Humoristischen: sie sind Zwillingsgeschwister der Bastardehe zwischen
Ideal und Real. Im Humor sehe ich eine subjektive oder objektive
_Gemütsverfassung_, die Komik ist ein subjektives oder objektives
_Mittel_, diese Gemütsspannung herbeizuführen. Mir will scheinen, daß
zur komischen Wirkung ein gewisser phlegmatisch-pedantischer Rhythmus
der Aktionen gehört, der diese dem Drolligen verwandte Wirkung ausübt.
Der gewissermaßen verhaltene, scheinbar unbekümmerte, unengagierte,
trockene Humor ist um so komischer, je gleichmäßiger und verhaltener
seine rhythmische Aktion nebst der ihn begleitenden Mimik gestaltet ist.
Er verzieht keine Miene, der Träger des trockenen Humors; eine beinahe
apathische Typizität seines Gesichtsausdruckes trägt dazu bei, den
Kontrast seiner realen Opposition gegen die Illusion auf rhythmischem,
Imitation erzwingendem, d.h. ansteckendem Wege zu verstärken. Man
betrachte daraufhin einmal aufmerksam unsere Komiker, Engels, Guthery,
Thomas, Alexander, Vollmer, Bendix. Bei allen ein ganz bestimmter
typischer Rhythmus ihrer Bewegungen, eine gewisse scheinbar unbeteiligte
Gleichförmigkeit und schalkhafte, absichtliche Lässigkeit ihres
Gesichtsausdruckes: hängende Mundwinkel, pedantische, schläfrige oder
närrisch verkniffene Augen, Mundspitzen, schlürfender, ziehender Gang,
schleppende oder besonders singende, meist monotone, typische Sprache im
Indifferenzton, dazu womöglich refrainartige, immer wiederkehrende
Gesten und sprichwortähnliche und scharf pointierte Satzbildung. Es ist
der besonders kontrastierende, gleichmäßige, scheinbar träge,
_pedantische Rhythmus, der die Komik macht_, auch beim Tappen des Bären,
bei den Bewegungen der Dickhäuter, bei denen wir eben wie beim passiv
oder aktiv komischen Menschen ein besonderes Phlegma, eine besondere
närrische Indolenz und langsame Leitung gegen die schnellen Reizwechsel
des Lebens vermuten. Sanguinische Tiere, die Katzen, die Hunde, die
Mäuse, nennen wir eher drollig, ihr schnellerer Rhythmus gibt ihrer
Komik etwas dem Schnippischen, dem Schalkhaften, dem Possierlichen
Verwandtes. Es kann also unstreitig der Rhythmus, in dem der Kontrast
sich kundgibt, die Formen des Humors modeln und färben. Entscheidender
aber ist für die Äußerungsweise der empfundenen oder dargestellten
Kontraststimmung dennoch das Temperament, weil ja auch der Rhythmus
geistiger Bewegung wesentlich vom Temperamente bestimmt ist. So wird der
Sanguiniker sich meist des schnell kontrastierbaren Wortwitzes bedienen,
wie auch der geistreiche Witz, das Aperçu, fast das ausschließliche
Mittel des Humors des sanguinischsten Volkes, der Franzosen, ist. Dem
Choleriker ist der Hohn, die Geißelung, die Ironie, die Satire das
Mittel der Kontrastierung; und die besondere Grazie der Spanier hat den
wundervollen Ritterhumor des Cervantes im Don Quixote gezeitigt, diesem
unverwüstlich ehernen Monument humoristisch-wehmütiger Weltanschauung.
Die sanfte Melancholie der Germanen äußert sich in dem einzigen,
herzenstiefen, gemütvoll sentimentalen Humor, dem wir die
überquellenden Labetränke aus den Meisterwerken eines Dickens, Reuter,
Gottfried Keller, Raabe und anderer verdanken. Heines gemischt
cholerisch-sentimentales Temperament zeitigte die poetischen
Blütensträuße, in denen Rosen um Dornenkronen geflochten sind,
darin wechselnd Tau- und Blutstropfen aufleuchten. Der Amerikaner,
dessen Seele nach großen Dimensionen hastet, erzeugte auch einen
phantastischen, großdimensionalen, exzentrischen Humor, der in Edgar
Poë, Mark Twain, Bret Harte die schöpferischen Organe erhalten hat.
