aufzurollen und an der Hand der psychophysischen Gesetze der
Hemmungslehre auch diesen gewiß gleichfalls unterbewußten Vorgang einer
inneren durchaus regulatorisch wirksamen Macht den dämonischen Gewalten
mit unheimlichem, zerstörendem Charakter entgegen zu stellen. Ich muß
mich hier mit Andeutungen begnügen, weil eine eingehendere Behandlung
der unterbewußten sittlichen Regulation in uns als Vorbedingung die
vollständige Analyse der Ethik überhaupt erforderte. Obwohl nun gerade
aus der Hemmungstheorie sich eine vollkommen neu fundierte Ethik auf
physiologischer Basis unschwer entwickeln läßt, so muß ich doch hier
darauf verzichten und kann für die Frage nach unserem Gewissen, nach der
Stimme der Sittlichkeit in uns, welche wohl bei jedem Individuum sich
schon bemerkbar gemacht hat, hier nur andeutungsweise darauf aufmerksam
machen, daß das, was wir mit diesem Namen belegen, gleichfalls etwas
Triebhaftes an sich hat. Aber es ist ein komplizierter Trieb. Einmal
funktioniert er deutlich zur Erhaltung unseres instinktiven
Artcharakters, hat also etwas Generelles, sich auf die Menschheit
vorbildlich Beziehendes und besonders lebensfähig sich Erweisendes an
sich, und zweitens ist ihm ein rein individuell, mehr auf den
egoistischen Vorteil, auf das gute Fortkommen der Persönlichkeit
Gerichtetes eigen. Es ist im allgemeinen klar, daß unsere
arterhaltenden, der Menschheit und ihrem erworbenen Bestande
förderlichen Triebe in Konflikt geraten können mit den egoistischen
Selbsterhaltungsmotiven. In diesem Konflikt wird durch einseitig
exzessive Inanspruchnahme bewußter Willenshandlungen aus egoistischem
Zwecke die unterbewußte Automatie der arterhaltenden, vorgebildeten,
schon überkommenen, durch Tausende von Jahren als lebensfähig erwiesenen
Funktionen durch Reizmangel in Gefahr gebracht. Denn nur das ist
wirklich auf die Dauer imstande, einen funktionellen Artcharakter zu
repräsentieren, was eben mit der neuen Funktion sich in der
Richtungslinie der naturgemäßen Fortentwicklung befand. Von Milliarden
Versuchen, ein Lebensproblem funktionell zu lösen, wird nur das Beste
eingestellt zur Automatie, kann nur die vollkommenste Lösung vorbildlich
und dauernd jedem neuen Sproß des Keimplasmas erhalten bleiben. Was uns
jetzt als Problem beschäftigt, z.B. die Ehe, der Staat, wird einst nach
vielen Millionen von unzulänglichen Versuchen zur definitiven Lösung
geführt werden: dann wird es eine Frage eines irrtumlosen Instinktes
sein, ob Polygamie oder Monogamie, ob Ehe oder freie Liebe herrscht, ob
der Staat monarchisch oder republikanisch oder sonstwie geleitet werden
muß, Probleme, die wie z.B. bei den Termiten und Bienen lange auf dem
Wege der Instinkte gelöst sind. So ist unser Bewußtsein stets auf dem
Wege der Neubildung und Umbildung von willkürlichen Handlungen zu
Automatie, und zu jeder Zeit der Entwicklung unserer verschiedenen
Hirnschichten war die jedesmal jüngste willkürlich und ließ hinter sich
den durch die Vorperioden gesicherten Bestand. Dieser letztere kann
nicht mehr abgeändert werden, ohne den ganzen Bau zu gefährden. Darum,
wo der bewußt wirkende Wille im Anpassungsversuch an neue ethische
Forderungen (und jeder Tag kann im Wirbel der wechselnden Erscheinungen
des Lebens solche heraufbeschwören) eindringt mit Umbildungstendenzen in
die Automatie der unterbewußten Funktionen, da entsteht eine
Erschütterung hinab bis zur Wurzel des Lebens, ein Beben bis ins
Fundament der organischen Harmonie, und dieses Beben, gleichsam das
