In uns geht sehr vieles unbewußt seinen nicht mehr abzuändernden

psychischen Mechanismus. Wir haben in uns psychisches Geschehen, das

unserer Kontrolle ganz entzogen ist. Unsere Sympathien und Antipathien

z.B. können wir nicht mehr ohne Rest im Bewußtsein begründen; wir tun

vieles, oft das Entscheidendste, ohne jeden plausiblen Grund,--mit einem

Wort: es gibt in uns Verständigeres als den Verstand, Bewußteres als das

Bewußtsein, Besseres als das Beste![1] Das sind jene unterbewußten,

schon definitiv vom schwankenden Bewußtsein des Ichs und der Situation

abgelösten (definitiv gehemmten) Gebiete, die nicht mehr oder noch nicht

mit der tastenden Orientierung der höchsten Ganglienschichten assoziiert

werden können. Die jüngsten Phasen geistiger Entwicklung senden ihre

Polypenarme (Sinne) wie Gehirnausstülpungen nach außen, sie horchen,

fühlen, wittern umher in der Welt und suchen nach Orientierung im

Weltganzen. Das Gefühl der allseitigen Hemmung, die Summe aller Reize,

die die Widerstände auf meine Sinne ausüben, wirkt das, was mein

Empfinden von mir selbst und mein Bewußtsein von meiner Stellung in der

Welt ausmacht. Aber in der Tiefe meines geistigen Seins ist immer noch

ein dunkel in mein Jetztsein hineinreichender Unterstrom von einstigem

Wissen und Erkennen derer, die vor mir waren, gleichsam das Testament

der Psyche meiner Vorfahren, das ich nicht mehr entziffern kann, dessen

Gesetzen ich aber gehorche, auch ohne seine Sprache zu verstehen.

Manchmal fühlen wir ein dunkles Aufleuchten aus diesen Tiefen der mit

uns geborenen Stammesgeschichte, man sinnt ihm nach, wird sich seiner

Macht inne und fühlt doch nur einen Widerschein von seinem

Wetterleuchten. In diese Tiefe reicht nun keineswegs die Hemmung, die

der Schlaf dem Bewußtsein bringt, seine Abblendung des geistigen Lichtes

bezieht sich nur auf jene krönenden Funktionen geistigen Geschehens, die

im wesentlichen, wie wir sehen werden, der noch gegenwärtigen Phase der

Hirnentwicklung zugehören.

Fußnote 1: Das geht zum Beispiel deutlich aus der Tatsache hervor, daß

wir von einer Erkrankung träumen können, deren Herannahen im Wachen

noch nicht empfunden wird: ein hohler Zahn, ein Geschwür kann im

Entstehen schon Traummotive erregen, ohne gleichzeitig Wachsensationen

zu veranlassen. (Moll.)

Was ist es nun, das diese Hirnhemmung[1], die das Dunkel des Schlafes

erzwingt, vermittelt?

Fußnote 1: Über das mutmaßliche Wesen dieser selbst siehe

Ausführlicheres in des Verf. "Psychophysik des Schlafes und der

schlafähnlichen Zustände". Zweiter Teil seiner "Schmerzlosen

Operationen". 5. Aufl. bei Springer, Berlin.