Endlich führt der Lebensverzicht, die tiefe Resignation, zu einer Form
der _Kontrastierung des eigenen, reell verlorenen Daseins mit einer
bewußt ideellen, aber unlogischen Lebensbejahung_, zum _Galgenhumor_,
dessen Typus jener Verbrecher verkörpert, der, auf dem Karren zum
Schaffot geführt, der herbeiströmenden Menge zurief: "Kinder, lauft
nicht so: ehe ich nicht komme, geht es ja doch nicht los!" Hier ist der
Kontrast geradezu umgekehrt. Während sonst der Humorist tief innerlich
sein Leben bejaht und es doch in der Idee gleichsam spielend entwertet,
fühlt der arme Schacher sein Leben verloren und bejaht es spielend nur
in der Idee. Das ist typisch für jede Form von Galgenhumor.
In jedem Falle ist also der Humor eine angeborene Gabe der vielseitigen
Betrachtungsfähigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen, so verwandt der
Kunst, weil er, wie sie, des Rhythmus so dringend bedarf, Kunst aber
Rhythmus ist, verwandt der Philosophie, weil er, wie sie, die Wahrheit
über alles liebt, verwandt endlich und entsprungen aus dem tiefsten
Schachte des Gemütes, wo die Edelsteine Gerechtigkeit und Menschlichkeit
ihre ewigen Kristalle wahren. Der Humor ist ein unbestechlicher Richter,
er ist eine Majestät, die mit einem Worte dekretiert: es soll dem Rechte
freier Lauf gelassen werden; ein Henker, der den Betrügern den
Lügenflitter und die Maske vom Antlitz reißt, ein Evangelist, der es
versteht, die starren Formeln der sozialen Fragen selbst mit einem
Himmelslächeln zu lösen, und ein Tröster, der über alle Not Goldkörner
des reinen Gewissens und des unvernichtbaren Mutes der Persönlichkeit
streut. "Blankes Schwert erstarrt im Hiebe", wenn der Witz die Klinge
kreuzt; und für manches drohende Gewitter ward ein einziges Scherzwort
zu rechter Zeit schon oft ein Blitzableiter, der den blauen Himmel
heiterer Einigkeit herbeizauberte. Der Humor ist ein Erzieher des
Volkes, ein Dokument seines Gemütslebens, eine Schatzkammer des
Reichtumes seiner Seele.
SCHLAF UND TRAUM
I.
Wer auf ein Leben von siebenzig Jahren zurückzublicken das Glück
hat--das ist bekanntlich die stark optimistische Auffassung der Bibel
von der durchschnittlichen Dauer des menschlichen Daseins--, der macht
es sich wohl mit einiger Verwunderung klar, daß es mindestens
fünfundzwanzig Jahre waren, die er buchstäblich verschlafen hat,--selbst
wenn er die kummervollen Nächte, in denen die Sorge oder der Schmerz
neben ihm am Bettrand saß, oder auch die Nächte abrechnet, die er
weniger kummervoll als deutscher Student verlebte.
Man kann es den Studenten also eigentlich ebensowenig verargen wie
weiland Friedrich dem Großen, daß sie auf die freilich unhygienische
Idee gekommen sind, sich das Schlafen abzugewöhnen; scheinen doch auch
unsere Ministerien der Meinung zu sein, daß für festangestellte Beamte
der Schlaf eine Luxusfunktion bedeutet. Ja, der Staat verlangt von
Sicherheitsbeamten, Nachtwächtern, Telegraphisten, Lokomotivführern usw.
