Wir haben gesehen, daß die ursprüngliche Bedeutung der rhythmischen

Atmungsaktion, die wir Lachen nennen, auf einea fast gleichzeitigen

Anprall zweier direkt _entgegengesetzter Formen der Vorstellungen_ vom

Leben zurückzuführen sein dürfte: auf einen Strom der Lebensangst und

auf einen bald folgenden der Lebensfreude. Das "Nein" und "Ja" des

Lebens prallen so schnell aufeinander, sind zwei Motive so direkt

entgegengesetzter Art, daß sie, für den Augenblick unvereinbar, eine

Hemmung im Gebiet der Logik und Phantasie erfahren, diesen beiden Formen

geistiger Reflexion. Das ist ein elementares Ereignis, bei dem die Seele

keine Zeit hat, ihre registrierende Katasterarbeit zu vollziehen; sie

wird überrumpelt, verblüfft, Begriff und Wille gehen zum Teufel, und

gewohnheitsmäßig ist der Strom abgelenkt auf ein indifferentes

Muskelgebiet, das der Ausatmung. Das ist nun gewiß nicht mehr der Fall,

wenn wir heutzutage einen Kitzel verspüren, zu lachen. Unser Leben

erscheint weder bedroht noch besonders unterstützt, wenn ein

Schulmeister bei der Visite im Frack sich auf eine Sahnentorte setzt,

die die unvorsichtige Hausfrau auf einem Sessel stehen ließ, oder wenn

einem protzig gekleideten Gigerl, das beim Aufzug der Majestäten

durchaus sich in die erste Reihe drängen mußte, gerade im entscheidenden

Moment der Zylinder über Augen, Ohren und Nase aufgetrieben wird, oder

wenn der kleine, ganz preußische Hauptmannssohn die heikle Frage

aufwirft, "ob der liebe Gott bei der Kavallerie oder bei der Infanterie"

stehe oder ob er nur ein "einfacher" Mann (d.h. Zivilist) sei; auch

fühlen wir unser Leben weder in Gefahr noch in besonderer Sicherheit,

wenn wir bei Fritz Reuter lesen, daß ein unruhiger Schläfer die große

Zehe seines Mitschläfers für eine feine Havannazigarre hält,--und doch

liegt allen diesen unaufzählbaren Formen komischer Wirkungen eine

Spannung im Gehirn zugrunde, die wenigstens andeutungsweise einen

solchen Konflikt mit verblüffender Unlogik enthält, wie er in

deutlichster Form beim Kontrast von Lebensbejahung und Lebensverneinung

auftritt. Schon Kant hatte gefunden, daß der Humor im Kontrast wurzelt.

Aber mit Recht ist ihm eingewandt worden, daß schwarz und weiß, klein

und groß, trocken und naß an sich keineswegs zum Lachen reizen. Und

doch: unter Umständen kann der einfache Kontrast schon humorvoll wirken.

_Aber zum Kontrast muß noch etwas hinzukommen_. Vor zehn Jahren hat in

der Revue des deux mondes _Mélinand_ in einem Artikel "Pourquoi rit-on?"

hier für das Psychologische im Humor den treffendsten Ausdruck gefunden,

der, soweit ich sehen kann, alle Formen des Humors und des Komischen

umfaßt. Er sagt: Lachen erzeuge das, was, von der einen Seite

betrachtet, wunderbar, phantastisch, ungewohnt, illusionistisch, und von

der anderen Seite lange gewohnt, ganz natürlich, "familiär", alltäglich

sich präsentiere. Man kann diesen glücklichen Gedanken dahin

vervollständigen und ins Psychophysikalische übersetzen, daß erst dann

Kontraste Lachen erzeugen, wenn eine Idee mit einer Realität so in

plötzlichen Widerspruch gerät, daß sich beide an Reizstärke ihrer

psychischen Spannung ungefähr das Gleichgewicht halten. Ich meine, der

Beschauer einer komischen Situation und der Hörer einer komischen

Schilderung muß beide Wirkungen fast gleichzeitig empfinden, einmal, was

er sich bei einer Sache denkt, d.h. seine Idee oder die Idee, die ein

zweites Wesen repräsentiert oder zu repräsentieren sich bemüht, zweitens

muß er diese Idee plötzlich in ihr reales Gegenteil umschlagen fühlen.

