Während also im Wachzustande die Registerzüge und Stimmentaster unserer

Hirnorgel in ewigem Wechsel bald tausend Gruppen dieser, bald jener

Gangliensysteme vom Strom seelischer Erregungen erklingen machen, wobei

der Rhythmus des pulsenden Herzens zugleich mit dem so empfindlichen

Spiel der Gefäßverengerer und -erweiterer das eigentliche Schwungrad des

Betriebes abgibt, flackert in der Stille des Schlafes nur hier und da

ein leiser Akkord unter dem Dämpfer der Hemmung auf. Während dem wachen

Gehirn die Reize von außen in tausend Gruppenmeldungen und Erzitterungen

der Ganglien zugeführt werden und sich in elektroiden Anhäufungen zu

Vorstellungen und Willensaktionen verdichten, wobei jedem eindringenden

Reiz sein seelisches Äquivalent entspricht, entstehen im Schlafe die

Gedanken als Bewegungen gleichsam verschluckter Spannungen und kreisen

ohne Ausgleich, wie gefangene weiße Mäuschen, im Gehege und Gitterwerk

der feinen Nervenlabyrinthe. Wo eine Lücke, ein Spalt von der Hemmung

freigelassen ist, dahinein geht der Strom der Träume immer vor und

zurück stets in der Richtung des geringsten Widerstandes. Denn wie jede

Bewegung gehorcht auch der Gedanke dem Gesetz der Richtung gebenden

Macht des Widerstandes. Nehmen wir an, daß der Hemmungsfortfall in der

zuckenden Neuroglia diese Richtung bestimmt, so sind wir in einem

psychologischen Irrtum befangen, wenn wir davon sprechen, daß wir unsere

Aufmerksamkeit auf irgend etwas konzentrieren; in Wahrheit konzentriert

dieses Etwas uns. Das was wir "bewußt aufmerken" nennen, ist das Gefühl

von dem Zug und Zügel, welches die Dinge an unseren Nervenfädchen

ausüben.

Auf den feinsten Nervensaiten

Prüft ein Spielmann sein Gedicht,

Wohl fühlst du die Finger gleiten,

Doch den Spielmann siehst du nicht!

Dieser große Spielmann kann ebensowohl ein transzendentes Wesen sein,

wie die unfaßbare und unentwirrbare Summe der Wirkung aller Weltendinge

auf uns. Denn alles wirkt auf alles und in jeder Entfernung, ob mit, ob

ohne Draht und Nervenfädchen. Die Seele des Menschen gleicht einem

Prisma, einer frei im Raume getragenen Markonitafel, in denen sich die

Weltenstrahlen brechen; dieses Medium, in welchem sich Sonnenlicht,

Ätherwelle und jeder Reiz transformiert, ist einzig Objekt

wissenschaftlicher Analyse. Wir studieren auch hier nur die Hemmungen,

welche sicherlich den Schwingungen einer Weltseele in unserem Leibe wie

in den Saiten einer Äolsharfe entgegengespannt sind, und können nur in

uns hineinlauschend den Anprall des Odems der Natur zu einem

ahnungsvollen Liede vereinen. Die Reizbarkeit, welche schon die

Frühgeborenen des Lebens besitzen, gilt es nachzuweisen auch in den

höchsten seelischen Funktionen, die Widerstände aufzufinden, unter

welchen die Seele dieses tut und jenes läßt: das ist einzig, ohne

vermessen auf den Grund des Lebens zu langen, Gegenstand

naturwissenschaftlicher Forschung. Warum und wodurch diese Reizbarkeit

zu Geist wird, kann nur der beantworten, welcher der Erfinder und

Schöpfer dieses Weltsystemes ist.

Für mich ist also der Schlaf die Folge eines periodischen

Außerbetriebsetzens unserer gesamten Orientierungsapparate, welche wir

Ganglien nennen. Ein Dämpfer wird eingeschoben, eine Hemmungskurbel

gedreht, und der wesentliche Lenker dieses Hemmungsmechanismus ist der

Fortfall des Reizes des Sonnenlichtes und seine periodische Wiederkehr.

