Interessant ist die Notiz Karl Loewes, des Balladenkomponisten, in

seiner Selbstbiographie über sein Erwachen aus somnambulischen

Promenaden, zu denen ihn zeitweilige Überarbeitung disponierte, in dem

Augenblick, wo er sich selbst bemerkte, die geliebte Tabakspfeife in den

Mund nehmend. Er pflegte zu diesem Zweck absichtlich die Tabakspfeife

neben sich auf den Nachttisch zu legen: ein hübsches Beispiel dafür, daß

im unruhigen Schlaf Sinneseindrücke geleitet werden können, ohne dem

Bewußtsein assoziiert zu werden. Daß geistige Arbeit aber den Schlaf

unruhiger macht, ist leicht begreiflich: sie überreizt die

Ganglienaktion gegenüber der Hemmung, daher ist bei Nervösen oft kurz

vor dem Einschlafen Zucken der Muskeln zu bemerken,--der Ausdruck der

Entladung des Gehirnes von überschüssiger Spannkraft, die die sich

zusammenziehende Hemmung auspreßt: ein Analogon zum Gähnen und Strecken

vor dem Einschlafen. Halten wir die Fähigkeit, uns an Träume zu

erinnern, zusammen mit der Tatsache, daß im Traum so leicht etwas vor

dem ungestörten Ablauf der Walze innerer Ereignisse sitzt, so begreifen

wir leicht, wie der Traum zu dem Problem der Bedeutung für die Zukunft

kam. Wir haben ein Gefühl dafür, mit welcher Leichtigkeit Assoziationen

der Phantasietätigkeit mit den durch die Erfahrung eingeschleiften

Sinnenbahnen vor sich gehen; diese gleichsam rhythmisierten Themen des

Erlebten übermitteln das Gefühl des schon Vergangenen. Wie ja

perspektivisch unser Auge sich auch gewöhnt hat, das Kleine fern, das

Große nah zu deuten, so verknüpfen wir mit dem Gefühl leichten,

ungehinderten Anschlußrhythmus das Vergangene, Erlebte, schon Erfahrene;

mit der Empfindung des Anschlußwiderstandes aber das Problematische,

Kommende, Werdende. Nebenbei gesagt, ist das der wahrscheinliche Grund,

warum uns eben vorhandene Situationen "schon einmal dagewesen"

erscheinen: der durchlebte Moment schließt frühere Traumesbilder in

leichtem, flüssigem Rhythmus an das eben Wahrgenommene automatisch an,

und nun erscheint uns auch das reale Bild des Augenblickes mit im Wirbel

vergangener Spiegelungen. Dann kehrt sich die Kontrolle des Zeitlichen

um, und die Gegenwart scheint der Vergangenheit anzugehören.

Die Erinnerung an das zeitlich zusammenhanglos gefühlte Traumbild legt

uns aber das Gefühl einer Lösung in der Zukunft nahe. So sind wir alle

mehr oder weniger geneigt, Traumesbedeutungen und Traumhellseherei für

möglich zu halten. Der Traumzustand der Seele hat mediumistischen

Charakter an sich, und wenn die Ähnlichkeit, die der Vergleich eines

Somnambulen mit einem Hypnotisierten ergibt, vielleicht nur äußerlich

ist, so ist das Unterbewußtsein, d.h. die Form des Bewußtseins unterhalb

der sinnlichen Wahrnehmung, ein viel zu unerforschtes, eben erst

entdecktes Gebiet, als daß sich hier gewisse wunderbare psychische

Tatsachen so ganz von der Hand weisen ließen. Der Spiritismus und

Okkultismus gleicht vielleicht der Alchimie, in beiden war viel Humbug,

Selbstbetrug und Konfusion. Aber man vergesse nie, daß aus dem Chaos der

Alchimie sich eine so stolze, reale Wissenschaft wie die Chemie

herauskristallisiert hat; möglich doch, daß aus dem Nebel des

Spiritismus sich einst noch helle Lichtpunkte der Erkenntnis losringen.