Wir stellen uns vor, daß um die Ganglienzellen des Gehirnes ein

Mechanismus ausgespannt ist, dessen Aktion eben die Hemmung bedeutet,

und daß dieser Mechanismus vielleicht ganz grob gebunden ist an die

Zwischensubstanz zwischen den Gangliensystemen, die Neuroglia, die

bisher als eine einfache Stützsubstanz aufgefaßt wurde. Wir denken uns

diese Substanz aktiv durch Blutstrom und Saftzirkulation rhythmisch

erfüllbar und entleerbar, so daß je ihre Füllung oder Entleerung

imstande ist, Anschlüsse (Assoziationen) unter den Zellen zu

unterbrechen oder zu bewerkstelligen. Sie bildet gleichsam zwischen den

Ganglienkörpern feuchte oder trockene Isolationsschichten, die den

überspringenden Funken oder induzierten Strömen größeren und geringeren

Widerstand entgegensetzt. So geschähe auch das Denken in der Richtung

des geringsten Widerstandes im Seelenorgan, wie jede andere

Bewegungsform. _Die Tätigkeit der Ganglien ist die der spezifischen

Transformation (Umbildung) der Außenweltreize, ihre prismatische

Strahlenzersplitterung, und die Tätigkeit der Hemmung ist die der

Widerstandserzeugung für die Assoziation dieser transformierten Reize._

Sicherlich gibt es auch ein psychisches Äquivalent, d.h. jeder Reiz, der

das Zentralorgan trifft, verlangt seinen völligen Umsatz in Spannkräfte

der Vorstellung und des Willens; die Handlung und der Gedanke sind

gleichsam die Sammlung der zerstreuten Strahlenbündel zu weißem Licht,

die Rückgabe der unveräußerten Pfunde an die Außenwelt. Die Hemmung gibt

die Bahnen an, in denen dieser Ausgleich sich vollzieht.

Diese, wie ich gern gestehe, für eine Plauderei schwerfälligen

Deduktionen waren nötig, um den Mechanismus des Schlafes völlig

verständlich zu machen. Sie ermöglichen eine hypothetische Einheit des

Gesichtspunktes, von dem aus es leicht wird, alle Formen des Schlafes zu

betrachten. Daß die Strahlenfinger der Sonne imstande sind, die Hemmung,

die über den Ganglien im Schlafe ausgespannt ist, zurückzuziehen,

vermöge einer Reizung der sympathischen Nervengeflechte, wird uns ebenso

begreiflich, wie daß ihr Loslassen von der Gefäßspannung dieser am Abend

gestattet, die Tarnkappe über das Bewußtsein zu ziehen. Man beobachte

nur einen Müden. Indem die heranrollenden Flutwellen des Hirnblutes

gegen seine Bewußtseinszentren anbranden, fühlt er eine Neigung, nicht

mehr mitzudenken, es wird ihm schwerer, die Umgebung teilnehmend

festzuhalten, er vergißt sich und sie, seine Muskelaktionen werden

schlaffer, die Lider sinken herab, und ein krampfhaftes Gähnen gibt

kund, daß der Reizüberschuß, den das Leben in seiner Hirnrinde

zurückgelassen hat, eine gewohnheitsmäßige Ablenkung auf ein gewisses

Gebiet der Atmungstätigkeit erfährt. Gähnen heißt, das Gehirn von

Spannkraft des Denkens entladen, um so der Hemmung leichteres Spiel zu

gestatten. Recken und Strecken sind nicht minder Formen der Überführung

geistiger Spannkräfte auf das Muskelgebiet. Die Flutwelle der Hemmung

spült immer weiter über den lichten Strand des Bewußtseins, in dessen

Glanz sich eben noch die Umgebung widerspiegelte. Diese Bildfläche wird

immer trüber, und schließlich versinkt wie mit einem Schlage die

Außenwelt vor seinen inneren und äußeren Blicken: er ist in ihr und hat

doch kein Gefühl davon. Dieser Vorgang gleicht so unmittelbar der

Ein- und Ausschaltung elektroider Spannungen, dem langsamen Verglimmen

eines eben noch strahlenden Glühkörpers, daß der Begriff des

"Erlöschens" des Bewußtseins zu dem Treffendsten gehört, was unsere

Sprache besitzt. Man kann ihn ruhig buchstäblich nehmen. _Die

Schlafhemmung ist also ein durch Nervenspannung (Sympathicus)

