Wahl also, das bewußte Gefühl, so oder so zu handeln, steht dem "Muß"

gegenüber, der Wahllosigkeit unseres Tuns aus den unserem Bewußtsein

entzogenen Trieben heraus. Der kategorische Imperativ _Kants_, das

Gewissen, was kann es anders sein, als die Hand der vorwärts

gestaltenden Innenmacht, die uns alle am Ende zwingt, so zu leben, daß

wir entwicklungsfähig ("vorbildlich" Kant) werden können, andernfalls

wir als lebens- und entwicklungsunfähig abzutreten haben vom Schauplatz

des immer spielenden Dramas: Leben.

Wir vermögen einen Blick zu tun in den Mechanismus dieses grandiosen

Getriebes gerade in unserer menschlichen Seele. Denn es ist ein

organischer Unterschied zwischen den Gebieten, in welchen wir bewußt

denken, Probleme schmieden und uns den neuen Anforderungen des Lebens

anpassen, und jenen, wo uns jede Wahl abgeschnitten ist.

Um ein Bild aus der Elektrizität zu geben,--wir denken und sinnen mit

willkürlich ein- und ausschaltbaren Gedankenelementen, unsere Instinkte

aber, unsere Regulationen des Stoffwechsels, unsere Automatien und

Reflexe sind definitiv in ihren Bahnen eingestellt, die dazu nötigen

Anschlüsse sind ein für allemal bestimmt und aneinander angereiht, sie

sind in den Händen einer abgeschlossenen Hemmung.

Wenn wir dem ebengeborenen Säugling, bevor sein Mund je die Mutterbrust

erreichte, einen Finger an die Lippen haken, so beginnt er zu saugen;

wenn der erste Strahl des Lichtes sein Auge trifft, so verengt sich

seine Pupille: das Getriebe der nervösen Reize hat keine andere Wahl, es

muß die Bahnen gehen, welche die Reflexbewegung stets in gleicher Weise

auslösen, weil diese entwicklungsgeschichtlich angewöhnten Reize stets

dieselben Bahnen entlang durchlaufen müssen, weil alle anderen

Möglichkeiten durch festgelegte Hemmung ausgeschaltet sind. So sind die

Reflexbewegungen also deshalb angeboren, weil Millionen unserer

Vorfahren diese Art der Beantwortung von Lebensreizen als die

zweckmäßigste und immer wiederkehrende für uns erlernt haben. Die

automatischen Reaktionen haben sich also im Laufe der Jahrtausende als

die zweckdienlichsten, als die erhaltungsgemäßesten herausgestellt, und

sie gehören zu dem definitiven Bestande unseres nervösen

Gesamtmechanismus. Die Methode der Natur dabei war die Schaffung einer

dauernd fixierten Hemmung, welche Ausweichungen in nervöse

Nebenleitungen unmöglich machte. Daß wir niesen, erbrechen, lachen

müssen, wenn man uns die Nase, den Rachen, die Sohlen kitzelt, sind

zwingende Beweise für die Unausweichbarkeit der bestimmten Reize aus

definitiven Leitungsbahnen; das tiefe Atemholen beim kalten

Wasserstrahl, das Verschluckenmüssen selbst gefährlicher Gegenstände

(Münzen, Gebisse, Gräten usw.), wenn sie den Gaumenring passiert haben,

der Lidschluß bei grellstem Licht sind Dinge, die wir mit höchster

Willenskraft nicht hemmen können, weil das Spiel der Kräfte eben für

diese Aktionen unabänderlich reguliert ist. Es ist ein weitverbreiteter,

aber irrtümlicher Glaube, daß man unser ganzes Seelenleben in dieser

Weise meint auflösen zu können in die eine Frage nach den

Reflexbewegungen. Für weniger elementare und kompliziertere Handlungen,

für unser Gedankenspiel und für unsere Empfindungen kommt eben noch ein

anderes, uns die Freiheit des Willens aufnötigendes Etwas hinzu. Liegt

vor mir ein Buch, so kann ich es aufschlagen oder ich kann es

unterlassen; sehe ich einen Apfel, so kann ich ihn fassen oder liegen

lassen und habe dabei stets das Gefühl ganz freier Wahl, zu tun, was mir

beliebt. Gegenüber einem ethischen Problem habe ich nicht minder das

Gefühl der Freiheit, mich für dies oder jenes Tun oder Unterlassen zu

entscheiden. Hier empfinde ich die Summe aller auf mich wirkenden Reize

nur als einen Richtung gebenden, aber nicht zwingenden Antrieb.

