Kompliziert wird die Sache dadurch, daß das Spiel der größeren oder
geringeren Zufuhr von hemmungsfähigen Säften außer von dem Pulse auch
vom Nervus sympathicus, diesem Urahnen der Nervensubstanz, beherrscht
wird, indem seine Steuerung der Stromenge und Stromweite beherrscht wird
von all dem dunklen Triebleben, mit dem eben die ganze Welt, ihre Sonnen
und ihre Finsternisse auf unserer menschlichen Seele spielen. Man hat
eben die Erregbarkeit dieses Wurzelgebietes unserer seelischen Kraft als
den notwendigen Vermittler zwischen Gehirn und Blutsafthemmung
aufzufassen. In ihm, in seinen überall ausgedehnten Geflechten, welche
den ganzen Körper durchsetzen, wie ein Urgehirn für sich, das schon
alles in sich trägt, was die Entwickelung Millionen unserer Vorfahren
erworben hat, haben wir den eigentlichen Herrn unseres Lebens, auch
unserer Allgemeingefühle zu respektieren, und ob in uns Harmonie oder
Disharmonie, Lust oder Unlust herrscht, das wird wesentlich entschieden
durch die Strahlenaktivität der Milliarden Ganglien des Sonnengeflechtes
in unserem Leibe, das am Feuer der Blutbildung ebenso beschäftigt ist,
wie an der Schmiede der Eisen- und Phosphormoleküle oder an der
Geburtsstätte der Saatkörner für die unzähligen, vielleicht nie
geborenen neuen Menschen in uns. Wie diese Nervengrundstimmung ist, ob
lebensfroh zur Entwicklung und zur Schönheit drängend, oder düster auf
Vernichtung, Haß oder Verneinung grübelnd, das ist natürlich dafür
entscheidend, welche Mischung aus dem Zusammenbrausen aller dieser
Kräfte entsteht: warum eben zeitweise ein Cholerischer phlegmatisch und
ein Melancholiker in dionysischer Ekstase erscheinen kann und umgekehrt.
Das ist auch die Erklärung, warum man schließlich ganzen Familien,
Sippen und Völkern bestimmte Grundfarben der Temperamente zuschreiben
kann, weil eben das rhythmische Spiel des Sympathikus, dieser
Stammeswurzel der Menschheit, welche eingesenkt ist in Boden, Klima und
Heimatluft, welche gebunden ist an die Scholle mehr als mancher ahnt,
bestimmend ist für die größere oder geringere Fülle, mit der eben der
eindämmende Blutsaft die Hirnzellen umspült.
TIERSEELE UND MENSCHENSEELE
Für die Naturwissenschaft, welche heute noch in den etwas wackelig
gewordenen Geleisen des Darwinismus wandelt, ist es eine ausgemachte
Sache, daß der Mensch ein höher organisiertes Tier, daß er gewissermaßen
nur die letzte, erhabene Krönung des Lebens sei, hervorgegangen aus den
unendlich mannigfaltigen Formungen und Abänderungen, welche die
Widerstände des Daseins auf die vorwärtstreibende, dem Leben nun einmal
anhaftende Gestaltungskraft ausgeübt haben. Die hohen Geistesgaben, so
meint man, welche dem Menschen gestattet haben, eben Geist und Vernunft
in allen Dingen walten zu lassen, sind Steigerungen überall auch im
Tierleben tätiger Seelenkräfte; die Seele des Menschen sei also nur dem
Maß nach, nicht dem Wesen nach von der Tierseele verschieden (nur
quantitativ, nicht qualitativ). Daß die Naturforscher dieser Entthronung
des bisher souveränen, völlig unbestritten als Zentrum der Welt
aufgefaßten Menschengeistes die Feindschaft aller Männer des Glaubens an
Gott und den göttlichen Ursprung des Menschen verdanken, kann nicht
wundernehmen. Mit der Beweisbarkeit dieser Anschauung fiele ja nicht nur
die Schöpfungslegende, welche ja immerhin ihren tiefen symbolischen Sinn
behalten könnte, sondern es stürzte auch rettungslos die jedem Einzelnen
instinktiv innewohnende, übrigens uralte und noch lange nicht
ausgestorbene Überzeugung, daß der Mensch doch das Maß aller Dinge sei.