Die Wirklichkeit oder die Vorstellung von der Wirklichkeit greift brutal

in eine eben erst empfundene, aufgedrungene oder selbstangesponnene

Illusion ein. Der ideell, illusionistisch erhobene, erhabene oder

überhebende Gedankengang, außer uns oder in uns erzeugt, schlägt in

verblüffender Gegenlogik in seine direkt verneinende und zwar ebenso

plötzlich überzeugende Kehrseite um. Dabei werden zwei Spannungen

ziemlich gleichzeitig im Gehirn mit gleich starker assoziativer Kraft

erregt: die eine ist eine scheinbar ideale, illusionistische, aber

unhemmbar aufsuggerierte im Reiche der Phantasietätigkeit des Gehirns,

die zweite, gleichsam elektrische Gegenladung erfolgt aus den Quellen

unmittelbarer Wahrnehmung, blitzschneller erfahrungsgemäßer Reflexion.

Beides trifft zusammen: es findet _eine Knickung, eine Kreuzung der

Assoziation statt_, beide Spannungen kontrastieren so elementar

unlogisch, daß die plötzliche Dupiertheit unserer Logik, das ruhig und

vorsichtig arbeitende Gehirn es schnell abweist, die beiden Motive etwa

logisch zu vereinen oder eine konsequente Handlung resultieren zu

lassen; die Doppelspannung erzeugt ein Gefühl hilfloser Erregung, die

gewohnheitsmäßig und instinktiv auf den entwicklungsgeschichtlich

eingeschleiften Bahnen periodischer Zwerchfellstöße entladen wird. Diese

Bahnen sind eben die dem Atmungszentrum assoziierten und koordinierten,

und zwar deshalb, weil ursprünglich das Zusammenprallen von Nein und Ja

des Lebens instinktiv auf den Atmungsbahnen, in dem schnellen

Herbeischaffen und Auslassen wehrkräftiger Atmungsluft Hilfe sucht. Das

tiefe Inspirieren bei der Gefahr ist zweckgemäß und das stoßweise

Entladen der Lungen eine natürliche Konsequenz, wenn die Gefahr

plötzlich entwich. Bei der überrumpelnden Logiklosigkeit und bei der

plötzlichen Kontrastierung der Humor erzeugenden Motive kommt die

Gehirnfunktion in dynamisch ähnliche, wenn auch für die Erhaltung des

Individuums gleichgültige Zickzackvibrationen wie im Momente der Gefahr.

Uns kann also nicht wundernehmen, wenn der Ausweg, den der

Hirnmechanismus für seine Stellungnahme gegenüber einer Bedrohung fand,

auch für die funktionell verwandten Zustände, Schütteln beim Frost und

Duschen und Kitzeln, beim Gähnen und Lachen beibehalten ist. Der

Kontrastierung einer ideell-illusionistischen und einer entgegengesetzt

realen Vorstellung, die das Gehirn unmöglich zugleich verarbeiten kann,

diesem Schnippchen, das ihm beide extrem-möglichen Seiten des Lebens

gleichzeitig schlagen, kann es nur ausweichend begegnen; es befreit sich

von der harten Nuß, von dem logischen Vexierpulver, das es nicht

verdauen kann, indem es den ganzen Krempel auf den Lastträger Zwerchfell

ablädt: mag er sehen, wie er damit fertig wird. Während dieser geduldige

Entlader das Gehirn befreit, erzeugt sich in der Seele ein

unbeschreiblich wohliges Gefühl der erleichterten Klarheit und

Heiterkeit: das ein herzhaftes Lachen begleitende kannibalische

Dickhäutergefühl. So kann schwarz und weiß als Kontrast komisch wirken,

wenn zwischen eine Schar die Idee der Würde aufnötigender schwarzer

Priester plötzlich ein feister, weißer Kuchenbäcker in gleichem Tritt

sich mengt; so kann der Kontrast von feucht und trocken, klein und groß

humoristisch sein, wenn unter dem Ausruf "Gott sei Dank, daß wir im

Trocknen sind!" jemand in einen Waschkübel stolpert oder wenn mit einer

Riesenbulldogge ein winziges Schoßhündchen trippelnd Schritt zu halten

sich vergeblich bemüht.