Dieser mehr oder weniger entscheidende Antrieb stammt nun aus zwei

Quellen: Aus einer bewußten, kontrollierbaren und aus einer nicht

kontrollierbaren, unter- oder unbewußten Auslösung von Reizen. Antriebe,

deren Quellen uns verborgen liegen, aber um so lebhafter uns

beherrschen, nennen wir "Instinkte". In zwei große Gruppen, denke ich,

sollte man die Instinkte, die unterbewußten Antriebe zur Handlung

einteilen: In solche, welche uns überkommen sind, aus früheren Stufen

der Entwicklung, welche also gewissermaßen Rückschlagtriebe aus einer

früheren Daseinsperiode der Menschheit sind; und in solche, welche der

unaufhaltsamen Vorwärtsentwicklung unserer Seelenmechanismen entstammen.

Jene sind Instinkte des Gewesenen (deszendente), diese des Werdenden

(aszendente). Beide stehen in Verbindung mit unserm Willensmechanismus,

d.h. sie können die Ein- oder Ausschaltung dieser oder jener

Handlungsrichtung mehr oder weniger zwingend hervorrufen. Diese

ausgelösten Willensaktionen können uns persönlich nützlich oder

schädlich sein, sie können aber auch für die Entwicklung der Menschheit

als Ganzes fördernd oder hindernd, also erhaltungsgemäß oder

entwicklungshemmend sein.