Die diesen Reiz übermittelnden Nervenfasern gehören nicht zum

Zentralnervensystem, sondern sie gehören zu dem Sonnengeflecht des

Sympathikus und zu seinen Abkömmlingen, welche überall die Gefäße vom

Herzen bis in die feinen Ästchen des Lebens umranken. In den Ausläufern

des Hirngefäßsystemes kreist aber der hemmende Saft, der besonders

dazu gebildetes Gewebe durchtränkend die Ganglien an gegenseitigem

Kontakt verhindert. So wird endlich einmal klar, warum der,

entwicklungsgeschichtlich gedacht, früheste Nerv, die erste in der

Tierreihe auftauchende Andeutung eines nervösen Apparates, der

Sympathikus, der Seele Erstgeborener, an Weichtieren zum ersten Male zu

einer Zentrale der Reaktionen ausgestaltet, auch im Gottmenschen des

Genies noch der Herr des Lebens bleibt! Auch die feinsten und

erhabensten Gedanken eines schöpferischen Gehirns werden in Schranken

gehalten von der gleichsam das gesunde Wachstum der Ideen garantierenden

und schützenden Faust des eigentlichen Lebensnerven, des Sympathikus!

Hier liegt die einzige, anatomisch begründete Grenzscheide zwischen

Genie und Wahnsinn. Denn wehe! wenn seine Wurzeln erkranken und damit

die Hemmungen fortfallen, welche der lebenfördernden Harmonie der

seelischen Erregungen übergeordnet sind. Die Psychiatrie weiß genug zu

berichten von der Entgötterung der menschlichen Seele, die Platz greift,

wenn der Hemmungsmechanismus fehlerhaft funktioniert. So hat mir diese

Anschauung auch Aufschluß gegeben über die Natur des Temperamentes,

indem danach sehr wohl eine geringere oder stärkere Hemmungsfähigkeit

des Blutsaftes des Individuums und ganzer Nationen die Ursache für die

größere oder geringere Schnelligkeit der Auslösungen seelischer Kontakte

sein kann. Ja diese Anschauung versöhnt einigermaßen die Wissenschaft

mit der tief in allen Völkern lebenden Vorstellung vom "guten und

schlechten Herzen" als einem Teil seelischer Tätigkeit. _Das Herz ist

danach nicht so unbeteiligt am Gemüts- und Seelenleben, als man

gemeinhin denkt._ Nicht nur, daß seelische Erregungen sich nachweislich

dem Herzen mitteilen, sondern auch die Tätigkeit des Herzens und die

Beschaffenheit des Blutes hat danach verständlichen Einfluß auf unsere

Allgemeingefühle. Die sprachliche Wendung: "das liegt ihm im Blute" ist

also nicht so sinnlos, wie sie scheint, wie überhaupt die Sprache ja oft

für den Hellhörigen die alleinige Verräterin tiefster, geheimnisvoller

Vorgänge im Getriebe des Gehirns ist, was nicht wundernehmen kann, da

sie ja eine Art Projektion zentraler Mechanismen ist. Wie ungeheuer groß

ist das Kapitel vom Zusammenhang seelischer Zustände mit der krankhaften

Veränderung der Blutsäfte! Schritt für Schritt können wir in der

Pathologie verfolgen, wie der Gemütszustand direkt in Abhängigkeit steht

von der Beschaffenheit der _Blutmischung_. Wie fein reagiert das

Nervensystem auf die geringste Abweichung des Mischungsverhältnisses der

einzelnen Komponenten! Die Vorgänge dabei sind viel zu plötzlich und

reflexähnlich, als daß sie allein durch eine chemische Alteration

erklärt werden könnten. Eine leise Verstimmung des Magens, eine

Obstipation kann uns tief melancholisch machen, und eine große Freude

reißt mit der Erhöhung des Blutdruckes im Gefäßsystem und der

Beschleunigung des Blutstromes ohne weiteres die Trauerschleier vom

Antlitz unseres vergrämten Gemütes. Der Gefäßnerv (Sympathikus) und die

durch ihn erzwungene wechselnde Fülle der Neurogliazotten läßt eben die

Assoziationen in allen Graden erleichterter oder erschwerter Kombination

vor sich gehen.