_Copernikus_ gab mit seiner Einreihung der Erde als eines Körnchen
Sandes in das brausende Meer der Gestirne diesem zentrierenden
Menschheitsgedanken (Anthropomorphismus) den ersten, _Darwin_ den
zweiten Stoß: mit der Idee einer sukzessiven Entwicklung.
Also ein Aufsteigen des Menschen langsam aus dem Staub der Erde oder dem
Urschlamme des Meeres! (Letzterer ist längst ins Land der
naturwissenschaftlichen Märchen gewandert: denn auch die Naturbibeln
haben ihre Legenden, nur soll man sie noch fester glauben als die der
Religionsbücher.)
Eine Schöpfung aus dem Erdenkloß zwar auch, aber nicht mit einem Schlage
aus der Hand und mit dem Odem Gottes, sondern durch die langsam durch
Jahrmillionen gestaltende Faust der Anpassung und Vererbung, wobei der
Trieb zur Vermehrung, das "Seid fruchtbar!" immer als etwas
Selbstverständliches ohne Erklärung gelassen wird.
Es ist schlechterdings unmöglich, den Entwicklungsgedanken in den
Naturerscheinungen zu leugnen, ohne tausendfältigen Gesetzmäßigkeiten,
Erfahrungen, Experimenten Gewalt anzutun, wenngleich zugegeben werden
muß, daß der Darwinismus noch keineswegs mit demselben den
Schöpfungsbegriff umstößt. Bekanntlich war Darwin gottesgläubig und muß
wohl angenommen haben, daß der schaffende Gott eben die langsame
Entwicklung dem beseelten ersten Lebenskeime eingehaucht hat, wodurch
das Schöpfungswunder wahrlich nicht weniger staunenswert und herrlich
erschiene. Was dem gläubigen Naturforscher Demut abzwingt, ist eben das
Wunder der unendlichen Entwicklungs_möglichkeit_ des Lebens, der
Milliarden Variationen am gleichen Typus, der Unerschöpflichkeit der
Mittel zum Anpassen an unzählige Widerstände und geheime
Schwierigkeiten, endlich das unverkennbare Zweck_bewußtsein_ der sich
vorwärts entwickelnden lebendigen Masse. Die Schöpfung, die der
Gottesmann im Herzen trägt als _einmalige_ für ihn denkbare Möglichkeit
der Entstehung von Welt und Mensch, ist eben für den Naturforscher
ständig für einst, jetzt und alle Zeiten stumm am Werke; das ist
eigentlich der ganze Unterschied. Eine Frage trennte die beiden
Weltanschauungen, aber viel tiefer und scheinbar unüberbrückbar,
uferlos: das ist eben jene schon angedeutete: kann wirklich der
Menschengeist als eine höhere Stufe Tiergeist definiert werden? Es möge
mir erlaubt sein, einige Gründe beizubringen, welche gegen eine solche
Auffassung von der einfachen Steigerung der Tierseele in die
Menschenseele sprechen. Unstreitig sind in den nervösen Apparaten,
welche das Leben im Tiere und im Menschen regulieren, eine große Anzahl
Einrichtungen und Funktionen anzutreffen, welche völlig identisch
arbeiten und nur gradweise Unterschiede erkennen lassen, alle
Sinnesorgane, alle Reflexe und automatischen Bewegungen, alle bewußten
oder unbewußten Mechanismen des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, die
Mechanismen der Liebe und des Hungers--alle diese anatomischen und
funktionellen Dinge sind gleicherweise im Nervenapparat von Tier und
Mensch vorhanden: manchmal dies oder jenes beim Menschen vollkommen und
höher entwickelt, manchmal--und das ist sehr bemerkenswert--auch in
entschieden höherer Entwicklung beim Tier als beim Menschen, z.B. der
Gesichtssinn beim Raubvogel, die Witterung bei Hund und Reh, die
Automatien der Bewegungen bei der fallenden Katze, beim Hund und
Pferd[1]. Wo aber liegen denn die eigentlichen Unterschiede zwischen
