Nervenaktionen gegenüber: die eine, welche in völliger Automatie ohne
unsern bewußten Willen hin und herwogt, das Herz schlagen, die Lungen
atmen, die Därme sich bewegen, die Drüsen arbeiten, die Saftströme
fließen und den intimen Stoffwechsel an ungezählten Arbeitsstellen sich
vollziehen heißt, und eine zweite, welche lauernd, beobachtend, wartend,
orientierend alle Geschehnisse um uns und in uns direkt registriert. Die
eine in definitiv gehemmten, ein für allemal regulierten Bahnen ohne
Irrtum, die andere ganz labil, schnell hier und da reagierend, oft sich
vergreifend, irrend, tastend, das Gefühl des Gewollten und Bewußten
auslösend. _Wahrnehmungen nun aus jenem der Beobachtung und Orientierung
entwicklungsgeschichtlich schon entzogenen Gebiet nennen wir ihres
dunkeln, unkontrollierbaren Ursprungs wegen: unterbewußt._
Was wohl für Träume kommen mögen--aus diesen dunklen Wäldern, Schluchten
und Höhlen der tiefsten Seele, die ihre geheimnisvolle Entwicklung, die
Bildung ihrer typischen Formation unzähligen Geschlechtern, einer
endlosen Ahnenreihe von Vorfahren, Stammvätern und Keimgebilden
verdankt? Denn geworden aus einer Saat des Lebens ist alles! Die
Wissenschaft kann nicht den Entwicklungsgedanken entbehren, wenn sie
auch zugeben sollte, daß durch dieses Jahrmillionen alte Weben und
Werden des Lebens ihm nichts von seiner Übersinnlichkeit und
Unbegreifbarkeit im Ursprung genommen wird. Wenn Millionen von Wesen,
die meine direkten Vorfahren waren, dahinleben, ringen, sich wandeln und
sterben mußten, damit ich atmen, gehen und sprechen kann, wenn meine
instinktiven Fähigkeiten das Produkt unendlicher in gerader Linie auf
mich und mein Keimplasma ausmündender Vorübungen und Vorbildungen waren,
so tragen wir alle ja in uns gleichsam eine seelische Erbschaft alles
dessen, was vor uns geschah, das sich auf uns erhalten hat, mit uns
geboren wird. Was Wunder! wenn in uns, den jedesmal jüngsten Sprossen an
einem unendlich tief in die Vorzeit hinab reichenden Korallenbaum, aus
der Tiefe unserer eigenen Wunderwelt magische Nebel emporsteigen am
Horizonte unserer ephemeren Sonderexistenz, wenn alte Neigungen aus
fernen, anders, ganz anders gearteten Kulturen, wenn alte Bilder ferner,
fremder Heimatgauen, dunkle Willensregungen mit andrem Zweck, als es
grade unser Säkulum zu Sitte und Recht erheischt, emportauchen mit
rätselhaftem Gefühl eines vorbestimmten und mitgeborenen Verhängnisses!
Das sollte unwahrscheinlich sein? Ist doch die Form meines Schädels,
meiner Nase, die Farbe meiner Haare und die meiner Augen und Haut in
meiner Sippe, in meiner Rasse fixiert und immer wiederkehrend, und ein
so feines Spiel, wie es die Nerven treiben, eine Funktion sollte nicht
bemerkbar bleiben von Geschlecht zu Geschlecht? Im Gegenteil! vielleicht
sind alle Erblichkeiten viel mehr funktionell als formal, und selbst die
Ähnlichkeit der Kinder mit uns mag einen ebenso großen Gehalt an
funktioneller Nachahmung wie an formaler Gleichrichtung der Zellbildung
in sich verbergen. Werden doch Menschen ähnlich im Gesichtsausdruck, die
lange aneinander gekettet sind! Kann doch jede Form von Mimikri nur
funktionell entstanden sein!
