 1000 Tausend Sternchen, alle
in verschiedenen Kombinationssystemen aufgescheucht, die Antwort: heiße
Ofentür, Blutzufuhr einleiten, Blasen bilden, öl aufstreichen, zum
Doktor gehen!
Nicht wahr? das ist zum Lachen komisch, und doch ist es ganz ernst: so
und nicht anders vollzieht sich jeder Vorgang der Wahrnehmung, des
Erkennens, des Willens, der Tat; und selbst, wenn die Königin der Seele,
die Phantasie, aus den Himmelsräumen herniedersteigt, denn nur vom Geist
der Welten kann sie kommen, und einen Funken ihres Zauberfüllhorns in
die Menschenseele träufelt, dann geht ein wunderbarer Tanz von
Gruppenganglienglut und -leuchten, von Zucken und Erzittern, von Flammen
und Verlöschen los in der kleinen menschlichen Zauberzentrale, ganz
ähnlich wie eben geschildert, nur daß hier das Spiel innerlich vom
Zauberstab gleichsam verdichteter, kristallischer und sich wieder
lösender Erinnerungen erregt wird.
Werfen wir nur noch einen Blick in unser Bilderbuch. Was ist hier
geschehen? Mit einem Male flutet alles regellos, ungeordnet, strudelnd
durcheinander. Die Meldungen sind ganz sinnlos, während 1000 Zellen
"Stiefel" leuchten, künden andere "Mondkalb", "Schweinebraten", "Fis
dur"; die Finger- und Armkräne zucken, die Beinregister wirbeln
durcheinander, alle Begriffe rasen wie ein Karussell, und die
Irr-Lichtsucher zucken ringsumher an den Fenstern des Seelenarsenals,
ohne die fliehenden Dinge fassen zu können--das Struwwelpeterbild eines
berauschten Gehirnes! Da ist etwas entzwei gegangen, ähnlich wie an
einer plötzlich versagenden elektrischen Lampe, wie an einem brüllenden,
zischenden, zitternden, stampfenden Automobil. In der Tat: die
Hemmungen, die in der Elektrizitätszentrale wie im Gehirn die Ordnung
garantieren, sind kaput. So würde der Bescheid eines kundigen
Seeleningenieurs lauten. Jedes solche Denksternchen (Ganglion)
hat nämlich um sich ein Gespinst von isolierendem Material
(Hemmungsgeflecht), wie jeder Kupferdraht sein Seidentrikot, welches
Stromgebung und -empfang reguliert, und zwar von der großen Pumpstation
aller Säfte und Kräfte, dem Herzen, her. Je nach Füllung und Entleerung
dieser Berieselungshüllen der Nervenknötchen in Gehirn und Rückenmark
sind die Strahlungsbahnen geschlossen oder jedem Einfall, jeder
Vorstellung, jeder Handlungsvornahme offen. Schade, daß man immer so
weit ausholen muß, wenn man Fachgelehrsamkeit populär machen will; die
dicke, dicke Schale, die zu durchdringen ist, lohnt selten den kleinen,
bescheidenen Wissenskern. Jetzt aber sind wir wirklich am Kern der
Sache. Jetzt wissen wir, was eigentlich physisch geschieht in unserer
Seele, wenn wir berauscht sind. Es ist ein wirkliches Ganglienstrudeln,
-plätschern und Aneinanderpoltern hin- und hergeschleuderter Blättchen
im Orkan der allerverschiedenartigsten Erregungen, welche unsere
Hirnzentrale gepackt haben. Da kommt beispielsweise die langsam
anschwellende Welle vom Saftstrom des Blutes, sagen wir einmal vom Magen
her mit dem Alkohol. Die kleinen, anfänglich vom Willen des ganz
vernünftigen Trinkers, der sich gerade heute vorgenommen hat, ausnehmend
solid zu sein, noch gut beschränkbaren Dosen des mehr Leiden- als
Freudenbringers Alkohol treffen kreisend in den labyrinthischen
Gezweigen des Blutgefäßsystemes auch die letzten, kleinen,
feinen Seidengespinste um die Gangliensternchen. Die abnorme
Beimengung läßt die Gefäßnerven ihre Fühler einziehen, die
Gefäßröhrchen werden enger und damit die Ganglien austauschbereiter,
anschluß(assoziations-)lüsterner. Da haben wir den ersten Effekt: unser
eben noch ganz in seiner Würde eingekapselter Tischgenoß wird merkwürdig
lebhaft, spricht flüssiger als sonst, ihm fällt auch wohl gar eine
hübsche, neue Wendung, eine geistreiche Nuance ein, über die er beinahe
selbst erstaunt und selbst geschmeichelt vor Freude röter wird als
sonst; das gibt ihm ein Gefühl von Huttenscher Lust, zu leben,
obwohl ihm vielleicht sonst ziemlich alles schief geht; dieser
Lebensfreudenüberschuß gibt ihm den Kupplerrat, heute einmal nicht
so zimperlich zu sein, dem schönen Stoff mal kraftvoll auf den
Leib zu rücken, zumal er ja augenscheinlich immer geistreicher
wird, sein "ungehemmter" Geist schwebend leicht über Höh'n und
Tiefen aller Probleme dahinsteuert mit einer Art selbstanbetender
Schönheitsinnigkeit; das alles macht die mit den "Einzeldosen"
steigende Anschlußfähigkeit der Ganglien; die Hemmungsgespinste sind
durchlässiger geworden, sie sprühen sich Welle um Welle zu, in lustig
hüpfendem Tanz, indem der beschleunigte Puls, gleich dem schnellenden
Schwanz der munteren Forelle, immer mehr rhythmische Strudel von
Kontaktmöglichkeiten (Assoziationen, wie das schreckliche Wort
heißt) gibt. Die Leichtigkeit der geistigen Ein- und Ausgabe macht
unseren Lebemann zum geistigen und materiellen Verschwender;
Selbstüberschätzung, Renommiersucht, Größenwahn verderben die geistige
Atmosphäre.