sogar, daß sie gefälligst ihren eigenen Kalender umstellen, die Nächte
zählen und die Tage aus ihrem Bewußtsein streichen, sich also gleichsam
zum Eulen- und Fledermausnaturell im Interesse des Ganzen umzubilden
versuchen. Das wäre eine grandiose Grausamkeit vom Staat und von der
Gesellschaft und ein sträflicher Leichtsinn der Jugend, die die Lust, zu
leben, durch Abzüge am Schlaf zu verlängern sinnt, wenn es nicht
tatsächlich sogar recht wohlgenährte Individuen in der Natur gäbe, die,
wie Raubvögel und Falter, aus Neigung und Naturbestimmung mit
heraufziehender Nacht erst zu leben beginnen. Freilich: für die
erdrückende Mehrzahl der Lebewesen ist die Sonne und das Licht und der
Mutterboden Erde, in Helligkeit und Farbe getaucht, der Tummelplatz für
den Kampf, Sieg und Untergang des Daseins, und der Schlaf ist im
allgemeinen die Anpassung des Organismus an den Untergang der Sonne; er
währt, so lange sie hinter den Bergen verweilt, und er schwindet mit
ihrem ersten östlichen Gruß, der schon vor unserem Erwachen die Hähne
veranlaßt, Trompetenstudien zu machen. Freilich: schon lange hat die
Kultur, die Jean Jacques Rousseau eine Mörderin der Elfen und Waldgötter
schelten durfte, erst durch Holzscheite und Pechfackeln, dann durch
Tranfunzel, Docht, Steinöl und Gas und jetzt durch das starre,
geisterhafte Licht der Glühbirnen und leuchtenden Strümpfe, deren Strahl
auf die Netzhaut wirkt wie ein Dolch (woran leider die Augenärzte
späterer Generationen noch einmal ihre Freude haben werden), dahin
gestrebt, die Sonne zu ersetzen und gleichsam zu verlängern,--wie man
eine kräftige Bowle oder eine Suppe zieht. Ja, selbst die Natürlichen,
die heute versuchen wollten, mit Sonnenuntergang sich niederzulegen,
würden von dem Lärm der auf künstliches Licht eingestellten Mitwelt
unsanft aufgerüttelt werden und, wenn sie sich bei Tagesanbruch erhöben,
in ihrem Hause wie des Begräbnisses unwürdige Bewohner von Vineta oder
Pompeji umherwandeln. Die Menschennatur hat einen Rhythmus von Ebbe und
Flut, wie das Meer, der Himmel, die Sterne und alles, was ist. Möglich,
daß dieser Rhythmus sich ändern läßt, daß wir uns allmählich anzupassen
vermögen an die künstlichen Quellen von Licht, aber man darf sich
nicht verwundern, wenn diese Anpassung nur auf dem Umwege von
Hypersensibilität und Neurasthenie erreichbar ist. Nervosität ist
vielleicht nur die Übergangsform--im Sinne Darwins--zu einer
künftigen Norm von bleichsüchtig-ätherischer, hypersensitiver
Weiße-Lilien-Menschheit, die ihren Daseinskampf in elektrisch
erleuchtete Höhlen verlegt hat; vielleicht sogar läßt sie sich vor
lauter Produktion überfeinerten und distinkten Nervenlebens noch einmal
am eigenen Lichte genügen, wie die entzückenden Glühwürmchen im Moose
oder die großen Laternenträger der Tropen. Man sollte meinen, daß die
Menschheit keinen Grund hätte, sich jenen Lebewesen anzureihen, deren
schwache Konstitution und federleichte Skelettformierung sie einst
abschob von der Chaussee des Lebens auf dunkle Waldwege, in Gräben und
Sümpfe, weil hier das Dunkel der Nacht sie ihren Feinden besser entzog,
wie Nachtinsekten, Käfer und Schmetterlinge; man sollte sich auch
scheuen, es jenen Dieben und Einbrechern in Wald und Flur nachzumachen,
den Eulen und Raubvögeln, die auf den Gedanken kamen, daß die Finsternis
ein trefflicher Mantel für lichtscheue Taten sei. Vorläufig aber bleibt
es hoffentlich dabei: für unser Planetensystem ist es die Sonne, die als