So etwas also wie ein Testament unserer Vorfahren mag schlummern in den
festen Knollen, Strängen und Hügeln auf der Tiefe des Gehirns, in der
Tiefe unseres Seelenlebens! Drehen wir es um, das vor uns liegende
Gehirn, das wir bis jetzt vorhin nur von oben, von seinen beiden
hüllenden Kuppeln aus sahen, wie anders ist das Bild! Fester,
wohlgeformter, charakteristischer ist hier die Physiognomie, und während
der Griffel des Anatomen sich vergeblich müht, die Rinde mit ihrem,
einem System aneinandergepreßter Schläuche mit Furchen und Windungen
vergleichbaren Formbilde genau wiederzugeben, so vermag hier die
Zeichnung an der Basis an festen Linien eine wohlgefügte Architektur zu
finden. Das entspricht dem Gewordenen, unabänderlichen Überkommenen der
hier gelegenen Funktionen; hier walten die Instinkte, die regulären
Automatien, die Reflexe, alle unsere irrtumlosen Fähigkeiten. Und nun
ein Schnitt in diese weiche Masse da vor uns! Wie anders die
geheimnisvolle Zeichnung der Hemisphären des Gehirns gegenüber den
geformten Wülsten der Basis! Dort ein weichlicher, weißlich-grauer Brei
ohne Linie und scharfe Form, und hier an der Basis Zeichnungen und
Gebilde, die bestimmte, bisweilen obszöne Vergleichungen mit allen
möglichen, präzisen Lebensformen geradezu herausfordern! Dort in der
Wölbung der Kuppe waltet Willkür, Irrtum, Wahn, Streben, Wille nach
Umwandlung, Neugestaltung, und hier in der Tiefe fest gefügt das
Unabänderliche, das fest Erworbene, das Irrtumlose! Da haben wir den
anatomischen Ausdruck für das Doppelbild, den Januskopf unserer Seele!
Ein Teil, der des bewußten Seins, strebt vorwärts, kühn bis zur
Selbstvernichtung, dem Neuen, dem Unerhörten, der genialen Assoziation
entgegen, und ein anderer konservativer Teil reißt uns stets zurück in
die Beharrung, die Resignation, in das Philisterium. In jedem von uns
steckt ein Neuerer und ein Reaktionär, beide miteinander oft in wütendem
Kampf. Hier reißt das Genie sich los von seiner Neugeburt nie
dagewesener Assoziationen, denen ganz gewiß neue Hirnsprossen in der
typischen Richtung und Entwicklungslinie des aufsteigenden
Menschheitsgedankens durchaus organisch zugrunde liegen, und stürmt
dahin ohne Rücksicht auf den Bestand des Überlieferten; ihn kümmert
nicht das Fundament, mit Füßen tritt er seine vitalsten Eigeninteressen
danieder. Oft genug verbrennt an der Flammenfackel des Genius die letzte
Kraft seines wohlgegründeten vegetativen Lebens. Da meldet sich wohl oft
gerade bei den Begabtesten ein dunkler Trieb nach Rausch und Betäubung.
Der Bauer in ihnen lockt mit der Möglichkeit, auch einmal künstlich ein
Idiot zu sein, auch hier und da den Geburtswehen seiner Ideenfülle zu
entrinnen, wenn auch nur für kurze Zeit. Das Behagen, mit süßem Gift die
vorwärts drängenden neuen Gehirnsprossen zur Ruhe zu zwingen, ist nur zu
oft der Grund zum Alkoholismus und zur Morphiumsucht bedeutender
Menschen geworden. Zwei Seelen! Und wie, wenn im Zerrbild des Genies, in
seiner Karikatur, im Irrsinn, wenige, winzige Zellgruppen auf eigene
Faust, losgelöst aus der Harmonie des Ganzen, nicht mehr als ein Triumph
des aufwärts gehobenen Menschheitsgedankens, sondern als eine
krankhafte, wilde Anarchie weniger revolutionierender Ganglienlebewesen
die Herrschaft über den Bestand des geistigen Erbes von Generationen
erzwingt? Dann ist es ganz dahin mit Harmonie und Einheit: dann ist
wirklich die Persönlichkeit gespalten, dann arbeiten Entartung und
Beharren wild gegeneinander. Darum, was man einem Genie wünschen
muß--das ist der kräftig entwickelte Herr des Lebens, ein gesunder,
meinethalb direkt bäuerischer Nervengrundstock (Sympathicus), der seine
lebenerhaltende Faust dämpfend und mäßigend auf die zarten, jungen
Triebe neuer, nie geahnter Gedankenübermittler legt, damit sie ruhig
gedeihen und blühen und eine ganze Menschheit beglücken! Wie konnte man
je daran denken, Genie und Wahnsinn Brüder zu nennen! wie jemals das
erste Aufleuchten einer neuen Phase der Menschheitsentwicklung, durch
die alle Nachkommenden hindurch müssen, wie durch ein neues Kanaan, das
ihm allein zuerst erschien, verwechseln mit einer Gehirnentartung,
welche, unrettbar dem Untergang geweiht, den Stempel der
Lebensunfähigkeit in sich trägt! Nur, weil das unterbewußte System auch
im Genie so oft in Gefahr geriet, wie beim Wahnsinn und beim
Verbrechertypus, konnte der bedauerliche Irrtum entstehen.