Die Beteiligung des Herzens, des Blutdrucks und der Neurogliafüllung in

Form eines ein- und ausschaltenden Isolationsmechanismus gibt auch einen

Schlüssel, warum unsere Seele gleichsam auf eine rhythmische Natur

gestimmt ist. Der Urgrund, warum der Mensch ein tiefinnerliches

Grundgefühl für Rhythmus und Gegensätzlichkeit, für Dualismus, für die

Zweiseitigkeit aller Dinge auf Erden hat, ist eben in dem rhythmischen

Ein- und Ausschalten unserer Wahrnehmungsapparate, der Ganglien,

gegeben, da sie ursprünglich vom Pulse diktiert werden. Das Gehirn

pulsiert ja sogar sichtbar, wenn man es freilegt, selbst an kleinster

Stelle. Flutet die Blutwelle mit der Zusammenziehung des Herzens hemmend

zwischen die kleinen Seelentelephone, so werden sie abgestellt, um beim

Nachlaß und Abströmen des hemmenden Mediums schnell nacheinander wieder

bahnfrei zu werden. Die Aufeinanderfolge der einzelnen Systeme wird

dabei reguliert vom Spiel der Gefäßnerven, welche, das muß immer wieder

direkt betont werden, einem ganz eigenen Nervenkomplex, dem Sympathikus

angehören, der einen gleichsam zwischen Hirn- und Rückenmark

eingeschalteten automatischen Stromregulator darstellt. Auf allen den

Millionen Pfaden der Sinnesstraßen strömen unaufhaltsam und

ununterbrochen Reizwellen zum Gehirn. Sie alle werden gestaut in den

unzähligen Reizakkumulatoren und Transformatoren des Gehirns, den

Ganglien, und erst wenn die feuchte Platte der Neuroglia

stromdurchlässig wird, springt die Blitzkette der Entladungen von System

zu System, immer die Lücken erhaschend, welche die geschwächte Hemmung

offen läßt. Das ist die Bahnung, die Übung, die Einschleifung in meiner

Auffassung. Darin, daß die Öffnung und Schließung dieser Bahnen

rhythmisch erfolgt, liegt der Grund für die Rhythmik unseres Tuns und

Denkens, der Grund zur Rhythmik der Arbeit, zur Hebung und Senkung

unserer Sprache, zum Verse, zum Liede, zur schönen Linie, zur

Architektur, genug zur Gesamtästhetik. Denn im Grunde ist alles das

meinen Sinnen wohlgefällig, was ihrem natürlichen Rhythmus von

seelischer Ein- und Ausschaltung sich einfügt, und unlustgebend

dasjenige, welches ihm widerhaarig ist. Daraus folgt auch, daß der

ästhetische Geschmack darum so verschieden ist, weil der Rhythmus

etwas durchaus Persönliches, an mein Temperament, an meine

Apperzeptionsfähigkeit in einer gewissen Zeiteinheit, nämlich der

zwischen Systole und Diastole des Herzens, Gebundenes darstellt. Ich

kann hier natürlich nur andeuten, wie aus der durchschnittlichen Einheit

von 60 Schlägen in der Minute der Mensch sein Zeitbewußtsein hergeleitet

hat, indem ja in ihm eine wirkliche Uhr, das Herz, von Anfang an ihr

Ticktack schlug, genau so, wie er den Fuß und das Fingerglied zum

Raummaß und die fünffache Strahlung der Hand zum Dekadenzahlsystem

ausbaute. Da nun, wie experimentell nachweisbar, unser Herzrhythmus

unter den allerverschiedensten Einflüssen schwankt, wie die Wirkung von

Mensch auf Mensch direkt am Pulse meßbar wird, so versteht man besser

als sonst, warum in der Kunst ein so starkes Moment der Aufsuggerierung

eines persönlichen Rhythmus zur Geltung kommt, welches den Zuhörer oder

Beschauer völlig in den Bann des Schöpfers schöner Rhythmen zwingt. Das

Hingegebensein des eigenen Seelengetriebes an ein mächtiges fremdes, die

Seele neu erfüllendes Durchwogen und Durchglühen ist eben die Quelle

jedes echten ästhetischen Genusses, nach dem sich ein bewegliches Herz

dauernd sehnt.

