Der Schmerz ist ein Allgemeingefühl der Unlust. Ist der gleichmäßige und

harmonische Ablauf der gesamten Körperfunktionen die Quelle vom Gefühl

der Gesundheit und der Lust, so muß bei den Unlustempfindungen dieser im

naturgegebenen Rhythmus schwingende Gleichklang aller Kraftströmungen im

Organismus gestört sein. Schon das besondere rein funktionelle

Bemerkbarwerden eines einzelnen Organsystems, etwa der gefühlte

Pulsschlag des Herzens oder der Arterien, kann dadurch, daß er die

seelische Orientierungsspannung von der Außenwelt weg auf eine Lokalität

des Körpers zurückzulenken zwingt, Störungen des Allgemeingefühls im

Sinne der Witterung einer Gefahr veranlassen. Das Gefühl der Fülle im

Leibe, die Spannung in einem Muskelsystem, Steifigkeit in den Gelenken,

kann schon ohne jede Schmerzempfindung starke psychische Beunruhigung

hervorrufen. Auch jedes Flimmern vor den Augen, jedes Summen im Ohr,

Kribbeln in der Haut, kann bei längerer Dauer mit dem Gefühl der

Unbehaglichkeit bis zur Qual verbunden sein, d.h. _jeder

Funktionsstörung ist der Gedanke an eine nahende oder doch mögliche

Gefahr assoziiert_. Wenn ein Sehnerv, welcher eben nur für Licht

empfänglich ist, exzessiv gereizt wird, etwa bei Verletzung oder

Durchschneidung, so wird zwar dadurch kein Schmerz erzeugt, aber die

auftretende Flammengarbe von Lichtempfindungen verursacht einen tiefen

seelischen Stoß, auch ohne direkten Schmerz. Also auch die spezifischen

Sinnesorgane können wie jedes Organsystem alarmierende Meldungen im

Gehirn und Rückenmark auslösen. _Schmerz aber vermögen nur die

Nervenbahnen zu leiten, deren Berührung an sich normaler_weise

_Tast_gefühle auslöst. Das sind die sensiblen Nerven und der

Sympathikus, deren Ausbreitung zu Endkolben und Endgeflechten in allen

nervösen Häuten und der Körperhülle Platz gefunden hat. Wann entsteht

nun z.B. von der Haut her Schmerz? Immer nur dann, wenn das Gehirn durch

die abnorme, gehäufte Art der Reizung nicht mehr in der Lage ist,

Einzelmeldungen und Sonderkontakte zu differenzieren, wenn die Meldungen

nicht mehr streng innerhalb der gegenseitig durch die Nervenisolation

gegebenen Bahnen bleiben, sondern wenn durch gewaltsame Annäherungen und

Sprengungen, durch seitliches Überspringen und Defektwerden der

Nervenscheiden transversale Massenkontakte ausgelöst werden. _Der

Schmerz ist ein Kurzschluß elektroider Spannungen im Nervensystem._

Drücke ich gewaltsam eine Hautfalte zusammen, so presse ich unzählige

Tastkörperchen seitlich aneinander. Die Folge ist zunächst Kribbeln und

Jucken, das auch schon beim Streichen und Kitzeln durch Vibration der

Hautzottenleisten entsteht; dann folgt bei gewaltsamem seitlichen Druck

und in ganz gleicher Weise bei Ätzung und Brand ein Defektwerden

der Bindegewebshüllen der Nervenapparate, welche hier genau der

Funktion der Neuroglia im Gehirn entsprechen, d.h. ich störe den

Isolationsmechanismus, so daß seitlich elektroide Funken überspringen.

