Seelenorganes, deren Sinneswurzeln wie Polypenarme in die Außenwelt
greifen, im Pianissimo e con sordino der Hemmung, also fast tonlos,
schwingen, wenn es also vorwiegend das Bewußtsein der Stellung des Ichs
in der umgebenden Welt der Realitäten ist, das aus der Reihe psychischer
Bewegungen im Schlafe entfällt, so ist es begreiflich, daß alle noch in
der übrigen Sphäre der Seele schwebenden Gestalten im luftigen Reich der
Phantasie ihren Reigen führen müssen. Schon wenn im Wachen jemand die
Neigung hat, ein deutscher Professor zu werden, d.h. sein Auge nach
innen kehrt und sich nicht entschließen kann, Rinnsteine, Laternenpfähle
und Mitmenschen für Realitäten zu halten, wenn Dichter und Denker uns
begegnen, das Auge für den Glanz der Ferne eingestellt und die ganze
Energie gleichsam zum Wachedienst für das ewige Feuer der Vestalin nach
innen gepreßt, so sagen wir ja wie Josephs Brüder: "Seht, da kommt der
Träumer!" Die Seele hat eben zwei große Orgelregisterzüge: "Real" und
"Ideal", die, gleichzeitig gezogen, leider nie recht miteinander
Harmonien geben, so schön sie, jedes einzeln gespielt, die Symphonie des
Daseins färben. Wenn die mehr oder minder ausgeprägte Schnelligkeit der
Leitungsanschlüsse im Gehirn die Temperamente ausmacht, wenn die
unwillkürliche Zähigkeit der Willensimpulse, die Unhemmbarkeit von
Vorstellen und Willen den Charakter bestimmt, so scheidet das Register
"Gemüt und Phantasie" unser Innenleben noch viel deutlicher von jener
andern Fähigkeit, durch die Welt zu kommen, jener festen
Orientierungs-und Anpassungskraft für die Umgebung. Hat doch unstreitig
die halb unbewußte Tätigkeit des Künstlers, das Versinken der Welt um
ihn her, durchaus etwas dem Traumleben Verwandtes, trotzdem gerade auf
den echten Künstler die Realitäten des Lebens erst recht intensiv
wirken, weil er eben sie alle in tief innerlichem, ideellem Zusammenhang
sieht, gleichsam durchglüht von dem Lichte seiner inneren
Wahrhaftigkeit. Alles, auch das Kleinste, das er erblickt, dünkt ihn ein
Beweisstück für die Idee einer Schönheit, die durch ihn Gestalt gewann.
Die Welt und ihre Erscheinungen bieten ihm immer neue und mit verwundert
lebhaften Kinderaugen betrachtete Bestätigungen seines inneren Traumes.
Wenn aber auch die von Musen nie geküßte Stirn eines Bankiers im Wachen
keine anderen Bestätigungen seiner Idee sucht, als daß gerade seine
Aktien steigen, seine Gruben prosperieren: der Schlaf und Traum macht
ihn dennoch zum Dichter, er löst ihn sanft von seinen begehrlichen
Sinnen, und wenn er nun dennoch träumt von Dividenden, Giro und Diskont,
so verlegt er immerhin den Schauplatz seiner Sehnsucht und seines
Bangens auf eine Bühne, die die Welt bedeutet, sie aber doch nicht ist.