Tier- und Menschenseele, dergestaltige Abweichungen, daß von einem
Gradunterschied gar nicht die Rede sein kann? Wir meinen, daß es
offenkundig genug ist, daß solche essentiellen (wesentlichen)
Unterschiede in Hülle und Fülle bestehen, welche alle auf ein
einheitliches Prinzip zurückzuführen sind. Der Unterschied wird
bemerkbar zunächst in rein historischem Sinne: alle Daten der Geschichte
beweisen, daß der Mensch sich zum mindesten in bezug auf seine
Lebensgewohnheiten im Lauf relativ sehr kurzer Zeitläufe gründlich
verändert, daß er sozusagen seine Lebensweise in breitesten Grenzen
aktiv vorrückt, während das Tier von Anbeginn seines Auftretens
auf der Erde, vom Moment, an wo der Hirsch Hirsch, der Vogel Vogel
war, aktiv an seiner Lebensart nicht das geringste geändert hat.
Nicht einmal Ortsveränderungen, geschweige Nahrung, Liebesleben,
Wohnungsverhältnisse, Bewegungsmittel usw. haben die geringsten,
aktiven Variationen erfahren.
Fußnote 1: Ein Beispiel dafür war im Zirkus Schumann vor einiger Zeit
zu sehen. Auf einer von langsamer Drehung zu immer rasenderer Eile
getriebenen Drehscheibe wurden erst Menschen und dann Tiere postiert.
Während die Herren der Schöpfung sehr bald abgeschleudert wurden,
vermochten die Tiere sich durch schnellste Anpassung an die Bewegung
"auf dem Platz" mühelos auf der sausend rotiereuden Drehscheibe
galloppierend zu halten.
Man kann also sagen: Die Lebensbedingungen der Tiere waren in
historischen Zeiten konstant, während ein überirdischer Historiograph
den Pfahlbauer und den kommandierenden General zu Pferde wahrscheinlich
für zwei ganz verschiedene Lebewesen mit Recht verzeichnen würde. Ebenso
stabil ist das Tier geblieben von Anbeginn seines Auftretens in bezug
auf die Erkenntnis seiner Stellung zum Weltganzen, während der Mensch
sein Verhältnis zur Natur um ihn und in ihm einer dauernden Betrachtung
unterzogen hat, was ihn neben anderem auch dazu geführt hat, Herr von
Tieren und von Naturkräften zu werden, wovon bei Tieren in beiden
Hinsichten auch nicht das geringste zu bemerken ist. Fügen wir hinzu,
daß bei Tieren nichts zu sehen ist von einer bewußten Kunst und bewußten
Ethik (alle darauf bezüglichen Beispiele gehören in das Gebiet
automatischer, reflektorischer Nerventätigkeiten, sind also Handlungen
aus _Mechanismen_, nicht aus _Motiven_ heraus), so meinen wir die
hervorstehenden differenzierenden Merkmale zwischen Tier- und
Menschenseele wenigstens symptomatisch angegeben zu haben. Worauf
beruhen nun diese erkennbaren Unterschiede?
Folgen wir dem Entwicklungsgedanken, so muß mit dem Menschen eine
durchaus neue seelische Kraft aufgetreten sein, es muß mit ihm ein
Prinzip zur Erscheinung und Wirkung gekommen sein, von dem vor seiner
Erschaffung nichts auf der Erde beobachtbar gewesen sein kann, weil
alles, was mit dem Menschen entstand, erst durch dieses neue Prinzip
möglich wurde. Wenn wir nicht annehmen wollen, daß wirklich das, was wir
Menschenseele nennen, ein Ding für sich ist, ein metaphysisches,
unerhörtes Wunder, mit dem uns der Geist der Natur begabt hat--eine
Anschauung, welche wohl unwiderlegbar sein dürfte als die eine denkbare
Möglichkeit--so müssen wir zum Erfassen einer anderen Möglichkeit eine
Hypothese einführen, welche vielleicht wahrscheinlicher und einfügbarer
in den Entwicklungsgedanken ist, als jene des unvermittelten Eingreifens
einer übernatürlichen Macht in den Ablauf der Dinge.