Die Folge sind massenhafte reflektorische Alarmsignale, d.h.

gleichzeitige und aus den Bahnen geworfene Gruppenmeldung in einer Form

und Intensität, auf welche normalerweise die Seele nicht eingestellt

ist. Diese Alarmsignale mit dem Charakter der Bedrohung und

Gefahr, dieses Anzeichen der beginnenden Läsion der peripheren

Nervenstrombahnen, dieses Verwirrungsgefühl durch irre geleitete

Reize im Getriebe des Nervenmechanismus nennen wir "Schmerz". Dieser

Kurzschluß der seitlichen Entladung bei verletzter Nervenisolation ist

um so intensiver, je mehr Apparate gleichzeitig lädiert sind oder je

dicker der Sammelstrang ist, an welchem die Nervenhülle defekt wird ganz

gleich auf welche Weise. Hierdurch, wenn also plötzlich in der Zentrale

turbulente Feuermeldungen gleichzeitig ertönen, entsteht eine

Unfähigkeit des Gehirns sich schnell zu orientieren, und die Unlust,

welche jeden exzessiven Reiz begleitet, steigert sich zusammen mit den

Wirbeln von Oberstrahlungen, welche in gänzlich ungewöhnlicher Richtung

ausbrechen, zu Angst und Raserei, zu planlosen Abwehrbewegungen, zu

Affekthandlungen, oder wenn diese selbst übertönt werden, zur Ohnmacht

und zum Kollaps. Jeder Schmerz trifft also zum erstenmal völlig

jungfräulichen Boden, und es spricht gewiß für meine Auffassung, wenn

seine Wiederkehr nicht mehr so erschreckend wirkt, weil das Gehirn zum

zweiten Male nicht mehr so ganz unorientiert über das, was nun kommen

wird, ist. Denn die Furcht vor dem, was folgen könnte, ist oft größer,

als die Klage über den Augenblicksschmerz allein ausfallen würde. Wäre

der Schmerz eine spezifische Nervenenergie, so wäre nicht abzusehen,

warum schon selbst ein heftiger Anfall eines sich wiederholenden

Schmerzes relative Gewöhnung bei Wiederkehr auch nach längerer Zeitpause

beobachten läßt, was man weder vom Ton noch vom Licht noch von anderen

spezifischen Sinnesenergien behaupten kann. Auch, daß man von zwei

Schmerzen stets nur den stärkeren wahrnimmt, spricht gegen die

Theorie der spezifischen Schmerzleitung, denn ich kann z.B. von einer

Farbe alle Nüancen gleichzeitig wahrnehmen. Die große Summe der

entwicklungsgeschichtlich eingeübten und koordinierten Reflexe einer

schnellen und unvermuteten Reizung zur Atmung, zur Herzbeschleunigung,

zur Pupillenerweiterung, zur Darmbewegung, zur Lockerung der

Schließmuskeln aller Art beweist, daß die plötzliche Überladung gewisser

Zentralen des Gehirns nach einem schnellen und ebenso plötzlichen

Ausgleich der psychischen Spannungen mit rasanter Flugbahn drängt: ein

Schrei, ein Stoß, ein starrer Blick, die fahle Blässe des Gesichts, sie

alle sind der Beweis für das Bestehen einer blitzschnellen,

kurzschlußartigen Entladung von Spannungen, auf welche der Betrieb der

Seele physiologisch nicht eingestellt ist. Jede Bedrohung hat Beziehung

zum Atmungszentrum, schon plötzliche Abkühlung, durch die Dusche etwa,

bringt tiefe Atemzüge und Neigung zu Stimmbandschluß und stoßartiger

Respiration, d.h. die Inanspruchnahme auch aller Hilfsmuskeln der

Atmung, einschließlich der Mund- und Nasenöffner, womit der mimische

Anteil an der Schmerzwirkung erklärt wird. Jede Gefahr, jede Angst, ja

jede Erregung läßt die Pupille weit werden, um dem vielleicht

hilfreichen Licht die ganze Fläche frei zu geben, und ein schnell

pulsendes Herz jagt das Blut wahllos in alle Systeme, um jede Funktion

gleichsam sprungbereit durch Heranwälzen der Ionen des Sauerstoffes

auszurüsten.