So erscheint uns also der Humor im allgemeinen Sinne als eine besondere

Disposition zu gleichzeitiger Betrachtung der Welt und ihrer

Erscheinungen von zwei Seiten. Der humorvolle Mensch hat die Fähigkeit,

überraschend schnell und überraschend suggestiv die zwei Seiten jedes

Dinges aufzuspüren und die Janusköpfigkeit alles Irdischen vor aller

Blicken zu offenbaren. Damit suggeriert er ihnen einen eigenen Zustand

elementar frappierender und glaubhafter Logiklosigkeit, den auch der

Zuschauer oder Zuhörer nur auf dem Wege des ja so ansteckenden

Gelächters loswerden kann. So ist denn der Humor auch gleichzeitig eine

Weltanschauung, die unbesiegbar erscheint. Sie ist voraussetzungslos,

durch nichts kaptivierbar, unbestechlich und erbarmungslos und fast ohne

Irrtum, denn es gibt schlechterdings keine noch so ideale Erscheinung,

die nicht durch die Blitzphotographie ihrer kontrastierenden Realität

zugedeckt werden könnte, und es gibt keinen noch so realen Vorgang, den

nicht der Zauberstab der Phantasie des letzten Erdenrestes entkleiden

und in reinlichen Asbest hüllen könnte. Darum ist vom Erhabenen zum

Lächerlichen der Schritt so klein, weil, je höher der Kothurn steigt, um

so leichter ihm ein Bein zu stellen ist. Aber umgekehrt vermag auch im

Lächerlichsten noch sich das Erhabene zu bekunden.

Darum gehört zum Humor solche ungemessene Dosis Phantasie, weil diese

Himmelsgöttin ja auf dem schmalen Pfade der Ideen ebenso sicher wandelt

wie auf der Heerstraße der Trivialitäten. An einer absolut realen Sache,

an einer allgemein gültigen Wahrheit schnell ihre Unzulänglichkeit in

kühner Verallgemeinerung nachzuweisen, dazu gehört ebenso Phantasie wie

dazu, eine gespreizte Idealität im Handumdrehen vor den verzerrenden

Spiegel der Realität zu stellen. Der Humor wirft der Idealität einen

Knüppel von realem Holz zwischen die Beine, sie muß stolpern und damit

die Menschlichkeit ihres Beinwerkes selbst widerwillig erweisen. Das

Ideal steht auf einem Faß mit dünnem Deckel: ein leiser Fußtritt der

Realität, und der Götze liegt im Waschfaß. Die Idee ist eine

Seifenblase: ein Sandkorn Wahrheit läßt sie platzen. Warum tat sie auch

so schön und erhaben, dies blutleere, zimperliche Ding! Aber auch das

noch so Reale, Handgreifliche steht auf schwachen Füßen gegenüber

der Kühnheit von Philosophen wie Kant oder Nietzsche, die

unsere Wahrnehmungen schon als eine Halluzination und unsere

Diesseitsgültigkeit in Jenseitsnebel aufzulösen vermögen. Der echte

Humorist ist immer interessant, weil immer unberechenbar. Nur der kann

Humor empfinden oder erregen, der imstande ist, dies doppelte Gesicht

gleichzeitig zu haben oder zu verleihen; der Humorist verborgt Brillen

mit einem ideellen und einem realen Glase. Die einseitige, durch

Vorurteil und Sonderinteresse kaptivierte, stets logische und nur

vernünftige Betrachtungsweise der Welt ist die des Philisters; sie ist

langweilig und automatenhaft. Humor ist eine Gabe, die angeboren sein

muß, weil eine Doppelfunktion der Seele ihm zugehört. Die phantasievolle

Anschauungsweise der Vollmenschen ist vielseitig und mit Humor getränkt.

Die Vernunft an sich und die Weisheit ist aus Stein oder Erz, Blut und

Leben pulst der Humor erst in ihre starren Züge. Der geistvolle Narr und

der lachende, weinselige Weise haben mehr Erkenntnis in die Welt

gebracht als alle Schulphilosophen zusammen genommen. Sie sind ja doch

nie wirklich zu vereinigen, diese beiden Wagschalen des Lebens, das

Reale und das Ideale, nur an den schwanken Hebelarmen der Phantasie

lassen sie das Leben wägen und seinen wahren Wert bestimmen. Und welche

Quelle rein physischen Gesundheitsgefühles liegt in der Freude aus

Herzensgrund! Ich halte die Komödie direkt für hygienischer als die

Tragödie. Jene entlädt mein Gehirn von Sorgenwust und Tagesplage, diese

fügt zum Problem meines eigenen Lebens noch das des fremden Geschickes.