Pochen der Gefahr am Tor der Ruhe, hinter dem die Schatten alles
Gewesenen verschwunden sind, fühlen wir ähnlich dem physischen Schmerz
bei Störung des organischen Gefüges der Nervenenden als eine Mahnung,
als ein Warnen vor Gefahr, als die Stimme des Gewissens. Dann dürften
wohl die brennenden Empfindungen der Reue den tiefinnerlichen Versuchen
entsprechen, die der Hemmung im Unterbewußten geschlagene Lücke durch
neue heilende Gewebssprossen zu verschließen, und je mehr ein fester,
freier, ehrlicher Entschluß im Bewußtsein die Ströme und Zuckungen von
defekter Stelle ablenkt, um so ruhiger und gleichmäßiger kann der
Organismus die Harmonie der Funktionen wiederfinden. Es ist begreiflich,
daß hier diese Segnung tief innerlicher Genugtuung, der Läuterung nicht
ausbleibt, selbst wenn es dem Bewußtsein klar ist, daß die Reue, etwa
ein mannhaftes Geständnis, vielleicht die Vernichtung, den Tod nach sich
zieht. Denn: das ist das Gigantische am ewig rauschenden Lebensbaum, daß
es ihm nicht ankommt auf die einzelnen, zahllosen Blüten, sondern daß
über der einen Persönlichkeit die rein erhaltene Art siegend
hinwegleuchtet in alle Fernen. Es ist eben das Unterbewußte, der fertig
erworbene Besitz, an dem die Natur nicht rütteln läßt, und dessen
Erhaltung ihr über den Wert auch der erhabensten Persönlichkeit geht.
Erbarmungslos erscheint sie, aber sie ist gerecht, denn bei ihr handelt
es sich stets um die Idee der Menschheit, welche schlackenlos und
durchaus lebensfähig durchgeführt werden soll zu Höhen, die,
unausdenkbar, dennoch dem Leben von Anbeginn als Möglichkeit beigegeben
wurden. In diesem Gesetz einer sorgsamen Auslese, einer steten Sonderung
der Spreu vom Weizen wurzelt Ethik und Gewissen, und ewig wird der
Einzelne im Konflikt mit der Idee des Ganzen erliegen müssen. Daher die
schier unbegreiflich dünkende Qual der Auslese schaffenden Krankheit und
die der seelischen Schmerzen. Wo aber zeigt sich dieser Konflikt
zwischen dem Individuum und der Idee der Menschheit deutlicher als in
der Liebe und dem Haß, den beiden tyrannischen Herren des Lebens?
Wenn irgendwo, so ist in der Liebe offenbar, daß der Intellekt mit
seinem absichtlichen Wahlvermögen ganz und gar gegenüber der Masse der
gefestigten und instinktiven Wahrnehmungen eine sekundäre Rolle spielt,
wie er überhaupt zu einem feilen Diener und Sklaven unserer
unterbewußten Konstitution herabsinkt überall da, wo es sich um
Grundstimmungen der Seele, Lust und Unlust, Zuneigung oder Abneigung,
vorgefaßte Meinungen und immanente Tendenzen handelt: lauter Vorgänge,
die vor dem Urteil liegen: _Vor_urteile! Der absolut gescheiteste und
gebildetste Mensch müßte genau genommen für jede logische Angelegenheit
genau so viel Gründe wie dagegen beibringen können, und ehrliche Leute
gestehen für die meisten Veranlassungen zu, daß es durchaus nicht immer
Verstandesaktionen sind, auf Grund deren sie sich für oder gegen eine
Maßnahme entscheiden. Gegenüber den sicheren, verläßlichen Funktionen
des Unterbewußten ist eben der Verstand ein Stümper, tastend, immer im
Versuchsstadium, nachgiebig und immer übertölpelbar. Selbst der
Bedeutendste hat seine dumme Ecke, und Hypnotisierbarkeit des
Bewußtseins ist durchaus nicht immer ein Zeichen von Kritiklosigkeit und
Intelligenzmangel. Ist so bei gewöhnlichen Emotionen schon der Intellekt
fesselbar durch die Jongleurkunststücke des Wortschwalles und der
überrumpelnden Sophismen, so wird er ganz und gar geblendet, wenn die
vitalsten Spannungen von innen her ihn überrennen und verwirren.