Ich würde nicht wagen, mit solcher Sicherheit auch hier den gestörten

Hemmungsmechanismus für die Natur des Schmerzes in Anspruch zu nehmen,

wenn ich nicht einen Trumpf in der Hand hielte, der die absolute

Stichhaltigkeit dieser Anschauungen mir täglich aufs neue zu beweisen

geeignet ist.

Meine Form der Schmerzlosigkeit zu operativen Zwecken, welche man die

Infiltrationsanästhesie nennt, ist direkt eine Frucht dieser

Anschauungen. Eine Hypothese aber, welche ein so stolzes, nunmehr

überall anerkanntes Resultat gezeitigt hat, darf immerhin einige

Berücksichtigung auch seitens der Theoretiker beanspruchen. Die Lösung,

mit welcher ich örtliche Schmerzlosigkeit erziele, ist eine

Flüssigkeitskomposition mit der ausgesprochenen Absicht, die Isolation,

die Hemmungen zwischen den seitlichen Nervenkontakten im Gewebe zu

verstärken, ohne die Nerven selbst etwa durch Gifte leitungsunfähig zu

machen. Ein anästhetischer Mückenstich, wie ich ihn mit meinen

ungiftigen Lösungen in der Haut anlege, läßt die einzelnen Nerven

durchaus tastleitungsfähig, hebt aber den Schmerz absolut sicher auf in

jeder Schicht, weil er dazu bestimmt und erfunden wurde, um das, was den

Schmerz macht, den seitlichen Kurzschluß der Nerven, durch

Hemmungsverstärkung unmöglich zu machen. Ich schiebe zwischen die Nerven

einen Dämpfer, ein Sordino ein, was Professor Bier in gleicher Weise am

Rückenmark direkt mit bewunderungswürdiger Kühnheit wiederholt hat, ohne

daß wir die Nervensaiten selbst irgendwie lädieren oder gefährden. Es

wird für mich stets ein Triumph folgerichtigen Schlusses sein, daß ich

diese Form der schmerzlosen Operationsmethode fand einzig auf Grund der

Deduktion, auf Grund der lebendigen Anschauung von dem Bestehen eines

Isolations- und Hemmungsmechanismus im Betriebe des Nervenlebens.

Professor Bier hat auch den Nachweis geführt, daß in der Tat das Blut

den von mir behaupteten schmerzisolierenden Einfluß auf die peripheren

Nerven hat, und ich selbst habe schon früher angegeben, daß Übertritt

von Blutwasser in die Gewebe (beim sog. ödem) unter Umständen genügt, um

die Nerven sämtlich für Schmerz leitungsunfähig zu machen. Alle diese

gewichtigen Tatsachen lassen kaum eine andere als die von mir gegebene

Deutung zu, und wir haben nur nötig, diese an der Peripherie des Körpers

gewonnenen Erfahrungen auf das Gefüge der Zentrale im Nervensystem zu

übertragen, um gleicherweise eine Einsicht in das Geschehen beim

psychischen Schmerze zu gewinnen.

_Auch in der Seele gibt es einen Kurzschluß elektroider Spannungen._

Auch hier enthält die unsere Seele brutal überfallende maximale

Anspannung, die nach dem Äquivalenzgesetz der Kräfte ebenso materiell

wirksam sein kann wie eine äußere Gewalt am Leibe, übergroße Ladungen im

Gebiet der Vorstellungen, d.h. die in umgekehrter Richtung zu den

Apperzeptionen schwingenden Gangliengruppen durchsprengen

explosionsartig die einbettenden Hemmungen. Das typische Beispiel für

solche Explosionswirkungen im motorischen Zentrum ist für mich diejenige

Form der Epilepsie, welche durch eine materielle Bindegewebsnarbe im

Gehirn gegeben ist. Vor dieser Narbe finden periodische Akkumulationen

von nicht auflösbaren Spannungen statt, nicht auflösbar, weil die narbig

verdickte Neuroglia auch gewaltigen Ansammlungen nervöser Kraft die

Hemmung entgegenhält. Steigt aber diese aufgespeicherte Spannkraft zu

einer Höhe, daß sie den Wall durchbricht, so brausen in die

unvorbereiteten Systemgebiete hinter der Narbe die Fluten der

elektroiden Wellen verheerend ein, und der Krampfanfall löst sich aus,

verstärkt durch den Chok der Gefäße, der seinerseits allein, wie wir

sahen, das Bewußtsein schwer zu alterieren vermag.