Auf der andern Seite der hochkonservative Philister: wie wichtig für den
Bestand des Erworbenen, ein wie festes Hindernis für alle
Scheinneuerungen und genialen Irrtümer. Nicht umsonst war der Philister
einem _Nietzsche_ so interessant: hier zeigt sich in der Tat am besten
das einfache Verhältnis bewußter und unterbewußter Seelenfunktionen. Am
dauerhaftesten geistig ist der Mensch, bei dem am wenigsten beide
Systeme einander zu beeinflussen vermögen. In ihren Funktionen
gegenseitig streng voneinander geschieden, haben sie keine Möglichkeit
einer unvorhergesehenen, plötzlichen Entladung von einem Gebiet in das
andere, können beide Systeme getrennt ungestört ihren Dienst tun, bis
die Uhr still steht. Es darf mit Sicherheit angenommen werden, daß
gerade Störungen in der festen, definitiv geregelten Hemmung des
unterbewußten Gangliensystems Beziehungen haben zu plötzlichen,
reflexähnlichen Affekthandlungen. Ich stelle mir vor, daß erbliche
Belastung im Psychischen sehr wohl ihre Ursache in einer Schwäche der
eigentlich undurchbrechbar gedachten Hemmung der automatischen
Ganglienapparate haben kann, dergestalt, daß Kurzschlüsse elektroider
Spannungen hier plötzliches Überfüllen von fern liegenden
Aktionsgebieten veranlassen. Sicherlich erreicht ja nicht alles, was an
Reizen dem Gehirn übermittelt wird, direkt das System der bewüßten
Denksphäre. Unsere Willenshandlung und unsere Gedankenrichtung nehmen
nicht immer von bewußten Wahrnehmungen ihren Ursprung. Es ist, als ob
manche Sinneseinwirkungen, manche vielleicht noch gar nicht analysierten
Strahlungen und Materienwirkungen zwar vor der Bewußtseinsschwelle
abgefangen werden, aber dennoch die Veranlassung zu einer besonderen
Gedankenrichtung, zu einer besonderen, dann erst später bewußten
Handlung werden. Dafür einige Beispiele.
Ich stand an der Ausgangstür einer elektrischen Bahn, die nächste
Haltestelle erwartend. Leise zogen mir Bilder aus meiner Jugendzeit auf
dem Gute bei einem alten Onkel durch den Sinn. Ponyreiten, Kirschbäume,
Wälder und Jugendliebe! Und der gute, alte Onkel--wie lebhaft ich ihn
vor mir sah. Da drehe ich mich von ungefähr in das Wageninnere, das ich
soeben passiert habe, zurück. Wahrhaftig, welche Ähnlichkeit--der gute,
alte Onkel--da sitzt sein leibhaftes Ebenbild in einer Ecke. Es ist
gewiß, daß seine Züge, im Unterbewußtsein, als ich durch den Wagen ging,
abgefangen, das Motiv meiner Gedanken wurden.
Ich gehe eine ziemlich lange Straße hinauf. Mir kommt ein befreundeter
Herr mit seinen Absonderlichkeiten in den Sinn. Nach einer Minute steht
er vor mir. Ich hatte ihn ganz gewiß vorher schon unterbewußt gesehen.
(Ich glaube, bei ähnlichen Gelegenheiten wird oft ein "um die Ecke
kommen" hinzugesetzt, die Sache wird dadurch romantischer.)