die Urheberin und Erhalterin alles Daseins, gleichsam als die letzte
Ursache und der Grund aller Dinge zu gelten hat, und sie bleibt die
Wirkerin des Lebens selbst in der periodischen Abkehrung der Erdzonen
von ihrem Antlitz. Die Nacht und ihr Weben ist nur das Nachwirken oder
der Rückprall der Sonnenmacht. Tatsächlich ist der Schlaf an ihr
Verschwinden gebunden, denn unsere Antipoden schlafen, wenn wir wachen,
und wachen, wenn wir schlafen. Periodisch also, wie die Sonne erscheint
und verscheint, so periodisch und rhythmisch pendelt das gesamte
organische Leben bei Pflanze und Tier zwischen Leben und Schlaf hin und
her. Denn daß auch Pflanzen eine Art Schlaf haben, kann als ausgemacht
gelten, obgleich es auch hier Lichttrotzer gibt, die ihr eigentliches
Leben erst nachts beginnen. Die Ärmsten! Sie begreifen nicht, wie sehr
sie doch im Banne der Strahlen sind, wenn sie erst erwachen können,
sobald das Licht verschwindet. Nun kann man sagen--und die Wissenschaft
wiederholt es zuweilen noch heute--: dasjenige, was uns Schlaf bringt,
hat mit der Sonne gar nichts zu tun. Der Schlaf sei ein Symptom der
Ermüdung, des periodischen Absinkens der Lebensenergie, ein passives
Zurückfluten der Lebenswelle; wie das Herz sich aktiv systolisch
zusammenzieht, die Atmung durch Rippenaktion eingeleitet wird, Diastole
und Ausatmung aber die passiven Phasen der vorangegangenen positiven
Aktionen darstellen, ebenso sei der Schlaf gleichsam die Diastole der
Nervenflut, eine Art Ausatmung des Seelenodems; er sei ein natürlicher,
rein passiver Vorgang der Ermattung, des Nachlassens der
Nervenspannungen. Ja, noch kühner ist die Wissenschaft (Preyer) gewesen;
man hat behauptet, es sei ein Gift, wie das Narkotikum des Mohns, ein
physiologisches, von der Natur gewolltes Opium, das in der Küche des
Muskelhaushaltes gerade infolge der Ermüdung jeder sich selbst bereite,
das sich allmählich ins Blut mische und schließlich uns einschläfre.
Welche sonderbare Anschauung: Selbstvergiftung, Muskelgift, periodische
Narkose! Dann hätte also das Sonnenlicht nur ganz zufällig mit Schlaf
und Wachen zu tun; und nur, weil wir am Tage unsere Muskeln gebrauchen
und damit das Fleischmilchsäuregift während des Sonnenlichtes
produzieren, hat scheinbar die Sonne direkten Einfluß auf den Rhythmus
von Schlaf und Wachen. Nun, abgesehen von der zweifelhaften Natur dieses
Muskelopiums--die Preyerschen Experimente brachten erstens keinen
Schlaf, sondern nur Vergiftungssymptome, und zweitens kann man diese dem
Schlaf ganz unähnlichen Zustände fast mit dem Extrakte jedes anderen
Organes, ja, sogar aus dem ganz untätigen Muskel des neugeborenen Tieres
herauspressen; sie beweisen eben nur, daß auch Muskelsäfte fremde
Beimengungen zum Blut sind,--abgesehen also von der hypothetischen Natur
dieses Schlafstoffes gibt es sehr schlagende Gegengründe gegen die
Möglichkeit einer solchen periodischen Ermüdungsvergiftung. Wie sollte
ein Tier mit Winterschlaf so sonderbare Giftkammern besitzen, um von
ihnen aus Monate lang sich selbst in Narkose zu erhalten, ohne daß für
diese Funktionen auch nur der Schatten eines Organes in seinem Leibe zu
finden ist? Wie sollte zum Beispiel die merkwürdige Narkose des
Hamster-Chloroforms zu deuten sein, die ohne jede Analogie in unserem
Wissen vom künstlichen Schlaf wäre und nur in der periodischen
Wiederkehr gewisser Wahnsinnsformen einen schwachen Analogiestützpunkt
gewinnen könnte? Wie aber sollte erst diese Narkose durch Selbstgift zu