Gerade in diesem herrlichen Gefühl erhöhter Lebenslust beim Lachen liegt

übrigens ein Hinweis auf die atavistische, früher um Lebensbejahung und

-verneinung rotierende Bedeutung des Lachens. Von jeher sind die Bahnen,

auf denen sich das Gelächter auslöst, assoziiert mit dem positiven

Gefühl gesteigerter und vermehrter Lebensfreude.

Für das Verständnis der einzelnen Formen des Humors ist zu

bemerken, daß der Strom von Licht, der sich aus der Doppellaterne

humoristischer Lebensbeleuchtung ergießt, in gar verschiedenen

Medien seelischer Grundstimmung gebrochen werden kann, so sehr

auch im einzelnen die Tatsache der Kontrastierung von zwei

Phantasie- und Wirklichkeitsströmen, dieser _Assoziationsknick im

Gehirn_, dieser knorrige Ast, gegen den die Säge der Logik

aufkreischt, sich überall nachweisen lassen muß, wenn anders

unsere Definition von dem gleichzeitigen Anprall kontrastierender

Doppelvorstellungen Überzeugungskraft haben soll. Allerdings muß

dabei festgehalten werden, daß jede humoristische Spannung der Seele

entwicklungsgeschichtlich im Gefühl der eigenen Lebensbejahung

wurzelt. So sind denn in der Tat manche Formen humoristischer

Stimmung nichts als die Äußerungen des Gefühles einer Überlegenheit

über andere. Die Schadenfreude ist deshalb die reinste Freude, weil

mein eigenes Unversehrtheitsgefühl im stärksten Kontrast zu der

unbestimmt sympathischen Ahnung steht, daß auch ich unter gleichen

Bedingungen hätte meinen Rock mir zerreißen, meinen Hut aufbeulen

lassen, meinen Heller verlieren müssen. Allerdings wirkt auch

hier der Kontrast um so sicherer auch auf andere suggestiv Heiterkeit

erregend, wenn die besondere vom Geschädigten prätendierte Form seiner

künstlich aufgebauschten Erscheinung etwas wie eine feindliche

Gegenstimmung von vornherein aufkommen läßt. Dann gönnt man dem

Prätendenten eines angemaßten Thrones so recht von Herzen den

Zusammenbruch seines Pappsessels. Hier liegt der Schadenfreude oft ein

Gefühl für humane Gerechtigkeit und Gleichheit zugrunde; sehr oft ist

eben Schadenfreude direkt durch prätentiöse, egoistische Aufgeblasenheit

und Breitmacherei herausgefordert. Auch hier führt der Humorist zur

Zertrümmerung einer gespreizten Illusion einen Hammerschlag gegen die

Idee: der Stahl der Realität trifft die helle Glasglocke, daß die

Splitter fliegen. Bei anderen Formen des Humors wieder ist von den

ursprünglichen Empfindungen von Ja und Nein des Lebens nichts als nur

noch das _überraschend Unlogische_ übrig geblieben: so sehr hat sich die

Funktion des Lachens von ihrem ursprünglichen Vollwert entfernt. So

losgelöst, gibt es natürlich tausend Varianten desselben Themas. Ich

will versuchen, diese Variationen des überraschend Unlogischen zu

formulieren.

Zunächst kann der _Assoziationsknick_ einzig und allein _durch ein Wort_

erregt werden. Die roheste Form dieses vorzüglich auf überraschende

Logiklosigkeit, springende Doppelbeziehungen angewiesenen Humors ist

die Sucht, zu kalauern. In feinerem Sinne ferner das Wortspiel, das

Bonmot. Immer wird hier ein Wort, ein Begriff unter falscher Maske

eingeführt und plötzlich die Maske rückwärtsgedreht, dann ist die

Doppelphysiognomie bemerkbar. Hier sind natürlich Synonyma und

erzwungener Gleichlaut, wie "Heils- und Heulsarmee", die Träger

besonders frappierender Unlogik oder die raffinierten Verhüller

scheußlicher Trivialitäten. Der Schmerz heuchelnde Wehruf bei solchen

Kalauern beweist, daß bei dieser Form von Logik eine kleine Verrenkung,

eine Knickung im Denkapparat vollzogen wird, was man den Kennern

Berliner Gepflogenheiten, glaube ich, nicht näher auseinanderzusetzen

nötig hat. Übrigens ist es geradezu verhängnisvoll, wenn jemand sein

Gehirn auf diese Wortantithese dressiert und sich zu einer Art geistigen

Jongleurs oder Schlangenmenschen ausbildet. Das kann förmlich zu einer

Kalauermanie, einer leider verbreiteten Form von Geisteskrankheit,

ausarten.