Solche Vorkommnisse beweisen direkt, daß es ein Filtriersystem für
Wahrnehmungen, vielleicht in den großen Hirnknollen, gibt, welches
verhindert, daß alle Beobachtungen bewußt werden. Wenn man sich genau
kontrolliert, können Farben, Formen, Gerüche usw. ganze Gedankenketten
auslösen, ohne daß man immer den Ursprung findet; die gesamte Kunst
macht Gebrauch von diesen Stimmung gebenden Suggestionen! Wie viel mag
ferner tatsächlich plötzliche Sympathie oder Antipathie auf solchen
unterbewußten Assoziationen beruhen, wie oft mögen schnelle Entschlüsse
solchen unterbewußten Einflüssen ihren Anstoß verdanken! Auffallend ist,
wie selten unsere entscheidenden Entschlüsse direkt logischer Analyse
entsprechen: "es war mir so", "es lag mir so", "ein gewisses etwas gab
den Ausschlag" usw. Wenn alles auf alles wirkt--und nach dem Gesetz von
der Erhaltung der Kraft muß es ja wohl so sein--so kann sehr wohl das
meiste unserer Willensaktion unterbewußt ausgelöst werden. Wie viel mehr
nun aber bei pathologischen, gewissermaßen schadhaften Einbettungen und
Isolierungen der sonst streng abgeschlossenen, automatischen Systeme.
Der triebhafte Verbrecher mag bei allen möglichen Innenreizen stets dem
Zwange eines plötzlich ihn überrumpelnden Affektes erliegen
(Kleptomanie). Ströme, welche normalerweise sonst im Sinne der
koordinierenden Automatie Verwendung finden, schlagen blitzartig in die
Aktionszentren und lösen Handlungen aus, die eben deshalb antisozial
sind, weil sie durch das die Ethik der Zeit tragende und kontrollierende
Bewußtsein nicht zurückgedämmt werden. Da auch bei den Epileptikern die
Hemmungsfortfälle die Ursachen der Krämpfe sind, kann es nicht wunder
nehmen, wenn Epilepsie und Verbrechen so oft Berührungspunkte haben.
Hier erscheint es fast so, als wenn der Verbrecher im epileptoiden
Anfall durch Abblendung seines Bewußtseins geradezu in eine
entwicklungsgeschichtlich frühere Daseinsperiode zurückgeworfen wird, in
welcher in der Tat noch allein die brutalen Instinkte, wie beim
Raubtier, herrschten, so daß die schauerliche Bestialität mancher
Verbrechen allein durch diesen Rückschlag in seelische Gebiete, die
einem Rohzustand des Lebens entsprechen, erklärbar wird. Der Somnambule
und der antisoziale Verbrecher gleichen sich in bezug auf die Abblendung
des Bewußtseins, welche nur bis zu verschiedenen Tiefen der Automatie
herabreicht: beim Somnambulen liegt nur ein Dämpfer über dem Bewußtsein,
so daß Raum und Zeit und ihre kausale Verknüpfung doch wie aus
Nebelschleiern durchscheinen, wobei die automatisch-motorische Sphäre
wohlgeordneter Bewegungen ganz intakt ist (Schlafhemmung des Gehirns),
so daß ein Träumender daherwandelt, friedlich im schlürfenden Gange
seine stillen Gedanken weiterspinnend. Beim epileptoiden Verbrecher
tritt aber die Abblendung des Bewußtseins plötzlich ihn selbst
überrumpelnd mit der ganzen Heftigkeit einer tiefgreifenden
Bewußtseinsstörung auf, und zwar bis in die Region der zurückgelegensten
Instinkte, so daß jene sinnlos vernichtenden Raubtierhandlungen
resultieren.
Dem widerspricht nicht, daß solche Verbrechen lange vorbereitet, oft
versucht sind, ehe es zur eigentlichen Ausführung kam. Der in seinen
Hemmungen eben defekte, unterbewußte Apparat lockt durch aufleuchtenden
Kurzschluß in die bewußte Sphäre übergreifender Entladungen den
Willensapparat immer von neuem in den Bereich seiner dunkelen Gelüste.