Man sollte keine weit verbreitete psychische Neigung für wunderbare

Dinge der ernsten Untersuchung und des objektiven Abwartens für unwert

halten; alle aprioristische Weisheit kommt in Sackgassen, und der

Kathederdogmatismus wäre doch in arge Verwirrung geraten, wenn die

X-Strahlenwahrheit _Röntgens_ zuerst in spiritistischen Händen gewesen

wäre. Unsere Seele mag auch Y- und Z-Strahlen wahrnehmen auf jeder

Sinnesbahn, deren Existenz doch, wie die der X-Strahlen auch, wirksam

gewesen sein könnte, ehe es der Wissenschaft gelang, sie in das Licht

der Beobachtung zu rücken. In dieser Welt der Wunder, in der zu jeder

Zeit die Unbegreiflichkeiten größer sein werden als die Summe dessen,

was wir zu verstehen glauben, soll man recht vorsichtig sein mit dem

Bannfluch der Verachtung und Lächerlichkeit. Man braucht nicht an das

Traumbüchlein für zwanzig Pfennige oder an Wahrsagerinnen zu glauben und

kann doch meinen, daß in der Seele Mechanismen tätig sind, von denen

wir vorläufig gar nichts aussagen können, weil hier vielleicht ganz

unentdeckte Transformationen von Kraft vor sich gehen. Deshalb braucht

der Traum noch kein prophetisches Element zu enthalten. Könnte

man die Zahl der nicht erfüllten Träume mit in Anschlag bringen,

so würde vielleicht die Zahl der "Erfüllungen" in ein mit den

Wahrscheinlichkeitsformeln ganz in Einklang zu bringendes Verhältnis

zusammenschrumpfen. Beim "Traumeintreffen" wird aber, wie bei allen

Vorbedeutungen, von der leisesten Ähnlichkeit ein großes Geschrei

gemacht, während von den Millionen Träumen ohne jede Erfüllung in der

Zukunft keine Silbe verlautet. Auf Ungebildete macht deshalb ein

scheinbares Wunder einen so tiefen Eindruck, weil sie keine Empfindung

haben für das Problematische und Wunderbare selbst des Alltäglichen; für

die meisten Menschen ersetzt die Gewohnheit vollständig die Erklärung.

So gibt es in der Welt der Phantasie, nicht minder als in der durch die

Sinne gespiegelten Zone der Wirklichkeiten, ebenfalls erkennbare

Gesetzmäßigkeiten, wenn sie auch vorläufig nur der logischen Hypothese

und Analogie erreichbar sind. Ich bin mir wohl bewußt, daß die von mir

versuchte Methode mechanistischer Betrachtung immer nur eine Seite der

Probleme aufzulösen vermag, aber unstreitig hat jeder Vorgang auf Erden

und am Himmel einen vielleicht erkennbaren Mechanismus. Möglich sogar,

daß dasjenige, was wir Erkennen nennen, nichts ist als die Zurückführung

auf einfachere, erfahrungsgemäße Mechanismen durch Analogieschlüsse, es

ist sogar denkbar, daß der Menschengeist erkenntnistheoretisch nie über

rein mechanische Vorstellungen hinausreichen wird. Der Mechanismus als

Weltanschauung, wie ich ihn damit fasse, ist aber durchaus idealistisch:

er weiß, daß mit der Durchforschung der Gehirnkraft diese selbst nicht

erklärt ist. Und wenn die Seele einige erkennbare mechanische Seiten

hat, so ist das Wunder darum nicht geringer, das diese Innenwelt

umschwebt und durchflutet. Seiner Erhabenheit kann aber auch diese

Feststellung einfachster Gesetzmäßigkeiten keinen Abbruch tun. Die

Schönheit einer Beethovenschen Symphonie verliert wahrhaftig nicht durch

Kenntnis ihrer harmonischen Gesetzmäßigkeiten. Wir bestreiten niemand

das Recht, von ganz anderen Voraussetzungen und mit ganz anderen

Methoden denselben Stoff zu beleuchten. Er ist ergiebig genug, um jede

Behandlungsweise zu vertragen.

Was aber alle Forschungsrichtungen einigen sollte, das ist die

Anerkennung der menschlichen Unzulänglichkeit gegenüber den letzten,

entscheidenden Rätseln. Wahre Bildung des einzelnen richtet sich nach

dem Maß der Ehrfurcht, deren er fähig ist, im Angesicht der Erhabenheit

und der rings vorhandenen Wunder der Welt.