Das ist das Bild auch der seelischen Schmerzauslösung, wenn wir eine

Kette von deprimierenden Ereignissen oder ein einziges tief an unsere

Lebenshoffnung, an den Glauben an unser Glück greifendes Moment erleben.

Die Spannungen in der Phantasie, welche schließlich stärker sind als

jedes vorangegangene seelische Erlebnis werfen uns unter der Analogie

einer geistigen Epilepsie in einen Strudel von Unorientiertheit und

brennender Hilflosigkeit, durchfluten uns mit dem Gefühl des

Vernichtetseins, und in gleicher Weise wie bei der physischen

Obstruktion des körperlichen Schmerzes findet die Entladung in

Schluchzen und Tränenstrom, in Affekthandlung, in Herzangst und

Pupillenklaffen ihren Ausgleich, wenn nicht die mit dem Willen

aufgebrachte gewaltsame Hemmung den Affektströmen einen Damm

entgegenwölbt. Aber die Faust der die flammenden Blitze erstickenden

Neuroglia kann endlich auch erlahmen und dann eine Affekthandlung

resultieren.

Beim seelischen Schmerz mag so das Gehirn wechselnd buchstäblich erröten

und erblassen.

Ich bin am Ende meiner Ausführungen und schließe mit Zagen, daß ich es

gewagt habe, ein so gewaltiges Thema, wie es das Gebiet der seelischen

Hemmungen umfaßt, in einem geschlossenen Aufsatze zu erledigen.

Vielleicht aber ist es mir doch gelungen, wenigstens die Hauptzüge

dieser, wie ich zugebe, kühnen und gewagten, aber ergiebigen Hypothese

zu entwickeln, und ihre Anwendbarkeit auf fast das gesamte Gebiet des

Seelenlebens wenigstens andeutungsweise vor Augen zu führen.

DER SITZ DER SEELE

Als der Zeitgenosse Friedrichs des Großen _La Mettrie_ seinen berühmten

Aufsatz: L'homme machine schrieb, konnte er nicht ahnen, daß dieser

kleine und wenig umfangreiche Essay die Quelle einer unendlich

verbreiteten, aber ganz unsäglich öden Weltanschauung werden sollte: des

jetzt auf ganzer Linie geschlagenen Materialismus. Das heißt: der Lehre

von der chemisch-physikalischen Begreifbarkeit der Welt und ihrer

Probleme. Ähnlich wie einst die Rationalisten die Wunder der

Persönlichkeit Christi aufzulösen meinten in platt-alltägliche, nur

durch die Phantasie der Gläubigen verzerrte Begebenheiten, so war für

die Ritter von "Kraft und Stoff" es eine ausgemachte Sache: Geist,

Seele, Gemüt, was sollen sie anders sein als eine Art Absonderung der

nervösen Organe, Exkremente der Ganglien, eine Art Gehirngalle? Wie

Niere, Leber und andere Drüsen die Abfallstoffe des Heizmaterials

unserer menschlichen Maschine abstoßen (sezernieren), so sezerniert der

Wunderball in unserer Schädelkapsel einfach ein luftiges Etwas und

dampft aus dem Gehirnbrei die Nebel des Gedankens!

Nicht drastischer läßt sich die Kümmerlichkeit dieser Weltanschauung,

die man besser eine _Weltblindheit_ nennen könnte, darstellen, als mit

dem echt materialistischem Problem: wie wird aus der Kartoffel, die ein

Genie verzehrt, ein Gedicht, ein Bildwerk, eine Symphonie? Viele

Materialisten umgingen auch wohl den Kern der Sache, indem sie nämlich

rundweg diese Fragen für der Wissenschaft nicht zugänglich und für

keinen Gegenstand der "exakten" Forschung erklärten, womit dann die

Exaktheit gerade da aufhören müßte, wo das Interesse für jeden

Nichtwissenschaftler beginnt. Denn es ist unsere ungestillte Sehnsucht

nach dem Wissen vom Sitz der Seele ja nur ein Teil der alten Frage:

"woher? wohin?" Und nicht nur Narren warten auf Antwort.