Wie aber ist es überhaupt möglich, daß vor unserem Traumesblick ein
Tausendmarkschein, ein Himmel, ein Haus, ein Pferd erscheint, wenn doch
die Sinne, die diese Realitäten übermitteln, in Hemmung sind? Nun, die
Halluzination, die Vorstellung, die Erinnerung, der Traum wären nicht
denkbar, wenn nicht die Nervenbahnen sämtlich auch in umgekehrter
Richtung schwingen könnten, wie das die Physiologie unwiderleglich
festgestellt hat. Wenn mein Auge mir Licht und Schatten in einer
Schwingungsfigur übermittelt hat, deren Reiz im Gehirn in unserem
Sprachzentrum den konventionellen Begriff "Pferd" auslöst, so kann
umgekehrt das Sprachzentrum in allen beteiligten Gruppenganglien bis
rückwärts zum Auge erzitternd ein sehr lebhaftes Bild dessen, was wir
"Pferd" zu nennen übereingekommen sind, unserer Phantasie in voller
Treue zutragen. Ja, wie bei den Halluzinationen im Traume kann selbst
bei offenen Augen, beim Halbwachen, die Realität der Umgebung ungestört
zum Gehirne geleitet werden, so daß wir schwören können, wir sind im
Bett; wir wachen,--und dennoch erregt die gestörte und verwirkte
Traummechanik von rückwärts her erzitternd den Alp, "den Mann da vor
meinem Bette", mit grauenerregender Deutlichkeit. So ist es mit allen
halluzinatorischen Wahrnehmungen, die die Logik nur trüben und
erschrecken, wenn sie in blitzschnellem Wechsel mit realeren
Wahrnehmungen für wenige Sekunden hin- und herschwanken, die aber
natürlich die Logik des Wahnsinns bilden, wenn sie dauernd sind oder
immer wiederkehren. Dann verliert die Kritik ihre einzige sichere
Stütze, die Intaktheit der Sinneswahrnehmungen, und das Reich der
kranken Phantasie beginnt. Wenn ich nicht mehr die Fähigkeit habe, die
rückwärts schwingenden Bilder meiner Phantasie und ihren Abstand von der
Wirklichkeit am Maßstab meiner gesunden Sinne zu messen, so weht meine
Logik in den Lüften, wie ein Sommerfaden, der sich hoch in den Pappeln
gefangen hat. Da nun im Schlafe die Sinneszentren gehemmt sind, die
Sinnesbahnen aber leiten, wie wir gesehen haben, so prallt der Reiz der
uns umgebenden Welt in allen Formen, vom Knarren der Tür und vom Bellen
des Hundes bis zum Donner des Gewitters, an die Pforte der geschlossenen
Sinneswelt, und wenn er nicht stark genug war, sie zu öffnen, die
Hemmung zu überwinden, wodurch wir wach würden, so springt er nach dem
Gesetze von der Erhaltung der Kraft in der Richtung des geringsten
Widerstandes von der Schwelle unseres realen Bewußtseins ab, wie eine
Billardkugel von der Bande. Da diese Reize aber in jeder spezifischen
Ganglienschicht in andere Empfindungskräfte umgesetzt (transformiert)
werden, so klettert mit ihnen gleichsam eine Schar von Wichtelmännchen
über die Hecken der benachbarten Sinneswohnung in den Palast der
Phantasie. So wird ein Geräusch, der Druck der Bettdecke, ein Luftzug,
ja ein überfüllter Magen, ein Schnupfen, ein Katarrh, ein Blutandrang in
irgendwelcher Richtung zum Motiv eines Traumes, gleichsam zum Thema von
allerhand Variationen und Spinnerliedchen im nicht gehemmten
Seelengebiet,--oft unter phantastischer Vergrößerung der wahrgenommenen
Reize. Das Klappen des Fensters wird zum Schuß, das Rücken eines Stuhles
zum Donner. Da das Gefühl meiner Persönlichkeit, mein "Ich"-Bewußtsein
gar nicht mehr direkt abhängt von meinen Sinneswahrnehmungen (cogito,
ergo sum), sondern bis tief in die unterbewußten Schichten hinabreicht,
bis zu jenen Wurzeln, die schon im Daseinskampfe meiner Ahnen auch für
mein individuelles Leben generell festgelegt und mitgeboren wurden, so
ist verständlich, daß der Persönlichkeitsbegriff mit allen möglichen
halluzinatorischen Traumbildern verknüpft werden kann: man fühlt sich
und sieht sich doch in anderer Form, sogar als Tier in anderer Gestalt,
als Leiche aufgebahrt, als König oder Bettler, als Engel oder Teufel.