UNTERBEWUSSTSEIN

Ein dunkles Wort mit einem tiefen Sinn, eine dämmernde Ahnung von Dingen

in uns, für die wir noch keinen Namen haben, ein Gefühl für

geheimnisvoll schwebende Schatten, für etwas dämonisch in uns

Herrschendes, dem wir nicht ins Auge schauen können! Ein Sammelwort für

alles triebhaft Mystische, Unerhellte, der Wissenschaft noch nicht

Zugängliche, für etwas der Erkenntnis vielleicht kaum Erkennbares!

Denn wie sollte mit bewußten Sinnen der suchende Geist etwas erfassen

und deuten können, das eben unterhalb der Schwelle seines Bewußtseins

liegt? Woher nähme er das Licht, um in die Tiefe des Seelengrundes

hineinzublicken wie der Schiffer auf den hellen Grund einer kristallenen

Flut im Sonnenglanz?--Und doch ist es das Wunderbare aller seelischen

Vorgänge, etwas, was den Mechanismus des Lebendigen so ganz

unterscheidet von jedem anderen unbelebten Ding auf Erden: daß unser

seelischer Apparat, während seine Millionen kleinster Spulen, Räder und

Kurbeln rollen, schnurren und drehen, sich selbst beobachten, sein

Getriebe ein- und ausschalten und daneben etwas von sich empfinden und

über sich aussagen kann! Könnte nicht ein Bezirk der Seele ausgesperrt

werden, während den umstellten die anderen Teile betrachten, wie einen

vor uns ausgespannten Schmetterling, so wäre jeder Versuch zur

Beschreibung und Deutung irgend welcher seelischen Vorgänge, auch der

einfachsten, ein vergebliches Bemühen, denn ich kann meinem Nachbarn

nicht hineinsehen durch sein dunkles Auge in das feine Getriebe seines

seelischen Geschehens, und könnte ich's auch, ohne zugleich mit seinen

Nervensträngen zu empfinden, so vermöchte ich nicht das wirre Bild der

Blitze auf und nieder, das Hin und Her wetterleuchtender Schattenspiele,

das Durcheinander zitternder, zuckender, vielleicht phosphoreszierender

Zellenkugeln zu einem einheitlichen Sinne zusammenzufassen. Denn nur in

mich selbst hineinblickend, vermag ich dem flüchtigen Spiel der Sinne

etwas Regelhaftes, stets Wiederkehrendes, Gesetzmäßiges, Rhythmisches

abzulauschen. Und da kennen wir sie alle aus eigenem innerem Bewußtsein:

diese dunkle, schlummernde, nur hier und da sich in uns aufbäumende

Macht, die uns schwanken läßt auf dem geraden Pfad unseres gewollten

Wegs, die plötzlich hineinlangt mit unwiderstehlicher Faust in unserer

Seele stillen Frieden, die uns wie mit einem Schwertstreich zerspaltet

in zwei Seelen, die, wenn auch oft und oft unterdrückt, wieder und

wieder sich anzeigt, treibt und hetzt und, kaum erstickt unter den

aufgerafften Kissen unseres guten Gewissens, schon wieder versuchend,

lauernd, bedrängend uns hineinzerrt in ein dunkel lockendes Chaos

rätselhafter Ziele, unerhörter Torheiten, nie gefühlter Versuchungen!