Begreift man ja doch, namentlich im Erotischen, oft absolut nicht, warum
Dieser Jene oder umgekehrt auszeichnet. Ist in jedem echten
Liebesverhältnis nicht stets etwas für die Unbeteiligten Unbegreifbares,
warum gerade diese zwei Menschen der verhängnisgleichen Fesselung der
Seele unterliegen, die beide wie ein Mandat der Natur, ein unabweisbares
Müssen empfinden? Wahllos fühlen gerade diese beiden die verschmelzende
Glut aufsteigen in der Seele, oft beim ersten Anblick, oft länger
geschürt. Da sehen sie sich an wie Sendboten aus einer nur gemeinsam
erreichbaren, höheren Welt. Sie sind wie Gesegnete vor dem Altar der
Natur, zur Erfüllung des Mysteriums der Niederkunft einer himmlischen
Seele, zur Hingabe eines neuen Blütensprossen vom eigenen Stamm. Wer
Kinder ganz gedeihen lassen will, gibt sich ja eigentlich selbst auf.
Hier vor allem, beim Durchglühtwerden der Seele in wahllosem Verlangen,
zeigt sich also die ganze dominierende Macht des Unterbewußtseins in
vollkommener Deutlichkeit. Wer begreift, was es an innerer, zielsicherer
Anschauung für Mechanismen waren, die gerade immer dieses Paar mit
unwiderstehlicher Gewalt zueinander hintreiben, so daß geheiligte Wesen
aus den Erkürten werden, daß sich unscheinbare, leblose Gegenstände der
Erinnerung, wie Taschentücher, Blumen, Locken oder Ringelein mit dem
Glanz geheiligter Reliquien umgeben, zu Fetischismen erheben? Und das
alles ohne jedes Zutun des Bewußten, ja oft direkt gegen jede Vernunft,
Satzung, Sitte und Vorteil. Es ist fraglos, daß die Wahl der Entflammten
rein nach dunkel gefühlten, der Bewußtseinskontrolle ganz entzogenen,
innerlichen Ergänzungsgesetzen sich vollzieht, und daß die
Unbegreifbarkeit des Bundes, der man so häufig begegnet, oft erst durch
den Anblick schier vollendeter Sprossen der Vereinigung nachträglich
sanktioniert wird. Die Instinkte, d.h. die unterbewußten Kalkulatoren
unserer vitalsten Notwendigkeit, wissen eben besser als der sich stets
überhebende und sich oft irrende Chef der Seele, der Verstand, was für
Ingredienzien, belebte Bausteine und Materialien nötig sind, um einen
möglichst leistungsfähigen Repräsentanten der Art aufkeimen zu lassen in
dem mütterlichen Wundergarten. Hier wird am deutlichsten die
geheimnisvolle Hellsichtigkeit unserer im Fundament der Seele Schicht
auf Schicht abgelagerten Erfahrungen, welche überall andeutungsweise
zutage tritt, wo eine Abblendung des Bewußten diese Schichten als den
Alleingehalt und als Prinzip der restierenden seelischen Funktionen
zutage treten läßt: im Nachtwandeln, in der Hypnose, in der Ekstase, in
den dunkelen Ahnungen des Traumes und im Mediumismus. Gestehen wir es
ruhig ein, da wir das rätselhafte Getriebe unbekannter Kräfte im
Labyrinth des Unterbewußtseins nicht kontrollieren können, daß wir die
Existenz von Kräften, die mit den physikalisch und chemisch analysierten
gar nichts gemein haben, nicht ableugnen können; daß es durchaus möglich
ist, daß solche von der Wissenschaft noch nicht eingefangenen,
unbekannten Strahlungen doch in unseren Seelen wirksam sind, ohne bisher
je ein Abbild oder einen parallelen Erregungsvorgang in dem Sitz unseres
Bewußtseins erzeugt zu haben. Man denke bei allen Versuchen, diesem