Das doppelte Bewußtsein erklärt sich leicht aus dieser wechselnden
Hemmung im Gebiet realer oder phantasiegemäßer Seelenerregungen. Man hat
im Traum durch phantasiegemäße Assoziationen vom Ich mit Muskelgefühlen
und dunklen Sehnsuchtsrichtungen Fähigkeiten, die uns fliegen lassen,
schwebend durch den Äther und die Luft, die uns Probleme spielend lösen
lassen, an denen wir uns wach fast den Kopf zerbrachen. Aber es ist ein
Gaukelspiel; denn sobald wir wach sind, löst sich die neue Kunst, die
Problemlösung, die nur vorhanden war, weil unsere Logik ohne Sinne, ohne
die Elle der Kritik arbeitete, in Dunst auf, wenn die geschlossene
Barriere der Schlafhemmung in die Höhe steigt.
Man kann aber doch die Möglichkeit nicht ganz bestreiten, daß manche
Menschen Verse, Lösungen von Rätseln, Pläne usw. unmittelbar so
niedergeschrieben haben, wie sie es im Traume geschaut zu haben
glaubten; denn es ist ja keine Frage, daß der Traum Erinnerungen
hinterläßt, wenn auch die Dichter, die also beginnen: "Mir träumte
einst, ich sei ein großer König", gelegentlich wohl ein wenig flunkern.
Übrigens ist es wegen der Abschließung der Gegenwart, die uns zeitlich
und räumlich umflutet, charakteristisch, daß wir den Schauplatz unserer
Träume so oft in die Vergangenheit verlegen müssen, wenn wir überhaupt
Spuren eines Gefühles für Zeit und Raum im (ruhelosen!) Schlaf behalten;
wir sehen uns daher fast stets jünger, als wir sind, oft direkt als
Kinder, Angehörige, die gestorben sind, meist lebend, bisweilen als
Tote und doch unter uns wandelnd. Wenn wir auch Tages-, Jahreszeiten
und Räumlichkeiten im Traume wiedererkennen, so zweifle ich doch,
ob jemand sagen könnte, in welchem Kalenderjahr, in welcher
geographischen Zone sein Traum sich abspielte, weil eben zur logischen
Raum- und Zeitempfindung das im Schlafe abgesperrte Gebiet der
Gegenwartsempfindung untrennbar gehört. Sich zeitlich oder örtlich
orientieren, heißt eben, rückwärts tasten aus der kontrollierbaren
Umgebung und der Augenblickssituation in vorgestellte Vergangenheit
oder Ferne. Die Phantasie hat es nicht nötig, mit Zeit und Raum sich
abzuquälen; darum hat sie auch etwas Göttliches an sich. Unstreitig
haben wir im Traume deutliche Lichtempfindungen, obgleich kaum jemand
genau die Beleuchtung seiner Innenszenerie unmittelbar nach dem Erwachen
anzugeben imstande sein wird; bei Wiedergabe der Traumesbilder schlägt
uns meistens die ergänzende Phantasie des Wachseins ein Schnippchen,
denn Traum und Phantasie des Wachenden sind einander stets neckende
Geschwister. Auch steckt ein Dichterling in jedes Menschen Brust, und
namentlich bei Traumerzählungen korrigiert ganz naiv dieser wache kleine
Künstler die immer nur schwache Erinnerung aus dem Traume. Träume werden
oft gelogen, es besteht eine instinktive Freude beim Dichter Mensch,
seine Gaukeleien anderen auf den Tisch zu setzen, wie das Burgfräulein
von Niedeck es mit Ackersmann und Pflug und Pferd tat. Übrigens hat man
beim Traumerzählen auch ein Gefühl der heiligen Scheu; man sieht
Traumreferenten gern in die Ferne schauen oder in sich versunken bei mit