vermittelter Reflex_, den die Periodizität des täglichen Lichtwechsels

durch Anpassung erzwungen hat, der aber--und das spricht deutlich für

die hier vorgetragene Auffassung--ebenso gut durch andere Einflüsse

nervöser Natur erzeugbar ist. Ganz gleich, ob die vermutete

Zwischenwirkung der Neuroglia vorhanden ist oder nicht--und sie ist ja

eine Hypothese, wie andere auch--: Niemand kann leugnen, daß Schlaf

durch Reizung der Hemmungsvorgänge im Gehirn aktiv zu erzeugen ist. Man

hat die Wichtigkeit dieser Vorstellung bisher nicht erkannt. Diese

Reflexhemmung ist nun z.B. ebenso, wie physiologisch durch den Rhythmus

des Sonnenunter- und Sonnenaufganges, auslösbar durch die Maßnahmen der

Hypnose: Streicheln über die Stirn und Augenlider, starres Fixieren,

Kämmen, Wiegen, das gleichmäßige Einerlei des Tickens der Uhr, Vorlesen,

die Monotonie des Schlafliedes,--das alles sind Reizformen der sanften,

suggestiven Abblendung des Bewußtseins auf einen einzigen Punkt, wodurch

es natürlich der immer bereiten Hemmung um so leichter gemacht wird,

rings um diese letzte Stelle des Bewußtseins ihr Zeltdach des Schlummers

zusammenzuziehen. Eindämmung des Bewußtseins auf einen Punkt und

Einschlafen sind Dinge, die nahe beieinanderliegen. So kommt es, daß zum

Einschlafen auch der feste Wille dazu gehört und daß Gewohnheit und

Erziehung einen so erheblichen Einfluß haben. Man zwinge sich bei

erschwertem Einschlafen, fest bei einem Punkte zu verharren, man stelle

den geistigen Blick auf eine Stelle der Erinnerung, der Überlegung, der

Vorstellung und halte ihn ja fest--der Gedanke ist ein Springinsfeld, er

will rechts und links über die Zäune setzen--: dann wird es der Hemmung

schon gelingen, auch diesen Punkt mit weicher Hand auszuwischen und das

süße Allvergessen hervorzuzaubern. Unsere Schlafmittel--einschließlich

der Mittel der Narkose--betäuben in gleicher Weise, sie lähmen die

Gefäßnerven aktiv; und die Folge ist die Füllung der hemmenden Gespinste

um die Ganglien und die Erzwingung der Unmöglichkeit ihrer gegenseitigen

Erregung. Ganz deutlich ist der Mechanismus beim Alkoholgenuß. Der

anfangs die Gefäße treffende Giftreiz verengt zunächst das Stromgebiet

der hemmenden Zwischenschicht; der Anschluß der geistigen Verknüpfung

der Ideen erfolgt zunächst mit deutlicher, gern gefühlter, die

Lebenslust erhebender Leichtigkeit; über alle Höhen und Tiefen der

Probleme schwebt frei und selig die erleichterte Kombination der

Gedanken; der Dümmste dünkt sich ungeheuer geistreich und traut sich

Fähigkeiten zu, von denen er nie geglaubt, daß er sie sein eigen nennt,

wobei er oft sogar Kundige zu täuschen vermag. Die Hemmung gewinnt aber

um so mehr Gewalt, je höher die Dosis steigt, sie engt wie beim

Hypnotisierten das eben noch irrlichtelnde Bewußtsein immer mehr ein,

der Berauschte bleibt geistig an einer Stelle kleben, er erzählt

dieselbe Geschichte fünfmal, zehnmal, murmelt schließlich immerfort

dieselben dumpfen Fragmente: und endlich sinkt des dionysischen

Schwärmers blutgefülltes Haupt schwer auf den Tisch, und die volltönende

Harfe läßt dem Sägegeräusch des Schnarchens das Feld. Während aber bei

diesen künstlich erzwungenen Formen des Schlafes die Hirnhemmung nicht

nur die obersten Schichten des Bewußtseins umfaßt, sondern auch ihre

eiserne Klammer tiefer um die Zentren der Muskelaktion sowohl wie

um die anderer Formen von Bewußtsein schlägt, scheint uns für den

physiologischen Schlaf charakteristisch, _daß eigentlich nur das

Bewußtsein für Zeit und Ort, für Orientierung in der Umgebung

und der betreffenden zeitlichen und örtlichen Situation fehlt_.