verstehen sein bei der pathologischen Schlafsucht des Menschen, bei der
eine--dann doch notwendige--besondere Muskelaktion vor dem Anfall oder
während der Dauer des Schlafes noch niemand aufgefallen ist und bei der
ein besonderer Gehalt des Blutes an dieser Fleischmilchsäure in keinem
Falle bisher sich hat beobachten lassen? Wo produzieren Neugeborene, die
doch noch herzlich wenig mit Muskelkünsten zu paradieren pflegen, das
Muskelmorphium ihres lieblichen Dauerschlafes, der sich für unbefangene
Betrachter wahrlich eher wie ein Nachdauern süßen Himmelsfriedens, aus
dem die Seele niederstieg, ausnimmt als wie ein tiefer und zäher Kater,
der auf einen Sturm durchwachter Prügelnächte folgte, worauf allerdings
das Antlitz des eben einpassierten Mitbürgers mitunter hinzudeuten
scheint? Ist denn im Gegensatz zum Hindämmern des werdenden Menschleins
das unruhige Leben des Neurasthenikers oder des Greises, der hin und her
hastet in Lebensangst und Sorge, ein besonders mit Schlaf gesegnetes?
Läßt sich ernstlich behaupten, daß man, je mehr Muskelaktion man ausübt,
desto besser schlafe? Ist nicht gerade Überanstrengung das beste Mittel,
um gar nicht mehr zu schlafen? Erfreuen sich nicht umgekehrt gesunde
geistige Arbeiter eines ungestörten, tiefen Schlummers? Will man
behaupten, daß auch sie alle Gift produzieren? Die ganze
Ermüdungstheorie, die das Leben auffaßt wie ein Kautschukband, das man
hier und da abspannen muß, um es funktionstüchtig zu erhalten (wobei
noch nicht bewiesen ist, daß es dadurch dauernd elastischer bleibt), ist
meiner Meinung nach unhaltbar. Gerade die lebenswichtigsten und
festgegründetesten und wahrlich "beschäftigten" Organe, das Herz, die
Lungen, der Magen--diese eigentlichen Motoren unseres körperlichen und
seelischen Betriebes--entbehren des Schlafes gänzlich. Sie hämmern,
blasen und wühlen unbekümmert um Nacht und Tag und ermüden erst, wenn
das Schifflein strandet. Aber auch die Nervensubstanz selbst, die sich
vor allem erholen soll, ruht nicht aus. Allein schon die Existenz eines
Traumes, die Möglichkeit eines Bewußtseins im Traum spricht gegen die
absolute Ruhe des Nervensystems. Das, was wir Ermüdungsgefühl nennen,
kann sehr wohl das Gefühl gestörten Gleichgewichtes der wechselnden
Lebensbetätigung verschiedener Organsysteme sein, indem zum Beispiel
nach langen Märschen die so lange untätigen, den Muskelzentren nahe
benachbarten Intelligenzzentren nach Lebensbeschäftigung verlangen. Sie
wollen auch mittun, denn sie sind doch auch berechtigt, zu schwingen und
in Aktion zu treten. Wir sehen im Haushalt des Gehirnes immer nur ein
System ausgeschaltet und das andere eingeschaltet werden. Es könnte also
ebensogut das Gefühl der Ermüdung eine Vorstufe des Schmerzes sein, der
uns warnt, die Maschine nicht immer auf einem Rade laufen zu lassen, wie
ja so oft Schmerz und Unlustgefühle die Rolle der Signalwächter für
Störung und Gefahr übernehmen. Wo diese Wächter schweigen, wie bei
eigentlichen Geisteskrankheiten oder bei sportlichen Tollheiten
(Tagestouren der Radfahrer), da sehen wir die Ermüdung als etwas
Illusorisches ausbleiben. Geisteskranke leisten körperlich oft
physiologisch Unfaßbares an Muskelaktion, und vor der Ära der vier Tage
lang radelnden Dauerfahrer hätte man die Sache nach den Gesetzen der
Ermüdung für Hirngespinst gehalten. Freilich hat man auch noch nichts
von besonders produktiven Köpfen, die auf solchen Athletenschultern
säßen, gehört.