Wird der _Kontrast durch ganze Sätze_ ausgedrückt, so erhalten wir die

Antithese, das Paradox, die Aphorismen, das Aperçu. Auch hier werden

logisch unvereinbare Dinge mit verblüffender Sicherheit in gegenseitigen

Kontrast gestellt. Die Fliegenden Blätter enthalten eine Fundgrube

solcher Weisheitssprüche in Form kontrastierender Antithesen. Wer sie

sammelte, könnte ein Weisheitsbuch herausgeben. Besondere Kontraste

entstehen, wenn rein syntaktisch ein Satz anders konstruiert wird, als

er in unser aller Bewußtsein ursprünglich lautete: "Lerne zu! Leyden!"

(Lerne zu leiden!) Hierher gehören auch die fürchterlichen Imperative:

"Kaiser Wilhelm! Denk' mal!" "Platz! Vor dem Opernhause!" Es ist aber

doch ein Beweis für die Aufsuggerierbarkeit rhythmischer Antithesen, daß

man solches Zeug nicht hören kann, ohne wenigstens zu lächeln. Der

Kontrast ist erzwungen im Gehirn,--man kann ihn nicht abwehren, gerade

so wenig, wie man den Lichtstrahl hemmen kann, wenn er einmal die

Netzhaut getroffen hat. Wird die _Kontraststimmung_ erzwungen durch

_raffiniertere und behutsamere Irreführung der Logik_, so wird, wie in

der Anekdote, der humoristischen Erzählung, künstlich die Phantasie in

eine Sackgasse gelockt, ein historisches Kolorit aufsuggeriert,--und

plötzlich gelangt der Zuhörer an den Assoziationsknick, an die

Gedankengabelung, weil der Erzähler mit plötzlichem Ruck der

elektrischen Bahn den Gegenstrom gibt. Dabei kann dann die Anekdote

sowohl im Wortwitz wie im Satzwitz enden, d.h. der Kontrast kann durch

einen Doppelsinn eines Begriffes oder durch doppelte Satzauffassung

bedingt sein.

Es ist nur natürlich, daß die obszönen Witze hier eine hervorragende

Stellung haben. Ich gebe gern zu, daß diese Witze manchmal von

besonderer Trefflichkeit sind. Das kommt aber daher, daß die prüde

Verhüllung aller, auch der natürlichen und an sich nicht obszönen

Realitäten es dem Spötter so leicht macht, die _Idee der guten Sitte_

und das _Bedürfnis der Natur_ in eine Art sensationeller, rasch

überrumpelnder Konflikte zu bringen. Die schlimmste Art ist natürlich

die Zote, bei der es nur auf obszöne Kontrastierung von

Einzelvorstellungen ankommt, während ein fein sexualistischer Kontrast

auch den sensitivsten Geistern durch zierlichste Sinnverschlingung

Heiterkeit zu erregen vermag. Wir schmunzeln mit Sympathie: die da

gezeigten Menschlichkeiten sind ja auch die unseren. Aber diese Dinge

müssen, um wahrhaft humoristisch wirken zu können, doch einen dezenten

und fein umschleierten, intimen Charakter tragen. Übrigens gibt es

durchaus sentimentale und cholerische Formen dieser Kontrastierung von

Prüderie und Naturbestimmung, wie der französische Sexualismus (Zola,

Maupassant) und der Satanismus beweisen, aus denen oft ein gerechter

Zorn gegen die kulturelle Verkümmerung und Verschnürung menschlicher

Natürlichkeiten und gegen die gesellschaftliche Fesselung des

Naturrechtes aufflammt.