Da der Schlafende im Traum sein Bewußtsein von sich selbst, den

Begriff der Persönlichkeit, durchaus nidht verliert, sondern nur

orientierungsunfähig für das ist, was ihn in Wirklichkeit umgibt, so

kann man sagen: _Schlaf ist nichts als die periodische Hemmung des

Situationsbewußtseins; er ist die periodische Ausschaltung der

Orientierung für die Umgebung, die Zurück- und Einziehung aller

Empfindungsfasern, mit denen der Mensch direkt in seiner Umgebung

wurzelt_. Alles übrige, sein Ich-Bewußtsein, seine Bewegungsfähigkeit,

seine Phantasietätigkeit, seine Vorstellungssphäre, unterbewußtes

Instinktleben ist an sich ganz wach und nur insofern vermindert,

als diese Funktionen ihren verstärkten Anstoß eben aus jenem

Situationsbewußtsein zu ziehen gewöhnt sind. Wir verlassen für

gewöhnlich im Schlafe nicht unser Bett, weil wir von diesem Bette gar

nichts wissen, wir greifen nach nichts über und um uns, weil wir nichts

von dem "über und um uns" wahrnehmen, und wir lassen alle

Muskeltätigkeit ruhen, weil wir aus der Umgebung keine Veranlassung

beziehen, irgend etwas auf diese Bezügliches zu unternehmen. So weit

aber die tiefer gelegenen zentralen Funktionen vom restierenden

Bewußtsein des Traumes erregt werden können, bleibt ihre

Beeinflußbarkeit bestehen, wie wir noch sehen werden. Bei der

Betrachtung des Traumes werde ich auch noch genauer zu definieren haben,

in welcher Weise sich diese Tatsachen der Hirnhemmung bei den

verschiedenen Formen des gestörten, pathologischen Schlafes erkennen

lassen. Da nichts so individuell ist wie die Intelligenz, und da gerade

die Schichten, in denen Logik und Intelligenz ihre Werkstätten besitzen,

in mehr oder weniger großer Tiefe im Schlaf ausfallen, so ist auch die

feinere Art der Bewußtseinshemmung im Schlaf und noch mehr im Traum

etwas stark Individuelles. Jeder hat seinen normalen Schlaftypus, der

natürlich sehr erheblich durch Außenwelteinflüsse zu verändern ist. Der

Schlaftypus wechselt auch deutlich mit dem Lebensalter des Individuums,

und seine größte Intensität fällt zusammen mit der Vollreife, was

wiederum stark für meine Auffassung von der Aktivität des

Schlafmechanismus sprechen dürfte. Der Schlaf des Neugeborenen ist

deshalb so intensiv, weil die mitgeborene Hirnhemmung an Ausdehnung so

ungeheuer die Ansätze von Ganglienzellen überwiegt; denken lernen, heißt

eben: Ganglienzellen in die erhaltungsgemäße Hemmung hineinwachsen und

ihre Anschlüsse durch sie regeln lassen. Das ist ja der einfache Grund,

warum Wahrheiten oft eine Generation an Hirnwachstum gebrauchen, bis sie

in die Köpfe der Nachlebenden hineinpassen und nun wie etwas

Selbstverständliches erfaßt werden; deshalb ist es auch für originelle

Geister ein so sicherer Weg, im lieben Vaterland zu etwas zu kommen,

wenn sie die Einsicht haben, sich still, geduldig zunächst dreißig Jahre

ins Grab zu legen. Es ist überall das Verhältnis von Ganglienaktion zur

Aktivität der Hemmung, das Originalität, Intelligenz, Charakter, Genie,

Talent, Temperament ausmacht und das auch den wechselnden Typus des

Schlafes bestimmt. Anwuchs neuer Zellassoziationen, geistige

Geburtswehen machen unruhigen Schlaf, ebenso wie Überanstrengung, Sorge,

Überlastung vorhandener Denksysteme (Rechnen, Geiz, Gewinnsucht,

Hoffnung, Erwartung, Freude), weil in allen solchen Fällen die

Gangliensysteme der zur Nachtzeit anrückenden Hemmung widerstehen.