Das ist der sinnlose Drang, hinabzustürzen von den hohen Zinnen eines

Kirchturms, einer steilen Burg, der Trieb, kopfüber zu versinken in den

grünen Wogen des Waldes oder der See da zu unseren Füßen, dieser

Zwiespalt zwischen Wohligsein und schnellem Vergehen, zwischen Erhaltung

und Vernichtung, den Goethe zu einer seiner schönsten Balladen, "Der

Fischer", verdichtete. Das ist das dunkel Offenbare im ehrlichen

Bekenntnis des Verbrechers aus Trieb, mit den bleichen Lippen

gestammelt, abzulesen aus verwirrten Augen: "Was habe ich getan!" Die

Darwinsche Lehre hat genug gepredigt vom Erhaltungstrieb, als beinahe

dogmatischem Motiv der Fortentwicklung der Lebewesen. Es ist an der

Zeit, nicht zu übersehen, daß es auch einen Selbstvernichtungstrieb

gibt, der vielleicht ebenso deutlich zutage liegt, wie jener der steten

instinktiven Bejahung des Lebens. Was treibt die Mücke ins Licht, was

den Mörder gegen die Stelle seiner Tat, was die Vögel an die

Leuchttürme, an deren Kuppel die zarten Schädel zerschellen? Was sind

die Trunksucht, der Morphinismus, die dionysischen Berauschungsgelüste

anders, als Triebe, die mit einer dunklen Wollust der Selbstvernichtung

mehr zu tun haben, als mit dem Erhaltungsdrange des Philisteriums! Wer

hätte nicht schon in sich selbst diesen Zwiespalt zwischen stetem Wollen

und Nicht-Dürfen, zwischen Vornahme, und Nichtvollbringen gespürt und

sich deshalb schon nicht selbst gehaßt und sich gefürchtet vor dem

Anderen, dem feindlich tückischen, zum Untergang lockenden Gesellen in

uns?

Woher stammt dieses Zweiheitsgefühl in unserem einheitlichen Organismus?

_Ich meine, es ist der psychische Gefühlsausdruck für eine ganz

offenbare anatomische und physiologische Tatsache._

Wir haben zwei verschiedenartig arbeitende Nervensysteme in uns, deren

im Prinzip gegensätzliche Arbeitsleistung nicht verstanden werden kann

ohne Zuhilfenahme der Anschauung von den Vorgängen der Ein- und

Ausschaltung psychischer Aktionen durch die sogenannte Hemmung. Bestände

nicht ein stetiger Wechsel in dem Freilassen und Besetztsein der die

Assoziationen (Ideenverknüpfungen) vermittelnden Ganglienapparate, so

müßte in jedem Augenblick wahlloses Wetterleuchten von Milliarden

kleinster Ganglienblitzchen am Horizonte unseres Bewußtseins hin- und

herrasen--ein Zustand, der bei kompletter Hirnblutleere als

Gedankenflucht, Delirium, Verwirrtheit, auch wohl als Vorstadium

ohnmächtiger Bewußtlosigkeit den Ärzten sehr wohl bekannt ist. Nur durch

das räumlich und zeitlich stetig schwankende Abblenden (Hemmen) bald

dieser, bald jener Bahnen des Denkens, jedesmal bis auf _eine_

freigelassene, bewirkt durch die Pulsschwankungen und den wechselnden

Saftdruck der Blutflüssigkeit an den einzelnen Teilen des Gehirns und

Rückenmarks, können wir zu einem Gefühl der intensiven Einstellung der

Objekte kommen, einem Gefühl, welches wir Konzentration unserer Gedanken

auf einen Punkt, bewußte Aufmerksamkeit, nennen. Scheinbar nur freilich

schalten wir selbst die Ideenkette ein, wenn wir sinnen, denken, wollen

und handeln, in Wirklichkeit schaffen Außenwelt und Innenreize die

Hemmungsdifferenzen, nach welchen die psychischen Aktionen ausgelöst

werden. Der freie Wille ist nur ein psychologisches Gefühl, er ist

nichts als eine Gefühlstatsache, nur eine durchaus subjektive Wahrheit,

objektiv ist das "Außer uns" stets bestimmend für das "In uns", denn

selbst der seelische Widerstand, die Abwehr, die konträre Reaktion auf

eine Einwirkung ist doch immer von außen erzwungen. Der Gedanke gehorcht

also, wie das Physische, dem Gesetz des geringsten Widerstandes, indem

durch Spannungsdifferenzen der gegeneinander treffenden Reizmomente

solche Hemmungslücken, welche den elektroiden Anschluß erst ermöglichen,

entstehen. Je schwächer nämlich an einer Stelle die Hemmung ist, desto

leichter findet ein Schluß im Sinne der Elektrizität statt. Diese

Hemmung besorgt die den Nervenstrom eindämmende (isolierende)