unerforschten Gebiet oft auf lächerlichen Umwegen nahe zu kommen
(Spiritismus, Okkultismus), nur immer an die Alchimie, in deren
Brutstätten in der Hand betrogener Betrüger zwar nicht direkt das
gesuchte Gold, aber doch die Beherrscherin unserer Kultur, die Chemie,
ihre Geburtsstätte und Wiege fand, jetzt eine reine Wissenschaft, bei
der die sogenannte reale Exaktheit ihre höchsten Triumphe schließlich
nicht zuletzt in der Umgestaltung in preußisch Kurant gefeiert hat. So
hat schon jetzt von dem Spiritismus, Hypnotismus, Mediumismus die
Psychologie die allerwertvollsten Anstöße erfahren; lassen wir also das
Völkchen der verwirrten Dogmatiker ruhig schalten und walten, und
klopfen wir nur den überbewußten Schwindlern ernstlich auf die Finger,
welche raffiniert den völlig berechtigten inneren Glauben der
Mitmenschen an die oft zitierten "Mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel"
teils aus Ulk und Fastnachtsgelüst, teils aus Gewinnsucht und Eitelkeit
gehörig auszunutzen stets am Werke sind.
Man kann nicht anders, als der Liebe und dem Haß Mysterien zugestehen,
denn sie sind ja die Funktionäre der Aushebung zum großen Marsch der
Menschheitsarmee auf dunkle unbekannte Ziele zu, sie stellen ja die
Methoden der Auslese dar, welche der Auswahl des Dienlichsten vorangeht.
Mit welchen Mitteln die Seele in andern die zwingenden Relationen, die
Ergänzung des Ichs erkennt, das ist eben das vollkommene Mysterium,
welches die Erforschung dieser Strahlungen und Bahnungen umgibt, eine
Unkenntnis der Pfade und Wegrichtungen, die uns aber doch nicht
berechtigt, die Existenz eines solchen inneren Erkennens zu leugnen. Die
eiserne Notwendigkeit, im Leben zur Erhaltung der Art die der
Beimischung notwendigsten, befähigtsten Elemente herauszuwittern, sie
macht uns zu Geführten und Geschobenen trotz dem Gefühl subjektivsten
Willens; vielleicht aber ist das Gefühl des freien Willens nichts als
eine gnädige Illusion, eine fromme Lüge der Natur. Die Natur mischt
immer wieder aufs neue fast spielerisch die Karten, zerschmilzt,
zerstampft, löst auf und harrt geduldig der neuen Kristallisationen, die
sich absetzen in dieser Riesenretorte Welt. Da in den Anfängen der
Lebenssprossung die eingeschlechtliche Fortpflanzung die alleinige
Methode der Abtrennung neuer Individuen vom Stammboden war, und erst
später die zweigeschlechtliche Vereinigung in Form einer Infektion des
Mutterbodens durch das männliche Saatkorn auftritt, kann es nicht
wundernehmen, daß dieser Trennung des keimfähigen Lebensplasmas in zwei
Anteile auch eine grundverschiedene Formation der Seele der
Geschlechtsrepräsentanten entspricht. Kein Emanzipationsgelüst der Frau
kann die offenkundige, differente Anlage der Geschlechtsnatur der
Lebewesen zu ihrem Hauptzwecke, dem der Erhaltung der Art, verwischen
und damit die ganz anders gegen einander gestellten Funktionen des
Bewußten und Unbewußten in der Seele von Frau und Mann gleichmachen oder
gleichsetzen wollen. Die unterbewußten Funktionen der Frau, ausmündend
alle in der Hervorbringung des Wunders aller Wunder, des
Menschensprossen, des neuen Repräsentanten der Unsterblichkeit, der
Menschheitsidee,--denn was ist ein Kindlein anders, als ein liebliches