Wird nun der _Kontrast zweier Weltanschauungen_ dauernd von dem

Humoristen festgehalten und dauernd dem Hörer oder Leser aufsuggeriert,

so gelangen wir zur humoristischen Novelle, zum humoristischen Roman,

zum Lustspiel. Unbedingt gehört auch hier zur Humorwirkung immer das

Überraschende, Plötzliche, Unerwartete, um eine Lachstimmung zu

erzeugen; denn der Konflikt der Ideen allein kann ebensogut zu Tragik

oder zum Problem wie zur Humoreske verwandt werden, erst die Art der

Behandlung ergibt die Variante: die Tragik erörtert langsam und

unerbittlich logisch auf beiden Seiten konsequent die widerstreitenden

Ideen, sie erweist sie beide als berechtigt und läßt die eine oder die

andere Weltanschauung scheitern; das Problemstück kommt überhaupt zu

keiner definitiven Entscheidung, sondern zu einem Fragezeichen; die

Humoreske läßt plötzlich in überraschender Weise das Ideale am Felsen

alltäglicher Vernünftigkeit zerschellen. Man erinnere sich nur, wie im

Don Quixote die kranke ritterherrliche Illusion stets an der

Mehlsack-Feistigkeit des kerngesunden Sancho zergehen muß wie die Butter

an der Sonne und wie bei Goethe die sentimentale, weichliche

Wolkenlangerei des Dr. Faust von der zynisch-grandiosen Sicherheit des

Teufels zerzaust wird. Für den künstlerischen Humor, d.h. für die aktive

Erzeugung humoristischer Stimmung, ist der Besitz des Musenkusses

unerläßlich. Jeder große Humorist ist auch ein großer Dichter. Die

dichterische Erzeugung des Humors ist eins mit einer großen, frei

schaltenden und waltenden Phantasie, die im Reich des Realen ebensogut

zu Hause ist wie auf den Gletscherhöhen des Idealen. "Wurzelnd mit

festen, markigen Knochen auf der wohlgegründeten, dauernden Erde", darf

nur eine solche Phantasie es sich erlauben, neugierig ihr Lockenhaupt in

die Wolken zu strecken, um es zum Totlachen komisch zu finden, daß auch

jenseits von Gut und Böse nur mit Wasser gekocht wird. Der die

humoristischen Gestalten produzierende Mimiker bedarf neben einer dem

Dichter kongenialen Phantasie einer stark physisch wirkenden

Suggestionsfähigkeit: er muß sein können, was er scheint. Versagt dem

Dichter oder dem Mimen die Fähigkeit, ihre innere Anschaung zu

suggerieren, so verfallen sie dem _passiven Humor_, der tragische Seiten

hat. Ihm verfällt auch jedes ernste Wollen, wenn dem prätentiösen Anlauf

die Unzulänglichkeit des Menschlichen unvermutet und plötzlich ein Bein

stellt ... Ich muß leider darauf verzichten, an dieser Stelle näher

auseinanderzusetzen, in welcher Weise das Humoristische allein in dem

Medium der Situationen vielstrahlig gebrochen werden kann. Die

_Situationskomik_ nimmt ja den breitesten Raum auf den Brettern der

Bühne ein, und es ist jedem Theaterbesucher nun gewiß leicht, in jedem

Falle nachzuweisen, warum diese oder jene Situation humoristische

Stimmungen erzeugt, warum ein Lächeln mit prasselnden Lachsalven von oft

lawinenähnlicher, elementarer Gewalt wechselt. Je schärfer und

plötzlicher kontrastiert von Dichtung und Regie die Situationen

herausgearbeitet, je weiter die Funkenkonduktoren durch gespaltene

Phantasietätigkeit voneinander gesperrt sind, um so sicherer wird die

Katastrophe im Schachte der unterminierten Logik herbeigeführt und um so

energischer wird der induzierte Energiestrom auf die Telegraphendrähte

zum Ministerium der Heiterkeit abgelenkt. Irrtum, Verwechselung,

Täuschung, Vermummung, Verstellung sind hier die fast schon

farbenblassen Requisiten, die aber an einer gewissen Unsterblichkeit zu

leiden scheinen. Die Operette und komische Oper mit ihrem Liebeshumor,

dem graziösen Schäferspiel, die Posse und der Schwank, die sich die

gewagtesten Situationen erlauben dürfen, bis hinauf zum echten

_Lustspiel, das die reale Wahrheit einer sozialen oder individuellen