Machen wir uns zuvörderst einmal die seelische Stellung des Menschen zum
Weltganzen ganz klar. Das Wunderbarste und Verblüffendste an dem
Verhältnis einer schöpferischen Natur zum Menschen ist die Tatsache: daß
sich das fortentwickelnde Leben Organe (Nervensubstanz, Gehirn, Seele)
geschaffen hat, die fähig sind, dieses Leben zu begreifen, die durch
Entwicklungen seelischer Kraft dazu geführt haben, _daß die entwickelte
Materie sich selbst begreift_. Nehmen wir einmal an, um ein Bild zu
gebrauchen: Die Sonne wäre der Quell aller Dinge, so bestünde das Wunder
darin, daß die Sonne sich das Menschenauge zu einem Spiegel ihrer
eigenen Schönheit und aller ihrer Eigenschaften erschaffen habe. So
schuf die gesamte Natur den Menschengeist, um sich in ihm ihrer selbst
und ihrer Gesetze allmählich ganz bewußt zu werden. Es könnte fraglich
sein, ob dieses Wunder nicht _nur_ auf der Erde und keinem anderen
Gestirn geschehen ist, so daß die kleine Erde doch der geistige
Mittelpunkt des Universums sein könnte, sein _einziger_ Spiegel. Denn
unstreitig ist der Mensch fähig, sich von der Gesamtnatur, von den
letzten Dingen eine Vorstellung zu machen, in sich ein Bild der Welt aus
seinen Gedanken zu erzeugen. Wenn man nun bedenkt, daß jeder unserer
Gedanken in seiner Entstehung genau so materiell sein muß wie eine
vorbeifliegende Bleikugel, daß er sekundäre Wirkungen haben kann, welche
die größesten materiellen Katastrophen (Explosionen, Felssprengungen
usw.) hervorrufen, so erhellt erst recht der kolossale Schritt, welchen
die Natur in der Hinzufügung der seelischen Kraft zur Entwicklung
gemacht hat. Wenn wir nun nicht zugeben wollen, daß eben diese Kraft der
sich selbst bewußte Geist des Schöpfers ist, womit alle Forschung
aufhören würde, so ist man gezwungen aus einem anderen, weniger
übernatürlichen Prinzip heraus das Auftreten der menschlichen
Fähigkeiten in der Kette der Entwicklungen wenigstens hypothetisch zu
erklären.
Da die bei Tieren beobachtbaren psychischen Tätigkeiten nicht
ausreichen, um die Seele des Menschen als eine Steigerung dieser
Ausübungen zu definieren, da wir andererseits von einem Eingreifen einer
metaphysischen Macht absehen wollen, so bleibt nichts übrig, _als der
Nervensubstanz der menschlichen Seelenorgane eine im Tier nicht
beobachtbare neue Funktion zuzuschreiben_. Diese neue Funktion ist die
Fähigkeit der menschlichen Nervenmasse, nicht nur in der einen Richtung
von der Reizstelle zum Wahrnehmungszentrum zu schwingen, sondern auch in
umgekehrter Richtung vom Wahrnehmungszentrum zur Reizstelle bewegt zu
werden. Auf dieser Funktion beruht unsere Fähigkeit, z.B. ein Pferd mit
Farbe, Form, Schatten und Licht und allen anderen Eigenschaften nicht
nur zu sehen, sondern es auch von nunmehr neu zu erzeugen. Gerade wie im
Kinematoskop durch Abrollen von tausend Einzelbildern eine wirkliche
Form und Bewegung eines tatsächlichen Bildes entsteht, so ist der
Mensch, und nur er allein, imstande, von innen heraus, aus dem
funktionellen Betrieb seiner Ganglienzellen heraus die Welt mit allem,
was wahrgenommen und gedacht werden kann, neu entstehen zu lassen.