Ganz und gar keine Anwendung läßt aber die Hypothese von der Ermüdung
oder der Selbstvergiftung auf die Formen künstlichen Schlafes zu, die
uns die junge Kunst des Hypnotisierens gelehrt hat. Es müßte schon eine
sonderbare Ermüdung oder ein sonderbares Gift sein, die durch Streicheln
oder Anglotzen, mit mehr oder weniger "freundlichem" Zureden, die
Hirnganglien überfielen und ertränkten. Einer Mutter, der sorgsamsten
Beobachterin des Schlafes, wird sicher nicht beizubringen sein, daß ihr
summendes Singen und ihr Auf- und Abwiegen dem Kinde ein ermüdendes Gift
hinter die geschlossenen Lider schüttet. Wie nun, wenn man diese ganze
Theorie des Schlafes als eines passiven Vorganges, wie ihn die
Wissenschaft noch heute definiert, über Bord würfe? Sehen wir zunächst
zu, was die Physiologie über den Schlaf aussagt. Landois, wohl der
geistvollste und universellste Physiologe, spricht sich über den Schlaf
in den folgenden Sätzen aus: "Der Schlaf ist eine Phase der Periodizität
des tätigen und ruhenden Zustandes des Seelenorganes." "Es ist im Schlaf
eine verminderte Erregbarkeit des gesamten Nervensystems vorhanden."
"Der Schlafende gleicht einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln."
Auffallend ist, daß man bei diesen Grundsätzen über die Physiologie des
Schlafes so völlig vergessen hat, den Traum, als eine Funktion des
Schlafes, in die Definition miteinzubeziehen. Denn allein die
psychologische Tatsache des Traumes und seiner gewöhnlichsten
Erscheinungsformen hebt diese Anschauungen sämtlich auf. Der Schlaf kann
nicht die Periode des ruhigen Zustandes des Seelenorganes genannt
werden, denn es gibt Träume; Träume sind aber "Tätigkeiten" des
Seelenorganes. Im Schlaf ist ferner oft gerade eine erhöhte Erregbarkeit
des Nervensystems vorhanden, wie das Zittern und Beben des Organismus
unter unruhigen Träumen beweist. Außerdem ist die vorhandene
Erregbarkeit sämtlicher Nervenfunktionen im Schlafe leicht erweisbar.
Tue Salz auf die Zungenspitze eines Schlafenden, kitzle seine Nase,
bringe ein Licht in sein Zimmer: er wird mit der Zunge schmecken, die
Nase reiben, eventuell sogar niesen, sich in den Schatten drehen und
braucht dabei gar nicht zu erwachen. Aber selbst wenn er erwachte, so
wäre damit bewiesen, daß sein Nervensystem erregbar war, auch während er
schlief,--und es wäre doch schwer festzustellen, ob stärker oder
schwächer als vor- und nachher. Der Schlafende gleicht aber auch
keineswegs einem Wesen mit herausgeschnittenen Hirnkugeln, obwohl wir
leider keinem solchen Opfer der Wissenschaft mit einiger Aussicht auf
Erfolg diese Frage vorlegen könnten. Aber wir entnehmen gleichfalls aus
der Funktion des Traumes, die Ichbewußtsein, Seh-, Hörwahrnehmungen usw.