der Hand verschlossenen Augen das fadenscheinige Gewebe des Traumes mit
etwas irdischem Zwirn ausflicken. Meist geht es, was die anderen Sinne
außer dem inneren Sehvermögen betrifft, im Traume ziemlich geräuschlos
zu; die Leute schweben ohne Tritt, wie wir selbst gleichfalls über
Wiesenplan, Fluten und Parkett. Wir sehen jedenfalls im Traume
deutlicher, als wir hören, riechen, schmecken, fühlen. Ja "die Stimme,
die da ruft", ist in lyrischen Gedichtsammlungen häufiger als im
wirklichen Traum; geheimnisvolle Gesten, Winken, Drohen, Nahen
phantastischer Gebilde sind häufiger. Sehr bezeichnend ist das Abbrechen
vieler Träume in dem Augenblick, in dem logischerweise eine Gehörs- oder
Gefühlswahrnehmung stattfinden müßte. Sehr viele Träume schließen wie
das wundervolle Goethesche Balladenfragment "Der untreue Knabe" mit
einem einfachen "die wend't sich" der verlassenen Geliebten. Sehr oft
sehen wir den Dolch, die mordende Faust sich auf uns niedersenken: jetzt
gerade müßte der Schmerz eintreten,--da sind wir schon wach, bebend und
transpirierend. Das zeigt so recht deutlich, daß im Schlafe tatsächlich
eine Hemmung materiell besteht; denn im Moment, wo die Flamme der
Phantasie an dem Schleier der Sinneswahrnehmungen hinaufzüngelt,
zerreißt er, und Flamme und Schleier verschwinden. Wir haben eben das
Gefühl davon, daß auch der Phantasie eine Fesselung nach rückwärts
geboten ist durch den Ausfall der realen Vorstellungen; es geht sehr oft
etwas im Traume nicht weiter, auch wenn wir nicht bei dieser Kollision
von Vorstellung und Wahrnehmung aufwachen. Wir wollen einen Ballsaal
betreten: wehe! wir sind splitternackt; wir wollen eine Rede halten,
womöglich vor der Französischen Akademie, einer feierlichen Versammlung,
und wir stehen schon mitten auf dem Podium,--was ist das? Wir können ja
nicht sprechen, der Kiefer will nicht auf! In solchem direkten
Innewerden der Hemmung im Traume, festgehalten durch die Erinnerung, die
man von der Sache behält, erblicke ich den stärksten psychologischen
Beweis für die reale Existenz der Schlafhemmung in der Sphäre des
Situationsbewußtseins. Auf diese Weise ist es auch begreiflich, daß im
erneuten Traume das Bewußtsein früherer Traumphantasien, ja
schlafwandlerischer Handlungen wieder auftritt. Die Phantasie ohne
logische Assoziation hat eben ihr Bewußtsein für sich. So erklärt es
sich, daß Vergessenes im Traumschlaf wieder ins Gedächtnis gerufen
werden kann: es hat sich im Strudel der Tageswellen verloren, wird aber
emporgehoben, sobald im Schlafe das Bewußtsein des Gegenwärtigen, des
sinnlich Wahrgenommenen versinkt. Alle Formen gespaltenen Bewußtseins
sind Formen periodischer Hirnhemmung. Auch unsere Fähigkeit, morgens zu
einer bestimmten Zeit zu erwachen, gehört zu den verbreitetsten Formen
eines doppelten Bewußtseins. Der autosuggestive Willensimpuls aus den
Sphären unseres Zeitbewußtseins langt pünktlich zur Sekunde an die
Einschaltung des Bewußtseins: so weit geht die Automatie, der
Selbstwille unserer Ganglien, daß sie ohne Zutun des Gesamtbewußtseins
Zeitbegriffe übermitteln.