Mit einem Worte: die _Phantasie_, als eine besondere Funktion der
menschlichen Nervensubstanz erfaßt, ist es was den Menschen aus dem
Tierreich so hoch und herrlich heraushebt, daß man wohl sagen darf:
gewiß ist der Mensch tierisch in seiner physischen Natur, aber er ist
Gottes Ebenbild in seiner psychischen Natur. Wohl ist er das höchste
Tier, aber zugleich auch eine Vorstufe zu höheren Wesen. Das letzte Tier
der Erde, der erste Gott dieser Welt, das ist der Mensch!
GLAUBE UND WISSENSCHAFT
Die Stellung des Menschen und des seiner Beobachtung Zugänglichen im
Weltganzen zu begreifen--diese uralte Sehnsucht ist der gemeinsame
Quell alles Wissens und jeden Glaubens. Wie zwei sich ewig befehdende
Königinnen im Geisterreiche stehen sie sich gegenüber und sind
doch Geschwister von derselben Mutter aller Erkenntnis--der
Kausalität--geboren, Glaube und Wissenschaft. Daß bisher nie ein
ehrlicher Friede zwischen diesen beiden Denkungsarten und ihren
Vertretern möglich war, ist im Grunde um so verwunderlicher, als es ja
bei gleichem Ursprung und bei gleichem Ziel eigentlich nur ein Streit um
die Methode ist, der sie trennt. Was bei dem Glauben die innere, selige
Überzeugung, die Ahnung, die Offenbarung ist, das ist beim Wissen die
widerspruchslose Hypothese, die alle Erscheinungen deckende gedachte
Gesetzmäßigkeit. Sind das nicht im Grunde vielleicht dieselben
Funktionen unseres Seelenapparates, die in dem einen wie dem anderen
Falle zu einer unverrückbaren Einstellung unserer logischen Tätigkeiten
auf einen bestimmten Zentralpunkt führen, der in der Art zwingender
Selbstsuggestion die Ausgangsstelle aller Schlußfolgerungen darstellt?
Nichts ist machtvoller als die Formel. Sie reißt den einzelnen in
unwiderstehlicher Suggestivkraft in den Bann ihrer Kreise, sie hat
infektiöse Kraft und vermag die Massen in geradezu epidemischer Weise
unter ihr Banner zu zwingen, wie eine Armee unter das Symbol einer
Fahne. Was mag das Wesen der Formel, des Schlagwortes, des erlösenden
Gedankens, der Suggestion eines sich aufzwingenden, epocheschaffenden
Begriffes sein?
Wenn der Entwicklungsgedanke richtig ist, so ist Denken ein Wachstum, so
gehört ein Heranreifen der einzelnen Elemente unseres Denk- und
Empfindungsorganes dazu, um einen Gedanken, d. h. dem Zusammenklang so
und so vieler Akkorde erzitternder Ganglienelemente die immer nötige
Resonanzfläche zu schaffen. Das geschieht, "wenn die Zeit gekommen" ist,
wenn das Ackerfeld des augenblicklichen Entwicklungsstandes des
organischen Saatfeldes vorbereitet ist für den neuen Keim.