Ich will versuchen nachzuweisen, daß es auf diese Frage eine leidlich

befriedigende Antwort gibt. Nämlich aus der unumstößlichen Wahrheit

heraus, daß die Natur uns ein Delphi ist, das zwar stets sinnreich

antwortet, aber nur, wenn man weise fragt. Der falschen und aus

vorangegangenen Irrtümern entsprungenen Frage gegenüber ist sie, die

Gütige, einzig Wahrhaftige, in der Rolle des verblüfften und

verstummenden Vaters, den ein Kindlein fragt, ob die Sterne nie zu Bett

gehen, ob der liebe Gott auch einen Regenschirm hat, und wie die

sinnigen Unsinnigkeiten aus holdem Irrtum sonst noch lauten mögen. Fragt

man erst nach einem Sitz der Seele, als nach einem Dinge, das kein Ding

ist, das aber trotzdem vielleicht überall und ewig ist, so muß die

Antwort eine kindliche, närrische und törichte sein. Und doch ist es ein

Axiom der Wissenschaft, eine ausgemachte Sache für Unzählige: die Seele

sitze im Gehirn! Prüfen wir einmal, ob sich diese Antwort ernstlich

halten läßt.

Es ist Tatsache, daß viele unserer seelischen Fähigkeiten, z.B. die

Sprache, gebunden sind an die Unverletztheit eines ganz bestimmten

Bezirkes des Gehirns; daß Geruch, Geschmack, Gesichtssinn,

Temperatursinn, Bewegung der Glieder, Atmungsbewegungen aufzuheben sind

durch Verletzung oder organische Zerstörung ganz umschriebener, oft nur

pfenniggroßer Teile unseres Gehirns.

Es kann nimmermehr bestritten werden, daß diese Teile den Mechanismus

bestimmter seelischer Funktionen ganz und gar beherrschen. Durch

unzählige, untrügliche Erfahrungen, durch Experiment und Beobachtung am

Krankenbett, ist festgestellt, daß ohne Nervensubstanz, ohne Gehirn eine

Seele einfach nicht vorhanden ist.