Glied der Kette, welche uns hinüberbindet in die Ewigkeit--haben ganz
sicher einen überragenden Anteil am Seelenleben gegenüber dem Manne. Die
überraschende Ursprünglichkeit der Frau wurzelt eben in der Fähigkeit
unterbewußter, schneller und zwingender Kurzschlüsse. Während des Mannes
Anteil am Aufbau des neuen Sprossen sich mehr der Ausbildung des
Intellektuellen, des Bewußten, des zur Automatie erst sich
Entwickelnden, die Probleme des Lebens bewußt Lösenden zuneigt, hat die
Frau weit mehr den Bestand des schon Erworbenen, Instinktiven,
Automatischen dem Nachgeborenen einzuprägen (zu vererben). So ist es
naturgewollt, daß die Frau somatischer, der Mann intellektueller ist,
wenigstens ganz gewiß vom Standpunkte der Fortpflanzung aus, den wir--es
hilft nun einmal nichts, so traurig das beim notorischen
Geburtenüberschuß weiblicher Wesen klingt--nun einmal in der Natur als
das durchgreifendste Leitmotiv überall führend und lebendig finden. Wenn
jetzt eine Bewegung durch die Frauenwelt geht, entstanden nicht aus den
unterbewußt dominierenden Forderungen der Generation, sondern aus den
bewußten und zwar ökonomischen Nöten der Erhaltung und Ernährung des
Individuums, so glaube ich, muß man die Frage aufwerfen, ob diese
Emanzipation, diese Verschiebung der vitalsten Notwendigkeiten nicht
doch etwas rüttelt an den Grundbedingungen der natürlichen Ordnung, und
ob sie nicht zerschellen wird an der brutalen Tatsache, daß eben es der
Natur überall weniger auf das Individuum, als auf die Art, weniger auf
das Wohlbefinden des Einzelnen, als auf die ungestörte Fortentwicklung
des Ganzen ankommt, zwei Gesichtspunkte, von denen der eine menschlich,
vergänglich, der andere zeitlos und ewig ist. Ist es so gewiß, daß von
dem Gewühl der Grundtriebe in uns nur ein winziger Teil, nämlich nur der
auslösende Anstoß zur Willenshandlung, in unser Bewußtsein ausstrahlt,
so kann von den Sinneswahrnehmungen mit Sicherheit behauptet werden, daß
sie doppelt angeschlossen sind: teils münden sie in automatische
Sphären, und zum anderen Teil im Bewußtsein, wo sie gleicherweise
Kontakte d.h. Anstöße zur Regulation der bewußten und unbewußten
Mechanismen auslösen, wie das auch vollständig nachweisbaren
anatomischen Strukturbildern entspricht. So z.B. wird nicht alles, was
als Licht oder Schall oder Gefühl auf unsere Sinnestasten wirkt, als
Lichtempfindung übertragen, sondern es mögen ultraviolette Strahlen
ebenso wie Töne über und unter der als Ton wahrnehmbaren Skala unserem
unterbewußten Getriebe zugeführt werden zur dynamischen Auslösung
verschiedener Automatien, ohne daß auch nur ein leise wehender Hauch von
den Tiefen der Unterseele über die Tasten unserer Bewußtseinsklaviatur
dahinfährt. Was hier von Licht und Ton gilt, trifft natürlich auf alle
Arten von Empfindungswahrnehmungen zu, seien es äußere oder innere, vom
vegetativen Organsystem gegebene. So lösen Störungen der Bauchorgane zum
Teil Gefühlsinhalte, Seelenstimmungen ganz typischer Art aus, wie das
von den Hypochondrien sattsam bekannt ist, und es ist fraglos, daß ein
Mensch sich schon leidend fühlen kann, d.h. einen dumpfen Druck auf dem
Ablauf seiner seelischen Registrierung verspürt, lange ehe sein
Bewußtsein oder der Arzt von dem Herd der Störung etwas aussagen kann.