Beim Suchen der näheren Ursache des Träumens finden wir, daß durchaus
nicht gerade die Dinge, die den Tag über den stärksten Eindruck auf uns
gemacht haben, im Weben des Traumes zu Motiven verwandt werden, so
verbreitet auch diese Ansicht sein dürfte. Denn das, was uns tiefsten
Schmerz oder höchstes Glück für die Seele gebracht hat, wird nicht
direkt Gegenstand der Traumesphantasie. Seelische Hochfluten dulden
ebensowenig wie Worte oder Lieder Träume. Es kann im Gegenteil ein
jeder, der sein Traumleben beobachtet, als eine Tatsache feststellen,
daß dasjenige, was unseren Geist nebenher am Tage flüchtig gestreift
hat, eine Person, ein Name, eine Szene, gesehen oder gehört im
Augenblick, wo gerade andere Dinge unsere volle Aufmerksamkeit
fesselten, mit Vorliebe zum Thema des Traumes wird. Dafür gibt es eine
sehr plausible Erklärung. Die tiefgreifenden, erschütternden
Sensationen, die uns das Schicksal sendet, während wir wachen, verlangen
mit starkem psychischem Äquivalent fast augenblicklich einen seelischen
Ausgleich: ein Schrei, ein Jauchzen ist nur der Beginn eines lange
nachwirkenden Aufruhrs im Innern, denn das volle Werk der Orgel braust
im Sturm und rüttelt an den Säulen und Gewölben unseres ganzen Wesens.
Eine Handlung, vielleicht lange im Sinnen und Grübeln vorbereitet, oft
ungestüm, wie mit explosiver Gewalt ausgelöst, gibt den psychischem
Insult an die Außenwelt zurück, oder, wo mit lähmender Gewalt das
schreckliche Faktum bleischwer auf unserer Brust lastet, da ist die
Hemmung als Aktion selbst mit in den Strudel aufgewühlter Wellen
gezogen, und unseren schreckhaften Schlummer unterbrechen kurze,
abgerissene Träume mit einem Schauplatz fernab vom Raume, der unser Leid
sah. Es ist keine Möglichkeit, gerade das Motiv des Schmerzes oder der
Wonne in den Traum aufzunehmen, weil schon im Wachen tausend Gedanken
und Willensimpulse den Ausgleich seiner seelischen Spannkraft
übernehmen: das Gewaltige, das uns lebhaft Interessierende, steht zu
sehr mitten in der Welt der Realität, als daß die Seele unter Hemmung
der Realität im Schlafe sich mit ihm befassen könnte. Mich fragte einst
ein Kind in den Tagen erster, schwerer Trauer weinend: "Warum erscheint
mir Mutter nie im Traum?" Und Väter, die ihre ganze Hoffnung begruben,
sinnen wohl nach, warum das erbarmungslose Geschick die liebe Gestalt
des Sohnes nicht einmal im Traume wiedergibt. Der immer wühlende Schmerz
verzehrt alle Spannkraft der Seele und hat kein Echo mehr. Und doch, wie
mild von der Natur, daß nicht des Tages Weh auch noch hineinlangt in den
kurzen Waffenstillstand, den der Schlaf uns gönnt, bis der Tag zum
Kampfe mit den Leiden ruft! Der Mörder träumt nicht von seiner Tat; und
das liegt nicht nur an seiner Gemütsroheit, sondern hat allgemein
psychomechanische Gründe. Was im Brausen des Tages aber an flüchtigen
Eindrücken vorüberschwebt, wie ein Falter an einem offenen Fenster, das
verfängt sich im Netz der Seele doch und hebt, vom hellen Licht des
Tages verscheucht, in der Nacht die Schwingen und läßt uns erkennen, wie
bunt sie gezeichnet sind. Denn in Wirklichkeit gibt es in der Natur
weder Klein noch Groß, alles hat sein spezifisches Bedeuten, auch für
unsere Seele, und was das Bewußtsein nicht registriert, das ist deshalb
doch da und wirkt zu seiner Zeit seinen Ausgleich. So gleicht der Traum