Es sind ja hauptsächlich die beiden Systeme der Ernährung und der
Fortpflanzung, auch im gesunden Menschen den Hauptinhalt unserer
unterbewußten Mechanismen beherrschend, die auch beim Verbrecher in
krankhaftem Anschluß regellos einbrechen in die Willenssphäre. Während
der Gesunde diesen beiden Hauptinstinkten durch ständige
Bewußtseinskontrolle ihren dämmenden Wall sichert, bricht die ganze
Summe aufgespeicherter und vielleicht mehrfach unterdrückter Gelüste
plötzlich wie eine reißende Flutwelle in die Seele ein, und gerade wie
beim Epileptischen die motorische Krampfentladung im Muskelgebiet
begleitet ist von der Bewußtlosigkeit, d.h. von der Unfähigkeit, sich in
Zeit und Raum zu orientieren, so ist der Verbrecher "im Anfall" auch
nicht fähig, seine Handlung logisch und kausal zu begreifen, er steht
ihr oft ebenso hilflos gegenüber, wie der nach Motiven suchende
Kriminalist. Daher begreift man wohl die Neigung der Verbrecher, um den
Ort der Tat zu kreisen: sie suchen sich selbst und ihre Tat näher zu
begreifen, sie sinnen selbst nach Aufklärung und hoffen vom Orte, an dem
das Fürchterliche geschah, irgend ein erlösendes Verständnis. Das ist
der Magnetismus des Entsetzlichen, den übrigens auch geistig Gesunde
andeutungsweise sehr wohl verspüren. Das Grauen vor einer entsetzlichen
Tat und die Anziehungskraft, die sie auf unsere Neugier ausübt, lassen
sich wohl nur erklären durch eine Tätigkeit der Phantasie, welche im
geheimen sich selbst als den Verüber der Tat unwillkürlich setzt und
damit jene Sphären des Unterbewußtseins in leises Erzittern bringt,
welches Disponierten schon so oft gefährlich geworden ist. Das ist die
Gefahr der Berichte über Straftaten und der oft gewiß verderbliche
Einfluß schlechter Kriminallektüre auf nicht völlig taktfeste Instinkte,
daß sie oft das labile Gleichgewicht gestörter und nicht ganz
schlußfähiger Hemmungen des unterbewußten Systems ins Wanken und
Erzittern bringen.
Pathologische, durch Hemmungsdefekte übermittelte Anschlüsse aus dem
Gebiet der automatischen Instinkte in die Sphäre bewußter Aktionen
scheinen die einzige befriedigende Erklärungsformel für das dunkle
Wirken verbrecherischer Triebe zu sein. Dabei braucht nicht immer der
Trieb auf die Vernichtung oder Beschädigung des anderen zu gehen, diese
Triebe richten sich auch auf die Vernichtung oder Beschädigung der
eigenen Person: es gibt Verbrechen am Ich, wie am Anderen. Auch hier
zeigt sich das Abnorme wesentlich in zwei Richtungen: in Perversitäten
der Nahrungsaufnahme und der Erfüllung sexueller Funktionen. Aber auch
alles Bannende, Blendende, Gewaltige, weite Fläche, schauerliche Tiefe,
der dunkle Abgrund und das endlose Meer, hat eine hypnotische,
bewußtseintrübende Macht, und es erfordert einen Ruck im Willen, ihre
dämonische Anlockung abzuwehren, um nicht, wie das Kaninchen vorm Blick
der Schlange, wie das Weib vorm berauschenden Nimbus des Don Juan, der
Gefahr gegenüber der Paralyse des Willens zu erliegen. Licht und Glanz
hypnotisieren ja nicht nur Motten und Mücken, sondern auch den Homo
sapiens.
Aber auch Innenreizen ist bestimmende Macht über die Seele gegeben. Ganz
allgemeingiltig ist die Beziehung der sogenannten inneren Sekretion zu
unseren Trieben, Neigungen und direkt bewußten Handlungen. Unter der
inneren Sekretion versteht man wesentlich die von der Organumschlingung
des Nervus sympathicus geleistete Säftebildung in verschiedenen
Organsystemen, welchen sämtlich spezifische Funktionen zufallen: so
dienen Galle und Magensäfte, Speichelbildung usw. der Verdauung, sind
also auf die Erhaltung des Einzelnen gerichtete Funktionen, noch andere
zielen auf die Vorgänge der Neubildung eines Individuums ab, und
drittens gibt es Absonderungen, welche unzweifelhaft für die
Saftmischung des Blutes und damit auch der Seelenfunktion von
allergrößter Wichtigkeit sind. Die Schilddrüse und ihr Sekret haben
bekanntlich einen großen Einfluß auf den Zustand des Gemütes. Ein
erhöhter Zuschuß ihrer Produkte ins Blut--und eine große Erregbarkeit,