Das Aufdämmern neuer Kombinationen von Ganglientätigkeiten in einem
Gehirn (dem genialen), das erstmalige Aufleuchten anschlußbereiter,
bisher nicht durchleuchteter Gebiete würde verlöschen wie eine
Sternschnuppe an dem Horizonte des Bewußtseins der Mitlebenden, wenn
nicht im Stillen gleichmäßig eine Zündfläche in mitgeborenen Gehirnen
geschaffen wäre; wie es ja oft genug geschehen ist, daß
entwicklungsgemäße Gedanken erst Jahrhunderte später ein tragfähiges
Ackerland in den Seelen der Nachgeborenen erhalten haben. Diese
Zündkraft wohnt genialen Gedanken eben deshalb inne, weil die
Entwicklung der meisten Gehirne einer Epoche ziemlich gleichmäßig
herangediehen ist an die letzte, entscheidende Auslösung, die nur Einem,
manchmal auch Mehreren (nur Unkundigen überraschend durch ihre
Gleichzeitigkeit) gelingt. Jahrhunderte lang kann eine Idee vorbereitet
sein, bis in einem Geiste der Prometheusfunke durchbricht, und wie einst
Goethe gesagt hat: das Auge muß sonnenähnlich sein, wenn es die Sonne zu
sehen vermag, so fällt dieser Funke auch in nervöse Systeme, welche
spezifisch empfänglich sind für das ihnen gebrachte Licht. Das ist dann
in der Tat ein Vorgang, der mit der Infektion durchaus vergleichbar ist,
weil auch bei ihr eine Disposition unbedingt dem Haften des
Ansteckungsstoffes vorangehen muß. Formeln also, welche in der
Entwicklungsrichtung der menschlichen Geistesapparate gelegen sind, sind
deshalb so suggestiv, weil ja die Mitgehirne schon warten auf einen
Anschlußreiz, dem sie entgegengewachsen sind. Ist diese Anschauung von
dem buchstäblichen Heranwachsen der Geisteselemente zu neuen Aufgaben
richtig, und alle Forschung und Erfahrung scheinen sie zu stützen, so
kann man sagen, daß alles Objektive, alles sogenannte Allgemeingültige
naturgemäß einem Wandel unterworfen ist und daß das Objektive bei seinem
erstmaligen Auftreten zunächst erst die Wahrheit eines Einzelnen, d.h.
etwas durchaus Subjektives gewesen ist. Die eine Wahrheit anerkennende
Mitwelt steht also unter der Suggestivkraft eines Genies, solange bis
eine noch zwingendere subjektive Kombination diese "Wahrheit auf Zeit"
ablöst. Dieser Tatbestand trifft nun den Glauben ebenso wie die
Wissenschaft. In großen Perioden wechselt der Glaube ebenso wie die
Wissenschaft ihr Gewand. Da die Sehnsucht, das Rätsel der Welt zu lösen,
in jedem Gläubigen nicht minder wie in dem Wissenschaftler die Ursache
der Annahme dieser oder jener ihn ganz erfüllenden Überzeugungen ist, so
kann es nicht wundernehmen, daß eine große Reihe von Parallelen sich
aufstellen lassen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Religion und
der Wissenschaft. Da es sich aber um dieselbe Funktion der Seele in
beiden Fällen handelt, so kann die Berufsfärbung, welche unabänderliche
Vorgänge unseres Geistesapparates erfahren, nicht weit genug gehen, um
diese Gleichrichtung des inneren funktioneilen Betriebes zu verwischen.
Ich kann an dieser Stelle nicht diese funktionelle Parallele zwischen
Wissenschaftlern und Glaubensmännern bis ins Einzelne durchführen, es
möge genügen, auf einige naheliegende Ähnlichkeiten hinzuweisen, um
wieder einmal daran zu erinnern, wie müßig es eigentlich im Grunde ist,
wenn, wie das so oft geschieht, zwischen Theologen und Naturforschern
gespannte und sich gegenseitig exkludierende Feindseligkeiten eröffnet
werden.