einer Welle, die sich zur Zeit des Wogenganges in einer Vertiefung des
Sandes verliert, die unsichtbar ist unter den wallenden Schleiern der
Flut. Wenn aber nachts die Brandung schweigt, steigt sie als Nebeldunst
empor und beginnt mit dem Wind nächtlichen Reigen. Das Traummotiv ist
wie eine vergessene Goldmünze im Portemonnaie des Studenten; so lange es
gefüllt war, versteckte sie sich leicht und unbeachtet in einer Falte,
nun aber die Nacht der Schulden da ist, ist eine hohe Freude über ihren
ungeahnten Wert. Wenn also empfindsame Menschen mit Pathos bekräftigen,
dies oder jenes habe einen so tiefen Eindruck auf sie gemacht, daß sie
"immer", die "ganze" Nacht, davon träumen müßten, so ist das meist eine
sentimentale Lüge: man träumt nicht vom Geliebtesten,--auch nicht davon,
was uns so "furchtbar nahe" geht. Die Erinnerung als Bild, neben der
Straße der Gedanken einherziehend, hat, genau wie der Traum, etwas
Zusammenhangloses, Unlogisches und Unerzwingbares an sich.
Erinnerungsbilder setzen, im Gegensatz zum Gedächtnis, plötzlich,
unvermutet, verblüffend ein. So taucht plötzlich beim Kartenspiel unsere
liebe Großmutter im Dorfe vor den Blicken auf, wie sie ihren "roten
Dendron" begießt, oder mitten im Spiel einer ungarischen Rhapsodie
stehen wir am Sarg einer Tante, die an der Cholera gestorben ist. Die
gleichen willkürlichen, unvermuteten und unvorbereiteten Paradoxien
zaubert das Kinematoskop des Traumes vor unsere geistige Netzhaut, und
in beiden Fällen sind es Nebenströme, induzierte elektrische Ströme, wie
die Technik sagt, die sie veranlassen. Die mosaikartige Bildchen
gruppierenden Funken springen da über, wo sie den geringsten Widerstand
finden, der von Puls und Blutwelle, Organreflexen und unbewußt
gebliebenen Reizungen der Welt um uns, die nicht schläft, abhängig ist.
Ich war einst in einer Versammlung von Ärzten, und wir sprachen vom
Traum: das stets bereite Thema vom Traum des noch nicht erledigten
Abiturientenexamens kam aufs Tapet. Ich sagte voraus, daß alle schon
davon geträumt haben würden, nur die nicht, die einmal durchgefallen
seien, und zur großen Verblüffung aller waren zwei, die nie jenen Traum
gehabt hatten: sie waren wirklich durchgefallen. Die Erklärung ist
einfach. Das vielgequälte Primanergehirn erhält eine Examensfurche von
Qual und Schrecken, die das bestandene Examen, der kurze Moment der
Freude, nicht ausgleicht. Diese verrauscht schneller als die Jahre lange
Spannung. Ist man aber regulär durchgefallen, nun, so ist kein Rest mehr
da; die Lösung war betrübend zwar, aber logisch, den psychischen
Ausgleich hat das Leben selbst übernommen. Daraus können wir entnehmen,
daß erstens psychische Erwartungsspannungen länger haften als gehabte
Freude oder Schmerz und daß zweitens sorgende Qualen mehr Erinnerung
hinterlassen als frohe Stunden. Unser Gehirn ist also von Natur zur
Undankbarkeit geneigt. Jedenfalls aber erscheinen solche
Gemütserregungen, wenn überhaupt, oft erst viele Jahre nach ihrem
Eintritt als Traummotive wieder: sie müssen erst abklingen, erst
untersinken auf den Grund des Bewußtseins und gleichen dann eben den
übertönten Motiven, über die das tägliche Leben rücksichtslos
dahinflutet. Mit dem Traum ist es wie mit den mitschwingenden Obertönen
in der Musik, man hört sie über dem Pianoton deutlicher als im Forte.