Unruhe, Angst, extreme Neurasthenie ist die Folge (bekannt unter dem
Bilde der Basedowschen Krankheit), während andererseits ein Zuwenig der
Beimischung eines für die Hirnfunktion unbedingt nötigen Saftes der
Drüse, wie wir schon bemerkten, Atrophie und Idiotie des Gehirns nach
sich zieht. Diese Tatsachen, namentlich mit Beziehung auf die Rolle des
Sympathicus bei diesen Funktionen, sind übrigens nur zu erklären mit
Hilfe unserer Annahme von der Funktion der Neuroglia als
Hemmungsregulator. Ähnlich wie bei der Schilddrüse, müssen wir auch für
alle anderen inneren Sekretionen annehmen, daß ihre Produkte zum Teil
für die Konstitution der Gesamtkörpersäfte von allergrößter Wichtigkeit
sind. Fehlt die Beimengung vitaler Ingredienzen zum allgemeinen
Blutsaft, so sind sogenannte Ausfallserscheinungen die nur allzuhäufige
Folge. Säftemischung und seelische Funktion stehen eben vermittels des
Hemmungs- und Einschaltungsapparates der Neuroglia in innigstem
Zusammenhang. Es ist keine Frage, daß ein großer Teil zunächst dunkler
und unklarer Impulse, welche wir im Bewußtsein erhalten, Meldungen aus
diesen unterbewußten Fabrikationsstellen unseres Organismus darstellen,
wobei wieder Hunger und Liebe als die beiden großen Richtungen der
Erhaltung des Individuums und der Art wirken. Wie ein Verbrecher
hypnotisiert werden kann, d.h. wie ihm seine Bewußtseinssphäre
umdunkelt, verhüllt, abgeblendet werden kann durch den Anblick eines
Edelsteins, eines Goldstückes, wie überhaupt die Hypnose die
reflexartige Abblendung des Bewußtseins darstellt, und zwar von der
Umgebung her, so können auch die Innenreize zur hypnotischen Abblendung
des Bewußtseins führen. Ebenso wie etwas von außen suggeriert werden
kann, gibt es bekanntlich auch eine Autosuggestion, ebenso eine
Autohypnose. Die innere Sekretion, die einseitige Überspannung eines
überladenen Systemes, z.B. desjenigen der Sexualapparate, kann von dem
Unterbewußtsein her die ganze geistige Sphäre sexuell färben, so daß der
Betreffende gleichsam willenlos in Liebeshypnose einherwandelt und
jegliches Wesen durch eine Sexualbrille sieht. Wehe! wenn hier labile,
nicht fest eingedämmte Hemmungsverhältnisse im Unterbewußten bestehen:
es ist nur ein Schritt von der Gier zum Verbrechen. Ähnlich kann auch
bei der Hysterie eine Unsumme abnormer Kurzschlüsse und Reflexe
ausgelöst werden, die ihren letzten Grad in einer Saftbildungsanomalie
haben, wodurch eben die Hemmungsmechanismen nach unserer
Theorie beschädigt werden und damit die Beziehungen zwischen
Bewußt und Unterbewußt sich verschieben. Auch in diesen Fällen
neurasthenisch-hysterischer Bewußtseinsbeeinflussungen spielt eine
Blendung des realen Erkennens, der Gegenwärtigkeit der Seele und ihrer
Anpassung an die Umgebung und die Daseinsepoche mit hinein. Diesen
Menschen ist ein Gefühl der Andersartung, des Deplacements eigen,
gleichsam als gehörten sie einer vergangenen Daseinsperiode an und
könnten sich nie hineinfinden in die Bedürfnisse ihrer Zeit. Es ist gar
nicht so selten, daß schwere Hysterie zur völligen Teilung des
Persönlichkeitsgefühls führt und daß dieser unerträgliche Zustand, dem
ewigen Trieb zur Selbstvernichtung nachgebend, mit Selbstmord endet. Mir
erscheint der so häufige Selbstmord bei gedoppelter Persönlichkeit stets
wie die Erfüllung einer Sehnsucht in eine frühere Gemeinschaft
Gleichgearteter, wie in einen Zustand auf frühere Entwicklungsstufen
zurück. Viele Menschen mit nicht vorwärts strebendem Intellekt haben oft
das Gefühl, nicht hineinzupassen in ihre Zeit, gleichsam rückwärts
tiefer in der Vergangenheit zu wurzeln, als es ihr individuelles Leben
in der Gegenwart gestatten will. Auf ihnen lasten allzu schwer die
Testamente der Vergangenheit, sie sind Repräsentanten funktioneller
Rückschläge (Atavismen) in frühere Entwicklungsstufen. Bei dieser
Sachlage ist es nur ein Glück, daß nicht nur die Sünden, sondern auch
die Tugenden unserer Väter in unser drittes und viertes Glied
hineinfluten.