nicht ausschließt, daß die wesentlichen Teile des Hirnorganes, die
Ganglien der Hirnkugeln, in voller Tätigkeit sind. Ja, im Schlafwandeln,
einer Abart des Traumes, finden wir sogar bewußte und durch die
Erinnerung und Beobachtung rekonstruierbare Zweckmäßigkeitshandlungen,
die nur durch die Tätigkeit der "gleichsam herausgeschnittenen"
Hirnkugeln vermittelt sein können. Im Widerspruch mit diesen
Definitionen ist also im Schlaf etwas vorhanden, das ihn als etwas
durchaus Aktives aufzufassen gestattet. Jene Analogie mit der Ebbe, mit
der Diastole, mit der Ausatmung, mit dem periodischen Nachlassen
elastischer Spannung könnte durch eine Auffassung ersetzt werden, wonach
der Schlaf einträte, weil irgend etwas da ist, das eine Tarnkappe über
die Gangliensysteme zieht, das den Nervenmechanismus angreift wie der
Konterstrom einer elektrischen oder Dampfbremse, das sich über die
Äolsharfensaiten der Seele und ihre Milliarden schwingender Membranen
hinüberzieht wie ein vielgestaltiger Dämpfer, der die Töne erstickt, die
Flammen verglimmen macht, die Bewegung stillstehen heißt und die Welt
und ihre Umgebung zeitweise versinken läßt. _In Wirklichkeit ist der
Schlaf eine Form der aktiven Bewußtseinshemmung_. Wir wissen aber--und
das ist das Fruchtbare an dieser Betrachtungsweise--, daß Hemmungen,
Isolation, Ausschaltungen im Bewußtsein durchaus aktive Vorgänge, den
Nerventätigkeiten völlig gleichwertige Seelenfunktionen sind. Ja, wir
können sogar mit einigem Recht behaupten, daß ganz allgemein, biologisch
gesprochen, die Hemmung, der Widerstand die Bedeutung eines aktiven
Weltgesetzes hat, indem gerade sie das eigentlich Entscheidende für die
Formierung des überall vorhandenen und zur Betätigung drängenden Lebens
sein dürfte. Die unendlich wandelbaren Gestaltungen, die das Leben
hat, gewinnt es nur durch Nachlassen oder Verstärkung der ihm
gegenübergestellten Formen der Hemmung. Das Leben ist gleich einem
gegebenen Strom rätselhafter, jeder Anschmiegung fähiger Materie, es
quillt durch jede Fuge, jede Ritze in der Form dieser Lücke, und die
Hemmung gleicht einer krallenden, bildenden, vielfingrigen Faust: sie
erzwingt die Form. Das Leben hat nur Platz in dem Hohlraum, den ihm die
Widerstände lassen. Das ist ein Weltgesetz; und auch das komplizierte
System der seelischen Nerventätigkeit läßt es erkennen. Jeder
hat schon an sich die aktive Macht dieses Gesetzes erfahren: die
Abhängigkeit seines Willens von etwas anderem in ihm, seinem Wollen
Entgegengesetztem, die zwei Seelen in seiner Brust, die Stimme, die vom
Meere ruft, und das Glöcklein, das vom Kirchturm tönt und "Bleib
daheim!" läutet. Gott und Teufel, Weiß und Schwarz, Ich und Du, der
andere in mir, Lust und Abscheu--immer um so näher beieinander, je höher
die Wogen des Empfindens gehen--sie sind nicht auseinanderzureißen. Wie
ein Pendel seine Schwingungsweite innehält und um so höheren Ausschlag
gibt, je höher der Anhub war, so lauert die Hemmung, die Wellen der
Erregung ins Tal zu reißen. Kein Wunder, daß es so ist! Denn, rein
mechanisch gesprochen: die Aktion einer Mehrheit der Nervenganglien des
Gehirnes muß in dauernder Hemmung sein, und zu einer Zeit können nur
wenige Systeme in Aktion anklingen, gleichsam wie ja zu einer Zeit nur
eine Leitung meinem Telephon angeschlossen sein kann, die übrigen aber