Wo könnte der Seelenforscher für das Überkommene und Eingeborene tiefere

Züge der Erkenntnis tun, als bei der Beobachtung des werdenden Menschen,

dem jungen Erben des gesamten Menschheitsbesitzes, dem Kinde? Was aber

ist des Kindes tiefste Betätigung? Das Spiel, dieses für die

Wissenschaft ernsteste aller Dinge. Ist der Entwicklungsgedanke richtig,

so muß ja in den erwachenden Trieben jedes jungen Infanten alles das

oder wenigstens das Wichtigste dessen zu erkennen sein, was einst auch

Bestand der Kindheit des ganzen Menschengeschlechtes war. Mit anderen

Worten: Die Geschichte der Menschheit muß sich gedrängt, konzentriert,

im Wesensabdruck wiederholen in den Lebensäußerungen des jungen Bürgen

für die Unsterblichkeit des menschlichen Typus. Es muß also am Geborenen

funktionell das frühere Geschehen in großen Zügen bemerkbar sein! Und

ist es das etwa nicht? Wer je ein Kind in seinem heißen Triebe

Erdarbeiten hat machen sehen; wer es beobachtet hat, wie es mit Wasser

umgeht, mit diesem heiligen Ernst einer schweren, selbstverständlichen

Lebensarbeit, wer seine Lust am Tier, an Pferd, Kühen, Schafen und

Ziegen gesehen und wen das Leuchten seiner hocherregten Augen beim

Anblick dieser Urahnen-Genossen erfreut hat, dem muß sich der Gedanke

aufdrängen: hier ist wirklich das Wissen und Kennenlernen nur ein

sokratisches Erinnern, ein Wiedergewinnen längst in ihm schlummernder

Gefühle! Nimmt man hinzu seine Lust zum Kampf, ja seine Grausamkeit, ja

selbst den Hang zu Lüge und Betrug, so fällt es uns wie Schuppen von den

Augen: das sind ja alles, alles Dinge, die Begleiter, Zwecke, Mittel von

unausweichbarer Notwendigkeit im Kampfe des Daseins unserer

Menschheits-Ahnen waren. Ja, gewiß: hier prägte die formende Hand der

Entwicklung Fähigkeiten und Gelüste vor, die nun wie eine

Zwangsvorstellung, wie ein stetes Müssen die Willensaktion wie zugeboren

zu den Dingen der Umgebung erscheinen lassen. Zählt man nun die

dokumentarisch festgelegten Kettenfolgen dazu, unter denen ein Genie,

ein Talent der letzte markante Ausläufer in Generationen vorgeübter

Fähigkeiten war, so muß man zugestehen: Nichts beweist deutlicher, als

das Kind und seine Seele, daß es Triebe und Instinkte gibt, welche wie

Reproduktionen, Rückschläge, Wiederholungen ganzer Abschnitte der

Stammesvorfahren sich geradezu aufdrängen. Der daseinkämpfende Urmensch

_mußte_ Erdarbeiter, Wasserbeherrscher, Tierpfleger, Kämpfer sein, er

mußte List, Lüge, Verstellung, Grausamkeit als Mittel seiner Erhaltung

gebrauchen, er war dem Getreide, den Blumen, den Farben der Natur

wahrlich näher, als ein Großstadtkind, das, trotzdem es am Asphalt und

zwischen Steinmauern gedieh, doch seine unendliche Sehnsucht nach Feld,

Wald, Wiese eingeboren beibehalten hat. Seht es spielen mit

eifergeröteten Wangen am Sandhaufen, am Bach und seht es Blümlein

pflücken, nach einem Pferdchen strampeln, nach einem Soldaten zittern,

seht es nach dem hellen Sternhimmel langen und zum Mond die Händchen

heben--man muß es zugeben: hier waltet ein Erinnern: ein aus den Tiefen

des Gewordenen jauchzend aufbrausendes Wiedererkennen! Dieses

Wiedererkennen, dieses Zugehörigkeitsgefühl zu der umgebenden Natur und

zu Erstlingsfunktionen vergangener Epochen verläßt nun auch den

aufmerksam sich beobachtenden Erwachsenen nie, wenn auch das umgebende

Leben neue, erst zu bewältigende Aufgaben an uns stellt und ganz

allmählich damit die meisten unserer eingeborenen Instinkte hinabsinken

läßt in den tieferen Schacht unseres Innern. Sie sind und bleiben aber

doch die Wärme, Licht und Glanz strahlenden Quaderzüge im abgelagerten

Gestein der Seelentiefe und des Charakters, Wollen und Wesen eines

Menschen ist fest verankert mit der Summe dieser unserer Beobachtung

längst entzogenen Urgefühle. Wie viel von unseren Sympathien, von unserm

Haß und Lieben, von Neigung und Gewohnheiten, bösen und guten Lüsten mag

ferner in der Tiefe des Unterbewußten seine unverschüttbaren Quellen

haben? Was kann des Gewissens Stimme anders sein als das Gefühl der

Disharmonie gegen allen Bestand des Überlieferten, in welche uns eine

Handlung oder Unterlassung bringt? Denn ein tiefer Zwiespalt in uns

mahnt uns, daß wir mit einer einzigen Tat an den Grundfesten dessen

rütteln können, was alle Väter vor uns aufgebaut!