Idee in Kontrast mit den schiefen, egoistischen Gesellschaftstrieben zu

stellen versucht_: sie alle fristen ihr Leben nur, wenn sie im Einzelnen

wie im Ganzen Bewußtsein, Wahrnehmung, Phantasie, Reflexion zu

fortwährenden gegenseitigen Bocksprüngen zu zwingen vermögen. Eine

richtige Burleske mutet uns geradezu eine geistige Zickzackepilepsie der

wechselndsten, plötzlichen Ein- und Ausschaltungen unserer Phantasie zu,

so daß uns die kontrastierenden Ideen im Schädel herumfliegen wie die

Erbsen in einem geschüttelten Topf. Übrigens will ich nicht vergessen,

zu erwähnen, daß im gewöhnlichen Leben gerade bei der sentimentalsten

Gemütsverfassung, bei feierlichen, ja der Trauer geweihten Situationen

der Humor, dieser Dieb aller Würde, einen wahren Einbruch in das

Allerheiligste unserer Vorstellungen wagen darf. Es war unbegreiflich

komisch, als meine Großtante am Sarge einer Verwandten bei einem

Rührungskollaps aller Anwesenden statt des Taschentuches eine in der

Eile eingesteckte Nachtmütze aus ihrem weitfaltigen Kleide zog, um sich

damit die Tränen zu trocknen. Es war von rührender Komik, als ein

treuer, greiser Ehegatte, dem seine gute Alte gestorben war, ans Bett

der Leiche eine Riesenkaffeetasse brachte und diese leider zwecklose

Handlung also motivierte: "Ich hab'n ihr nun zwanzig Jahre jeden Morgen

so ans Bett getragen, nun kanns schon noch drei Tage so bleiben!" Das

ist eine Form von Humor, die an melancholischen oder _Galgenhumor_

streift. Sicher ist, daß Feierlichkeiten der prunkvollen Trauer leicht

umspringende, humoristische, spöttische, komische Gegenströme

freimachen, die oft einen besonders explosiven Charakter aus gespannter

Kontrastierung erhalten können. Es ist nicht schön, aber wahr, daß die

Menschen niemals so ausgelassen zu werden geneigt sind wie nach einer

großen Beerdigung, und die rohe Sitte der Schmausereien nach solchen

Akten beweist nur diesen realistischen Lebensbetätigungstrieb selbst

angesichts des Todes, der mit zu Tische sitzt.

Diesen objektiven Schattierungen der humoristischen Kontraste durch

Sprache, Personen und Situationen reiht sich nun die Nuancierung an, die

der Humor erfährt durch die vielstrahlige _Brechung an der psychischen

Disposition des Individuums oder einer ganzen Rasse_, durch das Prisma

des Temperamentes. Ich kann hier nur skizzieren, daß vom Wesen des

Temperamentes dessen, auf den unsere Kontraste von Idee und Realität

wirken, eine jede der besonderen Formen des Humors: Komik,

Possierlichkeit, Hohn, Geißelung, Ironie, Satire, Spott, Witz,

Schalkhaftigkeit, Grazie, Galgenhumor, Drolligkeit, komische

Exzentrizität, direkt abhängig sind. Je nachdem ein Individuum von

sanguinischem, cholerischem, phlegmatischem, melancholischem,

resigniertem, pedantischem, nervösem, phantastischem Grundtemperament

ist, je nachdem in einem Volke dieses oder jenes Temperament

vorherrscht: in zwingend paralleler Weise äußert sich auch sein Humor in

besonders wohlcharakterisierten Formen, wobei natürlich, wie bei den

Temperamenten, die Übergänge und verwandte Dispositionen eine

Kombinationen-und Variationenreihe völlig unbegrenzter Buntscheckigkeit

zuläßt. Auch muß bemerkt werden, daß auch bei derselben Person die

Grundbestimmungen variieren; wir haben nicht immer ein gleichwinkliges

Prisma, nicht immer eine gleichmäßige Grunddisposition in unserem Gemüt;

wir können eben noch phlegmatisch sein: im nächsten Augenblick macht uns

ein Reiz sanguinisch oder cholerisch; oder unsere Morgenmelancholie und

unsern Aufstehpessimismus stimmt ein Täßchen Kaffe, ein Gläschen Kognak

zu beweglicherem Optimismus; und wieder ein anderes Mal treffen die

Komplementärfarben der beiden Weltbilder auf ein Eisprisma von Indolenz,

Phlegma und Resignation.

Von der Seele · 第 3 / 18 段