Habe ich damit die mechanische Seite der Suggestion gestreift, so ist

von hier bis zur Analyse der Hypnose auf mechanischem Wege nur ein

Schritt. Wenn nach unserer Anschauung die Sonne in ihrer rhythmischen

Beleuchtung und Verdunkelung der Erde, resp. die Erde selbst in ihrer

rhythmischen Abkehr und Neigung zum Licht einen periodischen,

naturgegebenen Hebel zum Ein- und Ausschalten des Bewußtseins abgibt, so

muß es ja auch auf andere Weise durch Reflexhyperämie im Gehirn möglich

sein, Schlaf und schlafähnliche Zustände zu erzeugen. Nun, das

Streicheln, das Wiegen, das Kämmen, das Fixieren, das Zählen, das Ticken

der Uhr--das alles sind deshalb schlaffördernde Mittel, weil vermöge der

gleichmäßig das Gehirn treffenden Reize die Neuroglia um so leichter

Übergewicht über die Zellaktion erhält, je mehr durch Konzentration auf

einen Punkt die Hemmung an Macht gewinnt. Gerade wie im Alkoholrausch

der nächtliche Schwärmer schließlich immer dieselbe Geschichte erzählt,

ehe sein müdes Haupt sich zum Tisch oder unter den Tisch neigt, so läßt

der Hypnotiseur auf dem Wege reflektorischer Hemmungsverstärkung das

Bewußtsein seitlich ringsumstellen und von den Häschern flüchtiger

Gedanken umgeben. Alle Vorgänge eben, welche geeignet sind, dauernd die

Neurogliazotten in Erweiterung und Füllung zu halten, bringen

Kontakthemmung und bei längerer Dauer den Schlafzustand, also auch die

_reflektorische_ Gefäßweite. Alle schlafähnlichen Zustände können auf

_mechanische_ Weise einheitlich erklärt werden, selbst Morphium und

Chloroform wirken zunächst nur als Entfalter einer durchaus

physiologischen Funktion des Gehirns, indem sie ebenso wie der Alkohol

im Beginn Gefäßverengerung, damit Erregungen, Exzitationen, leichte

Anschlüsse, spielende Gedankenflucht über alle Problemhöhen und -tiefen,

und mit der Leichtigkeit der Auslösung von Ganglienfunktionen eine hohe

Steigerung des Ichgefühls hervorbringen, erst dann mit der allmählichen

lähmenden Erschlaffung der Gefäße, in welchen das Gift kreist, die

Einengung und Abblendung des Bewußtseins zuwege bringen, so daß der

künstliche Schlaf so auf ein Haar dem natürlichen gleicht. Man hat eine

allzu übertriebene Hochachtung vor der Dauerhaftigkeit der feinsten

Hirnstruktur, wenn man meint, daß z.B. eine Auslaugung des Fettes aus

den Hirnzellen durch das strömende Chloroform der eigentliche Grund der

Narkose sei, wonach also das Bewußtsein ausgewischt würde, etwa wie ein

Fettfleck durch Benzin. Träte wirklich das Gift ohne diesen segensvollen

Maschenfilter der Neuroglia jemals an die Zellen direkt als chemisch

aktive Substanz heran, so wäre stets eine direkte Verleimung des

Gehirns, die Zertrümmerung der Apparate die Folge. Nur deshalb ist die

Narkose in Wirklichkeit kein so brutaler Eingriff, weil man niemals mehr

Gift im Körper kreisen zu lassen braucht, als gerade genügt, damit das

Spiel des auch im natürlichen Schlaf tätigen Mechanismus ausgelöst

werde.

_Eine_ schlafbringende Ursache will ich noch erwähnen, welche allen

Schlaftheoretikern große Mühe gemacht hat, das ist die Schlafsucht beim

Erfrieren. Soll hier, während ein vor Frost erstarrender Organismus

langsam in Schlaf versinkt, sich gerade aus dem daniederliegenden

Stoffwechsel ein Schlafgift produzieren? oder soll die sonst doch so

frisch und wach machende Abkühlung der Haut hier ausnahmsweise höchste

Müdigkeit erzeugen? oder ist es nicht vielmehr im schönsten Einklang mit

unseren Vorstellungen, daß durch allseitige extremste Verengerung der

Blutgefäße in Haut und Gliedern die inneren Organe blutüberfüllt und

damit die Neuroglia zur totalen Hemmungseinschaltung gezwungen sein muß?