Blutflüssigkeit (Plasma) vermittels eines besonders für diese

Funktion eingestellten Apparates, der seinerseits von dem

entwicklungsgeschichtlichen Urvater aller Nerventätigkeit, dem

sogenannten Sympathicus, beherrscht wird. Als die Materie reizbar wurde,

d.h. befähigt, auf Reize variierend (das macht ihren Unterschied vom

Automaten) zu antworten vermöge innerer Molekularbewegung, da empfing

sie den Odem des Lebens, den Einhauch der Seele, den uns ewig

rätselhaften Antrieb zu allen schon erreichten und erreichbaren Höhen

organischen Gestaltens. Die erste Gleitbahn nervöser Differenzierung in

der Entwicklung der Lebewesen, die eben die Geburt des Lebens erheischt

hat, von Anbeginn bis in alle Ewigkeit fortgestaltend und verfeinernd,

war das Geflecht des Nervus sympathicus, welcher später mit seinen

Ranken alle Blutgefäße, alle Organzellen, alle Kanäle umspinnt und

durchdringt, des Herzens Pulsschlag auslösend, die Welle des Blutes

durch ringförmige Zusammenziehung der Äderchen fortschiebend in

rhythmischer Schnelle, und damit auch die Ganglienhüllen mit

Hemmungssäften umspült, das Durchlassen von elektroiden Funken

gestattend oder den Kontaktstrom durch Verstärkung des Hemmungssaftes

vom Blutadersystem aus absperrend.

Alle Außenweltsreize wirken zunächst auf diesen Herrn des Lebens, von

dessen blitzschnellem Eingreifen in das psychische Geschehen jeder Tag

uns den Beweis bringt. Nach der bisherigen Lehre von der Nerventätigkeit

sind es allein Ernährungs-, bzw. Stoffwechselvorgänge, welche dem

Problem der Seelentätigkeiten durch chemisch-physikalische Alteration

zugrunde liegen. Wo, frage ich, ist der Stoffwechsel, wenn der

Verbrecher vor dem Anblick eines an sich harmlosen Stückchens Papier,

das ihn überführt, ohnmächtig zusammenbricht? Wo ist der Stoffwechsel,

wenn jemand auf ein Wort mit sechs Buchstaben (Schuft!) einen Menschen,

den er vielleicht liebte, im Affekt erwürgt oder erschlägt? Wo ist der

Stoffwechsel, wenn eine Kugel, bevor sie das Auge trifft, erst das

blitzartig vorgeschnellte Lid durchbohren muß (ein rührender Versuch des

Lebens, das zarteste Wunderorgan zu schützen)? Das alles sind

Reaktionen, wie sie nur im Bilde elektrischer Vorgänge Analogien finden,

und deren Übermittler, ursprünglich der Ahne allen Gefühls, von den

Monaden bis zu uns, nur der Nervus sympathicus sein konnte. Da derselbe

aber nicht direkt Nervenströme ein- und ausschalten kann, weil er

anatomisch keine Beziehungen zu den funktionierenden Ganglien hat, so

ist im Blutgefäßsystem des Gehirns und Rückenmarks ein äußerst labiler,

saftförmiger Hemmungsapparat eingeschaltet, die Neuroglia, welche im

Anschluß an das Blutsaftsystem, jedem Winke des Sympathicus gehorchend,

wechselnd Bahnen der Ideen, der Vorstellung, der Willenstätigkeiten frei

macht oder hemmt.