Nun aber gibt es eine physische Grenze der Erregbarkeit der Gefäßnerven,
welche diese Hemmungserleichterung bedingen, sie schlagen ins Gegenteil,
in Lähmung und damit in Erweiterung der kleinen Hirndrainageröhrchen um,
und nun wird oftmals ganz unvermittelt unser lächelnder, jauchzender
Lebensbejaher zu einem Tiefmelancholischen, zum täppischen Müllersknecht
mit trägster, langsamster, blödester Telephonleitung. Die Äuglein
blinzeln nur noch verschmitzt, die Zunge lallt und kündet nur noch
die bekannte, immer wiederholte, eingleisige Geschichte, das Haupt
sinkt und endlich--ein Kurbelruck an der Hemmung: Falstaff schnarcht
mit jenem unpoetischen Echo, mit dem die ausgleichende Natur die
Bacchantenjauchzer zu beantworten pflegt. Die langsam vordringende
Hemmung hat Lichtlein um Lichtlein am Seelenhimmel ausgelöscht,
Nebelschleier und Tarnkappe um die Funkenstationen gezogen und mit
fester Hand die schrankendurchbrechende Feuerseele auf die sanfte Glut
des unter der Intellektasche glimmernden Unterbewußtseins verwiesen.
Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch manche phantastischen
Exzentrizitäten mit dem Beigeschmack des Wahnsinns nuanciert, ob das
Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch usw. usw. heißt. Ja, die Herkunft
des Alkohols schon färbt den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch
gleicher Formel, Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen
Anschlag auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden. Es ist
übrigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen Skelett doch
etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne reifte,
anhaften bleibt, so daß in der berauschten Seele des Menschen sich etwas
von der Heimat der Tränke kund zu geben scheint, aus der sie stammen. So
haben Haschisch und Morphiumträume immer etwas Orientalisches in ihren
Motiven, und der Kartoffelspiritus verrät pommersche Derbheit und Kraft
nicht weniger deutlich als des Rheines Traube Heiterkeit und Frankreichs
Schaumwein seinen perlenden Geist.
Aber auch, was die Kunst an Berauschtheit, an Lebenserhöhung,
Anschlußleichtigkeit und dionysischem Wahn in uns erzeugt, spielt sich
ganz ähnlich im Kaleidoskop der Seele ab. Was ist Begeisterung anderes,
als das Hineingerissenwerden unseres seelischen Rhythmus in die
brausenden, rauschenden Wellen einer vollaustönenden, übermenschlich
schönen Sprache, in das gleißende Spiel einer geistsprühenden
Gedankenkunst, in das süße Wogen und Wiegen einer hinreißenden Melodik
und Harmonie? Im Mittelmaß schwingt meine Seele, aber die extremen
Rhythmen reißen sie zum Einklang mit jauchzendem Lustempfinden, denn
jedes Kunstempfinden, das Fesseln des Alltäglichen von meiner Seele
reißt, entfesselt auch den Prometheus in mir und macht mein Herz zur
Feuerseele; darum berauscht die Kunst. Die goldenen Blätter meiner
schönen Möglichkeiten fliegen rauschend empor, wenn ihr Feuerodem mich
durchbraust; nie empfundene, nie selbst zu erzeugende Akkorde greift sie
auf meiner Sinnenorgel. Sie zeigt mir glühende Nebel von Sonnen der
Kleopatra, die ohne des Künstlers Weltallsodem niemals vielleicht in mir
ihren mystischen Spiegel erhalten hätten, sie gibt mir Farbensymphonien,
die mit mir vielleicht hätten sterben müssen, wenn nicht eines
Gottbegnadeten Lichterspiel meine Seele zum reflektierenden Kristall
gemacht hätte!--Und das alles durch diese Wunderwelt von seltenen,
exotischen, niemals selbst erzeugten Rhythmen auf allen Klaviaturen
meiner Sinnesinstrumente. Vom Rausch der Hautnerven bei den schönen, von
weicher Hand gespendeten Berührungen und Streichelungen bis zu dem des
Auges, das schöne Linien, Farben und Formen gierig trinkt, bis zu denen
des Ohres, das Geist und Wohllaut in sich saugt--immer dasselbe
daseinfördernde Lustgefühl sinkender Fesseln, fallender Hemmungen,
schmelzender Erstarrung. Da tönt der Himmel vor lauter Geigen, die Luft
schneit Rosen, und der Odem wird paradiesisch leicht. Die Kunst gibt
Lebenssteigerungen, herrlicher und berauschender, als sie je aus
goldenen Schalen als Trank, und sei er aus den Trauben Edens gekeltert,
der sonnenwärts gerichteten Seele gereicht werden können.