Im Banne dieser Tatsachen hat die sogenannte Lokalisationslehre

geschlossen, daß Gehirn- und Rückenmark der Sitz aller seelischen

Funktionen sein müsse, und hofft von dem weiteren Fortschreiten der

Beobachtung ständige Nachweise von immer neuen Herden spezifischer

Funktionen. Es wäre eine Torheit, an diesen Tatsachen zu rütteln, aber

die Frage ist berechtigt: liegt hier nicht doch eine schiefe Deutung

vor? Wenn die Verletzung eines bestimmten Hirnteiles den Verlust einer

zugehörigen Funktion bedingt, so ist damit keineswegs bewiesen, daß

diese Stelle des Gehirns allein diese Fähigkeit produziert. Es kann

vergleichsweise die Durchschneidung eines Bündels von Telephondrähten

einen bestimmten Stadtteil des Telephonanschlusses berauben, und doch

bleibt die Zentrale unberührt. So könnte auch das Sehen, das Sprechen,

das Hören und Riechen im Gesamtgehirn entstehen, und die die Funktion

scheinbar verletzenden Läsionen der sogenannten Zentren könnten nur

zusammengekettete Sammelstellen von Leitbahnen nervöser Tätigkeiten

treffen, welche ihre unzähligen letzten Ursprungsquellen weit über das

Gehirn verstreut haben könnten. Diese Überlegung ist von großer

Wichtigkeit, weil nur durch ihre Annahme erklärt wird, warum solch

Verlust des Sehens, Hörens usw. von einer Stelle aus durchaus nicht

immer ein dauernder ist. Denn es ist unumstößlich wahr, daß Hunde, denen

man das "Sehzentrum" herausschnitt, in gar nicht langer Zeit doch wieder

sehen "lernten", und es muß ein schlechter Beobachter sein, dem nicht

auffiele, daß Menschen mit Verlust des Sprachzentrums deutliche

Anzeichen zu einem Versuch zu sprechen aufweisen. Sie bilden innen doch

die Sprache, es geht aber nicht heraus, sie zucken die Achseln,

verziehen das Gesicht zu schmerzlicher Resignation--die Leitungen (wohl

gemerkt nicht die Sprache bildenden Seelenherde) sind verletzt! Aus

diesen und zahlreichen anderen Gründen hat man die Theorie der

Herdfunktionen immer wieder angegriffen und ihr die Anschauung von der

Universalität der ganzen Gehirnmasse entgegengestellt, wonach jede

Ganglienzelle durch Übung schließlich zu jeder Funktion wesentlich und

stellvertretend herangebildet werden kann, so daß also nach dieser

Ansicht wenigstens das Gesamtgehirn dann als Sitz der seelischen

Funktionen anzusprechen wäre. Mir scheint es, als wenn in der

Lokalisationslehre nur die Zettelchen von _Lavater_ und _Gall_, die

diese auf das Schädeldach klebten, allzu kühn nunmehr auf das Gehirn

selbst aufgedrückt würden, daß also keineswegs der Nachweis

lokalisierter Seelentätigkeiten irgend etwas über den Sitz dessen, was

wir Seele nennen, aussagen könnte. Sagt man aber nun: so ist eben das

Gehirn und Rückenmark im ganzen als Sitz der Seele anzusprechen, dann

gehört zum Gehirn auch das gesamte Nervensystem mit allen Fasern und

nervösen Organen, und dann sitzt wieder die Seele ebenso gut in meinem

kleinen Finger, wie in der Nase.

Nun sind aber die einzelnen Sinnesfunktionen, für welche man Herde im

Gehirn fand, ja eigentlich gar nicht der Hauptbestandteil dessen, was

wir gemeinhin "Seele" nennen. Dazu gehört vor allem die ganze Skala der

Allgemeingefühle, Lust, Schmerz, Gemüt, Phantasie, Logik, Willenskraft

usw. usw. Wo in aller Welt ist auch nur der Schatten eines Beweises

dafür erbracht, daß auch diese, wesentlich seelischen Funktionen

irgendwo einen Herd, ein Zentrum, eine Lokalisation im Gehirn oder

Rückenmark oder sonst wo besitzen? Hier sehen wir im Gegenteil das

Gehirn, das doch der Herr der Gefühle sein soll, in sklavischer

Abhängigkeit von jeder Verdauungsstörung, vom Stoffwechsel des übrigen

Leibes, von Störungen und rein vitalen Veränderungen aller Art. Wenn man

nun aber ferner die Tatsache recht fest ins Auge faßt, daß z.B. das

Herausschneiden der gesamten Schilddrüse, welche um die Luftröhre

gelagert ist, den betreffenden Kranken, und wenn er ein Genie gewesen

wäre, unweigerlich zum Idioten macht, weil dann durch Fortfall

sogenannter innerer Sekrete (Beimischungen zum Blute) allmählich die

Hirnfunktion erlischt, so erfährt hiermit die Lehre vom Sitz der Seele

im Nervensystem allein einen nicht zu verwindenden Stoß. Ebenso wie also

irgendein Zentrum nötig ist zum Vollbestand einer Seele, ist also auch

dringend der Schilddrüsensaft vonnöten. Also auch hier, in einer Drüse,

sitzt ein Zentrum der seelischen Funktionen.--Ferner:

Wenn wirklich alle Eindrücke, die man empfängt, zu den Gehirnganglien

geleitet werden, so taucht die Frage auf, warum im Gehirn alle Ein- und

Ausschaltungen einen so geregelten Gang nehmen, warum nicht die fünfzehn

Millionen Ganglienzellen bei der nie schweigenden Anreizung durch

Tausende von Außenweltswirkungen, stets in chaotischem Wirrwarr

durcheinander brausen, als würden die Tasten einer Orgel alle

gleichzeitig niedergedrückt? Das ist nur möglich durch Hemmungsvorgänge,

welche bald diese, bald jene Bahn dem Strom freigeben, so daß, wenn eine

Gedankengruppe schwingt, alle anderen gehemmt, abgestellt sind. Das ist

im Innern des Schädels nicht anders als an meinem Telephon, an dem ich

auch nur sprechen kann, wenn alle anderen Nebennummern isoliert sind.

Die Hirnhemmung, waltend und schaltend wie ein Ingenieur, ist also

unbedingt der Herr der Situation in meiner Seele, und wenn sie, wie die

Schulmeinung ist, gleichfalls Hirnzellentätigkeit ist, so wäre das

Zentrum der Seele dieses ganz in der Luft schwebende nervöse

Hemmungsorgan, von dem bisher auch nicht ein Zipfelchen eines Gewandes

oder einer anatomischen Grundlage gefunden ist und nie gefunden werden

wird.

Ich selbst bin der Begründer einer Lehre, nach welcher dieses Ein- und

Ausschalten gar nicht von Nervenelementen besorgt wird, sondern von dem

Blutsaft und dem Herzen, so daß ich hier zum Bekenner eines alten

Volksbewußtseins geworden bin, wonach das Herz, das herrliche

menschliche Herz, nicht nur als Druckpumpe, sondern auch als wirklicher

Faktor unseres Seelenlebens eine bisher von den Naturforschern nur

höhnisch belachte Rolle spielt. Ich habe die vollgültigsten Beweise

dafür erbracht, daß das Blut im Gehirn mit dem Herzpulse eingeschleudert

und abgesogen das im steten Wechsel des Pulses bedeutet, was für den

elektrischen Strom die Isolierung, jedem Laien als grüne Seidenhülle um

den Kupferdraht bekannt, darstellt.

Es würde Wiederholung sein, wollte ich hier nochmals den Nachweis

erbringen, daß ein solches Zwischengespinst zwischen den Nervenfäden und

Gangliensternen, Neuroglia genannt, mehr ist als ein Stützgerüst, an dem

die Nervenzellen ranken. Es ist für mich unumstößlich, daß die mit

Blutsaft gefüllte Neuroglia den aktiven vom Herzdruck abhängigen

Isolationsapparat, welcher ein- und ausschaltet, ausmacht. Hier erwähne

ich diese Anschauung nur noch einmal, um darzutun, daß unmöglich das

Gehirn und Rückenmark allein so schlankweg als der Sitz der Seele

bezeichnet werden darf. Erst mit meiner Auffassung wird der Schlaf, der

Traum, die Narkose als aktive Tätigkeit der Seele verständlich, wie ich

das in zahlreichen Arbeiten zu erweisen mich bemüht habe, erst mit ihr

wird die Phantasie, das Unterbewußtsein, die Lehre von den Affekten und

Geistesanomalien eine neue Beleuchtung erfahren. Ist sie richtig, dann

wird es ganz und gar hinfällig, der Seele einen bestimmten Wohnort im

Leibe zuzusprechen, dann ist sie überall bei uns zu Haus, in den Nerven,

in dem Blute, in den Drüsen, in dem Sonnengeflecht, und wird von

unendlich vielen Dingen mehr beherrscht als allein von der Intaktheit

des Gehirns.

Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele für sich; in der Republik, dem

Zellstaate, den die letzten erkennbaren Lebenseinheiten in unserm Leibe

bilden, hat jeder winzige, mikroskopische Bürger einen Hauch der

belebten Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die

Zelle auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat für sich

zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit nur

ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht mehr als

Thronsessel der Königin Seele gelten, sondern die Millionen seelischer

Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar herrliche Harmonie eines

Lebewesens hervorbringen, werden jeder Magenzelle, jeder Hautfaser

ebenso zugeteilt werden müssen, wie diesen Prätendenten einer angemaßten

Macht, den sogenannten Zentralorganen. Die menschliche Seele ist der

Mensch als Ganzes. Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die

Philosophen anders als die Theologen, die Naturforscher anders als die

Künstler formulieren, fällt die Frage nach seiner Seele von selbst

zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt alle

Probleme, und hier mündet eben die Frage nach der Seele ein in das große

Rätsel des Lebens überhaupt. Wir werden von der Seele stets nur soviel

wissen, als wir vom Leben verstehen. Der Gedanke über die Seele ist eins

mit dem Gedanken über das Leben.

INSTINKT UND SPIEL

Des Lebens letztes Merkmal ist die Reizbarkeit. Hier steht des Menschen

Spürsinn still, denn nicht tiefer hinab vermag der Geist der

schöpferischen Natur den Gedanken des Lebendigen nachzudenken. Ein

armselig Symptom, ein Symbol halten wir in der Hand, statt seines

dahinter liegenden Wesenskernes. Und doch ist dieses Merkzeichen des

Lebendigen, die Reizbarkeit, die einzige kardinale Eigenschaft sowohl

der letzten im Winde verlorenen Pflanzenspore, wie auch der Krönung des

Lebendigen, der menschlichen Seele. Ein Automat, eine Maschine

beantwortet den Reiz, den auslösenden Anstoß stets in derselben Weise,

zu dem einen von ihrem Erbauer gewollten Zweck; die Zelle aber, der

lebendige Automat, hat eine Wahl, eine Willkür, eine Freiheit. Aus

einfachen reizbaren Zellen ist jedes belebte Wesen geschaffen, und an

solche Zellen ist das höchste, wie das niedrigste Leben geknüpft; denn

geistiges Leben ist Zellfunktion im Laternchen des Leuchtkäfers nicht

minder, wie der Funke hinter der Prometheus-Stirn des Genies!

Aufsteigend von der einfachen Reizbarkeit des einzelligen Lebewesens bis

zur Feinfühligkeit des sublimsten Gedankens, der den Harfensaiten der

menschlichen Seele entgleitet, wurde der Nerven Stammherr, der _Nervus

Sympathicus_, der den Rhythmus der kriechenden Raupe, wie den Flug der

Libelle beherrscht, geschaffen als der erste Schritt zur Organisation

chaotischer Bewegungsmöglichkeiten. Nach ihm kam Rückenmark und

Nervengeflecht und endlich die Krone des Nervenbaums, das Gehirn. Kein

Geringerer als Goethe sah, daß das Schädeldach ein entwickelter Wirbel

sei, und die Hülle mußte sich wohl entwickeln, weil an der Spitze der

Rückenmarksäule die sich fortbildende Nervenmasse das Gehirn erzeugte.

Dessen jüngste Sprossen, die Hirnrindenzellen, sind der Sitz unseres

Bewußtseins. Ein jeder von uns trägt also in sich die organischen

Niederschläge dessen, was vor uns war. Einst war Stufe für Stufe

aufsteigend alles das bewußt, was jetzt unbewußt, automatisch gleichsam

"von selbst" sich reguliert: Das Atmen, der Herzschlag, die harmonische

Bewegung, die Verdauung, genug das Leben an allen geheimen Laboratorien

unseres Leibes. Unter unseren, nunmehr uns selbstbewußten Gehirnteilen

muß also ein sich selbst überlassenes Labyrinth des Gewordenen in fester

Bahn geordnet liegen, aus dem wohl die dunkelen Gefühle stammen, die wie

dunkel empfundene Donner rollen durch die Niederungen unserer Seele.

Diese fernen, unterbewußten Triebkräfte, das Resultat der Daseinskämpfe

aller derer, die vor uns waren, sind der Inbegriff dessen, was wir mit

dem Namen "Instinkt" belegen.

Von der Seele · 第 12 / 18 段