Auch der erwähnte Examenstraum taucht erst lange nach überstandenem
Examen auf. Sonderbar ist, daß manche Menschen periodische
Wiederholungen bestimmter Arten von Träumen erleben; sie träumen eine
Zeitlang immer dasselbe. Das hängt wohl mit periodischen Störungen der
Körperorgane, die nächtlich gleiche oder ähnliche Stromschwankungen in
der Seele auslösen, zusammen.
Wir haben bisher nur Traumformen betrachtet, bei denen die Region, in
der die Luftgebilde schweben, sich innerhalb der Zone rein psychischen
Geschehens hält. Es vermag aber namentlich bei unruhigem, gestörtem
Schlafe leicht auch die unterbewußte Spannung im Bestreben, restlose
Äquivalente zu schaffen, auf das muskuläre Gebiet überzuzucken,
eventuell wie beim Nachtwandeln ganz in die Zone der unbewußten
Muskeltätigkeit auszustrahlen. Das sind schon gewissermaßen
Schlafkrankheiten, denn je tiefer an sich und je energischer die Hemmung
der Sinne im Schlafe ist, desto weniger vermag die Sphäre der Phantasie
Anregung aus jenem Gebiet der Wirklichkeit zu beziehen, desto traumloser
ist der Schlaf. Je labiler aber die Wage zwischen Hemmung und
Erregbarkeit des Außenweltsinnes eingestellt ist, desto leichter
vermögen auch Funken auf Muskeldrähte überzuspringen. So sehen wir
Träumende lächeln, ja, wir hören sie lachen; sie weinen, sie stöhnen,
sie schreien. Abwehrbewegungen, flehende Gesten, ja selbst
Spazierbewegungen auf flachem Bette sind zu beobachten; also nicht nur
die Hunde, die im Traum bellen, traben im Schlaf über eine ideelle Wand,
die senkrecht zur Erdoberfläche zu stehen scheint. Ganz allgemein aber
erlischt der Traum mit Vorliebe in einem deutlich fühlbaren Ruck aller,
namentlich der Rückenmuskeln,--dem Schluß irgendeines geträumten
Absturzes aus großer Höhe. Ist es nicht sonderbar, daß dieses
Muskelzucken, das doch der Anfang des Erwachens ist, zeitlich genau und
logisch konsequent der natürliche Schluß eines bestimmten Traumes ist?
Die schlagartige Muskelzuckung paßt ganz genau in das Traumesereignis.
Ahnt die Phantasie den Zitterschlag der Muskeln? Hier liegt meiner
Meinung nach eine interessante psychische Täuschung vor, die für viele
Träume charakteristisch sein dürfte. In Wirklichkeit liegen nämlich die
Dinge zeitlich umgekehrt: das erste ist der Muskelreiz, und in der Zeit
zwischen seiner Einschaltung und deutlichen Bewußtseinswahrnehmung liegt
die blitzschnell verlaufende Traumperzeption; die Zuckung, die sich
vorbereitet, ist schon das Motiv des in einer Sekunde abblitzenden
Traumes. Die Sinneswahrnehmung des Kanonenblitzes geht auch der
Wahrnehmung ihres Knalles voran, und doch ist es derselbe physische
Vorgang, der beide auslöst. In dem Augenblick, in dem die Überladung der
psychischen Zentren gleichsam den Damm gegen das Muskelgebiet einreißt,
wird mit einem Schlage die Hemmung aus dem ganzen breiten Felde der
Seele zurückgezogen, einen Augenblick ist das ganze Gebiet frei von
jedem elektrischen Engagement, das einfallende Strahlenbüschel kann über
den ganzen Horizont in einer Sekunde dahinrasen, genau wie das
Wetterleuchten über den Abendhimmel. Wie viel Bilder können da entstehen
in einer Sekunde! Das ist genau dasselbe, wie wenn wirklich Abstürzende
in den wenigen Sekunden des Falles, während dessen in einer Art
hypnotischer Lähmung des Hemmungsapparates alle Drähte unbesetzt sind,
ganze Jahre der Erinnerung zu durchleben glauben, Beobachtungen, zu
denen die Bergkraxelei, diese bewußten Selbstexperimente über Absturz
und Tod, reichlich Gelegenheit gegeben haben, denn einige Bergsteiger
bleiben ja wirklich am Leben, so sehr sie sich um Beisetzung in
Gletscherspalten bemühen. Man kann als sicher annehmen, daß auf diesem
Mechanismus des "Traumblitzes" während der Sekunde des halbbewußten
Erwachens gut die Hälfte aller Träume beruhe. Ich erinnere mich eines
langen Schülertraumes, in dem ein Rabe und ein Ring, weißgekleidete
Jungfrauen und weiße Thronhimmel eine große Rolle spielten; und als ich,
von irgendeiner Macht ins Nichts gejagt, irgendwohin abstürzte und
aufwachte, sah ich am Fenster eine Krähe den dichten Schnee verstäuben.