Liegt vor uns ein menschliches Gehirn, dieses grau-weißliche Gebilde mit

der ausdruckslosen, tief und vielfach gefurchten Physiognomie, dieser

zweigeteilte, rohgeformte Brei von der Konsistenz schwappender Gelatine,

in welchem noch vor kurzem das zarteste Flügelwesen, Psyche, ihren

Wohnsitz gehabt haben soll, so überkommt uns ein ehrfurchtsvoller

Schauer, denn dies Forschungsgebiet ist heilig: hier wohnt des Menschen

letztes Geheimnis, die Persönlichkeit. Und doch kündet seine träge,

kalte Ruhe nichts Seelisches mehr. Da drängt sich der unabweisbare

Gedanke auf: nur, als ein Strom es durchfloß, war es Seele, tot ist es

Masse, nur belebt war es Wunder, gestorben ist es Asche. Nur in dem

Spiel gespenstiger, huschender Flüstergeister in seinen Gewölben, Höhlen

und Nischen bestand sein himmlischer Anteil am Sinn des Lebens; Seele

war sein Mieter. Diese ist vielleicht gar kein Faßbares, Zuständliches,

Immergleiches, Dauerndes, sondern sie ist wie der Ton der Geige, kommend

und unwiederbringlich aufsteigend in die Lüfte, ein Spiel der Kräfte,

ein Akkord auf der Harfe des Lebens. Sie selbst legt niemand vor sich

hin, man kann sie nicht drehen und wenden, nicht zerstücken oder

zerfasern, nicht unter dem Mikroskop belauschen oder fixieren. Was uns

in der Hand bleibt, ist ein Instrument, das keinen Ton mehr gibt, dem

wir keine Antwort entreißen. Das geistige Band für ihre tausend Teile

ist unsere Phantasie; denn nur, indem wir unsere innen gefühlten

Regungen hinein projizieren in dieses graue Labyrinth, kommen wir zu

Vermutungen, Theorien, Erfahrungen. Dennoch glauben wir nicht an das

Dogma vom alleinigen Sitz der Seele im Gehirn oder Rückenmark. Wir

bezweifeln auch, daß es auf die Dauer gelingen wird, die Theorie der

Herdfunktionen einzelner Seelentätigkeiten an ganz bestimmten Stellen

des Gehirns aufrecht zu erhalten. Wenn auf Verletzung bestimmter Teile

bestimmte Funktionen ausfallen (Sprach-, Seh-, Muskel-Zentrum usw.), so

beweist das noch nicht, daß an den getroffenen Stellen allein die

spezifische Fähigkeit entstand. Das, was wir Seele nennen, ist überall

in uns, wo Leben ist, nicht allein im Gehirn seßhaft. Beispielsweise

kann die Entfernung der Schilddrüse mit konstanter Sicherheit den

Getroffenen seelenlos machen. Andererseits können beträchtliche Mengen

von Gehirnsubstanz entfernt werden, ohne daß der Persönlichkeit, dem

Temperament, dem Charakter auch nur ein Tittelchen seiner psychischen

Einheit genommen wird. Hier waltet durchaus noch Unklarheit; wir tun

gut, lieber den ganzen Leib als nur ein Organ für den Sitz der gesamten

seelischen Funktion zu halten. Wo mein Leib ist, ist auch meine Seele,

und die Pflanzen beweisen, daß es nervöse Funktionen gibt, bei denen es

seine Schwierigkeiten hat, Nervenelemente aufzuspüren. Eins aber ist das

Gehirn ganz gewiß: es ist der Träger alles dessen, was wir Bewußtsein

nennen, in seiner Wölbung hat die ganze Außen- und Innenwelt ihre

symbolische Spiegelung, in ihm wird alles gemeldet, was in uns und außer

uns geschieht, in ihm bildet sich jeder Reiz um; gleichsam wie bei

besonderen Vorrichtungen aus mechanischer Arbeit Wärme wird, so bildet

es den großen Apparat der Umbildung (Transformation) aller physischen

Reize in psychische. Hier entspricht jedem körperlichen Dinge sein

psychisches Korrelat, jedes physische Äquivalent hat auch ein

psychisches! So ist von der Welt außer uns gleichsam in uns ein hin- und

herwallendes Kinematogramm. In diesem Sinne ist die Welt in uns nur eine

Vorstellung, eine Halluzination von uns, da wir nur ihr Symbol, nicht

ihr wahres Wesen in uns spiegeln. Die Lehre von der Entwicklung nimmt

an, daß sich diese Fähigkeit, die Welt in uns in einem Symbole

aufleuchten zu lassen, erst allmählich entwickelt hat und immer noch in

Entwicklung begriffen ist. Die Lebewesen haben aus der einfachen

Reizbarkeit, sich wie die Monade vor einem Sandkörnchen

zusammenzuziehen, lernen müssen, sich zu bewegen, in besonders dazu

entwickelten Apparaten zu atmen, zu verdauen, sich mit den erworbenen

neuen Eigenschaften fortzupflanzen, zu sehen, zu hören, sich zu

orientieren in der Umgebung usw. Was früher den alleinigen Inhalt des

Bewußtseins ausmachte, wird dann später immer automatisch, unbewußt, und

die höchsten Staffeln des Bewußtseins sind danach jedesmal auf dem Wege

zur harmonischen Automatie, zum Instinkte. Die ursprünglich tastenden,

gleichsam versuchsweise vorgeschobenen Funktionen der jedesmal jüngsten

Keime des Gehirns sind allmählich als fixierte, unverrückbare, nur von

den Reflexen beherrschte, nicht mehr labile Fähigkeiten dem Bestand

des Ganzen einverleibt worden, sie sind gleichsam tiefer gerückt,

unbewußt, instinktiv, erhaltungsgemäß, unabänderlich eingestellt,

und der Kreis des Bewußtseins ist jedesmal diejenige Sphäre

unseres Orientierungsvermögens gewesen, welche zugleich auch die

entwicklungsgeschichtlich jüngste Phase des wachsenden Lebensbaumes war.