abgesperrt sind. Ohne diese ewig wechselnde Ein- und Ausschaltung müßten
ja jeden Augenblick alle Ganglien in chaotischen Wellen durcheinander
schwingen. Wir finden also, daß wir in zeitlich nacheinander geordneten
Systemen nur deshalb denken können, weil uns im Augenblick immer nur
eine Bahn zum Denken von der Hemmung freigegeben ist. Was "die
Aufmerksamkeit konzentrieren" heißt, ist nichts als das Gefühl und
Bewußtsein davon, daß von der ewig schwankenden, Anschlüsse bald hier
erzwingenden, bald dort abdämpfenden Hemmung nur eine--die
Augenblicksempfindung vermittelnde--Bahn freigelassen ist. So ist also
der eigentliche Spiritus rector, _die Seele über der Seele_, nicht in
den Ganglien, die nur die Erregungselemente abgeben, zu suchen; und in
dem Mechanismus dieser Hemmung wäre das Prinzip zu erforschen, das
gleich immer wechselnden Registerzügen in der großen Hirnorgel bald
diesem, bald jenem System die Ventile öffnet, so daß der einströmende
Hauch des Lebens die fünfzehnhundert Millionen feiner Membranstimmen in
unfaßbar reicher Kombinationsmöglichkeit zu seelischen Akkorden
erklingen läßt. An einem Hause seien Millionen kleiner Glühlämpchen
angebracht, deren Drähte alle in eine stille Klause unter dem Dache
auslaufen. Hier sitzt ein Jemand, der das System der Hemmung in den
Händen hält. Er läßt Millionen Flämmchen erlöschen, und ein kleiner Rest
leuchtet: ein Namenszug strahlt in das Dunkel der Welt. Andere Systeme
werden geschlossen, andere freigelegt: ein Gruß, ein Willkommen, ein
ganzer Satz erstrahlt,--und so könnte der Ingenieur der Hemmungen unter
dem Dach gewiß jede Weisheit in farbigem Spiel aufleuchten lassen, falls
er den Strom seiner Batterien, der in alle Lämpchen zu fließen strebt,
zeitweise immer nur in einige eingelernte Bahnen zwingt und ihm die
anderen verschließt. So ist auch hinter unserer Stirn ein unendlich
kompliziertes System kleiner erregbarer Leuchtkörper ausgespannt, viel
zahlreicher als die Sterne am Himmel, die für uns auch nur aufflammen,
wenn das Licht des Tages sie nicht abblendet; die nur dann in ihren
spezifischen Energieformen erzittern, wenn die Hirnhemmung gerade ihre
Leitungen dem Strahl des Lebens freigibt. Diese Hirnhemmung hat nun
keineswegs gleiche, scheinbar willkürliche Macht über alle Formen
zentraler Hirn- und Seelentätigkeit; ihr wechselnder Einfluß nimmt mit
dem Entwicklungsalter der einzelnen Hirnpartie ab. In den instinktiven,
dem Bewußtsein ganz entzogenen Seelentätigkeiten, namentlich in
denen der Regulation von Herz- und Atmungstätigkeit, schwankt
die Hemmung nicht mehr; sie ist immer gegenwärtig, sie hat sich
selbsterhaltungsgemäß[1] herausgeprüft, welche koordinierten Bahnen das
Beste, Unabänderlichste für den Haushalt des Ganzen darstellen. So
werden auch unsere, heute nicht mehr bewußten Seelenhandlungen in
festen, definitiv und stets gleichmäßig gehemmten Bahnen reguliert, und
nur in den jüngsten Phasen des Bewußtseins tastet die Hemmung, gleichsam
nach Auswahl suchend, was wohl die beste, erhaltungsgemäße Lösung sei.
Die jüngste Entwicklungsphase eines seelischen Organismus ist gleichsam
stets sich selbst noch ein Problem, das nach definitiver, d.h.
instinktiver Lösung ringt.
Fußnote 1: Von Hauptmann treffend statt "instinktiv" eingeführter
Begriff.