Damals hielt ich das für ein merkwürdiges Problem--den Raben, das Weiß
im Traum und in der Wirklichkeit--; jetzt glaube ich zu wissen, daß die
Dinge zeitlich umgekehrt lagen: ich sah im Erwachen den frischgefallenen
Schnee und die Krähe, und beide wurden das Motiv eines Traummärchens.
Wird der Außenweltreiz, der die zentral verbarrikadierten
Sinnesleitungen trifft, durch pathologische Anlage direkt auf die
Willensimpulse und ihre Muskelanschlüsse unter Überspringen der
Bewußtsein vermittelnden Zonen übergeleitet, so entsteht jene
eigentümliche Form des Traumes, die man Nachtwandeln nennt. Das der
Sonne ja entliehene Licht des Mondes scheint tageshell ins Fenster und
lockt und trügt die besonders empfängliche Seele des Schläfers. Der Mond
suggeriert ihm gewissermaßen den Sonnenimpuls des Aufstehens, aber die
Hemmung der Sinneszentren, der Vermittler der Orientierung in der
Umgebung, ist völlig übersprungen von den betrügerischen Mondstrahlen
und fest genug, um trotz der instinktiven Bewegungsfähigkeit das
Bewußtsein für Ort und Zeit ausgeschaltet bleiben zu lassen während des
Umhertastens des wandelnden Leibes, der gleichsam nur mit den Muskeln
fühlt, das heißt: die Orientierung allein dem Muskelgefühl überläßt. In
gewissem Sinne gehen in der Tat Somnambulen sicherer über gefährdete
Stellen; aber sie können nicht mehr als andere, weder an Wänden
hinaufklettern noch auf Fahnenstangen Ballett tanzen. Allerdings ist bei
ihnen mit der Orientierung für den Moment auch das Bewußtsein der Gefahr
ausgeschaltet, und es mag schon sein, daß ein Somnambuler, der im
Fenster sitzt, angerufen und plötzlich die Situation wahrnehmend, im
ersten lähmenden Schreck herabstürzt; meist aber kriechen sie mit einem
charakteristischen, scheuen Wesen, gleichsam als schämten sie sich, so
monddumm gewesen zu sein, zurück in ihr Bett. Meiner Beobachtung nach
kommt Somnambulismus auch beim Hunde vor. Die größere Sicherheit der
unhemmbaren koordinierten Muskelbewegung ist bekannt von der
Zielsicherheit des Trunkenen und von der automatischen Virtuosität der
Künstler, die leicht durch ein voreiliges Einmischen reeller Wahrnehmung
verwirrt werden. Der produzierende Künstler gleicht in etwas den
Somnambulen: Saal und Publikum als Umgebung verschwinden, nur die
Muskeln jagen und greifen in schwindelerregender Ordnung durcheinander.