So kommen wir nach diesen Vorbegriffen leicht zur Analyse des Gefühls

des Doppelten, des Zweigeteilten, Zerklüfteten, Zusammengesetzten in

unserer Seele.

Die Hemmung, dieser eigentliche Regulator unserer seelischen Vorgänge,

hat eben zwei Funktionsformen: eine labile, noch entwicklungsfähige,

ein- und ausschaltbare, in Wahrnehmung, Beobachtung, Orientierung

wechselnde Tätigkeit, die eng verknüpft ist mit der sogenannten bewußten

Willenssphäre, und zweitens eine festgefügte, nicht mehr wechselnd in

willkürlichen Bahnen verlaufende, normalerweise stets gleich gerichtete,

definitive Stromlenkung: das ist das Gebiet der angeborenen, also

überkommenen Reflexe, Automatien, Instinkte. Nun ist unser gesamtes

peripheres Nervensystem, der nach außen gestülpte Teil des Gehirns,

fähig uns zu orientieren, uns zur Abwehr, zur Anpassung, zur

Ortsveränderung stetig in Atem erhaltend, und es erhellt jetzt, daß wir

vollberechtigt sind, das ganze Gebiet der nervösen Ausbreitungen im

Organismus (und diese reichen wohl an jede der Milliarden

Einzelzellen)--als Sitz der Seele anzusprechen und nicht nur einen Teil

bzw. die Sammelstelle aller Einzelwahrnehmungen: das Gehirn.

_Bewußtsein nenne ich somit den Gefühlskomplex, welchen die Summe aller

Außen- und Innenreize auf die Gesamtheit unserer nervösen Registrier- und

Orientierungsapparate ausübt._ Wie es kommt, daß ein Außen- oder

Innenreiz, also ein mechanischer Vorgang, ein Gefühl auslöst, bzw. sich

in Gefühl transformiert--diese Frage enthält freilich das letzte,

vielleicht unlösbare Mysterium der Seele. Wir müssen uns damit begnügen,

es als Tatsache hinzunehmen, daß bei der Berührung das Eis kalt und das

Feuer heiß ist. Gefühl ist eben die Fähigkeit, zu differenzieren,

Unterschiede von der allergrößten Feinheit zu registrieren. Unsere

gegenseitige Verständigung wird nur durch die Konvention der Sprache,

durch immer gleiche Symbolverwendung für gleiche Empfindungen

gewohnheits- und nachahmungsgemäß ermöglicht. Wir setzen also das

Lautsymbol für ein Empfindungssymbol und komplizieren die Sache noch

mehr, indem wir wieder die Lautsymbole zu Schriftsymbolen umgestalten.

So nennen wir nun jede Einwirkung, die wir gewohnheitsgemäß mit einem

Symbol registrieren können: _bewußt_. Das Bewußtsein ist darum in

demjenigen Teile unserer Nerventätigkeit enthalten, der sich in

dauerndem Kontrollzustand gegenüber allen das Nervensystem treffenden

Reizen befindet. Die Gesamtheit aller auf uns wirkenden Reize, mögen sie

von außen oder innen stammen, löst in uns ein Allgemeingefühl der

Presence d'esprit, einer gewissen Fangbereitschaft unserer nervösen

Polypenarme aus, und diesen labilen Zustand der Aufnahmefähigkeit

gegenüber allen Strahlungen, in welche unser Ich gerät, nennen wir

gewohnheitsgemäß _Bewußtsein_, nicht anders als wie wir den blauen

Lichtreflex über uns Himmelsgewölbe, den Rand unseres Sehkreises

Horizont nennen. Soweit nun eben unser Zentralapparat labil ein- und

ausschalten kann, so weit unterliegt er dem Spiel der wechselnden

Hemmungen, die stets im Wirrsal aller auf uns wirkenden Kräfte den Strom

der Seele um die Widerstände dahingleiten lassen, wie sich ein Bach um

seine Felsenwiderstände windet, dabei zu Schaum- und Regenbogenglitzern

aufsprühend. Doch hat dieser Strom der Seele immer zwei Quellen neben

sich: Reize, die von außerhalb, und Reize, die von innerhalb des

Organismus stammen.

Von der Seele · 第 7 / 18 段