Aber diese Entwicklung steht niemals still, sie drängt unaufhaltsam an

gegen die hemmenden Mächte der uns Grenze weisenden Natur. Und dieser

Vorwärtstrieb der Entwicklung, diese Sehnsucht unsererseits, wieder

vorbildlich zu werden, Merksteine des Erworbenen zu schaffen für die

nach uns Kommenden, ist die Quelle dessen, was wir kommende Instinkte

nannten. Bietet gerade unsere Zeit nicht ein klassisches Beispiel dafür,

wie mächtig diese Triebe eingreifen in das Gestalten der Welt in uns und

um uns? Es ist, als schaffte der Menschengeist Geschöpfe, Maschinen,

Werkzeuge, Kräfte nach einem in sich selbst gefühlten Ebenbilde! Er

spinnt ein Netz gleichsam nervöser, elektrischer Verbindung von

Menschengehirn zu Menschengehirn über die ganze Erde, er durchfliegt

Erdteile und Meere, er schuf im Leib des Planeten Organe, die ihm Licht

und Wärme und neue Kräfte liefern, und hält im bewegten Bilde

(Kinematoskop) die Zeit fest und zeigt späteren Generationen die

Geschehnisse geschwundener Sekunden! Wahrlich wir sind in einem

klassischen Zeitalter, Zeugen unerhörten Gestaltens, und unser Trieb

ist: technische Vollkommenheit. Was Wunder! wenn bei diesem rasenden

Ansturm der aufsteigenden, aufwärtsführenden Instinkte die Probleme des

Herzens, der Sittlichkeit, der Religiosität, der Ehrfurcht, der

Behaglichkeit, des sich Genügeseins zu kurz kommen? Das ist die Gefahr

schnell vorwärts brausender Kultur. Die Neurasthenie, das allgemeine

Nervenzittern ist die Kehrseite der Medaille: die eingeborenen Instinkte

sind im Kampf mit den erworbenen. Möglich, daß an diesem Konflikt die

moderne Kultur zerschellt, aber die Hoffnung bleibt bestehen, daß auch

diese Triebe eben einrücken können in den definitiven Bestand des zu

Überliefernden. Wäre das nicht der Fall, so wäre der Weg der Kultur ein

einziger großer Ozean des Irrtums. Denn nur, wenn unsere zeitlichen

Probleme fähig sind, zu dauernden Instinkten sich einzufügen in den

Zukunftsbestand der Menschheit, ist die Fortentwicklung des Menschen als

eines auf der Erde dauernd lebensfähigen Organismus garantiert.

TEMPERAMENT

Nicht nur Gesetz und Recht, auch Namen schleppen sich wie eine ewige

Krankheit durch die Zeiten. Wie es aber gerade die Irrtümer sind, welche

leichter und ausgedehnter Verbreitung finden, als die Wahrheiten, so

gibt es auch überkommene Namen, welche um so fester im Sprachgebrauch

haften, je irrtümlicher die Anschauung war, der sie ihren Ursprung

verdanken. Ja für viele werden namentlich Fremdwortbezeichnungen mit

schwerer logischer Begriffsbestimmung zu leeren Lautformeln, mit denen

sie stets nur dunkel empfundenen, aber nicht aussprechbaren Sinn

verbinden. Und doch muß man erstaunen, wie oft bei weiterer

Fortentwickelung unserer Kenntnisse schließlich solchen alten

Wortreliquien ein packender Sinn innewohnt. Solche Begriffe sind oft von

derselben unaussprechlichen Tiefe, wie Volkslieder, deren Schönheit man

oft auch erst dann inne wird, wenn uns recht viele Jahrhunderte von

ihrem Ursprung aus des Volkes Herzen trennen. Solche Worte z.B. sind die

"Elemente", der "Äther" der Alten, welche Grundbegriffe im Zeitalter der

physikalischen Chemie und der Theorien von der Elektrizität geworden

sind. Man sieht daraus, daß die Wissenschaft die überlebten Worte

gebrauchen kann wie alte Häuser, die man nur modern einzurichten

braucht, um dem Geist der Zeiten zu entsprechen. Das Wort "Temperament"

verdankt seinen Ursprung folgendem Irrtum: In der Zeit der

Saftmischungslehre war man der Ansicht, daß die Temperatur des Körpers

abhängig sei von dem Übertritt gewisser Säfte ins Blut. Rotes

Arterienblut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, das waren die vier

Stoffe, mit denen die alte Saftlehre als Fundamenten der Blutmischung

ihre Systeme zusammenschusterte. Zahlreiche Sprachgebräuche erinnern

noch heute an die einstige Sieghaftigkeit dieser humoralpathologischen

Lehre, d.h. der Lehre von der Erklärbarkeit aller Krankheitszustände aus

Blutveränderungen. Das "gallige Blut", die "versetzten Hämorrhoiden",

der "zurückgetretene Salzfluß", der "nach innen geschlagene Ausschlag",

die "nicht herausgekommenen Masern" usw. sind solche noch lange nicht

ausgestorbenen, ein bißchen Wahrheit bergenden Schlagworte.