So nur verstehen wir die frisch machende Wirkung kurzdauernder

Abkühlungen, die Erleichterung der Assoziationen im Nervensystem durch

Kaltwasserkuren usw., wenn wir annehmen, daß die der Abkühlung schnell

nachfolgende Blutfülle in der Haut die Hemmungsfilter im Gehirn entleert

und so die Ganglien erregungslustiger macht. So auch begreifen wir,

warum man im dauernd kühlen Zimmer besser schläft als im überhitzten, ja

sogar, warum wir beim Umwälzen der Bettdecke von der Kühlung der Haut

die Wiederaufnahme eines unterbrochenen Schlafes erhoffen. So auch

erklärt es sich, daß die Inanspruchnahme großer Blutmengen zur Verdauung

bei überfülltem Magen das Gehirn blutärmer und darum aufgeregter und

ruheloser macht und daß irgend eine dauernde Ablenkung von Blutmengen

aus dem Gehirn unruhiges Träumen zur Folge hat.

So lernen wir aber auch verstehen, warum die ganze Skala der

Giftwirkungen immer zwischen Erregung und Lähmung hin und her schwankt,

weil diese beiden Funktionen vornehmlich gebunden sind an die Tätigkeit

der Neuroglia, welche wie ein schützendes Filter vor den feinsten Teilen

des eigentlichen Räderwerkes ausgespannt ist. Wäre die pathologische

Anatomie nicht allzusehr im Banne von der Stütznatur der Neuroglia, sie

hätte schon längst vielleicht näheren Aufschluß über die

Funktionsstörungen als Folge primärer Neurogliaerkrankungen geben

können. Wenn Füllung, Ausschwitzung, Gerinnung, Verfettung, Verkalkung

usw. in ihr erst auf ihre eventuellen funktionellen Folgen geprüft sein

werden, dürfte auch für die Heilung von Geisteskrankheiten mit ihrer

vielfachen Beziehung zur Blutmischung diese Anschauung fruchtbar werden

können. Ich will nach dieser Richtung nur ganz entfernt die Möglichkeit

der direkten Durchspülung der Neuroglia vom Blutgefäßsystem, die Wirkung

des Aderlasses, die eventuelle chirurgische Entlastung des Hirnödems,

der apoplektischen Blutungen usw. andeuten. Die Möglichkeit, daß man

durch Einverleibung von verschieden prozentigen Kochsalzlösungen in das

Venensystem, mit der Schaffung einer künstlichen Plethora zusammen mit

dem nachfolgenden energischen Aderlaß überall im Körper, also auch im

Gehirn, sehr wirksame Resorptionsvorgänge anregen kann, steht für mich

schon heute außer allem Zweifel.

Dieser langen, zum Teil sich leider wiederholenden Auseinandersetzungen

bedurfte es, um einigermaßen im Rahmen dieser locker gesammelten

Abhandlungen meine Anschauung zu entwickeln, unter Rücksichtnahme auf

diejenigen Leser, welche nicht genügend Physiologen sind, wodurch meine

Definitionen leider schwerfällig und unbeholfen werden mußten. Ich kann

mich dafür aber mit den folgenden Betrachtungen um so rascher abfinden.