Seid von der Schönheit dieser Welt berauscht--das ist wohl die beste
Lehre eines Kämpfers gegen den Teufel Alkohol!
Treibt mein Blut ein Himmelswirbel?
Zukunft steigt aus Völkerschmerz,
Ewiges aus Lebensglut,
Menschheit, dir gehört mein Herz!
(Franz Evers)
DIE MUSIK ALS ERZIEHERIN
Die industrielle Technik, die es fertig gebracht hat, daß der ganze
große Erdball zu einer gemeinsamen Heimat des Menschen geworden ist, die
alle noch so abgetrennten Glieder des Erdreiches mittels elektrischer
Nervenfäden und Verkehrsadern zu einem einzigen gewaltigen,
kontinuierlichen Organismus vereint hat, diese industrielle Technik ist
zweifellos der Träger der Kultur des Abendlandes und wird es noch lange
bleiben. Ist doch die ganze große, geistig-humane Idee der sozialen
Fürsorge, die vielen wohl als der eigentliche Brennpunkt unseres
Kulturfortschrittes erscheinen mag, nichts als die direkte Konsequenz
des unendlichen Aufschwungs und des allseitig eindringenden, uns alle
umspannenden Einflusses der Technik. Wie in dem glücklich überwundenen
Zeitalter des Materialismus die Naturwissenschaft die Religion aus dem
Mittelpunkt des geistigen Interesses der Kulturnationen drängte, sie,
welche die Zentralleuchte des gesamten Mittelalters gewesen ist, so
scheint die objektive, Ursachen suchende Wissenschaft in unserer Zeit
längst überstrahlt von den blendenden Erfolgen der Technik, die jene,
die Wissenschaft, aus der Ruhe ihres Selbstzwecks hob und längst in
ihren Frondienst zwang. Hat doch auch die Philosophie, diese Königin des
Wissens, ein nur noch leise hallendes Echo in den Hainen der großen
Sehnsucht der Volksseele. Und wie steht es da mit der Kunst,
diesem einst so mächtigen Wärmfeuer menschlicher Gemüter und
Lebensgestaltungen? Kann es ein Zweifel sein, daß ihre schön gewirkten
Fahnen schlaff am Maste hängen, während ein frischer Wind dem stolzen
Schiff der Technik alle Segel füllt? Wohl ist es eine Zeit der fast
göttlichen Verehrung großer Künstler, die nicht einmal immer den
Vergleich mit ihren größeren Ahnen aushalten, nicht aber eine Zeit der
Kunst! Wir haben noch keine Kunst, die in der Seele aller unbestritten
als Geliebte lebendig wirkte, unser Tun beeinflußte, unserem Willen und
Denken Richtung wiese. Die Technik hat gesiegt und überstrahlt alles.
Ja, so sieghaft ist die ihr innewohnende Werbekraft, daß auch in der
modernen Kunst das technische "Wie?" fast alles ist. Das ist nirgends
offenkundiger als in der Musik und gerade hier dem Freund der Volksseele
am allerschmerzlichsten. Es kann wohl von niemandem ernstlich bestritten
werden, daß wir Deutschen mit dem Charakteristikum unserer verträumten,
gefühlsinnigen und grübelnden Seele--vielleicht gerade deshalb--das
musikalischste Volk der Erde sind. Kann doch eigentlich nur Italien mit
uns bisher konkurrieren um den Preis der größten Leistungen, der
ewigsten Werke der tönenden Kunst, dieser Fähigkeit, von Seele zu Seele
zu wirken mit einer Sprache der Gestirne, mit einer Harmonie, die
wortlos von den ewigen, ehernen Gesetzen des Weltalls, von seinem
geheimen, himmlischen Sinn und von der ahnbaren Schönheit des wirkenden
Götterwillens beredter spricht, als tausend Bibeln sprechen könnten. Die
Musik ist die unmittelbare Offenbarung der harmonischen Idee des
Weltganzen! In ihr ist alles Leid und alle Freude der Kreatur enthalten.
In ihr ist das Meer, der Fels, das Tal, der brausende Fluß, der Friede
der Heide. Die Flammenringe schwingender Gestirne spiegelt das Meer
ihrer schwebenden Akkorde.