So haben des alten _Galen_ vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, schwarze

und gelbe Galle) auch als Ursachen der vier Temperamente (d.h. Erzeuger

spezifischer Blutwärme), des sanguinischen, des phlegmatischen, des

melancholischen, cholerischen, noch heute ihren dünnen,

wissenschaftlichen Schimmer von tatsächlichem Verhalten, nicht weil sie

einen Tatbestand ausdrücken, sondern weil dem Kenner der menschlichen

Seele der zeitweilige Zustand der wissenschaftlichen Lehrmeinung den

offenen Blick fürs Wesen des Menschenherzens nicht zu trüben vermochte.

Nicht allzu selten ist derjenige ja der stärkste Wissenschaftler, dem

der Formelkram seiner Zeit den sogenannten gesunden Menschenverstand

nicht unterzukriegen vermag. Die Lehre von der zündenden Suggestivkraft

eines Schlagworts, einer Formel verdient wahrlich ein eigenes Kapitel in

der Psychologie.

Ist es also ganz sicher falsch, daß das Überwiegen des roten Blutes, des

Schleimes, der Galle im Blutsaft Ursachen der Temperamente sind, so ist

es doch unstreitig richtig, daß die Zustände der wechselnden

Erregbarkeit unseres "Blutes" ganz gut sich in diese vier kardinalen

Begriffe einreihen lassen. Ja, Kants weise Modifikation der

Kardinaltemperamente in Leicht- und Schwerblütigkeit, seine Einteilung

der Menschen in Warm- und Kaltblütige, kommt der Wahrheit schon recht

nahe. Nur klafft noch der eine Widerspruch: was hat das Blut mit der

größeren oder geringeren Schnelligkeit der Auslösung unserer Grund- und

Stimmungsgefühle zu tun? Temperament ist ja Nervensache und nicht Sache

des Blutes und seiner Mischung. Da tauchen die Worte auf "leichtsinnig"

und "schwerfällig", "gutmütig", "schwermütig", "hitzköpfig",

"Feuergeist" und verschieben den Vorgang richtiger auf Zustände der

Gesamtstimmung einer Seele.

Dieser Widerspruch würde schwer zu überbrücken sein, wenn nicht die in

diesen Blättern schon mehrfach angedeutete Theorie von der Natur des

Blutumlaufes zwischen den einzelnen Gehirnelementen (Ganglien), als

eines Stromregulators, hier klärend eingriffe. Wir wollen sie an dieser

Stelle noch einmal kurz zusammenfassen. Das Gehirn ist ein

Orientierungsorgan für die Außen- und Innenwelt. Diese Orientierung

geschieht durch Registrierung und Verbindung von Reizen, welche bewußte

oder unterbewußte Vorstellungen, Empfindungen, Impulse auslösen. Dem

Ablauf dieser einwirkenden Empfindung ist ein zeitliches Maß gesetzt,

vermittels dessen die Wahrnehmungen nicht alle gleichzeitig den

Ganglienapparat bestürmen, sondern hintereinander ausgelöst werden.