Ich würde nicht wagen, den lieben Gott vom Standpunkte der Wissenschaft
eine zwar wahrscheinliche, aber unbewiesene Hypothese zu nennen, wenn
nicht ein Mann, dem es um den Namen Gottes heiliger Ernst ist, den Spieß
mit vollem Recht sofort umkehren und der Wendung ihre blasphemische
Schärfe nehmen könnte, indem er einem solchen Naturforscher antwortete:
"Umgekehrt, lieber Freund, mit jeder deiner Hypothesen umschreibst du
nur den Gottesgedanken." Da in der Tat eine Wissenschaft ohne Hypothese
niemals zu grundlegenden Gesetzen kommen würde, es bisher auch nicht
möglich war, Wissenschaft ohne Hypothese zu treiben, so muß man zugeben:
auf beiden Seiten ist ein großer Unbekannter, und je nach Temperament
und Erziehung wird auf der einen Seite mit Ehrfurcht personifiziert und
symbolisiert und auf der anderen Seite mit kühler Logik analysiert, was
übrigens die Ehrfurcht nicht ausschließt. In beiden Fällen aber ist
eine gedachte, substituierte, der äußeren Erfahrung nicht zugängliche,
nicht beschreibbare, faßbare und erkennbare Grundmacht der Urgrund
aller Dinge. Ist die hypothetische Durchdringung aller Materie mit
dem Äther, seine Erfüllung des Weltraumes an jeder Stelle etwas
anderes als die Allgegenwart Gottes, nur in naturwissenschaftlicher
Formel? Ist das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nicht der uralte
Unsterblichkeitsgedanke nur in physikalischer Fassung?
Gibt es eine besondere Lebenskraft, und die moderne Naturwissenschaft
nähert sich mit dem Neovitalismus bedenklich dieser Möglichkeit, so ist
die Unsterblichkeit auch geistiger Funktionen nicht mehr außer dem
Bereiche naturwissenschaftlicher Denkweise. Der Glaube an die Einheit
der Kraft (Monismus), hat er nicht verzweifelte Ähnlichkeit mit dem
Monotheismus der Juden, dem ebenso ein Polytheismus voranging, wie dem
Monismus eine auf viele Einzelkräfte aufgebaute Kraftlehre? Und
weiter--der nie verschwindende Dualismus der Philosophie, die
Gegenüberstellung von Kraft und Stoff, von Gott und Teufel, von Energie
und Widerstand, sind es nicht alles Bezeichnungen für funktionelle
Vorgänge in unserer Seele, welche jedem Menschengehirn eingewurzelt
bleiben, mag Zufall und Wahl seine Träger nun zur Gemeinschaft von
Priestern oder von Naturwissenschaftlern geführt haben? Es ist eine
nicht mehr zu bestreitende Tatsache, daß die Naturwissenschaft ebenso
dogmatisch sein kann wie die Kirche. Das eigensinnige Festhalten an
Voreingenommenheiten, Überlieferungen und bequemen Gewohnheiten ist eben
ein allgemein menschliches Hindernis für den Fortschritt, ganz gleich,
ob es sich in Kirche, Staat oder Laboratorium bekundet. Wir haben
Unfehlbarkeitsanwandlungen hier wie dort, und die Päpste der
Wissenschaft sind nicht weniger intolerant gewesen als die der Kirche
und sind es noch.
Es gibt Wissensmonopole ebenso, wie es Erkenntnismonopole gibt. Die
konsequenten Negierer in der Wissenschaft sind die Zwillingsbrüder der
Atheisten. Der Wille zur Macht ist auf den Akademien nicht weniger am
Werke als in den Konsistorien. Die Intoleranz, die Proselytenmacherei,
die Verketzerung anders Gläubiger und tausend andere Menschlichkeiten
hier wie dort.
Alle diese Beispiele beweisen schlagend, daß die allgemein menschlichen
Funktionen einer Seele, die Art des mechanischen Ablaufes geistiger
Bestrebungen nicht durch den Beruf oder das Amt wesentlich modifiziert
werden können, daß die menschliche Seele als Funktion eine Einheit
bedeutet, daß alle Menschlichkeiten in jedem Beruf sich ereignen müssen
und daß im speziellen der Priester mit dem Vertriebe und der Propaganda
seiner Lehren nicht anders verfährt als der Wissenschaftler. Nirgends
wird die Parallele dieser Funktionen deutlicher als in einem Vergleich
zwischen Priestern und Ärzten, die beide als die praktischen
Verwirklicher religiöser oder wissenschaftlicher Ideen zu gelten haben.
Es möge ein kurzer Vergleich dieser beiden Berufsarten hier gestattet
sein.