Im wohlregulierten Hirnmechanismus geht abends alles nach der Schablone

der Ein- und Ausschaltung: sie brauchen noch gar nicht müde zu sein, die

glücklichen Philister, sie legen sich um Punkt neun Uhr zu Bett: eine

Drehung auf die Seite, eine Umschaltung am wohlgeübten Kabel der

Bewußtseinsleitungen,--und der Schlaf beginnt. Diese Regelmäßigkeit des

Ein-und Ausschaltens von Bewußtsein und Schlaf selbst ohne jedes

Ermüdungssymptom, die man bei wohlerzogenen Kindern und den Menschen,

die Sinn für Ordnung und Gesundheit haben, beobachten, die man dagegen

freilich bei den Kindern Berliner Sonntagsausflügler nicht einmal

andeutungsweise mehr erkennen kann, spricht offenbar beredt genug gegen

die Ermüdungs-und Vergiftungstheorie des Schlafmechanismus. Es ist eine

alte Weisheit, daß der Vormitternachtsschlaf der stärkendste ist. Weil

wir es eben im Schlafe mit aktiven Nervenspannungen zu tun haben, ist

der Kontrast von Tag und Nacht um so deutlicher wirksam, je näher der

Wechsel zum Eintritt der Schlafhemmung liegt. Die Zeit vor Mitternacht

liegt dem Scheiden der Sonne am nächsten, d.h. dem Hemmungseinsatz, und

jede Stunde nach Mitternacht führt uns dem Sonnenaufgang und dem Einsatz

des Bewußtseins näher. Welche Erquickung bringt ein tiefer, gesunder

Schlaf; wieviel Heilung und Abwehr von Gefahr und Krankheit unter dem

Zeltdach seines Friedens in einer Nacht; welche sanfte Glättung der

erregten Flut des Tages unter dem Banne seines schwebenden Dunkels! Er

vermag Rätsel der Lösung nahe zu führen in wenigen Stunden, und oft

steht die befreiende Idee am Morgen beim Aufwachen vor unserem Bette,

wie ein Kind mit einem Geburtstagsstrauß. Weinend legt der Knabe sich

nieder, weil er die Lektion nicht bewältigen konnte, und morgens sagt er

sie her, erstaunt und verblüfft ob der Heinzelmännchenarbeit, die über

Nacht in seinem eigenen Kopf geleistet ward. Der Dichter, der Komponist,

der den Tag verbracht hat in gigantischem Ringen mit dem Chaos seiner

inneren Gestaltungskraft--vergeblich, denn es wollte keine Schönheit dem

heißen Nebel entsteigen--: eine stille Nacht tiefen, erquickenden

Schlafes, und im Hafen seiner Sehnsucht liegt bewimpelt und beflaggt ein

weißes, stolzes Schiff aus dem fernen Lande der Phantasie. Da es eben

die jüngsten Entwicklungsphasen des Bewußtseins sind, in denen das

Gehirn des Kindes oder des frei bildenden Produzenten von Gedanken--der

Grund, warum das Genie stets mit Kinderaugen sieht--immer neue Systeme

an alte Bahnen anschließt, so sind hier auch gleichsam die leicht

verletzlichen, zartesten Blüten des Seelenlebens ausgebreitet. Das

stille Zellenwerden und Gedankenspinnen bedarf mehr als andere, festere

Gewebe des Gehirnes des zeitweiligen Schutzdaches gegen Reif und Hagel.

Sehr wohl kann eine Nacht gleichsam die neue Drahtlegung und

Kabelstation fertigbauen, den Schlußstein setzen, einen sammelnden

Kontakt einschalten, die ganze Monate im Anreiz des Lebenskampfes mühsam

vorgebildet hatten. Welche Qual aber, wenn diese dem geistigen Leben so

nötige Bewußtseinsverhüllung versagt! Was gibt es Fürchterlicheres als

die Schlaflosigkeit, in der das geistige und körperliche Auge in die

Finsternis der Nacht starrt, die das Wesen eines Dämons annimmt? Dabei

die Gedankenflucht hinter dem Schädel, diese springenden, jagenden und

nicht fixierbaren Bilder, die doch so gleichgültig sind und uns so gar

nichts angehen, die sich aber unaufhörlich durcheinanderschieben,--diese

grauenvolle Ahnung dessen, was Wahnsinn sei! In der Tat:

Hemmungsfortfall ist ja auch der Inhalt vieler Wahnsinnsformen, da die

gereizten und zur Überfunktion gepeitschten Ganglienzellen schließlich

alle Widerstände durchbrechen, die blinden Affekte und die Bocksprünge

im Geist, die geistigen Veitstänze beginnen.