Wahrnehmungen geschehen also gleichsam wie die telegraphischen Meldungen

vermittels eines ständig arbeitenden Unterbrechers, vermittels einer dem

Seelenstrom rhythmisch eingeschalteten Hemmung. Wäre in unseren

wahrnehmenden Organen nicht eine solche intermittierende Hemmung am

Werke, so müßten in jeder Sekunde Millionen Wahrnehmungen von allen

Organen der Sensibilität auftreten, und statt einer tastenden

Orientierung würde eine verwirrende, durcheinander brausende Disharmonie

entstehen. Man stelle sich einmal vor, wie quälend es sein müßte, zwei

Gedanken von gleicher Stärke zu gleicher Zeit zu empfinden, wieviel mehr

würde das ungehemmte Durcheinanderfluten aller nur möglichen

Vorstellungen nebeneinander in demselben Zeitmaß unser Bewußtsein völlig

aufheben! Nun sehen wir Gedankenflucht, Verwirrtheit, Ohnmacht,

Orientierungsunfähigkeit mit absoluter Sicherheit überall da auftreten,

wo Blutleere eintritt, oder wo das Herz und die Blutgefäße ihre

rhythmische Überflutung über das Nervensystem aussetzen. Wir wissen, daß

eine fahle Blässe des Gesichts solche Zustände anzeigt, weil die

Gefäßnerven alle solche Betriebsstörungen mit Krampf und folgender

Blutentleerung beantworten. Daß das Gehirn an diesen Blutleerezuständen

tatsächlich teilnimmt, kann man bei Operationen an eröffnetem Schädel

direkt beobachten. Da sieht man auch, daß im Schlafe das Gehirn ganz

entgegengesetzt der bisher landläufigen Meinung blutvoll ist und daß

diese Blutfülle umschlägt in Blässe, sowie der Betreffende erwacht. Das

konnte man bei einem Kinde mit entblößtem Gehirn viele Male beobachten,

d.h. Blutfülle beim Einschlafen, schnelle Blutarmut beim Aufwachen. Hält

man dazu die Tatsache, daß alle Zustände des erhöhten Blutgehaltes des

Gehirns namentlich bei Blutstauungen mit Bewußtseinsstörungen im Sinne

der Schlafhemmung begleitet sind, so drängt sich ein Gedanke auf, der

für die Beurteilung dessen, was wir Temperament nennen, von allergrößter

Bedeutung ist, und der dem uralten Begriff der Leicht- und

Schwerblütigkeit eine ganz neue und moderne Fassung zu geben imstande

ist. Nämlich: das Blut hat in der Tat direkten und wesentlichen Einfluß

auf den Ablauf der Geschehnisse in unserem Nervensystem. Ist nämlich die

Nerventätigkeit bedingt durch die elektrischen Bewegungen ähnliche

Molekularerzitterung, so ist sie auch ein- und ausschaltbar, hemmbar,

ableitungs- und zuleitungsfähig, d.h. beeinflußbar im höchsten Maße

durch die Natur der eingeschalteten Widerstände. Nun wissen wir,

daß um die Nervenzellen herum dauernd mit dem Herzpulse bewegt ein

Flüssigkeitsstrom kreist, der dem Blutstrome direkt entstammt, und

zwar in dazu vorgebildeten Räumen. Wir wissen ferner aus direkten

Beobachtungen am Widerstandsmesser für elektrische Ströme, daß das

Blut und die Blutsäfte hemmende Kraft besitzen. Darum muß das mit

dem Blute in Verbindung stehende Hüllgewebe der Nervenzellen ein

Nervenstromeindämmer, ein Isolator sein. Ist dies richtig, so werden

also unsere Nervenbewegungen rhythmisch durch die isolierende Blutwelle

ein- und ausgeschaltet, und Anschlüsse sind nur da möglich, wo im Spiel

der Gefäßmuskeln zeitweilig Entleerungen des Blutsaftes zwischen den

Gangliensystemen statthaben; umgekehrt sind Anschlüsse dann unmöglich,

wenn die Lücken zwischen den Systemen mit Hemmungssaft gefüllt sind. Das

dieses Entleerungs- und Füllungssystem beherrschende Organ ist die

Neuroglia, und diese ihr zugeschriebene Funktion ist der Inhalt meiner

Neurogliatheorie.