So erklären sich die allgemeinen Unlustgefühle der Neurastheniker,
Hypochonder, Hysteriker, bei denen allein der träge, adynamische,
schleichende Ablauf der ernährenden Funktionen ohne jede organische
Veränderung genügt, um mit dem der Lust des Lebens aufgezwungenen
dumpfen Widerstand allein jede Lebensfreude zu vergällen. Wie im Traume
bei der Abblendung des Bewußtseins von Raum und Zeit durch die
rhythmische Schlafhemmung Organreize die Motive auslösen zu
Ideenverknüpfungen ganz bezüglichen Inhaltes, so kann bei
Reizaufspeicherungen aus der Tiefe der Minenarbeit unserer somatischen
Apparate die Vorstellung trotz aller ablenkenden Außenreize immer wieder
hineingezogen werden in die dumpfe Ahnung eines Unheils, einer Gefahr,
einer sich vorbereitenden Katastrophe. Es ist das Unglück der
Hypochondrischen, daß sie recht haben, wenn sie behaupten, daß doch auch
alle schweren Zustände von Krankheiten ganz ebenso beginnen: das heißt
mit dem dunklen Gefühl einer herannahenden Gefahr. Es ist eine
schwierige Aufgabe, sich an diese scheinbar die Wurzel des Lebens
annagenden Sensationen zu gewöhnen und sie im Bewußtsein ganz
auszuschalten: immer wieder kündet die grämliche Miene, daß die gequälte
Seele stutzt und nach innen sinnt, als wenn sie lauscht auf das Bohren
und Nagen des bösen Wurmes tief in geheimen Gewölben. Umgekehrt wirken
die frischen, kraftvoll dahinflutenden Wellen gesunder rhythmischer
Auslösungen im Organsystem befruchtend und lebensgefühlerhöhend auf
unsere Seele, ein Bad, ein Marsch, eine heitere Gesellschaft enthält
eine Unzahl solcher uns unbewußt einverleibten Impulse, die wie kleine
Peitschenhiebe auf die Zugkräfte unserer inneren Bewegungen wirken,
wahrscheinlich weil die dadurch im organischen Getriebe erzwungenen
Entladungen alle aufgespeicherte Reservereizung ausgleichen, die
Atmosphäre reinigen. Alle diese Reize wirken aber um so unmittelbarer
auf unser Unterbewußtsein, je mehr der störende Einfluß der Kontrolle
durch das Bewußtsein abgeblendet ist: im Rausch, im Schlaf, in der
hypnotischen Fesselung der Seele, im Bann einer zentrierenden Idee, im
Rausche der Kunst, in der rhythmischen Ekstase des Tanzes und der
symbolischen Handlungen treten Wirkungen hervor, die eben ihrer
unkontrollierbaren Unmittelbarkeit wegen stets etwas Mystisches an sich
haben, so oft schon als Beweisvorgänge übernatürlicher Gewalten, als das
Wirken dämonischer Kräfte angesprochen sind. Sie sind aber vielmehr
Dinge, die natürlicher sind als viele andere Erscheinungen des
Seelenlebens, über die wir uns, durch Erfahrung verblendet, nicht mehr
wundern, denn sie offenbaren nichts als alteingewurzelte Fähigkeiten der
Seele, die uns nur deshalb so fremdartig erscheinen, weil sie in ihrem
immer vorhandenen Mechanismus der Kontrolle durch das Bewußtsein für
gewöhnlich entzogen sind. In seltenen Momenten nur wirkt eben das Leben