In der schonenden Hülle, die die Hemmung um wachsende, junge Reiser der

sprossenden Hirnzellen zu legen vermag, in der heilsamen Fesselung, die

der überwiegende Widerstand unreifen Kapriolen junger Hirnkeime

entgegensetzt, wurzelt vielleicht der Trieb der Berauschungssucht bei

Tier und Mensch. Die Alkoholisten, die Morphinisten, die Opium- und

Haschischvertilger verschaffen sich künstlich diese Verschleierung des

Bewußtseins, den der gesunde Schlaf freiwillig gewährt, nicht nur, weil

es angenehm ist, die quälende Unruhe erregter Ganglienarbeit zu hemmen,

sondern auch, weil sie instinktiv fühlen, daß eine erhaltungsgemäße

Ausgleichstendenz in diesem erzwungenen Widerstand liegt.

Diese Anschauung von der auf Nervenspannung beruhenden, aktiven Ein- und

Ausschaltung der Hirnhemmung als Ursache des Schlafes macht uns auch die

atypischen Schlafformen viel begreiflicher, als sie es unter der

Ermüdungs- und Vergiftungstheorie sein konnten. Der Winterschlaf

gewisser Nager, der Tagschlaf gewisser Insekten und Vögel, die

pathologische Schlafsucht beim Menschen und die in einigen Grenzen

mögliche Verschiebung des natürlichen Schlaftypus (alle Sorten

Nachtwächter einbegriffen), sie alle werden verständlich, wenn wir sie

betrachten als verschobene Rhythmen einer aktiven Hemmung. Die

Intervalle des Wechsels von Hemmung und Aktion sind auf nervöser Bahn

nur zeitlich verstellt, soweit überhaupt noch ein Rhythmus erkennbar

ist; wo dieser aber ganz fehlt, wo entweder Aktion oder Hemmung allein

herrschen, da beginnt das Reich des Abnormen im Geiste, das ganz

natürlich in Krankheiten der Hemmungs- oder Aktionsorgane zu trennen

wäre, wie an jeder elektrischen Einrichtung Strom oder Hemmung defekt

sein können.

So ist der Schlaf also die Tätigkeit eines besonderen Organsystemes, der

Hemmung, die sich aus Blutumlauf, Isolationsmechanismen und

Nervenerregung zusammensetzt. Den verschiedensten Ursachen, der

Schaukelbewegung der Wiege, dem Reflex der Hypnose, der Wirkung der

Narkotika, gehorcht diese rätselhafte Funktion so lange, bis schließlich

die Hand des Todes zum letztenmal und dauernd die ewige Hemmung gleich

einem eisernen Vorhang vor unserer Existenz herabzieht. Darum scheint

der Schlaf als des Todes Bruder, weil er uns ahnen läßt, wie unsere

definitive Lebenshemmung sein wird. Was das Dunkel, das nur mit dem Tage

wechselt, an der Peripherie unserer Seele mit seinem Zauberschleier

wirkt, das vollendet einst die Nacht des Nirwana für immer. Heute

versenkt der Schlummer das Ich nur auf ein kleines Stückchen unter die

Oberfläche; es taucht ein wenig hinab in ein Meer, in dem noch die

kristallenen Gestaltungen des Traumlebens schweben; aber einst erstarrt

auch diese schwebende Flut das kalte Nichts zu Eis. Solange aber Wachen

und Schlaf mit Auf- und Niedergang der Sonne wechseln, haben wir

Gelegenheit, den vollen Frieden zu ahnen. Wir werden im Schlaf in eine

Sphäre gleichsam früherer Daseinsepochen zurückgezogen, sowohl unseres

persönlichen Seins wie des Seins der Menschheit. Schlaf ist Seelenleben

minus Situationsbewußtsein und ohne die Fähigkeit, die Umgebung logisch

mit unserem Geiste zu verknüpfen. Das gibt unserer Phantasie die

Möglichkeit, uns einen Teil des nur halb bewußten Tierlebens

vorzustellen, dessen Fesseln die immer sprossenden Zellen der

Fortentwicklung gesprengt haben und dereinst in späteren Geschlechtern

vielleicht zu noch höheren, wundervollen Bewußtseinsformen weiter

sprengen werden.

II.

Von der Seele · 第 5 / 18 段