Bei der Frage nach der Natur des Schmerzes muß meiner Meinung nach jede

Beantwortung _beide_ Formen schmerzhafter Empfindung, die seelischen wie

die körperlichen, in Betracht ziehen, weil nur auf diese Weise eine

Definition wirklich erschöpfend sein dürfte, und weil beide Formen der

schmerzhaften Bewegungen in unserem Körper eine große Fülle von rein

physischen Berührungsflächen darbieten; ich erinnere nur an die

mimischen und sekretorischen Begleiterscheinungen des seelischen und

körperlichen Schmerzes, an das Weinen und Gesichtverzerren, ferner an

die Beteiligung der Atmung, an Schluchzen und Schrei, an

Pupillenvergrößerung in seelischer _und_ körperlicher Angst und an

andere gemeinsame unerfreuliche Wirkungen der Unlustzustände, um die

Notwendigkeit einer gemeinsamen mechanischen Begründung zu betonen. Was

nützt es zum Beispiel in dieser Richtung, wenn wir, wie jetzt viele

Neurologen, mit der Ansicht uns begnügen wollten, daß der Schmerz eine

ganz spezifische Sinnesenergie vorstelle, daß also in unseren seelischen

Orientierungsapparaten ganz bestimmte Einrichtungen gleichsam

Wächterdienste gegen die herannahende Gefahr bei Verletzungen aller Art

übernehmen? Abgesehen davon, daß man auf diese Weise notwendig zu dem

tief pessimistischen Prinzip einer Schöpfungstheorie kommt, die den

Schmerz als ein von Anbeginn dem Menschen aufgeladenes Kreuz darstellt,

wozu die Legende aus der Bibel vom verlorenen Paradiese und dem Fluch

des Erzengels einige Berechtigung gäbe, abgesehen von dieser kühnen und

gefährlichen Meinung, als sei jedes Lebewesen eigens dem Schmerz

ausgeliefert und vorbestimmt, läßt die Lehre von der Spezifität der

Schmerznerven eben den psychischen Schmerz völlig in der Luft schweben.

Aber auch sonst läßt sich vieles gegen eine solche Anschauung

vorbringen. Als schlagendstes Argument gegen den Bestand bestimmter, nur

Schmerz leitender Nerven--spezifisch schmerzleitend in dem Sinne, wie z.

B. der Sehnerv nur Licht leiten kann--will ich eine Beobachtung

anführen, welche ich als erster bei Operationen unter meiner örtlichen

Schmerzlosigkeit gemacht habe, und welche später häufig, so namentlich

von _Lenander_ in Stockholm, bestätigt ist. Als ich am Bauchfell

operierte ohne Narkose bei vollem Bewußtsein des Patienten unter

Anwendung nur örtlicher Betäubung, bemerkte ich, daß das normale,

blasse, nichtentzündliche Bauchfell auch ohne Einspritzungen ohne

Empfindung gegen Stich, Schnitt und Hitze ist, daß aber nach wenigen

Minuten an den der Manipulation ausgesetzten Stellen nach vorheriger

Rötung Schmerz auch gegen leiseste Berührung auftritt. Ist der Schmerz

ein nur auf spezifischen Bahnen geleitetes Spezialgefühl, wie ihn die

moderne Neurologie zu definieren geneigt ist, so müssen in einer Spanne

Zeit von wenigen Minuten Schmerznerven wachsen können, denn Körperzonen,

die eben noch nicht empfindlich waren, werden es gleichsam unter den

Händen. Hier ist mit der Annahme, daß der Schmerz nur auf vorgebildeten

Bahnen geleitet werden kann, nichts anzufangen; denn es fehlen im

Bauchfell gänzlich solche vorgebildeten sensiblen Bahnen, und doch

gewinnt es bald die Fähigkeit, zu schmerzen. Wer besondere Schmerzbahnen

annimmt, muß sich vorstellen, daß diese Leitungsdrähte des Wehgefühls

innerhalb der Bündel der hinteren Rückenmarksnerven zusammen mit den

anderen Strängen für das Tast-, Wärme- und Muskelgefühl verlaufen, und

müßte unbedingt die zentralen Ausstrahlungen dieser besonderen Bündel

auch als eigentliche _Schmerzzentren_ im Gehirn nachweisen. Hier aber

gerade hat diese Theorie ein arges Loch: nicht nur fehlt jede Spur eines

Nachweises von Schmerzzentren im Gehirn, welches doch gerade die

Neurologen so ausschließlich als den Sitz der allgemeinen seelischen

Apperzeption hinstellen, sondern es ergibt sich aus vielfachen, auch

eigenen Beobachtungen, daß das Gehirn selbst absolut ohne

Schmerzempfindung ist. Der berühmte Kopfschmerz ist entweder Schmerz der

Hirnhäute oder Schmerz des weitverzweigten Nervus Trigeminus, der nicht

mehr dem eigentlichen Gehirn angehört. Es würde also bei diesen

gewichtigen Einwänden gegen die Theorie von der Spezifität der

Schmerznerven eine andere, welche dieser Spezifität nicht bedürfte und

doch alle bekannten Phänomene des Schmerzes verständlich zu machen

vermöchte, entschieden den Vorzug verdienen.

Eine solche Theorie glaube ich auf Grund meiner Anschauung von dem

Hemmungsmechanismus geben zu können.

Von der Seele · 第 11 / 18 段