An der Hand dieser Überlegungen wird es nunmehr leicht, sich den Einfluß

des Blutes auf die Grundstimmungen unserer Seele klar zu machen. Ist der

Blutsaft von einer Zusammensetzung, welche den Bewegungswellen der

Nervenelemente von Natur starke Widerstände einschaltet, weil eben ein

solcher Saft eine Flüssigkeitssäule darstellt, durch welche nur

schwerfällig elektrische Entladungen stattfinden können, so hat der

Träger eines solchen Blutsaftes eben ein phlegmatisches, langsam

aufnehmendes, schwerblütiges, erst nach vielfachem Anprall zündendes

Temperament; sein Gehirn hat, wie man sagt, buchstäblich eine ein

bißchen langsame Leitung. Ist umgekehrt ein Blut von leichter

Durchschlagbarkeit für die elektroiden Spannungszustände im

Nervensystem, so würde sein Träger leicht empfänglich, schnell

auslösend, schnell kombinierend, leichtblütig, sanguinisch sein.

Da hätten wir also eine grundlegende Definition dessen, was wir

Temperament nennen: Temperament ist ein Maß für die größere oder

geringere Schnelligkeit der Auslösbarkeit und der Anschlußfähigkeit der

Nervenspannungen, oder, weniger gelehrt ausgedrückt: Temperament ist

Sache der Widerstandsfähigkeit gegen Eindrücke. Man kann also als gewiß

annehmen, daß jeder Mensch einen Grundrhythmus besitzt, vermittels

dessen er bei normaler Beschaffenheit seines Blutes mehr oder weniger

schnell Reize, Impressionen, Eindrücke, seelische Attacken aller Art

verarbeitet, und daß dieser Rhythmus bei jedem Menschen ein anderer, in

gewissen Grenzen abweichender ist, wie das Rot, das ich sehe, eine

andere Nüance darstellt, als das Rot, welches ein anderer sieht. Dieses

Widerspiel zwischen Erregung von Nervenströmen und dem Widerstand,

welchen sie im Seelenorgan mittels der Saftwelle finden, ist es also,

was das Temperament ausmacht, und man begreift sofort, daß dieser

Zustand nur ein im großen und ganzen konstanter sein kann, weil ja der

Zustand unserer Blutmischung nur summa summarum ein konstanter ist. Man

begreift sofort, daß es ein absolutes Gleichmaß des Temperamentes nicht

zu geben vermag, daß wir heute morgen melancholisch und nachmittags

sanguinisch sein können, einfach deshalb, weil die Zusammensetzung

unseres hemmenden Blutsaftes wechselnd sein muß, und daß hier der

Salzgehalt, die molekulare Zusammensetzung des Blutes, sein Reichtum an

Sauerstoff oder Kohlensäure, die Beimengung fremder Substanzen, alles

Dinge, die von Stunde zu Stunde wechseln können, auch von Einfluß auf

das Dynamometer unseres Temperamentes sein müssen. Wir begreifen nun

auch leicht, warum ein bißchen Alkohol, von dem Blutsaft eingesogen,

schon so schnell unser Temperament erhebt, aus einem Melancholiker einen

Lebensbejaher machen kann, weil eben der Ausgleich zwischen den erregten

Strömen eminent erleichtert ist, und es ist verständlich, daß man die

Gifte alle einteilen könnte nach dem psychologischen Prinzip der

größeren Erleichterung oder Erschwerung elektrischer Stromleitung im

Nervensystem. Denn es ist immer der Blutsaft, der auch diese abnormen

Bestandteile zum Gehirn trägt und hier die Änderungen der

Nervenanschlüsse vollzieht, mag nun diese Zufuhr durch Außengifte

(Alkohol, Morphium, Chloroform, Atropin) oder durch Innengifte

(Harnsäure, Galle, Eitergift, resorbiertes Bakteriengift, wie im Fieber)

geliefert sein. Man sieht gerade durch geschärften Blick für das

Psychologische am Krankenbett, wie sehr Blutsaft und Temperament im

Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen.

Von der Seele · 第 13 / 18 段