direkt nach Ausschaltung des Bewußtseins, über dem solange ein hüllender
Schleier des Versunkenseins liegt, auf die automatischen,
altüberkommenen Zentren, und staunend sieht der Beobachter Sicherheit,
Zweckmäßigkeit, Unmittelbarkeit, Zielgefühl und Innenklarheit bei
deutlichen Anzeichen von psychischer Bewußtlosigkeit auftreten oft in
einer besonders vollkommenen Reinheit, vollkommener, als er selbst diese
Aktionen unter Beihilfe des oft nur störenden Bewußtseins zu vollbringen
imstande wäre. "Ja, wie ist das möglich, er ging doch ganz sicher", "er
schwankte nicht einen Augenblick" "und war doch augenscheinlich ohne
klares Denken!"--Das sind die gewöhnlichen, staunenden Fragen, auf die
es nur die eine, nur scheinbar paradoxe Antwort gibt: er war so sicher,
eben weil er nicht bewußt war.
Wir wissen jetzt, daß die Automatie eben dem Problematischen des
Bewußtseins in vielen Punkten überlegen ist. Das Unterbewußtsein hat
also ganz sicher Ortssinn, Muskelsinn und Zeitsinn. Für die beiden
ersten Fähigkeiten, denen durch Abblendung des Bewußtseins unter
Umständen gar nichts genommen werden kann, sind Rauschzustände aller Art
beweiskräftig, und für den Zeitsinn des Unterbewußtseins sei bemerkt,
daß für mich das oft zitierte Aufwachen zu bestimmter Stunde kein
Problem mehr ist, seit ich weiß, daß Helligkeit und Morgengrauen,
Pendelschlag und Glockenton ebensowohl direkt wie über den Umweg durch
mein Bewußtsein hineinreichen in die tiefen Willenslager meines Wesens
und daß man daher nicht zu glauben braucht, daß die in uns stetig
pochende Uhr, das Herz, mit ihrem Sekundenzeiger, dem Pulse, auch
imstande ist, Stunden und Minuten zu registrieren wie ein Chronometer
aus Menschenhand.
Wir sind am Ende unserer Untersuchung. Ich hoffe gezeigt zu haben, daß
es nicht aussichtslos ist, den Blick nach innen zu richten und auf die
scheinbar dunklen Nebel zu achten, welche aus der Tiefe der Brust
aufsteigen in die Helle unseres beobachtenden Geistes. Hier und da
erhascht man, sich selbst streng kontrollierend, doch einen flüchtigen
Zipfel des Gespenstertuches, und der herabgefallene Mantel zeigt kein so
unbekanntes Gebild, daß man sich erschaudernd davon abwenden oder
erzittern müßte vor dem Ding da, welches, ein Wesen für sich, nirgends
in der Erfahrung eine Analogie hat. Für viele Menschen hat das
Unterbewußte Ähnlichkeit mit den Tiefenungeheuern der See, den
Fabelschlangen, die nur hier und da ihren Leib an das Licht des Tages
erheben. Manche glauben gar nicht daran, andere erschaudern vor der
Mystizität seiner Natur, und noch andere, die genau hinsehen, können
hier und da nachweisen, daß das gefürchtete Ungeheuer weder eine
Schlange noch ein Ungetüm ist, sondern eine auf realen Vorgängen
natürliche Spiegelung von Gesetzmäßigkeiten, die sich im Grunde der See
ebenso lebendig erweisen, wie im Gewoge der menschlichen Seele.
SEELISCHE HEMMUNGEN UND SCHMERZEN